Das Kreuz tragen

5. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein modernes Gemälde ist derzeit in Dresden ausgestellt

Düsternis ist eingezogen in die Dresdner Kreuzkirche. Ein überdimensionales modernes Kreuzgemälde des britischen Künstlers Terry Duffy hängt bis zum Karsamstag über dem Altar. Es stößt ab – und es zieht an. Ungeschönt zeigt es das Grauen der Leiden ungezählter Opfer von ­Gewaltherrschaft und Unmenschlichkeit. Dieses Kreuz hat nichts Roman­tisches, nichts Verklärendes. Es zeigt die furchtbare Wirklichkeit: Ein verstümmeltes, verbranntes Kriegsopfer könnte es sein, das an Duffys Kreuz hängt. Ein entstelltes, verkohltes Gesicht, das stumm ins Leere schreit. Eine entmenschlichte Leichenhand, die starr zum Nachbarkreuz ausgreift – und es doch nicht erreicht. Das Opfer ist einsam, ausgeliefert, hinabgestoßen in das Reich des Todes.

Aus dem Gekreuzigten windet sich eine gekreuzigte Frau, deren Brüste könnten die verstümmelten Beine ­eines behinderten Kindes sein. Schemenhaft zeichnen sich überall weitere Kreuze ab.
»Das Kreuz ist ein Fenster in die Welt, in die Wahrheit der Not der Menschen, die Opfer von Krieg, gewalttätigen Konflikten, Missbrauch von Macht und Autorität geworden sind«, erklärt Terry Duffy, der das Kreuz vor 30 Jahren unter dem Eindruck schwerer sozialer Unruhen in Großbritannien schuf.

Bis Karsamstag hängt das Kreuzgemälde des britischen Künstlers Terry Duffy über dem Altar in der Dresdner ­Kreuzkirche. Foto: Steffen Giersch

Bis Karsamstag hängt das Kreuzgemälde des britischen Künstlers Terry Duffy über dem Altar in der Dresdner ­Kreuzkirche. Foto: Steffen Giersch

Sein Kreuz schreit auf im Namen all dieser Opfer. Das Kreuz ist die Wunde der Welt, für die Golgatha ein Name geworden ist. Im Kruzifix sind eingezeichnet die Entrechteten und Kaputtgemachten dieser Erde aller Zeiten. Nur manche kennen wir mit Namen: Die Geschwister Scholl und Dietrich Bonhoeffer, Gertrud Kolmar und Elisabeth Käsemann, Anne Frank und Martin Luther King, Matthias Domaschk und Oskar Romero.

»Opfer – keine Auferstehung?« – der Titel des Kreuzgemäldes Terry Duffys provoziert. Ist die tiefste Nacht der Menschheit ohne Morgen? Ist Golgatha ohne Emmaus? »Das Gemäl­de bietet keine leichte Lösung, keine Beruhigung«, sagt Duffy und ergänzt: »Das Kreuz war und ist ein realistisches ­Ereignis, kein bloßes Symbol.«
Der 64-jährige Künstler, der früher mit Joseph Beuys und John Cage zusammengearbeitet hat, will am Kreuz verharren, die nackte Brutalität aushalten. Die Auferstehung soll nicht einfach als automatische göttliche Antwort auf das Leiden erscheinen. Damit wir es uns nicht zu leicht machen. »Die Auferstehung ist kein gegebenes Recht, wir müssen für sie wirken«, sagt Duffy und fügt hinzu: »Wir müssen mehr für diejenigen tun, deren Leben viel schlimmer ist als unseres.«

Und so spricht aus seinem düsteren Kunstwerk doch der Glaube daran, befähigt und berufen zu sein, etwas vom Leid der Welt abzutragen. Die Dresdner Station seines Kreuzes soll zudem an Simon von Kyrene erinnern, der einst Jesus half, das Kreuz zu tragen. Nach Ostern wird Duffys Kreuz weiterreisen. Nachdem es schon in Coventry und London ausgestellt war, soll es auf seinem großen Kreuzweg durch die Welt weiterreisen zu Schauplätzen von Krieg und gewalttätiger Konflikte – nach Krakau, Kapstadt, Belfast, Südamerika, Bosnien, China und New York.
»Das Ziel soll Jerusalem sein, wo es an einem Ostermorgen ankommen soll«, kündigt der Künstler an. Damit solle die Erzählung und die Erlösung dieses Kreuzes symbolisch vollendet werden.

Stefan Seidel

Das Gemälde »Opfer – keine Auferstehung?« ist bis zum 29. März ausgestellt in der Kreuzkirche Dresden. Öffnungszeiten: Täglich 10 bis 17 Uhr. Freitags, 12 Uhr: Gebet unter dem Kreuz für Frieden und Versöhnung.

Eine Ahnung von jüdischem Leben vor dem Holocaust

24. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Spontanes Konzert auf der Straße: Beim Jüdischen Festival in Krakau erklingt Musik nicht nur von offiziellen Bühnen. Foto: Uwe von Seltmann

Spontanes Konzert auf der Straße: Beim Jüdischen Festival in Krakau erklingt Musik nicht nur von offiziellen Bühnen. Foto: Uwe von Seltmann



Judentum: In Krakau findet vom 25. Juni bis 4. Juli zum 20. Mal das Jüdische Kulturfestival statt

Was 1988 als ein Untergrund-Treffen begonnen hat, ist mittlerweile zu einem der größten und bedeutendsten jüdischen Festivals der Erde geworden.

Von Uwe von Seltmann

Erwartet werden vom 25. Juni bis
4. Juli wieder Zehntausende Besucher, die bis aus Israel, Australien oder den USA nach Krakau reisen, um die über 200 Konzerte, Workshops, Führungen, Vorträge und Ausstellungen zu besuchen. So wie Joe aus New York, der abends in einem Café von der »unglaublichen Atmosphäre« in Kazimierz schwärmt. Er komme jedes Jahr zum Festival, erzählt der 40-jährige Wissenschaftler, der auf dem Kopf eine Kippa trägt, die Kopfbedeckung der gläubigen Juden. Das Krakauer Festival sei »einzigartig«, nirgendwo anders könne man »so viele spannende Leute«, Juden wie Nichtjuden, an einem »solch fantastischen Ort« treffen.

Wie das Zusammenfügen
einer gerissenen Kette
Die vielfältigen persönlichen Begegnungen und der »magische Ort« seien es wohl auch, die das Krakauer zu »mehr als einem Klezmer-Festival« machten und es von den anderen unterscheide, sagt Janusz Makuch, Gründer und Direktor des Festivals. Im Stadtteil Kazimierz, einem der Zentren des polnischen Judentums, hatten die Nationalsozialisten das jüdische Leben komplett ausgelöscht, die meisten der über 60000 Krakauer Juden ermordet. In dem Viertel, das zu kommunistischen Zeiten völlig verfallen war, geschehe etwas »Mystisches«, sagt der 50-Jährige. Die Energie der Menschen, die hier einst gelebt hätten, sei bis heute zu spüren. Und vor allem während des Festivals, wenn ­Juden aus aller Welt nach Kazimierz kommen, werde eine »gerissene Kette wieder zusammengefügt«. Er sei sich sicher, dass die ermordeten Juden aus Kazimierz »eine Art Erlaubnis« erteilt hätten »für das, was wir hier machen«.
Makuch selbst wuchs ohne Kenntnisse über das Judentum auf, denn im kommunistischen Polen sollte nichts an das jüdische Erbe erinnern. »Bis zum Alter von 13 oder 14 Jahren wusste ich absolut nichts über die ­jüdische Kultur«, sagt er. Aber dann erfuhr er, dass vor dem Zweiten Weltkrieg die Hälfte der Bewohner seiner Heimatstadt Pulawy Juden waren. Insgesamt lebten in Polen vor dem Krieg über drei Millionen Juden, etwa zehn Prozent der Bevölkerung. Heute sind es rund 30000. Die acht Jüdischen Gemeinden in Polen zählen rund 4000 Mitglieder, in Krakau sind es keine 200.

Musiker und Künstler
kommen aus aller Welt
Als Makuch zum Studium nach Krakau kam, intensivierte er seine Forschungen über die vernichtete Kultur, traf wenige Gleichgesinnte und organisierte 1988 mit einem Freund in ­einem Theater das erste Festival. 1990 berichtete erstmals die New York ­Times über das Fest und schrieb: »Deutsche und Polen reden über Juden.« Ein Artikel mit Folgen, denn eine breite Öffentlichkeit wurde aufmerksam – und Makuch wusste, dass er »etwas ändern« musste: »Ein jüdisches Festival muss von Juden ­ge­staltet werden«, sagte er sich. Makuch reiste unermüdlich umher und konnte mehr und mehr renommierte jüdische Künstler nach Kazimierz locken. Sie kommen inzwischen – wie ihr Publikum – aus aller Welt, leiten Workshops über hebräische Kalligrafie oder chassidischen Tanz, zeigen ihre Filme oder Gemälde. Höhepunkt ist das achtstündige Open-Air-Konzert auf dem Szerokaplatz, das live im polnischen Fernsehen übertragen wird und 15000 Besucher zum Tanzen, Feiern und Mitsingen bringt. Unter ihnen wird auch wieder Katarzyna Weintraub sein. »Das Festival«, sagt die Journalistin, »vermittelt eine Ahnung, wie das Leben mit den Juden früher war, und wie es sein könnte, wenn es den Holocaust nicht gegeben hätte.«
Seit Anfang an dabei ist Leopold Kozlowski-Kleinman, der als lebende Legende der Klezmermusik gilt. Er hatte den Holocaust überlebt und war nach Ende des Zweiten Weltkriegs nach Kazimierz gekommen. »Es herrschte eine unglaubliche Dunkelheit, alles war öde und leer«, erinnert sich der über der 90-Jährige. So nahm er damals sein Akkordeon und spielte zwischen den leeren Häusern das ­jüdische Volkslied »Meine jiddische Mame«. »Ich wollte die Steine zum ­Leben erwecken.« 65 Jahre später wird er die »Jiddische Mame« wieder spielen: zum Abschlusskonzert am 4. Juli in der prächtigen Tempel-Synagoge.

www.jewishfestival.pl