Ratgeber und Lebenshilfe

25. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Christliche Verlage auf der Leipziger Buchmesse

Ratgeber und Lebenshilfe – mit diesen zwei Stichworten lassen sich die Schwerpunkte der christlichen Verlage beschreiben. Etwa 50, so Renate Nolte, Geschäftsführerin der Vereinigung Evangelischer Buchhändler und Verleger, stellten ihr Programm auf der Leipziger Buchmesse vor. Dass ihre Themen auf ein reges Publikumsinteresse treffen, dafür war auch die Leseinsel Religion, wo im Halbstunden- oder Stundentakt zu Lesungen, Gesprächen und Diskussionen eingeladen wurde, ein Gradmesser.

Neben der Lebenshilfe und Ratgeberliteratur macht Winfried Kuhn, Vertriebsleiter des SCM-Verlages einen weiteren großen Trend aus: Titel, die sich mit dem Übernatürlichen wie Himmel und Hölle auseinandersetzen. Ein entsprechendes Buch präsentierte Carsten »Storch« Schmelzer: »Hölle. Der Blick in den Abgrund«.

Stand des Oldenburg Verlags auf der Leipziger Buchmesse. – Foto: epd-bild

Stand des Oldenburg Verlags auf der Leipziger Buchmesse. – Foto: epd-bild

Organe spenden – ja oder nein? Der Wichern Verlag greift eine sehr aktuelle Frage auf, die in dem neuen Buch »Zweites Leben« differenziert erörtert wird. Die Autorinnen und Autoren legen ihre unterschiedlichen Standpunkte zu dem Thema dar. Eine Theologin erzählt, warum sie weder ein Organ gespendet bekommen noch selber spenden will. Ein Theologie-Professor denkt darüber nach, wie eine Organentnahme sich auf die Auferstehung auswirken könnte. Und eine Philosophin plädiert gegen ein Ja und ein Nein zur Organspende.

»Trends werden von den Medien, allen voran vom Fernsehen gesetzt«. Für religiöse Verlage hingegen sei es schwer, Entwicklungen auf dem Buchmarkt zu beeinflussen, meint Reiner Morbitzer, Vertriebsleiter der Verlagsgruppe Patmos. Gleichwohl gibt es christliche Titel, die es auf die Bestsellerlisten schaffen. »Sehnsucht nach Leben« von Margot Käßmann und »Samuel Koch – zwei Leben«, beide im adeo Verlag erschienen, gehören zu den Büchern, die reißenden Absatz finden.

Der adeo Verlag ist ein vor zweieinhalb Jahren gegründetes Imprint von Gerth Medien , erklärt Esther Becker, Assistentin des Vertriebsleiters bei Gerth Medien. Die Titel von adeo hätten vorrangig ein kirchenfernes Publikum im Blick, während Gerth Medien sich bewusst an einer christlichen Leserschaft orientiere. Gerth Medien lege den Schwerpunkt auf Romane mit religiösem Inhalt sowie auf Sachbücher, adeo konzentriere sich auf Biografien, in denen Menschen erzählen, wie sie mit schweren Schicksalsschlägen fertig werden – Themen, die beim Publikum gut ankommen, so Becker. Dank der Publikationen von adeo erhöhe sich auch der Bekanntheitsgrad von Gerth Medien, dessen Kundenkreis kleiner sei als der von adeo. Eines der neuesten Bücher heißt »Mirco. Verlieren. Verzweifeln. Verzeihen«. Mirco, zehnjährig, verschwindet im September 2010 auf dem Heimweg von der Skaterbahn. 145 Tagen hoffen, bangen und beten seine Eltern. Knapp fünf Monate nach seinem Verschwinden wird das ermordete Kind schließlich entdeckt. In diesem Buch erzählen Mircos Eltern, Sandra und Reinhard Schlitter, wie es ihnen gelingt, das fruchtbare Geschehen zu bewältigen. Sie beschreiben ihr Leben mit Mirco, sie sprechen von ihrer Verzweiflung und ihrem Glauben an Gott, von der Hilfe und Begleitung, die sie durch andere Menschen erfahren. Sie finden schließlich die Kraft, für den Täter um Vergebung zu bitten.

Über Lebenshilfe und Ratgeber hinaus beobachtet Reiner Morbitzer von der Patmos Verlagsgruppe noch einen weiteren Trend: das Geld. Nach der Erfahrung des Vertriebsleiter wird beim Bücherkauf mehr auf den Preis geachtet. Bücher, die mehr als 20 Euro kosten, hätten es schwer, meint er. Morbitzer weist auf die »KleineundGroßeLeuteBibel«, deren Preis anfangs mit 24,99 Euro festgelegt war und damit keine Chance auf Absatz hatte. Seitdem der Preis jedoch auf 14,99 Euro gesenkt sei, verkaufe sich die Kinderbibel gut, so Morbitzer.

