Tummelplatz der Milizen

1. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Syrien: Schon längst ist der Bürgerkrieg zu einem Konflikt mit internationaler Beteiligung mutiert

Menschen aus etwa 50 Ländern dieser Erde, so die Erkenntnisse von ­Geheimdiensten, kämpfen inzwischen auf Seiten der Milizen in Syrien.

Erster Israeli im Kampf gegen Assad gefallen«, lautete die Schlagzeile in israelischen Medien am Vorabend des Laubhüttenfestes vor wenigen Tagen. Die arabische Familie Dschuma’ah aus Muschirfa, einem kleinen Dorf neben Umm al-Fahm im israelischen Wadi Ara, hatte eine Nachricht und das Bild von einem zerschossenen Leichnam aus Syrien bekommen. Die Familie glaubt, ihren Sohn Mu’eid eindeutig identifizieren zu können. Angesichts dieser und anderer Meldungen stellt sich die Frage: Wer kämpft da eigentlich in dem Bürgerkrieg, der bereits weit mehr als 120000 Menschen das Leben gekostet hat?

In Siegerstimmung: Kämpfer einer der unüberschaubaren Milizen der syrischen Opposition – aufgenommen vor wenigen Tagen in der Nähe von Kafr Nabuda. Foto: picture alliance

In Siegerstimmung: Kämpfer einer der unüberschaubaren Milizen der syrischen Opposition – aufgenommen vor wenigen Tagen in der Nähe von Kafr Nabuda. Foto: picture alliance

Das Regime von Präsident Baschar al-Assad wird in der eigenen Bevölkerung vor allem von einer Minder­heitenkoalition aus Alawiten, Drusen, Kurden, Christen und Schiiten gestützt. Hinzu kommen aber auch viele sunnitische Muslime. Diese sind zwar wenig begeistert von der Diktatur Assads, ziehen deren säkularen Charakter aber der radikal-islamischen Alternative, die sich am Horizont unverkennbar abzeichnet, vor. Aktiv im Kampf wird Assad zudem von der schiitischen Hisbollah aus dem Libanon und den Revolutionsgardisten aus dem Iran unterstützt. Dazu kommen noch säkular orientierte palästinensische Gruppierungen, wie etwa die Volksfront zur Befreiung Palästinas – Generalkommando (PFLP-GC). Auf der internationalen Bühne schließlich stehen neben dem Iran vor allem Russland und China hinter der syrischen Regierung, die sie auch massiv mit Rüstungsgütern unterstützen.
Gegen das syrische Regime unter Präsident Assad steht ein Konglomerat aus lose verbundenen und kaum koordinierten Milizen, die sich grob in drei Gruppierungen einteilen lassen:

Erstens gehört dazu die sogenannte »Freie Syrische Armee« (FSA), ein Zusammenschluss von Milizen, die sich wiederum aus desertierten Soldaten der syrischen Armee gebildet haben. Sie wollen ein vereintes, säkulares Syrien, wie es einmal war, allerdings ohne Assad. Der Islam ist definitiv nicht auf ihrer Agenda. Dies ist die Gruppe, die westliche Länder, allen voran die USA und die Europäer, gern unterstützen möchten.

Neben der FSA gibt es lokale Milizen, die in der sunnitischen Bevölkerung verwurzelt sind. Sie sind von der sunnitischen Ideologie der Muslimbruderschaft geprägt und streben einen normalen Staat an. Eventuell sehen sich dieser zweiten Gruppe eine ganze Reihe der eher islamistischen Palästinenserorganisationen, wie etwa die Hamas oder der Islamische Dschihad, verbunden. Die palästinensischen Flüchtlinge, die teilweise schon in vierter Generation in Syrien leben, haben zwar keine Staatsbürgerschaft, können Syrien aber auch nicht verlassen, weil niemand weltweit sie aufnehmen will.

Als dritte Gruppierung, die in vieler Hinsicht einen entscheidenden Einfluss auf den Fortgang der Ereignisse in Syrien ausübt, sind die »Internationalen Dschihadisten« erkennbar. Von Antiterrorexperten sind bisher Gruppen und Einzelpersonen aus Afghanistan, Ägypten, Australien, Bahrain, Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Indonesien, Irak, Irland, Israel, Jemen, Jordanien, Kuwait, Libanon, Libyen, Norwegen, Pakistan, Palästina, Russland, Somalia, Tunesien, Türkei, Tschetschenien, USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten identifiziert worden.

Man geht davon aus, dass am syrischen Bürgerkrieg Bürger aus etwa 50 Staaten aktiv beteiligt sind. Insofern ist es nicht ganz unrichtig, wenn Baschar al-Assad behauptet, der Krieg in seinem Land sei ein internationales Komplott, sein Regime zu stürzen. Somit stehen die etwa 200000 Soldaten, die nach wie vor dem Regime Assads loyal sind, vermutlich 100000 Kämpfern in schätzungsweise mehreren Hundert Milizen ganz unterschiedlicher Prägung, Ausbildung, Kampfstärke, Ideologie und Zielsetzung gegenüber.

In der dritten Gruppe sticht ein Verbund durch seine klare ideologische Zielsetzung, aber auch durch seine effektive Vorgehens- und Kampfesweise besonders heraus: die »Dschabhat al-Nusra li-Ahl asch-Scham«, was übersetzt so viel wie »Unterstützungsfront für das Volk von Großsyrien« bedeutet. Kurz wird die Organisation gemeinhin »Dschabhat al-Nusra« genannt.

Diese Gruppierung wird nicht selten als »al-Qaida-nahestehend« bezeichnet. Sie lehnt »Staaten« als eine westlich-kolonialistische Erfindung grundsätzlich ab – wie übrigens auch nicht wenige Ideologen der Hamas. Ihre Anhänger reden nicht von »Syrien«, sondern von »Asch-Schams«, einem Gebiet, das man als »Großsyrien« bezeichnen könnte, und das auch den Libanon, Israel und Jordanien umfasst. »Dschabhat al-Nusra« will die alawitischen »Götzenanbeter« beseitigen, sieht den Kampf gegen das jüdische Israel erklärterweise als nächsten Schritt und hat als Ziel die Verbreitung des Islam über die ganze Welt. Die Türkei unterstützte die »Al-Nusra-Front« in der Vergangenheit mehrfach mit Waffen.

Ob der israelische Inlandsgeheimdienst »Schin Bet« oder andere ­west­liche Polizei- und Geheimdienste: Keinem ist wohl bei dem Gedanken, dass Hunderte von Bürgern ihrer eigenen Länder in Syrien nicht nur ideologisch radikalisiert werden, sondern zudem eine praktische Ausbildung und Kampferfahrung erhalten.

Johannes Gerloff

Respekt vor dem anderen

30. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Pfarrerinnen und Pfarrer aus Mitteldeutschland gingen im Libanon der religiösen Vielfalt des Landes nach.
 
Pfarrerinnen und Pfarrer aus Mitteldeutschland bei Bischof Aram I. von der Armenisch-Apostolisch-Orthodoxe Kirche bei Beirut. (Foto: Konstantin Rost)

Pfarrerinnen und Pfarrer aus Mitteldeutschland bei Bischof Aram I. von der Armenisch-Apostolisch-Orthodoxe Kirche bei Beirut. (Foto: Konstantin Rost)

 
Theophilos George Saliba ist ein Meister der Gleichzeitigkeit. Der syrisch-orthodoxe Erzbischof thront an der Stirnseite seines Beiruter Audienzsaales und empfängt eine Gruppe von Pfarrerinnen und Pfarrern aus Mitteldeutschland. Groß ist Salibas Empfangsraum, und so ­findet am anderen Ende auch noch eine mittelgroße Trauergesellschaft Platz.

Zur Irritation deutscher »Eins-nach-dem-anderen-Mentalität« passiert nun alles gleichzeitig: Während Bischof Saliba die weinenden Frauen und Männer tröstet, hält er zugleich den deutschen Pfarrerinnen und ­Pfarrern einen Vortrag über die Situation seiner syrisch-orthodoxen ­Kirche.

»Die Türken werden bald auch Euch kochen«

»Wir sprechen noch Aramäisch, die Sprache unseres Herrn Jesus Christus«, verkündet Saliba, da klingelt plötzlich sein Handy und der Bischof telefoniert geschwind auf Arabisch. Den Deutschen erzählt er unterdessen im besten Englisch weiter von der leidvollen Geschichte der orthodoxen Syrer.

Von Unterdrückung und Benachteiligung weiß er zu berichten, durch die byzantinische Reichskirche im ersten Jahrtausend, später durch die Kreuzfahrer, aber vor allem durch die türkischen Moslems in der Zeit des Völkermordes an den Armeniern zu Beginn des 20. Jahrhunderts: »Unsere Mission ist das Martyrium«, ist er sicher.

Wie die armenischen Christen seien auch die syrischen Christen von den Türken verfolgt worden, einzig weil sie Christen waren. Saliba warnt auch die Deutschen eindringlich: »Passt auf, die vielen Türken in Deutschland werden bald auch Euch kochen, so wie uns!«

Ängste dieser Art hat Ramy Wannous nicht. »Der Islam ist für uns Christen keine Bedrohung«, beruhigt er seine deutschen Gäste. Denn Moslems und Christen lebten in dieser Gegend schon seit 1400 Jahren ­auskömmlich miteinander.

Für den Dozenten an der rum-orthodoxen Universität von Balamand stellen sich die Probleme anders dar: Bedrohlich sei nicht der Islam, sondern der Islamismus, also ein politisierter Islam. Aber die größte Schwierigkeit sei die Abwanderung der Christen aus dem Libanon, besonders seit dem Bürgerkrieg.

Vor allem die gut ausgebildeten jungen Menschen wollten nicht in ­einem Land leben, das so viele gewaltsame Konflikte kenne. »Viele suchen im Westen ihr Glück.«

Dort angekommen, würden sie oft gefragt, wann sie denn im Libanon zum Christentum konvertiert seien. Als Christ des Patriarchats von Antiochia ist Wannous entsetzt: »Uns gibt es hier, seit es Christen gibt.« Immerhin seien es die Anhänger Jesu in Antiochia gewesen, die in der Bibel zum ersten Mal als Christen bezeichnet wurden (Apostelgeschichte 11,26).

Brückenbauer zwischen Christen und Moslems

Anders als die uralten Kirchen des Orients haben sich missionierende protestantische Kirchen erst im 19. Jahrhundert im Nahen Osten angesiedelt. Einige davon bilden ihren Nachwuchs an der Near East School of Theology (NEST) im quirligen Beiruter Stadtteil Hamra aus. Hier wohnen Christen und Moslems seit jeher Tür an Tür.

»Wir wollen Brücken bauen zwischen islamischer und westlicher Welt«, erklärt George Sabra, Akademischer Leiter der theologischen Hochschule, den deutschen Geistlichen. Nach seiner Sicht verlaufen die Konfliktlinien der Gegenwart aber nicht in erster Linie zwischen Christen und Moslems, sondern eher innerhalb des Islam, nämlich zwischen Sunniten und Schiiten.

Ein Meister der Gleichzeitigkeit scheint Katholikos Aram I. nicht zu sein. Denn anders als sein Bischofskollege Saliba widmet sich der armenische Kirchenführer seinen deutschen Gästen mit ungeteilter Aufmerksamkeit und verzichtet auf ­zeitgleiche Trauerempfänge oder Telefonate.

»Libanon ist ein Land christlich-muslimischer Koexistenz«, versichert der Katholikos von Kilikien. Für ihn ist das Land der Zedern mit seiner religiösen Vielfalt einfach der ideale Ort, »Respekt zu lernen vor dem Anderssein des anderen.«

Konstantin Rost

Orthodoxe Kirchen im Libanon

Die Syrisch-Orthodoxe Kirche von Antiochien ist eine altorientalische ­Kirche, erwachsen aus dem altkirchlichen Patriarchat von Antiochia. Sie versteht sich nach der Urgemeinde in Jerusalem als die älteste christliche Kirche überhaupt.

Als Rum-Orthodoxe Kirche werden das autokephale (selbständige) ­orthodoxe Patriarchat von Antiochia und die ihm nachgeordneten Kirchen ­bezeichnet. Der Patriarch residiert heute in Damaskus. Diese Kirche hat viele ­Gemeinden im Ausland und gilt als »progressive« Kraft unter den orthodoxen Kirchen. So wird in Auslandsgemeinden im Gegensatz zu den meisten orthodoxen ­Kirchen oft die jeweilige Landessprache in der Liturgie verwendet.

Die Armenische Apostolische Orthodoxe Kirche ist eine altorientalische Kirche mit zwei Patriarchaten (Jerusalem, Konstantinopel). Sie führt ihre Existenz auf das Wirken der Apostel Judas Thaddäus und Bartholomäus zurück, die der Überlieferung nach in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts in Armenien gepredigt und Gemeinden gegründet haben und das Martyrium erlitten.

Gehen oder bleiben?

4. April 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Gottesdienst in der Beiruter Gemeinde der Kirche des Ostens - sie ist Anlaufpunkt für viele flüchtlinge aus dem Irak. Foto: privat

Gottesdienst in der Beiruter Gemeinde der Kirche des Ostens - sie ist Anlaufpunkt für viele flüchtlinge aus dem Irak. Foto: privat

Naher Osten: In der libanesischen Hauptstadt Beirut mühen sich Christen um Hilfe für Irak-Flüchtlinge.

Unterdrückung und Verfolgung, Krieg und Flüchtlingsströme sowie die Abwanderung junger Menschen ­prägen derzeit die Situation ­der Kirchen im Nahen Osten.

Es ist ein verregneter Sonntagmorgen. Wir beeilen uns, aus dem Taxi schnell in die Kirche zu kommen. Der Gottesdienst der Kirche des Ostens in Beirut ist schon in vollem Gange. Der Friedensgruß wird in diesen Tagen besonders wertvoll. Dieser wird durch jeden Gottesdienstbesucher mit geöffneten Händen empfangen, indem andere mit gefalteten Händen in die geöffnete Hand streichen. Es ist Gottes Friede, der hier weitergegeben wird. Und dieser Friede ist höher als menschliche Vernunft. Das hoffen und spüren viele der hier Anwesenden, unter ihnen zahlreiche Flüchtlinge aus dem Irak.

Nach dem Gottesdienst werden wir zum Frühstück eingeladen. Wir sitzen neben einer Flüchtlingsfamilie. Der Vater sagt: »Wir warten auf ein Visum. Wir wollen nach Australien.« In seinen Worten klingt eine Sehnsucht mit, denn es ist ein langes Warten in der Fremde auf eine neue fremde, aber hoffentlich friedliche Heimat. Für die kleine Gemeinde der Kirche des Ostens in Beirut sind die vielen Flüchtlinge eine immense Herausforderung. Aber Bischof Mar Meelis lässt sich nicht entmutigen: »Wir müssen etwas tun«, so der Bischof. »Um wenigstens die Wohnsituation zu verbessern und die Familien finanziell zu entlasten, wollen wir ein Wohnhaus für die irakischen Familien bauen, damit sie nicht auf die hohen Mieten des freien Wohnungsmarktes angewiesen sind.«

Besonders die Gebildeten verlassen ihre Heimat

Seit Jahren ist Migration ein Thema für die Christen im Nahen Osten. Immer wieder wird beklagt, dass gerade jun­ge, gebildete Menschen ihre Existenz fern von der Heimat aufbauen. Doch derzeit stellt sich die Situation drastischer denn je dar. Im Irak ist die Zahl der Christen in nur weinigen Jahren von 1,5 Millionen auf gerade mal 334000 zusammengeschrumpft – und sie sinkt weiter. Verstärkt werden Christen zur Zielscheibe islamistischer Übergriffe, weil sie beschuldigt werden, mit dem Westen zu kollaborieren.

Doch nicht nur im Irak ist die Situation dramatisch. Auch aus Ägypten werden immer wieder Übergriffe gemeldet. Es ist eine humanitäre und christentumsgeschichtliche Katastrophe, die sich da abzeichnet, wenn bedacht wird, dass dadurch die Traditionen der orientalischen Christenheit aus ihren Kerngebieten verschwinden. Betroffen sind neben Westsyrern, Kopten und Armeniern vor allem die im Irak verbreitete unabhängige Kirche des Ostens und die Kirchen orthodoxer Tradition, aber auch katholische und evangelische Christen.

