Worte können Berge versetzen

18. Februar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Sprache und Literatur zur Lutherzeit

Der Sachse hat eine schnelle Zunge, der Bayer brüllt wie ein Ochse … und versteht den Sachsen nicht, so wenig wie die Nachteule die Elster; und doch werden beide mit Recht Deutsche genannt.« An der von dem Zisterzienser Peter von Zittau um 1300 beschriebenen Situation hatte sich auch zu Luthers Zeiten kaum ­etwas geändert. Das Frühneuhochdeutsch, wie man die Sprache des 14. bis 16. Jahrhunderts nennt, war ein Sammelsurium verschiedener regionaler Dialekte; eine einheitliche, für alle gleichermaßen verständliche Spra­che fehlte.

Nur das Latein war überregional gültig; es war Kirchen-, Amts-, Geschäfts- und Gelehrtensprache. Luther lernte es und es blieb bis zu seinem 30. Lebensjahr seine »Berufssprache«. Erst als er zu der Überzeugung gelangte, dass ein jeder das Recht habe, das Wort Gottes in einer ihm verständlichen Sprache zu hören – eine Forderung, die schon Karl der Große gestellt hatte – wandte er sich den Quellen zu.

»Man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll deutsch reden, wie diese Esel tun, sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen auf das Maul sehen, wie sie reden und danach dolmetschen.«

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In der deutschen Sprache erreichte »die Wittenbergisch Nachtigall«, wie ihn Hans Sachs nannte, eine Meisterschaft und Wortgewalt, die ebenso Berge versetzen konnte wie sie Gemüter zart anrührte. Nicht zuletzt deshalb wurde das Deutsch der Luther-Bibel – sie ist das meistübersetzte Buch der Weltliteratur – zu einer Hauptsäule unseres heutigen Deutsch. Durch den Buchdruck hatten sich schon vorher regionale Varianten einer deutschen Literatursprache herausgebildet: das »gemeine Deutsch« im bayrisch-oberdeutschen Raum mit den Zentren Augsburg, Nürnberg und Straßburg – hier erschien 1466 die erste deutschsprachige Bibel – und das von Luther favorisierte Ostmitteldeutsch im Raum Erfurt, Leipzig, Wittenberg.

Auch das städtische Kanzleiwesen und der weiträumige Handel trugen das Ihre zur Herausbildung einer Nationalsprache bei, die schließlich Ende des 18. Jahrhunderts, eine gültige Norm gar erst 1901 mit Konrad Duden, entstand.

Zu Luthers Zeit dominierten lateinische Dichtungen und Schriften den Buchmarkt. Bezeichnend ist, dass die erste deutsche Dichterkrönung 1487 dem Erzhumanisten Konrad Celtis galt, der sich ausschließlich des Lateins bediente. Auch die erste aufsehenerregende Dichtung der deutschen Literaturgeschichte, die sog. »Dunkelmännerbriefe« (1515/17), waren in Latein abgefasst. Die Satire auf die römische Kirche gilt als »humoristisches Glanzstück der Narrenliteratur«, für Luther aber war die ins Lächerliche gezogene antirömische Kritik nur das Werk eines »Hanswurst«.

Wir wissen nicht, wie Luther über das Narrenwesen seiner Zeit dachte, gilt doch die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert als die Blütezeit der Narrenfestspiele, der Narrenaufzüge und der Narrenliteratur. Mit Sebastian Brants »Narrenschiff« (1494) erreichte erstmals eine Dichtung in deutscher Sprache europäische Geltung. Mit Beispielen aus der Bibel und aus der ­klassischen Literatur ebenso unterlegt wie von moralischen Exkursen begleitet, erfuhr das »Narrenschiff« insbesondere in der Reformationszeit große Beachtung.

Das literarische Spektrum der Lutherzeit war jedoch nicht auf Bibeldrucke, humanistische und reformatorische Schriften und Narrenliteratur beschränkt. Schon 1472 hatte Albrecht von Eyb mit seinem »Ehebüchlein. Ob einem manne sey zunemen ein ­eelichs weyb oder nicht« einen Bestseller verfasst, der ständig neue Auflagen erlebte. Ohne theologische oder moralische Systematik, dafür aber ­unterhaltsam-pragmatisch, arbeitete Eyb damit der protestantischen Ehekonzeption vor, der sich Luther später annahm.

Die lehrhafte Dichtung war in unterschiedlichen Formen vertreten. Im »Grobianus« wurde gutes Benehmen bei Tische gelehrt, Sebastian Franck, der ein Luther ebenbürdiges kräftiges Deutsch schrieb, brillierte 1528 mit dem Traktat »Von dem greulichen Laster der Trunkenheit«. Der einstige Mitstreiter Luthers, Johann Agricola, sammelte und erläuterte 300 bzw. 750 deutsche Sprichwörter (1529/1541) und die Fabeln des Äsop wurden in ­ihrer unterhaltenden Belehrung neu entdeckt. Auch Luther legte 1530 eine deutsche Übersetzung Äsopscher Fabeln vor.

Der Meistersang erlebte ebenso wie das Fastnachtspiel mit dem Nürnberger Schusterpoeten Hans Sachs an der Spitze seine Blütezeit und das deutsche Volkslied wurde als geistliches und weltliches Lied entdeckt. Das Volksbuch, in Prosa verfasste Historien, erscheint als Gegenstück zur gelehrten Literatur. Erhielt mit dem ersten Volksbuch von »Till Eulenspiegel« (1510/11) die Figur des Narren schlechthin ihre ewige Gestalt, so war die »Historia von D. Johann Fausten« (1587) ein Sammelsurium von Belehrungen, Schwänken und okkulten Geschichten um eine historische Figur.

Das Faust-Thema aber gehörte »unmittelbar zur Dialektik der lutherischen Reformation« (H. Mayer), führt es doch das Streben des Renaissancemenschen nach Erkenntnis der Welt im Grenzbereich zwischen Wissenschaft und Scharlatanerie vor.

Sylvia Weigelt
Die Autorin ist Historikerin.