Das digitale Erbe von Verstorbenen

20. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wenn ein Mensch stirbt, hinterlässt er viele Spuren im Netz: Vom Facebook-Profil über das iTunes-Abo bis zum Online-Konto. Die Hinterbliebenen müssen sich auch um den digitalen Nachlass kümmern. Immer mehr Unternehmen bieten dafür ihre Dienste an.

Nach der Beerdigung ihres Bruders fühlte sich Juliane Berger (Name geändert) wie ein Hacker. Ihr Bruder, 33 Jahre alt und Vater von zwei Kindern, kam im Februar 2015 bei einem Autounfall ums Leben. Sein Tod traf alle unvorbereitet. Schnell war klar: Juliane würde den digitalen Nachlass verwalten. Digitaler Nachlass, das bedeutet: Facebook-Profil, Abonnement beim Online-Dating oder offene Versteigerungen bei eBay. Alles eben, was ein Mensch auf seinem Computer oder im Internet hinterlässt, wenn er stirbt.

Mehrere Wochen saß Juliane vor dem Rechner ihres Bruders, probierte Passwörter aus, nahm Kontakt zu Facebook und Co. auf. »Ich habe das gemacht, weil es niemand anderes aus der Familie konnte«, sagt die 32-Jährige.

Inzwischen bieten auch Firmen ihre Dienste für Angehörige wie Berger an. Das Berliner IT-Unternehmen »Columba« etwa, das automatisiert Datenbanken abgleicht und nach Nutzerkonten im Internet sucht. Eine Pionierin auf dem Gebiet »digitaler Nachlass« ist die Theologin Birgit Janetzky, die in der Nähe von Freiburg das Unternehmen »Semno« (altgriechisch: würdevoll) betreibt. Als eine der ersten knackte sie Passwörter und löschte die Geisterprofile von Verstorbenen aus dem Netz.

Gesicht einer Frau als digitales Drahtmodell, Binärcode und ein Ablaufdiagramm. Foto: epd-bild

Gesicht einer Frau als digitales Drahtmodell, Binärcode und ein Ablaufdiagramm. Foto: epd-bild

Oftmals eine emotionale Aufgabe, erinnert sich die 53-Jährige. So sei einmal eine Mutter zu ihr gekommen, deren Tochter Suizid begangen hatte. »Plötzlich kam ich im Internet mit den Träumen eines jungen Mädchens in Berührung, das Model werden wollte.« Und mit einer Mutter, die online so gerne etwas gefunden hätte, um den Suizid ihrer Tochter zu verstehen.

Seit gut zwei Jahren sucht Janetzky nicht mehr selbst, sondern gibt ihre Erfahrungen von »der Schnittstelle von Mensch, Tod und Internet« an Firmen weiter, die sich auf das Berufsfeld spezialisiert haben. Ob Angehörige den digitalen Nachlass selbst verwalten oder eine Firma beauftragen, hänge vor allem davon ab, ob derjenige vorgesorgt habe, sagt die Beraterin.

Sie rät dringend dazu, früh genug an digitale Vorsorge zu denken und etwa eine Passwortliste anzulegen oder einen Nachlassverwalter zu bestimmen.

»Ansonsten ist das ein enormer Aufwand.«

Und nicht jeder möchte, dass nach seinem Tod jemand Drittes oder Firmen den kompletten Computer mit persönlichen Daten analysieren. Die Verbraucherzentralen warnen davor, einem Unternehmen Passworte anzuvertrauen, und empfehlen, rechtzeitig eine Person des Vertrauens zum digitalen Nachlassverwalter zu machen.

Juliane Berger hätte den technischen Aufwand gerne abgegeben. Doch Anfang 2015 habe sie schlichtweg keinen Dienstleister gefunden, sagt sie. Also musste sie selbst ran: Als Erstes bestellte sie alle Abos ihres Bruders ab, die sonst weiter Geld gekostet hätten. »Außerdem sollten die Fotos aus dem Netz entfernt werden, weil er die nicht selbst als Überbleibsel ausgesucht hat.«

Als besonders aufwühlend empfand sie die Rekonstruktion des Browserverlaufs: »Ich konnte mir genau ansehen, was er die vergangenen Wochen gemacht hat, von der Suche nach Bratenrezepten bis Weihnachtsgeschenken.« Es sei aber auch schön gewesen, zu sehen, dass ihr Bruder ein zufriedenes Leben geführt habe.

Mittlerweile ergibt die Google-Suche nach seinem Namen kaum noch Treffer. Ungeklärt ist bis heute der Umgang mit dem Facebook-Profil. Juliane Berger würde es gern in eine Gedenkseite umwandeln, auf der sich nichts mehr verändern lässt. Doch die Freundin des Verstorbenen möchte das Profil aktiv belassen. Das Problem in solchen Fällen: Es kann vorkommen, dass Facebook weiterhin an den Geburtstag des Verstorbenen erinnert oder ihn anderen Nutzern als neuen Freund vorschlägt. Berger hat festgestellt: »Ein Stück Kontrolle gibst du ab.«

Würde Berger heute noch mal nach Unterstützung im Netz suchen, hätte sie es leichter. Seit gut einem Jahr gibt es den Blog »digital-danach«, den die Münchnerin Sandra Landes zusammen mit einem Kollegen betreibt. Sie informieren zum Thema »digitaler Nachlass«, listen Dienstleister auf und veranstalten am 24. November in Hamburg die erste deutschsprachige Fachkonferenz. »Viele Branchen befassen sich bereits mit dem Thema, darunter Bestattungsunternehmen, Versicherungen oder Juristen, aber sie wissen nichts voneinander.«

Die Bloggerin sieht einen klaren Trend: Die Medien berichteten mehr über digitalen Nachlass, neue Start-Ups hätten sich gegründet. Es gebe aber noch viel zu tun. Die Gesellschaft befinde sich derzeit in einer Phase des Entdeckens und der Skepsis. »Wir sollten langsam einen Schritt weitergehen: Ausloten, diskutieren und nach Lösungen suchen.«

Leonore Kratz (epd)


www.semno.de

www.digital-danach.de

Tipps der Verbraucherzentralen zum digitalen Nachlass:

www.verbraucherzentrale.de/digitale-daten

Das Leben ist im Tod unfassbar

20. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Wer um einen geliebten Menschen trauert, macht möglicherweise ganz andere Erfahrungen als erwartet. Dass die Welt nicht düsterer wird, sondern in noch kräftigeren Farben leuchtet.

Als dumpfe, schwarze Düsternis habe ich mir die Welt vorgestellt, als ich vor dem Tod meines Vaters auf die Zeit nach seinem Tod zu blicken versuchte. Mein Vater war unheilbar krank, und ich wusste, dass er sterben würde, und vielleicht habe ich deshalb einen sehr körperlichen Teil der Trauer schon vor seinem Tod durchlitten: In unserem letzten gemeinsamen Sommer hatte ich es in manchen Stunden mit einem so scharfen Schmerz zu tun, als schneide mir jemand einen Teil aus meinem Körper heraus, bei lebendigem Leib und ohne Betäubung.

Dieser Schmerz wunderte mich nicht, ich konnte ihn mir sehr wörtlich erklären: Mein Vater war ein Teil von mir, und ich ein Teil von ihm, ihn zu verlieren konnte nicht anders sein als eine Amputation. Ich fühlte mich viel zu jung, mit 37 meinen Vater zu verlieren, und war doch unendlich dankbar, ihn so viele Jahre gehabt haben zu dürfen. So war auf eine seltsame Weise diese abschiedsschwangere Zeit trotz all ihrer Schmerzen ein Geschenk, zerbrechlich und kostbar, weil wir monatelang sehr bewusst auskosten durften, noch beieinander zu sein.

Seelischer Schmerz, hat die Wissenschaft mittlerweile ermittelt, nimmt im Körper dieselbe Gestalt an wie körperlicher Schmerz. Der menschliche Organismus ist ein untrennbares Ganzes, das menschliche Schmerzsystem macht keinen Unterschied zwischen körperlichen und seelischen Schmerzen. Wenn wir Schmerzen haben, schüttet unser Körper schmerzstillende Hormone aus, Hormone, die glücklich machen können, Hormone, die trösten.

Mit Blumen geschmücktes Grab. Foto: Vulkanismus – Fotolia.com

Mit Blumen geschmücktes Grab. Foto: Vulkanismus – Fotolia.com

Gewiss war mein Blut in jenem Sommer häufig von diesen unwillentlich selbsterzeugten Botenstoffen geflutet, denn ich erlebte etwas Überraschendes: Noch nie zuvor in meinem Leben hatte ich die Blumen derart kräftig leuchten sehen, vor allem die roten und die rosafarbenen. Mir war, als schenkten sie mir ihre Farbe ganz besonders deutlich als Zeichen der Lebensfreude und des Lebens; mir war, als sähe ich sie mit den Augen meines todgeweihten Vaters.

Dieses Leuchten hatte viel mit meinem Vater zu tun. Ich ahnte, auch er sieht die Blumen in diesem Sommer ganz besonders kräftig ihre Farben zeigen, und er spürt dabei, dass er gerne noch ein Weilchen hierbleiben würde, hier, im Leben. Es war, als wäre ich selbst viel deutlicher am Leben als zuvor, ja, als nähme ich das Leben überhaupt erst jetzt so intensiv wahr, jetzt, da ich es zum ersten Mal scharf vom Tod unterscheiden konnte.

Dann kam der Tag, an dem mein Vater starb. Noch immer will ich aufschluchzen, wenn ich an diesen Tag denke, wenn ich diesen Satz schreibe. Es ist kein Weinen aus Traurigkeit, sondern ein Weinen aus tiefem Berührtsein. Ein Weinen aus Liebe. Ich bin nicht dabei gewesen, als mein Vater starb, aber wir haben seinen letzten Lebenstag miteinander verbracht. Es war ein Tag voller Zartheit und Wärme, voller Frieden und Humor; ein Tag, der gut zu meinem Vater und zu seinem Leben gepasst hat. Ich werde mein Leben lang dankbar sein für diesen Tag. Er war mir oft ein großer Trost in meiner Trauer.

Dieses Wort, »unfassbar«, hatte ich oft in Todesanzeigen gelesen und nur an der Oberfläche verstanden. Selbst als Journalistin, zu deren Handwerkszeug Wörter gehören und die sehr bedacht mit Worten umgeht, hatte ich nicht vermocht, diesem Wort ganz auf den Grund zu dringen, einfach weil ich die Tiefen nicht gekannt hatte, die dieses Wort beschreibt. Jetzt plötzlich erfuhr ich die Bedeutung von »unfassbar« wirklich. Im Kopf wusste ich ganz genau, dass mein Vater gestorben ist. Auch meine Seele, mein Wesen versuchte dieses Neue, nie Dagewesene zu fassen, zu begreifen, aber meine Hände fassten ins Leere. Es war unfassbar.

Wie ein großes schwarzes Loch hatte ich mir die Zeit nach Papas Tod vorgestellt. Statt der erwarteten Dunkelheit umfing mich etwas völlig anderes: Ich fühlte mich von allen Seiten umgeben von Liebe, von Wärme, umfangen von einer unsichtbaren Zärtlichkeit, die war wie die Sonne, wie ein milder Wind im Sommer. Ich erinnerte mich daran, was meine Mutter mir als Kind erzählt hatte. Meine Mutter war 40 Jahre alt, als ihre Mutter starb, die sie sehr geliebt hat, und eines Tages hatte ich sie gefragt, wie der Tod ihrer Mutter für sie war. Wie sie ihn ausgehalten hat. Da hatte sie erzählt, sie habe in den Tagen nach deren Tod das Gefühl gehabt, ihre Mutter sei sehr nahe um sie herum, sehr tröstlich anwesend auf eine unsichtbare Weise.

Das war genau das, was ich in den Tagen auch spürte.

Nicht dunkel, sondern licht und hell und zärtlich war die Welt, und mein Inneres ähnelte einem wohlbekannten, paradiesischen Zustand: Ich war wie verliebt. Als profane Erklärung dafür ließe sich sicher anbringen, dass mein Organismus nach dem Tod eines so geliebten Menschen mit derart vielen schmerzstillenden Hormonen reagiert hat, dass zwischendurch ein gewisser Überschuss entstanden ist. Meine persönliche Erklärung geht anders: Mein Vater mag gestorben sein – die Liebe, die uns verbunden hat, ist immer noch da.

Den heftigen Schmerz, mit dem ich es in den Wochen und Monaten danach zu tun hatte, identifizierte ich als Sehnsucht: Tiefe, schmerzliche, unstillbare Sehnsucht nach dem Verstorbenen müssen Hinterbliebene aushalten, und obwohl das täglich hunderttausendfach geschieht, passiert es doch jedem Einzelnen ganz allein und einzigartig.

Im Laufe der Zeit verwandelt sich die Sehnsucht in einen Trost, der mich durch mein ganzes weiteres Leben begleiten wird. Der Trost, dass mein eigener Tod, wann er auch sei, eine Heimkehr wird: weil mein Vater mir schon vorausgegangen ist.

Etwas von mir ist gestorben, als mein Vater gestorben ist, und auf eine gewisse Weise war mein altes Leben zu Ende, als sein Leben endete. Auf den Trümmern dieser Erschütterung habe ich mir ein neues Leben aufgebaut, so wie es alle Trauernden tun. Ich habe ganz neue Dinge begonnen, und ich habe die Erfahrung gemacht, dass mein Vater nicht weg ist: Er ist gestorben, aber er ist nicht weg. Er ist immer noch da, nur jetzt auf andere Weise. Ich kann mit ihm sprechen und ihn um Rat fragen, ich teile meine Freude mit ihm, und oft lächeln wir einander quer durch die Ewigkeit an.

Franziska Feinäugle

»Jesus, der Hirsebrei des Lebens«

16. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Wie die Bibel in fremde Sprachen übertragen wird

Die christliche Organisation Wycliff setzt sich dafür ein, dass Menschen, deren Sprache noch nicht verschriftlicht ist, die Bibel kennenlernen. Silke Sauer, Pressereferentin bei Wycliff, war 13 Jahre im Tschad. Über ihre Erfahrungen, die Bibel in fremde Sprachen zu übersetzen, sprach mit ihr Sabine Kuschel.

Frau Sauer, seit dem gescheiterten Turmbau zu Babel gibt es keine einheitliche Sprache mehr. Wer Menschen in fremden Ländern Gottes Wort sagen will, muss es in der entsprechenden Sprache tun. Wie geht das in Regionen, in denen es keine Schriftsprache gibt?

Silke Sauer. Foto: privat

Silke Sauer. Foto: privat

Sauer: Wir arbeiten eng mit einheimischen Mitarbeitern zusammen, bilden sie zu Übersetzern aus und übersetzen dann gemeinsam mit ihnen. Die einheimischen Mitarbeiter bringen die Sprachkenntnis und die Kenntnis ihrer Kultur ein. Sie können beurteilen, wie die Bibelverse von ihren Landsleuten verstanden, vielleicht auch missverstanden werden. Wir bringen unser Wissen über Übersetzungswissenschaft, über Theologie, auch die Kenntnis der Ursprachen Griechisch und Hebräisch ein.

Oft stehen wir vor Herausforderungen, weil viele biblische Begriffe in bestimmten Regionen unbekannt sind.

Zum Beispiel?
Sauer:
Brot – ein zentraler Begriff in der Bibel. In manchen Gegenden essen die Menschen nicht täglich Brot. Die reichen Leute essen es manchmal in der Stadt. Wenn Brot ein Luxusartikel ist, wird die Aussage Jesu »Ich bin das Brot der Welt« von vornherein falsch verstanden.

Wie übersetzen Sie stattdessen?
Sauer:
Wir würden wahrscheinlich das Wort Brot durch das dortige Grundnahrungsmittel ersetzen, das ist Hirse. Also in dem Fall würde Jesus sagen: Ich bin der Hirsebrei des Lebens. Das entspricht der Grundaussage des biblischen Textes. Allerdings, wenn Jesus beim Abendmahl das Brot bricht, kann ich nicht sagen, Jesus hat den Hirsebrei auseinandergenommen. Bei diesem historischen Ereignis muss ich natürlich Brot schreiben. Bei Alltagsbegriffen, die in anderen Kulturen unbekannt sind, muss man überlegen, wie man sie übersetzt. Ein anderes noch schwierigeres Problem sind abstrakte Begriffe wie Barmherzigkeit, Opfer, für die es keine Begriffe gibt. Oder wenn es einen Begriff gibt, muss man schauen, wie er gefüllt ist. Was verstehen die Leute unter Barmherzigkeit, unter Liebe oder Gnade? Ist es das, was auch die Bibel darunter versteht? Manche dieser Worte werden nicht mit einem einzelnen Wort ausgedrückt, sondern mit einem ganzen Satz. Die einheimischen Übersetzer müssen überlegen, welche Situationen gibt es in unserem Alltag beispielsweise für Hoffnung, und wie sagen wir das. Denn ganz selten haben sie für bestimmte Begriffe eine Übersetzung parat. Das ist mühsam, bevor sie dafür Sätze, bildliche Umschreibungen gefunden haben. Sie müssen erst einmal dahinterkommen, wonach sie suchen müssen.

Wie kommt die Bibel in den Ländern, in denen Wycliff aktiv ist, an?
Sauer:
Bei den San Gula, wo wir gearbeitet haben, waren die Menschen nominell Muslime. Es waren keine streng gläubigen Muslime, aber manche biblischen Geschichten oder Personen kannten sie aus dem Koran, wie zum Beispiel den Josef, den David und den Abraham. Sie fanden es spannend, die biblischen Geschichten zu hören, weil diese im Koran nicht wirklich erzählt, sondern nur erwähnt werden.

Parallel zur Bibelübersetzung haben wir biblische Geschichtenerzähler ausgebildet und mit ihnen sehr gute Erfahrungen gemacht. Geschichten erzählen gehört zu deren Kultur. Zunächst haben wir Einheimischen verschiedener Sprachgruppen ausgewählte biblische Geschichten erzählt. Sie haben diese dann mündlich in ihre eigenen Sprachen übersetzt, auswendig gelernt und in ihren Dörfern wieder erzählt. Das war der absolute Renner. Dabei haben die Übersetzer zum ersten Mal erlebt, dass Menschen zum Glauben gekommen sind. Weil sie diesen erzählten Geschichten mehr Glauben geschenkt haben als den geschriebenen Texten. Bis dahin, dass Muslime zu uns gekommen sind und gesagt haben, sie wollten auch biblische Geschichtenerzähler werden.

Wycliff
Die christliche Organisation Wycliff ist international tätig. Sie setzt sich dafür ein, dass Menschen aus unbeachteten Volksgruppen eine geeignete Schrift für ihre Sprache entwickeln können, eine theologisch und sprachwissenschaftlich fundierte Bibelübersetzung bekommen und Schulunterricht in der Mutter-sprache erteilt wird. Viele der 150 Mitarbeiter sind in afrikanischen Ländern, vor allem im Tschad, in Tansania und Äthiopien, tätig. Daneben arbeitet die Organisation auch in Asien und im pazifischen Raum. Nach eigenen Angaben gibt es noch 1 778 Sprachen, in die die Bibel noch nicht übersetzt ist. Die Organisation ist auch in Ländern aktiv, in denen die Religionsfreiheit eingeschränkt ist.

Der Garten kann predigen

12. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Was Pflanzenpflege für das Leben und den Glauben lehrt

Gärtnern ist in. Wie sonst ließe sich die bunte Palette der Gartenzeitschriften und neuen Gartenbücher, die Erfolgsgeschichte der Offenen Gärten oder der hartnäckige Traum vom Eigenheim mit Garten erklären? Selbst Schrebergärten sind wieder angesagt, und junge Leute haben das Gärtnern zu einem hippen Großstadttrend gemacht. Die Umsatzzahlen der Gartenmärkte steigen ständig. Ob Topfgärtner oder Landschaftsarchitekt – die Freude am Gestalten, Pflegen und Ernten ist unübersehbar. Und wer keine Gelegenheit dazu hat, schaut über den Gartenzaun.

Foto: privat

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Für Dichter und Maler ist die Natur von jeher ein Lieblingsthema gewesen. Für Theologen auch? Die Zeit der erbaulichen Gartenpredigten wie im 19. Jahrhundert ist zwar vorbei, und die Pfarrgärten sind als Vorzeige­gärten nur noch teilweise geeignet. Aber wenn die ehemalige Hamburger Bischöfin Maria Jepsen ausführlich über Religion und Garten referiert und der hannoversche Bischof Ralf Meister kürzlich in einer Predigt dazu ermuntert, den Glauben zu pflegen wie einen Garten, wenn die christliche Pflanzensymbolik des Mittelalters wieder in den Blick kommt, immer mehr Bibelgärten entstehen und es auf jeder Bundesgartenschau einen Kirchenpavillon gibt, wenn erstaunlich viele prominente Protestanten 2015 nach ihrem Hobby gefragt die Gartenarbeit nennen – dann wird deutlich, wie eng Kirche und Garten verbunden sind. Was Wunder! Das fängt ja schon bei Adam und Eva im Garten Eden an, wo sie Gott begegnen, wo sich Himmel und Erde berühren. Es zieht sich durch das Alte Testament, wo das Lob der Schöpfung gesungen und der Garten zum Synonym für friedliche Zeiten wird, wo Gottvertrauen und Wohltun mit einem bewässerten Garten verglichen werden und Liebende durch die Blume sprechen. Jesus redet häufig von Pflanzen, um die Sache mit Gott sinnfällig zu machen. Das Unkraut unter dem Weizen etwa, das Senfkorn, der Baum mit seinen guten und schlechten Früchten, der viererlei Acker, die Lilie auf dem Felde, Feigenbaum und Weinstock werden zum Gleichnis für das Reich Gottes.

»Ein Garten ist der ideale Ort, sich um seine Seele zu kümmern.« (Cosimo de Medici) Das betrifft nicht nur die meditative Ruhe im Liegestuhl, sondern die Erkenntnisse, die einem Gärtner zuwachsen im Laufe der Zeit, und natürlich auch einer Gärtnerin. Man lernt Geduld. Bis die Pflanze zum Blühen kommt, dauert es seine Zeit. Bis der Baum Früchte trägt erst recht. Gute Pflege kann das nur wenig beeinflussen. Und es bedarf der unverdrossenen Hoffnung, dass im kommenden Jahr manches schöner blüht, besser fruchtet und von Schädlingen verschont bleibt. Demut lernt man, weil nie alles so wird wie geplant. Das Wetter hat man nicht im Griff und das Unkraut meist auch nicht. Fleiß ist gefordert, denn ohne Schweiß kein Preis. Selbst wenn die Gartenarbeit weniger aus reiner Freude, sondern eher aus Einsicht in die Notwendigkeit geschieht, bringt der Erfolg einen Erkenntnisgewinn: Ausdauer wird belohnt. Und Umsicht auch. Die Dahlien, die im Frühjahr nicht gesteckt wurden, blühen jetzt nicht. Man muss Vorsorge treffen für trockene Zeiten und das Vertrauen haben, dass Saat und Ernte nicht aufhören.

Lehrmeister für Geduld, Hoffnung und Demut

Der Garten ist ein Lehrmeister auch für das Leben vor dem Gartenzaun. Geduld, Hoffnung, Demut, Fleiß, Ausdauer, Umsicht und Vertrauen sind Eigenschaften, die in jeder Lebenslage weiterhelfen. Ob sie dort genauso wichtig genommen werden, ist nicht von vornherein gesagt, aber gut wär’s schon. Auch in Glaubensdingen. Den Glauben pflegen wie einen Garten, ist ein schönes Motto. Denn mit der Taufe und einem Weihnachtsgottesdienst ist es kaum getan. Da sind immer wieder christliche Impulse nötig, der Austausch mit anderen Brüdern und Schwestern, die Rückbesinnung auf Geschichten der Bibel. Es braucht das geduldige Warten, dass der Stein im Wasser Kreise zieht, die Hoffnung und das Vertrauen darauf, dass Gott aus Stückwerk ein Ganzes macht, die demütige Erkenntnis, dass wir unser Leben nicht im Griff haben und den Willen, das Nötige mit Umsicht in Angriff zu nehmen. Der Garten kann predigen.

Christine Lässig

Das ist echt nicht von dieser Welt …

9. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein Sozialarbeiter lädt ein, das unsichtbare Reich Gottes unter uns zu entdecken

So was ist nicht von dieser Welt …«, singt Xavier Naidoo und meint die Liebe, die ihn – existenziell – am Leben hält. »Mein Reich ist nicht von dieser Welt«, bestätigt auch Jesus Christus in einem Dialog mit Pontius Pilatus, einem Vertreter der Weltmacht. Aber den Vertretern der Religionsmacht antwortet Jesus auf die Frage, wann denn Gottes Reich kommt, dass es nicht sichtbar berechnend und doch schon »mitten unter euch« sei. (Lukas 17, 20+21)

»Ich versuche zu verstehn, was andre in dir sehn, warum sie Kriege anfangen und in deinem Namen Morde begehn.« Diese Textzeile Xavier Naidoos klingt bei den »Söhnen Mannheims« sehr heutig: »2 000 Jahre nach dir liegt hier alles in Scherben.« Unsre Erfahrungen im Sommer 2014 mit mehreren Völkerkriegen und Morden an Christen und anderen nicht »Rechtgläubigen« lassen das Reich Gottes weit weg erscheinen und zunehmend gar in Verruf geraten!

Gerhard Schönherr ist Kirchen-Bezirks-Sozialarbeiter der Diakonie Stadtmission Chemnitz e. V. Foto: Stadtmission

Gerhard Schönherr ist Kirchen-Bezirks-Sozialarbeiter der Diakonie Stadtmission Chemnitz e. V. Foto: Stadtmission

Präzisieren wir doch ebenfalls: Es geht um das Reich des Gottes, der der Vater Jesu Christi ist! Gott ist die Liebe. (1. Johannes 4,16) Und Liebe ist, wie die Wirkmächtigkeit des Gottesreiches, nicht sichtbar berechnend. Daher auch fragen »die Gerechten« beim Weltgericht (Matthäus 25, 37-39), wann sie denn den Sohn Gottes hungrig und durstig gesehen und folglich gespeist und getränkt hätten, wann sie ihm als Fremden Asyl gewährt, ihn bekleidet oder auf dem Krankenlager und im Gefängnis besucht haben sollen.

Mitten in den Reaktionen auf soziale Notlagen in der uns umgebenden Welt gibt es mittelbare Interaktionen mit Christus selbst. So bricht sein Reich an – mitten unter uns. In der Welt und doch aus einer anderen, der zukünftigen Welt. Was noch Vision ist, wird gegenwärtig zur Motivation unseres Handelns. So ist dieses nie vergebens und wächst aufgrund seiner innewohnenden Christusbegegnung über moralisches »Gutmenschentum« hinaus. Es ist ein neu gedachter Humanismus: Die Würde des Menschen ist, dass Jesus Christus uns in diesem entgegentritt.

Und das ist eine – aus eigener Erfahrung – befreiende Erleichterung im oft widerwärtigen sozialen Handeln, weil unser Tun Gott unmittelbar berührt! Erleichterung, nicht Berechnung – geht es doch um den Menschen, den oft fernen Nächsten.

Vor 25 Jahren ging ein Reich zu Ende. Trotz anderslautender Losungen stand darin nie der Mensch im Mittelpunkt. Und er steht auch heute nicht dort, wenn theologisch ausgegrenzt wird. Der Mensch im Mittelpunkt? Gott bewahre! »Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt?« Mag ja sein, aber »ich habe euch noch nie gekannt«. (Matthäus 7, 22+23) Denn sie haben ihn nicht erkannt – nicht in einem von den alle vier Sekunden an Hunger und vermeidbaren Krankheiten sterbenden afrikanischen Kindern, nicht in einem der ostdeutschen Langzeitarbeitslosen, nicht in einem an Aids Erkrankten, nicht in einem Gesetzesbrecher – und sei es das Betäubungsmittelgesetz.

Daher nochmals Xavier Naidoo: »Alles, was zählt, ist die Verbindung zu dir und es wäre mein Ende, wenn ich diese Verbindung verlier.« Vielleicht lassen Sie sich in und mit Christus verbinden durch ein Patenkind in Afrika (z. B. über »World Vision«), durch Aktionen für weltweite Gerechtigkeit (z. B. Micha-Initiative) oder für Langzeitarbeitslose in Deutschland (z. B. Initiative PRO Arbeit). Oder Sie fragen die Diakoniebeauftragten in Ihren Kirchenvorständen einmal nach Besuchsdienstmöglichkeiten.

In Sachsen ist beispielsweise diesen Sonntag der »Tag der Diakonie«. Die Kollekte dient dem »Kirchlichen Hilfsfonds für Menschen in Not«. So können unterschiedliche Menschen mit ihren großen Nöten bald für sich in ihrer kleinen Welt die Erfüllung der zweiten Bitte des Vaterunsers erfahren: Gottes Reich kommt zu ihnen. Und zu Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, kommt dann Jesus

Christus.Gerhard Schönherr

Einfach leben und glauben

12. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ohne seelischen und materiellen Ballast wird das Dasein leichter

Immer mehr Menschen entscheiden sich dafür, ihren Besitz radikal zu reduzieren. Dieser Trend heißt Minimalismus – ein Lebensstil, der sich als Alternative zur konsumorientierten Überflussgesellschaft sieht. Auch Jesus kann als Minimalist gesehen werden. In der Bergpredigt empfahl er seinen Nachfolgern einen Minimalismus an mentaler und materieller Sorge: »Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen sollt, und nicht um euren Leib, was ihr anziehen sollt. Ist nicht das Leben mehr als Nahrung und der Leib mehr als Kleidung? Seht euch die Raben an: Sie säen nicht und sie ernten nicht und sammeln in keine Scheunen, und Gott ernährt sie doch. Seid ihr nicht besser als die Vögel? Und wer von euch kann durch seine Sorge die Spanne seines Lebens verlängern? Und was sorgt ihr euch um Kleidung? Seht auf die Lilien, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und sie spinnen nicht. Ich sage euch: Noch nicht einmal Salomo in all seiner Herrlichkeit war gekleidet wie eine von ihnen. » (Lukas 12,22-27).

Die Auslegungstradition fokussiert auf den all-sorgenden Vater im Himmel. Eine falsche Fährte. Es geht in diesem Jesuswort nicht um Gott, sondern um das Beispiel der Raben und Lilien. Und es geht um Leben. Die Raben leben einfach; die Lilien leben einfach. Leben ist das Schlüsselwort in der Geschichte. Es geht darum, das Leben anzunehmen und die Sorge sein zu lassen. Jesus hat erkannt, dass es sich besser lebt mit weniger Ballast, seelischem und materiellem. Ihm geht es deswegen nicht um Verzicht, sondern um Freiheit.

Bildnachweis: MEV/Mike Witschel

Bildnachweis: MEV/Mike Witschel

Jesus hatte erkannt, dass auch im Glauben an Gott vieles verkompliziert wurde. Mit seiner Klarheit und Einfachheit entrümpelte er den Glauben. Der christliche Glaube ist einfach. Nicht Dogmen und komplexe Lehrgebäude sind wichtig, sondern der schlichte Glaube, wie ihn Jesus vorgelebt hat. Jesus bringt es in der Bergpredigt als Verheißung auf den Punkt: »Glücklich seid ihr, wenn ihr arm seid, … wenn ihr trauert, wenn ihr nachgebt, wenn ihr hungert und dürstet, wenn ihr barmherzig und gut seid, … wenn ihr Frieden stiftet untereinander.« Jesus fasste das Gesetz und die Propheten in der Goldenen Regel zusammen: »Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!«

Jesus sagte: »Gib, und dir wird gegeben.« Das ist ein einfaches Gesetz des Lebens. Wir können es jederzeit in unserem Alltag erfahren, indem wir uns fragen, was der andere in diesem Moment am meisten gebrauchen kann. Manche brauchen Aufmerksamkeit, ein nettes Gespräch, ein Lob, ein Lächeln oder eine Umarmung. Wer seinen Mitmenschen etwas gibt, wird es vom Leben schon sehr bald zurückbekommen.

Vergleichen Sie sich nicht mit anderen. Natürlich kann man anderen Menschen gegenüber seine Bewunderung ausdrücken oder ihnen Respekt zollen. Eifersucht und Neid dagegen zerfressen den Geist, rauben Zeit und hinterlassen schlechte Gefühle. Es gibt nichts, weswegen Sie andere beneiden müssen, denn Gott hat Sie selbst reich beschenkt.

Mit Verzeihen und vergeben schaffen Sie sich seelische Belastungen vom Leib. Die urchristliche Tugend der Vergebung ist das, was für eine funktionierende Gesellschaft notwendig ist. In der Politik, in der Familie, in Beziehungen. Fehler macht jeder, doch vielen Menschen fällt es schwer, um Verzeihung zu bitten. Eine nicht ausgesprochene Entschuldigung kann Menschen schwer im Magen liegen. Wer jedoch die Kraft der Vergebung erlebt, weiß wie sich Freiheit anfühlt. Überall, wo Vergebung geschieht, wird das Leben einfacher.

Man kann sich viele Sorgen machen – um die Zukunft, um gestern, um morgen, um Kinder oder Eltern, kleine und große Dinge oder auch unnütze Dinge. Doch Sorgen verändern nichts und rauben Energie. Das Evangelium gibt darauf eine klare Antwort: »Alle eure Sorge werfet auf ihn; denn er sorgt für euch!« In diesem schönen Bibelvers steckt die Lösung. Gott hat die Dinge im Blick. Wir können die Sorgen im Gebet benennen und Gott übergeben. Mit dem Amen können wir gewiss sein, das nun alles in Gottes Hand liegt. Befreit von allen Lasten können wir das tun, was notwendig ist.

Helmut Frank

Fromm heißt, tauglich fürs Leben sein

10. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview mit Bruder Johannes, Prior der Brüderkommunität der Christusbruderschaft Kloster Petersberg

Den Alltag unterbrechen, innehalten, die Antenne zu Gott ausfahren. Wie wichtig und heilsam das sein kann, darüber sprach Bruder Johannes, Prior der Brüderkommunität der Christusbruderschaft Klosterberg Petersberg, mit Sabine Kuschel

Bruder Johannes, wie sieht Ihr Tag hier im Kloster aus?
Bruder Johannes:
Das »Gerüst« bilden die drei Gebetszeiten. Wir laden ein zu Einkehrzeiten am Wochenende, Exerzitien, Bete-und-arbeite-Wochen, zu Gottesdiensten. Dazukommen Führungen in der Stiftskirche. Der Petersberg ist auch ein Kulturort, der von Schulklassen, Gemeindegruppen und Touristen besucht wird, die wir führen.

Bruder Johannes. Foto: privat

Bruder Johannes. Foto: privat

Ich stehe zwischen sechs und halb sieben Uhr auf. Dann habe ich eineinhalb Stunden Zeit für Frühstück, persönliche Stille, Bibellese und wenn nötig nach der Heizung zu schauen. Acht Uhr ist das gemeinsame Gebet – eine halbe Stunde. Anschließend Tagesbesprechung mit den Schwestern und Brüdern. Die Zwischenzeiten sind sehr unterschiedlich gestaltet, je nachdem ob wir Gäste haben oder nicht. Wenn nicht, erledige ich Post, E-Mails und bereite mich auf die Predigt oder biblische Impulse vor. Zwischendurch möchte ich auch mal etwas Praktisches machen: Holzhacken oder mit der Kettensäge arbeiten.
Mittagspause darf auch sein.

An den Abenden haben wir relativ viel Zeit für uns, zum Lesen, zum Spazierengehen, für Begegnungen oder auch zum Vorbereiten. An einem Abend in der Woche treffen wir Brüder uns zum Gespräch, zum Austausch und Erzählen. Alle zwei Monate haben wir einen stillen Tag, an dem wir schweigen.

Was halten Sie davon, ständig und überall erreichbar zu sein?
Bruder Johannes:
Es ist eine missliche Sache, immer erreichbar zu sein. Wenn ich unterwegs bin, möchte ich auch gerne meinen Brüdern melden, wenn der Zug Verspätung hat und sie mich später abholen müssen.

Aber: Ständig erreichbar zu sein ist für Menschen eine Belastung. Wir können uns dadurch überfordern.

Das Kloster bietet die Möglichkeit, Gewohnheiten zu unterbrechen, aus dem Alltag auszusteigen …
Bruder Johannes:
Ja, die Menschen, die zu uns kommen, wollen bewusst aus ihrem
normalen Arbeitsrhythmus aussteigen. Es tut ihnen gut, dass sie sich hier einfügen können, nicht müssen, in einen Tagesrhythmus, der durch drei Gebetszeiten geprägt ist.

Wie können die Menschen diese ruhigere Gangart nach dem Klosterbesuch in ihrem Alltag fortsetzen?
Bruder Johannes:
Ich finde es wichtig, dass der Tag nicht zu vollgepackt ist, dass wir uns einen Tagesrhythmus schaffen, der auch Freiräume bietet. Hier im Kloster haben wir dafür besondere Bedingungen. Bis morgens acht Uhr die Glocke läutet, haben wir Zeit, die Bibel zu lesen, zu beten und uns in den Tag einzustimmen. Das ist so im Alltag nicht für alle möglich. Aber wir machen immer wieder die Erfahrung: Wenn Menschen einige Tage mit uns gelebt haben, sagen sie: »Ach ja, solch ein Rhythmus täte mir gut.« Nun ist es ihre Aufgabe, das, was möglich ist, zu übernehmen, auf ihre Verhältnisse umzugestalten.

Kein leichtes Unterfangen!?
Bruder Johannes:
Eine ganz wichtige Frage ist: Will ich mir denn überhaupt Zeiten der Stille nehmen, in denen ich keine Ablenkung habe? Denn wenn ich mir Zeit für mich nehme, dann kommen die unerledigten Aufgaben, Spannungen und Konflikte, die sonst beiseitegeschoben werden, die ich aber eigentlich lösen müsste. Es kommen die normalen Sorgen um die Kinder und die Gesundheit, um den Arbeitsplatz.

Wir müssen lernen, uns die Angst vor dem Alleinsein und vor der Stille einzugestehen und sie auszuhalten. Entscheidend dabei: Alles, was mir zu schaffen macht, kann ich im Gebet an Gott abgeben, ich darf es loslassen. Damit sind die Probleme noch nicht gelöst. Aber es hilft mir, das Alleinsein, die Einsamkeit, die Stille auch als eine Chance zu sehen. Ich brauche stille Zeiten, um mir immer wieder bestimmte Fragen stellen zu können. Zum Beispiel: Wo stehe ich heute? Was will ich mir in der nächsten Zeit vornehmen? Dieses Innehalten ist wichtig, damit ich mich nicht nur vom Alltagsgeschehen bestimmen lasse. In einem Vortrag habe ich ein Zitat des katholischen Theologen Johann Baptist Metz gehört. Er sagt: »Religion definiere ich mit Unterbrechung.« Das finde ich hochinteressant. Das heißt, Religion ist, wenn ich mich nicht nur vom linearen, vom alltäglichen Geschehen bestimmen lasse, sondern wenn ich innehalte und meine Antenne nach oben ausfahre. Wenn ich mich frage, was gibt es noch außer Beruf, Familie und Freizeit?

Theologisches Wissen ist erst ein Gewinn, wenn es das Lebensgefühl bestimmt. Wie vermitteln Sie den Menschen, die zur Unterbrechung ihres Alltags ins Kloster kommen, Ihre Erkenntnisse, Erfahrungen und Ihren Glauben?
Bruder Johannes:
Ich denke, in unserer Gästearbeit sind persönliche Gespräche ein wichtiges Element. Wir Christen brauchen immer wieder einen Ort, wo wir schwach sein dürfen, über Zweifel reden können.

Kann ich sagen: Ich weiß mich angenommen, ich muss mich nicht von meiner Leistung her definieren?

Wenn sich Vertrauen bildet, dann können die Menschen sich auch in ihrer Schwäche zeigen, darüber sprechen, dass sie teilweise ungesund leben, unter Konflikten und Minderwertigkeitsgefühlen leiden und zur Selbstannahme finden wollen.

Wir bieten den Menschen persönliche Segnung mit Handauflegung an. Wir sprechen ihnen den Segen Gottes zu. Sie können auch sagen, wofür sie sich diesen besonders wünschen.

Und nach einer solchen Pause können die Menschen sich wieder ihren Aufgaben widmen und sich ins Leben schicken?
Bruder Johannes:
Das ist mir die wichtigste Aufgabe hier auf dem Petersberg. Dass sich die Menschen wieder neu dem Leben stellen können, in das, was kommt. Das ist der ursprüngliche Sinn von Frömmigkeit: tauglich fürs Leben sein. Fromm sein heißt, tauglich fürs Leben. Das kann ich im Grunde nur aus der Gottesbeziehung heraus. Und – nun mache ich einen großen Sprung – wenn ich gelassen leben, mich nicht nur von der Arbeit bestimmen lassen will, muss ich den ganzen Lebensbogen sehen, der von heute bis in die Ewigkeit hinein gespannt ist, der in die neue Welt Gottes führt. Ich habe nicht nur diese Lebenszeit, es gibt die neue Welt Gottes. Ich muss hier nicht alles perfekt fertig kriegen. Ich kann in der neuen Welt Gottes ankommen auch mit dem, was hier in diesem Leben nur bruchstückhaft war. Ich muss mich nicht von meiner Leistung her definieren.

Freilich: Den Glauben an die Auferstehung habe ich nicht in der Hand. Den muss ich immer wieder ergreifen. Aber es gibt Hilfen, die Jesusgeschichten, wie Menschen durch ihn verändert worden sind, damals und heute. Und das Geheimnis der Schöpfung kann mir helfen, an die Auferstehung zu glauben.

Die leisen Kräfte tragen das Leben

23. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Komisch. Wenn ich mich an vergangene Tage erinnere, fallen mir weniger die großen Worte ein und die geschichtsträchtigen Fakten. Dabei habe ich viele bedeutende Reden gehört und manches wichtige Ereignis miterlebt. Vielmehr sind mir kleine Randbemerkungen und eher beiläufige Begebenheiten lebendiger geblieben: die Marotten eines Lehrers, der Geschmack eines Gravensteiner Apfels, der salzige Geruch der Ostsee oder die Stimmung eines Sommer­tages am Müggelsee. Vielleicht liegt es ja daran, dass mein Gedächtnis nicht besonders gut ist und das Verhältnis zu Zahlen schon immer zu wünschen übrig ließ. Vielleicht zeigt es aber auch, dass unsere Seele andere Prioritäten kennt als unser Verstand, und dass manche Nebensächlichkeiten offenbar gar nicht so nebensächlich sind.

»Das Leben besteht aus vielen kleinen Münzen, und wer sie aufzuheben weiß, hat ein Vermögen«
Jean Anouilh

»Glaube mir, es kommt im Leben auf Kleinigkeiten an«, behauptet der Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi. Und ganz ähnlich denkt der Religionsphilosoph Romano Guardini: »Die ­leisen Kräfte sind es, die das Leben tragen.« So gesehen ist die Freude daran, dass manches, was wir säen, blüht, wächst und gedeiht von Bedeutung. Da hat selbst ein Schrebergärtner, von so manchem belächelt, seinen Verächtern etwas voraus. Und wenn auch die neugegründete Gartenpartei der Magdeburger Kleingärtner eine etwas überzogene Reaktion auf Überlegungen der Stadt ist, aus ­einigen Pachtzellen Bauland für Eigenheime zu machen, kann ich doch verstehen, wie wichtig den Betroffenen ihr Stückchen Erde ist.

Christine Lässig

Christine Lässig

Gärten bieten eine Menge kleiner Freuden, die das Leben bereichern und Sorgen mildern. An der Mauer duften die gelben Rosen, die im September zum zweiten Mal blühen. Hummeln hängen an den blauen Blüten der Kräuter. Die Rispenhortensie ist besonders schön dieses Jahr, und der späte Phlox zieht die Blicke auf sich. Die Herbsthimbeeren sind groß und aromatisch, und die Tomaten schmecken natürlich ganz anders als die aus dem Supermarkt. Mag der Tag bringen, was er mag – ganz schlecht kann er nicht werden nach diesen ­erfreulichen Momenten im Garten.

Christine Lässig

Loslassen im Leben und im Sterben

6. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Sterbehilfe: Die Grenzen des eigenen Lebens akzeptieren – Interview mit Landesbischöfin Ilse Junkermann

Die moderne Medizin kann einerseits Leben verlängern. Andererseits wird eine Diskussion über die Möglichkeit der Sterbehilfe geführt. Dietlind Steinhöfel sprach mit Landesbischöfin Ilse Junkermann.

Viele Menschen sagen, sie haben weniger Angst vor dem Tod als vor dem Sterben. Verstärkt sich diese Angst angesichts der Diskussion um Sterbehilfe?
Junkermann:
Ja, ich denke, sie verstärkt sich, weil man nicht weiß, ob Sterbehilfe auch gegen meinen Willen angewendet wird. In einer Patientenverfügung kann ich zwar festlegen, ob lebensverlängernde Maßnahmen eingesetzt werden sollen. Ob das in der konkreten Situation noch mein Wille ist, kann man nicht abschätzen. Wir kennen die Situation nicht, das macht Angst. Und wir wissen: Sterben heißt, das Leben loslassen. Ich habe keine Gestaltungsmacht mehr.

Deshalb ist Sterbehilfe so ein Versuch, bis zum Schluss selbst zu bestimmen, nicht nur die Art, sondern auch den Zeitpunkt. Aber selbst Sterbehilfevereine machen das von ärztlichen Gutachten abhängig. Folglich ist es nicht wirklich selbstbestimmt.

Die Gesetzeslage ist für einen Normalbürger schwer zu durchschauen. In Deutschland sind die Regeln relativ streng. Da darf ohne Einwilligung des Patienten oder der Angehörigen auch die künstliche Beatmung oder Ernährung nicht beendet werden. Greift hier der Mensch nicht unzulässig in den Sterbeprozess ein, zögert ihn hinaus? Oder zwingt andererseits die moderne Medizin Menschen zum Weiterleben, die gar nicht mehr wollen?

Foto: Maik Schuck

Foto: Maik Schuck

Junkermann: Ich denke, es ist die größte Angst, dass die Ärzte den Patienten sozusagen künstlich am Leben halten. Doch Ärzte sagen, das sei eine unbegründete Befürchtung. Die Palliativbewegung hat den Ärzten und Pflegekräften ihre Verantwortung im Sterbeprozess deutlich gemacht, gerade wenn sie nichts mehr tun können. Die Einsicht, nichts mehr tun zu können, ist dann gebotenes verantwortliches Handeln.

Es ist die ärztliche Pflicht und auch die ärztliche Kunst, immer das Individuelle anzuschauen und zu beraten, was der mutmaßlich letzte Wille ist. Da sind die Angehörigen mit einzubeziehen. Es gehört viel Gespür dazu zu sagen: Wir machen jetzt noch eine Versorgung, die das Sterben leichter macht, aber weder hinauszögert noch beschleunigt. Und dafür brauchen Ärzte eine gute Wahrnehmung. Hier hat sich in den letzten 20 Jahren sehr viel geändert.

Früher, als die Angehörigen zu Hause gestorben sind, kannten die Menschen die Anzeichen des Todes. Das wird wieder neu entdeckt in der Palliativmedizin. Heute sterben 80 Prozent der Menschen nicht zu Hause, sondern im Krankenhaus, im Pflege- und Altersheim oder durch Unfälle.

Was ist denn heute zu Hause, ist nicht auch das Altersheim dann das Zuhause, wo ich jetzt die letzten Jahre gelebt habe?
Junkermann:
Ich denke, das Zuhause hat ganz viel mit Beziehungen zu tun. Es ist ein Ort, wo ich mich Menschen anvertrauen kann, wo vertraute Menschen da sind, die meine Menschenwürde respektieren, selbst wenn ich sie nicht mehr einfordern kann. Ich glaube, das ist ganz entscheidend. Das ist im Sterben nicht anders als im Leben. Wenn Menschen einsam und alleine leben, sterben sie auch einsam und alleine. Ganz gleich, ob es ihre Wohnung ist oder ein Altersheim. Diese Bitternis der Einsamkeit ist dadurch nicht weggenommen.

»Mir ist alles erlaubt, es dient aber nicht alles zum Guten«, heißt es im 1. Korintherbrief. Die Sterbehilfe ­definieren Diskutanten sehr unterschiedlich, was dem Guten dient, was nicht. In den Niederlanden gibt es europaweit die weitestgehende Regelung, wo aktive Sterbehilfe unter bestimmten Voraussetzungen straffrei bleibt. Ist das jetzt eine Lizenz zum Töten?
Junkermann:
In einer Gesellschaft, in der aktive Sterbehilfe freigegeben ist, besteht die Gefahr, dass eine Erwartungshaltung entsteht. Menschen geraten unter Druck, von sich aus diese Entscheidung zu treffen. Wir haben das genauso bei den Schwangerschaftstests, also am Anfang des Lebens.

Das sind ganz ähnliche Fragestellungen. Je mehr wir wissen oder meinen zu wissen, desto mehr Verantwortung übernehmen wir. Wenn beim ­gezeugten Leben Downsyndrom oder eine andere Behinderung bei 80 Prozent liegt, muss das Paar entscheiden, weil es dieses Wissen hat.

Ähnlich ist es am Ende des Lebens. Wenn ich weiß, ich kann dem auch ein Ende setzen oder setzen lassen, dann muss ich mich vielleicht von Angehörigen fragen lassen: »Was machst denn du noch?« Oder ich empfinde: »Ich falle den anderen zur Last.« Ich sehe eine große Gefahr, dass sich eine Gesellschaft dorthin entwickelt zu entscheiden: Was ist und wer ist lebenswert? Und dass die Menschen auch selber ihr Leben nur lebenswert empfinden, wenn sie noch tätig sein können. Die Erfahrung, Leben hat seinen Wert und ich hab meine Würde, weil Gott mich ansieht und mein Leben achtet, die geht dabei verloren. Genau deshalb spitzt sich in unserer Gesellschaft diese Frage so zu.

Angesichts der Hightech-Medizin fragen Trauernde: Ja, hätten die Ärzte nicht noch mehr tun können, damit der Vater, die Mutter, das Kind noch überlebt hätten?
Junkermann:
Ja, das ist die andere Seite. Deshalb ist zu lernen, dass ­unser Leben auf jeden Fall begrenzt ist und auch unsere Möglichkeiten begrenzt sind. Wir müssen dafür Gespür entwickeln. Nicht meinen, ich habe die falsche Entscheidung getroffen, bei einer anderen wäre es besser gegangen. Sondern sagen, es gibt eine grundsätzliche Begrenzung unseres Lebens im Tod.

Uns fehlt diese öffentliche Kultur dafür. Jeder muss es sozusagen für sich selbst entscheiden. Das macht es so schwer. Je mehr Menschen Grenzen erweitert haben, steht die Frage: Warum musste jetzt dort die Grenze sein, hätte sie nicht noch verschoben werden können? Die Menschen wollen sein wie Gott, das erzählt uns die Bibel von Anfang an. Aber das funktioniert nicht.

Wir leben mitunter, als ob wir nicht sterben müssten. Wie können wir als Kirche in diesen Fragen noch offensiver in der Gesellschaft wirken?
Junkermann:
Gott begegnet uns im Leben und im Sterben und gibt uns das Leben, bewahrt es uns, auch wenn wir sterben. Das ist sozusagen unsere Hoffnung und unser Trost. Wie üben wir das ein? Wie gehen wir selbst mit dem Loslassen und Abschiednehmen im Leben um, das uns begleitet von Anfang an mit schmerzlichen Prozessen: vom Kindsein über die Pubertät und viele Veränderungsprozesse.

Wie gelingt es uns als Christen, das Abschiednehmen zu leben und zu sagen: Gott hält mich. Er will unser Leben und bewahrt es, auch wenn es für uns ein Geheimnis ist, wie das gehen kann. Die Selbstbestimmung ist kein absoluter Wert. Die Selbstbestimmung braucht das Gespräch mit den anderen. Das ist keine einsame Entscheidung, sondern ich muss meine eigenen und die Grenzen und das Recht des anderen sehen. Auch in der nichtchristlichen Gesellschaft können wir den grundlegenden gemeinsamen Wert der Menschenwürde stark machen: dass die Würde nicht an der Tat und der Leistung hängt, sondern unverletzlich ist. Und auch durch meine Selbstbestimmung nicht verletzt werden darf.

Ich denke, das ist im Blick auf Sterben, Tod, Umgang mit Krankheit, mit Behinderung etwas ganz Wichtiges.

Auferstehung – ein Sieg des Lebens

31. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ostern: Der Tod ist verschlungen vom Sieg – Die Geschichte einer Heilung nach lebensbedrohlicher Krankheit

Es ist ein innerer Wandel, der sich beginnend mit einer akuten lebensbedrohlichen Erkrankung im Laufe des mehrwöchigen ­Heilungs­prozesses vollzogen hat. Für meine Umwelt ist er wahrscheinlich nicht bemerkbar, ich empfinde ihn wie eine Auferstehung.

Der 2. März 2000 war für mich ein Schicksalstag. An die ­Stunden nach der Operation kann ich mich nicht ­erinnern. Dank wirkungsvoller Medikamente spürte ich auch in der folgenden Nacht keine Schmerzen. Es war nicht meine erste Operation. Ich wußte, wenn der Tag der Operation vorüber ist, geht es aufwärts. Die Heilungskräfte meines Körpers übernehmen treu ihren Dienst. Solche Gedanken gingen mir nach dem ersten morgendlichen Aufstehen mit Hilfe der Schwestern durch den Kopf. Ich lag wieder im Bett – froh, die ­Operation gut überstanden zu haben, zuversichtlich auf Genesung hoffend. Doch es sollte anders kommen. Schlimmer als befürchtet.

Foto: epd-bild

Foto: epd-bild

Plötzlich – mir wurde schwindlig, das Karussell in meinem Kopf drehte sich immer schneller und heftiger. Ich bekam keine Luft, drückte die Klingel, die in meiner Hand lag. Ich fühlte mich dem Tod nahe – ein Vers aus Psalm 25 schoss mir durch den Kopf. Stumm flehte ich zu Gott: »Errette mich. Lass mich nicht zuschanden werden.« Eine Schwester kam, ihr folgte eine zweite. Der Blutdruck wur­de gemessen. Die Krankenschwester – ich nahm ihren Schreck und ihre Aufregung wahr – maß ihn zum zweiten Mal. Sie wandte sich ihrer Kollegin zu und sagte ihr den Wert des Blutdrucks. Er war viel zu niedrig. Die Krankenschwester kontrollierte wiederholt, immer mit demselben Ergebnis. Der Blutdruck fiel weiter ab. Schwestern eilten herbei. Eine Ärztin kam mit dem Sauerstoffgerät, dessen Schläuche sie mir an die Nase klemmte. Ich hörte sie sagen: »Wir bringen Sie auf die Intensivstation. Dort können Sie besser versorgt werden.« Schwestern und Pfleger schoben im Laufschritt mein Bett über den Krankenhausflur. Ich verlor das Bewusstsein. Als ich wieder aufwachte, saß ein Arzt hinter mir und ließ den Ultraschallkopf über meinen Oberkörper gleiten. Er diagnostizierte: »Eine Lungenembolie.« Ich litt unter Luftnot, war aber hellwach. Ein gewaltiger Druck lastete auf meinem Brustkorb. Ein Blutgerinnsel hatte ein Lungengefäß verstopft. Eine Lysetherapie, bei der die Blutgerinnung gehemmt wird, sollte den Thrombus auflösen. Das war unmittelbar nach einer ­Operation wegen der Gefahr innerer Blutungen ein ­großes Risiko. Der Mediziner klärte mich über mögliche Komplikationen auf. Doch es gab keine Alternative: »An der Embolie können Sie sterben.« Mir wurde himmelangst. Mit meiner Unterschrift gab ich mein Einverständnis in die Behandlung, die sofort begann.

Die nächsten Stunden waren wie eine Fahrt auf der Achterbahn. Die Laboruntersuchung zeigte, meine Blutwerte sanken. Ich bekam die erste Bluttransfusion. Mir wurde abwechselnd heiß und kalt. Die Werte verbesserten sich. Wenig später sanken sie wieder. Es folgte die nächste Blutkonserve. Das wiederholte sich noch mehrere Male an diesem Tag. Die Ärzte traten mit ernster, besorgter Miene an mein Bett. Meine Familie, vom Krankenhaus benachrichtigt, wusste, dass mein Leben an einem seidenen Faden hing. Besuche strengten mich unglaublich an.

Mittlerweile war es Abend geworden. Viele Mediziner versammelten sich im Krankenzimmer, um mir zu sagen, dass die massiven inneren Blutungen eine Notoperation erforderlich machten. Ich haderte, doch der Anästhesist gab mir zu verstehen: »Die Ärzte haben keine Wahl.« Wieder im Laufschritt wurde mein Bett von der Intensivstation in den Op-Saal geschoben. Mein mir seit vielen Jahren vertrauter Arzt trat zu mir heran: »Wir machen alles, was möglich ist.« Die Ärzte kämpften um mein Leben.

Tatsächlich wachte ich am nächsten Morgen wieder auf. Mein Körper fühlte sich an wie in von einem engen Panzer umgeben. Es ging mir sehr schlecht, aber ich lebte. Die folgenden Tage war ich sehr schwach, vollkommen auf Hilfe angewiesen. Nach vier Tagen auf der Intensivstation sprach mir einer der Ärzte Mut zu: »Ab jetzt geht es aufwärts.« Und: »Sie hatten ­einen guten Schutzengel.«

Nach einer Woche wurde ich von der Intensivstation auf die normale Station verlegt – zwar noch mit Infu­sionstropf und anderen Schläuchen. Ich spürte jetzt, meine Kräfte kehrten zurück, allmählich, ganz langsam wie im Kaffeebohnenschritt, aber stetig. Jeden Morgen spürte ich eine winzig kleine Verbesserung. Nachdem ich aus dem Krankenhaus entlassen war, fuhr ich für vier Wochen zur Kur. Danach war ich wieder so leistungsfähig wie zuvor. Geheilt. Und – ein neuer Mensch. Ich fühlte mich wie neuge­boren.

In den schweren Krankheitstagen hat sich in mir ein Wandel vollzogen. Ich weiß nicht, ob der für meine Mitmenschen bemerkbar ist. Für mich ist eine große Veränderung geschehen, die ich wie eine Auferstehung empfinde. Meine Einstellung zum Leben ist eine andere geworden. Mit der Heilung ist in mir eine Dankbarkeit und Liebe zum Leben gewachsen, die so groß ist wie nie zuvor. Das Leben, das ich als selbstverständlich hinnahm, das mir nur in seltenen Momenten Anlass zum Danken war, empfinde ich als ein kostbares, einmaliges Geschenk. Viel zu oft hatte ich mit dem Leben, mit meinem Schicksal gehadert. Das ist vorbei und nie wieder bin ich in den Jahren, die seitdem vergangen sind, hinter die alte Lebenseinstellung zurückgefallen. Dankbarkeit und Liebe erfüllen mich. Jeden Tag danke ich Gott für das Schöne, das ich erlebe, für die kleinen alltäg­lichen Dinge und die großen. Mein Schicksal, die Vergangenheit und das Heute betrachte ich als von Gott gegeben.

Gott muss verrückt sein, könnte man meinen, angesichts der Zumutung, die Schmerz und Leid sind. Doch ich habe nie gefragt, warum mir das passiert ist. Gott hat mir eine Erfahrung von unschätzbarem Wert geschenkt. Ich war in großer Not, bin fast gestorben. Ich hatte Angst, tief und hart zu fallen und fühlte mich zugleich gehalten. Gott hat mich geheilt, durch Dunkelheit und Leid zum Leben geführt.

Sabine Kuschel

Niemand weiß, wie viele auf dem Weg sterben

19. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Flüchtlinge: Afrikanische Migranten träumen von einem besseren Leben in Europa

Viele fliehen vor Krieg und Gewalt, andere wollen der Armut entkommen. Doch für die meisten afrikanischen Flüchtlinge geht der Traum eines besseren Lebens in Europa nie in Erfüllung.

Allein die spanische Migrationsbehörde geht davon aus, dass in den vergangenen Jahren jeweils etwa 6000 Afrikaner bei ihrem Versuch, auf maroden Booten die Kanarischen Inseln zu erreichen, ertrunken sind. An allen europäischen Küsten des Mittelmeeres ist die Situation ähnlich. Die maltesische Sozialarbeiterin Sandra Schembri arbeitet in ­einem Flüchtlingsheim auf Malta. Sie bezweifelt, dass irgendeine Behörde verlässliche Zahlen der Todesopfer hat: »Diese Leute kaufen sich ja kein Ticket an ­einem Schalter. Sie haben die Sahara durchquert und versuchen irgendwie, übers Mittelmeer zu kommen. Ich habe schon oft von Booten gehört, die gekentert sich. Einer hat mir erzählt, dass er einer von fünf Überlebenden ist, auf einem Boot, das mit 50 Leuten gestartet war.«

Kaum Hoffnung für die Überlebenden: Viele Flüchtlinge leben jahrelang zusammengepfercht in ­Heimen oder Lagern, wie hier in Hal Far auf Malta. Foto: Andreas Boueke

Kaum Hoffnung für die Überlebenden: Viele Flüchtlinge leben jahrelang zusammengepfercht in ­Heimen oder Lagern, wie hier in Hal Far auf Malta. Foto: Andreas Boueke

Die Mitgliedstaaten der Europäischen Union haben die völkerrechtliche Pflicht, bei jedem einzelnen Afrikaner, der illegal in Europa ankommt, festzustellen, aus welchem Grund er auf der Flucht ist. Oberkirchenrat Thorsten Leisser, Referent für Migration der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), betont, dass Flüchtlinge einen Rechtsanspruch auf Schutz genießen. Er weiß aber auch, dass dieser Schutz nicht immer gewährt wird: »In der Tat gibt es Schwierigkeiten aufgrund der Fülle von Anträgen. Aber wenn man sich weltweit die Flüchtlingsstatistiken anschaut, ist die Zahl der Personen, die von Afrika nach Europa kommen, ein verschwindend kleiner Bruchteil dessen, was es global gesehen an Flüchtlingsbewegungen gibt.«

Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen, der UNHCR, spricht von mindestens fünf Millionen Menschen, die innerhalb Afrikas auf der Flucht sind. Nur die ­wenigsten versuchen, Europa zu erreichen. Die EU-Grenzagentur »Frontex« geht davon aus, dass im Jahr 2011 etwa 70000 Afrikaner illegal nach Europa gekommen sind. Aber die Sozialarbeiterin Sandra Schembri kommentiert auch diese Zahlen mit Skepsis: »Man weiß, dass Millionen Menschen an den Grenzen darauf warten, nach Europa zu kommen. Aber niemand weiß, wie viele ihre Länder verlassen ­haben und auf dem Weg umgekommen sind. Manche werden erschossen, andere sterben bei einer Razzia, an Durst in der Wüste oder in Gefangenschaft in Libyen.«

Auch der ghanaische Menschenrechtsanwalt Ahmed Bugri kann keine konkreten Zahlen nennen, obwohl er seit Jahren afrikanische Flüchtlinge betreut, die Malta erreicht haben. Er will seine Landsleute davon abhalten, sich auf den gefährlichen Weg nach Europa zu machen. Womöglich zeichnet er deshalb ein besonders hoffnungsloses Bild: »Viele Leute sterben. Wir kennen ja nur diejenigen, die es schaffen. An den europäischen Küsten werden viele Leichen angeschwemmt, genauso wie in Libyen. Wie hoch ist der Anteil derjenigen, die es schaffen? Ich würde sagen zwei Prozent oder fünf Prozent.«

Warum machen sich dann trotzdem viele junge Afrikaner auf den Weg nach Europa? »Sie wollen ein besseres Leben«, sagt Ahmed Bugri. »Europa bietet jungen Afrikanern Möglichkeiten, die ihnen die afrikanischen Regierungen nicht bieten. In vielen dieser Länder ist der Staat instabil und zeigt kein Interesse am Wohlergehen seiner Bürger. Europa kennen sie aus dem Fernsehen. Sie glauben, dort ist alles besser. Viele junge Leute kennen jemanden, der es geschafft hat und der Geld nach Hause schickt. Die ­Eltern sagen dann: ›Schau mal, dein Freund ist in Europa und sieh, was er geschickt hat.‹ Hundert Euro sind eine Menge Geld in diesen Dörfern.«

Die Erfahrung zeigt: Abschreckung funktioniert nicht. Der Flüchtlingsaktivist Ahmed Bugri glaubt, eine angemessenere Antwort Europas wäre es, sich mehr und direkter um eine Verbesserung der Lebenssituation in den Herkunftsländern zu bemühen: »Die Entwicklungspolitik in Afrika muss bei den Menschen ankommen. Wenn Deutschland hunderttausend Euro an Afrika gibt, wo landet das Geld? In den Händen von Politikern. Aber die Flüchtlinge kommen aus Dörfern. Viele sind zur Schule gegangen. Sie haben einen Schulabschluss, aber keine Arbeit. Sie gehen in die Städte. Da gibt es auch keine Arbeit. Also ­gehen sie woanders hin. Sie suchen nach einem Ort, der es ihnen ermöglicht, ihre Familien zu ernähren. Deshalb riskieren sie ihr Leben, um nach Europa zu kommen.«

Andreas Boueke