Schlüsselerlebnis im Stadtwald

12. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: In einer Lebenskrise fand Jana Huster aus Gera zum Glauben

Alles war perfekt. Die Ehe, die gemeinsame Tochter, das Haus mit eigenem Spezialitätengeschäft, zwei veröffentlichte Bücher mit Kurzgeschichten. Jana Huster war die Strahlefrau von Gera: Muntere Augen, ein Lächeln im Gesicht und einen flotten Spruch auf den Lippen. Auf Linken-Parteitagen verkaufte sie mit einer gehörigen Portion Ironie schon mal selbstgemachte rote Socken.

»Dass ausgerechnet mir so etwas passiert, hätte wohl keiner gedacht«, sagt sie und meint einen Zusammenbruch im vergangenen Sommer. Die Welt, wie Jana Huster sie kannte, geriet aus den Fugen. Die Ehe kriselte, Nackenschmerzen, Wirbelblockaden und Panikattacken quälten die junge Frau. Den Laden in der Altstadt sperrte sie zwei Monate lang zu. Nichts ging mehr.
Jana Huster ist in einem atheistischen Elternhaus aufgewachsen, später tritt die gelernte Rechtsfachwirtin in die Partei »Die Linke« ein. Das Christentum hat sie nie an sich herangelassen, aber es ist ausgerechnet der Glaube, aus dem sie in der Krise Kraft schöpft. Zunächst helfen Mediziner. Physiotherapie, Osteopathie – sie fühlt sich wohl in den Händen dieser Helferinnen, und es stellt sich heraus, dass einige von ihnen Christen sind. Die Gespräche während der Behandlungen werden bald wichtiger als die Behandlung selbst.

Jana Huster blickt zuversichtlich in die Zukunft. Foto: Silva Görner

Jana Huster blickt zuversichtlich in die Zukunft. Foto: Silva Görner

Frank Hiddemann, Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und Gemeindepfarrer, hat sich in Gera einen Namen mit Literatur- und Kunstgottesdiensten gemacht. Dadurch kennen sich die beiden, in diesen Gottesdiensten fühlt sich Jana Huster wohl, die »tollen Geschichten, die spannenden Predigten« fesseln die freiberufliche Autorin. Als Pfarrer Hiddemann den verschlossenen Laden bemerkt, sie anruft, sie zum Spaziergang einlädt, findet sie das beängstigend: »Als Seelsorger will er bestimmt tausend Sachen wissen.« Will er nicht. Zwei Stunden spazieren sie durch den Zaufensgraben. Es tut ihr so gut, dieses gemeinsame Schweigen, dass sie sich regelmäßig mit dem Geistlichen verabredet. »Mein Schlüsselerlebnis hatte ich im Stadtwald. Wir stromerten durchs Gehölz, abseits der Wege, und meine Frage, wohin wir gehen, hat er kaum beantwortet: Ist doch egal, wo wir rauskommen. Ich habe über diese innere Ruhe, diese Angstlosigkeit so gestaunt«, erinnert sie sich.

Gelassenheit dem Kommenden gegenüber ist Jana Huster nicht erst bei Pfarrer Hiddemann aufgefallen. Es ist eine Geisteshaltung, die sie bei vielen christlichen Freunden und Bekannten entdeckt hat. »Wenn irgendetwas nicht klappte, sind diese Menschen, anders als ich, nicht in ein riesiges Loch gefallen«, sagt sie.

Im Winter beschließt sie, sich taufen zu lassen. Sie stürzt sich auf die Bibel, sie liest und hinterfragt. Sie hadert mit »der Sache mit dem ewigen Leben« und sie findet, Gottesdienste sind in ihrem Ablauf zunächst schwer zu verstehen. Zu Himmelfahrt 2016 wird Jana Huster getauft; die Fürbitte hält mit Knut Meenzen ein junger Christ – und Genosse. Auch Jana Huster ist nach wie vor Mitglied bei der Linken. Sie sieht darin keinen Widerspruch. »Gerechtigkeit, Solidarität – da sind viele Gemeinsamkeiten«, meint sie. Ihrer Tochter, die Angst hat, dass die Mama anders wird, sagt sie: »Ich lebe jetzt ein Leben mit Gott. Ich werde ein anderer Mensch sein, aber nicht schlimmer.« Dabei hat sie sich eigentlich nicht verändert: Sie ist fröhlich, im Laden lacht und tröstet sie, sie betrachtet mit wachen Augen und ihrem unverwechselbaren Humor die Welt. Ihre ersten Gedanken zu christlichen Ritualen oder biblischen Geschichten verarbeitet sie derzeit augenzwinkernd in einem Buch.

Und doch ist etwas anders. Der Glaube, sagt sie, gebe ihr Geborgenheit und Ruhe. »Ich hatte Tausend Ängste und die sind jetzt weg.« Das ist das größte Geschenk.«

Katja Schmidtke

Der Blutstrahl der Gnade

5. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Das Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren in der Weimarer Stadtkirche (2)

1515 wurde Lucas Cranach der Jüngere geboren. Anlässlich seines 500. Geburtstages würdigt die Lutherdekade in diesem Jahr den Maler unter dem Motto »Bild und Bibel«. Das dreiflügelige Altarbild in der Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul stammt nach neusten Forschungen von Lucas Cranach dem Jüngeren. In einer zwölfteiligen Beitragsserie widmen wir uns dem Meisterwerk und seinen Glaubensaussagen.

Einmal führte ich zwei japanische Aikido-Meister durch die Weimarer Stadtkirche St. Peter und Paul. Wie viele Besucher blieben sie staunend vor dem Cranach-Altar stehen. Ich ließ ihnen Zeit. Dann sagte der ältere, würdigere von ihnen: »Wie der ideale Schwertschlag!« Er meinte den Blutstrahl im Zentrum des Bildes. Wir nennen ihn den Blutstrahl der Gnade.

Ausschnitt aus dem Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren: Der Blutstrahl trifft direkt auf das Haupt Cranachs. Foto: Kirchengemeinde Weimar

Ausschnitt aus dem Altarbild von Lucas Cranach dem Jüngeren: Der Blutstrahl trifft direkt auf das Haupt Cranachs. Foto: Kirchengemeinde Weimar

In einem perfekten 90 Grad Winkel verlässt er die Seitenwunde Christi. So saust offenbar ein Aikido-Schwert nieder, wenn es meisterlich geführt wird. So fließt Blut nicht, und so verläuft kein Blutstrahl. Offenbar hat der Maler nicht nach der Natur gemalt. Dieser Blutstrahl hat eine symbolische Bedeutung.

Es gibt Kreuzigungsdarstellungen besonders im Spätmittelalter, da ist der Leib Christi Blut überströmt. Das extreme Leiden Christi spiegelt das extreme Leiden der Christen dieser Zeit. Das ist bei Cranachs Bild nicht der Fall.

Der Körper wirkt nicht gemartert. Die Haut ist glatt. Selbst die Nagelwunden erzeugen nur einen spärlichen Blutstrom. Das fällt dem auf, der vergleichbare Darstellungen gesehen hat, die die Heilswirkung des Blutes zum Thema machen. Oft schweben kleine Engel unter den Wunden und fangen ganze Blutströme von Händen und Füßen mit Kelchen auf. Es sind die Sakramentsgefäße der Kirche, die darin das von Christus erworbene Heil an uns weitergeben. Manchmal fängt auch die Kirche selbst das Blut auf. Sie ist dann als allegorische Gestalt abgebildet, als Frau Kirche, lateinisch »Ecclesia«. Manchmal nimmt auch ein Brunnen diese Mittelstellung ein. Christi Blut füllt ihn, und die Kirche schöpft daraus.

Bei Cranach trifft der Blutstrahl direkt. Deshalb heißt das Bild auch Reformationsaltar. Gnade ist nicht vermittelbar. Das ist eine der zentralen Botschaften Luthers. Niemand besitzt die Gnade und gibt sie an uns weiter. Jeder steht direkt vor Gott. Der Blutstrahl trifft direkt.
Schauen wir in die Bibel, die Martin Luther auf der rechten Bildseite aufgeschlagen uns entgegenhält. Bei einiger Vergrößerung könnten wir es klar lesen: »Das Blut Jesu Christi reinigt uns von allen Sünden« (1. Johannes 1,7) Und ebenso einen zweiten Spruch: »Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden.« (Hebräer 4,16) Cranach ist aufs Kreuz zugetreten und der Blutstrahl zeigt, dass er Gnade gefunden hat.

Und sofort flieht eine Schlange, könnte man meinen. Genau dort, wo das Ende des Blutstrahls sein Haupt berührt, scheint sie sich davonzumachen. Sie gehört eigentlich zur Szene in der Wüste. Aber wenn wir Cranachs Kopf näher betrachten, ist es fast unmöglich, sie nicht mit hinzuzunehmen. Schlange und Kopf bilden eine Sinneinheit

Die geflügelte Schlange ist auch Cranachs Wappen, das ihm einst Kurfürst Friedrich der Weise verlieh. Er hat es mit Stolz verwendet und signierte jedes Bild damit. Die Schlange hatte ursprünglich aufgestellte Flügel. Er legte sie nach dem Tod seines Sohnes Hans in Bologna (1537) nieder. Er gebrauchte von da an die Schlange mit liegenden Flügeln.

Wir sind Sünder und Gerechte zugleich, hat Luther festgestellt. Und auch diese Wahrheit ist zu Häupten des Malers im Reformationsaltar festgehalten. Er schaut uns an. Erlöst und doch der alte geblieben. Die Schlange flieht und ist doch sein Zeichen, an dem er wiedererkannt wird. Seine Sünde ist offenbar eng mit ihm verknüpft. Darin ist er uns ähnlich.

Frank Hiddemann

Der Autor ist Pfarrer in Gera und Kulturbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland