Unterwegs mit Luther zum Papst

10. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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1 000 Pilgernde aus Mitteldeutschland auf ökumenischer Romfahrt: »Wenn am Montagabend der Eröffnungsgottesdienst beginnt, dann beginne ich zu chillen«, sagt Peter Herrfurth, der Landesjugendpfarrer der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und einer der Organisatoren dieser besonderen Reise.

Bis zum ersten »Halleluja« haben die zum überwiegenden Teil aus Thüringen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg stammenden Teilnehmer aber noch eine 30-stündige Busfahrt vor sich. In elf mitteldeutschen Städten starten am Sonntag 20 Busse mit insgesamt 1 000 Teilnehmenden zwischen sechs und 80 Jahren.

Der ökumenische Gottesdienst in der Kirche Santa Sabina bildet am Montag in Rom den Auftakt der achttägigen Pilgerreise »Mit Luther zum Papst«. Annette Schavan, die Schirmherrin der Pilgerfahrt und deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl, nimmt ebenso daran teil wie die evangelische Landesbischöfin Ilse Junkermann, der katholische Bischof Gerhard Feige und der anhaltische Kirchenpräsident Joachim Liebig.

Vor fast 500 Jahren kamen aus dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts Martin Luthers 95 Thesen und trugen maßgeblich zur Kirchenspaltung bei. 2016 bringen die »Mit-Luther-zum-Papst«-Pilger neue, moderne Thesen mit nach Rom. Die Thesen zur Ökumene, zur Bewahrung der Schöpfung oder zum christlich-jüdischen und christlich-muslimischen Dialog wurden vor der Fahrt gesammelt, in einem großen Buch im DIN-A-2-Format gebunden und werden Papst Franziskus überreicht.

Landesbischöfin Ilse Junkermann ist gespannt auf die Reaktion des katholischen Kirchenoberhauptes. Es gebe viel Verbindendes zwischen dem Papst und den Protestanten, findet die Bischöfin. »Er tritt vehement ein für Barmherzigkeit und Mitmenschlichkeit. Er ergreift klar Partei für Flüchtlinge, für Arme, für Gefangene und für alle, die zu kurz kommen. Jemanden mit solcher Herzensüberzeugung und Charisma zu erleben, dessen Wort noch dazu weltweit gehört wird, das ist etwas Besonderes. Auch für Protestanten!«

Die moderne Thesensammlung ist ein Angebot zum Gespräch. »Wir laden ein zum Disput«, sagt Christoph Tekaath. Beim Diözesanjugendseelsorger des Bistums Magdeburg laufen sämtliche organisatorischen Fäden zusammen. »Luther wollte diskutieren und das wollen wir auch! Wir wollen keine neuerliche Spaltung, sondern eine neue Annäherung. Deshalb fahren wir aus dem Lutherland nach Rom.«
Blick-41-2-2016»Mit Luther zum Papst« ist weit mehr als eine touristische Reise mit der obligatorischen Audienz auf dem Petersplatz. Rom nehme sehr wohl wahr, dass die 1 000-köpfige ökumenische Pilgergruppe aus dem säkularen Mitteldeutschland etwas Ungewöhnliches sei, sagt Tekaath, mahnt aber gleichzeitig auch Bescheidenheit an. »Gerade im Heiligen Jahr sind wir trotz der Größe nur eine von vielen Pilgergruppen. Aber der Anlass ist doch etwas Besonderes und das macht ein wenig stolz.«

Matthias Kopischke, Pfarrer für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in der Evangelischen Landeskirche Anhalts, findet, die Reise nach Rom ist ein Signal, dass »evangelische und katholische Geschwister bereits jetzt gut zusammenarbeiten«. Wie viele der Pilgernden übrigens evangelisch oder katholisch sind, beziehungsweise gar keinen Glauben haben oder anderen Religionen oder Konfessionen angehören, ist nicht bekannt. »Diese Angabe wurde bei der Anmeldung bewusst nicht abgefragt«, sagt der anhaltische Jugendpfarrer.

Die letzte organisatorische Etappe vor der Abfahrt am Sonntag war Anfang Oktober das Teamer- und Mitarbeiterwochenende in der katholischen Bildungsstätte St.-Michaels-Haus in Roßbach bei Naumburg.

Fünfzig junge Leute zwischen 18 und 30 Jahren werden die 1 000 Pilgernden begleiten; sie wurden auf ihre Aufgaben als Ansprechpartner im Bus, bei Workshops, zu Vorträgen an den Stationen beim Sieben-Pforten-Weg vorbereitet. Der Sieben-Pforten-Weg ist ein modifizierter Pilgerweg auf Basis der »Siebenkirchenwallfahrt« zu den sieben Hauptkirchen Roms. Der berühmte Pilgerweg wurde ökumenisch ergänzt, indem zum Beispiel die Synagoge aufgenommen wurde, der erst im letzten Jahr eingeweihte Lutherplatz und die Christuskirche, Gottesdienstort der deutschen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde Roms.

Bei aller ökumenischen Verbundenheit bleiben aber nach wie vor unüberbrückbare Gräben zwischen den beiden Konfessionen. Natürlich werde und könne es keine Mahlgemeinschaft geben, versichert Peter Herrfurth, »aber wir können immer wieder auf die schmerzhafte Wunde hinweisen«.

Der Landesjugendpfarrer hofft, dass in die Abendmahlsfrage Bewegung kommt und es vielleicht doch einmal zur gemeinsamen Feier kommen kann. »Wir sind auf dem Weg und vielleicht werden wir das gemeinsame Abendmahl noch erleben«, so Peter Herrfurth.

Thorsten Keßler

Beten und denken mit Gymnastik

5. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Zum Abschluss unserer diesjährigen Sommerinterview-Serie traf Angela Stoye Landesbischöfin Ilse Junkermann in ihrem Magdeburger Büro. Dabei ging es um offene Kirchen, das Reformationsjubiläum und Mission.

Am Elbufer lässt Landesbischöfin Ilse Junkermann gerne die Gedanken schweifen. Foto: Viktoria Kühne

Am Elbufer lässt Landesbischöfin Ilse Junkermann gerne die Gedanken schweifen. Foto: Viktoria Kühne

Frau Junkermann, wie war Ihr Urlaub?
Junkermann:
Wunderschön. Wir waren auf Langeoog. Ich hab mich sehr gefreut, im ersten Gottesdienst am Sonntag einen unserer Pfarrer aus der Altmark zu treffen, der als Kurpastor wunderbar gepredigt hat. Mein Mann und ich waren jeden Tag am und im Meer. Ich habe viel gelesen und mit meinem Mann gespielt: Malefiz und Rummikub.

Und jetzt hat der Alltag Sie wieder – zum Beispiel mit dem Echo auf Ihren Aufruf, 2017 alle 4 000 Kirchen in der EKM zu öffnen. Was überwiegt da?
Junkermann:
Es überwiegt die Grundbereitschaft, darüber nachzudenken. Das ist mir viel wichtiger als Lob oder Kritik. Der Aufruf hat eine sehr breite Resonanz. Denn hinter der praktischen Frage der Kirchenöffnung steht die geistliche: Was verkünden unsere verschlossenen Kirchentüren? Ich finde: Zur Kirchenöffnung gehört auch das Vertrauen darauf, dass Kirchenbesucher keine Aufsicht benötigen, sondern Ruhe wollen.

Eine Kritik ist mir sehr nahegegangen. Eine Pfarrerin sagte mir: Sie sagen, wir sollen das Risiko eingehen. Gleichzeitig geht es im größten Teil der Handreichung zu offenen Kirchen aber um Sicherungsmaßnahmen.

Für mich zeigt das die Spannung zwischen Vertrauen und Befürchtungen, zwischen Sicherheitsbedürfnissen und Risiko. Aber: Welches Risiko ist Gott mit uns Menschen eingegangen?! Und wie nehmen wir das als Beispiel und sagen: Das Risiko, das wir eingehen, ist vergleichsweise gering. Es gehört zum Evangelium, im Glauben nicht Sicherheit zu finden, sondern Vertrauen.

Es gibt Gemeinden, die nach Diebstählen Probleme haben, oder?
Junkermann:
Ja. Aber unser Ziel erreicht man in kleinen Schritten. Wenn Gemeinden Aufsicht oder andere Absicherungen haben wollen, sind das solche Schritte. Ich bitte noch einmal alle Gemeinden, Vertrauen zu wagen.

Themenwechsel: Das 500. Reformationsjubiläum – was bedeutet es für Sie?
Junkermann:
Noch einmal zurück zu den offenen Kirchen, denn sie hängen mit 2017 zusammen – mit der Frage, wo wir heute zur Umkehr gerufen sind in unserem praktischen Verhalten. Das ist der Grundruf Jesu, den Luther in seinen Thesen neu zur Sprache gebracht hat: Der Ruf zu wahrer Buße und Umkehr. 2017 können wir als Riesen-Event feiern oder als Umkehr, zum Beispiel von geschlossenen zu offenen Kirchentüren. Reformation heißt auch, dass auch wir uns heute neu vom Evangelium formen lassen. Sie bedeutet nicht Reform oder Veränderung um jeden Preis.

Was unterscheidet 2017 von 1917 oder 1817?
Junkermann:
Dass es 2017 keine Heldenverehrung gibt, sondern die differenzierte Beschäftigung mit dem Menschen Martin Luther, der seiner Einsicht über das, was er in der Bibel gefunden hat, vertraut hat. Und sich nicht durch äußeren Druck hat beirren lassen. Das fasziniert viele bis heute an ihm, wie er seinem Gewissen mehr verpflichtet war als dem Kaiser oder Papst. Gleichzeitig wusste Luther, dass es das Gespräch braucht. Seine Thesen waren ja eine Aufforderung zur Disputation. Auch das brauchen wir heute sehr.

Deutlich wird 2017 auch, dass Luther ein Mensch mit Fehlern und Schwächen war: sein aufbrausendes Wesen, seine Schimpftiraden oder die Tatsache, dass er sich an eigene Einsichten nicht gehalten hat. So ist er im Blick auf das Verhältnis zu Juden oder zu den Bauern eben nicht beim Diskurs geblieben, sondern hat Gewalt befürwortet und gefördert.

Haben Sie eine Lieblingsschrift?
Junkermann:
Ja, »Von der Freiheit eines Christenmenschen«. Weil darin sehr deutlich wird, dass zur Freiheit auch Verantwortung und Bindungen gehören – im Gegensatz zu einer Vorstellung von Freiheit als Schrankenlosigkeit.

Oder ein Lieblingswort?
Junkermann:
Das habe ich als Vikarin in Horb am Neckar im Lutherjahr 1983 am Anfang des Gottesdienstes zitiert: »Die Heilige Schrift ist wie ein Kräutlein. Je länger du daran reibst, desto mehr duftet es.« Das hilft mir bis heute bei der Arbeit an meinen Predigten.

Was erhoffen Sie sich von 2017 für Impulse?
Junkermann:
Dass die Menschen hier merken, wie stolz sie sein können, in dieser Region mit ihrer reichen Geschichte zu leben. Was hier geschah, hat weltweit Bedeutung gewonnen.
Andererseits ist 2017 eine Herausforderung für uns als Kirche und die Gemeinden. Die Kirchenkreise müssen Stellen abbauen, wir Christen werden immer weniger. Dass passt schlecht mit den großen Events zusammen.

Was folgt daraus?
Junkermann:
Die EKM will 2017 ein guter Gastgeber sein. Für die Zeit danach wünsche ich mir, dass unsere Glaubenszuversicht gestärkt wird, auch wenn der Weg unserer Kirche und unserer Gemeinden schwierig ist. Wir können darauf vertrauen, dass Gott uns führt. Wir beschäftigen uns ganz viel mit Defiziten. Das ist berechtigt; das tut weh. Aber wir sollten einen Blick dafür bekommen, was uns geschenkt ist, worin wir (stein-)reich sind. Damit bin ich wieder bei den offenen Kirchen.

Ihrem Lieblingsthema?
Junkermann:
Ja, denn es ist fast unglaublich, in welchem Maß in den vergangenen 25 Jahren die Kirchen wieder aufgebaut worden sind. Diese Schätze sollten wir mit anderen teilen! Vor allem die Menschen, die sich einbringen, sind Schätze. Ich hoffe sehr, dass wir als Kirche offener werden und dass Gottes Geschichte mit uns eine lebendige Geschichte für uns ist. Dass wir nicht an festen Bildern hängen, wie Kirche und Gemeinde sein sollen, vielmehr schauen, was Gott uns jetzt an Menschen und Ressourcen schenkt.

In »Luthers Land« leben die wenigsten Christen. Missionarische Aktionen haben kaum etwas gebracht. Wie kann der Schrumpfungsprozess aufgehalten werden?
Junkermann:
Den Glauben können wir nicht machen. Es gibt dazu ein Wort von Carl Friedrich von Weizsäcker: »Rede nicht über deinen Glauben, wenn du nicht gefragt wirst. Aber lebe so, dass du gefragt wirst.« Das ist die Herausforderung: Wie lebe ich selber so, dass Menschen mich fragen. Ob der Samen auf fruchtbare Erde fällt oder unter Dornen oder auf Felsen, haben wir nicht in der Hand. Wir sind Säe-Leute. Manchmal dürfen wir ernten. Aber wir wissen nicht, wann die Ernte kommt.

Sommerlogo GuHWie gelingt es Ihnen, Privatleben und Beruf unter einen Hut zu bringen?
Junkermann:
Mit meinem grünen Filzstift. Damit kennzeichne ich im Kalender die Verabredungen mit meinem Mann. Ich bin froh, dass er als Selbstständiger flexibel sein kann. Mir persönlich hilft es sehr, wenn ich morgens eine Stunde für mich habe für das Gebet, für das Nachdenken – auch das Denken an Menschen, die es schwer haben. Das gelingt mir am besten bei Gymnastik.

Was tun Sie, wenn Sie in Magdeburg frei haben?
Junkermann:
Im Sommer sitze ich gerne auf dem Balkon. Brauche ich Bewegung, bin ich in wenigen Schritten an der Elbe. Mein Mann und ich lieben die Weite der Landschaft, sitzen aber auch gerne in einem Lokal an der Elbe.

Und wenn es regnet?
Junkermann:
Dann lese ich.

Viele Pfarrer sollen ja Krimis lieben …
Junkermann:
Die liebe ich auch. Sehr gerne lese ich zudem Gedichte und Romane. Im Urlaub zum Beispiel »Unterleuten« von Juli Zeh. Es ist unglaublich, wie sie Menschen und die Atmosphäre erfasst.

Auch amerikanische Autoren liebe ich sehr, tauche in ihren Büchern – zum Beispiel denen von Paul Auster oder T. C. Boyle – in eine andere Gesellschaft, Geschichte und Lebensart ein.

»Ich habe mich sehr getragen gefühlt«

18. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Zum ersten Mal spricht die Landesbischöfin über die schwere Zeit ihrer Erkrankung und die Aufgaben, die vor ihr liegen

Mehrere Monate konnte Landesbischöfin Ilse Junkermann krankheitsbedingt keine öffentlichen Termine wahrnehmen. Leserinnen und Leser haben bei uns nachgefragt, wie es ihr geht. Willi Wild hat die Landesbischöfin getroffen.

Jetzt kann sie wieder lächeln. Landesbischöfin Ilse Junkermann im Gespräch mit Willi Wild

Jetzt kann sie wieder lächeln. Landesbischöfin Ilse Junkermann im Gespräch mit Willi Wild

Frau Landesbischöfin, wie geht es Ihnen?
Junkermann:
Mir geht es schon viel besser, aber noch nicht wieder ganz gut. Ich bin gerade in der Wiedereingliederung, um zu sehen, wie meine Belastbarkeit sich entwickelt. Es handelt sich um eine Hirnhautentzündung, ausgelöst durch einen nicht identifizierbaren Virus. Mein Körper musste es aus eigenen Kräften stemmen, das zehrt. Deshalb muss ich gut aufpassen, dass mein Körper – um die Ärzte zu zitieren – eine Chance hat und ich sie ihm gebe.

Sie waren über ein halbes Jahr krank. Haben Sie in der Zeit einmal daran gedacht, Ihr Amt abzugeben?
Junkermann:
Ja, im Sommer gab es ein paar kritische Tage. Ich habe immer gewartet, dass es besser wird. Ich musste mich in Geduld üben, weil es über Wochen nicht besser wurde. Und dann ist es sogar noch schlechter geworden. Da habe ich gedacht, wenn sich bis September keine Besserung zeigt, muss ich überlegen, ob ich mein Amt aufgebe, denn es ist ja ein wichtiges Amt in der Kirche. Dieses Amt kann vertreten werden, aber nicht auf Dauer.

Apropos Vertretung: Wer macht Ihre Arbeit, wenn Sie so lange nicht da sind?
Junkermann:
Alle Regionalbischöfe und die Regionalbischöfin waren äußerst hilfsbereit, haben eigene Termine abgesagt, um landesbischöfliche Aufgaben wahrzunehmen. Besonders der stellvertretende Landesbischof, Propst Kamm, hat viel übernommen. Dafür bin ich sehr dankbar und habe mich gefreut, auch in dieser Hinsicht getragen zu sein. Ich hätte beispielsweise gern unsere Kirche beim Kirchentag in Stuttgart vertreten und zum Reformationsjubiläum eingeladen. Gut, dass Propst Kasparick als mein Beauftragter die Einladung im Schlussgottesdienst aussprechen konnte.

Haben Sie überhaupt die notwendige Zeit der schrittweisen Wiederherstellung?
Junkermann:
Ich nehme sie mir. Ich muss bewusst entscheiden, wie ich mit meiner Zeit umgehe. Vorrang hat, dass ich wieder ganz gesund werde. Für mich ist neu, dass ich nur im Lassen etwas dazu beitragen kann. Wir leben ja in einer Zeit, die davon ausgeht, dass man durch Tun alles bewältigen kann. Ich kann nichts tun, nur lassen, indem ich Freiräume schaffe, mehr auf Pausen setze. Ich hoffe, dass ich das mit hinübernehmen kann in die Zeit, wenn ich dann wieder ganz gesund bin.

Als Seelsorgerin geben Sie ja den Menschen normalerweise Rat und Hilfe. Nun sind Sie auf Hilfe angewiesen. Wie gehen Sie damit um?
Junkermann:
Die Ärzte in der Uniklinik Magdeburg in der Neurologie haben gut seelsorgerlich gehandelt, indem sie ganz klar benannt haben, wie die Situation ist. Es hieß, mein Körper könne damit umgehen, brauche aber ausreichend Zeit. Das Zuhören und die offene Art der behandelnden Ärzte haben mir gut getan. Ich habe mich aber auch von vielen anderen sehr getragen gefühlt. Viele Grüße haben mich erreicht, Briefe und Karten mit einer großen Anteilnahme. Ich war bis auf die Krise im Sommer über die Wochen gelassen und habe mich selber darüber gefreut, dass ich mich so getragen fühlen und auf Gott vertrauen kann, dass er den Weg für mich weiß.

Der EKM-Gebetskalender liegt Ihnen am Herzen und ist gewissermaßen Chefsache. Was bedeutet Ihnen Gebet, auch in Bezug auf Ihre Erkrankung?
Junkermann:
Das Gebet verbindet uns auch miteinander. Nur so sind wir Kirche: Dadurch, dass Gott uns ruft und uns einen Auftrag in dieser Welt gibt und uns seine Hilfe zusagt. Und wenn wir über den Gebetskalender voneinander wissen und füreinander beten, festigt das unsere Gemeinschaft.

So hoffe ich ganz stark, dass für das geistliche Zusammenwachsen innerhalb dieser großen und weiten Landeskirche das Gebet eine ganz entscheidende Kraft wird. Die äußere Ordnung, gleiche Strukturen und Gesetze, sind auch wichtig, aber das Gebet ist die geistliche Ordnung für unser Leben.

Gebet ist für Sie demnach ein ganz zentraler Punkt?
Junkermann:
Unbedingt, jeder Tag beginnt damit. Ich habe einen persönlichen Gebetskalender mit besonderen Anliegen für jeden Tag. Ich bete beispielsweise für alle neu ordinierten Pfarrerinnen und Pfarrer ein Jahr lang jede Woche. In meine Gebete schließe ich beispielsweise unsere Partnerkirchen und weitere kirchliche Anliegen ein. Das hilft. Das Gebet braucht eine gewisse Disziplin, aber es braucht auch Freiheit. Besonders gerne bete ich im Auto, da kann mich niemand stören und ich sehe die weite Welt und kann meinen Blick zum Himmel wandern lassen, da ich glücklicherweise meistens nicht selber fahren muss.

Ilse Junkermann: Die große Willkommenskultur zeigt, dass grundbiblische Gedanken der Nächstenliebe und der Mitmenschlichkeit ganz tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Fotos: Maik Schuck

Ilse Junkermann: Die große Willkommenskultur zeigt, dass grundbiblische Gedanken der Nächstenliebe und der Mitmenschlichkeit ganz tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Fotos: Maik Schuck

In den letzten Monaten sind viele Flüchtlinge zu uns gekommen. Sind wir als Kirche gerüstet? Wie können wir den Menschen begegnen?
Junkermann:
Ich denke, dass niemand wirklich dafür gerüstet ist. Dass es so viele sind, führt uns vor Augen, was wir in unserem Alltag ausgeblendet haben. Gott legt uns die Not vor die Füße in der kleiner gewordenen Welt. Die große Willkommenskultur, über die sich jetzt manche schon abfällig äußern oder mit großen Bedenken, ob es nicht zuviel ist, zeigt, dass grundbiblische Gedanken der Nächstenliebe und der Mitmenschlichkeit ganz tief in unserer Gesellschaft verwurzelt sind. Viele Menschen haben aber auch Ängste. Und dann gibt es eine Minderheit, die sich diese Ängste und die Unsicherheit zunutze machen will. Deshalb ist es wichtig, dass wir als Kirche im Vertrauen, dass Gott uns Ängste nimmt und die nötigen Kräfte gibt, beherzt handeln. Wir sollten Jesus ernst nehmen, der sagt, dass er uns in den Fremden selbst begegnet. Es sind nach wie vor genügend Lebensmittel für alle Menschen auf der Erde da, sie sind in der Welt, aber auch in unserem Land schreiend ungleich verteilt. Und wenn die Armen vor unserer Tür liegen, wie es im Gleichnis vom armen Lazarus der Fall ist, dann sind wir gefragt, ob wir jetzt helfen.

Das ist zunächst die tätige Nächstenliebe, die selbstverständlich die Aufgabe von Kirche und Diakonie ist und zu der wir gerufen sind.

Es gibt Forderungen von außen, die Kirche möge ihre Häuser für Flüchtlinge öffnen.
Junkermann:
Dort, wo es möglich ist Menschen aufzunehmen, haben wir das angeboten. Allerdings ist es so, dass wir die Kapazitäten, die benötigt werden, nicht in der erforderlichen Größe zur Verfügung stellen können. Ich weiß aber, dass Pfarrerinnen und Pfarrer ihre Häuser und Wohnungen öffnen, um Menschen zu beherbergen. Wir haben die Räume im Bischofshaus in der Hegelstraße in Magdeburg angeboten, da laufen die Verhandlungen. Und ich freue mich, Flüchtlinge als Nachbarn zu bekommen neben mir und über mir. Auf der anderen Seite werden viele Gemeinderäume als Orte der Begegnung und Kommunikation genutzt, um sich auf Augenhöhe als Mitmenschen zu begegnen. Dort können Flüchtlinge und Einheimische hinkommen, sich austauschen, Rat und Hilfe suchen.

Was halten Sie von der Vermittlung unserer christlichen Werte, Stichwort: Flüchtlingsmission?
Junkermann:
Mission ist unser Auftrag immer, der Grundauftrag Jesu: Tragt das Evangelium in die Welt. Allerdings stellt sich die Frage, welche Form angemessen ist. Von Carl Friedrich von Weizsäcker stammt das Zitat, das es meines Erachtens auf den Punkt bringt: Sprich nie über deinen Glauben, wenn du nicht gefragt wirst. Aber lebe so, dass du gefragt wirst. Und wenn du gefragt wirst, dann sei auch sprachfähig, dann wisse, was du zu sagen hast.

Der Samariter mit den Bonbons

14. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Flüchtlinge: Wie Fabian Groh innerhalb von 48 Stunden zum Seelsorger für Flüchtlinge in Budapest und Saalfeld wurde

Die Bilder von den Flüchtlingen haben ihn nicht mehr losgelassen. Pfarrer Fabian Groh aus Ziegenrück im Kirchenkreis Schleiz will helfen, nicht nur reden. Spontan packt er Wasser, Brot, Plüschtiere und Süßigkeiten in sein Auto und fährt los – ohne Navi, ohne Landkarte. Sein Ziel ist der Ostbahnhof in Budapest. Dort, wo viele Hundert Menschen aus Syrien, Pakistan und anderen Ländern ausharren. Über seine Eindrücke sprach er mit Willi Wild.

Warum sind sie spontan nach Budapest gefahren?
Groh:
Ich hielt das für notwendig. Die Handlungsanweisung dazu finde ich in der Bibel, mit dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter oder Matthäus 25, Vers 40: »Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.« Wenn wir als Kirche weitermachen wie bisher und die halb toten Leute vor unserer Tür liegen lassen, dann werden wir dem Herrn nicht gerecht. Ich bin losgefahren und habe mich in Budapest durchgefragt zum Ostbahnhof, zur Keleti-Station. Und bin dort einfach hingegangen.

Verteilt am Bahnhof in Saalfeld Bonbons aus seiner »Schatzkiste« an Flüchtlinge: Fabian Groh. Foto: Sascha Fromm, TA

Verteilt am Bahnhof in Saalfeld Bonbons aus seiner »Schatzkiste« an Flüchtlinge: Fabian Groh. Foto: Sascha Fromm, TA

Was haben Sie vor Ort erlebt?
Groh:
Tausende Menschen lagen und lagerten im Bahnhof auf der Erde, bedroht von Hooligans, geschützt von der Polizei. Ich traf auf Familien mit Kindern, aber auch alte und kranke Menschen. Einige hatten mich gebeten, sie doch nach Deutschland mitzunehmen. Der alte Mann mit Katheter, der neben seinem Rollstuhl auf der Erde lag, die Mütter mit ihren kleinen Kindern, die Schwangeren. Diese verzweifelte Situation ging mir so zu Herzen, dass ich still stehen blieb und gebetet habe.

Konnten Sie den Menschen helfen?
Groh:
Allein, dass ich da war, die Not gesehen habe, hat den Menschen geholfen. Ich habe zugehört, von meinen Hoffnungen erzählt. Nahrungsmittel und Getränke, die ich mitgebracht hatte, habe ich verteilt. Eine kleine »Schatzkiste« hatte ich ebenfalls eingepackt. Darin waren Bonbons, die ich sonst an Kinder im Gottesdienst verteile. Die Kiste habe ich aufgemacht. Die Kinder, aber auch die Erwachsenen konnten sich Bonbons nehmen. Das Wichtigste war, einfach nur da zu sein, um den Menschen zu zeigen, ihr seid nicht allein und ihr seid willkommen.

In der Nacht sind sie dann wieder zurückgefahren?
Groh:
Das war nicht abzusehen. Nach Mitternacht kamen Busse an. Sie sollten die Flüchtlinge an die österreichische Grenze bringen. Keine Ansage, kein Offizieller. Wir wenigen Freiwilligen haben auf Zuruf denen, die uns verstanden, die Informationen weitergesagt. Einige waren gerade erst eingeschlafen. Mir wurde die Aufgabe zuteil, dafür zu sorgen, dass alle geweckt werden. Das ging auf Zuruf. Eine mir fremde Frau sprach mich an und bat mich zu helfen. Die Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, die meisten aus Syrien, aber auch aus Pakistan, und anderswo, strömten in Richtung der Busse. Nachdem die vielen Menschen den Bahnhof verlassen hatten, habe ich mich auch auf den Weg gemacht. Am nächsten Tag sollte ich schließlich in Thüringen eine Trauung halten.

Sie wurden von den Ereignissen eingeholt. Ein Zug mit 500 Flüchtlingen war auf dem Weg nach Saalfeld. Wie haben Sie reagiert?
Groh:
Im Autoradio habe ich davon gehört. Obwohl ich müde war, wollte ich doch in Saalfeld dabei sein, in der Hoffnung, Menschen vom Budapester Ostbahnhof wiederzuerkennen. Es war überwältigend am Saalfelder Bahnhof. Da kamen all die Menschen vom Keleti-Bahnhof auf mich zu: der alte Mann im Rollstuhl mit seiner Familie, die Mütter mit ihren kleinen Kindern, die Schwangeren. Wie am Vorabend in Budapest habe ich ihnen Bonbons aus meiner Schatzkiste gereicht, jetzt in Deutschland. Das hätten wir am Vorabend nicht zu träumen gewagt. Einige haben mich gleich umarmt, und voller Freude haben wir uns in die Augen geschaut.

Wie geht es jetzt für Sie weiter?
Groh:
Neben dem Dienst in den Gemeinden und der Situation hier vor Ort, gilt mein Engagement den Menschen, die noch weiter südlich von Ungarn unterwegs sind. Ich denke, wir haben als Kirche den Auftrag, uns um diese Menschen zu kümmern. Meine Hoffnung ist, dass wir es schaffen, diese Leute vor der Südgrenze Ungarns zu empfangen. Die Bundeskanzlerin habe ich aufgefordert, das Botschaftspersonal in den europäischen Staaten zu erhöhen, sodass Menschen dort über die Botschaft legal nach Deutschland einreisen können.

Wir brauchen legale Zuwanderungswege nach Deutschland. Es geht nicht, dass wir die Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen. Wir brauchen legale Fähren, Sonderzüge an den syrischen Grenzen.

Auch unsere Landesbischöfin Ilse Junkermann habe ich gebeten, auf die Deutsche Katholische Bischofskonferenz und die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) zuzugehen mit diesem Thema. Die christlichen Kirchen haben die Aufgabe, sich für die Flüchtlinge bei der Bundesregierung stark zu machen.

Was ist Ihre Motivation?
Groh:
Schlicht und einfach fühle ich mich als Christ dazu berufen. Das hat auch viel mit meiner Biografie zu tun. Ich bin durch verschiedene Lebenssituationen so geprägt und will Menschen in Not nicht allein lassen. Das ist ein Grund, warum ich Pfarrer bin. Dem Landkreis Saale-Orla habe ich angeboten, in meiner Dienstwohnung Flüchtlinge aufzunehmen. Wir haben ein leer stehendes Gästezimmer und bewohnen zu viert 140 Quadratmeter. im Pfarrhaus. Das ist viel zu viel für uns. Da ist durchaus noch Platz, beispielsweise für eine Mutter mit Kindern.

Wenn Kirchen aufblühen

17. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Nachgefragt: Zur Halbzeit der Bundesgartenschau ziehen die Kirchen eine positivere Bilanz als die Veranstalter

In der Brandenburger Johanniskirche blühen gerade die Fuchsien. Große Töpfe mit prämierten Züchtungen bestimmen das Bild des Gotteshauses in der Havelstadt. Wo einst die Brandenburger zum Gottesdienst gingen, prägen nun die Besucher der Bundesgartenschau das Bild: Das Selfie mit der Fuchsie ist in diesen Tagen ein gefragtes Souvenir.

Rund 750 000 Menschen haben die Bundesgartenschau in Brandenburg (Havel), Rathenow, Havelberg, Premnitz und Stölln bereits besucht. Zum ersten Mal wird die Blumenschau an fünf verschiedenen Orten entlang des gemächlich dahinströmenden Flusses ausgetragen – und zum ersten Mal werden zwei Kirchengebäude als Blumenhalle genutzt.

»Im Großen und Ganzen gefällt das den Besuchern«, sagt der Koordinator der Kirchenangebote auf der Gartenschau, Pfarrer Thomas Zastrow. Kritische Nachfragen, warum denn aus der Kirche eine Ausstellungshalle geworden sei, gebe es kaum. Nur im sachsen-anhaltischen Havelberg, wo die Stadtkirche St. Laurentius ebenfalls zur Blumenhalle wurde, habe es einmal Probleme gegeben, als im Rahmen einer japanischen Blumenschau ein Buddha in der Kirche aufgestellt wurde. Was auch aus Sicht der zuständigen Berlin-Brandenburgischen Landeskirche nicht möglich war. »Aber es wird immer einzelne Besucher geben, denen irgendetwas nicht gefällt«, sagt Zastrow.

Die St.-Laurentius-Kirche im sachsen-anhaltischen Havelberg beherbergt wie auch die Johanniskirche in Brandenburg an der Havel wechselnde Blumenschauen im Rahmen der Bundesgartenschau 2015. Foto: picture alliance/Kitty Kleist-Heinrich

Die St.-Laurentius-Kirche im sachsen-anhaltischen Havelberg beherbergt wie auch die Johanniskirche in Brandenburg an der Havel wechselnde Blumenschauen im Rahmen der Bundesgartenschau 2015. Foto: picture alliance/Kitty Kleist-Heinrich

Im Unterschied zu den Veranstaltern der Bundesgartenschau, die mit den 750 000 bisher im Havelland angekommenen Besuchern hinter den Erwartungen zurückliegen, sind die Organisatoren der kirchlichen Programme auf der Gartenschau froh über den Stand der Dinge. Genaue Teilnehmerzahlen allerdings habe man nicht erhoben, sagt Zastrow. »Das ist schon vom Aufwand her für uns nicht möglich.« Doch an allen fünf Standorten der Gartenschau fänden regelmäßige Mittagsandachten statt, für die etwa in Premnitz oder Rathenow sogar eigene Kirchenpavillons auf dem Gelände errichtet wurden.

»Wir freuen uns auch darüber, dass die Veranstalter der Gartenschau an den Eingängen auf unsere Angebote hinweisen«, sagt Zastrow. Und es gebe auch immer wieder Reisegruppen, die ihren Buga-Besuch speziell auf die Angebote der Kirchen abstimmen würden, sodass die Besucher am Mittag tatsächlich an der Andacht teilnehmen könnten.

Doch von Katastrophen blieb auch die Buga im Havelland nicht verschont: Bei einem Unwetter im Juni wurde auf dem Gelände in Rathenow ein Besucher der Gartenschau von einem Ast erschlagen. Eine gute Woche lang war der dortige Park daraufhin für Gäste gesperrt. »Da ruhte auch bei uns alles«, sagt Zastrow. Eigene Gedenkveranstaltungen der Kirche habe es auf der Gartenschau anschließend trotzdem nicht gegeben. »Die Besucher der Gartenschau kommen ja oft aus der Ferne«, sagt Zastrow. »Viele von ihnen haben gar nicht mitbekommen, dass das Unglück geschehen ist.« Allerdings sei in mancher Kurzandacht unmittelbar nach dem Zwischenfall des Toten gedacht worden.

»Insgesamt jedenfalls sind wir mit der Resonanz auf unsere Angebote sehr zufrieden«, so der Koordinator. So werde der Dom von Havelberg mit seinem weit über das Land sichtbaren romanischen Westwerk an manchen Tagen von bis zu 1 000 Menschen besucht. Und auch der Brandenburger Dom, der in diesem Jahr sein 850-jähriges Jubiläum feiert, freut sich über zahlreiche Gäste – zu denen auch schon Bundespräsident Joachim Gauck zählte. Er gratulierte dem Dom und der Domgemeinde im Juni bei einem Festgottesdienst zum Jubiläum.

Benjamin Lassiwe

Hinweise zum kirchlichen Buga-Programm finden sich im Internet. Zu den besonderen Höhepunkten der nächsten Wochen gehören etwa zwei Gottesdienste im Havelberger Dom mit Landesbischöfin Ilse Junkermann aus Magdeburg am 23. August sowie mit Margot Käßmann am 6. September. Beginn ist jeweils 10 Uhr.


www.kirche-buga-2015.de

»Wir müssen aufeinander achtgeben«

15. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Die Kirchentrennung seit fast 500 Jahren tut vielen Christen weh – doch es gibt auch Wege aufeinander zu

Entzweit das bevorstehende Reformationsjubiläum evangelische und katholische Christen oder kann es eine Wiederannäherung befördern? Dortohee Wanzek (»Tag des Herrn«) und Harald Krille (»Glaube + Heimat«) sprachen darüber mit Landesbischöfin Ilse Junkermann und Bischof Heiner Koch.

Wie empfinden Sie jeweils die Haltung der anderen Kirche im Blick auf 2017?
Junkermann:
Hoffentlich können wir im Reformationsjubiläum und -gedenken deutlich machen, was uns die letzten 500 Jahre auseinandergetrieben hat und wie wir uns, vor allem in der Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts, neu nahegekommen sind. Ich habe mich sehr gefreut, als Bischof Dr. Feige vor anderthalb Jahren sagte: »Im Zweiten Vatikanum haben wir die Reformation mit vollzogen.« Und wenn ich nach Magdeburg zum Pastoralen Zukunftsgespräch eingeladen bin und dort als erstes sehe, ein wie wichtiges Anliegen es ist, das Priestertum aller Gläubigen zu leben, dann berührt mich das sehr.

Gespräch in Dresden: Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann (2. v.   l.), und der Bischof des Bistums Dresden-Meißen, Heiner Koch (3. v. l.), stellten sich den Fragen der Journalisten Dorothee Wanzek (l.) und Harald Krille (r.). Foto: Matthias Holluba

Gespräch in Dresden: Die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Ilse Junkermann (2. v.   l.), und der Bischof des Bistums Dresden-Meißen, Heiner Koch (3. v. l.), stellten sich den Fragen der Journalisten Dorothee Wanzek (l.) und Harald Krille (r.). Foto: Matthias Holluba

Wenn ich sehe, was im Bistum Hildesheim gelebt und gedacht wird darüber, wie Gemeinde in extremer Diasporasituation das Priestertum aller leben kann, denke ich, dass uns römisch-katholische Gemeinden längst überholt haben, indem sie sich gelöst haben von der Vorstellung, dass das Amt in jeder Beziehung eine Rolle spielen muss.

Koch: Ich habe einen eigenen Zugang zum Reformationsjubiläum erhalten, als ich gefragt wurde, ob der Katholikentag 2016 in Leipzig stattfinden könne. Mir war dieser Zeitpunkt so kurz nach meinem Amtsantritt eigentlich zu früh. Ich konnte aber verstehen, dass viel dafür sprach, mit dem 100. Deutschen Katholikentag gerade nach Leipzig zu gehen. Nachdem ich mit Verantwortlichen im Bistum gesprochen hatte, war es für mich selbstverständlich, den Dresdner Landesbischof und die Leipziger Superintendenten zu fragen, wie sie einen Katholikentag in Leipzig ein Jahr vor dem Gedenkjahr an die Reformation 2017 einschätzten. Würden Sie ihn mittragen?

Schon bei höflich vorgetragenen Bedenken hätte ich sofort alles abgeblasen, geschweige denn bei einer klaren Ablehnung. Superintendent Henker aber sagte den bemerkenswerten Satz: »Ich glaube, dass der Katholikentag 2016 gerade im Hinblick auf das Reformationsjubiläum 2017 eine große Chance ist.« Das Wichtige sei doch, gemeinsam wahrzunehmen, dass uns die Geschichte vor 1517 verbindet und der Wille, nach 2017 miteinander anders weiterzugehen als in den 500 Jahren der Trennung – wie auch immer Gott uns diesen Weg führt. Dieses Zeichen sollten wir setzen!

Mich hat es auch sehr bewegt, als Landesbischof Bohl kürzlich bei der Gedenkfeier zur Einführung der Reformation in Leipzig vor 475 Jahren den Katholikentag erwähnt hat. Die Kollekte dort wurde für den Neubau der katholischen Propsteikirche in Leipzig bestimmt. Das sind Zeichen, die schwer zu überbieten sind. Sie geben mir Freiheit und Freude, auf 2017 zuzugehen.

