Zusammenführung zweier Rebellen

22. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Die Annäherung der beiden Martins in Eisenach ist ein reizvolles Kunstabenteuer

Von Angesicht zu Angesicht stehen sich der Kirchenerneuerer Martin Luther und der US-Bürgerrechtler Martin Luther King in einer neuen Ausstellung im Eisenacher Stadtschloss gegenüber.
Eisenach. Ein Abenteuer. So nennt Reinhard Lorenz die Arbeit an dieser Ausstellung. Und: eine Reise. Zweieinhalbtausend Kilometer waren er und sein Kollege Michael Kunze im ganzen Land unterwegs gewesen, um Bilder, Fotografien und Skulpturen zu Martin Luther und Martin Luther King zu suchen, zu sichten und in Auftrag zu geben. Hundert etwa haben sie mitgebracht nach Eisenach, seit Sonnabend sind sie im ehemaligen Marstall des Stadtschlosses unter dem Titel »Face to face« zu sehen.

Der Kurator der Ausstellung, Reinhard Lorenz, der zugleich das Kulturamt der Stadt Eisenach leitet, vor dem Ölgemälde »Via Dolorosa«, das Johannes Heisig auf Anfrage für diese Schau gemalt hat. Foto: Susann Winkel

Der Kurator der Ausstellung, Reinhard Lorenz, der zugleich das Kulturamt der Stadt Eisenach leitet, vor dem Ölgemälde »Via Dolorosa«, das Johannes Heisig auf Anfrage für diese Schau gemalt hat. Foto: Susann Winkel

Zwei Fragen drängen sich dem Betrachter sofort auf. Zum Ersten: Warum ist eigentlich noch keiner früher drauf gekommen, den Kirchenerneuerer und den US-Bürgerrechtler in einer Ausstellung zusammenzubringen? Immerhin eint beide mehr als der Name, für den der Ältere dem Jüngeren Pate stand. Zum Zweiten: Warum 2016? Auf die erste Frage weiß Kurator Reinhard Lorenz auch keine rechte Antwort. Beide seien ihrem Wesen nach Rebellen und Visionäre, deren Schriften und Lieder den Menschen bis heute und vielleicht ganz besonders heute viel zu sagen haben.

Auf die zweite Frage kann er gleich zwei Antworten geben. Vor zwanzig Jahren waren Martin Luther und Martin Luther King schon einmal Thema in Eisenach. In der Georgenkirche gab es 1996 die Performance »Play Luther«, die Wort, Musik und Tanz verwendete für die Konfrontation des widerspenstigen Theologen mit dem schwarzen Prediger. Kings Tochter Yolanda sang damals Spirituals, Hannelore Elsner las – ein großes Spektakel. Das nun 2016 eine Fortsetzung erfährt, diesmal nicht mit den Mitteln der Darstellenden, sondern mit jenen der Bildenden Kunst. Der zweite Grund für den Termin im Jahr vor dem großen Trubel heißt Aufmerksamkeit. Einer, der wie Reinhard Lorenz seit 1990 bereits Kulturamtsleiter ist, weiß, dass eine Ausstellung zum falschen Zeitpunkt verschenkt ist. 2017 buhlen zu viele mit dem Namen Luther um die Gunst der Besucher.

Auch diese Ausstellung wird es tun, allerdings nicht in Eisenach, sie wandert nach Eisenhüttenstadt und vielleicht auch weiter. Eisenhüttenstadt war eine der Reisestationen von Reinhard Lorenz und Michael Kunze auf dem langen Vorbereitungsweg. Dort, im Städtischen Museum, fanden sie das Ölgemälde »Merkwürdige Zusammenkunft oder Napoleon war nicht geladen« der aus Eisenach stammenden Künstlerin Susanne Kandt-Horn. 1982 hatte sie die beiden Martins bereits zusammengedacht und -gebracht.

Ihr Atelier hatte sie damals im Stadtschloss.

Mehrere solcher Verbindungslinien in die Wartburgstadt lassen sich ausmachen beim Rundgang durch den Marstall. Johannes Heisig etwa war im Jahr 2004 »Stadtgast«: Während seines Aufenthalts schuf er Malerei und Grafik zu Persönlichkeiten der Eisenacher Geschichte – von der heiligen Elisabeth über Johann Sebastian Bach bis Richard Wagner. Für »Face to face« hat er »Via Dolorosa« gemalt, den Leidensweg des Martin Luther King, der sich hilfesuchend in einer Demonstration umblickt, die an jene immer montags in Dresden erinnert.

Ergiebig waren aber nicht nur die seit Jahrzehnten aufgebauten Kontakte von Reinhard Lorenz, sondern auch die Reise zum Martin-Luther-King-Zentrum Werdau in der Nähe von Zwickau. Oder der Besuch im Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt, in dessen Depot sich viele Arbeiten fanden, die 1983 zum 500. Geburtstag Martin Luthers entstanden waren, aber von den DDR-Bürgern nicht gesehen werden sollten. Vieles, erzählt der Kurator, sei vor dieser Ausstellung überhaupt noch nie zu sehen gewesen. Auch das macht diese beinahe spielerische Annäherung an die beiden Martins, von denen der eine zunächst auf den Namen Michael getauft war, so reizvoll. Ein Kunst-Abenteuer – für die Macher wie für die Besucher.

Susann Winkel

Die Sonderausstellung »Face to face – Martin Luther und Martin Luther King« ist bis zum 25. September mittwochs bis sonntags von 11 bis 17 Uhr im Thüringer Museum im Stadtschloss Eisenach zu sehen.

Gott, Mode, Kunst

17. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Der Unternehmer und Kunstsammler Thomas Rusche

Im Kunsthaus Apolda ist eine Ausstellung »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen – Religiöse Motive in der SØR Rusche GmbH« zu sehen. Präsentiert werden Werke aus der Sammlung Thomas Rusches. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Rusche, zuerst eine Frage an den Herrenausstatter: Wie ist der moderne Mann gut angezogen?
Rusche:
Ob Mann oder Frau – zunächst sollte ein jeder seine Persönlichkeit kennen. Die Frage der guten Kleidung darf man nicht unterbewerten. Denn wir sprechen alle mit unserer Kleidung, noch bevor wir den Mund aufmachen. Der erste Eindruck zählt. Und den erzeugt die Kleidung. Wie bei allen wichtigen Fragen im Leben besteht der erste Schritt darin, uns selber kennenzulernen. Wissen wir, worin wir uns wohlfühlen, im Jackett oder im Pullover, welche Farben uns gefallen? Wenn wir uns in unserer Kleidung nicht wohlfühlen, dann spürt das der andere. Als Erstes gilt: Die Kleidung ist meine zweite Haut, ich sollte mich darin wohlfühlen. Als Nächstes folgt die Überlegung: Was mache ich heute? Wenn ich abends ins Theater gehe, ziehe ich mich anders an, als wenn ich im Wald einen Spaziergang mache. Für einen Waldspaziergang ziehe ich mich anders an, als wenn ich Freunde zum Bier besuche oder aber zu einem festlichen Abendessen. Drittens ist zu fragen: Was ist die Erwartungshaltung der anderen? Freunde in Apolda, die mich zu einem Abendessen einladen, erwarten vermutlich eine andere Kleidung, als bei einem festlichen Abendessen in London erwartet wird. Mein persönliches Gefühl, der objektive Anlass und die subjektiven Erwartungshaltungen der anderen – in diesem Dreieck entfaltet sich Kleidungskultur. Ich habe die Möglichkeit, durch meine Kleidung einen Beitrag zur Kultur zu leisten. Denn Kleidung ist, ebenso wie die Kunst, ein Kulturgut und nicht nur eine funktionelle Notwendigkeit.

Thomas Rusche: »Sobald ich bete, wird mir wieder bewusst, dass Gott mit mir durchs Leben geht.« Foto: privat

Thomas Rusche: »Sobald ich bete, wird mir wieder bewusst, dass Gott mit mir durchs Leben geht.« Foto: privat

Sprechen wir über Kunst. Sie sammeln seit Ihrer Kindheit Alte Meister, bevorzugt Alte niederländische Meister. Wie sind Sie dazu gekommen?
Rusche:
Weil meine Familie im Münsterland lebt. Und die niederländische Malerei des
17. Jahrhunderts auch das heutige Belgien und das Münsterland umfasst.

Im Kunsthaus Apolda sind religiöse Motive auf Bildern zeitgenössischer Kunst denen der alten Malerei gegenübergestellt. Die Ausstellung zeigt, dass Künstler heute auf christliche Ikonografie zurückgreifen. Das Interesse an religiösen Themen ist offensichtlich ungebrochen.
Rusche:
In der Kunst des 21. Jahrhunderts finden Sie die großen Sehnsuchtsfragen des Menschen. Das ist das Spannende an der Ausstellung. Ich glaube, dass große Kunst sich immer mit diesen großen Themen auseinandersetzt: Woher komme ich, wohin gehe ich, was soll mein Leben, gibt es einen Gott? Zeitgenössische Künstler drücken diese Themen in einer ähnlichen Vielfalt aus, wie ich das bei den niederländischen Alten Meistern erlebe. Es gibt Künstler in der Sammlung, auch Zeitgenossen, die das offensichtlich thematisieren in einer ungebrochenen christlichen Tradition. Und es gibt Künstler, die das Religiöse nur sehr zurückhaltend, andeutungsweise ausdrücken.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Gemälde für Ihre Sammlung aus?
Rusche:
Bilder, die ich erwerbe, wähle ich nicht primär nach Motiven aus, vielmehr geht es mir um mein inneres Angesprochensein. Ein Bild berührt mich oder es berührt mich nicht. Das hat relativ wenig mit Gefallen zu tun, vielmehr mit einer tieferen Schwingungsdimension als den ersten Eindruck. Kunst geht tiefer, wenn sie große Menschheits- und Gesellschaftsthemen anspricht. Und das geschieht oft bei religiös-provozierten Fragen.

Sie finden in der Kunst Antworten auf die tiefen Lebensfragen?
Rusche:
Zumindest finde ich sie dort auch gestellt. Ich glaube, dass es neben der Religion die Kunst ist, die große Lebens- und Menschheitsfragen benennt. Viele Künstler verzweifeln an der gesellschaftlichen Situation oder auch ganz persönlich an ihrem Leben. Große Kunst ist oftmals Ausdruck dieser Verzweiflung. Ein großer Unterschied zwischen Kunst und Religion, insbesondere der christlichen Religion besteht meines Erachtens darin, dass der christliche Glaube eine klare eindeutige Antwort auf die Menschheitsfragen gibt, zu der sich Künstler oftmals nicht durchringen können.

Ich persönlich bin Christ. Ich glaube, dass Jesus, diese große historisch bezeugte Persönlichkeit, der Christus, der Sohn Gottes, der Retter der Welt und auch meines ganz persönlichen Lebens ist.

Sie haben Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Philosophie und Theologie studiert. Sie sind Unternehmer, Sie sind Kunstsammler. Was hat der Philosoph mit dem Unternehmer zu tun?
Rusche:
Es gibt eine große Schnittmenge zwischen Philosophie und Ökonomie: die Wirtschaftsethik. Sie fragt: Wie kann man auf moralische Weise Geld verdienen? Oder schließt Geldverdienen, ökonomisch profitabel zu sein, die Frage des Moralischen von vornherein aus? Die Wirtschaftsethik sagt Nein. Je größer die Schnittmenge zwischen dem Moralischen und dem Ökonomischen ist, desto besser geht es dir in Person, desto besser geht es dem Unternehmen, in welchem du arbeitest oder das du besitzt. Und desto besser geht es der Gesellschaft.

Wenn es in einem Arbeitsteam menschlich gut läuft, kann sich das auf den Erfolg des Unternehmens auswirken.

Was bedeutet es für Sie, reich zu sein?
Rusche:
Ob reich oder nicht, für mich ist wichtig: Wenn ich einen Euro in der Hand habe, überlege ich, was kann ich verantwortungsvoll mit diesem Euro tun? Wenn Sie jetzt einen Politiker nicht nach Geld, sondern nach Macht fragen würden, sollte er ähnlich antworten: Geld und politische Macht sind immer Gestaltungsauftrag. Was kann ich wie damit tun? Wie kann ich meine persönlichen Talente einbringen, um einen Beitrag zu leisten für das Gemeinwohl unserer Gesellschaft.

Sie haben mal gesagt, wenn Sie zum heiligen Josef beten, rappelt es bei Ihnen in der Kasse, mehr, als wenn Sie nicht beten würden oder wenn Sie nicht beten.
Rusche:
Dieser Ausspruch stammt von dem Leiter meines Jesuitenkollegs. Er sagte mir: Thomas, darf ich dir ein Geheimnis verraten? Wenn ich persönliche Probleme habe, dann bete ich zur Mutter Gottes, die hilft mir. Wenn ich finanzielle Probleme habe, dann bete ich zum heiligen Josef, und der hilft mir. Das habe ich früh verinnerlicht. Und es hilft auch mir bis heute.

Ganz konkret erfahre ich in meinem Leben ständig, dass der liebe Gott sich für unser aller, für dein und für mein kleines Leben interessiert und ihm nichts zu gering ist. Es liegt nun an uns Menschen, dass wir auch im Kleinsten um seine Hilfe bitten. Gott wartet nur darauf, von uns um Hilfe gebeten zu werden. Oftmals verliere ich mich im täglichen Hamsterrad meines Lebens und denke gar nicht an Gott. Dabei geht er mit seiner unendlichen Güte und Liebe immer mit mir. Sobald ich bete, wird mir wieder bewusst, dass Gott mit mir durchs Leben geht. Beten heißt, mich der Kraft Gottes zu vergewissern.

Zur Person
Thomas Rusche wurde 1962 in Münster (Westfalen) geboren. Nach seinem Abitur an einem jesuitischen Gymnasium studierte er von 1982 bis 1990 Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Philosophie und Katholische Theologie.

Er leitet als Geschäftsführender Gesellschafter das Familienunternehmen, die SØR Rusche GmbH.

Als Kunstsammler fördert Rusche den Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und den Alten Meistern. Die Werke der Ausstellung »Vom Allmächtigen zum Leibhaftigen« im Apoldaer Kunsthaus stammen aus seiner Sammlung.

Folterinstrument oder Lebensbaum?

17. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Ein Zweiglein fordert eine Entscheidung

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. (Jesaja 11, 1)

Dies ist eine Weissagung aus dem Buch des Propheten Jesaja. Sie kündet den neuen Daviden an, den Friedenskönig, den Mann, auf dem der Geist des Verstandes und der Weisheit ruhen wird und der mit dem Stabe seines Mundes – also mit Worten – den Gottlosen schlagen wird.

Isai ist der Vater Davids. Der Stumpf Isais ist die Königsdynastie Davids, die zur Zeit des Jesaja abgehauen ist, nicht mehr existiert. Ein Reis wird aus dem Stumpf hervorgehen. Das spielt auf die Fähigkeit mancher Bäume an, aus dem Stumpf neue Triebe hervorzubringen. Eine Weide oder einer Linde können sich auf diese Weise erneuern. Die meisten anderen Bäume bilden lediglich Stocktriebe. Die sehen aus wie Reisig, und daraus wird kein neuer Baum, sondern nur eine Art Busch, was man über die Nachfolger großer Dynastien öfter sagen kann.

Direkt über dem Rücken des Lammes wächst nach links das Zweiglein. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar/Constantin Beyer

Direkt über dem Rücken des Lammes wächst nach links das Zweiglein. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar/Constantin Beyer

Für die Christen ist Jesus Christus das Reis Isais, der neue Friedenskönig, der nicht mit Gewalt, sondern mit Weisheit und der Kraft seines Wortes regiert. Der Weimarer Cranachaltar spielt mit einem kleinen Detail auf diese messianische Weissagung an. Das Kreuz, an dem der tote Jesus hängt, ist kein säuberlich geputztes Zimmermannskreuz, kein Balkenkreuz, sondern ein Baum. Die Rinde ist nicht abgeschält. Nur dort, wo Jesus hängt und wo die Balken aufeinandergefügt werden mussten, ist das Holz glatt geschnitten.

Cranach hat sein Signet, die geflügelte Schlange auf diese glatte Holzfläche gezeichnet, gleich unterhalb der Füße Jesu, gleichsam auf die Wunde des Holzes. Weiter unten, wo die Rinde den Stamm glatt umschließt, ist tatsächlich ein Trieb zu sehen, zwischen dem Lamm und seiner transparenten Siegesfahne schlägt der Stamm aus, lugt ein kleiner Trieb hervor. Ganz dezent setzt Cranach dieses Zweiglein. Er ist verwechselbar mit einem beim Säubern des Stammes übersehenen kleinen Ast. Wer es wahrnimmt, kann verstehen: Das Kreuz ist ein Lebensbaum. Es gibt andere Bilder, die das Kreuz als Lebensbaum zeigen wollen, bei denen der Querbalken des Kreuzes bereits dicke Knospen getrieben hat.

Das Kreuz in der Mitte ist entweder ein schlecht geputzter Baum oder ein Kreuz, das sich an seinen Baumcharakter zurückerinnert, das einen neuen Trieb hervorbringt. Hier ist eine Entscheidung erforderlich. Eben dieselbe Entscheidung, zu der der Altar auch in seinen anderen Stücken auffordert. Der Maler Lukas Cranach hat eben zum Kreuz emporgeblickt und wurde erlöst, wie die Kinder Israels in der Wüste bei den Zelten, die zur Schlange aufgesehen haben. Seine Füße stehen noch im Gestus des Schrittes, aber er wendet uns den Kopf zu und blickt uns an.

Wie wollt ihr es halten mit dem Emporblicken zum Kreuz? Ist es ein Folterinstrument oder ist es ein Lebensbaum?

Das kleine Reis, das aus dem Stamm des Kreuzes hervorgeht, stellt dieselbe Frage. In prägnanter Nähe zum Deutungstier Lamm – auch eine Anspielung auf ein Wort aus dem Jesajabuch – macht es den Balken zum Lebensbaum. Ein Zweiglein, das übrig bleibt, ein Zweiglein, das ausschlägt, oder um es mit einem Adventslied zu sagen: ein Zweiglein der Glückseligkeit.

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht Dr. Frank Hiddemann den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Revolutionäre Botschaft

5. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Diözesanmuseum Paderborn präsentiert die Geschichte der Nächstenliebe

Im antiken Rom sorgte die selbstlose Hilfe für Arme und Kranke zunächst für Argwohn. Bis heute inspiriert die »Erfindung« der frühen Christen die Kunst. In einer ersten umfassenden Gesamtschau wird die Geschichte der Nächstenliebe spannend erzählt.

Das weiße Kleid ist am Boden versengt, der Blick der Frau ruht auf einem der beiden schwarzen Babys an ihrer Brust. In ihrer lebensgroßen Foto-Kunst inszeniert sich die New Yorker Künstlerin Vanessa Beecroft als weiße Madonna. Das angekohlte Kleid verweist auf die zahlreichen Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent. Für Museumsdirektor Christoph Stiegemann zeigt das Werk, wie prägend die Botschaft der tätigen Nächstenliebe bis heute ist. Unter dem Titel »Caritas – Nächstenliebe von den frühen Christen bis zur Gegenwart« bietet das Diözesanmuseum in Paderborn einen Streifzug durch die Geschichte der Nächstenliebe und ihrer künstlerischen Darstellung.

Am Anfang der bis zum 13. Dezember laufenden Ausstellung steht der berühmte Brief des Apostels Paulus über das allumfassende Gebot der Liebe (1. Korinther 13,13). »Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei«, heißt es in dem Schriftstück aus dem zweiten Jahrhundert, »aber die Liebe ist die größte unter ihnen«. Der Papyrus aus der Dubliner Chester Beatty Library sei wohl das spektakulärste Stück der Schau, erklärt Stiegemann. Er ist eines der frühesten Original-Dokumente der christlichen Nächstenliebe.

Mitleid galt im alten Rom als Schwäche

Die von Christen gelehrte Zuwendung zu armen und kranken Menschen sei in der Antike etwas revolutionär Neues gewesen, sagt Stiegemann. Bis dahin galt in der römischen und griechischen Welt der strahlende Held als Ideal, Mitleid war etwas für Schwächlinge. Für die Christen sind alle Menschen Kinder Gottes. Was man dem Geringsten tut, tut man gegenüber Gott, erklären sie. Dass sich das Christentum rasch weltweit ausbreitete, liegt nach Stiegemanns Überzeugung auch daran, dass das Christentum die Nächstenliebe praktisch umsetzte.

Die in Genua geborene, in New York lebende Künstlerin Vanessa Beecroft arrangiert Körper zu lebenden Kunstwerken. Während einer ihrer Sudan-Reisen hat sie sich in einer Kathedrale als weiße Madonna mit schwarzen Zwillingen selbst in Szene gesetzt. Fotos: Diözesanmuseum Paderborn

Die in Genua geborene, in New York lebende Künstlerin Vanessa Beecroft arrangiert Körper zu lebenden Kunstwerken. Während einer ihrer Sudan-Reisen hat sie sich in einer Kathedrale als weiße Madonna mit schwarzen Zwillingen selbst in Szene gesetzt. Fotos: Diözesanmuseum Paderborn

Nach den Ursprüngen der Caritas – der lateinische Begriff für Nächstenliebe bei den frühen Christen – folgt die Schau den Spuren ihrer Institutionalisierung in den Herrschaftsgebieten mittelalterlicher Könige und Bischöfe. Beleuchtet werden die Gründung der ersten Hospitäler, Armen- und Waisenhäuser in Zeiten von Pest, Krieg und Hungersnöten. Suppenschüsseln für Armenspeisungen illustrieren die städtische oder frühstaatliche Fürsorge, die an die Stelle von Almosenverteilung rückte. Zu den Exponaten gehören daneben unter anderem antike Sarkophage oder mittelalterliche Buchmalerei und Schatzkunst.

Wie die Idee der Nächstenliebe die Kunst beflügelt hat, zeigen frühe Darstellungen des Gleichnisses des barmherzigen Samariters in Altarbildern aus dem 11. Jahrhundert und Darstellungen der Caritas bei Lucas Cranach dem Älteren, Eugène Delacroix sowie Max Liebermann bis hin zu Videoarbeiten von Bill Viola. Der italienische Maler Raffael porträtiert im Jahr 1507 die Caritas als eine ihre Kinder umsorgende Mutter. Die Darstellung der Kardinaltugenden in dem Altarbild gehört zu den seltenen Originalexponaten. Leihgeber der rund 200 Ausstellungsstücke sind unter anderem der Vatikan, der Pariser Louvre oder das New Yorker Metropolitan Museum of Art.

Die Schau soll aber nicht nur eine Erfolgsgeschichte erzählen. Dargestellt werden auch die Schattenseiten: Der Erste Weltkrieg etwa, in dem Franziskanerinnen aus Salzkotten das Leiden an der Front durch Lazarettdienste zu mildern versuchten. Oder die sogenannte Euthanasie, als die Nationalsozialisten behinderte und kranke Menschen zur Tötung aussonderten. Dadurch wurden auch Heil- und Pflegeanstalten zu Tötungsanstalten, erklärt Stiegemann. Besucher können Briefe von Nonnen lesen, die das Grauen dieser Erfahrungen ihrem Bischof schildern.

Eine Ausstellung ohne erhobenen Zeigefinger

Am Ende der Ausstellung verweisen Infotafeln auf tätige Nächstenliebe, wie sie heute von den kirchlichen Wohlfahrtsverbänden der Diakonie und der Caritas oder Organisationen wie Amnesty International oder der Welthungerhilfe geleistet werden.

Die Schau wolle nicht mit erhobenem Zeigefinger die richtige Moral verkünden, erklärt Stiegemann. Sie könne anregen, sensibel zu sein gegenüber Flüchtlingen, der Ausbeutung von Entwicklungsländern oder der steigenden Müllproduktion in der heutigen Wegwerfgesellschaft. »Wenn wir dazu motivieren, mit offenen Augen durch den Alltag zu gehen, dann haben wir unser Klassenziel erreicht.«

Holger Spierig (epd)

Das Diözesanmuseum Paderborn hat dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

www.dioezesanmuseum-paderborn.de

www.caritas-ausstellung.de

Wenn Malen zum Gebet wird

23. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Signe Kogge studierte sakrale Kunst in Riga und ist heute Ikonenmalerin in Volkenroda

Behutsam wie ein Kleinkind trägt sie es, in eine schützende Decke eingeschlagen, hinüber in die alte Klosterkirche. Dort präsentiert Signe Kogge scheu lächelnd ihr wichtigstes Bild: eine Christusikone. Nach der Passionszeit hat sie wieder ihren Platz im ehrwürdigen Gemäuer, ergänzt gleichnishaft das durch Wurmfraß zerstörte Antlitz Christi auf dem mittelalterlichen Kruzifix.

Ihr bisher »wichtigstes Bild« nennt Signe Kogge ihre Christusikone. Sie hat ihren Platz in der Klosterkirche von Volkenroda gefunden. Foto: Harald Krille

Ihr bisher »wichtigstes Bild« nennt Signe Kogge ihre Christusikone. Sie hat ihren Platz in der Klosterkirche von Volkenroda gefunden. Foto: Harald Krille

Signe Kogge wurde 1983 in der lettischen Hauptstadt Riga geboren, besuchte ein deutsches Gymnasium. Danach eine nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Unabhängigkeit Lettlands errichtete christliche Akademie für soziale Berufe, Theologie und sakrale Kunst. Letzteres wurde ihr Hauptfach mit der besonderen Ausbildung zur Ikonenmalerin. Im Rahmen einer »Europäischen Sommerschule« kam die zur lutherischen Kirche gehörende junge Frau 2005 nach Volkenroda bei Mühlhausen, wo sie ihren Mann kennenlernte. Mit zwei Kindern lebt und arbeitet das Ehepaar heute in der Klostergemeinschaft mit.

Was für einen flüchtigen Betrachter zunächst wie ein starres Reproduzieren einmal vorgegebener Motive erscheint, ist für die Ikonenmalerin ein spiritueller Prozess. »Fenster zum Himmel« werden die Bilder mit den Porträtdarstellungen von Christus, den Aposteln, den Heiligen und vor allem auch von Szenen aus dem Leben Christi gern genannt. »Ikonen können das Evangelium erklären, Glauben anschaulich und verständlich machen«, erklärt Kogge. Jede Geste der Hände, jede Fußstellung der Dargestellten, jeder abgebildete Gegenstand hat eine symbolische Bedeutung, die der Maler kennen muss. Dazu kommen die sachgerechte Vorbereitung der Holztafeln als Malgrund und die richtigen

Farben: nur Eitempera mit natürlichen Pigmenten. Denn Künstliches, Synthetisches hat auf einem Bild des Heiligen nichts verloren.

Das Wichtigste aber ist die innere Haltung: »Bei einem normalen Bild denke ich mir aus, was ich darstellen will oder ich lasse meinen Emotionen freien Lauf«, sagt Signe Kogge. Doch bei einer Ikone steht die Meditation über einem Bibelwort, steht das Gebet am Anfang.

Einer der wichtigsten Sätze, den sie von ihrer Meisterin in Riga mit auf den Weg bekam: »Die Ikone, die du malen sollst, muss zu dir kommen.« Man kann nicht einfach eine Kopie machen. »Eine Ikone muss zuerst als inneres Bild entstehen. Und das Malen selbst ist ein Gebet«, sagt Kogge. »Meine Hand malt, aber eigentlich malt dann ein anderer das Bild«, beschreibt sie ihre Erfahrung.

Dabei erschrickt sie manchmal sogar über die eigene Linienführung, über eine Farbe, die sie aufträgt. Sie erinnert sich: Auf einem Christusgesicht entstand plötzlich der Eindruck von Tränen. Mehrfach versuchte sie, den »Fehler« zu überarbeiten, ohne Erfolg. Doch gerade diese Ikone hat später einen Gast im »Kloster auf Zeit« in Volkenroda besonders tief im Herzen angerührt. Wie eine Ikone zunächst zu ihr kommen muss, »so muss eine Ikone auch ihren Besitzer finden«, ist sie überzeugt.

Gern würde Signe Kogge irgendwann einmal einen Ikonenmalkurs organisieren. Noch allerdings weis sie nicht wie. Ein anderer Satz ihrer alten Lehrerin ist ihr aber fest in Kopf und Herz: »Die Ikonen zeigen dir, wie du das machen musst.«

Harald Krille

Persönliche Annäherung

17. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Klaus Metz gestaltete Martin Luther, Philipp Melanchthon und die heilige Elisabeth von Thüringen

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenös­sische Künstler vor, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Im Hause Metz in Langenleiten in der Rhön leben drei Bildhauer unter einem Dach. Ihre Arbeiten sind vor allem in Kirchen zu sehen.

Es hatte wohl so kommen müssen. Wer in der Werkstatt zwischen Hobelspänen groß wird, wer mit fünf Jahren das erste Mal eine Figur aus Holz schneidet, der muss später ein Holzbildhauer werden. So wie der Vater einer ist. Also wurde Klaus Metz Bildhauer. Mit achtzehn begibt er sich in die Lehre, natürlich bei seinem Vater, Günter, der noch heute 74-jährig in der Werkstatt steht. Er, der in der bayerischen Rhön weithin bekannt ist für seine Krippenfiguren, wird strenger Meister für den Sohn. Ein so strenger, dass der Sohn als frischer Geselle 1987 bei einer Leistungsprüfung Bundessieger in seinem Handwerk wird.

Vom Vater lernen, ja, das konnte Klaus Metz. Ihm nacheifern aber wollte er nicht. Das Vorbild war zu groß, »ich wäre nicht rangekommen«, sagt er. Also schafft er keine Krippenfiguren für die Kirchen der Rhön. 1990 beginnt er ein Studium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Im Unterschied zu den Kommilitonen beschränkt er sich ganz auf das kleine Maß. Zehn Zentimeter höchstens, darf eine Figur messen. Meist sind es Tiere, die er formt. Und die er bis heute häufig gestaltet, aus Holz, Bronze, Stein, wenn auch im größeren Maß. Was der Künstler Klaus Metz nachbildet, muss der Mensch Klaus Metz zunächst erblickt haben. Der Schöpfungswille, die Schönheit eines Lebewesens ist ihm Anregung. »Es passiert in bestimmten Momenten, dass ich beim Sehen eines Tieres oder Menschen für Bruchteile von Sekunden eine Figur spüre. Dieses Spüren ist so stark, dass es für mich zum Leitfaden wird«, beschreibt er den Prozess. Was er erspürt, bringt er als Handwerker zur Form. Schön soll die Figur sein und gut. Und wenn sie zu leben beginnt, dann wird Kunst daraus.

An das Studium schließen sich Jahre als Meisterschüler bei Professor Wilhelm Uhlig an. 1996 beginnt für Klaus Metz die freischaffende Arbeit als Bildhauer. Er geht zurück in die Rhön, nach Langenleiten, jenen Ort in der Nähe von Bad Neustadt, wo der Beruf des Holzbildhauers Tradition hat wie nirgendwo anders in der Region. Bitterarm war die Gegend einst gewesen, die Schnitzerei unverzichtbarer Nebenerwerb. Heute geht es um die Kunst.

Klaus und Heike Metz zwischen den historischen Figuren auf der Landesgartenschau in Schmalkalden. Foto: Susann Winkel

Klaus und Heike Metz zwischen den historischen Figuren auf der Landesgartenschau in Schmalkalden. Foto: Susann Winkel

Im Hause Metz sind gleich drei Werkstätten beieinander. Sie gehören Günter, Klaus und seiner Frau Heike. Auch bei ihr, der gelernten Erzieherin, hatte es so kommen müssen. Wer all die Jahre in der Werkstatt mithilft, wer selber Freude an Malerei, Grafik, Bildhauerei findet, der kann sich dem irgendwann nicht mehr nur nebenbei widmen. Zerrissen sei sie gewesen, erzählt Heike Metz, bis sie sich 2001 ganz für die Kunst entschied. Breit ist das Spektrum ihrer Arbeit, es reicht von Landschaften in Öl bis zu Stadtmodellen in Bronzeguss. Immer aber sind da auch sakrale Themen. Heiligenfiguren – Katharina, Thekla, Maria Magdalena – und Kreuze in Mischtechnik. Miniaturen von Kirchen im Zinnguss.

Es scheint, als sei es im Haus in der Lindenstraße in Langenleiten gar nicht anders möglich, als zur Kunst und mit ihr zur Kirche zu kommen. Auch Klaus Metz wendet sich, zurück in seinem Heimatort, wieder verstärkt jenen Themen zu, mit denen er groß geworden ist, schafft im Auftrag von Kirchen und Kommunen sakrale Figuren für den öffentlichen Raum vor allem in Thüringen. So viele Hobelspäne er als Kind um sich hatte, so oft war er mit seinem Vater in den Gotteshäusern. »Mich hat schon immer die Präsenz der Figuren dort gefangen genommen«, erzählt er. »Man kann immer wieder etwas Neues finden in ihnen.« Und im besten Falle komme man zur Ruhe, wenn man sie anblickt.

Das sollen auch die Bürger und Besucher von Schmalkalden, wenn sie in diesen Sommermonaten auf der Landesgartenschau oder später vor dem Hessenhof in der Stadt seine jüngste Figurengruppe sehen. Martin Luther, Philipp Melanchthon und die heilige Elisabeth von Thüringen als überlebensgroße Figuren in Bronze. Die Annäherung an die historischen Persönlichkeiten sei ihm wichtig gewesen, erklärt er. Zeitlos sollten die Drei werden, von einer klassischen Form und mit einer Ästhetik, die auch in hundert Jahren noch verständlich ist. Und er wollte ihnen keine modischen Zugaben beifügen, kein Smartphone und keinen Minirock.

Er, der einst das Maß von zehn Zentimetern nicht überstieg, ist für diese Figuren an seine Grenzen gegangen. Künstlerisch und körperlich. Viele hundert Kilogramm, die sich nur noch mit einem Kran bewegen ließen. Er ist froh, als am Ende alle an ihrem Platz in Schmalkalden sind. Erleichtert, dass es gut gegangen ist. Auch dieses Mal.

Susann Winkel

Cranach in Erfurt

9. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Gemälde aus der Cranach-Werkstatt im Dom und Angermuseum

In diesem Jahr würdigt die Lutherdekade unter dem Motto »Bild und Bibel« den 500. Geburtstag von Lucas Cranach dem Jüngeren. Die Kirchenzeitung nimmt das Cranachjahr zum Anlass, in einer Beitragsserie mit der Malerdynastie verbundene Orte vorzustellen.

Die thüringische Landeshauptstadt Erfurt unterschied sich, seit sie vor rund 1 275 Jahren belegbar die Bühne der Geschichte betrat, in vielerlei Hinsicht von vergleichbaren Orten. Blicke vom Aussichtsturm an der Krämerbrücke oder von der einstigen Festung Petersberg lassen nachvollziehen, warum die Stadt im Mittelalter als »Erfordia turrita« (türmereiches Erfurt), als »thüringisches Rom« gepriesen wurde. Wegen seiner vorteilhaften Lage an der Hohen Königsstraße (Via Regia), aber auch wegen des für

Eines von acht Pfeilerbildern im Erfurter Dom zeigt eine Szene mit Hostienmühle. Foto: Falko Behr/Bistum Erfurt

Eines von acht Pfeilerbildern im Erfurter Dom zeigt eine Szene mit Hostienmühle. Foto: Falko Behr/Bistum Erfurt

Landwirtschaft und erwerbsmäßigen Gartenbau günstigen Klimas, gelangte Erfurt zu wirtschaftlicher Blüte und Wohlstand.
Über sieben Generationen ist Erfurt mit dem Namen der musikalischen Familie Bach verbunden. Von Weimar kamen auch Goethe und Schiller regelmäßig in das beiden »liebe Erfurt«. Im Gebäude der heutigen Thüringer Staatskanzlei fand 1808 die Begegnung zwischen Napoleon I. und Goethe statt. Innerhalb Thüringens war Erfurt seit dem späten 13. Jahrhundert das bedeutendste Zentrum der Buchherstellung. In der Druckerei von Matthes Maler entstand beispielsweise das von Martin Luther redigierte erste evangelische Gesangbuch.

Doch welcher Platz gebührt in diesem kulturgeschichtlich so interessanten Umfeld der Malerfamilie Cranach? Es ist zum einen die enge Freundschaft, die Lucas Cranach den Älteren mit Martin Luther verband. Dieser hatte seit dem Jahr 1501 an der Universität Erfurt studiert und wurde im Juli 1505 Mönch im hiesigen Augustinerkloster. Auch als er schon lange in Wittenberg lebte, kam Luther immer wieder nach Erfurt. In der Stadt seiner Jugend, darin ist sich die Forschung einig, liegen wichtige Wurzeln von Martin Luthers Theologie und damit zugleich der Reformation. Doch neben dieser indirekten Verbindung gibt es in der Stadt auch zwei direkte Cranach-Anlaufpunkte: den Dom St. Marien und das Angermuseum. Im Dom ist es ein Altar, in den man – erst 1948 – das aus der Cranach-Werkstatt stammende Gemälde »Die Verlobung der heiligen Katharina« eingesetzt hat. Wie das Bild nach Erfurt kam, ist nicht nachzuvollziehen. In den Unterlagen des Doms taucht es erstmals im 19. Jahrhundert auf. Außerdem sind im Dom ab 1506 entstandene sogenannte »Pfeilerbilder« zu sehen. Sie zeigen überwiegend Themen, die in der katholischen Tradition Bedeutung haben.

Im Kunstmuseum am Anger haben zwölf aus der Cranach-Werkstatt stammende, beziehungsweise deren Umfeld zugeschriebene Gemälde ihren ständigen Platz gefunden. Highlights wie das signierte Cranach-Bild »Lasset die Kindlein zu mir kommen«, befinden sich in der Ständigen Ausstellung des Angermuseums. Hierhergekommen sind sie zumeist durch Ankauf oder Tausch im beginnenden 20. Jahrhundert.

Heinz Stade

Ausstellung »Kontroverse und Kompromiss – Der Pfeilerbildzyklus des Mariendoms und die Kultur der Bikonfessionalität im Erfurt des 16. Jahrhundert« vom 27. Juni bis 20. September im Angermuseum Erfurt und katholischen Dom St. Marien

Erlebnisort für Assoziationen

6. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung in den Franckeschen Stiftungen Halle zu wundersamen Welten

Überall in der Welt wartet das Wunderbare und Unerklärliche«, sagte Dieter Hofmann, Professor für Produkt- und Systemdesign und Rektor der Burg Giebichenstein. »Die Kunst kann bekannte Dinge in neue Zusammenhänge bringen und damit Wunderbares herstellen.« Die Ausstellung »Assoziationsraum Wunderkammer« in den Franckeschen Stiftungen zeigt Objekte und Installationen von Künstlern und Gestaltern der dortigen Kunsthochschule. Zu sehen sind Alltagsfundstücke mit individuellen Geschichten, aber auch vertraute Gegenstände in neuen Konstellationen. Dabei geht es darum, mithilfe dieser kuriosen Ungewöhnlichkeiten frei zu assoziieren.

Im Historischen Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen zu Halle zeigen 17 Absolventen der Kunsthochschule Burg Giebichenstein ihre heutigen Weltsichten, analog zur historischen Wunderkammer im Dachgeschoss des Gebäudes. Foto: Falk Wenzel

Im Historischen Waisenhaus der Franckeschen Stiftungen zu Halle zeigen 17 Absolventen der Kunsthochschule Burg Giebichenstein ihre heutigen Weltsichten, analog zur historischen Wunderkammer im Dachgeschoss des Gebäudes. Foto: Falk Wenzel

»Wir leben in einer Zeit, in der uns die Wissenschaft viel in unserem Leben erklären kann, sodass wir uns nicht mehr wundern müssen«, erläutert Hofmann den Ansatzpunkt. »Doch die Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit bilden einen Schutzraum des Wunderns.« Als Menschen stünden wir so am Ende immer dem Unerklärlichen gegenüber.

Bereits August Hermann Francke gründete im Jahr 1698 eine historische Wunderkammer. Dort sammelte er Artefakte und Naturalien aus aller Welt: Muscheln, seltene Steine, ein Krokodil. Die Exponate brachten die Besucher damals zum Staunen, da ihnen diese Dinge im Europa der Frühaufklärung unbekannt waren. Mit dieser Sammlung von Wundersamkeiten wollte Francke ein Abbild der Schöpfung Gottes in ihrem ganzen Reichtum schaffen. Da in der Aufklärung ein Bedürfnis nach Ordnung aufkam, wurden die Gegenstände auch thematisch geordnet.

In der zeitgenössischen Ausstellung wird dieses Ordnungsprinzip aufgenommen und mit dem Konzept der Wunderkammer gespielt: Internationale Künstler bringen Ideen aus der ganzen Welt mit und zeigen ihre ungewöhnlichen Objekte in den Franckeschen Stiftungen. Diese versetzen auch heutige Besucher in Staunen: »Die Ausstellungsobjekte wirken fremd, sie werfen Fragen auf«, sagte Lutz Nitsche, Referent der Kulturstiftung des Bundes. Die Wunderkammer sei damit auch heute aktuell: »In der digitalen Welt haben wir eine Sehnsucht nach musealer Abgeschiedenheit.« Dabei gehe es nicht um das Feiern des Modernen, sondern um künstlerische Verknüpfungen. Denn die zeitgenössische Ausstellung ist in die historische Wunderkammer integriert, beide können parallel besichtigt werden.

Bemerkenswert unter den Exponaten ist unter anderem der ausgeklappte Holzkoffer »Place Drift« (»treibender Ort«). In dieser Schatzkiste liegen eine alte Fahrradpumpe, ein Gedichtbuch und ein religiöser Gegenstand. Die Künstlerin Ginan Seidl sammelt darin unterschiedliche Erinnerungsstücke von ihren Forschungsreisen in Deutschland, England und Mexiko. Dabei fragt sie Menschen nach ihren Träumen und den Orten, an denen ihre Träume vorkommen. Mit diesem »Souvenirdepot« hat sie einen »Erinnerungsspeicher« geschaffen, der die Besucher nach ihren eigenen Träumen fragen lässt. »Sich so unvoreingenommen auf das historische Erbe der Wunderkammer einzulassen, ist den Franckeschen Stiftungen als künftiges Welterbe würdig«, lobte Rektor Hofmann bei der Eröffnungsfeier. »Diese Ausstellung ist ein wundervolles Abenteuer des Assoziierens. Was sie alles Wunderbares hervorbringt, lässt mich immer wieder an Wunder glauben.«
Markus Kowalski

Bis 16. August, Di. bis So., 10 bis 17 Uhr,
Historisches Waisenhaus (Franckeplatz 1)

»Meine Passion ist der Mensch«

24. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Der Maler Gert Weber erlebte, zur Kirche kommt man über die Kunst

Im Themenjahr »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische bildende Künstler dar, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Ein Besuch im Atelier des Gräfenhainer Malers und Grafikers Gert Weber

Zunächst wirkt die Kraft der brillanten Farben: Violett, Türkis, Rot, Gold. Auf den zweiten Blick ist ein Gesicht zu erkennen – mit einer Dornenkrone – goldfarben. Sie identifiziert die Gestalt als Christus. Dornen! Menschen bilden das Dornengeflecht. »Wir sind es, die den Christus gekreuzigt haben«, sagt der Schöpfer dieses Bildes, der Maler und Grafiker Gert Weber, 1951 in Gräfenhain am Fuße des Thüringer Waldes geboren, wo er heute lebt. Die vielschichtige Botschaft dieser Christusdarstellung, für die Paul Gerhardts Passionslied »O Haupt voll Blut und Wunden« Pate stand, offenbart sich erst beim intensiven Hinschauen. Ein solches Bild, hinter dem viele Gedanken zu lesen sind, entsteht zuerst im Kopf des Künstlers. »Das ist ein ganz langer Prozess.« Er dauert über Jahre. »Und dann kommt es geflossen.«

Eine Affinität zu religiösen Themen hat Weber schon immer. »Zur Kirche kommt man über die Kunst.« Als Kind sieht er eine Reproduktion des Isenheimer Altars und ist nachhaltig von dem Werk Matthias Grünewalds, einer seiner »Lehrmeister«, beeindruckt. Als 12-Jähriger fängt er an zu malen, sodass automatisch der Wunsch entsteht, Künstler zu werden, ein Beruf, von dem er sich verspricht, in Freiheit arbeiten zu können. Mit dem »verlogenen« DDR-System will er nichts zu tun haben. Wenn er nicht hätte Kunst studieren können, wäre Theologie für ihn eine Alternative gewesen. Als Maler findet er sein Wirkungsfeld in der Kirche. Hier erhält er Aufträge und Präsentationsmöglichkeiten.

Gert Weber, 1951 in Gräfenhain geboren, in seinem Atelier vor einem seiner Gemälde. Foto: Sabine Kuschel

Gert Weber, 1951 in Gräfenhain geboren, in seinem Atelier vor einem seiner Gemälde. Foto: Sabine Kuschel

Sein Werdegang verläuft nicht geradlinig. Die Aufnahmeprüfung an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden besteht er ad hoc. Als er 1974 – nach der Armee – das Studium in Dresden aufnimmt, hat er die Nase vom Militär voll. Doch an jeder sozialistischen Hochschule der DDR gehört zum Studium eine militärische Ausbildung, drei Monate Feldlager. Als ihm das klar wird, gehen bei ihm die Alarmglocken an. Bloß das nicht! Was tun? Hinzu kommt, das Konzept der Dresdner Einrichtung sagt ihm überhaupt nicht zu. »Rot verseucht«, die künstlerische Ausbildung nur an der alten Schule orientiert, europäische Moderne wurde nicht gelehrt. »Wenn du hier bleibst, wirst du verbogen«, denkt er. Eine Nacht sitzt der junge Mann am Dresdner Elbufer. Heute vergleicht Weber die Situation mit der biblischen Szene im Garten Gethsemane. Er schaut auf den Fluss und trifft eine Entscheidung. Die Elbe fließt. Diese Riesenchance, von 150 Bewerbern an der Kunsthochschule angenommen zu sein, er wirft sie ins Wasser, schmeißt das Studium und macht sich auf den Weg nach Friedrichroda, zu Werner Schubert-Deister, Maler, Grafiker, Bildhauer und Musiker, gefördert von Elisabeth Voigt, einer Meisterschülerin von Käthe Kollwitz. »Ein Außenseiter und universeller Geist, der mehr zu geben hatte als die meisten bestellten Lehrkräfte an den Kunsthochschulen«, so beschreibt Weber den Künstler, der in der DDR keine Chance hatte. Er schuf viel für die katholische Kirche. Zwei Jahre ist Weber bei ihm Schüler und Mitarbeiter. Danach empfiehlt ihm Schubert-Deister, er solle als freischaffender Maler dem Verband Bildender Künstler (VBK) beitreten. Ohne Studienabschluss aussichtslos. Also studiert Weber von 1976 bis 1980 an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig.

Nach dem Studium gilt es, den eigenen Weg zu finden. Er schwankt zunächst, wie er sagt, zwischen der Leipziger Schule und der von Schubert-Deister, also zwischen der altmeisterlichen figürlichen Arbeit und der abstrakten Kunst. »Bis ich gemerkt habe, meine Passion ist der Mensch.«

»Kreuzabnahme« von Gert Weber, Tuschezeichnung über Holzschnitt. Fotos: Gert Weber

»Kreuzabnahme« von Gert Weber, Tuschezeichnung über Holzschnitt. Foto: Gert Weber

In seinem Werk finden sich Häftlinge, Menschen auf dem Todesmarsch, Köpfe, Gesichter, in denen Angst, Erschrecken und Leid erkennbar sind. Was zieht den Maler, der den Krieg nur aus Erzählungen kennt, zu diesen schweren Themen? Seine Sensibilität hierfür erklärt sich Weber mit der Geschichte seiner Familie. »Die hat mich geprägt.« Seine Mutter und deren Eltern sind aus Ostpreußen geflohen und in russische Gefangenschaft geraten. Die Mutter war drei Jahre in Sibirien. Nachdem sie freikommt, bleibt die Zeit unter einem dicken Mantel des Schweigens verborgen. Ein Tabuthema, gleichwohl immer präsent. Allerdings hält der Künstler in seinen Todesmärschen nicht nur Vergangenes fest, sondern auch das aktuelle Geschehen: Menschen, die vor Elend und Krieg in ihrer Heimat nach Deutschland fliehen.

Persönliche Erfahrungen eines Ausgestoßenen, Geächteten sind dem Maler nicht fremd. Er ist in der DDR zwar Mitglied im VBK, Aufträge bekommt er jedoch nicht. Er wird geschnitten. Dass das mit seiner Beziehung zu Schubert-Deister zusammenhängt, der gedemütigt und drangsaliert wurde und daher zu jener Zeit einen Ausreiseantrag gestellt hatte, wird ihm erst später deutlich. Auch Weber wird aus dem Verband Bildender Künstler ausgeschlossen. Bemerkenswerterweise, oder wie er kommentiert »kurioserweise« in der Phase, in der er sich als Künstler gefunden hatte. Die Bilder, die damals auf Ablehnung stießen, hängen heute nach seinen Worten in den großen Galerien, wie zum Beispiel im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Nach dem Rausschmiss aus dem Verband muss sich die Familie, er, Frau und Kind, zwei Jahre über Wasser halten. Eine harte Zeit. 1986 steigt er wieder ein. In seine Ausstellung in der Jenaer Michaeliskirche kommen mehr Besucher als in jede andere Schau. Unter den Einträgen ins Gästebuch findet sich sogar ein Besucher aus New York.

»Kreuzigung – immer wieder« – Pastell und Tuschezeichnung von Gert Weber.

»Kreuzigung – immer wieder« – Pastell und Tuschezeichnung von Gert Weber. Foto: Gert Weber

Einige Beispiele seines umfangreichen Werkes. 2002 gewinnt er den Wettbewerb um die Gestaltung des Raumes der Stille im Thüringer Landtag Erfurt. Ebenso konzipiert er nach der Wende den Raum der Stille in der Evangelischen Grundschule Gotha. Er schuf das Deckengemälde in der Kirche im hessischen Reichensachsen. Zu seinen Aufträgen gehörte die Gestaltung von Glocken für verschiedene Kirchen. Derzeit beschäftigt sich der Künstler mit den Fenstern der Kirche in Stotternheim. Pfingsten sollen sie fertig zu sein.

Auf der Suche nach der eigenen künstlerischen Form erhält er den Rat: »Lies die Bibel und Dostojewski. Daran habe ich mich gehalten.« Die Beschäftigung mit dieser Art Literatur hat offenbar seine künstlerische Entwicklung beflügelt – und sein Schaffen trägt Früchte. Wie Dostojewski in seinen Romanen ein Spiegelbild der menschlichen Seele darstellt, so geht es Weber darum, seine Bilder zu beseelen. Ihnen einen Funken einzuverleiben, der es vermag, die Menschen zu berühren.

Sabine Kuschel

www.webbs-online.de

Die andere Seite der Reformation

13. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Auf dem sächsischen Schloss Rochlitz werden die Frauen der Reformation geehrt

Eine Ausstellung auf Schloss Rochlitz stellt weibliche Persönlichkeiten des 16. Jahrhunderts vor. Im Fokus steht Elisabeth von Rochlitz.

Die Geschichte der Reformation in Deutschland wird bislang von Männern dominiert. Spätestens mit der aktuellen Sonderausstellung auf Schloss Rochlitz (Landkreis Mittelsachen) muss umgedacht werden. Unter dem Motto »eine STARKE FRAUENgeschichte« kann der Besucher auf dem für 18,5 Millionen Euro sanierten Schloss Lebenswege von Frauen des 16. Jahrhunderts verfolgen. Mit der am 1. Mai eröffneten Schau dürfte sich das Bild der Reformation als einem rein männlich geprägten Ereignis verändern. Bis Oktober werden rund 50 000 Besucher erwartet.

Insgesamt rund 300 Exponate zeigt die Reformationsausstellung, vor allem Gemälde und Dokumente. Foto: epd-bild

Insgesamt rund 300 Exponate zeigt die Reformationsausstellung, vor allem Gemälde und Dokumente. Foto: epd-bild

Im Fokus stehen unangepasste und lange Zeit vergessene Frauen der Reformation. Eine Ausnahme ist wohl Luthers Frau, die weithin bekannte Katharina von Bora (1499–1552). Die Ausstellung würdigt die ehemalige Nonne als Teil der reformatorischen Bewegung. Zu sehen sind etwa drei Kopien des Eherings der »Lutherin« aus Gold und Rubin von 1525 und ein Teil des Weihwasserbeckens aus dem Kloster Nimbschen bei Grimma, wo sie einst lebte.

Im Zentrum der Schau aber steht Herzogin Elisabeth von Rochlitz (1502 bis 1557), die vor Ort zwischen 1537 und 1547 wirkte und eine der einflussreichsten Frauen der reformatorischen Aufbruchszeit war. Die Tochter eines hessischen Landgrafen wurde bereits mit drei Jahren dem damals fünfjährigen Sohn Johann des sächsischen Herzogs Georg, einem Gegner der Reformation, versprochen. Im original erhaltenen Ehevertrag von 1505 sind zahlreiche Einzelheiten festgehalten. Kaum zu glauben, dass dieses Papier ihr später die persönliche Freiheit brachte. Denn Elisabeth überlebte ihren Mann und laut Vertrag durfte sie nach seinem Tod auf Schloss Rochlitz residieren. Die sogenannte Eheberedung würde heute rund zehn A4-Seiten füllen, sagt der Dresdner Historiker André Thieme. Vor allem wegen seiner Ausführlichkeit sei das Pergament so wertvoll.

Im Prolog der Ausstellung wird aber auch der zeitgenössische Protest aufgegriffen, etwa der von Femen in Paris. Nicht zuletzt erklären bewegte Comics die Errungenschaften der Reformation kurzweilig und witzig, auf eine angenehm unkonventionelle Weise. Hier wird Geschichte mit Strichmännchen verständlich erzählt. Auch Elisabeths Leben ist mit einem Comic animiert.

Insgesamt rund 300 Exponate zeigt die Reformationsausstellung auf rund 1 300 Quadratmetern. 200 Originale sind zu sehen, darunter vor allem Gemälde und Dokumente. 83 Leihgeber haben sich beteiligt.

Inhaltliche Grundlage der Präsentation sind zahlreiche überlieferte Briefe der Herzogin. Dabei stehe die Erforschung ihrer Korrespondenz erst am Anfang, sagt Thieme. Schätzungsweise 10 000 Briefe der Reformatorin, die für brisante Botschaften sogar eine Geheimschrift entwickelte, seien erhalten. Empfänger ihrer Schreiben waren etwa die mächtigsten Fürsten der damaligen Zeit.

Die wissenschaftliche Aufbereitung ist Thieme zufolge eine »Herkulesaufgabe«. Bisher seien erst etwa 200 Briefe ediert. Sie seien jedoch eine »fantastische Quelle für den höfischen Alltag und die damalige Mentalität«. Zugleich ermöglichten die Briefe eine späte Rehabilitierung der Elisabeth von Rochlitz, die 1537 in ihrem Gebiet die Reformation einführte.

Ein Höhepunkt der Ausstellung ist der Raum, wo die Reformatorin vermutlich ihre Texte verfasst hat. Neben einigen Originalen werden auch ihre einflussreichen Adressaten vorgestellt. »Die Briefe werden eine steile Karriere machen«, ist Thieme überzeugt. »Es wird keine Geschichte der Reformation mehr geben ohne die Elisabeth und ihre Briefe.«

Die Schau widmet sich auch der neuen Kunst der Reformationszeit, eine Folge veränderter Rollenbilder der Geschlechter. Die Frau als Verführerin spiele eine Rolle oder etwa die Familie als ein Ergebnis der reformatorischen Bewegung, so Kurator Dirk Welich. Auffallend für diese Zeit seien zahlreiche Darstellungen der biblischen Heldin Judith, die durch verführerische List dem assyrischen Heerführer Holofernes den Kopf abschlug und so eine ganze Stadt vor der völligen Zerstörung bewahrte. Zu sehen sind mehrere Judith-Gemälde, darunter von Lucas Cranach d. Ä. (1472 bis 1553), aber auch Darstellungen der Heldin auf Alltagsgegenständen wie Ofenkacheln oder Bierkrügen.

Katharina Rögner (epd)

Die Ausstellung »eine STARKE FRAUENgeschichte – 500 Jahre Reformation« auf Schloss Rochlitz ist vom 2. Mai bis 31. Oktober, täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Zwischen Idyll und Sündenfall

16. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ausstellung: Farbenmagier und Nazi-Emil – die Emil-Nolde-Retrospektive weicht auch den dunklen Seiten nicht aus

Das treffendste Wort für die Beschreibung von Leben und Werk des Malers Emil Nolde ist wohl in der Tat »Vielschichtigkeit«. Eine große Retrospektive in Frankfurt geht diesen Schichten nach und fördert durchaus auch Dunkles zutage.

Als Hans Emil Hansen wurde er am 7. August 1867 im Dorf Nolde im deutsch-dänischen Grenzgebiet geboren. Später nannte sich der Künstler nach seinem Geburtsort Emil Nolde. Sein Malstil, der Züge des Impressionismus mit dem expressiven Ausdruck der klassischen Moderne vereint, begeistert bis heute ein großes Publikum. »Der große Farbenmagier« wurde er genannt, der in kühnen Farbkompositionen Blumen und Gärten, die große Weite des Himmels und das Ungestüm des Meeres seiner schleswig-holsteinischen Heimat, aber auch Figuren und Porträts auf den Malgrund bannte.

Nolde selbst kokettierte damit, dass die Bibel das einzige Buch sei, welches er je ganz gelesen habe. Das Gemälde  »Verlorenes Paradies« entstand 1921. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

Nolde selbst kokettierte damit, dass die Bibel das einzige Buch sei, welches er je ganz gelesen habe. Das Gemälde »Verlorenes Paradies« entstand 1921. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

Schon zu Lebzeiten gehörte Nolde zu den ebenso umstrittenen wie erfolgreichen Künstlern. Seit 1915 huldigten jährliche Ausstellungen seinem Werk, in der Zeit der Weimarer Republik gehörte er zu den bekanntesten und bestverkauften Künstlern des Landes. Seine Bilder wurden nicht nur von Privatsammlern erworben, auch in Museen und öffentlichen Sammlungen hielten sie Einzug.

Facetten seines Werkes widmen sich bis heute nicht nur die jährlichen Ausstellungen in seinem letzten Wohnort Seebüll im äußersten Norden Schleswig-Holsteins. Mit der jetzt im Städel-Museum in Frankfurt am Main eröffneten Retrospektive allerdings wird erstmals seit mehreren Jahrzehnten ein Gesamtüberblick über das Lebenswerk gegeben. Mehr als 110 Gemälde, Aquarelle und Druckgrafiken, davon viele erstmals außerhalb Seebülls oder von Privatsammlungen ausgestellt, zeigen die Vielschichtigkeit des Lebenswerkes wie auch der inhaltlichen Thematik.

Einen wichtigen Platz nehmen dabei Noldes religiöse Bilder ein. Gleich drei Säle widmen sich den vom Neuen Testament inspirierten Bildern. Für Nolde selbst waren sie ein »Markstein« seiner Kunst. Entstanden nicht als Metaphern, sondern als Ausdruck »persönlicher Offenbarung« und »leibhaftigen Erlebens«. Auch wollte er damit bewusst einer Verengung seiner öffentlichen Wahrnehmung als »Blumen- und Landschaftsmaler« entgegenwirken.

»Großer roter Mohn«: In seinen letzten Lebensjahren bis 1956 entstanden vor allem wundervolle Aquarelle. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

»Großer roter Mohn«: In seinen letzten Lebensjahren bis 1956 entstanden vor allem wundervolle Aquarelle. Repro: Nolde Stiftung Seebüll

Das besondere Verdienst der Frank­furter Ausstellungsmacher aber ist wohl, in den Begleittexten und -veranstaltungen auch die dunklen Schichten in Noldes Leben nicht auszublenden. Geprägt von einer stark deutsch-nationalistischen Haltung fand er ebenso wie seine dänische Ehefrau Ata erhebliche Schnittmengen mit der Ideologie des Nationalsozialismus. Nicht nur, dass Nolde wie mache anderen Intellektuellen und Künstler Deutschlands die Machtergreifung Hitlers voller Enthusiasmus begrüßten. Nein, gern wäre er mit seiner nach eigener Aussage »wahrhaft deutschen Kunst« zum künstlerischen Paladin der Diktatur geworden. Was zunächst gar nicht ausgeschlossen schien, gehörten doch auch Nazigrößen zu seinen Verehrern.

Dass sich im Streit um die nationalsozialistische Kunstpolitik letztlich Hitlers spießiger Geschmack durchsetzte, verhinderte dies allerdings nachhaltig. Noldes Werk wurde als »entartet« klassifiziert, seine Werke in Museen beschlagnahmt. In der von Goebbels inszenierten Femeschau »Entartete Kunst« war Nolde prominent vertreten.

Was freilich dessen Begeisterung für Hitler keinen Abbruch tat, sondern das NSDAP-Mitglied Nolde immer wieder neu um seine Rehabilitierung kämpfen ließ. Kaum auszuhalten ist es, wenn er etwa seinen künstlerischen Konflikt mit Max Liebermann und der Berliner Sezession von 1910 zum »Kampf gegen die Vorherrschaft des Judentums in der deutschen Kunst« stilisierte. Selbst vor antisemitischer Denunzierung seines Malerkollegen Max Pechstein schreckte Nolde nicht zurück.

Was spricht angesichts solcher Verirrungen eigentlich noch für Nolde? Zum einen die Tatsache, dass der um Anerkennung Buhlende dennoch seinen den Nazis so verhassten Malstil nicht änderte. Und dann natürlich die Fülle seiner wunderbaren Bilder, die den Weg nach Frankfurt allemal lohnen.

Harald Krille

Die Ausstellung «Emil Nolde. Retrospektive» ist bis zum 15. Juni 2014 dienstags, mittwochs, sonnabends und sonntags von 10 bis 18 Uhr sowie donnerstags und freitags von 10 bis 21 Uhr im Städel-Museum, Schaumainkai 63, 60596 Frankfurt am Main, zu sehen. Zur Ausstellung sind ein Katalog und ein Begleitheft erschienen

Webfilm zur Ausstellung

www.staedelmuseum.de