»Ein bodenständiger Mensch«

21. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Schriftsteller und Liedermacher Stephan Krawczyk über sein Verhältnis zu Luther

In der DDR sang Stephan Krawczyk unter dem Schutz der Kirchen seine regimekritischen Lieder. Heute nähert er sich dem Glaubensthema. Auf seiner neuen CD setzt er sich mit Martin Luther auseinander. Die Hintergründe erklärt er im ­Interview mit Uwe Birnstein.

Herr Krawczyk, was fasziniert Sie an Luther?
Krawczyk:
Am meisten seine Ausdruckskraft. Luther ist für mich in erster Linie ein Künstler. Er hat die Spannungen seiner Zeit ins Wort gebracht und sich damit auch Geltung verschafft und seinem Willen, die Welt gottgewollter zu gestalten, Nachdruck verliehen.

Stephan Krawczyk: »Luther ist für mich in erster Linie ein Künstler.« Foto: privat

Stephan Krawczyk: »Luther ist für mich in erster Linie ein Künstler.« Foto: privat

Wenn Sie sich Martin Luther vorstellen: Was für ein Mensch mag er gewesen sein?
Krawczyk:
Auf keinen Fall ein Mensch, der auf ein Denkmal wollte. Eher ein sehr bodenständiger Mensch. Mit einer sehr schönen Sinnlichkeit, die eben auch ihren sprachlichen Ausdruck gefunden hat. Man darf nicht vergessen, wo er herkam: aus einem Bauerngeschlecht. Diese Erdung hat er sein ganzes Leben lang bewahrt. Auch wenn er mit dem Kopf sehr, sehr oft im Himmel war. Vor allen Dingen hatte er wahrscheinlich auch eine sehr kräftige innere Stimme. Dass er auf sie gehört hat, davon haben wir heute noch was. Denn so konnte er sich eben auf diese wesentlichen Dinge konzentrieren, wie zum Beispiel der deutschen Sprache einen so schönen Sprachschatz zu verewiglichen, wie er das in der Übersetzung der Bibel getan hat.

»Luther war auf keinen Fall ein Mensch, der auf ein Denkmal wollte«

Würden Sie beide in einer Zeit leben – meinen Sie, Sie hätten mit ihm befreundet sein können?
Krawczyk:
Unbedingt, ich denke sogar, wir hätten zusammen gesungen oder wären zusammen aufgetreten. Damals zum Beispiel, 1985, als ich ­Berufsverbot hatte und Luther gerade mit dem Bannfluch belegt war, da standen wir ja auch zusammen in der Kirche, neben der Kanzel. Er wollte nicht hochgehen, weil ich sagte: »Nee, wir bleiben beede unten.« War ein ganz eindrucksvoller Auftritt. Unter anderem habe ich auch das Lied »Ich Martin Luther« gesungen, darin heißt es: »Es muss in jeder Zeit mindestens einen geben / sei es eine Frau, die ­widersteht, oder ein Mann.« Er hat in seiner Zeit widerstanden, ich in meiner Zeit widerstanden. Wenn die Zeit nicht dazwischenstünde, warum sollten wir nicht zusammen widerstehen?

Der Glaube spielt in Ihren bisherigen Liedern und Texte so gut wie keine Rolle – warum jetzt?
Krawczyk:
Ja, das stimmt, die Themen meiner Lieder waren weltlicher, aber ich spüre natürlich, jetzt, wo ich glücklicherweise älter geworden bin, dass neben der ganzen Wirklichkeit für den Einzelnen eine Kraft wirkt, für die ich erst jetzt Worte habe. Aber der große Zusammenhang, in dem wir leben mit Natur und Himmel und Erde und die Bewahrung dieser vorzüglichen Schöpfung, das war für mich schon immer Thema, auch zu DDR-Zeiten, wo das überhaupt noch nicht angesagt war. Mittlerweile spüre ich bei mir eine viel direktere Beziehung zu jener großen Kraft, die man auch Gott nennen kann.

»Ich glaube, dass Gott in uns wohnt«

Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Krawczyk:
Das bin ich wohl, sonst würden mir wahrscheinlich nicht ­solche Zeilen einfallen, wie »Mit den Farben unserer Stunden malen wir ein Bild von Gott«. Ich glaube, dass Gott in uns wohnt und wir die Pflicht haben, ihm einen gotteswürdigen Klang zu verleihen. Wenn man akzeptiert, dass der Mensch eine Seele hat, dann ist der Schritt zum Glauben an Gott gar nicht mehr so groß. Und ich bin gespannt, wie sich das bei mir weiterentwickelt.

»erdverbunden, luftvermählt«: Wie kam es zu diesem Titel?
Krawczyk:
Ich wohne in Berlin-Neukölln und habe an meiner Parterrewohnung, Hinterhaus, so ein kleines Gärtchen dran. Und in dieser Wohnung lebe ich mit meinem Sohn Marvin, der ist sieben Jahre alt, zusammen. In diesem Gärtchen, da stehen zwei Birken. Und weil wir uns hier so wohl fühlen und die Birken zu uns ­gehören, wurden sie zum Gegenstand für ein Lied. In diesem Lied heißt es: »Wo ich wohne stehen die Birken wie ein Zeichen ihrer selbst, zwei mit fremden Eigennamen, erdverbunden, luftvermählt.«

Hör-Tipp:
Krawczyk, Stephan: erdverbunden, luftvermählt. Stephan Krawczyk und Martin Luther, CD, Hansisches Druck- und Verlagshaus, Spieldauer ca. 50 Minuten, ISBN 978-3-86921-094-0, 19,90 Euro