Bilder und Geschichten von der Kraft des Glaubens

8. Oktober 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Ausstellung: Vom Kopftuchverbot und Kruzifixstreit – spannende Auseinandersetzung mit religiösen Fragen

Welche Rolle können, sollen und dürfen Religion in Gesellschaften spielen? Diesen und vielen anderen Fragen widmet sich die Ausstellung des Deutschen Hygiene-Museums in Dresden.

Ausstellungsplakat»Kraftwerk Religion« – der Titel der Sonderausstellung des Deutschen Hygiene-Museums impliziert, dass von Religion im positiven wie im negativen Sinn Energie und Dynamik ausgehen können. Die am Sonnabend eröffnete Schau zeigt, welche positive Kraft Gläubige aus ihrer Religion beziehen und stellt diese als Garantin für Werte dar. Zugleich kann Religion Energien freisetzen, die eine Gefahr für die globale Sicherheit darstellen. Beispiele dafür sind religiös motivierte Terroranschläge und Suizid­attentate.

Für die Ausstellungsmacher steht fest: Religion ist längst kein Randphänomen mehr, sondern ragt in die Gesellschaft. Seit den Debatten um Kruzifixe an öffentlichen Schulen und um das Kopftuch muslimischer Frauen ist nicht zu übersehen, dass Religion zuweilen poli­tische Dimension erreicht. Dieser Tatsache trägt die Ausstellung Rechnung. Sie wendet sich dabei den Weltreligionen Judentum, Christentum, Islam und Bud­dhismus gleichermaßen zu und blendet auch Strömungen innerhalb der Religionsgemeinschaften nicht aus. Dabei wird deutlich, dass die religiösen Gemeinschaften keine einheitlichen Gebilde sind. In ihnen existieren unterschiedliche, gegensätzliche Meinungen und nicht selten prallen diese heftig aufeinander.

Bei uns vor allem als Dekoration auf Ladentischen bekannt, gelten die in China massenweise hergestellten winkenden Katzen in Japan als religiöse Glücksbringer fürs geschäftliche: die »Maneki Neko« sollen das Geld in die Ladenkassen winken ... (Foto: Hygiene-Museum)

Bei uns vor allem als Dekoration auf Ladentischen bekannt, gelten die in China massenweise hergestellten winkenden Katzen in Japan als religiöse Glücksbringer fürs geschäftliche: die »Maneki Neko« sollen das Geld in die Ladenkassen winken ... (Foto: Hygiene-Museum)

Macht Religion die Welt friedlicher? Dürfen Christen Verhütungsmittel benutzen? Müssen sie den Kriegsdienst verweigern?

Wer sich dem Phänomen Religion nähern will, sieht sich einer Fülle von Fragen gegenüber, die wiederum in sich komplex, vielschichtig und widersprüchlich sind. Die Bandbreite der Themen, die die Ausstellung aufnimmt, ist groß. Sie setzt dabei vorwiegend auf die modernen Medien. 4,5 minutenlange Videos erklären schlüssig Reformation, Säkularisierung und Kreuzzüge. Es ist die Stärke dieser Präsentation, dass Gläubige und Nichtgläubige selbst zu Wort kommen und ihre unterschiedlichen Positionen darstellen. Die zahlreichen Interviews vermitteln einen lebendigen Eindruck von dem, was die Religionsgemeinschaften intern beschäftigt und wie sie von außen wahrgenommen werden. Zu sehen sind bekannte Gesichter, Margot Käßmann, die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Politiker, zum Beispiel Andrea Nahles, Generalsekretärin der SPD, und Thomas de Maizière, Bundesminister des Innern im Kabinett Merkel.

Der erste Ausstellungsraum ist mit grau-braunen Filzelementen ausgestaltet, darüber bilden transparente Stoffe, auf die Zitate projiziert werden, einen Himmel. Die erste Abteilung stellt aktuelle Debatten und Konflikte zur Diskussion. Hier wird erörtert, welche Rolle Religionen in der Gesellschaft spielen können, sollen und dürfen. Es geht um Religionsunterricht und Schulpflicht, um Gotteslästerung und Abtreibung. Beim Schächten von Tieren etwa erhebt sich die Frage wieweit der Schutz von Freiheitsrechten gehen darf und wann Religionsfreiheit aufhört?

Widerstand und Verfolgung sowie Mission sind ebenfalls Themen, denen die Ausstellung Raum schenkt.

Ausstellungsplakat_grossDie zweite Abteilung widmet sich Fragen wie der Zugehörigkeit und dem Zusammenhalt der Religionsgemeinschaften. Hier ist ersichtlich, dass die Religionen teilweise gar nicht so unterschiedlich sind wie sie oft wahrgenommen werden. So besiegelt fast immer ein Initiationsritus die Zugehörigkeit zur jeweiligen Glaubensgemeinschaft. Im Christentum ist es die Taufe, im Judentum und Islam die Beschneidung. Zu den Exponaten gehören die Taufschale Friedrich Nietzsches und ein prächtiges weißes Gewand. Dieses trägt der Junge, der nach islamischem Brauch beschnitten wird.

Die biblische Geschichte von der Opferung Isaaks spielt nicht nur im Judentum und Christentum eine Rolle, sondern auch im Islam. Die Rätselhaftigkeit dieser Geschichte hat Reli­gionsgelehrte, Gläubige und Künstler zu allen Zeiten beschäftigt. Einige ­Varianten der Deutung stellt die Ausstellung vor.

»Sind Frauen in ihrer Religionsgemeinschaft gleichberechtigt?« »Welche aktuellen Fragen beschäftigen Ihre Gemeinde?« Der zweite Raum lenkt die Aufmerksamkeit auf Normen und Rituale, die die jeweilige Reli­gionsgemeinschaft prägen und die Frage, wie sie ihre Glaubensinhalte und Traditionen erlernen und weitergeben. Ordensschwestern und muslimische Frauen schildern, was ihnen ihr Ordenskleid beziehungsweise das Kopftuch bedeutet. Die Tradition des Pilgerns und die der Hilfsorganisationen wird dargestellt. Der Umgang mit Tod und Sterben und die Haltung der Religionen dazu ist ebenfalls Thema.

»Was ist der Sinn des Lebens?« »Wie sind Sie zum Glauben gekommen?« »Haben Sie schon mal ein Wunder erlebt?« »Woher wissen Sie, dass Gott existiert?« Um die existenziellen Fragen geht es im dritten und letzten Ausstellungsraum. Auch hier ist es spannend, die persönlichen Positionen von Menschen kennenzulernen. Sie sprechen über ihre Zweifel, Ängste und Hoffnungen, von Engeln und dem Bösen ist die Rede – und von dem Glück, das einigen Menschen aus ihrem Glauben erwächst.

Der letzte Ausstellungsraum ist geprägt von zwei großen medialen Elementen. Auf eine Wandfläche werden »letzte Fragen« nach dem Woher und Wohin des Menschen projiziert. Auf der Rückseite dieser Fläche und mit dieser korrespondierend ist eine Filmcollage zu sehen. Sie zeigt wie Menschen an verschiedenen Orten der Welt, in Israel, Indien, Deutschland beten. Die Bilder wecken Ehrfurcht und Respekt vor der geheimnisvollen Fähigkeit des Menschen, glauben zu können. Ein eindrücklicher Film, in dem etwas aufleuchtet vom Trost und der Kraft der Religionen.

Sabine Kuschel

Die Ausstellung ist bis 5. Juni 2011 dienstags bis sonntags 10 bis 18 Uhr geöffnet.