Religionsfreiheit braucht Differenzierung

21. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Politik: In Berlin stand das Thema Christenverfolgung auf der Tagesordnung des Menschenrechtsausschusses


Jahrzehntelang spielte das Thema kaum eine Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung. Doch die Sensibilität für Verstöße gegen die Glaubensfreiheit wächst. Pauschale Antworten helfen allerdings nicht.

Seit 2010 ist der deutsche Theologe, Philosoph und Historiker Heiner Bielefeld als Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit des UN-Menschenrechtsrates tätig. Der Professor für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg mahnt einen differenzierten Umgang mit dem Begriff der Religionsfreiheit an. Während eines Vortrags in Berlin kritisierte er in der vergangenen Woche beispielsweise den regelmäßig veröffentlichten »Weltverfolgungsindex« des evangelikalen Hilfswerks »Open Doors«: »Ich habe große Zweifel daran, dass diese Zahlen solide sind.« Bielefeldt warf dem Hilfswerk vor, über keine klaren Kriterien für den Begriff der Verfolgung zu verfügen und den Terminus »Christenverfolgung« deswegen sehr weitläufig anzuwenden.

Blick-21-2012

Unter Druck: Angehörige der koptischen Minderheit in Ägypten demonstrieren gegen die Verfolgung ihrer Familien. – Foto: privat

Aus der Sicht des Sonderberichterstatters gibt es beim Thema religiöser Verfolgung »keine natürlichen Täterreligionen und keine natürlichen Opferreligionen«. So seien die Kopten in Ägypten eine Religionsgruppe, die seit vielen Jahren unter einer starken Diskriminierung durch Muslime leide. Der verstorbene koptische Papst Shenouda III. habe sich jedoch mehrfach an den früheren ägyptischen Staatspräsidenten Husni Mubarak gewandt, um ihm seinerseits deutlich zu machen, dass die Zeugen Jehovas keine Christen seien und sich demzufolge auch nicht auf die den Christen zustehenden Rechte der ägyptischen Verfassung berufen könnten. Dies habe letztlich zu einer noch stärkeren Diskriminierung der Zeugen Jehovas geführt.

Auch der Menschenrechtsausschuss des Deutschen Bundestags ­beschäftigte sich in der vergangenen Woche in einer Anhörung mit der ­Situation der Christen im Orient und den arabischen Staaten Nordafrikas. Und auch dabei wurde deutlich, dass mit Begriffen wie »Christenverfolgung« oder »religiöser Diskriminierung« besser vorsichtig umzugehen ist.
So verwies der Leiter der Fachstelle Menschenrechte des katholischen Hilfswerks Missio, Otmar Oehring, darauf, dass es derzeit in keinem Land des Nahen Ostens »Christenverfolgung im Wortsinne« gebe. Allerdings, so schränkte der Experte ein, gelte diese Aussage nicht für Konvertiten, die vom Islam zum Christentum übertreten. »Hier müssen wir durchaus von Verfolgung sprechen.«
Ähnlich äußerte sich auch der ­frühere Leiter der Evangelischen Akademie Loccum, Fritz Erich Anhelm. Seiner Ansicht nach kann von einer »systematischen Verfolgung von Religionsgemeinschaften auch in Ägypten keine Rede sein.« Ein Problem sei aber der »mangelnde staatliche Schutz vor Übergriffen und einer ungenügenden Strafverfolgung durch Polizei und ­Justiz«.

Die Leiterin des Instituts für Islamfragen der Deutschen Evangelischen Allianz, Christine Schirrmacher, wies allerdings darauf hin, dass es in den arabischen Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens nirgends eine echte Religionsfreiheit gemäß der UN-Menschenrechtserklärung gibt: Religionswechsel seien vielfach nicht erlaubt, und nicht-islamischen Religionsgemeinschaften werde die gleichberechtigte Anerkennung durch den Staat verweigert. »Nicht-Muslime werden im Bildungssektor, beim Militär und in der Politik benachteiligt.«
Insgesamt bestach auch die Bundestags-Anhörung zur Situation der Christen im Nahen Osten durch ihre Sachlichkeit. Zusammen mit dem ­Vortrag von Bielefeldt zeigte sie, dass das Thema Religionsfreiheit nun endgültig die Agenda des politischen Berlins erreicht hat: Dass es im Plenum des Parlaments Debatten über das türkische Kloster Mor Gabriel gibt und Abgeordnete der CDU/CSU-Bundestagsfraktion einen »Stephanuskreis« gründen, um sich speziell dem Thema »Christenverfolgung« zu widmen, wäre noch vor zehn Jahren völlig undenkbar gewesen.

Da war es dann umso bedauerlicher, dass ausgerechnet der einzige arabische Christ unter den geladenen Experten, der palästinensische Pfarrer Mitri Raheb, in der Anhörung völlig aus der Rolle fiel: Er führte vor den überraschten Abgeordneten aus, dass es im Nahen Osten nur drei Staaten mit einem problematischen Verhältnis von Staat und Kirche gebe: Die islamische Republik Iran, das Königreich Saudi-Arabien – und Israel, den jüdischen Staat.
»Jeder, der nicht jüdisch ist, wird dort systematisch benachteiligt«, so Rahebs Begründung. Ein Vorwurf, der aus palästinensischer Perspektive vielleicht sogar verständlich sein kann. Doch angesichts der im Iran verhängten Todesstrafen für Konver­titen und des völligen Verbots der Ausübung aller nicht-islamischer Religionen in Saudi-Arabien wirkte der Vergleich des Pfarrers dann doch eher zweifelhaft.
Benjamin Lassiwe

Ein blindes Kind entscheidet, wer neuer Papst wird

23. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Ägypten: Nach dem Tod von Kopten-Papst Schenuda III. beginnt die Suche nach einem Nachfolger

Mitten in die schweren Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen in Ägypten kam am Wochenende die Nachricht vom Tod des Oberhauptes der koptischen Christen.

Am Dienstag wurde für das verstorbene Oberhaupt der koptisch-orthodoxen Kirche in der großen Kathedrale von Kairo die Messe gelesen. Anschließend wurde Schenuda III., der die Kirche mehr als 40 Jahre leitete, in einem Kloster im Wadi Natrun beerdigt. Der Kopten-Papst starb am vergangenen Sonnabend, 17. März, im Alter von 88 Jahren in seiner Residenz nahe der Kathedrale in Kairo. Schon länger hatte Schenuda Berichten zufolge mit Leber- und Lungenproblemen zu kämpfen. Und es wird über die Nachfolge debattiert.

Die Papstwahl ist kompliziert. Geregelt wird sie durch die Traditionen der koptischen Kirche, die als eine der ältesten christlichen Kirchen gilt, sowie durch ein Präsidentendekret aus dem Jahre 1957. Der Wahlprozess nimmt mindestens drei Monate in Anspruch. Vermutlich wird es jedoch länger dauern, bis die weltweit zehn Millionen koptischen Christen ein neues Oberhaupt bekommen: Es gilt als wahrscheinlich, dass zunächst die Wahl des ägyptischen Präsidenten abgewartet wird.

Der neue Papst wird von einer Versammlung gewählt, die aus drei Gremien besteht: Das mächtigste ist die Heilige Synode. Sie besteht aus bis zu 150 Bischöfen und anderen hohen Würdenträgen. Hinzukommt der sogenannte Millet-Rat, ein weltliches Gremium mit 24 gewählten Mitgliedern, unter ihnen auch einige Frauen. Ebenfalls stimmberechtigt ist ein vom ägyptischen Präsidenten ernanntes Gremium. Es umfasst wichtige koptische Persönlichkeiten.

Innerhalb eines Monats nach dem Tod des Papstes soll ein 19-köpfiges Gremium zusammentreten und zunächst eine Kandidatenliste erstellen. Wählbar ist ein koptischer Ägypter, der älter als 40 Jahre ist und seit mindestens 15 Jahren im Kloster lebt. Es muss mindestens fünf Kandidaten geben, aber nicht mehr als sieben. Dann wird gewählt.

Das letzte Wort hat allerdings nicht die Wahlversammlung, sondern der Wille Gottes, so will es die Tradition. Daher werden im Anschluss an die Wahl die Namen der drei Kandidaten mit den meisten Stimmen auf Zettel geschrieben. Ein blindes Kind wählt einen davon aus.

Derzeit werden mehrere Kandidaten in der ägyptischen Presse als Favoriten diskutiert: Im Gespräch ist Bischof Bischoi von Damietta, der in den vergangenen Jahren mehrfach mit provokanten Bemerkungen gegen Muslime für Aufruhr gesorgt hatte. 2010 sagte er, dass die Muslime »Gäste« im ursprünglich christlichen Ägypten seien, wo koptische Christen rund zehn Prozent der 83 Millionen Ägypter ausmachen. Ob er gewählt werden kann, muss allerdings noch geklärt werden: Als Bischof mit Diözese ist er eigentlich als Kandidat ausgeschlossen.

Ein weiterer Kandidat ist Bischof Mussa. Er ist bisher zuständig für Jugendangelegenheiten und vor allem bei jungen Christen sehr beliebt. Gute Chancen werden zuletzt auch Bischof Yuanis eingeräumt. Er war bisher einer der päpstlichen Sekretäre und gilt als enger Vertrauter des verstorbenen Papstes.

Der sich derzeit in Deutschland aufhaltende Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung in Ägypten, Andreas Jacobs, meint, die Situation verschaffe den Kopten »zumindest eine Atempause«. Mit dem sehr alten und »öffentlich kranken« Papst habe es den Kopten zuletzt an Führung gefehlt, worunter viele gelitten hätten. Jetzt könnten die Kopten die Gelegenheit nutzen, die Umbruchphase in Ägypten intensiver mitzugestalten und sich »politisch anders oder besser« zu positionieren. Insgesamt schätzt er jedoch die zukünftige Situation für die koptischen Christen in Ägypten pessimistisch ein.

Der koptisch-orthodoxe Bischof Anba Damian äußerte die Hoffnung, dass es aus Respekt vor dem Kopten-Oberhaupt keine Gewalt gegenüber koptischen Christen gebe. »Wir hoffen, dass die Menschen vernünftig bleiben«, sagte Damian. Das Oberhaupt der koptischen Kirche sei ein Schutzgarant für die koptischen Christen gewesen. Der Papst habe sich sehr stark für den Frieden zwischen Muslimen und Christen eingesetzt. Auch bei den Muslimen habe der Kopten-Papst eine große Anerkennung gehabt.

Zugleich kritisierte Damian, dass koptische Christen von der Regierung zu wenig vor Übergriffen geschützt würden. »Es gibt keinen Schutz durch das Gesetz, keinen Schutz durch die Behörden und auch keinen Schutz durch die Armee.« Bislang habe sich durch die neue Regierung nichts für die Situation der Kopten verbessert.

Julia Gerlach (epd)

Als Pfarrerin im Urlaubsparadies

27. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Pfarrerin Eva Gabra – Foto: epd-bild

Ägypten: Hurghada am Roten Meer – Treffpunkt für Rentner, Urlauber, Abenteurer und verkrachte Existenzen

In der ägyptischen Touristenhochburg Hurghada gibt es seit dem Sommer eine Pfarrstelle der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Du bist ein Volltreffer«, singen die Kinder im Kreis. Es ist ihr Lieblingslied beim Kinderbrunch. So heißt der deutschsprachige evangelische Kindergottesdienst im ägyptischen Touristenzentrum Hurghada am Roten Meer. Eva Gabra ist seit Sommer vergangenen Jahres Auslandspfarrerin der Evangelischen Kirche in Deutschland in Hurghada.

Die Zeiten sind nicht leicht. Die ägyptischen Christen, die Kopten, werden angegriffen und verfolgt, mehr als Hunderttausend sollen im vergangenen Jahr das Land verlassen haben. Die deutschsprachigen Christen in Hurghada, für die Eva Gabra zuständig ist, wurden von den Anfeindungen aber bisher nicht getroffen.

Die 29-Jährige mit dem blonden Pferdeschwanz ist Pfarrerin einer Gemeinde, die offiziell noch gar nicht existiert. Aber die deutschsprachigen evangelischen Christen in Hurghada sind schon lange sehr aktiv. »Bisher hatten wir keine theologische Anleitung, aber ich habe ab und zu meinen Vater angerufen, der ist Pfarrer in Deutschland und hat mir dann ein paar Tipps gegeben«, sagt Beke Hoppe, die den Kinderbrunch mitorganisiert hat.

»Wir leben in einem Land, in dem Religion eine große Rolle spielt. Da fragt man sich automatisch, an was man eigentlich selber glaubt und wo man hingehört«, konstatiert Hoppe. Kein Wunder also, dass Eva Gabra herzlich empfangen wird. »Ich habe das Gefühl, offene Türen einzurennen«, sagt die Pfarrerin, die in Wuppertal, Heidelberg und Kairo studiert hat.

Dennoch steht sie vor großen Herausforderungen, denn in den Auslandskirchen sind evangelische Christen nicht automatisch Mitglied, sie müssen eintreten und bezahlen. Das erfordert Überzeugungsarbeit. Auch hat sie bisher keinen Raum: So schiebt sie entweder die Sofas zur Seite und lädt zu sich ins Wohnzimmer ein oder sie feiert ihre Gottesdienste im Garten des deutschen Honorarkonsulats.

Es gilt, Brücken zu schlagen, denn Hurghadas Deutsche könnten unterschiedlicher nicht sein: »Dies ist ein Ort, der viele Abenteurer anlockt. Manche schaffen es hier, aber es gibt auch verkrachte Existenzen«, weiß die Pfarrerin zu berichten.

Der Honorarkonsul von Hurghada, Peter Jürgen Ely, schätzt, dass rund 7000 Deutsche dauerhaft in Hurghada und Umgebung leben. Viele von ihnen arbeiten in Hotels und Tauchschulen. Doch der Tourismus steckt seit der Revolution in der Krise. Viele aus der Branche machen sich Sorgen um die Zukunft – auch, weil die Salafisten, die bei den Parlamentswahlen zur zweitstärksten Kraft wurden, den Touristen Alkohol und Bikini verbieten wollen. Wer will dann noch Urlaub in Hurghada machen?

Nicht alle leben vom Tourismus. Viele Deutsche in Hurghada sind Rentner, die in der Sonne ihren Lebensabend verbringen. Hinzu kommen deutsche Frauen, die sich im Urlaub in einen Ägypter verliebt haben und geblieben sind. »Viele der Frauen sind wegen der Ehe zum Islam übergetreten, andere sind Christinnen geblieben. Das Zusammenleben mit ihren muslimischen Männern wirft bei ihnen jedoch die Frage auf, was das Christentum eigentlich ausmacht«, sagt Eva Gabra. Sie hat deswegen mit diesen Frauen bereits im November einen Glaubenskurs gemacht: Es ging um die Grundlagen des Christentums und darum, was die Christen im Alltag von den Muslimen unterscheidet.

Gabra hat sich in ihrem Studium auf christlich-islamischen Dialog spezialisiert und weiß, was es heißt, eine Ehe zwischen den Kulturen zu führen. Auch ihr Mann ist Ägypter. Sie hat ihn allerdings an der theologischen Fakultät kennengelernt. Auch David Gabra ist Pfarrer. Er betreut die evangelisch-koptische Gemeinde von Hurghada.

