Vergebung ist ein Wunder
22. April 2010 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Comments Off
Von Schuld, Vergebung und der Gabe des Vergebenkönnens
Zu groß ist meine Schuld, um sie zu tragen«, klagt Kain, nachdem er seinen Bruder Abel erschlagen hat. Dass Kain die Schuld des Brudermordes vergeben wird – davon spricht die Bibel nicht. Aber Gott macht Kain diese ungeheure Last erträglich. Kain wird gezeichnet sein, aber eben dieses Zeichen, das Kainsmal, hält ihn am Leben, bewahrt ihn vor den Bluträchern und davor, an seiner Schuld zugrunde zu gehen.Schuld ist eine schwere Bürde, die nicht einfach im Handumdrehen aus der Welt geschafft werden kann, als sei es menschenmöglich, ungeschehen zu machen, was wir getan haben, als könnten wir gar den zugefügten Schaden wiedergutmachen. Schuld ertragen, sie aber nicht nachtragen; Schuld aushalten, sie aber nicht vorhalten – wenn ein solcher Umgang mit Schuld möglich ist, dann ist ein wichtiger Schritt getan. Dann braucht Schuld weder geleugnet noch verharmlost werden, dann sind die Bemühungen um Selbstentschuldigung und die Suche nach einem Sündenbock fehl am Platz. Und gleichzeitig wird es unmöglich, einen Menschen gnadenlos mit seinem Unrecht zu identifizieren oder ihn wegen seiner Schuld für immer abzuschreiben.
Auch Vergebung löscht die Schuld nicht aus und macht das Getane oder Versäumte nicht rückgängig. Aber sie ermöglicht es, dass Menschen nicht auf Dauer bestimmt bleiben von dem Unrecht, das sie begangen haben, dass ihr Leben nicht zur Folge einer einzigen Tat zusammenschrumpft. Vergebung ist, so hat es die Philosophin Hannah Arendt formuliert, Entbindung. Der Neuanfang, den die Vergebung schenkt, kommt dem Wunder der Geburt gleich – mitten im Leben.
Doch was lässt sich vergeben? Die alltäglichen Versehen, die uns unterlaufen, weil wir Menschen sind und als solche fehlbar? Ja, die gewiss, denn das hätte mir ja auch passieren können: »Sorry, tut mir leid!« Aber wie steht es um Vergehen, bei denen Menschen an Leib und Seele zu Schaden kommen? Wie gar um Verbrechen, die zu beschreiben uns die Worte fehlen? Sind sie vergebbar?
Zum 65. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald wird besonders der Kinder gedacht, die in Buchenwald gequält und getötet worden sind. Gibt es größere Schuld, als sich an Kindern zu vergehen?! »Wenn ich an die Kinder denke … wenn ich an die Kinder denke, muss ich weinen. Ich erinnere mich an die Kinder (…), die einfach so, still und brav, ohne zu schreien, ohne zu klagen, in den Tod gingen. Ich frage mich, wie sie das tun konnten. Weißt du, Jorge, ich hoffe, dass ihren Mördern niemals verziehen wird. Ich will nicht, dass Gott ihnen verzeiht, was sie den Kindern angetan haben. Niemals.« Ich lese diese Sätze aus einem Gespräch zwischen Jorge Semprun und Elie Wiesel, beide ehemalige Häftlinge in Buchenwald, mit großem Respekt – und zugleich tief erschrocken. Denn sie weisen auf den Missbrauch der Vergebung hin. Sie erheben Einspruch gegen die Forderung, alles und immer vergeben zu müssen, und gegen eine Praxis, die allzu schnell den Zuspruch der Vergebung Gottes parat hält.
Jenseits von Vergebungszwang und Vergebungsautomatismus, ist die Langsamkeit der Vergebung zu würdigen. Es ist zu respektieren, wenn die Bitte um Vergebung unerhört bleibt oder zurückgewiesen wird. Es ist auszuhalten, dass Menschen Zeit brauchen, um vergeben zu können, und dass dafür oft dieses eine Leben nicht ausreicht. Vergebung ist nicht der alltägliche Normalfall des Umgangs mit Schuld. Sie ist und bleibt ein Wunder. Als solches speist sie sich aus der Hoffnung, dass Gott einst alle, Opfer wie Täter, aber je auf andere Weise, zurechtbringen wird, um so allererst den Weg der Vergebung und Versöhnung freizumachen.
