Bauchtanz unter der Lutherrose

25. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Indien: Der Apostel Thomas soll einst das Christentum gebracht haben – heute kämpfen Christen gegen das Kastenwesen


Zwischen Hindus und Muslimen leben in Indien auch drei Prozent Christen, darunter die Tamilische Evangelisch-Lutherische Kirche in Südindien.

Der »ungläubige« Thomas wehrte sich mit Händen und Füßen gegen seinen Auftrag, zur Missionsreise nach Indien aufzubrechen. Bis der auferstandene Christus persönlich eingreift und kurzen Prozess macht: Er verkauft seinen Apostel im Handumdrehen an einen indischen Sklavenhändler und sorgt so dafür, dass Thomas nach Indien kommt. Und mit ihm das Christentum.

Diese etwas skurrile Geschichte eröffnet die sogenannten Thomasakten, einen christlichen Text aus dem frühen dritten Jahrhundert, der aus gutem Grund nicht im Neuen Testament steht. Und doch sind die Erzählungen vom Apostel Thomas und seiner Indienmission für Christen auf dem Subkontinent der Anfang von allem. Thomas, so sagen sie, hätten sie es nämlich zu verdanken, dass im Land der Götter Brahma, Shiva und Vishnu Menschen auch an Jesus Christus glauben.

Lutherchoral und Bauchtanz sind keine Gegensätze im Gemeindeleben der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Südindien. – Foto: Konstantin Rost

Lutherchoral und Bauchtanz sind keine Gegensätze im Gemeindeleben der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Südindien. – Foto: Konstantin Rost

Und das tun heute mindestens drei Prozent der indischen Bevölkerung. Eine Minderheit nur, zwischen Hindus, Buddhisten und Moslems, aber so bunt wie das Land selbst: Neben den Thomas-Christen tummeln sich Orthodoxe, Katholiken, Anglikaner, Baptisten, Presbyterianer und Pfingstler. Lutheraner gibt es auch, seit zu Beginn des 18. Jahrhunderts August Hermann Francke von Halle aus Missionare nach Südindien geschickt hat. Heute finden sich lebendige lutherische Gemeinden in ganz Indien. Zu ihnen gehört auch die Tamilische Evangelisch-Lutherische Kirche in Südindien, Partnerkirche des Leipziger Missionswerkes.

Unter Palmen, bei 35 Grad im Schatten und einer Luftfeuchtigkeit wie im Treibhaus, klingt »Ein feste Burg ist unser Gott« auf Tamil mehr als ungewohnt in deutschen Ohren. In der Peniel-Church in Chennai, dem ehemaligen Madras, singen die Menschen den Choral aus vollem Herzen. »Unsere Gemeinde wächst«, freut sich Pastor Davis Jeyakar. »Wir sind eine junge Gemeinde.« Das ist offensichtlich: In der Kirche sitzen Kinder in den ersten Reihen, zwei Jungen spielen Geige, Mädchen und Frauen in blauen Saris stimmen Lieder an, Mütter mit ihren Neugeborenen blättern in der Bibel.

Jeden Sonntag ist die Kirche voll, es wird gesungen, gebetet, miteinander gefeiert. Und getanzt. Denn gleich nach dem Gottesdienst bringt sich die Tanzgruppe in Stellung, Jungen und Mädchen tanzen unter der Lutherrose. »Tanzen können wie die Großen im Kino – davon träumen nicht nur die Kleinen. Und das können sie bei uns lernen«, sagt Pastor Jeyakar. Beten und diskutieren, feiern und einander helfen, tanzen und singen – in der Kirche hat all das seinen Platz. Kein Wunder, dass für viele der Sonntagvormittag der Höhepunkt der Woche ist.

Doch auch an den normalen Wochentagen haben die Christen Südindiens alle Hände voll zu tun. »Wir bekämpfen das Kastensystem«, sagt H. A. Martin, Bischof der Evangelisch-Tamilischen Kirche. Er selbst gehört zu den Kastenlosen, wie 80 Prozent seiner Gemeindeglieder. »Indien ist stark hierarchisch«, erklärt er. »Hier gibt es höhere und niedere Kasten, in die du hineingeboren bist. Wenn du zu gar keiner Kaste gehörst, hast du Pech: Dann behandeln dich die anderen oft wie den letzten Dreck«, sagt er und fügt hinzu: »Aber Gott macht keinen Unterschied. Jeder Mensch hat den gleichen Wert!« Und so kümmern sich die christlichen Gemeinden in sozialen Projekten, in Schulen und in den Slums mit viel Liebe um die Kastenlosen.

»Incredible India« – »unglaubliches Indien«, so lockt ein Werbespot Touristen ins Land. Unglaublich ist in Indien vieles, es ist ein Land von unendlicher Buntheit und immenser Gegensätze. Eines aber ist das unglaubliche Indien auf keinen Fall – ungläubig! Ein Inder ohne direkten Draht zum Himmel – unvorstellbar! Denn in Indien gehört Religion zum Leben wie die Luft zum Atmen. Ob als Hindu, ob als Moslem, ob als Buddhist oder Christ – hier fängt selbst der ungläubigste Thomas an zu glauben.