Zu Eva Gabras Gemeinde sollen aber nicht nur die in Hurghada lebenden Deutschen gehören. Auch mit Touristenseelsorge hat die Evangelische Kirche in Deutschland die Pfarrerin beauftragt. Doch wie fängt man das an? Hurghada ist ein Ferienort, der auf billigen Massentourismus setzt. Die meisten kommen her, weil sie mit Vollpension am Strand liegen wollen. Eine Pastorin haben sie nicht gebucht. »Andererseits ist der Urlaub auch ein Moment, in dem die Menschen zur Besinnung kommen und sich die Fragen des Lebens stellen. Dabei können sie vielleicht Begleitung gebrauchen«, sagt Eva Gabra.

Julia Gerlach (epd)

»Haltet durch, seid stark«

2. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

Comments Off

Reportage: Christen zwischen Angst und Hoffnung  – die Kopten verstehen sich als die ursprünglichen Ägypter

Den Blick fest auf das Kreuz gerichtet: Bruder Joaquin im Kloster St. Bischoi. Foto: Andreas Boueke

Den Blick fest auf das Kreuz gerichtet: Bruder Joaquin im Kloster St. Bischoi. Foto: Andreas Boueke


Seit Jahrhunderten sind die koptischen Christen Ägyptens unterdrückt und benachteiligt. Die Hoffnungen, dass sich infolge der »Arabellion« etwas ändert, schwinden zusehends.

Der Evangelist Matthäus berichtet davon, wie Maria, Josef und der Neugeborene Jesus auf ihrer Flucht vor den Schergen des Herodes nach Ägypten gezogen sind. Dabei sollen sie auch durch die unwirtliche Gegend von Wadi el-Natrun gekommen sein. Zahlreiche Kultstätten erinnern an die Reise. Schon zu Beginn des vierten Jahrhunderts haben sich christliche Eremiten in diese Klöster und Kirchen zurückgezogen. Heute ist die Wüstenlandschaft Wadi al-Natrun eine Hochburg christlichen Lebens in Ägypten.

Die meisten Christen in Ägypten sind Kopten. Das Wort Kopt kommt von Aigyptios. Deshalb sagen viele Kopten, sie seien die ursprünglichen Ägypter. Die Araber sind erst im Jahr 620 nach Christus in das Nildelta gekommen.

Das wohl älteste koptische Kloster ist das von el Baramus. Hier lebt ein junger Mönch, der seinen Namen nicht nennen möchte. Aber über sein Leben gibt er Auskunft: »Ich verlasse das Kloster nur sehr, sehr selten. In zwölf Jahren bin ich dreimal raus gegangen. Ich habe dieses Leben selbst gewählt. Deshalb empfinde ich es nicht als eine Beeinträchtigung meiner Freiheit.«

In den Klöstern von Wadi el-Natrun leben heute mehrere hundert Mönche in selbst auferlegter Armut und Enthaltsamkeit. Ihr Leben ist geprägt von Ritualen und Bräuchen. Die Mönche spüren nur wenig von den umwälzenden Ereignissen, die die ägyptische Gesellschaft zurzeit erlebt. »Wir kümmern uns nicht um Politik.

Aber immer mal wieder kommen Leute von außerhalb, die uns Nachrichten bringen. Wir haben eine Meinung, so wie jeder Mensch. Ich glaube, dass die Islamisierung des Landes zunimmt. Es gibt jetzt zwar mehr Freiheiten, aber nicht für Christen«, so der junge Mönch.

Bei den Demonstrationen im Januar des vergangenen Jahres gegen den Despoten Mubarak haben Kopten und Moslems Schulter an Schulter protestiert. Doch die Solidarität lässt nach. Die politischen und sozialen Umwälzungen haben neue Freiheiten für die Bevölkerung gebracht. Dazu gehört aber auch die Freiheit, ungestraft religiöse Minderheiten zu diskriminieren. In Ägypten leben weit über 80 Millionen Menschen. Nur rund fünf Millionen von ihnen sind Kopten.

Gewalttätige Übergriffe gegen christliche Gemeinden gab es auch während der 30jährigen Herrschaft Hosni Mubaraks. Doch die Berichterstattung darüber wurde häufig unterdrückt. Seit der Revolution sind solche Informationen weitgehend frei verfügbar.

Deshalb wissen die Kopten im ganzen Land genau, dass im Laufe der vergangenen Monate viele Kirchen in Brand gesetzt und Dutzende ihrer Glaubensbrüder ermordet wurden. Zu solchen Gewaltausbrüchen kommt es besonders dann, wenn Christen Selbstbewusstsein zeigen und gegen die latente Einschränkung ihrer Religionsfreiheit protestieren.

Diese Diskriminierung hat Tradition in Ägypten. Selbst der ehemalige Präsident und Friedensnobelpreisträger Anwar as-Sadat gilt als Gegner der Religionsfreiheit für Christen. Im Jahr 1981 verbannte er den koptischen Papst in das Kloster Sankt Bischoi. Erst vier Jahre später wurde das Oberhaupt der orthodoxen Kopten von Sadats Nachfolger Mubarak freigelassen.

St. Bischoi ist jetzt die zweite Residenz des koptischen Papstes Shenouda. Auch 120 Mönche leben in dem Kloster. Einer von ihnen ist Bruder Joaquin. Er sitzt auf einem Bett aus Holzplanken in einem kargen Raum, der nicht größer ist als fünf Quadratmeter. »Dies ist eine Mönchszelle aus dem neunten Jahrhundert«, sagt Bruder Joaquin. Während sich die Menschen in Ägypten auf grundlegende Veränderungen einstellen müssen, bleibt das Leben der Mönche in den Klöstern weitgehend gleich.

»Das System für uns ist jeden Tag dasselbe. Wir beten für die Menschen, die draußen leben. Außerdem haben wir täglich ein spirituelles Programm zu leisten, in dem wir für den Frieden beten.«

In der Kirche der Heiligen Barbara im alten Zentrum Kairos endet gerade ein Gottesdienst. Der Priester Sarabamoni Zaki ist in sein luxuriös ausgestattetes Büro gegangen. Der Mann hat einen langen, grauen Bart. Früher war er gut rasiert. Er meint, die Situation der Kopten habe sich durch die Revolution spürbar verändert: »Seit dem 25. Januar haben einige Christen Angst. Wir wissen nicht, was geschehen wird. Der moslemische Flügel bemüht sich heftig um die Macht. So etwas haben wir in den vergangenen 30 Jahren noch nicht erlebt.«

Die meisten koptischen Würdenträger sagen, sie seien froh darüber, dass es der Bevölkerung gelungen ist, Mubarak zu stürzen. Aber sie vermissen auch einige Vorzüge des alten Regimes. »Ich würde nicht sagen, er war gut oder er war schlecht. Aber es gab nicht diese Unsicherheit, unter der wir jetzt leiden. Wir verstehen, dass dies eine Übergangsphase ist. Aber wie wird das Ende dieser Phase aussehen? Nur Gott weiß das.«

Der Priester macht sich Sorgen um die Zukunft der Kopten in Ägypten. Trotzdem sieht er keinen Grund, sich zu verstecken: »Den jungen Leuten sage ich: Haltet durch, seid stark. Ihr müsst euch unter die Moslems mischen und mit ihnen zusammen leben. Habt keine Angst. Macht sie zu euren Freunden und erklärt ihnen eure Sorgen. Werdet nie wütend oder nervös. Seid respektvoll und sprecht friedlich.«

Andreas Boueke