Die frühen Apostel des Kirchenschlagers

25. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Porträtiert:Drei Liedermacher, die Gottes Wort in moderne Rhythmen packten – als das vielen Christen in Ost und West noch als dämonisch galt

Egal ob vor Christen in der DDR oder vor Häftlingen in einem afrikanischen Gefängnis: Manfred Siebald will Gott loben mit Musik, wie sie die Menschen auch im Radio hören.

Auf die Frage nach einem herausragenden Konzert lacht Manfred Siebald sein herzliches, zurückhaltendes Lachen. Es waren fast 3000 bisher. Aber zwei nennt er dann doch. Zum Kirchentag 1983 in Dresden kamen 2000 Zuhörer. Immer, wenn Siebald ein Lied anstimmte, fingen die Menschen an zu singen. Sie kannten seine Texte, seine Melodien. »Ich hab mich nicht mehr eingekriegt. Woher sollte ich wissen, dass ich in der DDR so bekannt bin.«

Dann 2013, Harare in Simbabwe. Manfred Siebald sitzt inmitten von 2000 Gefangenen im Hauptgefängnis der Stadt. Mit ihnen singt er »Peace be with you« – Friede sei mit dir. »Das geht einem so an die Wäsche, das wird man nicht mehr los«, sagt er.

Manfred Siebald

Manfred Siebald

Siebald erinnert sich, wie er, der als Kind eine klassische Ausbildung auf der Bratsche und Geige erhielt, mit der Folkmusik in Berührung kam. Sie sollte ihn, den späteren Liedermacher, prägen. Es war ein amerikanischer Soldat, der im Haus seiner Eltern ein- und ausging. Eines Tages brachte dieser eine Stereotruhe mit. Und eine Plattensammlung. »Da waren Dingen dabei, die hab ich rauf und runter gehört.« Er wird, eher zufällig, christlicher Liedermacher. In der Jugendarbeit wurden neue Lieder gebraucht und Siebald lieferte. In der Frühzeit christlicher Popmusik war der Wind noch rauer, die Kritik an den neuen Liedern heftig. Auch wenn Manfred Siebald nie zwischen die Fronten geriet, weil er nur mit Gitarre seine Konzerte spielte, sprang er für seine Kollegen, die Beat und Rockmusik machten, in die Bresche. »Ich war und bin der Meinung, dass wir Menschen mit der guten Botschaft dort abholen sollen, wo sie gerade stehen. Und in Radio und TV hören sie nun einmal andere Sachen als die, die Kirchenmusiker abliefern.«

Wenn er komponiert und spielt, dann hat er eine Mission. »Ich mach’ Musik nicht wegen des Applauses, sondern weil ich eine Arbeitsanweisung Gottes in der Bibel lese: Ich will den Herrn loben mein Leben lang.«

Manfred Siebald

Sein Leben:

Geboren 26. Oktober 1948 in Alheim-Baumbach (Hessen)

Studium der Germanistik und Anglistik in Marburg

Dissertation über den Schriftsteller Herman Melleville

2002–2012 Professor für Amerikanistik in Mainz

2008 Bundesverdienstkreuz am Bande

Seine bekanntesten Lieder:

»Ins Wasser fällt ein Stein«

»Jesus, zu dir kann ich so kommen wie ich bin«

»Gut, dass wir einander haben«

»Es geht ohne Gott in die Dunkelheit«

»Geh unter der Gnade«. Foto: Buttgereit und Heidenreich



Siegfried Fietz verband den Glauben mit dem Beat, als das vielen Christen noch als dämonisch galt. Dann suchte er den Pakt mit der Plattenindustrie – doch berühmt wurde er mit Bonhoeffer.

Immer wieder sagt Siegfried Fietz einen Satz: »Ich bin dankbar.« Dankbar ist er vor allem für seinen größten Hit, die Vertonung des Bonhoeffer-Gedichts »Von guten Mächten wunderbar geborgen«.

