Ein Gedicht schlägt Wellen

15. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Israelisches Einreiseverbot für Grass – Schneider: »Überzogene Israel-Kritik«Wegen seines umstrittenen Gedichts darf Günter Grass nicht mehr nach Israel einreisen. Der isra­elische Innenminister Eli Jischai erklärte den 84-jährigen Schriftsteller am Sonntag zur unerwünschten Person. Das Gedicht von Grass sei ein Versuch, »Hass gegen den Staat Israel und das israelische Volk« zu schüren, zitierte die »Jerusalem Post« den Minister.

Grass hatte in seinem in der vergangenen Woche veröffentlichten Gedicht »Was gesagt werden muss« Israel vorgeworfen, den Weltfrieden zu gefährden, indem die Atommacht den Iran mit einem »Erstschlag« bedrohe. Der israelische Innenminister Jischai verurteilte das Gedicht und erinnerte zudem an den Dienst von Grass in den letzten Monaten des Zweiten Weltkrieges in der Waffen-SS. Dies ist nach einem Bericht der israelischen Zeitung »Haaretz« auch der offizielle Grund für das Einreiseverbot.

Der frühere israelische Botschafter in Berlin, Avi Primor, kritisierte das Einreiseverbot indes als »ein bisschen hysterisch«: Ein Antisemit sei der deutsche Schriftsteller nicht. Dennoch sei sein Gedicht lächerlich, weil Iran hundertmal größer sei als Israel.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle hatte es zuvor als absurd bezeichnet, Israel und Iran auf eine gleiche moralische Stufe zu stellen. In der »Bild am Sonntag« warnte der FDP-Politiker zudem vor einer Verharmlosung des iranischen Atomprogramms.

Auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, hat dem Schriftsteller überzogene Israel-Kritik vorgehalten. In der Karwoche und ­unmittelbar vor dem jüdischen Pessachfest habe der Literaturnobelpreisträger in dem umstrittenen Gedicht der Politik Israels den Willen zum »Aus­löschen« des iranischen Volkes unterstellt. Dagegen werde in dem Grass-Gedicht die Bedrohung der Existenz des Staates Israel und der vom iranischen Präsidenten ausgesprochene Vernichtungswille »verharmlost und ignoriert«, kritisiert Schneider.

Der derzeitige Botschafter Israels in Deutschland, Emmanuel Nahshon, reagierte mit einer scharfen Erklärung: »Was gesagt werden muss ist, dass es zur europäischen Tradition gehört, die Juden vor dem Pessach-Fest des Ritualmords anzuklagen. Früher waren es christliche Kinder, deren Blut die Juden angeblich zur Herstellung der Mazzen verwendeten, heute ist es das iranische Volk, das der jüdische Staat angeblich auslöschen will.« Israel sei der einzige Staat auf der Welt, dessen Existenzrecht immer wieder öffentlich angezweifelt werde.
GKZ/epd

Tödliche Lyrik?

Zu Günter Grass’ Schlag gegen Israel

Ein staatlich kontrollierter iranischer Fernsehsender lobte den Nobelpreisträger. Günter Grass sei »ein tödlicher lyrischer Schlag gegen Israel gelungen«. Poesie als Waffe? Die Zeiten von »Agitprop« sind glücklicherweise vorbei; große Kunst kam selten heraus. Aber die Iraner haben eines richtig verstanden: Günter Grass will als Dichter, nicht als Leitartikler gehört werden.

Als politischen Kommentar könnte man den Beitrag des 84-Jährigen nicht durchgehen lassen. Dazu ist er allzu sehr von Ahnungslosigkeit durchzogen. Günter Grass wird keinen einzigen Beleg für das vorbringen können, was ihm »offensichtlich« scheint, nämlich dass die Regierung Israels »das behauptete Recht auf den Erstschlag« einlösen und das »iranische Volk auslöschen« will. Umgekehrt jedoch, für das Vorhaben des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, »das zionistische Gebilde« von der Landkarte zu fegen, gibt es Willensäußerungen übergenug. Es gehört schon Chuzpe dazu, dies zu ignorieren oder als irrelevant, weil aus dem Munde eines »Maulhelden« kommend, anzusehen: Herr Grass, auch Adolf Hitler war ein Maulheld!

Und »das allgemeine Verschweigen«, das vermeintliche Verbot, »ausgesprochene Wahrheit dem Land Israel« nicht zumuten zu ­dürfen, das Günter Grass »mit letzter Tinte« aufbrechen zu müssen meint, um »den ohnehin brüchigen Weltfrieden«, den allein Israel »gefährdet«, zu retten? Der Nahostkonflikt und die Politik der israelischen Regierung wird bei uns mehr diskutiert als jede andere Krise, mehr auch als das derzeitige Blutvergießen in Syrien, das anzuprangern sich ein Günter Grass stets zu schade bleiben wird. In einer von der EU 2003 in Auftrag gegebenen Umfrage sahen 59 Prozent der Befragten (in Deutschland sogar 65 Prozent) in Israel eine Gefahr für den Frieden in der Welt; Israel führte damit die Rangliste der als gefährlich eingeschätzten Staaten noch vor Iran und Nordkorea an. Musste Grass wiederholen, was die Deutschen längst zu wissen glauben?

Als Lyrik freilich werden wir für den Text noch dankbar sein. Denn es wird Schullektüre werden. Wenn die Generation mit SS- und NS-Vergangenheit dahingegangen sein wird, werden Schüler an Günter Grass beispielhaft erarbeiten, wie diese ihr Leben, »von nie zu tilgendem Makel behaftet«, verarbeitet hat. Rainer Werner Fassbinder schrieb 1975 im Drama: »Der Jud. Trinkt unser Blut und setzt uns ins Unrecht, weil er Jud ist und wir die Schuld tragen. … Das ist kein Witz. So denkt es in mir.« Drum dachte es 2012 in Günter Grass nicht mehr – so wird es in einer Klassenarbeit heißen – »Die Juden sind unser Unglück«, wie der Antisemit Heinrich von Treitschke 1879 verkündete, sondern: »Israel ist unser Unglück.«

Ricklef Münnich

Der Autor, Pfarrer Ricklef Münnich (Erfurt), ist evangelischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit.