Lesen ist »in«, aber die wenigsten tun es

18. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Vom 18. bis 21. März findet die Leipziger Buchmesse statt. Ihr besonderes Anliegen ist es, Jugendliche für Bücher zu begeistern. Wie junge Leute zum Lesen stehen, dazu ein Interview mit dem Religionspädagogen Prof. Michael Domsgen.

Michael Domsgen ist Professor für Evangelische Religionspädagogik und Direktor des Instituts für Systematische Theologie, Praktische Theologie und Religionswissenschaf an der Universität in Halle, Foto: privat.

Michael Domsgen ist Professor für Evangelische Religionspädagogik und Direktor des Instituts für Systematische Theologie, Praktische Theologie und Religionswissenschaf an der Universität in Halle, Foto: privat.

Herr Prof. Domsgen, die heutige Jugend, so heißt es immer wieder, liest keine Bücher mehr, sondern sitzt nur noch vorm Computer. Stimmt dieses Klischee?
Domsgen:
Das stimmt so nicht. Allerdings muss man sich die jeweiligen Altersgruppen genauer ansehen. 50 Prozent der 12-/13-Jährigen lesen täglich oder mehrmals in der Woche ein bis mehrere Bücher. Insofern kann man nicht sagen, sie lesen gar nicht mehr. Aber wenn die Kinder älter werden nimmt die Bedeutung von PC und Internet zu.

Doch auch dann lesen sie, zwar keine Bücher, aber die Beschäftigung mit dem Computer, das Surfen im Internet heißt auch Lesen …
Domsgen:
Junge Leute lesen im Internet sogar lange Texte im Gegensatz zu Älteren. Jugendliche haben weniger Ressentiments, einen Text am PC online zu lesen, während bei Älteren das klassische Buch einen Vertrauensvorschuss hat.
Der Computer hat eine große Erfolgsgeschichte geschrieben. Vor allem mit der Entwicklung des Internets. Die Zahl der Internetzugänge hat sich sehr erhöht. Hier sind es vor ­allem die Jungen, die besondere Affinitäten haben zum PC, mehr als Mädchen, vornehmlich auch zum Spiel. Spiele am PC haben für Jungen eine viel höhere ­Bedeutung als für Mädchen.

Mit solchen Fakten sehen allerdings die Chancen für das klassische Buch schlecht aus …
Domsgen:
Ja, wir haben auch das ­Problem, dass die Anzahl der Bücher pro Haushalt abgenommen hat.

Dabei steht Lesen hoch im Kurs. Das Angebot der Buchhandlungen ist unermesslich …
Domsgen:
Die »Stiftung Lesen« hat ­einen interessanten Befund erhoben. Sie sagt: Die Deutschen finden es sehr wichtig, Bücher zu lesen, sie tun es aber nicht. Der grundlegende Befund ist, ungefähr jeder Vierte in der Gesamtbevölkerung liest nicht.
Wenn wir nun über Kinder und Jugendliche reden, müssen wir fragen, wie sie sozialisiert sind? Also ist es zum Beispiel überhaupt noch »in«, ein Buch geschenkt zu bekommen? Die »Stiftung Lesen« ist zu dem Ergebnis gekommen, dass Kinder weniger Bücher geschenkt bekommen.

Dabei haben wir einen ganz interessanten geschlechtsspezifischen Befund: Mädchen bekommen häufiger Bücher geschenkt als Jungen. Damit deutet sich schon an, was dann später deutlich wird: Frauen lesen mehr als Männer.
Ein anderer wichtiger Punkt ist der Bildungsfaktor. Wir können ­relativ ­genau sagen, dass diejenigen, die die mittlere Reife oder das Abitur haben, mehr lesen als diejenigen, die den Hauptschulabschluss haben. Dasselbe gilt übrigens auch für die Sozialisation. Kinder, deren Eltern Hauptschulabschluss haben, lesen weniger und bekommen auch weniger Bücher geschenkt als Kinder, deren Eltern mittlere Reife oder Abitur haben.

Müssen die Fakten als ­gegeben hingenommen werden oder lässt sich das Medienverhalten verändern
Domsgen:
Wenn wir uns für die Kinder interessieren, müssen wir deren Familien in den Blick nehmen. Das heißt, wenn wir wollen, dass Kinder und Jugendliche mehr lesen, müssten wir versuchen, ihren Eltern das Lesen schmackhaft zu machen. Nur ist das schwierig, weil es keine Möglichkeit gibt, direkt in die Familien einzugreifen. So bleibt nur, ein anregendes Umfeld zu schaffen.
Ich denke, es wäre wichtig, dass in Kindergärten und Schulen mehr vorgelesen wird. Nicht nur unter dem Gesichtspunkt des verwertenden Lesens, weil bestimmte Aufgaben gelöst werden müssen, sondern weil Kinder Freude daran haben. Die meisten Kinder lassen sich gern etwas vorlesen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass jemand, der sich gern etwas vorlesen lässt, später dann auch selber gern mal zum Buch greift.

Wenn sich das Interesse an Büchern so in Grenzen hält, was heißt das für den christlichen Glauben, der eine Buchreligion ist?
Domsgen:
Die Frage, wie wir die Leute allgemein zum Lesen motivieren können, ist schon eine schwierige Frage. Eine noch schwierigere ist die nach dem Lesen der Bibel.

Es ist ernst zu nehmen, wenn die Urkunde des christlichen Glaubens, die Bibel, nicht gelesen wird. Auf der anderen Seite ist das historisch gesehen kein neuer Befund. Die längste Zeit hat sich das Christentum eben nicht über das Lesen der Bibel tradiert, sondern über bestimmte Rituale, über Erzählungen, über Bilder. Bis zur Reformation konnten die meisten Leute gar nicht lesen, es fehlte ihnen die Zugangsvoraussetzung für das Lesen der Heiligen Schrift. Dieser Befund kann uns dazu verhelfen, die Entwicklung etwas gelassener zu betrachten. Trotzdem bleibt die Herausforderung, Zugänge zur Bibel zu eröffnen. Dabei stellen sich neue Aufgaben. Heute steht die Bibel in einer ungeahnten Konkurrenz. Bibeldidaktisch ist das schwierig aufzufangen. Wir haben natürlich spannende Geschichten in der Bibel, die wir auch erzählen wollen, aber die bekommen Konkurrenz durch den großen Medienmarkt. In dieser Situation kommt es umso mehr auf Menschen an, die die Bibel so ­erschließen können, dass die darin verdichteten Erfahrungen zur Sprache kommen können.

Welche Rolle kann hier der Reli­gionsunterricht spielen?
Domsgen:
Das Fach Religion hat eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Die meisten Kinder kennen biblische Geschichten aus dem Religionsunterricht. Allerdings stellen Lehrerinnen und Lehrer immer wieder fest, dass das Arbeiten mit der Bibel nicht ­einfach ist. Das hat verschiedene ­Ursachen. Mitunter liegt es an der ­Methodik.
Andererseits erschließt sich die Bedeutung biblischer Geschichten nicht immer unmittelbar. Es sind Erläuterungen nötig und vor allem ­werden Menschen gebraucht, die die Relevanz biblischer Geschichten für sich entdeckt haben und sie dementsprechend deutlich machen können. Dabei ist wichtig, dass die Bibel nicht nur als Text behandelt wird, sondern die dahinter stehende Erfahrung zur Sprache kommt. Entscheidend ist es, den Kindern und Jugendlichen zu der Einsicht zu verhelfen, dass die biblischen Geschichten etwas mit ihnen selbst und mit ihrem Leben zu tun ­haben. Die biblische Botschaft und das Leben der Kinder sind also wechselseitig zu erschließen.

Das Gespräch führte Sabine Kuschel.

Prof. Michael Domsgen ist auf der Leipziger Buchmesse Gast bei einer Podiumsdiskussion zum Thema »Religiosität und Medienverhalten junger Menschen« Zeit: Freitag 19. März, 17 Uhr; Ort: Halle 3, Stand A 200, Leseinsel Religion