Jedes Unglück muss an Gott vorbei

Der Autor Rolf Wischnath lehrt an der Universität Bielefeld Systematische Theologie, Quelle: privat

Der Autor Rolf Wischnath lehrt an der Universität Bielefeld Systematische Theologie, Quelle: privat

Eine theologische Besinnung über die schwerste Frage des Glaubens, warum es Not und Leid gibt

Wenn Menschen oder ein Volk von einem schweren Unglück getroffen werden, fragen manche: Warum lässt Gott das zu? Über diese Frage angesichts der Katastrophe in Japan eine theologische Reflexion.

Jesus ruft die Menschen seiner Zeit immer wieder zur Buße, zur Umkehr. Nicht nur zur Umkehr auf einem Lebensweg, der offensichtlich in die Irre führt, sondern es geht die Aufforderung an alle, ihr Leben zu überprüfen. Wenn Menschen oder ein ganzes Volk Schlimmes widerfährt, dachte man damals – und oft auch noch heute: Solch ein Unglück muss Strafe Gottes sein, Quittung für falsches ­Leben. So jemand muss es büßen. Doch Jesus erklärt es mit einem ­großen Unglück seiner Zeit anders: »Meint ihr, dass jene achtzehn Menschen, auf die der Turm am Teich Schiloach stürzte und sie erschlug, seien schuldiger gewesen als alle ­anderen Bewohner Jerusalems? Nein, sage ich euch; sondern wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen.« (Lukas 13,5)

Wir hören hier eine sich anbahnende Antwort auf die schwerste Frage des Glaubens: Wie kann es vor Gott gerecht sein, dass Menschen ­unverschuldet leiden und vor der Zeit sterben müssen? Und wie kann Gott zulassen, dass Menschen sich mit ­ihren, auch technischen Möglichkeiten so sehr überheben?

Die Frage impliziert eine kindliche, aber verständliche Hoffnung: Der gerechte und allmächtige Gott lässt ­einen Unschuldigen nicht vor der Zeit sterben. Unvermeidlich aber dann auch die Annahme: Irgendetwas besonders Schuldhaftes müssen die Verunglückten getan haben, was ihr Geschick, ihren jähen Tod verursacht hat.

Jesus aber verwirft das Dogma, besondere Schuld führe zu besonderem Unglück. Keiner kann jetzt noch den Willen Gottes für eine Erklärung zu Ungunsten der Opfer reklamieren. Nicht der Mensch soll Gott infrage stellen. Gott stellt den Fragenden infrage: »Wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle ebenso zugrunde gehen.« Keine Drohung ist das, sondern eine Verunsicherung, die von einer elementaren Warnung ausgeht.

Jesus wagt es, die Unterschiede hinsichtlich der Schuldhaftigkeit aufzuheben – bei den Toten und den Lebenden. Am Beispiel des zusammengestürzten Turms, der unterschiedslos 18 Menschen erschlagen hatte, demonstriert er: Die Frage nach Gott wird zu einer Frage nach dem Menschen und seiner Umkehr: Gerade in dem Rätsel eines so unfasslichen Unglücks, sagt Jesus, sollen die Menschen umkehren zu Gott.

Worin geschieht die Umkehr? In unserer unverzüglichen Kehrtwende zu Gott und in der Hinwendung zum Mitmenschen. Der umkehrende Mensch soll neu beginnen, Gott zu vertrauen und zu gehorchen. Der umkehrende Mensch beginnt neu, seinen Teil für eine Welt zu tun, in der der Mitmensch besser geachtet und geschützt wird und in der Gerechtigkeit und Macht zu einem besseren Ausgleich kommen.

Was bedeutet das für die schwerste Frage des Glaubens? Die Frage nach der Macht und der Gerechtigkeit Gottes und das quälende Problem, warum der allmächtige Gott so viel Unrecht und ­Unglück auf seiner Erde geschehen lässt, können und sollen wir zu Lebzeiten und mit unseren begrenzten Möglichkeiten des Verstehens nicht widerspruchslos lösen.

Die Frage lässt sich hier und jetzt von uns nicht theologisch lösen. Wir brauchen sie auch nicht zu beantworten. Wir müssen Gottes Treue nicht angestrengt beteuern oder bestreiten. Wir müssen sie nicht in eine intelligente Übereinstimmung bringen mit erfahrenem Unglück. Wir können jenes Rätsel, dass so viel Unschuldige den Konsequenzen von so viel fehlgeleiteter menschlicher Verantwortung zum Opfer fallen, kaum lösen. Diese Einsicht entlastet und verpflichtet. Der atomare GAU, der Tsunami, Hungersnöte, Kriege, Klimakatastrophen, von Menschen verursachte Unglücke, Ungerechtigkeit – wir sind frei, zu handeln. Gewiss können wir uns darauf verlassen, dass wir es nicht mit einem sich von uns abwendenden Gott zu tun haben, auch wenn er uns so oft verborgen erscheint. Kein Unglück ­geschieht in Abwesenheit Gottes, es muss an ihm vorbei. Und Gottes Treue trägt uns dennoch über Unglück, Tod und Unrecht hinaus und gibt dem ­Leben trotzdem Sinn und Zukunft.

In dieser Hoffnung erwarten wir den neuen Himmel und die neue Erde Gottes – und mit ihnen die Antwort auf die ungelösten Fragen. Diese Fragen aber sollen wir bis dahin wachhalten –, wohl wissend, dass wir Gott in seiner Barmherzigkeit oder seiner Verborgenheit nicht festlegen können. Wir sind zur Umkehr gemahnt und zur Wahrnehmung unserer Mitverantwortung – und zur Solidarität mit ­denen, die so sehr versehrt wurden.

Rolf Wischnath

Der Autor lehrt an der Universität Bielefeld Systematische Theologie.

Aufgebrochen für mein wahres Wesen

18. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Ein Beitrag von Anselm Grün über den christlichen Umgang mit Leid

Wie gehen wir damit um, wenn das Leben uns einen Strich durch die Rechnung macht? Um Leid, Scheitern und zerplatzte Träume geht es in unserer dreiteiligen Beitragsserie mit dem Benediktinerpater Anselm Grün.

Oft fühlen wir uns im Leid allein ­gelassen. Foto: BilderBox.com

Oft fühlen wir uns im Leid allein ­gelassen. Foto: BilderBox.com

Ob wir wollen oder nicht, immer wieder trifft uns Leid. Wir sollen das Leid nicht masochistisch an uns ziehen. Aber wir müssen damit rechnen, dass es uns trifft. Der eine erhält vom Arzt die Diagnose einer schweren Krankheit, der andere verliert einen lieben Menschen durch den Tod. Wieder andere verlieren ihren Arbeitsplatz und haben Angst, ihr Leben nicht mehr zu schaffen. Die Frage, ­warum uns das Leid trifft, können wir nicht beantworten. Manche fragen: Warum hat Gott das zugelassen? Doch wir können die Gedanken Gottes nicht lesen. Manche fragen beim Leid sofort: Womit habe ich das verdient? Warum werde ich bestraft? Wir können nicht sagen, warum uns das Leid trifft. Aber eines dürfen wir sagen: Gott ist kein strafender Gott. Wenn wir Gott als strafenden Gott sehen, dann projizieren wir nur unsere eigene Selbstbestrafungstendenz auf Gott.

Jesus sagt uns nicht, warum uns das Leid trifft. Aber er zeigt uns einen Weg, wie wir mit dem Leid umgehen können. Jesus selbst ist den Weg des Leidens gegangen. Wenn uns das Leid trifft, so sind wir nicht allein gelassen. Jesus ist in unserem Leid bei uns. Das ist die erste Hilfe, die uns Jesus gibt, unser Leid zu bewältigen. Oft genug fühlen wir uns im Leid ja allein gelassen. Wer sich alleine fühlt, den erdrückt das Leid. Wenn das Leid uns öffnet für die Gemeinschaft mit Jesus, der bei uns ist und uns in seiner Passion seine Liebe bis zur Vollendung erwiesen hat, dann fühlen wir uns im Leiden geliebt. Das stärkt uns mitten im Leid.

Jesus zeigt uns einen Schlüssel, wie wir mit dem Leid umgehen sollen. Er sagt den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus: »Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?« (Lukas 24,26) In Bezug auf unseren Umgang mit dem Leid können wir dieses Wort so übersetzen: Warum das Leid mich getroffen hat, weiß ich nicht. Es ist einfach geschehen. Es hat meine Pläne durchkreuzt, es ist mir von außen her widerfahren. Das Leid will meine Vorstellungen von mir selbst, vom Leben und von Gott zerbrechen, damit ich immer mehr in die ursprüngliche Gestalt hineinwachse, die mir Gott zugedacht hat, damit die Herrlichkeit Gottes, der unverstellte Glanz Gottes in mir aufleuchtet. Das Leid zerbricht mir die Vorstellungen von mir selbst. Ich bin nicht der ­immer gesunde und erfolgreiche Mensch. Ich kann für mich nicht garantieren. Das Leid zerbricht meine Vorstellungen vom Leben.

Wenn ich schwer krank bin, muss ich mich ­verabschieden von manchen Wünschen an das Leben. Und das Leid ­zerbricht meine Vorstellung von Gott. Das Bild des barmherzigen Vaters, der immer für mich sorgt, wird im ­Augenblick des Leids zerbrochen. Wenn ich mir die Vorstellungen von mir, vom Leben und von Gott zerbrechen lasse, werde ich am Leid nicht zerbrechen. Vielmehr werde ich immer mehr aufgebrochen für mein wahres Wesen, aufgebrochen für neue Möglichkeiten des Lebens, aufgebrochen für meine Brüder und Schwestern. Und ich werde aufgebrochen für den unbegreiflichen Gott, der in seiner Unbegreiflichkeit aber dennoch Liebe ist.

Der Ritus des Brotbrechens in der Eucharistiefeier, beim Abendmahl führt uns genau diesen christlichen Umgang mit dem Leid vor Augen. Wir brechen den Leib Jesu Christi, der für uns am Kreuz zerbrochen wurde, damit all das, was uns im Leid widerfährt, uns nicht zerbricht, sondern immer mehr aufbricht für das Geheimnis der Liebe, die im Kreuz Jesu Christi in ihrer Vollendung aufstrahlt.

Der Autor ist wirtschaftlicher Leiter der Be­nediktiner-Abtei Münsterschwarzach und er schrieb rund 300 Bücher zu spirituellen Themen.