Libanons Christen: »Wir leben auf einem Vulkan«
Der Libanon ist für die Flüchtlinge ein Hoffnungsschimmer, denn im Gegensatz zu den meisten Ländern des Nahen Ostens genießen die Christen dort die Freiheit, ihren christlichen Glauben ungehindert zu leben. Das politische System des religiösen Proporzes sichert ihnen politischen und gesellschaftlichen Einfluss zu. Obgleich viele kritische Stimmen sich dagegen aussprechen, bewahrt es doch vor politischen Einseitigkeiten.

Die stetigen Unruhen machen es aber auch den Christen im Libanon nicht leicht. Dr. Habib Badr, Pfarrer der National Evangelical Church in Beirut, verglich die Situation unlängst in einem Fachgespräch im Evangelischen Missionswerk Südwestdeutschlands mit einem Vulkan. »Auch wenn der Vulkan vielleicht gar nicht ausbrechen wird, so ist es trotzdem nicht angenehm, in einer solchen Situation zu leben.« Die Christen sind in ihrer Haltung gespalten. Oft gehen die Risse sogar durch die Familien. »Wir vermeiden, in der Familie über Politik zu sprechen«, so Dr. Jonny Awad, Professor an der Near East School of Theology Beirut. Aber dieses hilflose Schweigen lindert nicht die aktuelle Not von Christen der Region.

Eine Gruppe von Pfarrerinnen und Pfarrern der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland befindet sich derzeit im Libanon. Fester Programmpunkt der Studienreise ist auch ein Besuch der Kirche des Ostens in Beirut mit ­ihrer Flüchtlingsarbeit, wobei als ­Zeichen der Gemeinschaft auch eine Spende aus Deutschland überreicht werden soll. Gebet und Gabe kommen dann zusammen, damit menschliche Vernunft erhellt werde durch die, die größer ist. Friede sei den Christen im Nahen Osten.

Claudia Rammelt/Christian Kurzke/Holger Holtz

Auf Sichtweite – aber ohne Steinwurf

23. Oktober 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Hisbollah-Anhänger feiern den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad bei seinem Besuch an der libanesisch-israelischen Grenze mit einem Meer von gelben Hisbollah-Fahnen und iranischen Flaggen.  Foto: picture alliance/dpa/Nabil Mounzer

Hisbollah-Anhänger feiern den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad bei seinem Besuch an der libanesisch-israelischen Grenze mit einem Meer von gelben Hisbollah-Fahnen und iranischen Flaggen. Foto: picture alliance/dpa/Nabil Mounzer


Hintergrund: Ahmadinedschad im Libanon – oder das Ringen um die Führungsrolle in der islamischen Welt.

Geheimnisumwittert und vor allem spannungsgeladen war der Staatsbesuch des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad in der vergangenen Woche im Land der Zedern.

Von Johannes Gerloff (Jerusalem)

Das könnte einen Krieg auslösen«, unkte ein Beiruter Nah­ostexperte im Vorfeld. Dabei ging es gar nicht in erster Linie um den ewigen Zankapfel Israel. Wie schon bei der Affäre um die türkische Gaza-Hilfsflottille im Mai dieses Jahres stehen regionale Überlegungen und die Anstrengungen orientalischer Möchtegern-Großmächte, ihren Einflussbereich auszubauen, im Vordergrund.

Das Machtvakuum in der arabischen Welt ist mit Händen zu greifen. Syriens Baschar el-Assad ist es nie wirklich gelungen, die großen Stiefel seines Vaters auszufüllen. Der 82-jährige Ägypter Hosni Mubarak kämpft um seine Gesundheit, sucht einen Nachfolger und bemüht sich, die Hydra Muslimbruderschaft im eigenen Lande in Schach zu halten. Der Irak ist nach dem Sturz Saddam Husseins in sich zusammengebrochen. Vor diesem Hintergrund buhlen Ankara und Teheran um die Achtung der islamischen Welt. Der schiitische Halbmond, von Indien über Pakistan, den Iran und Syrien bis in den Südlibanon fordert die ihm seit Jahrhunderten verweigerte Ehre.

