Die Soldaten Christi

25. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Heilsarmee: Kirche ohne Taufe und Abendmahl, aber mit Uniform – im Gespräch mit Oberst Patrick Naud

Mit dem Pop-Song »You and me« vertritt eine Musikgruppe der Heilsarmee die Schweiz beim Europäischen Schlagerwettbewerb in Malmö. Doch wer ist die Heilsarmee? ­Benjamin ­Lassiwe sprach mit dem ­Nationalen ­Oberkomman­dierenden in Deutschland, ­Polen und Litauen, Oberst ­Patrick Naud.

Oberst Naud, in der Schweiz hat die Heilsarmee den Nationalen Vorentscheid für den Schlagerwettbewerb der Eurovision gewonnen. Was bedeutet das für die Heilsarmee in Deutschland?
Naud:
Für uns ist das natürlich ein Imagegewinn. Wir werden auf der Straße angesprochen, die Menschen schreiben uns Mails. Das gibt uns die Möglichkeit, über unsere Mission und unser Zeugnis zu sprechen. Dieses Lied ist nicht nur ein Erfolg für die Heilsarmee in der Schweiz, sondern für ganz Europa.

Ein Problem für die Teilnahme der Schweizer Musiker ist derzeit noch die Uniform, die beim Wettbewerb in Malmö verboten ist. Was bedeuten die Uniformen für die Heilsarmee?
Naud:
Die Uniform ist die Visitenkarte der Heilsarmee. Sie gibt es überall in der ganzen Welt: In Asien ist sie grau, in Indien weiß, in Europa dunkelblau.

Der 1958 in der Nähe von Toulouse in Frankreich geborene Patrick Naud ist Offizier (Geistlicher) im Rang eines Oberst. Seit 1. Juni 2011 dient er im ­Nationalen Hauptquartier in Köln als Leiter der Heilsarmee in Deutschland, ­Litauen und Polen.

Der 1958 in der Nähe von Toulouse in Frankreich geborene Patrick Naud ist Offizier (Geistlicher) im Rang eines Oberst. Seit 1. Juni 2011 dient er im ­Nationalen Hauptquartier in Köln als Leiter der Heilsarmee in Deutschland, ­Litauen und Polen.

Die Heilsarmee wird durch ihre Uniform erkannt. Wenn ich keine Uniform mehr ­tragen würde, würde niemand erkennen, dass ich von der Heilsarmee bin.

Aber warum trägt die Heilsarmee die Uniform?
Naud:
Das ist eine lange Geschichte. Damit hat man schon kurz nach der Gründung im 19. Jahrhundert in England angefangen. Damals trugen viele Menschen Uniformen, auch die Kinder in der Schule. Der Gründer der Heilsarmee, William Booth, war sehr geprägt von dieser Kultur. Heute zwingt sie uns dazu, immer und überall Zeugnis von unserem Glauben abzulegen. Sie macht uns sichtbar und erkennbar.

Was sind denn die Schwerpunkte der Heilsarmee heute?
Naud:
Die Heilsarmee kämpft als Erstes gegen die Armut. Wir wollen zu Armen und Bedürftigen von Christus sprechen, aber wir wissen ganz genau, dass die Menschen zuallererst etwas zu Essen oder ein Dach über den Kopf brauchen, auch um sich ihrer Würde bewusst zu werden. Wenn jemand unter einer Brücke lebt, zwischen Kartons, dann wollen wir auch ihm das Evangelium bringen. Aber dazu müssen wir ihm auch ganz handfest eine neue Perspektive für sein Leben bieten. So, wie wir Gottes Liebe ­erfahren haben, helfen wir auch: Bedingungslos – auch dann, wenn Menschen nicht für den Glauben offen sind.

Wie entwickelt sich Ihre Kirche in Deutschland?
Naud:
Uns geht es wie fast allen Kirchen in Deutschland: Die Menschen rennen uns nicht gerade die Türen ein. Viele traditionelle Heilsarmeekorps werden älter, und manche sind klein. Aber wir sehen auch wachsende Gemeinden. Und jetzt haben wir ein Reformprogramm: Es heißt »Vision 2030«.

Was heißt das konkret für die ­Heils­armeegemeinden an der Basis? Was ist Ihr Plan bis 2030?
Naud:
Wir wollen allen unseren Gemeinden die Möglichkeit geben, zu überlegen, wie sie sich mehr öffnen können. Die Heilsarmeegemeinden müssen sich wieder mehr für Fremde öffnen, sie müssen transparenter werden, und sich weniger den eigenen Angelegenheiten als vielmehr den Sorgen und Nöten der Menschen auf der Straße widmen. Ich glaube, wir müssen verstehen, dass manche Gemeinden oder manche unserer sozialen Arbeiten nicht pragmatisch genug sind für die Menschen von heute. Wir sollten keine Angst haben, kleine Gemeinden, die sich selbst nicht mehr tragen können und kaum Perspektive haben, zu schließen und neue Gemeinden aufzumachen.

Wie ist das Verhältnis der Heilsarmee zu den anderen christlichen Kirchen?
Naud:
Für uns ist die Begegnung mit anderen christlichen Kirchen ein sehr wichtiges Thema. Wir haben viel voneinander zu lernen, und wir haben unsere eigene Stimme, die wir einbringen. Wir sind überzeugt davon, dass wir mehr erzählen müssen, was die Heilsarmee ist. Und wir freuen uns, dass viele andere Kirchen großen Respekt vor unserem Auftrag ­haben.

Im Unterschied zu eigentlich allen anderen christlichen Kirchen kennt die Heilsarmee weder die Taufe noch das Abendmahl. Woher kommt das?
Naud:
Das ist auch ein lange Geschichte. Vielleicht lassen Sie mich als Erstes sagen, dass wir nicht »antisakramental« sind. Wir sind »asakramental«. In einer ökumenischen Begegnung hat mich einmal ein evangelischer Pfarrer danach gefragt, warum wir keine Sakramente haben. Und als ich antworten wollte, sagte der katholische Pfarrer, der dabeistand: »Patrick, kann ich eine Antwort geben?« Und dann sagte er, dass er glaubt, dass die Heilsarmee keine Sakramente hat, weil ihr ganzes Leben ein Sakrament sei. Und genau das ist es. Wir haben keine Sakramente, so wie sie in anderen Kirchen verstanden werden. Wobei es in den unterschiedlichen Kirchen ja auch kein einheitliches Verständnis gibt. Wir verzichten lieber auf diese Sakramente, als darüber zu streiten. Aber in der Heilsarmee streben wir danach, das ganze Leben zu heiligen. Und das könnte man als unser »Sakrament« bezeichnen.

Unterwegs zu den Randsiedlern der Gesellschaft: Feldsergeant Gert Scharf gehört zur Heilsarmeegemeinde in Dresden und ist in den Wintermonaten ­gemeinsam mit weiteren Mitarbeitern mit dem Kältebus auf der Suche nach Obdachlosen. Fotos: Die Heilsarmee

Unterwegs zu den Randsiedlern der Gesellschaft: Feldsergeant Gert Scharf gehört zur Heilsarmeegemeinde in Dresden und ist in den Wintermonaten ­gemeinsam mit weiteren Mitarbeitern mit dem Kältebus auf der Suche nach Obdachlosen. Fotos: Die Heilsarmee

Nun ist die Taufe auch ein Aufnahmeritus. Weltweit wird man durch sie Teil der christlichen Gemein­de. Was machen Sie stattdessen?
Naud:
Bei uns werden die Menschen im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes in die Heilsarmee-Gemeinde aufgenommen. Es gibt zwei Formen der Mitgliedschaft: Zum einen die »Heilssoldaten«, die Salutisten, die Uniform tragen dürfen und ein Gelübde unterscheiben, in dem sie sich zum Beispiel auch verpflichten, auf Tabak, Alkohol und Glücksspiel zu verzichten. Zum anderen die »Angehörigen«, welche die Heilsarmee als ihre Gemeinde und geistliche Heimat betrachten, aber keine Uniform tragen. Anstelle des Gelübdes unterschreiben sie die Mitgliedsurkunde für Angehörige.

Und das Abendmahl feiern Sie auch nicht?
Naud:
William Booth hat damals darauf geachtet, dass wir keine Symbolhandlungen machen, die die besonders bedürftigen, süchtigen und abhängigen Menschen auf der Straße möglicherweise gar nicht mehr verstehen. Bei uns gibt es statt eines Abendmahls manchmal nach dem Gottesdienst eine gemeinsame Mahlzeit. Und im Tischgebet wird dann deutlich, dass es Jesus ist, der dazu einlädt, der alle daran teilhaben lässt und mit allen das Mahl teilt. So verstehen gerade Bedürftige viel mehr von der Liebe Jesu, als durch ein zeichenhaftes Mahl im Gottesdienst. Es sitzen Reiche und Arme beim Essen beieinander und teilen ­mit­einander – so wie es unser Gründer William Booth schon im 19. Jahrhundert wollte.

Stichwort Heilsarmee

Die Heilsarmee ist eine internationale christliche Freikirche mit ausgeprägtem Engagement an den sozialen Brennpunkten der Gesellschaft. Sie wurde im 19. Jahrhundert von dem englischen Methodistenprediger William Booth als Reaktion auf das erschütternde soziale Elend in London gegründet. Sein Motto ­lautete dabei: Die Kirche muss zu den Menschen gehen.
Booth war der Meinung, dass nur mit einer straff organisierten Bewegung angemessen auf die sozialen Herausforderungen reagiert werden kann. Deshalb nahm seine anfangs belachte und auch tätlich angefeindete Missionsbewegung nach und nach militärische Züge an. 1878 erhielt sie den Namen »Die ­Heils­armee«. Die Gemeindestationen nannte man nun »Korps«, die hauptamtlichen Mitarbeiter »Offiziere« und die Mitglieder »Soldaten«, Fahne und die Uniform wurden eingeführt. Von Anfang an setzte sich in der Heilsarmee die Gleichberechtigung der Frauen in allen Ämtern und Führungspositionen durch.
Zur Heilsarmee in Deutschland gehören derzeit 45 Korps ­(Gemeinden), davon je eins in ­Litauen (Klaipéda, Starachowice) und Polen (Warschau). Sie unterhält 42 Sozial-
einrichtungen und ist Arbeitgeber für 730 Angestellte. Sie ist (Stand ­Dezember 2011) geistliche Heimat für 4055 Menschen, darunter 1063 Heilssoldaten, 154 Offiziere (ordinierte Geistliche), 421 Angehörige. Weitere 2054 Menschen werden als Gemeindezugehörige (Gottesdienstgemeinde) gezählt.
Die Freikirche ist unter anderem ­Mitglied im Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK), der Ver-
einigung Evangelischer Freikirchen (VEF) und der Deutschen Bibelgesellschaft. Sie arbeitet darüber hinaus in der Deutschen Evangelische Allianz mit.
In Mitteldeutschland bestehen ­derzeit Heilsarmeegemeinden in Dresden, Meißen, Chemnitz, Leipzig und Naumburg.
(GKZ)

www.heilsarmee.de
www.heilsarmee.ch/eurovision

Zeichen des Glaubens und der Freiheit

12. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Sogar zur Hochzeit kommen Brautpaare mit ihren Eltern und Gästen zur Gedenkstätte. Foto: Günter Schenk.

Sogar zur Hochzeit kommen Brautpaare mit ihren Eltern und Gästen zur Gedenkstätte. Foto: Günter Schenk.


Litauen: Der »Berg der Kreuze« ist zum wichtigsten Pilgerort im Baltikum geworden

Die ersten Kreuze wurden Mitte des 19. Jahrhunderts für das Seelenheil der im Kampf gegen die Russen ­gefallenen Freiheitskämpfer aufgestellt. Seither erlebt das »Litauische Golgota« eine wechselvolle Geschichte.

Mitten in Litauen, nur ein paar Autominuten nördlich des Industriestädtchens Siauliai, recken sich mehr als Hunderttausend Kreuze in den Himmel. Alte und neue, große und kleine. Kreuze in allen Farben: aus Holz, Metall, Stein, Plastik und Pappe. Manche sind riesig, andere ganz winzig. Dicht an dicht stehen die Zeichen des Glaubens auf einem kaum zehn Meter hohen Hügel, den die Einheimischen stolz »Kryziu Kalnas« nennen: Berg der Kreuze. Es ist ein heiliger Ort und Stätte des Gedenkens – ­inzwischen aber auch eine der wichtigsten touristischen Attraktionen im Baltikum.

Es ist Sonnabend und wie oft drängen sich Brautpaare und andere Festgesellschaften an der Gedenkstätte. Längst nämlich gehört es für viele ­Familien Litauens zum guten Ton, zu Hochzeit und Geburt ein Kreuz zu ­stiften. Andere schleppen sie zum ­Zeichen des Dankes nach schweren Krankheiten an, nach überstandenen Operationen oder Unglücksfällen.

Zehntausende von Kreuzen stehen inzwischen zusammen. Viele stammen von den Souvenirhändlern, die zu Füßen der Pilgerstätte ihre Stände neben dem Parkplatz aufgeschlagen haben. Andere haben die Menschen von weither mitgebracht. Manche Kreuze tragen einfache Inschriften. Namen, die an in Sibirien verschollene Angehörige erinnern oder an viel zu früh verstorbene Kleinkinder. Andere sind Schuldbekenntnisse, so wie das Kreuz eines Deutschen, der um Vergebung für den Holocaust bittet.

Eine Treppe führt den Besucher zum Gipfel. Keine zehn Meter ist er hoch. Von oben reicht der Blick weit ins flache Land. Schmale Trampelpfade führen kreuz und quer durch die Reihen der Kreuze. Schlicht und einfach sind die meisten, viele aber auch kunstvoll gedrechselt und mit Schnitzereien verziert. Und immer wieder finden sich im Meer der Kreuze die Schmerzensmutter und der leidende Christus. »Litauisches Golgota«, heißt der Erinnerungsort deshalb heute auch noch.

Um seine Geschichte ranken sich viele Legenden. Eine erzählt von einem Vater, der am Bett seiner kranken Tochter eingeschlafen war. Im Traum sei ihm eine Frau erschienen, die ihm auftrug, ein Kreuz aufzustellen. Der Mann tat wie ihm geheißen – und fand bei seiner Rückkehr nach Hause seine Tochter gesundet. Schnell, so heißt es in Litauen, habe sich die Geschichte rumgesprochen und andere dazu bewogen, in Notsituationen ebenfalls ein Kreuz zu pflanzen.

Realistischer sind die Historiker, welche die ersten Kreuze vor den Toren der Stadt Siauliai Mitte des 19. Jahrhunderts verorten. Nach Aufständen gegen den Zaren hätte man Kerzen und Kreuze für das Seelenheil der im Kampf gegen die Russen gefallenen Freiheitskämpfer aufgestellt. Ende des 19. Jahrhunderts wurden so bereits rund 150 Kreuze gezählt, war der Kreuzberg schon ein bekannter Wallfahrtsort. Eine nationale Pilgerstätte, die Glaubensbekenntnis und Freiheitskampf vereinte. Noch mehr Kreuze kamen nach dem Zweiten Weltkrieg hinzu, nachdem die Rote Armee das zuvor für kurze Zeit unabhängige Land wieder besetzt hatte und viele Menschen aus den umliegenden Dörfern nach Sibirien deportierte.

Der Berg der Kreuze wurde so zum Erinnerungsort für Folteropfer und Verschleppte. Sehr zum Unmut der Sowjets, die schon bald darauf beschlossen, den heiligen Ort aufzulösen. Denn mit dem Berg der Kreuze sahen die Militärmachthaber ihre Autorität infrage gestellt. Im April 1961 walzten ihre Planierraupen das Gelände platt. Doch Tage später standen mehr Kreuze als zuvor da. Es war der Auftakt zu einem langen und verbissenen »Krieg der Kreuze«, der fast 20 Jahre währte. Immer wieder vernichteten die Kommunisten, was die Christen an Glaubenssymbolen auf den Hügel stellten. Vor allem Priester schmuggelten die oft schweren, von Kunsthandwerkern gefertigten Kreuze an den betrunkenen oder eingeschlafenen Wachen vorbei an den heiligen Ort.

Ende der 1980er Jahre, im Zeichen von Perestroika und Glasnost, wurde das Gelände weniger streng kontrolliert, stieg die Zahl der Kreuze sprunghaft an. 1990 wollte man schon 40000 Kreuze gezählt haben. Noch mehr wurden es im Januar 1991, als auf dem Höhepunkt des Unabhängigkeitskampfes mehr als ein Dutzend Litauer von russischen Spezialtruppen vor dem Fernsehturm in der Hauptstadt Vilnius erschossen wurden und Tausende ihre Trauer am Berg der Kreuze sichtbar zum Ausdruck brachten. Wenig später war Litauen unabhängig, der »Berg der Kreuze« neuer Pilgerort und Symbol der neuen Freiheit.

1993 stattete ihm Papst Johannes Paul II. einen Besuch ab, bei dem er die Franziskaner mit der Betreuung des Ortes betraute und sie ermunterte, hier ein Kloster zu errichten. Zur Jahrtausendwende war der zweistöckige Bau mit seinen 16 Mönchszellen fertig. Ein »Haus der Stille«, ein Ort des Gebetes und der Kontemplation – mit einem großen Glasfenster zum Meer der Kreuze hin. Wie viel es inzwischen sind, weiß niemand genau. Anfangs der 1990er Jahre versuchten Studenten der Universität Vilnius, sie zu zählen. Bei 50000 gaben sie auf, was Litauens Christen als einen weiteren Beweis werteten, dass man Gott mit dem Verstand allein nie begreifen könne.

Günter Schenk