Sabine Kuschel

Ein Jahr ist purer Luxus

21. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Wolfgang Herrndorf gilt als Favorit für den Preis der Leipziger Buchmesse

Er ist bereits vor der Eröffnung der Buchmesse der Liebling des Publikums. Ein Liebling, der selbst täglich gegen den Tod anschreibt.
Es ist der Traum vieler Schriftsteller: hohe Buchauflagen, zahllose Buchpreise, Anerkennung und Möglichkeiten. Für den 47-jährigen Berliner Autor Wolfgang Herrndorf ist solch ein Traum wahr geworden.

Mit seinem Jugendroman »Tschick« stand er im vergangenen Jahr monatelang auf der Bestsellerliste. Und sein aktuelles Buch »Sand« ist kaum weniger gefragt und abermals nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse.

Schreiben und Lesen als Lebenselixier: Wolfgang Herrndorf lebt im Angesicht des Todes »so, wie ich immer hätte leben sollen«. Foto: Mathias Mainholz

Schreiben und Lesen als Lebenselixier: Wolfgang Herrndorf lebt im Angesicht des Todes »so, wie ich immer hätte leben sollen«. Foto: Mathias Mainholz

Und doch grenzt dieser Traum für Herrndorf auch an einen Albtraum. »Jetzt könnte ich sechsstellige Summen verdienen, und es gibt nichts, was mir egaler wäre«, schreibt er in seinem Internet-Tagebuch. Vor zwei Jahren wurde bei Wolfgang Herrndorf ein bösartiger Gehirntumor diagnostiziert. Seither lebt er mit einer schmal gewordenen Frist. Doch Herrndorf will sich nicht ergeben, nicht aufgeben, will noch etwas von der Welt in ihm nach draußen geben.

Immer wieder errechnet er mit Statistiken die verbleibende Zeit, überlegt, ob sie noch ausreicht. »Ich werde noch ein Buch schreiben, sage ich mir, egal wie lange ich noch habe, wenn ich noch einen Monat habe, schreibe ich eben jeden Tag ein Kapitel. Wenn ich drei Monate habe, wird es ordentlich durchgearbeitet, ein Jahr ist purer Luxus.«

Herrndorf zwingt sich in die Gegenwart, ohne Blick zurück, ohne Blick voraus. Er schreibt mit einer unglaublichen Energie. Und findet darin das, was ihn am Leben erhält: »Arbeit und Struktur« – so auch der Titel seines Tagebuchs. Findet er darin nicht sogar Erfüllung? »Ich lebe so, wie ich immer hätte leben sollen. Und es nie getan habe, außer vielleicht als Kind«, bilanzierte er vor einem Jahr.

Es ist, als vermesse dieser Mann in seinen sogenannten besten Jahren nicht wie üblich die satte Breite und Länge des Lebens, sondern seine Tiefe. Alles kommt auf den Prüfstand: Ist es Zeitverschwendung, ist es wesentlich? Konventionen und alles, was man angeblich wissen oder gelesen haben muss, wird nachrangig. »Ich sterbe, und du erzählst mir ungefragt deinen ganzen nicht enden wollenden, langweiligen Lebenslauf«, schrieb Herrndorf vor vier Monaten über ein »Mädchen auf irgendeiner Party«.

Ein Lebenselixier ist für ihn nicht nur das Schreiben, sondern auch das Lesen. »Existenziellen Trost« finde er im Teilnehmen an einem anderen Dasein, am Bewusstsein von Menschen, wie es in der Lektüre »großer Erzählungen« geschehe. Dostojewskis und Hesses Bücher gehören für ihn dazu.

Doch Wolfgang Herrndorf verschont den Leser nicht mit den Tiefpunkten. Da ist die Angst, die immer wieder angekrochen kommt. »Die Nächte sind schön und leicht zu ­er­tragen. Jeder Morgen ist die Hölle.«

Er beschreibt Panikattacken, epileptische Anfälle, die ihn stumm machen und Stimmen hören lassen und die Welt aufzulösen scheinen. Seine größte Angst: Irgendwann nicht mehr Herr im eigenen Haus zu sein.

Zum Rettungsanker wird ihm die Vorstellung des selbstbestimmten Sterbens, er nennt es »Exitstrategie«. Wie Hohn erscheinen ihm Worte Margot Käßmanns, die eine Gefahr im »zur Verfügung gestellten effektiven Tod« sieht. »Mitleiderregende Dummheit« kann Herrnsdorf diese wohlfeilen Worte nur nennen.

Es gibt für ihn offenbar so etwas wie Beruhigung der Angst durch Einwilligung. Und so entstehen Momente, in denen er das Glück im Leben und das Glück im Tod sehen kann: Glück ist pulsierendes Leben. Glück ist, zum Ende zu kommen.

Einmal ist Herrndorf fähig zu einer Liste von Dingen, die besser geworden sind: »Nie wieder Steuererklärung, nie wieder Rentenversicherung, nie wieder Zahnarzt. Ich werde meine Eltern nicht zu Grabe tragen.«

Als Geschenk kann man Herrndorfs brillante Romane begreifen. Ein Geschenk ist aber auch sein Tagebuch, seine Sicht auf das Leben, die die vielen kleinen Tode im Leben entlarvt. Er zeigt die Möglichkeiten des Lebens:

»Ich will mein Leben tanzen / Ihr Lächeln, das ich nie vergessen werde / Wenn sie lachte, hatte ich Hoffnung / Einladung in den Himmel / Flieg mit den Vögeln / Mutti, ich hab’ noch nicht Tschüss gesagt.«

Stefan Seidel

www.wolfgang-herrndorf.de

Lesen ist »in«, aber die wenigsten tun es

18. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Vom 18. bis 21. März findet die Leipziger Buchmesse statt. Ihr besonderes Anliegen ist es, Jugendliche für Bücher zu begeistern. Wie junge Leute zum Lesen stehen, dazu ein Interview mit dem Religionspädagogen Prof. Michael Domsgen.

Michael Domsgen ist Professor für Evangelische Religionspädagogik und Direktor des Instituts für Systematische Theologie, Praktische Theologie und Religionswissenschaf an der Universität in Halle, Foto: privat.

Michael Domsgen ist Professor für Evangelische Religionspädagogik und Direktor des Instituts für Systematische Theologie, Praktische Theologie und Religionswissenschaf an der Universität in Halle, Foto: privat.

Herr Prof. Domsgen, die heutige Jugend, so heißt es immer wieder, liest keine Bücher mehr, sondern sitzt nur noch vorm Computer. Stimmt dieses Klischee?
Domsgen:
Das stimmt so nicht. Allerdings muss man sich die jeweiligen Altersgruppen genauer ansehen. 50 Prozent der 12-/13-Jährigen lesen täglich oder mehrmals in der Woche ein bis mehrere Bücher. Insofern kann man nicht sagen, sie lesen gar nicht mehr. Aber wenn die Kinder älter werden nimmt die Bedeutung von PC und Internet zu.

Doch auch dann lesen sie, zwar keine Bücher, aber die Beschäftigung mit dem Computer, das Surfen im Internet heißt auch Lesen …
Domsgen:
Junge Leute lesen im Internet sogar lange Texte im Gegensatz zu Älteren. Jugendliche haben weniger Ressentiments, einen Text am PC online zu lesen, während bei Älteren das klassische Buch einen Vertrauensvorschuss hat.
Der Computer hat eine große Erfolgsgeschichte geschrieben. Vor allem mit der Entwicklung des Internets. Die Zahl der Internetzugänge hat sich sehr erhöht. Hier sind es vor ­allem die Jungen, die besondere Affinitäten haben zum PC, mehr als Mädchen, vornehmlich auch zum Spiel. Spiele am PC haben für Jungen eine viel höhere ­Bedeutung als für Mädchen.

Mit solchen Fakten sehen allerdings die Chancen für das klassische Buch schlecht aus …
Domsgen:
Ja, wir haben auch das ­Problem, dass die Anzahl der Bücher pro Haushalt abgenommen hat.

Dabei steht Lesen hoch im Kurs. Das Angebot der Buchhandlungen ist unermesslich …
Domsgen:
Die »Stiftung Lesen« hat ­einen interessanten Befund erhoben. Sie sagt: Die Deutschen finden es sehr wichtig, Bücher zu lesen, sie tun es aber nicht. Der grundlegende Befund ist, ungefähr jeder Vierte in der Gesamtbevölkerung liest nicht.
Wenn wir nun über Kinder und Jugendliche reden, müssen wir fragen, wie sie sozialisiert sind? Also ist es zum Beispiel überhaupt noch »in«, ein Buch geschenkt zu bekommen? Die »Stiftung Lesen« ist zu dem Ergebnis gekommen, dass Kinder weniger Bücher geschenkt bekommen.

Dabei haben wir einen ganz interessanten geschlechtsspezifischen Befund: Mädchen bekommen häufiger Bücher geschenkt als Jungen. Damit deutet sich schon an, was dann später deutlich wird: Frauen lesen mehr als Männer.
Ein anderer wichtiger Punkt ist der Bildungsfaktor. Wir können ­relativ ­genau sagen, dass diejenigen, die die mittlere Reife oder das Abitur haben, mehr lesen als diejenigen, die den Hauptschulabschluss haben. Dasselbe gilt übrigens auch für die Sozialisation. Kinder, deren Eltern Hauptschulabschluss haben, lesen weniger und bekommen auch weniger Bücher geschenkt als Kinder, deren Eltern mittlere Reife oder Abitur haben.

Müssen die Fakten als ­gegeben hingenommen werden oder lässt sich das Medienverhalten verändern
Domsgen:
Wenn wir uns für die Kinder interessieren, müssen wir deren Familien in den Blick nehmen. Das heißt, wenn wir wollen, dass Kinder und Jugendliche mehr lesen, müssten wir versuchen, ihren Eltern das Lesen schmackhaft zu machen. Nur ist das schwierig, weil es keine Möglichkeit gibt, direkt in die Familien einzugreifen. So bleibt nur, ein anregendes Umfeld zu schaffen.
Ich denke, es wäre wichtig, dass in Kindergärten und Schulen mehr vorgelesen wird. Nicht nur unter dem Gesichtspunkt des verwertenden Lesens, weil bestimmte Aufgaben gelöst werden müssen, sondern weil Kinder Freude daran haben. Die meisten Kinder lassen sich gern etwas vorlesen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass jemand, der sich gern etwas vorlesen lässt, später dann auch selber gern mal zum Buch greift.

Wenn sich das Interesse an Büchern so in Grenzen hält, was heißt das für den christlichen Glauben, der eine Buchreligion ist?
Domsgen:
Die Frage, wie wir die Leute allgemein zum Lesen motivieren können, ist schon eine schwierige Frage. Eine noch schwierigere ist die nach dem Lesen der Bibel.

Es ist ernst zu nehmen, wenn die Urkunde des christlichen Glaubens, die Bibel, nicht gelesen wird. Auf der anderen Seite ist das historisch gesehen kein neuer Befund. Die längste Zeit hat sich das Christentum eben nicht über das Lesen der Bibel tradiert, sondern über bestimmte Rituale, über Erzählungen, über Bilder. Bis zur Reformation konnten die meisten Leute gar nicht lesen, es fehlte ihnen die Zugangsvoraussetzung für das Lesen der Heiligen Schrift. Dieser Befund kann uns dazu verhelfen, die Entwicklung etwas gelassener zu betrachten. Trotzdem bleibt die Herausforderung, Zugänge zur Bibel zu eröffnen. Dabei stellen sich neue Aufgaben. Heute steht die Bibel in einer ungeahnten Konkurrenz. Bibeldidaktisch ist das schwierig aufzufangen. Wir haben natürlich spannende Geschichten in der Bibel, die wir auch erzählen wollen, aber die bekommen Konkurrenz durch den großen Medienmarkt. In dieser Situation kommt es umso mehr auf Menschen an, die die Bibel so ­erschließen können, dass die darin verdichteten Erfahrungen zur Sprache kommen können.

Welche Rolle kann hier der Reli­gionsunterricht spielen?
Domsgen:
Das Fach Religion hat eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Die meisten Kinder kennen biblische Geschichten aus dem Religionsunterricht. Allerdings stellen Lehrerinnen und Lehrer immer wieder fest, dass das Arbeiten mit der Bibel nicht ­einfach ist. Das hat verschiedene ­Ursachen. Mitunter liegt es an der ­Methodik.
Andererseits erschließt sich die Bedeutung biblischer Geschichten nicht immer unmittelbar. Es sind Erläuterungen nötig und vor allem ­werden Menschen gebraucht, die die Relevanz biblischer Geschichten für sich entdeckt haben und sie dementsprechend deutlich machen können. Dabei ist wichtig, dass die Bibel nicht nur als Text behandelt wird, sondern die dahinter stehende Erfahrung zur Sprache kommt. Entscheidend ist es, den Kindern und Jugendlichen zu der Einsicht zu verhelfen, dass die biblischen Geschichten etwas mit ihnen selbst und mit ihrem Leben zu tun ­haben. Die biblische Botschaft und das Leben der Kinder sind also wechselseitig zu erschließen.

Das Gespräch führte Sabine Kuschel.

Prof. Michael Domsgen ist auf der Leipziger Buchmesse Gast bei einer Podiumsdiskussion zum Thema »Religiosität und Medienverhalten junger Menschen« Zeit: Freitag 19. März, 17 Uhr; Ort: Halle 3, Stand A 200, Leseinsel Religion