Das stärkste Symbol des Glaubens

9. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Kreuz konterkariert das Bild vom planbaren und makellosen Idealmenschen

Das Kreuz ist das stärkste Symbol des christlichen Glaubens. Doch über alle Zeiten haben sich Christen mit diesem Todessymbol schwergetan. In der Urkirche hatte es als Erinnerung an den Tod des Gerechten eine herausragende Bedeutung, wurde aber unter dem starken Verfolgungsdruck nicht gezeigt. In der Kunst der Romanik thront ein nach oben blickender Christus als schmerzfreier Pantokrator aufrecht am Kreuz, die Gotik erst stellte dann realistisch das Leiden des Gottessohnes dar. Moderne Theologen haben den Kreuzestod beiseitegeschoben und den Reich-Gottes-Verkünder ins Zentrum gerückt, den Revolutionär, den ersten Feministen, den sanftmütigen Wanderprediger, neuerdings in evangelikalen US-Gemeinden den Jesus, der materiell reich macht. Als sei sein elender Kreuzestod ein dummer Zufall.

Die Passionsgeschichte lehrt: Jesus hat den Tod gefürchtet, aber er ging ihm nicht aus dem Weg. Er suchte die Konfrontation mit dem Tod, um ihn zu besiegen. Die Selbsterniedrigung Gottes bis zum Tod am Kreuz ist deshalb der Kern des Christentums. Gleichwohl hat jede Epoche diesen Tod neu interpretiert.

Gewiss war sein Leiden und Sterben nach dem Zeugnis des Neuen Testaments einzigartig, weil ein Gerechter gestorben ist, einer ohne Sünde (Hebräer 4,15). Das Besondere an Jesu Tod ist, dass Gott sich damit in die tiefste Niederung der menschlichen Existenz begeben hat. »O große Not, Gott selbst ist tot«, brachte Luther seine Kreuzestheologie auf den Punkt. Eine Torheit den Griechen, ein Ärgernis den Römern, eine Provokation für die Juden.

Die Verherrlichung des Kreuzestodes Jesu gehört dagegen zum Aberglauben der Kirche. Denn die Art seines Todes ist nicht außergewöhnlich. Es gab und gibt immer noch weit schlimmere Folter- und weit brutalere Hinrichtungsmethoden.

In manchen Kirchen werden in der Passionszeit Altarkreuze und -bilder verhüllt. Foto: epd-bild

In manchen Kirchen werden in der Passionszeit Altarkreuze und -bilder verhüllt. Foto: epd-bild

Das Heil liegt nicht in den äußeren Umständen des Todes Jesu, etwa in seinem grausamen Sterben am Kreuz oder in der Tatsache, dass bei seiner Hinrichtung Blut floss. Der Tod Jesu ist nicht der Grund der Erlösung, denn nicht die Kreuzigung war Gottes Eingriff in die Weltgeschichte (das haben die Menschen besorgt), sondern die Sendung Jesu und die Bestätigung seines Lebens und seiner Botschaft durch die Auferweckung. Gott hätte diesen Tod nicht gebraucht, er war aber die Konsequenz des Lebens und der Verkündigung Jesu. Gott hat mit seiner Auferweckung eingegriffen. Der Auferstandene ist Erstling unter vielen (1. Korinther 15,20), Grund zur Hoffnung für alle Leidenden, Sterbenden und Trauernden.

Wenn also die mittelalterliche Sühnopfertheologie verabschiedet wird, kann die Passion Jesu in der Verkündigung auf andere Weise an Bedeutung gewinnen: Der leidende Gott am Kreuz ist der schärfstmögliche Widerspruch gegen alle Macht- und Vollkommenheitsfantasien des Menschen, gegen alle innerweltlichen Erlösungs- und Machbarkeitsideologien. Das Kreuz konterkariert das Bild vom planbaren und makellosen Idealmenschen.
Die österliche Botschaft des Christentums ist: Der Gekreuzigte hat den Tod überwunden, Christus ist auferstanden. Berichte, wie die Auferstehung vor sich ging, gibt es im Neuen Testament nicht. Selbst im apokryphen Petrusevangelium wird nur gesagt, dass zwei Engel auf das Grab hinabstiegen, dass aber drei Personen aus dem Grab hervorgingen: Die Engel – und Jesus in der Mitte.

Helmut Frank

Folterinstrument oder Lebensbaum?

17. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Ein Zweiglein fordert eine Entscheidung

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. (Jesaja 11, 1)

Dies ist eine Weissagung aus dem Buch des Propheten Jesaja. Sie kündet den neuen Daviden an, den Friedenskönig, den Mann, auf dem der Geist des Verstandes und der Weisheit ruhen wird und der mit dem Stabe seines Mundes – also mit Worten – den Gottlosen schlagen wird.

Isai ist der Vater Davids. Der Stumpf Isais ist die Königsdynastie Davids, die zur Zeit des Jesaja abgehauen ist, nicht mehr existiert. Ein Reis wird aus dem Stumpf hervorgehen. Das spielt auf die Fähigkeit mancher Bäume an, aus dem Stumpf neue Triebe hervorzubringen. Eine Weide oder einer Linde können sich auf diese Weise erneuern. Die meisten anderen Bäume bilden lediglich Stocktriebe. Die sehen aus wie Reisig, und daraus wird kein neuer Baum, sondern nur eine Art Busch, was man über die Nachfolger großer Dynastien öfter sagen kann.

Direkt über dem Rücken des Lammes wächst nach links das Zweiglein. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar/Constantin Beyer

Direkt über dem Rücken des Lammes wächst nach links das Zweiglein. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar/Constantin Beyer

Für die Christen ist Jesus Christus das Reis Isais, der neue Friedenskönig, der nicht mit Gewalt, sondern mit Weisheit und der Kraft seines Wortes regiert. Der Weimarer Cranachaltar spielt mit einem kleinen Detail auf diese messianische Weissagung an. Das Kreuz, an dem der tote Jesus hängt, ist kein säuberlich geputztes Zimmermannskreuz, kein Balkenkreuz, sondern ein Baum. Die Rinde ist nicht abgeschält. Nur dort, wo Jesus hängt und wo die Balken aufeinandergefügt werden mussten, ist das Holz glatt geschnitten.

Cranach hat sein Signet, die geflügelte Schlange auf diese glatte Holzfläche gezeichnet, gleich unterhalb der Füße Jesu, gleichsam auf die Wunde des Holzes. Weiter unten, wo die Rinde den Stamm glatt umschließt, ist tatsächlich ein Trieb zu sehen, zwischen dem Lamm und seiner transparenten Siegesfahne schlägt der Stamm aus, lugt ein kleiner Trieb hervor. Ganz dezent setzt Cranach dieses Zweiglein. Er ist verwechselbar mit einem beim Säubern des Stammes übersehenen kleinen Ast. Wer es wahrnimmt, kann verstehen: Das Kreuz ist ein Lebensbaum. Es gibt andere Bilder, die das Kreuz als Lebensbaum zeigen wollen, bei denen der Querbalken des Kreuzes bereits dicke Knospen getrieben hat.

Das Kreuz in der Mitte ist entweder ein schlecht geputzter Baum oder ein Kreuz, das sich an seinen Baumcharakter zurückerinnert, das einen neuen Trieb hervorbringt. Hier ist eine Entscheidung erforderlich. Eben dieselbe Entscheidung, zu der der Altar auch in seinen anderen Stücken auffordert. Der Maler Lukas Cranach hat eben zum Kreuz emporgeblickt und wurde erlöst, wie die Kinder Israels in der Wüste bei den Zelten, die zur Schlange aufgesehen haben. Seine Füße stehen noch im Gestus des Schrittes, aber er wendet uns den Kopf zu und blickt uns an.

Wie wollt ihr es halten mit dem Emporblicken zum Kreuz? Ist es ein Folterinstrument oder ist es ein Lebensbaum?

Das kleine Reis, das aus dem Stamm des Kreuzes hervorgeht, stellt dieselbe Frage. In prägnanter Nähe zum Deutungstier Lamm – auch eine Anspielung auf ein Wort aus dem Jesajabuch – macht es den Balken zum Lebensbaum. Ein Zweiglein, das übrig bleibt, ein Zweiglein, das ausschlägt, oder um es mit einem Adventslied zu sagen: ein Zweiglein der Glückseligkeit.

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht Dr. Frank Hiddemann den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Logo gegen die Wellness-Religion

4. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Warum sich das Kreuz aus der Menschheitsgeschichte nicht herausdrängen lässt

Aus globalem und welthistorischem Blickwinkel war es völlig unwichtig, was da an einem Freitag vor fast zweitausend Jahren auf dem Hügel Golgota in einem aufgelassenen Steinbruch vor der Stadt Jerusalem geschah. Nach verhältnismäßig kurzem Todeskampf starb dort am Verbrechergalgen ein Wanderrabbi namens Jeschua aus Nazareth, ein Prediger der Umkehr und Prophet einer gerechteren Welt wie viele damals. Außerhalb der galiläischen Landschaft um den See Gennesaret kannte ihn noch kaum jemand. Die Jerusalemer Führungsclique hatte er dennoch in Angst versetzt, als er ihr in seinen Predigten Heuchelei und dogmatischen Starrsinn vorwarf und als er die irdischen Machtzentren in Jerusalem, Cäsarea, Rom unbefangen relativierte; Gott allein sei der Herr über die Menschen.

Lebensbaum und Mitte des Kosmos

In einem Schauprozess vor einem sorgfältig ausgewählten Publikum verurteilten ihn die Priester und Ältesten als religiösen Aufrührer und brachten den römischen Statthalter Pontius Pilatus dazu, ihn kreuzigen zu lassen.

Warum hat man diesen einen Gekreuzigten nicht vergessen – und mit ihm das Kreuz, das nicht nur einen Höhepunkt grausamer Strafjustiz markiert, sondern zu den Ursymbolen der Menschheitskultur gehört?

Seit undenklichen Zeiten markiert es kosmische Ordnung, Mitte und Kraftzentrum allen Lebens. Zwei Linien schneiden sich, und schon hat der unendliche Raum einen Mittelpunkt, sind zwei Achsen da zwischen Morgen und Abend, Himmel und Erde, vier Himmelsrichtungen. Ein Mensch mit ausgebreiteten Armen bildet ein Kreuz, er greift nach der Welt, übt Macht aus, umarmt und segnet. Der aufrecht in der Welt stehende Mensch ähnelt einem Baum, und tatsächlich stellen altorientalische und mittelamerikanische Kulturen den Kosmos im Bild des Lebensbaumes dar. Die Christen werden das Kreuz als erlösenden Lebensbaum jenem Baum im Paradies gegenüberstellen, von dem das erste Menschenpaar die verbotene Frucht aß.

Anfangs sprachen die Christen freilich gar nicht so gern über das Heil bringende Holz des Kreuzes und über die maßlos erniedrigende Art des Todes, den ihr Erlöser auf Golgota gefunden hatte.

Im vierten Jahrhundert, als Konstantin die Sklavenreligion der Christen zum Reichskult machte und die Kirche die Auffindung des »wahren Kreuzes« durch die Kaiserinmutter Helena mit einem eigenen Fest zu feiern begann, schlug die Stimmung um. Plötzlich redete alle Welt vom Kreuz, die Christenfrauen verwendeten goldene Kreuze als Halsschmuck, man entschloss sich, den Kreuzestod des Mensch gewordenen Gottes nicht mehr als erniedrigendes Scheitern zu interpretieren, sondern als schönstes Zeichen der Treue Gottes zu seinen Geschöpfen und als Wiederherstellung der verlorenen Menschenwürde. So war das zwar lange schon in den Schriften des Neuen Testaments zu lesen, aber erst jetzt setzte sich die neue Wertschätzung des Kreuzes auf breiter Front durch, an der Basis sozusagen. Paulus, der schriftkundige jüdische Theologe, war es, der den Fluch entschlossen zur Erlösung uminterpretierte. Das Verbrecherkreuz sah er als Signal der Versöhnung Gottes mit der Welt, als Symbol einer Kraft, die in der scheinbaren Ohnmacht und Schwäche wirkt und am Ende stärker ist als alle Gewalt irdischer Machthaber. Eine Umwertung aller Werte, die immer etwas von Mystik an sich hat.

Das Kreuz – es streicht alle mensch­lichen Wunschträume von Gott und von einem leidfreien Leben durch. Foto: epd-bild

Das Kreuz – es streicht alle mensch­lichen Wunschträume von Gott und von einem leidfreien Leben durch. Foto: epd-bild

In den Basiliken und Dorfkirchen hing Christus noch jahrhundertelang wie ein Monarch am Kreuz, in strahlende Prunkgewänder gehüllt, auf dem Kopf eine goldene Krone statt der Dornen. Erst im 13. Jahrhundert wurde aus dem triumphierenden Himmelskönig der geschundene Menschensohn. Sinnfälligstes Beispiel dieser neuen, realistischen Passionsfrömmigkeit: die Pietá, die Darstellung der Schmerzensmutter mit dem toten Jesus auf ihrem Schoß.

Triumphierende Inschrift auf Goldgrund

Im 19. und 20. Jahrhundert wandelt sich die Passionskunst noch einmal: Der Schmerzensmann wird zum Stellvertreter. Der gequälte Messias bündelt in sich alles Leid, was Menschen einander antun. Lovis Corinth, Marc Chagall, Salvador Dalí, Alfred Hrdlicka, Francis Bacon malen Gekreuzigte, welche die Gewalttätigkeit der Welt schmerzhaft deutlich, ohne jede Vergeistigung, abbilden. Vielleicht ist gerade das ein Grund, warum viele Menschen heute die Darstellung des zu Tode gefolterten Christus ablehnen, bis hin zu Prozessen gegen Kreuze in Gerichtssälen und Schulzimmern. Sie argumentieren, der Tote am Kreuz traumatisiere die Kinder und verstoße gegen das religiöse Toleranzgebot.
Ein angenehmes, ästhetisches Logo wird das Kreuz jedenfalls niemals sein. Es streicht alle menschlichen Wunschträume von Gott und von einem leidfreien Leben radikal durch, es verstört, es irritiert. Das blutige Kreuz auf Golgota ist das genaue Gegenteil einer weich gespülten Wellness-Religion, die keine Entscheidung fordert und keine Konsequenzen hat.

Nicht einmal hundert Meter von der Golgota-Kapelle entfernt soll sich in derselben Jerusalemer Kirche die Grabkammer befinden, in der Jesu Leichnam bestattet wurde und wo die Auferstehung stattgefunden hat. Non est hic, »er ist nicht hier«, meldet eine triumphierende Inschrift auf Goldgrund mit den Worten der Engel, die den Frauen am Ostermorgen am leeren Grab begegneten. Drei schlichte kleine Worte. Pilatus hatte nur das vorletzte Wort. Der Mensch, den er ans Kreuz nageln ließ, lebt. Bis heute.

Christian Feldmann

Mit Bibel, Kreuz und Ikonen

3. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ukraine: Die teilweise zerstrittenen Kirchen der Ukraine rückten in den Tagen der Gewalt enger zueinander

Immer wieder waren in den vergangenen Wochen auf den Bildern der Proteste und Straßenkämpfe in der Ukraine Priester und Pfarrer zu sehen. Ein Hintergrundbeitrag zur Rolle der Kirchen in dem zerrissenem Land.

Mit großer Achtung sehe ich die jungen Leute, die für unsere Zukunft kämpfen, unsere Geistlichen sind heute mit ihnen auf dem Majdan«, sagte Wlodomir Wojtoschiun, Erzbischof der Ukrainischen Griechisch-katholischen Kirche am Donnerstag der vergangenen Woche gegenüber einer polnischen Zeitung. An diesem Tag hatte es über 70 Tote gegeben, zumeist Demonstranten, die von Scharfschützen der Regierung erschossen wurden.

Orthodoxe Priester und Christen stellten sich in den ukrainischen Städten immer wieder trennend und zur Gewaltlosigkeit aufrufend zwischen die Demonstranten und die Sicherheitskräfte. Kirche wurden zu Rückzugsorten und zu Lazaretten für Verwundete. Foto: picture alliance/Pochuyev Mikhail

Orthodoxe Priester und Christen stellten sich in den ukrainischen Städten immer wieder trennend und zur Gewaltlosigkeit aufrufend zwischen die Demonstranten und die Sicherheitskräfte. Kirche wurden zu Rückzugsorten und zu Lazaretten für Verwundete. Foto: picture alliance/Pochuyev Mikhail

Immer wieder zeigten in den vergangenen Tagen und Wochen Fernsehaufnahmen Geistliche, die den Demonstranten auf dem Kiewer »Majdan Nesaleschnosti«, dem Platz der Unabhängigkeit im Zentrum der Stadt ihren Segen gaben oder gar selbst sich bei den Kämpfern an den Barrikaden einreihten. Doch wie sieht die Kirchenlandschaft in der Ukraine überhaupt aus – und wer steht auf welcher Seite?

Die Ukrainische Griechisch-katholische Kirche ergreift am dezidiertesten Partei für die Majdan-Protestanten. Sie ist Teil der römisch-katholischen Kirche, hat aber ihren orthodoxen Ritus beibehalten. Ihr gehören von den rund 45,5 Millionen Einwohnern der Ukraine mehr als fünf Millionen Menschen an. Allerdings ist sie allein im Westen des Landes einflussreich. Und gerade die westukrainischen Studenten starteten Ende November die Proteste als Janukowitsch das Handelsabkommen mit der EU in Vilnius nicht unterschrieben hatte.

Das Engagement der Ukrainischen Griechisch-katholischen Kirche ging der Janukowitsch-Regierung zu weit – das Kulturministerium drohte der Kirche, die in der Sowjetzeit im Verbotenen operieren musste, mit einem erneuten Verbot. Auch Wladimir Putin warnte vor ihr und griff in Brüssel Äußerungen eines einzelnen Geistlichen auf, um der Kirche Antisemitismus vorzuwerfen. Problematisch ist freilich, dass dieser Kirche die Mitglieder der nationalistischen Partei Swoboda (Freiheit) angehören. Dennoch konnte die Griechisch-katholische-Kirche Mitte Januar mit Unterstützung der anderen Kirchen zu ökumenischen Gebeten aufrufen.

Bis auf die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche Moskauer Patriarchats, die von der Anzahl der Anhänger zweitgrößte Religionsgemeinschaft, unterstützten alle anderen Kirchen die Protestierenden auf dem Majdan. Dennoch ist diese russlandnahe und auch russischsprachige Kirche keine »Staatskirche« wie sie der abgesetzte Präsident Wiktor Janukowitsch gerne gehabt hätte. Der aktuelle Patriarch Wolodymyr pflegt zur Macht in Kiew ein eher distanzierteres Verhältnis. So unterschrieb er ein Schreiben, das ein Assoziierungsabkommen mit der EU befürwortet – worauf der Moskauer Patriarch Kyrill I. ihn mit einer zünftigen Strafpredigt bedachte.

Bilder von drei Priestern dieser Kirche gingen um die Welt, als diese mit Ikonen und Kreuzen zwischen den Demonstranten und der Miliz standen und so zwischen dem 21. und 22. Januar die Auseinandersetzung stoppen konnten. Das russische Fernsehen zeigt allerdings bevorzugt Priester dieser Kirche, die sich über die Demonstranten ereifern. Am Ende des Konflikts waren auch mehr Geistliche zu sehen, die zu den Milizeinheiten hielten. Moskau wird sicher versuchen, hier weiter Einfluss auszuüben.

In der Ablehnung der Gewalt konnten sich alle Kirchen nochmals am 20. Februar unter dem Allukrainischen Rat der Kirchen zu einer gemeinsamen Erklärung zusammenfinden. Dies ist zugleich ein wichtiges Zeichen der Annäherung der ukrainischen Kirchen. Denn es gibt in der Ukraine noch zwei weitere orthodoxe Kirchen, die sich von der Moskauer abgespalten haben und miteinander um den Anspruch der »Nationalkirche« konkurrieren. Im derzeitigen Konflikt eine eher marginale Rolle spielte dabei die kleinere Ukrainische Autonome Orthodoxe Kirche, die seit 1921 existiert.

Die Ukrainisch-orthodoxe Kirche – Kiewer Patriarchat hat demgegenüber die größere Mitgliederschaft. Sie verselbstständigte sich 1991 anlässlich der Unabhängigkeit der Ukraine. Ihr Patriarch Filaret forderte Janukowitsch explizit zum Rücktritt auf, er sah in den Demonstrationen auf dem Majdan »den Volkswillen verkörpert«. Als Reaktion auf die Schüsse stellte diese Kirche sogar die Fürbitten für die Regierung ein. Was Zeichen für einen deutlichen Bruch ist, denn in den orthodoxen (National-)Kirchen ist eine Trennung zwischen Kirche und Staat nicht vorgesehen.

Wie erwähnt erheben alle drei Kirchen den Anspruch, die alleinige orthodoxe Kirche der Ukraine zu sein. Diese offene Frage und auch gegenseitige Ansprüche auf Besitztümer werden, trotz mancher Annäherungen in der derzeitigen Krise, nicht so schnell aus der Welt zu schaffen sein.

Auch die römisch-katholische Kirche, ihre etwa eine Million Anhänger sind vornehmlich polnischstämmig, war auf dem Majdan vertreten. Wichtig war jedoch vor allem ihr Kirchengebäude: In der geräumigen St.-Alexander-Kirche wurde in den Tagen der Gewalt ein Feldlazarett eingerichtet.

Und nicht zuletzt spielte auch die St.-Katharinen-Kirche der Deutschen Evangelisch Lutherischen Kirche der Ukraine eine wichtige Rolle. Unter der Leitung des engagierten Pfarrers Ralf Haska diente sie als Ruhepol und Zufluchtsort für Protestler wie Milizen. Hier wurden Getränke und Essen ausgegeben sowie ebenfalls Verwundete gepflegt.

Es bleibt zu wünschen, dass die gelebte Ökumene und die christliche Nächstenliebe der vergangenen Wochen noch lange in Erinnerung bleibt. Denn einfach wird die kommende Zeit für die Ukraine und ihre Kirchen nicht.

Jens Mattern

Die deutsche Gemeinde in Kiew

Die Sankt-Katharinen-Kirche der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Gemeinde in Kiew (www.katharina.kiev.ua) liegt nur 200 Meter vom Präsidentenpalast und dem Zentrum der Proteste entfernt. Gemeinsam mit den Gemeindegliedern stellte sich Pfarrer Ralf Haska immer wieder der ausufernden Gewalt auf beiden Seiten entgegen und öffnete die Kirche als Zufluchtsort für Demonstranten wie Polizisten. Seit Wochen wurden ohne Ansehen der Person Essen und heiße Getränke ausgegeben, Schlafmöglichkeiten und Decken bereitgestellt, die Versorgung von Verletzten organisiert. Dieser diakonische Dienst stellte die kleine Gemeinde mit ihren rund 300 Mitgliedern vor enorme finanzielle Probleme.

Spendenmöglichkeit: Deutsche Ev.-Luth. Gemeinde Kiew, Konto 51 860 80, BLZ 520 604 10, Evangelische Kreditgenossenschaft eG


Das Kreuz tragen

5. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein modernes Gemälde ist derzeit in Dresden ausgestellt

Düsternis ist eingezogen in die Dresdner Kreuzkirche. Ein überdimensionales modernes Kreuzgemälde des britischen Künstlers Terry Duffy hängt bis zum Karsamstag über dem Altar. Es stößt ab – und es zieht an. Ungeschönt zeigt es das Grauen der Leiden ungezählter Opfer von ­Gewaltherrschaft und Unmenschlichkeit. Dieses Kreuz hat nichts Roman­tisches, nichts Verklärendes. Es zeigt die furchtbare Wirklichkeit: Ein verstümmeltes, verbranntes Kriegsopfer könnte es sein, das an Duffys Kreuz hängt. Ein entstelltes, verkohltes Gesicht, das stumm ins Leere schreit. Eine entmenschlichte Leichenhand, die starr zum Nachbarkreuz ausgreift – und es doch nicht erreicht. Das Opfer ist einsam, ausgeliefert, hinabgestoßen in das Reich des Todes.

Aus dem Gekreuzigten windet sich eine gekreuzigte Frau, deren Brüste könnten die verstümmelten Beine ­eines behinderten Kindes sein. Schemenhaft zeichnen sich überall weitere Kreuze ab.
»Das Kreuz ist ein Fenster in die Welt, in die Wahrheit der Not der Menschen, die Opfer von Krieg, gewalttätigen Konflikten, Missbrauch von Macht und Autorität geworden sind«, erklärt Terry Duffy, der das Kreuz vor 30 Jahren unter dem Eindruck schwerer sozialer Unruhen in Großbritannien schuf.

Bis Karsamstag hängt das Kreuzgemälde des britischen Künstlers Terry Duffy über dem Altar in der Dresdner ­Kreuzkirche. Foto: Steffen Giersch

Bis Karsamstag hängt das Kreuzgemälde des britischen Künstlers Terry Duffy über dem Altar in der Dresdner ­Kreuzkirche. Foto: Steffen Giersch

Sein Kreuz schreit auf im Namen all dieser Opfer. Das Kreuz ist die Wunde der Welt, für die Golgatha ein Name geworden ist. Im Kruzifix sind eingezeichnet die Entrechteten und Kaputtgemachten dieser Erde aller Zeiten. Nur manche kennen wir mit Namen: Die Geschwister Scholl und Dietrich Bonhoeffer, Gertrud Kolmar und Elisabeth Käsemann, Anne Frank und Martin Luther King, Matthias Domaschk und Oskar Romero.

»Opfer – keine Auferstehung?« – der Titel des Kreuzgemäldes Terry Duffys provoziert. Ist die tiefste Nacht der Menschheit ohne Morgen? Ist Golgatha ohne Emmaus? »Das Gemäl­de bietet keine leichte Lösung, keine Beruhigung«, sagt Duffy und ergänzt: »Das Kreuz war und ist ein realistisches ­Ereignis, kein bloßes Symbol.«
Der 64-jährige Künstler, der früher mit Joseph Beuys und John Cage zusammengearbeitet hat, will am Kreuz verharren, die nackte Brutalität aushalten. Die Auferstehung soll nicht einfach als automatische göttliche Antwort auf das Leiden erscheinen. Damit wir es uns nicht zu leicht machen. »Die Auferstehung ist kein gegebenes Recht, wir müssen für sie wirken«, sagt Duffy und fügt hinzu: »Wir müssen mehr für diejenigen tun, deren Leben viel schlimmer ist als unseres.«

Und so spricht aus seinem düsteren Kunstwerk doch der Glaube daran, befähigt und berufen zu sein, etwas vom Leid der Welt abzutragen. Die Dresdner Station seines Kreuzes soll zudem an Simon von Kyrene erinnern, der einst Jesus half, das Kreuz zu tragen. Nach Ostern wird Duffys Kreuz weiterreisen. Nachdem es schon in Coventry und London ausgestellt war, soll es auf seinem großen Kreuzweg durch die Welt weiterreisen zu Schauplätzen von Krieg und gewalttätiger Konflikte – nach Krakau, Kapstadt, Belfast, Südamerika, Bosnien, China und New York.
»Das Ziel soll Jerusalem sein, wo es an einem Ostermorgen ankommen soll«, kündigt der Künstler an. Damit solle die Erzählung und die Erlösung dieses Kreuzes symbolisch vollendet werden.

Stefan Seidel

Das Gemälde »Opfer – keine Auferstehung?« ist bis zum 29. März ausgestellt in der Kreuzkirche Dresden. Öffnungszeiten: Täglich 10 bis 17 Uhr. Freitags, 12 Uhr: Gebet unter dem Kreuz für Frieden und Versöhnung.

Das Wort vom Kreuz ist ein Lebenswort

9. April 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Begründete Hoffnung für alle Menschen, die Opfer von Gewalt geworden sind

Foto: Harald Krille

Foto: Harald Krille

Für uns gestorben.« »Christi Leib, für dich gegeben.« »Christi Blut, für dich vergossen.« – Wenn wir den Kreuzestod Jesu als Heilsereignis deuten, dann fragen wir für gewöhnlich danach, was dort für uns geschah, wie Gott im Tod seines Sohnes uns zugute handelte oder wie Jesus selbst für uns in die Bresche gesprungen ist. Heilvoll von der tödlichen Passion Jesu reden, heißt traditionell, sie zu unseren Gunsten deuten – in vielerlei Gestalt: als Sühnopfer für die Sünden, als Lebenshingabe aus Liebe zu den Freundinnen und Freunden, als dramatischen Kampf mit dem Bösen …

Doch dies ist nur die eine Seite des Wortes vom Kreuz, seine befreiende Kunde für alle, die Unrecht getan oder das Gute zu tun versäumt haben. Denn das Wort vom Kreuz geht nicht in dem auf, was Gott in der Passion Jesu für andere tut, sondern fragt auch danach, was Gott für den Gekreuzigten selbst tut. Ein solcher Perspektivenwechsel nimmt Jesus zunächst nicht als Sühnopfer, sondern als ein Gewaltopfer in den Blick, als einen von vielen Menschen, die Opfer von Gewalt sind.

Denn der Tod Jesu am Kreuz ist als letzte Konsequenz seines Lebens nach dem Willen Gottes gleichwohl eine brutale Gewalttat. In einer Welt, in der Menschen hoch hinaus wollen, in der sie herrschen und siegen, andere und sich selbst je neu übertreffen wollen, ruft eine Gestalt, die den Gegenweg geht, den von oben nach unten, nicht nur ungläubiges Staunen und Verwunderung, Hohn und Spott, sondern Aggression und blanken Hass hervor. Die Machtspiele des Fortschritts und der Herrschaft nicht mitzuspielen, das stört und blamiert diejenigen, die sie inszenieren oder sich auch nur daran beteiligen. Spielverderber können darum nicht geduldet werden.

Wie kommt nun Gott seinem zum Opfer von Gewalt gewordenen Sohn zu Hilfe? Gott setzt sich in der Auferweckung des Gekreuzigten zu dieser Gewalttat ins Verhältnis. Das Wort vom Kreuz ist kein Sterbenswörtchen, sondern ein kräftiges Lebenswort: Die Auferweckung Jesu von den Toten ist Gottes schöpferische Antwort auf das Unrecht, das Jesus ans Kreuz gebracht hat. Auferweckung ist Neuschöpfung, Ruf in ein Leben, über das der Tod keine Macht mehr hat.

Sie ist Gottes Widerspruch gegen die, die wollen, dass alles so bleibt, wie es ist. Die Auferweckung des unschuldig Hingerichteten ist eine göttliche Protest- und Widerstandshandlung gegen Verhältnisse und Strukturen, in denen Menschen zu Opfern und Tätern von Gewalt werden.

Indem Gott den Gekreuzigten nicht im Tod lässt, setzt Gott das Leben gegen den Tod, den Segen gegen den Fluch durch. Die Auferweckung ist als schöpferisches Tun eine göttliche Segenshandlung am Gekreuzigten. Gott segnet den Gekreuzigten mit unvergänglichem Leben.

Gott ergreift Partei für den, der grausam zu Tode gequält wurde. Gott identifiziert sich mit dem, der zum Opfer gott- und lebensfeindlicher Mächte und Gewalten geworden ist. Mit der Auferweckung des Gekreuzigten entzieht Gott den Gewalttätigen jede Legitimation für ihre Tat. Gott setzt das Gewaltopfer ins Recht. Die Auferweckung Jesu ist ein göttlicher Rechtsakt.

Und nicht zuletzt liegt darin eine Selbstdefinition Gottes. Indem Gott Jesus nicht im Tod belässt, gibt Gott gleichsam zu Protokoll, nicht mit denen verwechselt werden zu wollen, die Menschenopfer fordern oder denen man sie meint darbringen zu müssen.

Unbestritten ist der Gekreuzigte ein Opfer von Gewalt, Gott wurde er damit aber gerade nicht zum Opfer dargebracht. So von der Auferweckung Jesu zu reden, macht hellhörig, wenn von Opfern die Rede ist, die wir angeblich in Kauf nehmen müssen. Ein solches Wort vom Kreuz fordert dazu heraus, im Namen Gottes erhobene Opferforderungen als Missbrauch des Namens Gottes zu entlarven, die Verschleierung von Opferverhältnissen aufzudecken, der Bereitschaft zur Selbstaufopferung entgegenzuwirken, die Faszination, die von der Opferrolle durchaus auch ausgehen kann, zu enttäuschen.

So von der Auferweckung Jesu zu reden, weckt die begründete Hoffnung für alle, die zum Opfer von Gewalt geworden sind, dass Gott der ihnen widerfahrenen Gewalt nicht das letzte Wort lässt, sondern sich an ihnen als protestierender, segnender, zurechtbringender Gott erweist, der nicht tatenlos zuschaut, wenn auch nur einem Geschöpf Gewalt widerfährt. Denn wer Menschen Gewalt antut, schneidet dem menschgewordenen Gott ins eigene Fleisch.

Magdalene L. Frettlöh

Die Autorin ist Rektorin des Kirchlichen Fernunterrichts der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) und Privatdozentin für Systematische Theologie an der Ruhr-Universität Bochum.