Ganz und gar Familienmensch

12. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Martin Luther und seine Familie

Gemälde von Gustav Adolph Spangenberg »Luther im Kreise seiner Familie«. Foto: akg-images

Gemälde von Gustav Adolph Spangenberg »Luther im Kreise seiner Familie«. Foto: akg-images


Mein Herr hat mich plötzlich, während ich ganz andere Gedanken hatte, wunderbar in die Ehe geworfen mit Katharina Bora, jener Nonne«, schrieb Martin Luther am 20. Juni 1525 voller Begeisterung an seinen Freund und Mitstreiter Wenzeslaus Linck. Und das, obgleich er da noch keine »hitzige Liebe oder Leidenschaft« für seine Frau empfand. Hatte er selber sich auch mit der Ehe schwergetan – noch drei Jahre zuvor schrieb er: »Mir graut und ich predige nicht gern vom ehelichen Leben, deshalb, weil ich befürchte: wo ichs einmal recht anrühre, wird’s mir und andern viel zu schaffen geben – so galt sie ihm doch als ein Geschenk Gottes.«

Als Geschenk Gottes erwies sich schließlich auch seine Käthe, »die beste Frau und d(as) geliebteste Weib«, die es ihm letztlich nicht schwer machte, der klaren Anweisung der Schrift »für die Ordnung in der Familie zu folgen: Liebet eure Frauen und erziehet eure Kinder«.

Martin und Käthe hatten sechs Kinder: Johannes (1526–1575), Elisabeth (1527 bis 1528, Magdalena (1529–1542), Luthers Liebling, Martin (1531–1565), Paul (1533 bis 1593) und Margarethe (1534–1570). Nach dem Tod der gerade acht Monate alten Elisabeth bekennt Luther: »Das hätte ich nie zuvor gedacht, dass ein väterliches Herz so weich werden könnte wegen der Kinder.

Der Tod der zwölfjährigen Margarethe trifft die Eltern tief: Und obwohl ich und meine Frau nur froh und dankbar sein sollten über ihren so glücklichen Heimgang … so ist doch die Macht der Liebe so groß, dass wir es ohne Schluchzen und Wehklagen des Herzens, ja ohne großes Absterben nicht vermögen.«

Luther hatte genaue Vorstellungen davon, was aus seinen Kindern werden sollte: Johannes Theologe, Martin Rechtsanwalt und der stämmige Paul ein Krieger. Das Schicksal entschied anders. Johannes studierte Rechtswissenschaft und war u. a. Ratgeber in der Weimarer Kanzlei, Martin studierte Theologie, war aber nie als Pfarrer tätig. Paul wurde ein angesehener Arzt. Margarethe schließlich wurde die Ahnherrin der heutigen Lutheriden.

»Liebet eure Frauen und erziehet eure Kinder«

 
Mit seinen Kindern, die er über alles liebte, war Luther zwar streng, aber aus gutem Grund nicht so streng, wie er ­selber erzogen worden war. Bei Tische ­erzählte er einmal: »Mein Vater stäupt’ mich einmal also sehr, dass ich ihm floh und dass ihm bang war, bis er mich wieder zu ihm gewöhnet. Ich wollt auch nicht gern mein’ Hansen sehr schlagen, sonst würd’ er blöde und mir feind; so wüßt ich kein größer Leide … Meine Eltern haben mich aufs peinlichste gezüchtigt, bis ich kleinmütig wurde … Und so haben sie mich mit ihrer strengen Zucht zuletzt ins Kloster getrieben, wiewohl sie es herzlich gut gemeint haben.« Luther also wollte es besser machen.

Luther war nicht nur ein kluger und konsequenter Streiter des Geistes, er war auch durch und durch Familienmensch. Gemälde und Reliefs – obgleich historisch nicht zwingend korrekt – zeigen ihn als Mittelpunkt seiner Familie, als Musik liebender Hausvater und stabiler Kern der Hausgemeinschaft. Zu dieser zählte aber nicht nur seine Familie im engeren Sinn, sondern auch alle, die ständig oder zeitweise in seinem Haus gastliche Aufnahme fanden, »Weib und Kind, Knechte und Magd, Vieh und Futter«.

Neben seinen eigenen Kindern wuchsen hier noch elf Waisenkinder auf, darunter Kinder von Luthers Schwestern und Verwandte von Katharina. »Im Haus der Lutherin«, sagten die Leute, »wohnt eine gar wunderlich gemischte Schar aus Studenten, verlaufene Nonnen, Witwen, alten Leuten und Kindern.« Doch das bunte Treiben störte den Hausvater nicht, im Gegenteil: Er selber zog immer wieder Gäste ins Haus und wollte Verwandte und Freunde um sich haben, wenn er aus seiner Studierstube kam. Das bewahre ihn vor schwarzen Gedanken, meinte er.

Das Leben im Schwarzen Kloster zu Wittenberg‚ Martins und Käthes Heimstatt, wurde für Generationen protestan­tischer Pfarrhäuser ein erstrebenswertes Modell. Ein gastfreundliches Haus, in dem Hilfe geleistet wurde, wo sie nötig war, in dem Bildung und Musik, Gebet, Andacht und Bibellektüre großgeschrieben wurden – das waren die Grundpfeiler dieser häuslichen Gemeinschaft.

Sylvia Weigelt

Die Autorin ist Historikerin mit Schwerpunkt europäisches Mittelalter.