Junkermann: Ich bin dankbar für Bischof Feiges dreimalige Thesen zum Reformationstag. Die haben mich neu sensibilisiert für die ökumenische Herausforderung im Blick auf 2017. Ich bin sehr froh, dass wir Bischöfe auf dem Gebiet der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) uns zum mitteldeutschen Konfessionsgespräch treffen. Da können wir uns einmal nicht nur den Themen widmen, die gerade auf der Tagesordnung obenauf liegen, sondern grundlegenden Themen, die dem tieferen gegenseitigen Verständnis dienen.

Zuletzt haben wir uns mit Professoren unserer theologischen Fakultäten über das allgemeine Priestertum der Gläubigen und das besondere Amt ausgetauscht. Froh bin ich auch über das Konzept, wie wir als EKM das Reformationsjubiläum begehen wollen, nämlich regional differenziert.

Was heißt das konkret?
Junkermann:
Das Wesentliche soll nicht bei einem großen Luther-Festival, sondern vor Ort passieren. Wir wollen die regionale Reformationsgeschichte erforschen, und zwar mit den Christen aller Konfessionen sowie mit Menschen anderer Religion und ohne Religion: Wie ist die Reformation in unserer Region verlaufen? Welche wechselseitigen Verletzungen gab es? Was hat die Menschen damals überhaupt bewegt? … Ich hoffe, wir kommen dabei über Glaubensfragen ins Gespräch.

Auch unter Gemeindegliedern gibt es da oft eine Scheu. Wenn wir erstmal über die Glaubensfragen von vor 500 Jahren sprechen, kommen wir vielleicht auch auf die heutigen: Was von den damaligen Themen bewegt uns noch? Was hat sich geändert? Mir ist es ein Anliegen, dass wir zu diesem Jubiläum nicht die alten Feindbilder reproduzieren und auch nicht die Schwarz-Weiß-Bilder: Dort ist das finstere Mittelalter, hier die leuchtende Reformation. Da sehe ich evangelischerseits durchaus Gefahr. Auch dem Grundlagentext der EKD zum Reformationsjubiläum wurde Entsprechendes vorgeworfen, und es ist gut, dass darüber diskutiert wird. An sechs Orten Mitteldeutschlands wollen wir einen »Kirchentag auf dem Weg« feiern.

Auf dem EKM-Gebiet sind dabei von Anfang an Vertreter der katholischen Bistümer mit im Planungsteam. Wir haben hier gemeinsame Verantwortung. Was uns trennt, darf nicht so bestimmend sein, dass es uns hindert, das Gedenken miteinander zu gestalten. Das schützt uns auch wechselseitig davor, mehr über- als miteinander zu sprechen.

Evangelischerseits ist die Suchbewegung noch nicht abgeschlossen, wie wir einerseits die Freude über die Reformation ausdrücken können, über die Wiederentdeckung des Evangeliums zum Beispiel oder des Priestertums aller Gläubigen, andererseits aber auch innehalten und darauf schauen, wo wir Fehlwege gegangen sind und wo es Fragen zu überdenken gilt, etwa die Frage nach unserem Kirchenverständnis, das erst seit 100 Jahren ohne äußere Anlehnung an die staatliche Ordnung auskommt.

Ich hoffe, es gelingt uns, differenziert zu feiern, auch bei den großen Events.

Manchmal scheint es, dass evangelischerseits, auch wenn noch ein paar Wünsche offen sind, die Zufriedenheit mit dem Status quo überwiegt. Von Katholiken ist dagegen der Wunsch nach einer sichtbaren Einheit lauter hörbar …
Koch:
Eine Kirchentrennung, die nicht mehr wehtut, wäre kastastrophal. In der Apostelgeschichte und im Korintherbrief können wir lesen, wie sehr Paulus unter den kirchlichen Trennungen gelitten hat in einer Zeit zahlreicher Kirchenspaltungen. Es gibt das Gebot der Einheit, und dem müssen wir zumindest dadurch folgen, dass wir um Einheit ringen, gerade auch in theologische Differenzen.

Junkermann: Auch ich denke, wir dürfen uns nicht mit dem Status quo abfinden. An vielen Orten läuft Ökumene selbstverständlich und gut, es gibt aber auch Punkte, wo das Trennende wirklich schmerzt. Es schmerzt mich, wenn ich sehe, dass Bischof Dr. Feige bei unserer Ordinationsfeier nicht am Abendmahl teilnehmen kann; und es schmerzt, wenn ich sehe, dass Ministerpräsident Kretzschmann bei der Einführung des badischen Landesbischofs neben seinem Erzbischof sitzt und dann zum Abendmahl geht. Da spüre ich den Schmerz, der in der katholischen Kirche besteht: Wie kann vermittelt werden, was uns trennt?

Zum 85. Geburtstag von Altbischof Nowak bin ich zur Eucharistieausteilung gegangen und habe um einen Segen gebeten. Auf solche Weise können wir die mögliche Gemeinschaft auch liturgisch miteinander leben. Mich schmerzt auch die Nicht-Zulassung der Frau zum Amt in der römisch-katholischen Kirche.

Ein Schmerz, der jetzt gerade gelindert wird, ist die alte Kränkung durch Papst Benedikt XVI, seine Aussage über die Kirchen der Reformation, sie seien »nicht Kirche im eigentlichen Sinne«. Das sitzt tief, deshalb ist es mir wichtig, die Signale von Papst Franziskus zu hören und auch seinen seelsorgerlichen Ansatz in manchen moralisch-ethischen Fragen zu erleben.

Wir dürfen uns nicht abfinden mit den Trennungen und auch nicht flach darüber hinweggehen nach dem Motto »Wir machen jetzt einfach mal …«

Koch: Dabei sollten wir zu verstehen versuchen, wie unsere Worte auf den anderen wirken.

Ich weiß, wie manche evangelische Christen die Worte Papst Benedikts über das Kirchenverständnis empfunden haben. Er wollte das katholische sakramentale Kirchenverständnis verdeutlichen und zum Ausdruck bringen, dass dieses Verständnis von der evangelischen Kirche nicht geteilt wird. Seine aufklärerisch gemeinten Worte aber haben manche als Abweisung empfunden.

Wir müssen aufeinander achtgeben, wobei mir allerdings am meisten Sorge eine theologische Flachheit auch der Verantwortlichen in theologischen Differenzfragen macht.

Ich finde es manchmal erschreckend, dass viele gar nicht benennen können, worin die theologischen Unterschiede zwischen den Kirchen bestehen und was sie bedeuten. Wenn ich sie aber nicht kenne, kenne ich weder den Reichtum des anderen noch den Weg, der vielleicht zu einem Miteinander führt.

Es ist eine gemeinsame ökumenische Aufgabe, wirklich in die Tiefe zu gehen. Dies gilt vor allem auch in spiritueller Hinsicht.

Besteht nicht aber Gefahr, dass Papiere von hoher geistlicher Tiefe im Volk nicht ankommen?
Koch:
Ja. Aber Papiere haben unterschiedliche Adressaten. Pfarrer, Theologen, sind dafür ausgebildet, differenzierte Papiere zu verstehen und sie qualifiziert ins Gespräch zu bringen, auch in die Predigt, in Religionsunterricht und Katechese.

Ich wünsche mir, dass wir 2017 in den Gemeinden und im religiösen Gespräch miteinander eine neue Tiefe erreichen.

Junkermann: Auch die neuen Medien können da dienlich sein. Die Homepage »www.2017gemeinsam.de« zum Papier von Lutherischem Weltbund und katholischer Glaubenskongregation »Vom Konflikt zur Gemeinschaft« halte ich für ein gutes Beispiel, dem ich noch mehr Verbreitung wünsche. Da laufen fundierte Diskussionen, an denen sich auch Laien beteiligen.

Eine Predigt aus Stein

14. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Magdeburg: Domweihe vor 650 Jahren – Deutschlands erste gotische Kathedrale

Mit einer Festwoche erinnert die Domgemeinde Magdeburg ab 18. Oktober an die Weihe ihres Gotteshauses vor 650 Jahren.

Der Grundstein für das monumentale Bauwerk wurde 1209 gelegt. An gleicher Stelle hatte eine romanische Kirche gestanden, bis ein Stadtbrand sie am Karfreitag des Jahres 1207 zerstörte. Ein großer Teil der Ausstattung wurde gerettet und in den Nachfolgebau integriert. Erzbischof Albrecht von Käfernburg legte den Grundstein für den neuen Dom St. Mauritius und Katharina, der den damals modernen, gotischen Formen folgt. Der Magdeburger Dom gilt als erster gotischer Sakralbau auf deutschem Boden. Bedeutung hatte und hat er auch als Grablege Kaiser Ottos I. Zu den jüngeren Erkenntnissen über die Geschichte des Dombaus, die archäologische Grabungen in den vergangenen Jahren erbrachten, gehört die Tatsache, dass im Sarkophag im Chorumgang tatsächlich Ottos erste Gemahlin Editha bestattet ist.

120 Meter lang, 32 Meter Deckenhöhe: Der Magdeburger Dom beeindruckt allein schon durch seine Raumwirkung. Fotos: Victoria Kühne

120 Meter lang, 32 Meter Deckenhöhe: Der Magdeburger Dom beeindruckt allein schon durch seine Raumwirkung. Fotos: Victoria Kühne

Gern wird erzählt, dass Albrecht ­eigens die Achse des Neubaus gegenüber dem Vorgängerbau ein Stück verlegen ließ, damit auch wirklich gotisch gebaut wird. In der Tat lässt sich am Magdeburger Dom gut ein Übergang von romanischen zu gotischen Formen von unten nach oben und von Ost nach West verfolgen. Den Ostabschluss des Chores prägen noch die schweren romanischen Formen, während sich nach oben, im sogenannten Bischofsgang, und dann weiter nach Westen immer mehr die aufstrebende, leichtere Gotik durchsetzt. Albrecht hatte vor dem Dom-Neubau in Frankreich die moderne Bauweise kennengelernt und sie wohl in Magdeburg für »seine« Kirche haben wollen. Mit einer Länge von 120 Metern und einer Deckenhöhe von 32 Metern beeindruckt das Gotteshaus seine Besucher noch heute – wie eine Predigt, in Stein gemeißelt.

Es gelang jedoch nicht, das Bauwerk in einem Zuge zu errichten. Ein Schicksal, das der Magdeburger Dom mit vielen Kirchen teilt. Schriftlich belegt ist eine Bauunterbrechung Ende des 13. Jahrhunderts.

Es dauerte 154 Jahre, bis Chor und Langhaus vollendet waren. Am 22. Oktober 1363 weihte Erzbischof Dietrich von Portitz den Dom. Erzbischof Otto von Hessen, der zwei Jahre zuvor gestorben war, hatte den Bau maßgeblich vorangetrieben. Sein Bild ist auf dem letzten Schlussstein vor der großen Orgel verewigt. Und am Eingang des südlichen Chorumgangs ist seine Grabplatte zu finden. Dietrich von Portitz stiftete und weihte den Hochaltar und das Chorgestühl und veranlasste den Einbau farbiger Fenster. Diese sind nicht mehr vorhanden, während das geschnitzte Gestühl noch heute die Besucher mit seinem reichen figürlichen Schmuck fasziniert. Erzbischof Dietrich ist im Hohen Chor bestattet.

Die Vollendung des Domes mit der Westfassade und den beiden 100 Meter hohen markanten Türmen dauerte bis 1520. Da hatte sich Erzbischof Ernst von Sachsen (1464–1513) bereits seine Grablege direkt hinter dem großen Westportal in die Turmvorhalle bauen lassen.

Seitdem ist das Westportal nur noch selten geöffnet worden; der Haupteingang befindet sich im nördlichen Seitenschiff. Nach langer Tradition zieht die Gemeinde nur zur Osternacht und zur Amtseinführung eines neuen Bischofs durch das ehemalige Hauptportal. Allerdings war das vor vier Jahren, als Landesbischöfin Ilse Junkermann eingeführt wurde, wegen Bauarbeiten nicht möglich. Erst zu Ostern 2013 fielen nach acht Jahren die Baugerüste an der Westfassade.

Die 650-Jahr-Feier der Domweihe ist nun wieder ein Anlass, das Westportal zu öffnen. Zum Festgottesdienst am 20. Oktober zieht die Gemeinde wie vor 650 Jahren durch ­dieses prächtige Tor in den Dom.

Renate Wähnelt

Die Festwoche

18. Oktober, 12.30 Uhr: »Klick – Der Dom im Kleinformat« – Eröffnung ­einer Ausstellung mit Fotos, mit denen Abiturienten des Ökumenischen Domgymnasiums im Kunstunterricht ihre Sichten auf den Dom zeigen; Ausstellung der 1612 und 1613 gedruckten prächtigen Gottesdienstbücher
20. Oktober, 10 Uhr: Festgottesdienst, gestaltet von Domprediger Giselher Quast und Prädikant Stephen Gerhard Stehli
20. Oktober, 20 Uhr: »Das Spiel vom Magdeburger Dom« – Theateraufführung des Ensembles der Magdeburger Domgemeinde über das Baugeschehen im 13. Jahrhundert (Hoher Chor)
22. Oktober, 18 Uhr: Vespergottesdienst am Tag der Domweihe; Beginn im Hohen Chor, dann der Baugeschichte folgend an der Turmvorhalle endend
22. Oktober, 19 Uhr: Vortrag des Architekturhistorikers Dr. Joachim Todenhöfer (Halle) über die Ausstattung eines Domes im 14. Jahrhundert (Große Sacristei)

www.magdeburgerdom.de