Konstantin Rost

Im Frühjahr dieses Jahres besuchte eine Gruppe von Pfarrerinnen und Pfarrern aus Mitteldeutschland die Tamilische Evangelisch-Lutherische Kirche in Südindien. Veranstaltet wurde die Studienreise vom Pastoralkolleg der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und dem Leipziger Missionswerk.

www.lmw-mission.de

Partnerschaft auf Augenhöhe

27. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Mission heute: Hans-Georg Tannhäuser ist im Leipziger Missionswerk neuer Referent für Papua-Neuguinea

Die protestantische Kirche in Papua-Neuguinea ist nicht zuletzt durch deutsche Missionare entstanden. Heute hat das Leipziger Missionswerk (LMW) feste Verbindungen in das Pazifikland.

Aidsaufklärung gehört zu den sozialdiakonischen Projekten der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Papua-Neuguinea, Unterstützung kommt dazu auch aus Leipzig. 	Fotos: LMW

Aidsaufklärung gehört zu den sozialdiakonischen Projekten der Evangelisch-Lutherischen Kirche von Papua-Neuguinea, Unterstützung kommt dazu auch aus Leipzig. Fotos: LMW

Seit November des vergangenen Jahres ist der sächsische Pfarrer Hans-Georg Tannhäuser als neuer Referent für Papua-Neuguinea beim Leipziger Missionswerk tätig. Zu dem seit 1975 unabhängigen Land hat der 1958 im vogtländischen Klingenthal Geborene allerdings schon länger gute Beziehungen. Immerhin war er von 1994 bis 1998 als Missionar des LMW im südlichen Hochland des Landes tätig. Nicht als Missionar im klassischen Sinne, der mit der Bibel in der Hand Heiden bekehrt und zugleich die westliche Kultur verbreitet. Vielmehr unterstützte Tannhäuser die Aus- und Weiterbildung einheimischer Christen innerhalb der örtlichen LMW-Partnerkirche.

Zur Partnerkirche, der Evangelisch-Lutherische Kirche von Papua-Neuguinea (Evangelical Lutheran Church of Papua New Guinea – ELC-PNG), gehören rund eine Million der insgesamt etwa 5,9 Millionen Einwohner. Sie ist damit die größte lutherische Kirche Asiens und gehört seit 1976 zum ­Lutherischen Weltbund. Ihr Einfluss in der Gesellschaft sei hoch und ihr ­öffentlicher Ruf gut, berichtet Tannhäuser. Das hänge damit zusammen, dass sich die ELC-PNG durch sozial-diakonische Projekte stark für gesellschaftliche Belange und Probleme engagiert.

Insgesamt rechnet man, dass heute ca. 60 Prozent der Bevölkerung protestantischen Kirchen angehören. Rund 30 Prozent gehören zur katho­lischen Kirche. Im Gegensatz zu ­mancher Kritik aus den nördlichen Ländern, in der Mission als »kulturzerstörend« gesehen wird, sähen die Papua-Neuguineer diese erfolgreiche Glaubensverbreitung überaus positiv, berichtet Tannhäuser. Sie habe einen wichtigen Beitrag zur Gemeinschaftsbildung im Lande geleistet. Denn die Gesellschaft besteht bis heute aus fast 800 unterschiedlichen Ethnien mit fast ebenso vielen Sprachen. Ein ­ungesunder Ahnenglaube, Angst vor bösen Geistern und eine Kultur der gegenseitigen Rache seien der Grund für die selbst gewählte Isolation von Clans und Stämmen in den Tälern ­gewesen, so Tannhäuser. Der andere Stamm, das andere Dorf wurde als Feind, als Konkurrent gesehen. Für das Zurückdrängen dieser Kultur durch das Christentum und dessen Sicht des Nächsten als gottgeliebten Menschen und Bruder seien die Einheimischen bis heute dankbar.

»Eine echte Partnerschaft auf Augenhöhe leben«, nennt der Referent denn auch als Leitbild der weiteren Hilfe des LMW für die Partner­kirche. Ein Schwerpunkt wird dabei in den nächsten Jahren die Aus- und Weiterbildung bleiben. Sechs Ausbildungsstellen der Partnerkirche, in denen Pfarrer, Jugendarbeiter und Mitarbeiterinnen für die Frauenarbeit geschult werden, erhalten konkrete Förderung. »Technik im Dienst des Evangeliums« heißt ein weiterer Schwerpunkt, bei dem es vor allem um Unterstützung im Computerbereich geht. Mit Robert Vogel ist seit rund zwei Jahren ein junger sächsischer IT-Techniker im Land tätig, da auch in Papua-Neuguinea die Vernetzung von Projekten und Mitarbeitern über das Internet immer wichtiger wird. Und bei dem besonders von sächsischen Christen unterstützten Projekt »Solarlampen für Hochgebirgsdörfer« fühlt sich das Missionswerk auch nach Abschluss für die Folgekosten verantwortlich. Dazu gehöre etwa der Austausch defekter Akkumulatoren.

Doch Partnerschaft ist keine Einbahnstraße. Die Leipziger erwarten deshalb im kommenden Jahr Besuch aus verschiedenen Partnerländern, auch aus »PNG«. Im Rahmen des Projektes »Mission to the North« werden die Gäste zum 175-jährigen Bestehen des LMW im Jahr 2011 einen Blick hinter die Kulissen der deutschen Kirchen werfen und ihre Beobachtungen und Erfahrungen zum Thema Mission einbringen. »Da können wir mit Sicherheit viel lernen«, ist Tannhäuser überzeugt.

Harald Krille

www.lmw-mission.de