Sehnsucht nach Gott

19. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum 50. Todestag des Schriftstellers Clive Staples Lewis

Ob er in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs Angst verspürt hätte, fragte man ihn. Und er antwortete: »Immerzu, aber ich sank nie so tief, dass ich gebetet hätte.« Der Mann, der damals noch über seinen Unglauben Auskunft gab, stieg später auf zu einem der meistgelesenen christlichen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts: Clive Staples Lewis, meist abgekürzt »C. S.« Seine Freunde riefen ihn ohnehin beim Spitznamen »Jack«. Der 22. November in diesem Jahr ist sein 50. Todestag.

Gewiss war er kein Heiliger – aber ein einflussreicher Denker, der Millionen von Christen mit Scharfsinn und Humor inspiriert hat.

Sein Brot verdiente Lewis als Professor für Literatur in Oxford und Cambridge. Doch berühmt machten ihn die mehrfach verfilmten Narnia-Bände: Narnia ist eine Parallelwelt unserer Erde, jünger, blühender. Einige haben das Glück, von dieser Welt in jene entrückt zu werden und dort echte Abenteuer zu erleben. Besonders im englischsprachigen Raum kennt jedes Kind C. S. Lewis: Über 100 Millionen verkaufte Bücher sprechen für sich.

Daneben stehen Bücher für Erwachsene: Sachbücher zu Glaube und Spiritualität wie auch Romane. In »Überrascht von Freude« erzählt er teilweise sehr rührend von seiner eigenen Entwicklung und wie Gott den einst erklärten Atheisten schachmatt gesetzt hat: »Ein junger Mann, der Atheist zu bleiben wünscht, kann nicht vorsichtig genug mit seiner Lektüre sein. Überall lauern Fallen – ›aufgeschlagene Bibeln, Millionen Überraschungen, feine Netze und Finten‹. Gott ist, wenn ich das sagen darf, sehr skrupellos.«

Lewis wurde am 29. November 1898 in Belfast geboren. Der frühe Tod der Mutter warf einen Schatten auf sein Leben. Mit dem Bruder Warren wuchs er beim ebenso wohlhabenden wie überforderten Vater auf. Die Schulzeit war bestimmt von einem Wechsel verschiedener Internate. Der fantasievolle und unsportliche Junge geriet unter die Räder. Damals entschied er sich bewusst gegen den christlichen Glauben. Schon die Konfirmation ließ er als bloße äußerliche Handlung über sich ergehen. Der Erste Weltkrieg zwang ihn 1917 an die Front.

Denkmal für C. S. Lewis von Ross Wilson in Belfast. Foto: Wikipedia

Denkmal für C. S. Lewis von Ross Wilson in Belfast. Foto: Wikipedia

Seinem Kameraden Paddy versprach er, sich dessen von ihrem Mann getrennt lebenden Mutter anzunehmen, falls ihr Sohn sterben würde. Lewis hielt Wort und nahm die Mutter viele Jahre zu sich, wobei die Beziehung zu der älteren Frau anfangs mehr war als eine moralische Pflichtübung. Eine eigene Familie hat Lewis nicht begründet. Gleichwohl hat seine späte Liebe zur Schriftstellerin Joy Davidman viele Menschen berührt. Der damals schon prominente Junggeselle heiratete die schwer kranke Joy 1957 am Krankenbett. Welcher Zauber dieser Liebe inne wohnte, beweist die Verfilmung »Shadowlandes« mit zwei Oskarnominierungen und Sir Anthony Hopkins in der Hauptrolle als Lewis!

Dabei wäre beinahe seine Universitätslaufbahn an der Mathematik gescheitert. Doch als Kriegsveteran wurde ihm die Algebraprüfung erlassen und Lewis konnte sein Studium in Oxford aufnehmen, stieg auf zum Philosophie-Dozenten und schließlich zum Professor für Literatur. Das war die Zeit, in der Lewis ins Nachdenken über seine Lebensphilosophie geriet – beeinflusst von nächtlichen Debatten mit seinen teils christlichen Freunden. Zu den bedeutendsten Weggefährten zählt der katholische Schriftsteller Tolkien, bekannt als Schöpfer des »Hobbits« und des »Herrn der Ringe«. Zug um Zug näherte sich für Lewis das Eingeständnis, es müsse tatsächlich Etwas geben, etwas Absolutes, einen Geist – und schließlich Gott. Dies schien Lewis so zwingend, dass seine Bekehrung ihn zunächst nicht mit Freude erfüllte: Im Sommersemester »1929 lenkte ich ein und gab zu, dass Gott Gott war, und kniete nieder und betete; vielleicht in jener Nacht der niedergeschlagenste und widerwilligste Bekehrte in ganz England.«

Seine Logik und die Kraft seiner Bilder rufen bis heute zur Lektüre seiner Werke. Lewis zeigt sich darin als ringender Mensch, der Versuchung und Zweifel kennt, aber bestimmt ist von der Sehnsucht nach Gott, die alle anderen Sehnsüchte und Freuden übersteigt.

Gregor Heidbrink

»Mir fehlt die Kraft«

24. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum Tod des Schriftstellers Erich Loest

Das Besondere an ihm sei, »dass er Wahrheiten aussprach«, würdigte Erich Loest den Sänger Wolf Biermann zu dessen 75. Geburtstag. Damit habe Biermann bei vielen dem Bewusstsein »auf die Sprünge geholfen«. Die gleichen Worte könnten jetzt auf Loest’s eigenem Grabstein stehen. Am 13. September starb der Schriftsteller im Alter von 87 Jahren in seiner Heimatstadt Leipzig. Laut Polizei nahm er sich vermutlich schwer krank selbst das Leben.

Erich Loest bei einer Lesung in Halle im Jahr 2003. Foto: Jens Schlüter.

Erich Loest bei einer Lesung in Halle im Jahr 2003. Foto: Jens Schlüter.

Das Nachlassen der eigenen Kräfte hatte ihm in den vergangenen Jahren erkennbar zugesetzt. Er fühlte sich kraftlos, erschöpft und ärgerte sich ­darüber. Dabei wollte er noch etwas erzählen. Mit Romanen wie »Völkerschlachtdenkmal«, »Nikolaikirche« oder »Gute Genossen« hatte Loest die DDR-Geschichte, die rote Diktatur, die so schmerzlich eng mit seiner eigenen Geschichte verknüpft war, umfassend verarbeitet und zurechtgerückt.

Nun wollte er gern noch seine Hitlerjugend literarisch aufarbeiten. Er selbst habe zwar den inhaltlichen Spannungsbogen für einen entsprechenden Roman im Kopf, sagte er vor zwei Jahren: »Aber schaffen tue ich das nicht mehr. Mir fehlt die Kraft.«

Vor wenigen Wochen erschien trotzdem noch ein Loest-Werk, welches das Thema aufgriff. »Lieber hundertmal irren« ist ein Buch über das Kriegsende in der Provinz und über die Anpassungsfähigkeit der Menschen an die Systeme. Mehr als 50 Bücher, ungezählte Essays und Artikel zählen zu Loest’s literarischem Werk. Immer wieder schrieb er gegen die Versuche an, die DDR-Geschichte zu »verkleistern«, wie er sagte. Man müsse wachsam bleiben und bei der Aufarbeitung der SED-Diktatur nicht nachlassen. Es sei zwar sehr viel getan worden seit der Wiedervereinigung, aber es werde immer noch aus den Ecken heraus gestichelt.

Geboren wird Loest 1926 im sächsischen Mittweida. Nach Kriegsdienst und kurzer US-amerikanischer Gefangenschaft tritt er der SED bei und veröffentlicht den Roman »Jungen, die übrigblieben« über die Kriegsgeneration. Die Partei wirft ihm »Standpunktlosigkeit« vor. Es folgen Jahre als freier Schriftsteller. Den Volksaufstand am 17. Juni 1953 bezeichnet er als ­einen der großen Wendepunkte in seinem Leben, ähnlich dem Kriegsende. Danach konnte er mit der DDR keinen Frieden mehr schließen, diesem Mix aus kleinbürgerlicher Behaglichkeit und Stalinismus.

Nach dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 tritt er mit anderen für eine ­Demokratisierung der DDR ein und wird 1957 wegen »konterrevolutionärer Zellenbildung« verurteilt. Siebeneinhalb Jahre Haft in dem berüchtigten DDR-Zuchthaus Bautzen haben bei ihm tiefe Spuren hinterlassen.

Nach der Haftentlassung 1964 kehrt Loest nach Leipzig zurück. Mit dem autobiografischen Roman »Es geht seinen Gang oder die Mühen der Ebene« meldet er sich 1978 auf der Bühne der zeitkritischen DDR-Literatur zurück. Darin zeichnet er ein illusionsloses Bild von der Realität der 60er und 70er Jahre in der DDR-Provinz. Die SED setzt das Buch erst auf den Index, nach Protesten wird eine limitierte Auflage zugelassen. Loest bezeichnet es heute mit als sein wichtigstes Buch, »weil es in der DDR geschrieben einen völlig neuen Blick auf dieses Land warf«.

Loest eckt an, wird aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und bekommt Publikationsverbot. 1981 verlässt er die DDR in Richtung Westen. Kurze Zeit später erscheint das autobiografische Werk »Durch die Erde ein Riss« über seine Haftzeit in Bautzen.

Als die Mauer fällt, kehrt er nach Leipzig zurück und verarbeitet seine Stasi-Akten in der Dokumentation »Die Stasi war mein Eckermann oder mein Leben mit der Wanze«.
Mit dem 1995 veröffentlichten Roman »Nikolaikirche« um die Ereignisse der Leipziger Montagsdemonstrationen im Herbst 1989 hat sich ­Loest endgültig in das Bewusstsein der gesamtdeutschen Öffentlichkeit geschrieben und den Demonstranten ein literarisches Denkmal gesetzt. Seine Haft in Bautzen verfolgte ihn bis ins hohe Alter. Er bereue bis heute, dass er damals nicht in den Westen abgehauen sei, sagt er noch Jahrzehnte später. Die Jahre im Knast hätten ihn fast fertiggemacht. »Wir haben eigentlich alle lebenslänglich bekommen.«

Markus Geiler (epd)

Herta Müller erhält den Nobelpreis für Literatur – ein Porträt

15. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Herta Müller schildert in ihren Werken das persönliche Erleben und Erleiden von Diktatur und Heimatlosigkeit. Foto: epd-bild

Herta Müller schildert in ihren Werken das persönliche Erleben und Erleiden von Diktatur und Heimatlosigkeit. Foto: epd-bild

Die aus Rumänien stammende deutsche Autorin Herta Müller erhält den diesjährigen Nobelpreis für Literatur. Die Schwedische Akademie der Wissenschaften ehrt eine Schriftstellerin, die zwei große Themen des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart in ihren Werken aus eigener existenzieller Erfahrung schildert: das persönliche Erleben und Erleiden von Diktatur und die genauso individuelle wie kollektive Wahrnehmung von Heimatlosigkeit.

Nitzkydorf ist ein kleines unbekanntes Dorf in Westrumänien. Schotterpisten und Gänseherden, die Kirche in der Dorfmitte und Häuser, von denen der Putz bröckelt, kennzeichnen dieses Dorf. Hier ist die neue Nobelpreisträgerin geboren.

Es war eine in vieler Hinsicht über Jahrhunderte durchaus geordnete deutsche Welt, in die die Autorin am 17. August 1953 hineingeboren wurde. Die Banater Schwaben dominierten Dörfer wie Nitzkydorf bis ins 20. Jahrhundert. In diese Ordnung kleiner deutscher Minderheitendörfer fiel die Weltgeschichte mit ihren banalen wie brutalen Fehlentwicklungen ein, mit ihren entscheidenden historischen Einschnitten und Wendepunkten.
Herta Müllers Vater war ein ehemaliger SS-Soldat, der sich seinen Lebensunterhalt später als Lkw-Fahrer verdiente. Ihre Familiengeschichte spiegelt die politische Geschichte: Die Mutter war nach dem Zweiten Weltkrieg jahrelang zur Zwangsarbeit in die UdSSR deportiert, der Großvater war als wohlhabender Kaufmann und Bauer von den Kommunisten enteignet. So haben das Nazi-Regime, die Sowjets und die rumänischen Kommunisten die Familiengeschichte geprägt.

Doch besonders tiefe Spuren hat bei Herta Müller die selbst erlebte Diktatur hinterlassen: der Kommunismus in Rumänien. Wie ihr früherer Ehemann, der Schriftsteller Richard Wagner, litt sie als Intellektuelle unter den Zwängen des Systems und fasst diese Erfahrungen vor allem seit ihrer gemeinsamen Auswanderung in den Westen 1987 in Prosa und Poesie.

1973 bis 1976 studierte Herta Müller Germanistik und rumänische Literatur an der »Universität des Westens« in Temeswar. Ab 1976 arbeitete sie als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik, wurde aber 1979 entlassen, weil sie sich weigerte, mit dem Geheimdienst Securitate zusammenzuarbeiten. Ihr erstes Buch »Niederungen« lag danach vier Jahre beim Verlag und durfte erst 1982 in einer zensierten Form erscheinen.

Messerscharf zeigt Müller die Perfidien und Absurditäten des Systems sowie die kollektiven und individuellen Folgen der totalen Niederlage Deutschlands für die Deutschen in Rumänien. In ihrem aktuellen Roman »Atemschaukel« beschreibt sie die Deportation der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges und die Verfolgung Rumäniendeutscher unter Stalin. In »Der Fuchs war damals schon der Jäger« zeichnet sie Bilder der allgegenwärtigen Bedrohung und der Angst, der Demütigung und der Aussichtslosigkeit in der Spätphase des damaligen Systems nach. In »Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt« schildert sie den Kampf um die Auswanderung.

Nach der Auswanderung zählt Müller mit Autoren wie Norman Manea und Richard Wagner zur rumänischen Exilliteratur, die sich eben auch sehr beklemmend in der Sprache der deutschen Minderheit äußert. Ihre Werke werden in über zwanzig Sprachen übersetzt. Sie verschafft sich mit ihren exklusiven Themen Gehör in der deutschen Literaturlandschaft und weit darüber hinaus und hat auch vor dem Literaturnobelpreis zahlreiche deutsche wie internationale Prämien entgegennehmen können.

Auch im Exil kommt sie nicht wirklich zur Ruhe. Die Securitate versucht, sie als Kollaborateurin im Westen zu diskreditieren, manche Funktionäre der Landsmannschaften greifen entsprechende Vorwürfe auf. Doch Herta Müller zählt neben Richard Wagner und Eginald Schlattner heute zu den prominentesten Stimmen der rumäniendeutschen Literatur, auch wenn sie jetzt seit langem in Berlin lebt.

Herta Müller sagt in ihrer Literatur mehr über die Motive zur Auswanderung aus einem kommunistischen System und die Flucht nach vorn als manches Sachbuch. Sie bietet litera­rische Psychogramme der Emigration in die Freiheit und schildert Erfahrungen dieser Grenzüberschreitung. Als Grenzgängerin zwischen den Welten wird sie zu einer literarischen Zeugin der Heimatlosigkeit der Moderne, der sie in ihrem Werk besonders nachspürt. Letztlich hat genau dies ihren Nobelpreis möglich gemacht. Sie zeichne »mittels der Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit«, wie es in der Preisbegründung heißt.

Jürgen Henkel