Dessen weite Verbreitung ist für ihn ein Phänomen. »Das kann man nicht vorhersehen und sich auch nicht mit der besten Werbestrategie ausdenken.« Auch wenn die Kritik auf das Album damals heftig war. Eine katholische Kirchenzeitung schrieb: »Fietz – von guten Mächten verlassen.«

Siegfried Fietz

Siegfried Fietz

Heftig war auch die Kritik auf seine ersten Gehversuche als christlicher Popmusiker mit dem »Fietz-Team«, einer Beat-Combo. »Die Leute mochten zwar Blasmusik, die noch lauter war als das, was wir sonst machten. Aber ein Schlagzeug wurde abgelehnt. Das galt als dämonisch. Dabei wollten wir nur mit ehrlichem und heißem Herzen dem Herrn dienen«, erinnert er sich.

Irgendwann in den 1970er Jahren, Siegfried Fietz hatte sich als Produzent (unter anderem von Manfred Siebald) und Komponist längst einen Namen gemacht, wird aus ihm Manuel Thaler. Er wollte seine christlichen Lieder gerne in die große Öffentlichkeit bringen und ließ sich auf einen Handel mit der internationalen Plattenfirma CBS ein. Die Bosse aber sagten: »So können wir das nicht machen. Wir müssen erst einmal etwas Neutrales bringen.«

Aus Fietz wird Thaler und er singt Lieder wie »Jeder Sonnenstrahl ist ein Versprechen« oder »Ein Rucksack und ein Knotenstock«. Er ließ das Experiment schnell sein und gründete mit seiner Frau Barbara seinen eigenen Plattenverlag: Abakus. Vielleicht hätte es für den säkularen Popmarkt mehr Ellenbogen gebraucht. Aber Ellenbogen und christliche Botschaft passen für Fietz nicht so recht zusammen.

Siegfried Fietz, der schon mit allen Größen der christlichen Szene zusammenarbeitete, mit einem Astronauten der Apollo 15 Mission und dem Royal Philharmonic Orchestra London eine »Space Symphonie« einspielte und gut 3500 Lieder geschrieben hat, ist vor allem ein Ereignis im Gedächtnis geblieben. Ein Zahnarzt in Hormersdorf im Erzgebirge hatte in den 1970er Jahren sein »Paulus-Oratorium« gehört. Und nach und nach die Noten dazu aufgeschrieben: Chor, Sologesang und Orchester. Nach Gehör. Seitdem wurde das Stück mehr als 150 Mal aufgeführt.

Auch dafür ist er dankbar. »Hör mal«, sagt Siegfried Fietz: »Mir geht’s doch nur darum, mit heißem Herzen dabei zu sein.«

Siegfried Fietz

Sein Leben:

Geboren 25. Mai 1946 in Berleburg (Nordrhein-Westfalen)

Vorreiter christlicher Popmusik im deutschsprachigen Raum

Gründer des christlichen Musikverlages Abakus

1986–1996 Leiter der Sendung »Lieder zwischen Himmel und Erde« beim Hessischen Rundfunk

zuletzt auch aktiv als bildender Künstler

Seine bekanntesten Alben:

»Von guten Mächten wunderbar geborgen«

»Manchmal brauchst du einen Engel«

»Spuren im Sand«

»Paulus-Oratorium«. Foto: Abakus Musik



Jörg Swoboda will den Menschen eine geheiligte Respektlosigkeit gegenüber menschlichen Autoritäten ins Herz singen – das war in der DDR so, und der konservative Liedermacher tut es auch heute.

Ein Hotel am Bahnhof Friedrichstraße in Berlin-Ost, 1987. Theo Lehmann, Jörg Swoboda, Ulrich Parzany und andere sitzen zusammen und sprechen über das Christival, einen Jugendkongress in der BRD, der im Folgejahr in Nürnberg stattfinden soll. Parzany ist konsterniert. Ihm fehlt noch eine Festivalhymne. »Ich hab da was«, sagt Jörg Swoboda. »Aber ihr müsst mit in mein Auto.« Die Mannschaft zwängt sich in Swobodas Wagen, eine Kassette wird eingeschoben. Aus den Lautsprechern klingt »Dass dein Wort in meinem Herzen starke Wurzeln schlägt«. Parzany ist begeistert. Das Lied eines Ostdeutschen wird der Schlager von Nürnberg.

Als Swoboda fast noch ein Kind war, fand er immer wieder Zettel mit Sprüchen auf dem Küchentisch – Sinnsprüche seiner Mutter, die ihr bei der Hausarbeit einfielen. Er vertonte sie. Langsam wächst er hinein in die Existenz eines Liedermachers: Ein künstlerischer Beitrag in der Schule hier, der Wunsch nach neuen Liedern in der Jugendarbeit dort. »Mensch Jörg, mach mal ein Lied.« Und Jörg machte.

Jörg Swoboda

Jörg Swoboda

Dreh- und Angelpunkt wurde die offene Jugendarbeit der Baptisten in Berlin-Köpenick. »Da gab es die Gammler, die Outlaws der DDR. Die haben wir eingeladen und sie kamen. Mit Kippen und Kofferradio. Bald hatten wir einen akustischen Machtkampf: Wer ist hier der Platzhirsch?«, erinnert sich Swoboda. Verstärker mussten her. Die erste große Bewährungsprobe für seine Lieder.

Andere Gemeinden werden auf ihn aufmerksam, seine Melodien landen in Büchern, wehen über die Mauer und werden – dies- und jenseits des Eisernen Vorhangs – gesungen. Im Westen taucht sein Name unter den Liedern nicht auf. »Aus der DDR« steht dort.

Swoboda spricht Klartext. Damals, als ein klares Wort Repressionen bedeutete. Und heute, wo er, der viele Texte Theo Lehmanns vertonte, mit seiner konservativen Haltung wieder aneckt. »Das Bibelwort muss die Messlatte sein«, sagt er. »Sonst geben wir doch alle Maßstäbe preis.«

Er ist sich sicher, dass auch seine Lieder in der Vorwendezeit ihren Beitrag leisteten. »Eine geheiligte Respektlosigkeit gegenüber jeder menschlichen Autorität ins Herz der Menschen zu singen, ist eine wichtige Aufgabe. Früher wie heute.«

Jörg Swoboda

Sein Leben:

Geboren 5. Januar 1947 in Berlin

Pastor im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden

1967–1971 Theologische Ausbildung in Buckow

Vikariat in Lichtenstein (Sachsen)

1973–1981 Jugendpastor des Evangelisch-Freikirchlichen Gemeindebundes in der DDR

zusammen mit Theo Lehmann Autor zahlreicher Lieder

Seine bekanntesten Lieder:

»Herzen, die kalt sind wie Hartgeld«

»Dass dein Wort in meinem Herzen starke Wurzeln schlägt«

»Wer Gott folgt, riskiert seine Träume«. Foto: privat

Stefan Körner


»Ein bodenständiger Mensch«

21. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Schriftsteller und Liedermacher Stephan Krawczyk über sein Verhältnis zu Luther

In der DDR sang Stephan Krawczyk unter dem Schutz der Kirchen seine regimekritischen Lieder. Heute nähert er sich dem Glaubensthema. Auf seiner neuen CD setzt er sich mit Martin Luther auseinander. Die Hintergründe erklärt er im ­Interview mit Uwe Birnstein.

Herr Krawczyk, was fasziniert Sie an Luther?
Krawczyk:
Am meisten seine Ausdruckskraft. Luther ist für mich in erster Linie ein Künstler. Er hat die Spannungen seiner Zeit ins Wort gebracht und sich damit auch Geltung verschafft und seinem Willen, die Welt gottgewollter zu gestalten, Nachdruck verliehen.

Stephan Krawczyk: »Luther ist für mich in erster Linie ein Künstler.« Foto: privat

Stephan Krawczyk: »Luther ist für mich in erster Linie ein Künstler.« Foto: privat

Wenn Sie sich Martin Luther vorstellen: Was für ein Mensch mag er gewesen sein?
Krawczyk:
Auf keinen Fall ein Mensch, der auf ein Denkmal wollte. Eher ein sehr bodenständiger Mensch. Mit einer sehr schönen Sinnlichkeit, die eben auch ihren sprachlichen Ausdruck gefunden hat. Man darf nicht vergessen, wo er herkam: aus einem Bauerngeschlecht. Diese Erdung hat er sein ganzes Leben lang bewahrt. Auch wenn er mit dem Kopf sehr, sehr oft im Himmel war. Vor allen Dingen hatte er wahrscheinlich auch eine sehr kräftige innere Stimme. Dass er auf sie gehört hat, davon haben wir heute noch was. Denn so konnte er sich eben auf diese wesentlichen Dinge konzentrieren, wie zum Beispiel der deutschen Sprache einen so schönen Sprachschatz zu verewiglichen, wie er das in der Übersetzung der Bibel getan hat.

»Luther war auf keinen Fall ein Mensch, der auf ein Denkmal wollte«

Würden Sie beide in einer Zeit leben – meinen Sie, Sie hätten mit ihm befreundet sein können?
Krawczyk:
Unbedingt, ich denke sogar, wir hätten zusammen gesungen oder wären zusammen aufgetreten. Damals zum Beispiel, 1985, als ich ­Berufsverbot hatte und Luther gerade mit dem Bannfluch belegt war, da standen wir ja auch zusammen in der Kirche, neben der Kanzel. Er wollte nicht hochgehen, weil ich sagte: »Nee, wir bleiben beede unten.« War ein ganz eindrucksvoller Auftritt. Unter anderem habe ich auch das Lied »Ich Martin Luther« gesungen, darin heißt es: »Es muss in jeder Zeit mindestens einen geben / sei es eine Frau, die ­widersteht, oder ein Mann.« Er hat in seiner Zeit widerstanden, ich in meiner Zeit widerstanden. Wenn die Zeit nicht dazwischenstünde, warum sollten wir nicht zusammen widerstehen?

Der Glaube spielt in Ihren bisherigen Liedern und Texte so gut wie keine Rolle – warum jetzt?
Krawczyk:
Ja, das stimmt, die Themen meiner Lieder waren weltlicher, aber ich spüre natürlich, jetzt, wo ich glücklicherweise älter geworden bin, dass neben der ganzen Wirklichkeit für den Einzelnen eine Kraft wirkt, für die ich erst jetzt Worte habe. Aber der große Zusammenhang, in dem wir leben mit Natur und Himmel und Erde und die Bewahrung dieser vorzüglichen Schöpfung, das war für mich schon immer Thema, auch zu DDR-Zeiten, wo das überhaupt noch nicht angesagt war. Mittlerweile spüre ich bei mir eine viel direktere Beziehung zu jener großen Kraft, die man auch Gott nennen kann.

»Ich glaube, dass Gott in uns wohnt«

Sind Sie ein gläubiger Mensch?
Krawczyk:
Das bin ich wohl, sonst würden mir wahrscheinlich nicht ­solche Zeilen einfallen, wie »Mit den Farben unserer Stunden malen wir ein Bild von Gott«. Ich glaube, dass Gott in uns wohnt und wir die Pflicht haben, ihm einen gotteswürdigen Klang zu verleihen. Wenn man akzeptiert, dass der Mensch eine Seele hat, dann ist der Schritt zum Glauben an Gott gar nicht mehr so groß. Und ich bin gespannt, wie sich das bei mir weiterentwickelt.

»erdverbunden, luftvermählt«: Wie kam es zu diesem Titel?
Krawczyk:
Ich wohne in Berlin-Neukölln und habe an meiner Parterrewohnung, Hinterhaus, so ein kleines Gärtchen dran. Und in dieser Wohnung lebe ich mit meinem Sohn Marvin, der ist sieben Jahre alt, zusammen. In diesem Gärtchen, da stehen zwei Birken. Und weil wir uns hier so wohl fühlen und die Birken zu uns ­gehören, wurden sie zum Gegenstand für ein Lied. In diesem Lied heißt es: »Wo ich wohne stehen die Birken wie ein Zeichen ihrer selbst, zwei mit fremden Eigennamen, erdverbunden, luftvermählt.«

Hör-Tipp:
Krawczyk, Stephan: erdverbunden, luftvermählt. Stephan Krawczyk und Martin Luther, CD, Hansisches Druck- und Verlagshaus, Spieldauer ca. 50 Minuten, ISBN 978-3-86921-094-0, 19,90 Euro