Dass Gott nicht über die Köpfe der Opfer hinweg den Tätern und Täterinnen vergebe, sondern dass er einst beide heilsam verwandle, damit die einen um Vergebung bitten und die anderen sie gewähren können – das ist meine Hoffnung. Bis dies geschieht, können wir nur bitten: »Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.« Die fünfte Vaterunserbitte nimmt die zwischenmenschliche Vergebung ins Gebet und macht damit deutlich: Nicht nur die Vergebung, auch das Vergebenkönnen ist Gabe. Über sie verfügen wir nicht und sie dürfen wir darum bei anderen auch nicht einklagen. Diese Gabe können wir uns nur schenken lassen. Vor allem aber müssen wir darauf hoffen, dass Gott sie denen gewährt, an denen wir schuldig geworden sind. Denn wer, wenn nicht Abel, sollte Kain vergeben können?!
Magdalene L. Frettlöh
Die Autorin ist Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Privatdozentin für Systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum
»Ich kann dich gut leiden«
19. März 2010 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Comments Off
Ich kann dich gut leiden«, sagen wir, wenn wir jemanden gernhaben. Ich lasse mir dich angehen, mich betreffen von dem, was dich trifft. Bin interessiert an deinem Leben und nehme mir deine Not zu Herzen. Ja, ich lasse mich von dir in Mitleidenschaft ziehen, will nicht apathisch sein, will es lernen, mit dir zu fühlen.
»Ich kann dich gut leiden« – die Passionszeit erinnert Jahr für Jahr daran, dass Gott der Welt diese Sympathieerklärung gemacht hat, nicht nur mit Worten, sondern leibhaftig. In Jesus von Nazareth wird Gott zum irdischen Sympathisanten der Schöpfung. Diese leibhaftige göttliche Leidenschaft verbindet der Hebräerbrief, in dem auch der Predigttext für den Sonntag »Judika« steht, mit einem Beruf, der aus der Geschichte Israels vertraut ist: Jesus ist »der große Hohepriester«. Was aber hat es mit diesem Amt auf sich?
Wer als Hohepriester in Israel amtiert, steht stellvertretend für andere vor Gott. Von seinem Dienst hängt es ab, ob sein Volk unbeschwert in die Zukunft gehen kann oder belastet bleibt von seiner Schuld. Mit seinen Opfergaben resozialisiert er sein Volk Gott gegenüber und untereinander. Einen solchen Versöhnungsdienst kann nur ausüben, wer mitfühlt mit der Schwäche seiner Mitmenschen, wer mitleidet an ihren Fehlern und Irrwegen, betroffen ist von ihrer Schuld.
Aber muss ein Priester denn nicht von Natur aus mitfühlend sein? Er ist ja auch nur ein Mensch, unvollkommen wie wir alle, bedürftig der Vergebung. Wie sollte, wer um sein eigenes Unvermögen weiß, nicht Mitgefühl für andere haben?!
Doch genau dies gilt für Jesus nicht: Er, der Mensch gewordene Gottessohn, hat ja von Haus aus keine Erfahrung mit Schuld und Sünde, kennt keine Schwäche am eigenen Leib, ist selbst frei von allem Bösen. Wird er von Gott berufen, Hohepriester zu sein, also Sympathisant von Amts wegen, dann setzt dies einen bisher ungekannten Lernprozess voraus. Was er nicht aus eigener Verschuldung und Bedürftigkeit kennt, muss er zuallererst erlernen, indem er sich ganz und gar betroffen machen lässt vom Leiden derer, für die er eintritt und denen er dient. Jesus lernt bitten und flehen, weinen und schreien, seufzen und klagen. Jesus entlässt Gott nicht aus der Verantwortung für die Not der Welt, sondern zieht Gott in Mitleidenschaft.
Und so übt Gott selbst in Jesus hohepriesterliche Sympathie, erfährt am eigenen Leib eine Passion, die tiefer geht als je das Mitleiden eines anderen Priesters. Denn in diesem priesterlichen Dienst wird der Opferer selbst zum Opfer. Die Mitleidensfähigkeit dieses Hohepriesters, seine Selbstbetroffenheit durch fremde Not, reicht bis zur eigenen Lebenshingabe.
