Ein Drama in fünf Akten

2. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Deutsche Hygiene-Museum Dresden zeigt eine Ausstellung über Leidenschaften

Sie führen zu Kriegen und aufreibenden Nachbarschafts-Fehden, sie stacheln zu Höchstleistungen an und zu den größten Gemeinheiten: Die Leidenschaften. Ohne sie wäre das Leben kaum vorstellbar. Selbst der blasseste Langweiler pflegt noch irgendeine heimliche Vorliebe. Nach Ausstellungen über Glück, Schlaf oder Arbeit wendet sich das Deutsche ­Hygiene-Museum Dresden einer weiteren Seite des menschlichen Lebens zu; seiner unberechenbaren Gefühlswelt.

Die Sonderschau »Die Leidenschaften. Ein Drama in fünf Akten« bietet einen kulturgeschichtlichen Überblick über den Ausbruch von Emotionen bis zu deren Beherrschung. Sie wolle die Geschichte der Leidenschaften über 3000 Jahre von der Antike bis zur Gegenwart erzählen, sagt die in Australien geborene Kuratorin, Catherine Nichols. Sie spricht zwar von einem »verworrenen Feld«. Aber: »Wenn wir gut zusammen leben wollen, ist es das Thema«, betont sie.

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Das lebensgroße Modell eines Krokodils, es hängt über einem Esstisch, symbolisiert die im Menschen schlummernde Bestie. – Foto: Deutsches Hygienemusieum

Nichols trug für die 800 Quadratmeter Ausstellungsfläche knapp 400 Exponate zusammen. Zu den 87 Leihgebern aus dem In- und Ausland zählen das Victoria & Albert Museum in London, das Historische Museum Luzern und das Jüdische Museum Frankfurt/Main. Die Exponate – vom Filmausschnitt einer leidenschaftlichen Kussszene mit Burt Lancaster und Deborah Kerr über Apparaturen aus der Gefühlsforschung bis zum Tatwerkzeug eines Affektmordes – illustrieren positive Leidenschaften wie Liebe, Begierde, Freude, Staunen und negative wie Hass, Zorn, Angst, Scham, Trauer, Neid und Ekel.

Wie es sich für die großen Gefühle gehört und im Titel bereits anklingt, verlegte Nichols ihre Ausstellung in die Welt des Theaters. Sie arbeitete mit der französisch-iranischen Opernregisseurin Mariame Clément und der Berliner Bühnenbildnerin Julia Hansen zusammen. Die Besucher durchschreiten am Anfang einen ­Bühnenvorhang und kommen an fünf Bühnenbildern vorbei. Sie sehen eine immer wiederkehrende, gut bürger­liche Wohnung; Küche, Bad, Schlafzimmer, Wohnzimmer.

Zunächst sieht die Wohnung pingelig aufgeräumt aus, im zweiten Bild schleicht sich langsam Unordnung ein und im dritten bricht das Chaos aus. Die Räume symbolisieren, wie sich Konflikte zusammenbrauen und dann voll ausbrechen. Kuratorin Nichols spricht von einem »verspielten Umgang mit den Leidenschaften, wie man es vom Theater kennt«.

In der Tat wird die 0815-Wohnung von vielen überraschenden Exponaten dekoriert. Das lebensgroße Modell eines Krokodils symbolisiert die im Menschen schlummernde Bestie. Später stehen die Möbel auf einer schiefen Ebene. Alles scheint ins Rutschen zu kommen und die Leidenschaften zeigen sich mit ihrer ganzen zerstörerischen Wucht.

Die Möbel sind zertrümmert, eine Gipsleiche liegt da, die Titelseite einer Zeitung vom Tag nach dem Erfurter Amoklauf im Jahr 2002. Auch Exemplare der Schuhsammlung des Barons Peter Ludwig Heinrich von Block finden sich im Chaos. Der ehemalige ­Inspektor des Dresdner Grünen Gewölbes veruntreute in seiner Sammelleidenschaft königliche Schätze und kam in Festungshaft.

Doch nach dem Sturm kehrt wieder Ruhe ein, der analytische Blick auf die Leidenschaften gewinnt wieder die Oberhand. Wie gehen wir mit ihnen um, wie halten wir sie im Zaum? Eine Rolle spielen dabei unter anderem Religion und Erziehung mit ihrem System aus Strafe und Lob. Daneben gibt es aber auch Räume, in denen Leidenschaften ausgelebt werden dürfen, das eheliche Schlafzimmer, Sportstadien oder das Theater.

Im letzen Akt mit dem Titel »Auf­lösung« bringen die Ausstellungsmacher eine mögliche weitere Leidenschaft ins Spiel, die Mitleidenschaft. »Nur indem wir fühlen, können wir auch mitfühlen«, sagt Kuratorin Nichols. Ein Perspektivwechsel bietet scheinbar frische Luft und Raum für Nachdenklichkeit. Kunstrasen, Parkbänke, ein Haus, in das der Besucher nun von außen blickt. Wie zeigt sich Mitmenschlichkeit, die letztlich die Gesellschaft zusammenhält?

Auf einer Litfaßsäule ist von Gotthold Ephraim Lessing zu lesen: »Der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch, zu allen gesellschaftlichen Tugenden, zu allen Arten der Großmut der aufgelegteste«. Es gehe nicht um eine Utopie, sagt Nichols. »Mitleid ist aber nur dann gut, wenn man auch handelt«, betont sie.

Die Ausstellung ist bis 30. Dezember dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Marius Zippe (epd)

www.dhmd.de