»Wir wollen das Leben, nicht den Tod zeigen«

11. Juni 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Der Anatom und Plastinator Gunther von Hagens mit seiner Ehefrau und Ausstellungskuratorin Angelina Whalley in der Leipziger Ausstellung. Foto: Harald Krille

Der Anatom und Plastinator Gunther von Hagens mit seiner Ehefrau und Ausstellungskuratorin Angelina Whalley in der Leipziger Ausstellung. Foto: Harald Krille

Ausstellung: Gunther von Hagens umstrittene Anatomieschau »Körperwelten« gastiert erstmals in Mitteldeutschland

Die Leipziger Ausstellung, in deren Mittelpunkt spektakuläre Ganzkörperpräparate stehen, ermöglicht ­detail­getreue Aufklärung über den menschlichen Körper.

Seit der vergangenen Woche ist die weltweit gefeierte, in Deutschland freilich immer wieder umstrittene Körperweltenausstellung des Anatomen Gunther von Hagens erstmals in Mitteldeutschland zu Gast. Dabei scheint schon der Name des Veranstaltungsortes Wasser auf die Mühlen der Kritiker zu sein, die von Hagens vorwerfen, die Anatomie von den ­Höhen der Wissenschaft in die Niederungen des Jahrmarktes gebracht zu haben: Die Ausstellung gastiert bis 12. September im Leipziger »Kohlrabizirkus«.

Doch mit Zirkus hat die Schau, in deren Mittelpunkt die spektakulären Ganzkörperpräparate stehen, in der Tat nichts zu tun. Von Hagens selbst wird nicht müde zu betonen, dass er mit seiner Schau in Messe- und ­Ausstellungshallen die Anatomie »de­mokratisiert« habe, dass er breiten Volksschichten Aufklärung über ihren ­eigenen Körper ermögliche. Mit 30 Millionen Besuchern sind die »Körperwelten« die weltweit erfolgreichste Anatomieschau. Von der deutschen Stiftung Gesundheit wurde die aktuelle Präsentation gerade mit dem ­»Health Media Award« in der Kategorie Wissenschaftskommunikation geadelt.

Eine große Anerkennung für den Anfang 1945 im heute polnischen Posen als Gunther Liebchen geborenen und im thüringischen Greiz aufgewachsenen Mann, den die Medien gelegentlich schon mal als »Dr. Tod« bezeichneten. Den Journalisten in Leipzig präsentierte von Hagens sich als feinfühliger, geradezu schüchterner Mensch. Mit tränenerstickter Stimme erwähnte er seine während des Medizinstudiums 1968 versuchte Republikflucht und die folgenden Knast- und Freikaufserfahrungen. Dennoch: Hier in Mitteldeutschland habe er seine Wurzeln, fühle sich emotional zu Hause. Weshalb er mit einer perfekten Ausstellung hierher kommen wollte. Die jetzige, unter dem Thema »Herzenssache«, sei es.

Seinem Hang zur Perfektion und Ästhetik ist letztlich auch seine Erfindung der Konservierung biologischer Präparate durch Kunststoff, die Plastination, zu danken. Die heute allgemein verbreitete Technik macht die Faszination seiner Ausstellungsobjekte aus: Alles ist »echt«, freilich ohne den Geruch nach Verwesung oder Formalin. Das ist allerdings auch ein weiterer wesentlicher Vorwurf: Hier würden in entwürdigender Weise »Leichen« zur Schau gestellt.

Für Harald Knauf läuft diese Kritik ins Leere. Der 53-jährige Leipziger gehört zu den derzeit weltweit mehr als 11000 Körperspendern, die ihren Leib nach dem Ableben freiwillig und kostenlos Gunther von Hagens vermacht haben. 708 davon kommen aus Sachsen. »Ich habe meinen Körper nicht gut behandelt, nun sollen andere wenigstens von meiner Krankheit lernen«, betont Knauf. Seine vor vier ­Jahren verstorbene Ehefrau sei schon im Heidelberger Plastinations-Institut. Und er fügt hinzu: »Alle, die hier ausgestellt sind, haben freiwillig ihr Einverständnis dazu gegeben. Was ist daran unwürdig?«

Für Angelina Whalley, mit der von Hagens in zweiter Ehe verheiratet ist, gehört diese Art der »Echtheit« zwingend dazu. »Wenn Sie einem Außer­irdischen die Vielschichtigkeit eines Baumes erklären wollen, dann müssen Sie ihm einen ›echten‹ Baum zeigen und nicht ein Modell«, so Whalley, die Ärztin und zugleich Kuratorin der Schau ist. Und warum müssen die Ganzkörperplastinate in spektakulären Posen agieren? Whalley ist um eine Antwort nicht verlegen: »Weil wir das Leben und nicht den Tod zeigen wollen.«

Professor Uwe Gerd Liebert, Direktor des Instituts für Virologie im Universitätsklinikum Leipzig, hält denn auch nichts vom Streit über die Ausstellung: »Ich warne vor einer philosophisch oder gar theologisch überhöhten Auseinandersetzung«, so der Synodale der sächsischen Landeskirche. Die Kirche habe oft genug »ein schwieriges Verhältnis« zur Naturwissenschaft gehabt. So mussten Mediziner Jahrhunderte darum kämpfen, Leichen sezieren zu dürfen. Sein Rat: Wer sich für Anatomie interessiert, solle in die Ausstellung gehen. Er selbst wolle lieber in ein Gewandhauskonzert. »Aber ich sehe das, was in der Ausstellung gezeigt wird, ja auch jeden Tag.«

Von Harald Krille

Die Ausstellung »Körperwelten. Eine Herzenssache« ist bis zum 12. September im Kohlrabizirkus ­Leipzig, An den Tierkliniken 42, zu ­sehen.

Geöffnet sonntags bis mittwochs 9–19.30 Uhr, donnerstags bis sonnabends 9–21 Uhr.
www.koerperwelten.com