Das Ende ist nahe

26. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Christ und Geld: Warum unser globales Finanzsystem in der Krise steckt und in seinem Zusammenbruch die Chance liegt


Vor zwei Jahren erschien ihr Buch »Der größte Raubzug der Geschichte«. Die Einführung in die unglaublichen Praktiken der weltweiten Finanzwirtschaft wurde schlagartig zum Bestseller. Jetzt legen sie nach und prophezeien den finalen Crash des Systems. Harald Krille sprach mit den Ökonomen und Querdenkern Matthias Weik und Marc Friedrich.

Sie sprechen im Blick auf unser Finanzsystem vom bevorstehenden Crash. Warum sind Sie so pessimistisch? Es gab doch schon öfter Krisen.
Friedrich:
Wir sind keine Pessimisten, wir sind Realisten. Und wir sehen im Crash sogar was Positives. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass ein notwendiger Wandel meistens erzwungen wurde durch ein katastrophales Ereignis. Nehmen Sie die Energiewende – ob man die als gut oder schlecht beurteilt, sei dahingestellt. Aber es musste erst ein AKW explodieren, damit sich was änderte. Und deshalb sagen wir im Blick auf das herrschende Finanzsystem: Der Crash ist die Lösung und eine Chance für die Menschen insgesamt. Denn nach der großen Bankenkrise von 2008 hat sich nichts geändert. Im Gegenteil, die Bank- und Finanzbranche ist noch größer, noch mächtiger und noch systemrelevanter geworden. Und jetzt haben wir die Staatsschuldenkrise.

Marc Friedrich (links) und Matthias Weik bezeichnen sich sebst als »bodenständige Ökonomen, Querdenker, Finanzexperten, Redner und Bestsellerautoren«. In Stuttgart betreiben beide eine alternative Vermögensberatung (www.friedrich-weik.de). – Foto: privat

Marc Friedrich (links) und Matthias Weik bezeichnen sich sebst als »bodenständige Ökonomen, Querdenker, Finanzexperten, Redner und Bestsellerautoren«. In Stuttgart betreiben beide eine alternative Vermögensberatung. – Foto: privat

Immerhin haben die geschnürten Rettungspakete doch offensichtlich geholfen?
Weik:
Aber wem? Uns wird vorgemacht, dass diese Unsummen nach Griechenland, Portugal und Spanien geflossen sind. Wenn das Geld wirklich dort angekommen wäre, dann hätten wir dort keine Jugendarbeitslosigkeit von 55 oder fast 60 Prozent. Das Geld ging eins zu eins an die Banken, weil die die Besitzer der Staatsanleihen sind. Wir retten Banken auf Kosten der Menschen. Da wird eine ganze Generation verbrannt, um die Finanzbranche zu retten und die Gier einiger Weniger zu befriedigen. Gerade wurde bekannt, dass ein einziger der sogenannten Top-Hedgefondsmanager im vergangenen Jahr dreieinhalb Milliarden Dollar verdient hat. Das ist doch abstrus! Wir brauchen ein Finanzsystem, das allen Menschen dient und nicht nur fünf Prozent.

Das Problem liegt für Sie also nicht in der Gier einiger schwarzer Schafe unter den Finanzjongleuren, sondern im System?
Weik:
Genau. Unser Finanz- und Wirtschaftssystem basiert auf Zins und Zinseszins und muss somit exponentiell wachsen. Aber unsere wunderschöne Erde ist limitiert in ihren Rohstoffen. Wir können nicht unendlich wachsen. Deswegen ist es nur eine Frage der Zeit, bis unser Finanzsystem in die Knie geht. Wir stehen ganz oben, wir haben uns alles zum Untertan gemacht. Aber eins können wir nicht, die Mathematik überlisten.

Friedrich: Ein Blick in die Geschichte zeigt auch hier: Alle ungedeckten Papiergeldsysteme, die auf Zins und Zinseszins basieren, sind gescheitert. Und übrigens auch alle Währungsunionen. Die letzte in Europa, die Lateinische Münzunion, wurde 1927 ad acta gelegt. Der Euro ist gerade mal 13 Jahre alt, liegt aber in seinem jungen Teenageralter schon auf der Intensivstation und wird permanent künstlich beatmet mit Notprogrammen der Europäischen Zen­tralbank. Geld, das man retten muss, ist für uns kein Geld.