Jesus gibt sein Leben hin, damit es nie wieder eines Opfers für die Verfehlungen bedarf, damit ein für alle Mal der Abgrund zwischen Gott und Mensch, den die Sünde gerissen hat, überbrückt ist, damit nie wieder ein Mensch sich aufopfern muss.
Mit dieser Sühnopferdeutung des Kreuzestodes Jesu ist unendlich viel Schindluder getrieben worden: Statt das Ende aller Opfer im Namen Gottes zu feiern, machten Passionslieder aus dem Bekenntnis zur Lebenshingabe Jesu eine knechtende Lehre, zwangen Menschen in die Opferrolle und ins Leiden: »Ich will ans Kreuz mich schlagen …« Statt dazu zu verhelfen, Unterdrückungssituationen aufzudecken und Unrecht beim Namen zu nennen, verschleierten Karfreitagspredigten menschenunwürdige Lebensverhältnisse oder gaben sie gar als gottgewollt aus. Muss es da noch verwundern, wenn manche Zeitgenossen freimütig bekennen: »Für mich hätte er nicht sterben brauchen!«?
Hätte Gott, so fragen sich manche, die Befreiung der Menschen nicht auch anders bewerkstelligen können? Wäre es nicht auch ohne diese stellvertretende Lebenshingabe gegangen? Wenn es uns überhaupt möglich ist, auf diese Fragen eine Antwort zu geben, dann muss sie wohl lauten: Es geschah um all’ der anderen Opfer willen, um ihrer Anerkennung und Würdigung und Heilung willen, dass Gott sich in der Person des eigenen Sohnes selbst in die Opferrolle begibt, dass ihm wie ihnen angst und bange ums Herz ist, dass er wie sie weint und schreit, klagt und fleht. Gott wird in Jesus selbst zum Opfer, um alle, die unter die Räder gekommen sind, zurechtzubringen und zu heilen.
Magdalene L. Frettlöh
Die Autorin ist promovierte Theologin und Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Privatdozentin für Systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum.
Literaturempfehlungen
• Frettlöh, Magdalene L.: Worte sind Lebensmittel, Kirchlich-theologische Alltagskost,
EREV-RAV, 193 S., ISBN 978-3-932810-38-1, 16,00 Euro
• Frettlöh, Magdalene L.: Gott, wo bist du? Kirchlich-theologische Alltagskost Band 2,
EREV-RAV, 240 S., ISBN 978-3-932810-43-5, 16,00 Euro
• Frettlöh, Magdalene L./Knigge, Volkhard: Wo war Gott in Buchenwald?
Wartburg Verlag, 40 S., ISBN 978-3-86160-237-8, 5,00 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: Telefon (03643) 246161
»Schön sind deine Namen«
11. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion
Abgelegt unter Glaube und Alltag
Comments Off
Zur Vielfalt biblischer Gottesnamen und Gottesbilder
Du bist, wie du bist: Schön sind deine Namen. Halleluja. Amen«, bekennt der Refrain eines neueren Kirchenliedes. Die Namen, die darin besungen werden, heißen: Lebendigkeit und Barmherzigkeit, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit, Beständigkeit und Vollkommenheit. Allesamt schöne, weil gute verlässliche Beziehungsweisen, mit denen Gott SEINER Schöpfung die Treue hält. Dass Gott so ist und so erfahren werden kann, gibt der singenden Gemeinde Anlass zum Gotteslob: »Halleluja!«Auch in diesem »Hallelu-Jah!« steckt ein Gottesname, denn übersetzt heißt es: »Lobt Jah!« »Jah« aber ist die Kurzform des biblischen Eigennamens Gottes, des Tetragramms, der vier Buchstaben: J-h-w-h. Wie diese vier Konsonanten gesprochen werden, wissen wir nicht. Denn aus Achtung vor der Unverfügbarkeit Gottes sprechen Jüdinnen und Juden den göttlichen Eigennamen nicht (mehr) aus.
Dadurch wird Gott aber keineswegs anonym. Sondern im Reden zu und von Gott treten an die Stelle des unaussprechlichen Eigennamens sprechende Rufnamen. Die Psalmen etwa sind voll von solchen namhaften Gottesbildern. Kein Wunder also, dass Martin Luther für seine Reformationshymne »Ein feste Burg ist unser Gott« in die bilderreiche Sprachschule des 46. Psalms gegangen ist.
Die vielfältigen Rufnamen Gottes erzählen Lebensgeschichten. In sie schreiben Menschen ihre Gotteserfahrungen ein. So gibt die ägyptische Sklavin Hagar Gott den Namen: »Du bist ein Gott des Sehens« (1. Mose 16,13). Mit diesem Namen erinnert sie daran, dass Gott genau hinsieht und sie in ihrer Not wahrnimmt, dass Gottes Blick ihr, der schwangeren ausländischen Flüchtlingsfrau, Ansehen und Würde schenkt. Der Gottesname Hagars erzählt von göttlicher Aufmerksamkeit und Zuwendung und kann, wo wir ihn heiligen, auch eine zwischenmenschliche Kultur der Achtsamkeit fördern. Denn die Namen, mit denen wir Gott nennen, verpflichten auch uns alles Menschenmögliche dafür zu tun, dass sie auf Erden wahr werden.
Die vielfältigen Rufnamen, mit denen Menschen sich bittend und dankend, klagend und lobend an Gott wenden und von Gott erzählen, knüpfen an die Umschreibung an, die Gott selbst SEINEM Eigennamen gegeben hat: »Ich werde sein, der ich / die ich sein werde« (2. Mose 3,14). So stellt sich Gott vor, als Mose nach Gottes Namen fragt. Übrigens: Der hebräische Wortlaut legt Gott hier keineswegs einseitig männlich fest. Die Selbstvorstellung Gottes ist offen für weibliche und männliche Gottesbilder. Darum spreche ich von Gott auch als ER und SIE. Und deshalb sollte der Eigenname Gottes auch nicht einseitig und ausschließlich mit »Herr« / »HERR« wiedergegeben werden. Gott ist viel zu lebendig, als dass IHRE Beziehung zu uns in einem Herrschaftsverhältnis aufginge.
»Herr« ist ebenso wie der trinitarische Gottesname »Vater, Sohn und Heiliger Geist« einer neben anderen Rufnamen Gottes. Von Gott allein in männlichen Bildern zu sprechen, verstößt gegen das Bilderverbot. Die Vielfalt der Gottesnamen und -bilder dagegen achtet das Bilderverbot: »Du sollst dir kein Bild machen« – das lässt sich eben auch lesen als: »Du sollst dir nicht nur ein Bild von Gott machen.« Denn wer nur ein Bild von Gott hat, bildet sich ein, Gott zu kennen, und ist womöglich bald fertig mit IHR. Gerade das Bilderverbot eröffnet den Raum für viele Bilder Gottes – jedoch keine Bilder, die wir herstellen, sondern die sich einstellen in der Begegnung mit dem lebendigen Gott.
»Ich werde sein, die ich sein werde.« Damit sagt Gott aber keineswegs: »Ich bin ich und damit basta.« Mit diesem Namen zieht Gott sich nicht auf sich selbst zurück, sondern öffnet sich, macht sich ansprechbar und verletzlich. Denn dieser Name enthält eine große Verheißung und – ein großes Risiko. Mit ihm verspricht Gott: Ich bin da. Ich bin bei dir in jeder neuen Gegenwart, auf allen deinen Wegen. Ich bleibe dir treu. Mehr noch: »Ich werde sein, der ich für euch sein werde.« Gott lässt sich vorbehaltlos auf die Beziehung zu den Menschen ein, bindet sich an uns und an die Namen, mit denen wir IHN nennen.
Damit riskiert Gott, dass wir SIE mit Namen nennen, die IHR Wesen verfehlen – Namen, mit denen wir Gottes Eigennamen nicht entsprechen, sondern ihn in den Dreck ziehen. Eben darum bleiben wir angewiesen auf die Bitte »Geheiligt werde dein Name« und das Gebot, den Namen Gottes nicht zu missbrauchen. Denn nur die Rufnamen, mit denen wir Gottes Eigennamen und mit ihm Gott selbst heilig halten, sind schöne Namen.
Magdalene L. Frettlöh
Die Autorin ist promovierte Theologin und Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und Privatdozentin für Systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum



