Alles kann Gebet sein: Schweigen, singen, arbeiten

15. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Es gibt verschiedene Formen des Gebets: Kindergebete, Tischgebete, Friedensgebete, Fürbitten, stille Gebete. Keines bleibt ohne Wirkung.

Das Gebet ist ein höchst bemerkenswertes Phänomen. Für sehr viele Menschen – Christen, Juden, Muslime und Angehörige anderer Religionen – ist es fest in den Tagesablauf integriert. Ihnen gegenüber steht insbesondere in Deutschland eine hohe Zahl von Atheisten, Menschen, die nicht an Gott glauben. Doch sogar sie schicken gelegentlich, wenn sie verzweifelt sind und nicht ein noch aus wissen, ein Stoßgebet zum Himmel. Für manche Christen wiederum ist es nicht selbstverständlich, regelmäßig zu beten. Und schon Paulus merkte, »denn wir wissen nicht, was wir beten sollen« (Römer 8,26 b).

Beten will geübt sein

Selbst die vermeintlichen Profis in Sachen Gebet, die Theologen und Pfarrer, haben zuweilen ihre Schwierigkeiten damit. »Ich bin kein Gebetomat, ich lasse mich ablenken, treiben«, so Propst Christoph Hackbeil, Regionalbischof für den Propstsprengel Stendal-Magdeburg. Er hat sich für den Gebetskalender der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) starkgemacht.

Der Gebetskalender, der abonniert werden kann, lädt Einzelne und Gemeinden ein, die darin formulierten Anliegen aufzunehmen und vor Gott zu bringen. Der Gebetskalender wird jeweils für zwei Monate veröffentlicht. Gestaltet wird er reihum von den Propsteien Gera-Weimar, Stendal-Magdeburg, Eisenach-Erfurt, Meiningen-Suhl, dem Reformierten Kirchenkreis, Halle-Wittenberg und dem Landeskirchenamt.

Wie Hackbeil erklärt, sammeln die Kirchenkreise ihre Vorschläge für Gebetsanliegen, die Superintendenten beraten darüber und treffen eine Auswahl. Die Anliegen nehmen die gesellschaftliche Situation auf sowie das, was die Landeskirche und die Propsteien beschäftigt, so der Theologe. Die Resonanz sei bislang gleichbleibend, wünschenswert wäre eine größere Beteiligung.

»Gebet bleibt nie ohne Wirkung, auch wenn ich sie nicht sehe«, ist Ulrike Köhler, Seelsorgerin im Kloster Volkenroda, überzeugt.

Gebete werden erhört

Zwiesprache mit Gott: Beten in verschiedenen Religionen, an unterschiedlichen Orten, allein oder in Gemeinschaft. Fotos: epd-bild; Fotosasch – stock.adobe.com. Collage: Adrienne Uebbing

Zwiesprache mit Gott: Beten in verschiedenen Religionen, an unterschiedlichen Orten, allein oder in Gemeinschaft. Fotos: epd-bild; Fotosasch – stock.adobe.com. Collage: Adrienne Uebbing

»Das ist manchmal unheimlich«, so die Erfahrung von Kirchenrat Andreas Möller, verantwortlich für Gemeindeentwicklung in der EKM. Als ihm vor etlichen Jahren die Pfarrstelle am Lutherhaus Jena angeboten wurde, lehnten er und seine Frau zunächst ab. »Es sprach vieles dagegen«, erzählt er. »Dann haben wir alle Bedenken im Gebet ausgesprochen und Gott gebeten, wenn er will, dass wir nach Jena gehen, soll er irgendetwas tun. Wir waren bestürzt, als sich im Laufe von etwa acht Wochen alle Probleme in Luft auflösten.«

Ebenso gibt es die Erfahrung, dass Gebete nicht erhört werden. Gott ist kein Wunscherfüllungsautomat. Das wäre furchtbar, denn zuweilen wenden sich Menschen mit bösen, abwegigen, irrsinnigen Erwartungen an ihn. Manchmal könne das Gebet zu einer neuen Einsicht führen, ganz banal, wie es Ulrike Köhler beschreibt. Wenn sie eine Erkältung hat und darum bittet, gesund zu werden, dies aber nicht eintritt, frage sie sich, ob sie nur etwas mehr Geduld aufbringen und einfach nur stillhalten solle.

Aber auch schwer kranke Menschen bitten vergeblich um Heilung. In solchen Fällen fordere sie die Betreffenden auf, so Köhler, näher hinzuschauen und akzeptieren zu lernen, dass unser Leben endlich ist. Aus Sicht der Seelsorgerin eine zumutbare Aufforderung, »wenn wir wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen«. Sie ist sich sicher: »Wir haben einen Gott, der Wunder tut. Aber wir können nicht darüber verfügen, dass er Wunder tut.«

Beten lernen

Wie lernt ein Mensch beten? »Ich bin noch klein, mein Herz ist rein, es soll niemand drin wohnen als Jesus allein. Amen« Unzählige Mütter haben ihren Kindern dieses Gebet beigebracht. Bestenfalls geht das Ritual so im Laufe der Zeit in Fleisch und Blut über.

»Ich erinnere mich, wie die Eltern den festgelegten Gebeten freie Worte hinzufügten«, berichtet Andreas Möller. Diese freien Worte seien für ihn sehr eindrücklich gewesen, ehrlich und authentisch. Im Ferienlager, wenn er sich nach Hause sehnte, habe er sich darauf besonnen, den erlernten Gebeten freie Worte hinzuzusetzen.

Es gibt verschiedene Formen des Gebets: Kindergebete, Tischgebete, Friedensgebete, Fürbitten, stille Gebete, um nur einige zu nennen.

In bestimmten Situationen sei es für Menschen, beispielsweise für Politiker, wichtig, wenn für sie gebetet wird, betont Hackbeil. »Es gehört zu unserem Auftrag, für die Obrigkeit zu beten statt Ratschläge zu geben.« Ebenso tröste es Kranke, wenn sie wissen, dass die Seelsorgerin sie in ihr Gebet einschließe. Persönlich schätze er das Gebet als große Hilfe im Leben. Es verbinde mit anderen Menschen, mit der Schöpfung. »Und es gibt mir Kraft, Dinge auszuhalten.«

Im Kloster Volkenroda wird täglich drei Mal zum Gebet eingeladen. 7.30 Uhr steht der Morgengottesdienst auf dem Programm, mittags das Gebet für Frieden und abends Fürbitten.

In einen inneren Dialog treten, ein Stoßgebet oder Schweigen, sich Gott nur hinhalten ohne Absichten – alles ist Gebet.

»Manche sagen, Gesang ist die höchste Form des Gebets«, ergänzt Andreas Möller. Mit dem Körper zu beten, etwa die Arme zu erheben, sei ebenfalls eine Möglichkeit, sich der Gegenwart Gottes zu öffnen.

Zur hohen Schule gehört das Herzensgebet, ein immerwährendes Gebet, bei dem im Atemrhythmus der Name Jesu Christi angerufen wird: Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.

Und selbst die Arbeit könne Gebet sein, so Ulrike Köhler. Wenn ich in allem, was ich tue, Gott suche, sei das Gebet. »Ich bin Mitschöpfer, darf an Gottes Schöpfung mitgestalten.« Mit dieser inneren Ausrichtung könne das Arbeiten zum Gebet werden.

Sabine Kuschel

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Preist den Herrn am Smartphone

14. Januar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Für Abgesänge auf das gedruckte Gesangbuch ist es zu früh. Doch die evangelische Kirche will künftig auch vom Smartphone und Tablet singen lassen. Seit Monaten wird dazu an einer App gebastelt.

Wie ging der Text dieses Liedes »Geh aus, mein Herz« noch mal weiter? Da summt einem eine Kirchenmelodie durch den Kopf, aber wie heißt eigentlich der Choral dazu? Fragen dieser Art könnte in Zukunft ein Anwendungsprogramm (App) für Smartphones und Tabletcomputer beantworten. Entwickelt wird die Gesangbuch-App derzeit von der Evangelischen Landeskirche in Württemberg in Zusammenarbeit mit der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Den Machern geht es nicht darum, mittelfristig die gedruckten Gesangbücher aus den Kirchen zu verbannen. Im Gegenteil: Kirchenrat Dan Peter, bei der württembergischen Landeskirche für Publizistik zuständig, kann sich sogar neues Interesse am Liedgut zwischen zwei Buchdeckeln vorstellen, wenn es durch eine App wieder populärer geworden ist. Zuerst ziele die App auf den einzelnen Nutzer. »Sie soll zum Singen animieren und neuen Zugang zu geistlichem Liedgut eröffnen«, sagt Peter.

Gesangbuch-App: Sie animiert zum Singen und soll einen neuen Zugang zu geistlichen Liedern eröffnen. Foto: Evgenia Tiplyashina – fotolia.com

Gesangbuch-App: Sie animiert zum Singen und soll einen neuen Zugang zu geistlichen Liedern eröffnen. Foto: Evgenia Tiplyashina – fotolia.com

Den Inhalt eines Gesangbuchs mit der digitalen Welt zu verknüpfen, bietet viele Chancen. Eine Volltextsuche ermöglicht es, Lieder nach Stichwörtern zu durchforsten. Wer nur noch einen Choralfetzen in Erinnerung hat, findet auf diese Weise in Sekundenschnelle das komplette Lied. Auch das Summen einer Melodie kann die App verstehen – und dann nachschauen, welche Lieder genau diese Melodie verwenden.

Nützlich ist die App auch, um sich Liedgut zu erschließen. Bei einem neuen Song (oder einem alten, den man nirgends mehr hört) hilft die App, indem sie die Melodie vorspielt. Dabei lassen sich Tonhöhe und Geschwindigkeit variieren. Weiteren Nutzen gibt es für Musiker, die ganze Chorsätze finden und vom Tablet herunter mehrstimmig spielen können.

Beim gemeinsamen Singen vom Bildschirm ist vor allem an Gottesdienste im Grünen oder an Reisegruppen gedacht. So könnten christliche Touristen in Kirchen textsicher vom Smartphone aus einen Kanon schmettern. Schon heute holten manche bei Google Rat, wenn sie ohne Gesangbuch unterwegs sind, beobachtet Kirchenrat Peter.

Außerdem ist ein offenes System geplant, dem die Nutzer auch weitere elektronische Liederbücher hinzufügen können.

Landeskirchenmusikdirektor Matthias Hanke nennt das die »Entkanonisierung« des Gesangbuchs. So ließen sich etwa moderne Lobpreissongs, die gerade bei jüngeren Leuten beliebt sind, mit wenigen Klicks einbinden.

Auch eine Kooperation mit dem Deutschen Evangelischen Kirchentag, der zur alle zwei Jahre stattfindenden Großveranstaltung ein eigenes Liederbuch herausbringt, ist angedacht. Außerdem lässt sich die Mehrsprachigkeit geistlicher Lieder durch entsprechende Module ausbauen. Eine Anpassung des Programms an die Bedürfnisse der katholischen Kirche, die noch keine vergleichbare App besitzt, sei ebenfalls denkbar.

Als besonders heikel erweisen sich im Entwicklungsprozess Rechtsfragen. Lizenzen für Liedtexte und Notensätze müssen bei den Verlagen eingeholt werden. Bisher regeln Rahmenvereinbarungen und Pauschalverträge die kirchliche Nutzung von Liedblättern und Beamereinsätzen im Gottesdienst. Bei einer App müssen die neuen Einsatzfelder mit den Rechtevertretern verhandelt werden. Kompliziert ist zudem das Einspielen von Musikvideos, weil hier auch die Rechte der Aufführenden berührt sind, selbst wenn das Video an anderen Stellen schon öffentlich zugänglich ist.

Gratis wird die Gesangbuch-App für die Nutzer nicht. Die württembergische Kirche übernimmt zwar die Anschubfinanzierung mit rund 500 000 Euro, danach muss sich das Projekt aber selbst tragen. Aus Sicht der Macher ist das keineswegs unrealistisch. Wenn von den 22 Millionen Protestanten in Deutschland sich nur eine Million für die App entscheidet, ließe sich der Weiterbetrieb problemlos finanzieren. Bis zur württembergischen Frühjahrssynode in Stuttgart soll ein Business-Plan für die App vorliegen. Die Entwickler hoffen, spätestens bis zum 1. Advent 2018 eine marktfähige Version herausbringen zu können.

Marcus Mockler (epd)

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Kirche ist kein Vereinsheim

15. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die EKM will zum Reformationsjubiläum eine gute Gastgeberin sein

In Psalm 61 heißt es: »Lass mich wohnen in deinem Zelte ewiglich und Zuflucht haben unter deinen Fittichen.« Zuflucht, Geborgenheit, Hilfe, Ruhe und Schutz – all das will und all das kann ein Gotteshaus bieten.

»Unsere Kirchengebäude laden jeden Menschen ein, zur Besinnung zu kommen, sich in eine Bank zu setzen, ein Gespräch mit Gott zu führen oder einfach den eigenen Gedanken nachzuhängen – falls die Kirche geöffnet ist«, erklärte Landesbischöfin Ilse Junkermann während der Herbstsynode in Erfurt.

Verlässlich geöffnete Kirchen – bald eine Selbstverständlichkeit in den Gotteshäusern der EKM? Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Verlässlich geöffnete Kirchen – bald eine Selbstverständlichkeit in den Gotteshäusern der EKM? Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Dieser Umstand sei Anlass für einen Bewusstseinswechsel in der Landeskirche. »Die EKM will auf das Reforma­tionsjubiläum hin eine gute Gastgeberin sein. Dazu gehören auch verlässlich geöffnete Kirchen«, ließ die Landes­bischöfin die Synodalen wissen.

Täglich geöffnete Kirchen gibt es in vielen Regionen, wie dem Eichsfeld, in Mecklenburg oder auch in Südtirol. Auf dem Gebiet der Landeskirche aber sind nur wenige der gut 4 000 Kirchen stetig geöffnet. Das hängt mit gemeindlichen Strukturen, Personalabbau, aber auch baulichen und versicherungstechnischen Vorgaben zusammen. Denn so einleuchtend der Vorschlag der Kirchenleitung auch ist: Seelsorger und Gemeindekirchenräte vor Ort sehen bei der praktischen Umsetzung durchaus Probleme und großen Gesprächsbedarf.

Viele meinen, mit dem Aufsperren der Kirchentüre sei es nicht getan. Superintendentin Angelika Greim-Harland aus Arnstadt erklärt dies so: »Es geht zuallererst um eine grundsätzliche Öffnung der Gemeinden, deren Haus und auch Symbol die Kirche ist.« Sie gibt zu bedenken, dass »an den Stellen, wo Gemeinde vor Ort nicht mehr erlebbar ist, weil sie ausgedünnt ist, weil sie die Funktionen einer Kirchengemeinde nicht mehr vollständig wahrnehmen kann, dass es dort mitunter nicht leicht ist, ein Bewusstsein für das Vorhaben der Landeskirche zu finden«. Darum plädiert Greim-Harland dafür, das Vorhaben »Offene Kirchen« an den Prozess »Gemeinde-neu-denken« zu koppeln. »Viele kleine Gemeinden sind durch große Probleme, wie etwa die Baulast, beladen. Dies ist oft erdrückend und ein Vorhaben wie das der Landeskirche verunsichert viele, und sie fragen: Was bedeutet das für uns?« Greim-Harland hat festgestellt, dass sich im Gespräch die Widerstände und Vorurteile aber gut und schnell beilegen lassen. »Wir werden das Thema im Konvent, in den Gemeindekirchenräten und beim Kirchenältestentag besprechen«, so die Superintendentin. Für sie ist ganz klar, dass es die Öffnung der Gemeinden braucht, damit Kirche wieder öffentlicher und spiritueller Raum für alle Menschen wird.

Eben für dieses Ender­gebnis möchte die Landes­kirche die Weichen stellen und wirbt darum, dass ab spätestens Frühjahr 2016 jedes Kirchengebäude tagsüber geöffnet ist. Junkermann betonte immer wieder, es sei fatal, wenn die Kirche zu einer Art Club nur für Mitglieder verkäme, mit dem Kirchgebäude als »Vereinsheim«. Kirche für andere sein, das ist Programm.

Dass ihr Vorstoß auch Risiken birgt, dessen ist sich die Landesbischöfin bewusst. Vandalismus und Diebstahl sind ein nicht wegzudiskutierendes Risiko. Und dennoch: Auch Jesus Christus sei ein großes Risiko eingegangen. Dieses habe ihn bis ans Kreuz gebracht. »Dort hat er sehr viel Vandalismus auf sich genommen, um uns mit seiner Versöhnung zu erreichen.« Ein Argument, dem kaum etwas entgegenzusetzen ist.

Diana Steinbauer

Mutig Neues ausprobieren

22. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland setzt auf mehr Verantwortung an der Basis

In ihrem Bischofsbericht vor zwei Jahren stellte Landesbischöfin Ilse Junkermann den Umbau in der mitteldeutschen Landeskirche (EKM) in den Fokus. Dietlind Steinhöfel und Jürgen Reifarth sprachen mit der Landesbischöfin und dem Gemeindedezernenten, Oberkirchenrat Christian Fuhrmann.

Die demografische Entwicklung hat zum Zusammenschluss von Kirchengemeinden geführt. Oft hören wir, dass dies dem neuen Finanzsystem geschuldet sei. Ist das so richtig?
Fuhrmann:
Es ist für mich ein Phänomen, wie schwer es uns gelingt zu vermitteln, dass hier eben kein Zusammenhang besteht. Es geht ja nicht ums Sparen. Wir haben keine Sparbüchse, sondern stellen fest: Wir können nicht alles finanzieren, was wir wollen.

Landesbischöfin Ilse Junkermann und Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, Gemeindedezernent  Foto: Matthias Schmidt

Landesbischöfin Ilse Junkermann und Oberkirchenrat Christian Fuhrmann, Gemeindedezernent Foto: Matthias Schmidt

Junkermann: Es ist nicht mehr Geld da. Insofern ist es kein Sparen, sondern es sind Kürzungen. Weniger Menschen bedeutet weniger Geld.

Wie sollen Gemeinden reagieren?
Fuhrmann:
Es kommt doch nicht allein aufs Geld an! Wozu inspiriert uns diese Situation? Vielleicht hilft ein Blick in die Reformationszeit. Da staunt man, wie satt wir heute sind. Arm oder reich sind immer relativ. Wir müssen uns auch auf andere Quellen besinnen!

Eine Leserin aus dem Altenburger Land schreibt, der Mitgliederschwund sei der Vernachlässigung der Kirchengemeinden auf dem Lande geschuldet. Ihre Pfarrerin sei für vier Gemeinden mit fünf Kirchen, drei Pfarrhäusern und einem Viertel der Stadt zuständig – 26 Dörfer, zwei Pflegeheime, zwei Förderschulen, zwei kirchliche Friedhöfe. Ist das zu bewältigen?
Junkermann:
Die Leserin stellt genau die richtige Frage. Ich sage: Ja, es ist zu bewältigen, wenn wir von der Gemeinde und ihren Gaben her denken. Und nein, es ist nicht zu bewältigen, wenn wir in den alten Rollenverständnissen verharren. Wir müssen gemeinsam suchen, was wir benötigen. Wir sind seit dem 19. Jahrhundert in einem Säkularisierungsprozess und haben lange nicht darauf reagiert.

Fuhrmann: Es ist wichtig, dass wir die Trauer über Verlorenes wahrnehmen und gleichzeitig sagen: Du kannst es mit anderem anders gestalten. Auch die Kirchenleitung hat keine Rezepte. Jede Gemeinde muss ihre Lösung im Gespräch mit den Nachbarn selbst finden.

Gibt es weitere Strukturreformen?
Junkermann:
Die brauchen wir nur, wenn man sich die Illusion macht, man könnte dasselbe erhalten mit weniger. Deswegen heißt Umbau, die Perspektive auf Gemeinde muss sich ändern. Gemeinde ist nicht dort, wo soundso viele hauptberufliche Stellenanteile sind, sondern eine Gemeinschaft von Getauften – das ist ganz reformatorisch-biblisch.

Fuhrmann: Wir haben eine Struktur aus einer Zeit, in der noch 85 bis 90 Prozent ganz selbstverständlich der Kirche angehörten. Jetzt sind wir an die 20 oder gar zehn Prozent. Da trägt die bisherige Struktur nicht mehr oder wird sogar zur Belastung. Wir sind als Kirche unterwegs, ein wanderndes Gottesvolk. Das ist ein biblisches Bild, das uns in unserer Situation heute ganz neu tragen kann. Abraham zieht einfach los, kann nicht genau sagen, wohin …

Junkermann: … weil er auf Gott hört und weil er vertraut, dass Gott sagt: Ich bin mit dir. Umbau heißt, alte Gleise verlassen und losziehen.

Bewegung macht aber auch unsicher.
Junkermann:
Ja, deshalb ist Jesu Ruf wichtig, und damit möchte ich Mut machen: Kehrt um und ändert euren Sinn, vertraut dem Evangelium und nicht dem, wie es immer war. Jesus fordert Vertrauen, auf den einen Hirten zu hören und ihm zu folgen und nicht im Pferch zu bleiben. In der Reformationszeit wurde neu entdeckt, dass Glaube ein Prozess, eine Bewegung ist. Natürlich brauchen Menschen vertraute Räume, diese dürfen allerdings nicht unbeweglich machen.

»Wir brauchen weniger Kirchenbürokratie, dafür mehr Mut zur Mission«, schreibt die Leserin weiter.
Fuhrmann:
Mehr Mut zur Mission heißt: mehr Mut zur Veränderung. Auf dem Weg der Gemeindeveränderung und der Gemeindeerweiterung werde ich entweder abgehängt oder selbst verändert. Diese beiden Alternativen gibt es. Was mir echt Sorge macht, ist die totale Fixierung auf Zahlen und Selbstverständlichkeiten. Die Zahlen: Wir haben weniger Geld. Die Selbstverständlichkeiten: In jedem Ort muss ein Pfarrer sein. Das macht uns absolut unfrei.

Junkermann: Umbau kann zugleich verunsichern und stärken. Verunsichern, weil es kein festes Zielbild gibt; stärken, weil er in Bewegung setzt. Je nachdem, welche Menschen da sind, ändert die Gemeinde ihr Gesicht. Sind gerade viele Kinder in der Gemeinde, kann man eine Krabbelgruppe machen. Gibt es viele Ältere, wäre ein Erzählcafé das Richtige oder Biografieschreiben – was auch immer. Wir dürfen auch Fehler machen und feststellen: Das war der falsche Weg oder wir sind zu schnell gegangen. Das geht uns ja auf der landeskirchlichen Ebene genauso. Als Christen können wir getrost aus Fehlern lernen. Wir vertrauen auf Vergebung. Das befreit uns von Perfektionsdruck.

Stichwort Ehrenamtliche. Werden sie in dieser Umbauphase überfordert?
Fuhrmann:
Ja, wenn wir zu wissen meinen, wo wir Ehrenamtliche brauchen und nicht fragen: Was willst du hier einbringen? Da sind wir wieder bei den alten Strukturen. Wenn diese mit Ehrenamtlichen erhalten werden sollen, überfordern wir sie. Das ist der falsche Weg. Gemeinde soll nach gut paulinischem Verständnis nach den Gaben gebaut werden und nicht nach dem Bild, das wir von ihr haben.

Junkermann: Wenn jeder seine Fragen in die Kirche einbringen kann, dann bewegt sich was. Es geht nicht darum, dass andere so werden wie wir oder mitbringen, was wir brauchen, sondern die Frage muss heißen: Was brauchen die Menschen von uns, was entspricht ihnen?

Wie flexibel sind Gemeindepfarrer?
Junkermann:
Pfarrer sind so verschieden wie andere Menschen, manche gehen fröhlich neue Wege, andere fürchten sich davor. Ich denke an die Pfarrerin, die zum Karfreitagsgottesdienst einen Kreuzweg durch die Orte organisiert. Menschen können dazukommen, Christen und Nichtchristen. Doch auch Pfarrer und Pfarrerinnen müssen selbst ermutigt sein. Ich möchte dabei helfen und sage zum Beispiel jedem Neuordinierten: Wenn ihr Ideen habt, probiert sie aus! Auch wenn’s schiefgeht; wenn ihr Ärger bekommt, schreibt mir eine E-Mail!

Gibt es eine Hoffnung auf Mission, auf Wachsen?
Junkermann:
Ja. Ich nehme das ganz stark wahr: Alles im Bildungsbereich ist so hoffnungsvoll. Wie viele Eltern vertrauen der Kirche und kirchlichen Schulen und haben Hoffnung, dass ihr Kind dort als Individuum gewürdigt wird, dass es nicht einem Anpassungsprozess unterworfen wird. Kinder werden in den Schulen selbstverständlich im Glaubensleben groß mit Andacht und Tischgebet. Genauso gibt es in der Kirchenmusik engagierte Nichtchristen, bei Kirchbauvereinen, in der Telefonseelsorge … Das ist ein großes Geschenk. Wir werden uns als Landeskirche hier umstellen und bewegen müssen. Zum Beispiel nachdenken über unser Mitgliedschaftsverständnis. Gehört nur zu uns, wer getauft ist und Kirchensteuer oder seinen Gemeindebeitrag zahlt? Könnte es nicht auch eine gestufte Mitgliedschaft und Zugehörigkeit geben? Wir diskutieren das gerade im Rahmen des Kinder- und Jugendgesetzes.

Fuhrmann: Wenn die Frage bedeutet: Haben wir Hoffnung, dass wir in zehn Jahren zehn Prozent mehr Christen haben, dann ist sie falsch verstanden. Wachstum der Gemeinde heißt eben auch: Wir sind präsent für Menschen mit ihren Nöten. Ob wir mehr Mitglieder haben, ist erstmal sekundär. Unsere Verfassung ist sehr offen; sie lädt auch Nichtgetaufte und nicht Konfessionsgebundene ein, bei uns mitzutun. Die Frohe Botschaft soll ins Land gehen. Jesus sagt: Ihr seid das Salz der Erde! Da verflüchtigt man sich als Salz sogar, wenn man wirksam wird. Das ist ein Umdenken von der Quantität zur Qualität.

Wir berichten von vielen guten Ideen in unserer Zeitung. Warum sehen das Gemeinden oft nicht?
Fuhrmann:
Genau! Wir dürfen nicht immer alles kleinreden und sagen: Ach, das war ja früher ganz anders und besser. Wir dürfen auch sagen: Hier ist uns tatsächlich was gelungen. Ich sehe viel Positives, was als selbstverständlich abgetan wird. Das ist ein ungeistlicher Umgang mit den Gaben, die wir haben.

Junkermann: Vor dem Gemeindekongress 2012 ermunterte ich Gemeinden, ihre Projekte in Halle vorzustellen. Da kamen Einwände: Ach, das ist doch viel zu unbedeutend. Dabei waren so tolle Sachen dabei, aber die Selbstwahrnehmung war anders. Deshalb setze ich sehr stark auf ein neues Visitationsverständnis. Dass nicht gesagt wird: Das müsst ihr noch machen, das fehlt euch, sondern dass vor allem das Vorhandene und seine Chancen gewürdigt werden.

Fuhrmann: Wann hatte Kirche so eine wunderbare Chance, einfach auch mal genötigt zu sein, ihre eigenen Wege und Strukturen zu erfinden? Die Botschaft müssen wir nicht erfinden. Die ist klar.

Junkermann: Es ist eine Stärke der EKM, ganz in der Tradition der Barmer Theologischen Erklärung zu stehen. Wir sind im Sinne Bonhoeffers Kirche für andere und mit anderen. Es geht nicht um Selbsterhalt, sondern darum, dass wir in Wort und Tat dort präsent sind, wo Menschen uns brauchen. Das bedeutet auch Zusammenarbeit mit Kommunen, Vereinen und Initiativen.

Was kann die Landeskirche zum Prozess beitragen?
Junkermann:
Wir hatten genau hierzu erste Gesprächsrunden in der Kirchenleitung. Wir wollen Erprobungsräume schaffen und unterstützen. Der Landeskirchenrat hat das Dezernat Gemeinde beauftragt, bis zum Herbst Vorschläge auszuarbeiten.

Fuhrmann: Erprobungsräume sollen ein Versuch werden, sich mal neben alteingefahrene Gleise zu stellen. Dazu werden wir auch Gesetze und Regelungen infrage stellen, die uns daran hindern. Wir sind sehr gespannt, wie die Reaktionen sind!

Ein Jahr im Pfarramt mit Lust und Frust

27. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Thema: Pfarrerinnen und Pfarrer im Entsendungsdienst treffen Strukturveränderungen mit besonderer Härte

Nach dem Vikariat werden junge Theologen von ihren Landeskirchen in eine Pfarrstelle entsendet. Dieser Entsendungsdienst dauert in der Regel 30 Monate. Die veränderten Verhältnisse vor Ort erfodern viel Liebe zum Beruf und jeden Menge Geduld.

Ob in der Landeskirche Anhalts, im Norden oder Süden der mitteldeutschen Landeskirche (EKM) – die jungen Theologinnen und Theologen lieben ihren Beruf und engagieren sich in ihren Kirchengemeinden. Doch oft genug stoßen sie an ihre Grenzen. Die Strukturreformen der vergangenen Jahre fordern eine neue Arbeitsweise, die viele Menschen in den Kirchengemeinden nicht gewöhnt sind und schon gar nicht verinnerlicht haben. Wenn ein junger Pfarrer in Thüringen eine Pfarrstelle mit 13 Orten, drei Gemeindekirchenräten (GKR) und sechs Kirchen übernimmt, die zuvor mit zwei 75-Prozent-Stellen besetzt war, ist das eine gewaltige Aufgabe. »Die Gemeindeglieder sind da nicht begeistert«, sagt er. Und wie sich die Landeskirche das wünsche, viele selbstständige Ehrenamtliche, das erlebe er nicht. Natürlich gebe es überall engagierte Ehrenamtliche, »aber die stoßen irgendwann an ihre Grenzen«.

Die Entwicklung eines regionalen Denkens, schätzt der junge Pfarrer ein, daure mindestens noch zehn Jahre. Und es seien ja nicht nur drei GKR und die sechs Kirchengemeinden zu bedenken, sondern er müsse genauso zu vier Bürgermeistern Kontakt pflegen. Frau und Kinder, so der Familienvater, kommen viel zu kurz. »Ich wünsche mir das von meiner ­Kirche, was diese von der Gesellschaft verlangt: Familienfreundlichkeit.« Trotz allem ist von den Berufsanfängern zu hören, dass sie ihre ­Arbeit gern machen und ihren Beruf lieben. »Ich kann mir nichts anderes vorstellen«, sagt einer.

Der Umbau scheint besonders in Thüringen schwierig, ist aus der Diskussion während der Regionaltreffen der Pfarrerinnen und Pfarrer, die seit einem Jahr im Entsendungsdienst sind, herauszuhören. Nicht nur, weil der Pfarrer in vielen Thüringer Dörfern noch eine zentrale Figur ist, sondern auch, weil die Regionalisierung bisher noch nicht so vorangeschritten war. »Ich mache ganz viel mit Freude und versuche, neue Akzente zu setzten, aber der Gemeinde ist ihre traditionelle Arbeit wichtig.« So sieht es auch die junge Pfarrerin, die – wie sie es ausdrückt – ein Mischmodell ausprobiert, das sowohl der verstärkten Zentralisierung, aber auch der Tradi­tionspflege gerecht wird. Ein Spagat, wie ihn viele leisten müssen.

Das Privatleben der Theologen, die Pflege von Freundschaften schätzt Pfarrer Thomas Zaake schwierig ein. Er ist einer der Moderatoren für Pfarrer in den ersten Dienstjahren. »Wir müssen kollegiale Strukturen schaffen, damit ein Pfarrer auch mal ein Wochenende frei haben kann.« Und wenn es gelänge, Sonnabende von Beerdigungen und Taufen freizuhalten, sei das sehr erleichternd. Denn an den Sonnabenden sind Konfirmandentreffen, Hochzeiten, Vorbereitung auf den Gottesdienst – und hoffentlich auch mal Zeit für die Familie.

Foto: Photo-K – Fotolia

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Die Regionalgruppe um den Schönebecker Pfarrer Johannes Beyer klagt ebenso über wenig Zeit für die Familie. Aber eins scheint im Norden der EKM leichter. In der Altmark zum Beispiel sei man schon über Jahrzehnte große Pfarrbereiche gewöhnt. »Es geht mir sehr gut in meinem Pfarrbereich«, bestätigt eine der Pfarrerinnen. »Die Stelle war drei Jahre vakant. Nun sind die Leute froh, dass wieder jemand da ist.« In der Vakanzzeit habe der GKR viel selbst organisiert und ­gestaltet, was er nun auch weiterhin tut. Trotzdem schätzt sie ein, dass das theologische Arbeiten viel zu kurz kommt. Für eine gründliche Exegese zur Predigtvorbereitung fehlt auch ihren Kollegen die Zeit. Ihre Pfarrstelle mit vier Dörfern, die knapp 1300 Gemeindeglieder zählt, soll zudem mit Ablauf ihrer Entsendungszeit erweitert werden. »Sechs zusätzliche Dörfer sind im Gespräch«, sagt sie. Dabei würde die Gemeinde kaum schrumpfen. Deshalb hofft sie mit ihrer Gemeinde, dass nicht alle Dörfer zum Kirchengemeindeverband hinzugeschlagen werden. Denn eigentlich habe sie Lust, auch nach dem Entsendungsdienst dort zu bleiben.

Fast paradiesische Verhältnisse hat der Pfarrer aus Bernburg in Anhalt. Er absolviert seine Entsendungszeit auf einer Stelle, die er mit einem erfahrenen Pfarrer teilt. 750 Gemeindeglieder gehören dazu. Der ältere Pfarrer ist noch Sonderseelsorger und der junge hat Reli­gionsunterricht in einer Förder- und einer Grundschule. Anfangs befürchtete er, dass ihn die Gemeinde nicht akzeptieren würde. Doch das bestätigte sich nicht. »So konnte ich erst einmal gucken, wie es so läuft«, bekennt er. »Das erste Jahr nur gucken, das konnte ich mir nicht leisten«, wirft eine junge Frau ein. Sie hatte gleich »volles Programm« und neue Strukturen in ihren Kirchspielen.

Drei Kritikpunkte schälen sich heraus: Die Gemeinden brauchen Zeit, um mit den neuen Gegebenheiten ­zurechtzukommen. Dann die erwähnte mangelnde Familienfreundlichkeit und die Residenzpflicht. »Die muss abgeschafft werden«, ist die einhellige Meinung. Weil zum Beispiel eine 150-Quadratmeter-Wohnung ungeeignet für Alleinstehende ist.

Im Landeskirchenamt Erfurt werden die Probleme sehr wohl gesehen. »Unser Augenmerk muss auf Fami­lienfreundlichkeit gerichtet sein«, sagt Michael Lehmann, Personaldezernent der EKM. »Da geht es um den Arbeitsplatz des Partners, um die schulische Bildung für Kinder, es geht um Pflegebedürftigkeit der Eltern. Solchen Fragen müssen wir uns stellen.« Die jungen Theologen jedenfalls wünschen sich Flexibilität seitens ihres Arbeitgebers. Damit sie ihre Freude am Amt und ihre Visionen für die Zukunft nicht verlieren, ist zwischen Landeskirchen, Amtsträgern und den Kirchengemeinden viel zu bereden.

Dietlind Steinhöfel