Seit Jahren wird darüber diskutiert, wie die Kräfte des Finanzmarktes gezügelt werden können. Warum tut sich die Politik dabei so schwer?
Weik:
Wahrscheinlich, weil die Bankenlobby einen verdammt guten Job macht.

Friedrich: Sie müssen bedenken, wie finanziert sich denn der Staat? Über Steuereinnahmen und über Staatsanleihen. Und wer kauft die Staatsanleihen zu 99 Prozent? Die Finanzbranche. Und derjenige, der die Schulden gibt, also der Gläubiger, der bestimmt immer, wo der Weg hingeht.

Weik: Und noch ein wichtiger Punk: Die Krise entstand aufgrund der viel zu niedrigen Zinsen, somit sehr viel billigem Geld. Bekämpfen tun wir die Krise mit historisch niedrigen Zinsen und unendlich billigem Geld. Das kann nicht funktionieren. Und wir wissen, die größte Blase, die Mutter aller Blasen ist die Staatsanleihenblase. Viele Länder in Europa, auch wir in Zukunft, werden ihre Schulden niemals bezahlen können. Und trotzdem machen wir noch munter weiter. Wir können nicht auf Dauer Schulden mit Schulden bezahlen. Das ist Irrsinn. Wir verschieben unsere Probleme nur in die Zukunft.

Und wann kommt der Crash?
Friedrich:
Das können wir nicht sagen. Wir können lediglich mit 100-prozentiger Sicherheit sagen, dass er kommen wird. Wann? Das kann in drei Tagen oder in fünf Jahren sein. Aber der Aufprall wird dieses Mal definitiv tödlich für das System sein.

Was wird das für den normalen Bürger bedeuten?
Friedrich:
In Argentinien, wo ich selbst live bei einem Crash der Staatsfinanzen dabei war, ist man Montagmorgens aufgewacht und die Bankautomaten waren abgeschaltet und die Banken einfach zu für zwei Wochen. Dann wurden sie wieder geöffnet. Aber alle Guthaben auf den Konten waren 70 Prozent weniger wert. Der Staat hat sich mit einer Währungsreform auf Kosten der Bürger ganz einfach entschuldet. So lief und so läuft das immer. Bei allen Währungsreformen und Währungsschnitten verliert der Bürger: Sie, ich, wir alle.

Und was raten Sie den Menschen, was sie tun sollen?
Weik:
Das Allerwichtigste: Bitte keine Schulden machen! Schulden sind nie gut. Aber Schulden in der aktuellen Situation sind grob fahrlässig. Denn bei einem Währungsschnitt wurden in der Vergangenheit Guthaben auf der einen und Schulden auf der anderen Seite immer recht unterschiedlich behandelt.

Und wer Geld hat?
Weik:
Der sollte gut überlegen, in was er investiert. Auch wenn es banal klingt, aber was war denn immer gut? Das waren die Sachwerte, die Dinge, die man anfassen kann und die ihren Wert behalten, auch wenn Aktien und Versicherungen wertlos werden. Sei es ein Stück Wald oder eine Streuobstwiese, ein Gartengrundstück oder eine eigene Immobilie, wenn sie abbezahlt ist.

Friedrich: Oder auch der berühmte Goldbarren.

Da sagen einem sofort alle Finanzberater, das bringe doch keine Rendite, Geld müsse doch arbeiten …
Friedrich:
Haben Sie schon mal einen 50 Euro-Schein gesehen, der Sie bei Starbucks an der Theke bedient hat? Wir müssen uns wieder klarmachen, Geld kann wirken, aber nicht arbeiten. Menschen arbeiten und schaffen Werte!

Weik: Und die Zeit der Rendite ist momentan eh vorbei. Wir haben eine Niedrigzinsphase. Jetzt geht es darum, Kapital im Falle des Crashs zu erhalten.

Friedrich: Und wer investieren will, sollte sich überlegen, ob er das in irgendwelche Aktienfonds macht, die das Geld in dubiose Textilfabriken in Bangladesh stecken, oder lieber hier in Stuttgart oder in Thüringen investiert, wo er lebt. Damit hier die Wirtschaft prosperiert und hier auch der Nutzen dieses Geldes ankommt. Nicht zuletzt gibt es auch alternative Banken.

Was würden Sie denn den Kirchen raten oder sich von ihnen wünschen? Die sind mit ihren Geldern und Altersversorgungen ja auch in das herrschende Zins- und Zinseszinssystem eingebunden.
Weik:
Fakt ist, die Kirchen haben Geld. Und Geld ist auch Macht. Überlegen Sie mal, was das bewirken könnte, wenn da ein Umdenken stattfindet. Wenn die Kirchen sagen, wir spielen nicht mehr mit im System. Wir gehen raus aus den Papierwerten und gehen rein in Sachwerte. In Dinge also, die im Wert steigen oder fallen, aber im Unterschied zu Papierwerten niemals Null werden können.

Friedrich: Und sie könnten dann zum Beispiel die Ländereien und Immobilien kostengünstig an Bauern, an Genossenschaften oder Gewerbetreibende verpachten, die sie bewirtschaften. Es gäbe so viele Möglichkeiten. Da würde ich mir schon wünschen, dass die Kirchen – Entschuldigung für meinen Ausdruck – ein bisschen mehr Pfeffer im Arsch hätten und mehr alternative Wege suchen und unterstützen.

Blick-Cover-21-2014

Weik, Matthias, Friedrich, Marc:
Der Crash ist die Lösung.
Warum der finale Kollaps kommt und wie Sie Ihr Vermögen retten
Eichborn Verlag, 381 Seiten
ISBN 978-3-8479-0554-7, 19,99 Euro

www.friedrich-weik.de

Griechische Weihnacht: Fest ohne Hoffnung

16. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Mildes Wetter, dennoch harte Zeiten – immer mehr Hellenen kehren ihrer Heimat den Rücken zu

Die Gespenster der Schuldenkrise inspirieren auch griechische Graffiti-Künstler – wie hier auf einem Ladentor in der Hauptstadt Athen. Foto: picture alliance/ZUMAPRESS.com/Aristidis Vafeiadakis

Die Gespenster der Schuldenkrise inspirieren auch griechische Graffiti-Künstler – wie hier auf einem Ladentor in der Hauptstadt Athen. Foto: picture alliance/ZUMAPRESS.com/Aristidis Vafeiadakis


Die Krise in Griechenland wird immer drastischer. Die Wirtschaft liegt brach. Angesichts der Perspektivlosigkeit denken viele Menschen
an Auswanderung – nicht nur die ganz jungen.

Das Wetter ist mild. In den letzten Tagen vor Weihnachten ist das ungewöhnlich für Nordgriechenland. Die Bewohner sind zu dieser Jahreszeit einen rauen Seewind gewohnt. Vor allem in der Hafenstadt Thessaloniki tobt er sich aus. Ganz ­anders in diesem Jahr: Bei angenehmen 13 Grad und Sonnenschein herrscht dichtes Gedränge in der Innenstadt.

Die Massen ziehen an den Schaufenstern entlang, trotz der Krisen­situation herrscht in der Millionenmetropole noch Kauflaune – so als wolle man sich und seinen Liebsten ein letztes Mal etwas gönnen. Dennoch: Von einem regen Konsum vor dem Fest kann allerdings keine Rede sein. Etliche Beschäftigte warten seit Monaten auf ihre Bezahlung. Andere mussten Gehaltskürzungen von mehreren Hundert Euro hinnehmen. Oder sie waren vom massiven Stellenabbau in ihrer Firma betroffen. Wer noch regelmäßig rund 1200 Euro im Monat bekommt, kann sich glücklich schätzen. Die Lebenshaltungskosten sind denen in Deutschland vergleichbar.

»Ausverkauf« – Vorzeichen für kältere Tage

 
Dass die Zeiten sich radikal geändert haben, tritt auch in der City von ­Thessaloniki, der zweitgrößten Stadt Griechenlands, deutlich zutage. Geschäftsleute klagen über einbrechende Umsätze. An beinah allen Läden gibt es Schilder, die mit Extrem-Rabatten locken. Preisnachlässe bis zu 50 Prozent sind die Regel. Bargeld muss dringend in die Kassen. Auch solche Hinweise sind zuhauf ausgehängt: »Ausverkauf wegen Geschäftsaufgabe« oder »Zu vermieten«. Täglich mehren sich diese Ankündigungen.

Vorzeichen kälterer Tage, Zeiten sozialer Härte. Weihnachten ist in Griechenland in diesem Jahr ein Fest ohne Hoffnung. Für die elf Millionen Hellenen, die zu 98 Prozent orthodox sind, ist es eine notwendige Auszeit vor den massiven Sorgen des Alltags. Die Angst vor Jobverlust, sozialem Abstieg und anhaltender Perspektiv­losigkeit geht um. Viele sehen eine Chance nur noch im Auswandern, auch wenn sie schon ein gesetzteres Alter erreicht haben.

Zu ihnen gehört der 46-jährige ­Kriton Grigoriou. Sein Ziel lautet: Melbourne in Australien. »Ich habe ein Touristenvisum für den Sommer, werde bei einem Verwandten wohnen und mich nach Arbeit umsehen«, berichtet er nüchtern. Die Lage in Griechenland sei »sehr schlecht« – und Aussicht auf zügige Besserung gebe es nicht.

Grigoriou hat in den USA und in England studiert. Sport und Tourismus-Management. Lange hat er in ­einem Reiseunternehmen gearbeitet, dann wurde ihm infolge der Krise gekündigt. Er schlug sich als Aufseher im Byzantinischen Museum von Thessaloniki durch, doch seit einem Monat ist er wieder arbeitslos. »Ein halbes Jahr lang erhalte ich den Einheitssatz von 450 Euro staatlicher Unterstützung«, sagt er.
Die Arbeitslosenhilfe ist in Griechenland zeitlich nach der Beschäftigungsdauer gestaffelt. Maximal wird sie ein Jahr lang gezahlt. Danach fallen viele ins Bodenlose. Sozialhilfe gibt es in Griechenland nicht.

Grigoriou sieht in der Übersiedlung auf den fünften Kontinent seine einzige Möglichkeit, wirtschaftlich wieder Fuß zu fassen. Die Zeit drängt. Er erklärt: »Einwandern kann man in Australien nur bis zum 50. Lebensjahr. Vorausgesetzt, dass man einen Beruf hat, bei dem Nachfrage besteht.« Das gelte besonders für Ärzte, Mechaniker, Pflegekräfte und eben Tourismus-Experten. Mulmig sei ihm schon zumute angesichts des Wechsels in eine neue Welt. Doch immerhin spricht er fließend Englisch und hat seine berufliche Ausbildung im angelsächsischen Ausland absolviert.

Heute gehen Fachkräfte – morgen fehlen sie dem Land

 
Der Abzug von Fachkräften – er könnte die Lage in Griechenland ­verschlimmern. Grigoriou weiß allein aus seinem Freundeskreis von vier Personen, die ihr Glück in einem anderen EU-Land suchen wollen. Der Tourismus gilt zwar als jene Branche, in der Griechenland gute Entwicklungschancen hat. Doch Grigoriou, der vom Fach ist, sagt entnervt: »Ich habe allein im letzten Jahr 250 Bewerbungen geschrieben und keine einzige Antwort erhalten.«

Die Wirtschaft liegt am Boden. Und viele befürchten, dass es wegen der Sparauflagen der Regierung noch schlimmer wird. Loukas Papademos, neuer parteiloser Regierungschef, musste als ersten Akt seiner Amtszeit per Unterschrift ein Bekenntnis zum Konsolidierungskurs des Landes abgeben – Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte es gefordert. Auch von den Chefs der Koalitionsparteien, den ­Vorsitzenden der Sozialisten, Konservativen und Rechtspopulisten. Die Schreiben galten als eine der Voraussetzungen für weitere EU-Hilfen.

In Griechenland teilen sich die Meinungen über den Einfluss und die Kontrolle der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) über den Haushalt des Landes. Viele sprechen auch von einer zu großen deutschen Dominanz. Andere wiederum sehen gerade in der EU-Führungsrolle Deutschlands die einzige Rettung – nicht nur für das eigene Land. Kriton Grigoriou ist dieser Auffassung: »Die Nachrichten überstürzen sich. Man weiß nicht mehr, was man glauben soll und kann. Fest steht: Ich bin für ein vereintes Europa.« Wie sich die Lage im alten Kontinent entwickelt, wird er aber aus dem fernen Australien beobachten.

Gorgio Tzimurtas

Im Schatten der Finanztragödie

4. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Griechenland: Ein Land vor dem fiskalischen Kollaps – Widerstand gegen Sparpaket – auch die Kirche unter Druck

Trauriges Osterfest: Die Griechen sollen sparen und mehr Steuern zahlen. Doch dagegen wehren sich alle – auch die Kirchen.

Lautstarker Protest: Demonstranten in Thessaloniki geben anlässlich des Nationalfeiertages ihrem Unmut gegen die Sparpläne Ausdruck. Foto: Giorgio Tzimurtas

Lautstarker Protest: Demonstranten in Thessaloniki geben anlässlich des Nationalfeiertages ihrem Unmut gegen die Sparpläne Ausdruck. Foto: Giorgio Tzimurtas

Die Emotionen kochen hoch. »Die Kapitalisten sollen für die Krise zahlen«, skandieren linksgerichtete Protestler in der nordgriechischen Hafenmetropole Thessaloniki. Sie sind zu Hunderten gekommen, strecken die Fäuste aus. Zwei weitere Gruppen, Vertreter von Gewerkschaften der Lehrer und Krankenhausärzte, fordern auf ihren Transparenten von der Regierung: »Nehmt die Sparpläne zurück«. Die Demonstranten stimmen in einen gemeinsamen Sprechchor ein: »Geld für Bildung, Geld für Gesundheit. Nicht für Waffen, nicht für die Reichen«.

Mit ihren Stimmen kämpfen sie gegen Lautsprecher an, die die gesperrte Schnellstraße am Meeresufer mit Marschmusik beschallen. Es ist der 25. März, der griechische Nationalfeiertag. Wie überall im Land paradieren auch in der Millionenstadt Thessaloniki Schüler- und Trachtengruppen sowie Militär- und Veteraneneinheiten auf einer Strecke von mehreren ­Kilometern. Die lautstarken Demonstranten am Ort des traditionellen ­Massenspektakels verdeutlichen: Die Feier der nationalen Einheit und Freiheit, die historisch sowie kalendarisch eng mit dem Osterfest verbunden ist, wird in diesem Jahr von der griechischen Finanztragödie überschattet.

Das Land hat jahrelang über seine Verhältnisse gelebt. Jetzt droht der Bankrott. Der Staat hat Schulden in Höhe von 300 Milliarden Euro angehäuft. Pro Kopf der Bevölkerung sind das rund 27000 Euro. (Im Vergleich: In Deutschland beträgt die Staatsverschuldung pro Kopf nach Angaben des Bundes der Steuerzahler derzeit rund 20650 Euro.)

Die Kassen sind leer. Die Gründe dafür vielfältig: Ob konservative oder sozialistische Partei – wer an der Macht war, blähte die öffentliche Verwaltung immer weiter auf. Jeder zehnte der rund elf Millionen Griechen ist im Staatsdienst tätig. Die ­Situation verschärfte sich durch laxe Bestimmungen zum Renteneintrittsalter und ganz besonders durch die ausufernde Schattenwirtschaft. Ihr Volumen beläuft sich nach Expertenschätzungen auf 65 Milliarden Euro. Korruption, vor allem im Gesundheitswesen, gehört zur Tagesordnung. Mangelnde Kontrollen bei den Angaben zur Einkommenssteuer ermunterten zur massenhaften Steuerhinterziehung. Das Haushaltsdefizit beträgt dramatische 12,9 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Nach den Stabilitätskriterien des Euro darf es nur bei drei Prozent liegen.

Gefälschte Statistiken und hinterzogene Steuern

Griechenland hatte sich 2002 mit gefälschten Statistiken die Aufnahme in die europäische Gemeinschaftswährung erschummelt. Die EU-Kommission kniff lange beide Augen zu. Erst kurz vor dem Kollaps regte sich Brüssel. Die sozialistische Regierung von Ministerpräsident Giorgos Papandreou musste ein erstes Sparprogramm noch einmal nachbessern.

Die Grundzüge: Erhöhung der Mehrwertsteuer von 19 auf 21 Prozent, Anhebung der Steuern auf Einkommen und Immobilien, Einstellungsstopp im öffentlichen Dienst, Einfrieren der Renten und Staatsgehälter. Bis 2011 will Athen das Haushaltsdefizit auf 8,9 Prozent drücken.

Allerdings: Der Widerstand im Land ist erheblich. Vor allem linke ­Gewerkschaften machen lautstark Druck, drohen immer wieder aufs Neue mit Streiks. Ihre Argumente: Die Maßnahmen der Regierung treffen die Falschen. Statt der Wohlhabenden würden vor allem die unteren und mittleren Einkommensempfänger belastet. Jene, die zuvor brav ihre Steuern gezahlt hätten. Außerdem werde der Konsum abgewürgt, die Wirtschaft trocken gelegt. Eine Befürchtung, die in der gesamten Bevölkerung weitverbreitet ist.

Sollte sich diese Sorge bewahrheiten, droht auch ein Einbruch der Exporte der anderen EU-Länder in Richtung Ägäis. Besonders jener aus Deutschland, dem Haupthandelspartner der Hellenen. Umso mehr zeigen sich die Griechen enttäuscht über das lange Gezerre für eine EU-Lösung zur Bewältigung der Krise – und über die Welle der Empörung, die sich über die griechischen Verhältnisse ausbreitet.

Auch die Kirche soll sich finanziell mitbeteiligen
Nach dem Brüsseler Gipfelbeschluss vom Abend des 25. März steht fest: Hilfe der Euro-Länder gibt es nur im äußersten Notfall, als »Ultima Ratio«, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel es durchsetzte. Und: Der Beschluss muss einstimmig sein. Die Rettungskredite sollen gemeinsam mit dem ­Internationalen Währungsfonds (IWF) vergeben werden, zu Preisen des Kapitalmarktes.

Regierungschef Papandreou zeigte sich erleichtert. Doch: Da seit Jahrzehnten Zukunftsinvestitionen ausgeblieben sind und ein neuer Aufschwung nicht in Sicht ist, droht ­weiterhin die totale Pleite. In diesem Fall, so lautet eine gängige Meinung, komme es zum Ausverkauf des Landes, was im Interesse bestimmter Wirtschaftskreise in der EU und in den USA sei: Eine Verschwörungstheorie als Verdrängungsmechanismus für die Selbstverschuldung der Misere.

Papandreou trifft derweil nicht nur auf den Widerstand der Gewerkschaften, sondern auch der orthodoxen Kirche. Sie wehrt sich gegen eine Sonderbesteuerung. Kirchenoberhaupt Hieronymus fordert die Regierung zum Dialog über »gerechte« neue fiskalische Belastungen auf. Unterstützung in der Bevölkerung hat er hierfür wiederum kaum. Viele Griechen sehen die Kirche – sie ist nach dem Staat der zweitgrößte Grundbesitzer des Landes – in der Pflicht. Vor wenigen Tagen versammelten sich Demonstranten vor der Panagouda-Kirche in Thessaloniki. Auf einem ihrer Plakate stand: »Christus hätte alles gegeben.«

Giorgio Tzimurtas