1989 kommt nicht ins Museum

15. Oktober 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Jubel, Appelle und Nachdenklichkeit – die Gedenkfeiern in Leipzig

Der Hauch der Geschichte: Rund 100000 Menschen waren am Abend des 9. November in Leipzigs Innenstadt auf den Beinen und erinnerten an »Leipzig ’89«. Foto: Uwe Winkler

Der Hauch der Geschichte: Rund 100000 Menschen waren am Abend des 9. November in Leipzigs Innenstadt auf den Beinen und erinnerten an »Leipzig ’89«. Foto: Uwe Winkler


Leipzig, 9. Oktober 2009: Wie 20 Jahre zuvor ist der Augustusplatz schwarz vor Menschen.

Dort wo sich der Platz zum mehrspurigen Innenstadtring öffnet, drängen sich weitere Menschenmassen Richtung Hauptbahnhof in einem Demonstrationszug für Demokratie. Es geht nur langsam voran. Nach
100 Metern versperrt ein mit brauner Plane überzogener Lkw den Weg. Laut hallt der Ruf »Wir sind das Volk« über den Köpfen. Auf dem Augustusplatz leuchtet ein aus Kerzen gelegter Schriftzug »Leipzig ’89«.

An diesem Abend wird hier nur erinnert. Vieles ist 20 Jahre danach anders als am 9. Oktober 1989, als in Leipzig 70000 Menschen nach Friedensgebeten für politische Selbstbestimmung und Freiheit demonstrierten. Die Demokratie muss nicht mehr erkämpft werden. Die Polizisten am Wegrand warten auf keinen Schießbefehl. Die Straße wird nicht erobert, denn der Innenstadtring ist bereits seit dem Nachmittag gesperrt, um zum Gedenken an die friedliche Revolution den Demonstranten vom 9. Oktober 1989, ihren Kindern und damals völlig Unbeteiligten bei einem Lichtfest die Route noch einmal möglich zu machen.

100000 Menschen nehmen das Angebot nach Polizeiangaben bis Mitternacht an. Sie laufen vorbei an den auf Wohnblöcke projizierten Schlagzeilen des einstigen SED-Organs »Leipziger Volkszeitung«: »Wie oft soll sich die Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung noch wiederholen.« Sie passieren den Bahnhof, wo ein bedrohliches, dumpf donnerndes Geräusch an die beklemmende Stimmung im Jahr 1989 erinnert.
Der Protestzug der 70000 von 1989 hat nach den Worten des Leipziger Oberbürgermeisters Burkhard Jung (SPD) »Weltgeschichte geschrieben«. Angesichts der Größe der Demonstration schritten die Sicherheitskräfte nicht wie zuvor in Berlin und Dresden ein. Die ­Demonstration gilt damit als mitentscheidend für das Ende der kommunis­tischen Diktatur in der DDR.

Dafür bekommt Leipzig am Freitag die Würdigung, die sich die Stadt so lange gewünscht hat. Bundespräsident Horst Köhler bedankt sich beim Festakt im Leipziger Gewandhaus bei den 70000 Demonstranten. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nickt zustimmend, applaudiert. Der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse, der noch amtierende Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (beide SPD) und der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) sitzen in den ersten Reihen des Gewandhauses neben den zu Helden ernannten Bürgerrechtler von damals: Werner Schulz (Grüne), Ex-Nikolaikirchenpfarrer Christian Führer, Tobias Hollitzer.

Doch der Gedenktag ist nicht nur ­Jubelfest und gegenseitiges Schulterklopfen. Bundespräsident Köhler spricht davon, dass man es den Demonstranten von damals »schuldig« sei, weiter an der deutschen Einheit und der Verwirklichung der Hoffnungen von 1989 zu arbeiten. Am Nachmittag präsentiert ein vierköpfiger Vorstand um den Ex-Nikolaikirchenpfarrer Führer die Gründungsurkunde für die »Stiftung Friedliche Revolution«, die sich im »Geist von 1989« weiter politisch bei Fragen der sozialen Gerechtigkeit, Diskriminierung und internationaler Konflikte einmischen will. Der stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Christoph Kähler, appelliert an die Menschen beim Gebet in der Nikolaikirche »Friedensboten« zu sein. »Wir wollen die friedliche Revolution nicht ins Museum stellen«, bringt es Christian Führer auf den Punkt.

Dazu ist es ohnehin zu früh. So stachelte der Mitbegründer des Neuen ­Forums, Werner Schulz, beim Festakt
am Freitag mit seiner Kritik an dem für Berlin und Leipzig geplanten Denkmal für die Ereignisse von 1989 die Debatte um die Auseinandersetzung mit der Geschichte wieder an. »Wir brauchen kein in Stein gemeißeltes Einheitsdenkmal«, sagte er und erntete dafür großen Beifall.

Von Corinna Buschow (epd)