Und dann ist da seit Jahren ein ­innerlibanesischer Machtkampf, den der verlängerte Arm des Iran, die radikal-schiitische Hisbollah längst zu ­ihren Gunsten entscheiden konnte. Die einst so mächtigen christlichen Milizen des Zedernstaates sind verschwunden. Die Palästinenser, die einmal die einzige nichtjüdische Demokratie im Nahen Osten erfolgreich ausgehöhlt und zum Einsturz gebracht haben, sind erfolgreich neutralisiert. Warlords, wie der Druse Walid Dschumblat, haben keine militärischen Druckmittel mehr zur Hand.

Die libanesische Armee ist so schiitisch durchsetzt, dass sie der Hisbollah auf dem Weg zum Triumph keine Steine in den Weg legen wird, selbst wenn sie das wollte. Schon vor Jahren galten Genehmigungen ziviler Behörden, der Armee und des militärischen Geheimdienstes nichts im Vergleich zu einem Kopfnicken der allgegenwärtigen und fast allmächtigen Hisbollah. Die Befürchtung der USA, »die Hisbollah könnte die libanesische Souveränität untergraben«, hinkt der Realität um Jahre hinterher.

Besonders demütigend für libanesische Christen und muslimische Sun­niten gleichermaßen ist das Schick-
sal eines internationalen Tribunals, das den tödlichen Anschlag auf den ­libanesischen Regierungschef Rafik Hariri untersuchen soll. Der Sohn des schwerreichen Geschäftsmannes, Saad Hariri, der heute als Premier­minister des Libanon auf dem Platz seines Vaters sitzt, sieht sich unverhohlenen Drohungen ausgesetzt. Möglicherweise steckt die Hisbollah hinter dem Mord. Jetzt muss der junge Hariri mit den Hassern seines Vaters kooperieren.

»Wie ein Kommandeur, der seine Truppen inspiziert«
2006 hatte die israelische Luftwaffe die Hisbollah-Hochburg Dahia im ­Süden der libanesischen Hauptstadt Beirut in Schutt und Asche gelegt. Jetzt ließ sich der iranische Patron eben dort von Tausenden Hisbollah-Anhängern feiern. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah meldete sich in einer Videobotschaft aus seinem Versteck zu Wort. Einen Tag später hielt Ahmadinedschad eine Rede im südlibanesischen Bint e-Dschbeil, bei dem bis heute noch nicht unabhängig geklärt ist, ob der Schaden, den der Iran großzügig reparieren ließ, eine Folge israelischer Zerstörungswut oder von Explosionen unterirdischer Waffen­lager war, deren Ursprungsland wohl ebenfalls der Iran ist. »Die Zionisten werden verschwinden«, sagte der Iraner seinen Anhängern in Sichtweite des jüdischen Staates und überraschte mit dieser Prophetie weder Freund noch Feind. Bemerkenswert war die auffallende Abwesenheit libanesischer Flaggen bei diesen Massenversammlungen. Lediglich Hisbollah- und iranische Fahnen wurden geschwenkt.

Das offizielle Israel bemühte sich um Schweigen. Unüberhörbar war allerdings die Aussage, der Iran habe jetzt eine gemeinsame Grenze mit Israel. »Der iranische Präsident besucht den Libanon wie ein Kommandeur, der seine Truppen inspiziert«, meinte Yigal Palmor, Sprecher des israelischen Außenministeriums. Mindestens 40000 vom Iran gelieferte Raketen in Hisbollah-Händen bedrohen ­Israel – so schätzen israelische Sicherheitsexperten. Offiziell baten die Israelis die libanesische Regierung durch diplomatische Kanäle darum, jede Provokation zu unterlassen.

Ursprünglich wollte Ahmadinedschad bis an den israelischen Grenzzaun kommen, um einen Stein auf die israelischen Soldaten zu werfen. So jedenfalls wusste das die Gerüchteküche des Morgenlandes. Tatsache bleibt, dass mittlerweile jeder den Herrschaftsanspruch des Iran verstanden haben müsste. »Es gibt nur noch zwei Supermächte weltweit«, hatte Mahmud Ahmadinedschad schon vor Monaten erklärt: »die USA und den Iran.«