Ein tief gespaltenes Land

2. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: Nach Donald Trumps Amtseinführung und den riesigen Demonstrationen gegen den neuen Präsidenten am Tag danach muss man konstatieren: Harte Realitäten und entgegen­gesetzte Hoffnungen stoßen aufeinander. Trumps »Make America Great Again« fährt auf dünnem Eis.

Die vielen Demonstranten gegen Trump stehen vor der Frage, wie sie mit »diesem Mann« umgehen, der ihrer Ansicht nach gar nicht repräsentativ ist für Amerika. Doch er hat gewonnen. »Frauenrechte sind Menschenrechte« stand auf selbstgemachten Plakaten bei der »Anti-Kundgebung«, ebenso »Finger weg von meinem Körper«, »Mach dich stark für Gleichberechtigung«, »Love Trumps Hate« (Liebe triumphiert über Hass), »Wer schweigt, ist mitverantwortlich« sowie »Wir gehen nicht zurück«. Geschätzte 500 000 kamen zu dem »Women’s March on Washington« in der US-Hauptstadt, mehrheitlich Frauen, meist junge Menschen. Die »überwältigte« U-Bahn ließ Passagiere zeitweilig kostenlos fahren. Eingeladen waren alle, die Solidarität fühlten mit Bevölkerungsteilen, die Trump beleidige und bedrohe. Frauenrechte sind Menschenrechte. In den ganzen USA dürften es rund vier Millionen Demons­tranten gewesen sein.

Zahlen wurden schnell zum Politikum: Trump schimpfte an einem ersten vollen Tag im Amt über »die Medien« mit ihren falschen Angaben. Er befinde sich in einem »Dauerkrieg gegen die Medien, die zu den verlogensten Menschen auf Erden gehören«.

Sie sei überglücklich über Donald Trumps Wahlsieg, sagte hingegen Elizabeth Frattasio. Zusammen mit ihrem Ehemann Seth und ihren beiden Buben kam die Immobilienmaklerin aus Boston zur Amtseinführung. Die Menschen würden wieder mehr Stolz haben auf die USA unter einem starken Präsidenten, sagt Frattasio. Der neue Präsident senke hoffentlich ihre Steuern. Und das mit Trumps Mauer sei ein guter Plan. Ein Land brauche doch Sicherheit.

Bis von Idaho reiste Bunni Farnham zu den Trump-Feierlichkeiten, im Nebenberuf Sekretärin, im »Hauptberuf« Mutter von sechs Kindern. Das Volk sei aufgewacht, lobte Farnham. Christen würden diskriminiert in den USA. Eine Bäckerei werde in den Ruin getrieben, weil sie keinen Hochzeitskuchen backe für eine Homo-Ehe. Doch wenn ein Modedesigner verkünde, er werde die neue First Lady nicht ausstatten, habe das keine Konsequenzen. Unter Trump werde ein anderes Bewusstsein entstehen.

Der Informationsdienst Pew Research Center hat kurz vor der Amtseinführung eine Umfrage vorgelegt: 86 Prozent der US-Amerikaner seien der Ansicht, die USA seien tiefer gespalten als in der Vergangenheit. Nur 24 Prozent vermuteten, die Spaltung werde in den kommenden fünf Jahren nachlassen.

Die christliche Welt, deren Anführer sich gerne sehen als Agenten für Versöhnung, sucht Orientierung. Weiße Evangelikale haben zu rund achtzig Prozent Trump gewählt. Steve Gaines, Präsident des »Südlichen Baptistenverbandes«, der größten protestantischen Kirche, mahnte: Christen müssten »für das Amt des Präsidenten … und den Mann in diesem Amt beten«. Sei man anderer Meinung als Trump, müsse man Differenzen mit Respekt und ohne persönliche Angriffe zur Sprache bringen.

Die protestantischen »Mainline«-Kirchen, zu denen Lutheraner, Methodisten und Presbyterianer zählen, fühlten sich relativ wohl mit Barack Obamas liberalem und sozial engagiertem Protestantismus, beeinflusst von Traditio­nen des afro-amerikanischen Christentums. Bei Trump steht Mainline draußen vor der Tür. Der Nationale Kirchenrat, der größte ökumenische Verband, und die Konferenz Nationaler Schwarzer Kirchen kritisierten mehrere Mitglieder von Trumps Kabinett: Sie versinnbildlichten extremistische und rassistische Ansichten, nicht vereinbar mit Nächstenliebe.

Bei den Protesten am Tag nach der Amtseinführung sah man hier und da Teilnehmer, die sich als Angehörige einer religiösen Gruppierung identifizierten: Doch prominente Rollen, wie »seinerzeit« bei Friedenskundgebungen und Bürgerrechtsaktionen, spielte Religion nicht: Die Aktivisten kommen aus einer Generation und einem Milieu, in denen organisierte Religion nicht sehr wichtig ist.

Dass Trump gewinnen konnte, weil »seine Leute« wählen gingen und seine Gegner weniger, hat die Welt überrascht. Der politische Neuanfang ist geprägt von Ungewissheit. Trump legte bisher wenig Konkretes vor; viele Anhänger vertrauen ihm anscheinend, er werde schon das Richtige tun. Viele Trump-Nicht-Wähler haben Angst. Da ist der autoritäre Stil, Trumps Attacken und sein Bild von einem Amerika, das sehr weiß ist, konservativ, immer auf ihn selber bezogen und kaum berechenbar.

Kurz vor seinem Abschied wollte Obama seine Leute beruhigen. Donald Trump werde sicherlich anders regieren, das sei so nach einem »friedvollen Machtübergang«, sagte Obama. Doch: »Der Weltuntergang kommt nur, wenn der Weltuntergang kommt.« Er glaube an Amerika, an die Menschen in diesem Land, dass »Menschen eher gut sind als schlecht«.

Offensichtlich setzt Obama auch auf Sachzwänge und komplexe Realitäten, die jedem Präsidenten Grenzen aufzeigten. Bei Trump weiß man jedoch weniger als bei wohl allen US-Präsidenten der Vergangenheit, was er tun wird. Wohin ihn sein Glaube führt – nur er könne die Nation retten – und wer und was ihn bremsen kann. Donald Trump ist der Ansicht, wie er das auch in einer Antrittsrede wissen ließ, dass er Anführer ist einer neuen Bewegung hin auf ein anderes Amerika.

Konrad Ege

Mit Martin Luther in den Staaten

2. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: Im öffentlichen Leben spielt das Reformationsjubiläum kaum eine Rolle. Dennoch hat Martin Luther seine Fans und so manchen großen Auftritt jenseits des Atlantiks.

Die »Morgan Library and Museum« (Morgan Bibliothek und Museum) im Herzen von Manhattan gilt in den USA als eine edle Adresse für Künstler und Kunstliebhaber. Seit Anfang Oktober begegnen Besucher dort dem deutschen Reformator Martin Luther oder zumindest seinem Abbild, einem Luther-Porträt des Malers Lucas Cranach. 500 Jahre nach Beginn der Reformation kommt Martin Luther in die USA.

Das Cranach-Porträt sowie Cranachs berühmtes »Christus und Maria«-Gemälde, beheimatet »normalerweise« in der Stiftung Schloss Friedenstein im thüringischen Gotha, sind Teile von drei Ausstellungen in den USA rund um Martin Luthers Leben und Wirken. Der Reformator ist auch zu Gast im Minneapolis Institute of Art in Minnesota und in der Pitts Theology Library der Chandler School of Theology in Atlanta in Georgia.

Niemals zuvor konnte man in den USA so viele und so kostbare Materialien zu Luther und der Reformation begutachten und bestaunen. Im »Morgan«, einer von dem Bankier John Pierpont Morgan Anfang des 20. Jahrhunderts geschaffenen Einrichtung, sieht der Besucher Schriftstücke und Handschriften aus Luthers Leben und Wirken, vom Thesenanschlag bis hin zur Bibelübersetzung auf der Wartburg und dem Schaffen in Wittenberg.

Bunte Halbinsel Manhattan: Hier im Herzen der Metropole New York hat bereits seit 7. Oktober die erste Ausstellung unter dem Slogan »Here I stand …« zum Thema Luther und die Reformation geöffnet. Weitere Expositionen sind seit 11. Oktober in Atlanta und ab 30. Oktober in Minneapolis zu sehen. Foto: sborisov – Fotolia

Bunte Halbinsel Manhattan: Hier im Herzen der Metropole New York hat bereits seit 7. Oktober die erste Ausstellung unter dem Slogan »Here I stand …« zum Thema Luther und die Reformation geöffnet. Weitere Expositionen sind seit 11. Oktober in Atlanta und ab 30. Oktober in Minneapolis zu sehen. Foto: sborisov – Fotolia

Als »Kronjuwelen« der rund einhundert Exponate gelten unter anderem ein zeitgenössischer Plakatdruck der 95 Thesen, eines der wenigen solchen Druckwerke, die noch existieren. Kurator John McQuillen sagte im Informationsdienst »Religion News Service«, Luther habe sich moderner Vervielfältigungsverfahren bedient. »Es war eine Art ›Tweeten‹ im Stil des 16. Jahrhunderts, diese kurzen Pamphlete, diese kurzen einseitigen Traktate und plakatartigen Holzschnittdrucke«, meint der Kurator.

Bei der Ausstellung in Minnesota (der Staat ist das geografische Zentrum der US-Lutheraner) geht es um den Alltagskontext der Reformation. Zahlreiche archäologische Funde aus Luthers Elternhaus und aus dem Lutherhaus in Wittenberg, darunter ein grün lackiertes Schreibset, das vielleicht gar vom Vielschreiber Luther selber benutzt wurde, sollen damalige Lebensumstände greifbar machen. Und es geht um Martin Luthers Theologie und Frömmigkeit, die bildlich verständlich gemacht werden sollen in dem monumentalen Gothaer Tafelaltar mit seinem biblischen Bilderzyklus.

Schwerpunkt in der Pitts Theological Library der protestantischen Chandler School of Theology ist Lucas Cranachs Gemälde »Gesetz und Gnade« (1536). Das Werk sei »der wichtigste Beitrag der deutschen Reformation zu der bildlichen Kunst«, sagte der Leiter der Bibliothek, M. Patrick Graham. Und es bringe Luthers Rechtfertigungslehre auf den Punkt.

Chandler ist nach eigener Darstellung geprägt von »evangelikaler Frömmigkeit, ökumenischer Offenheit und sozialem Engagement«. Bekannt ist Chandler wegen seiner Theologievorlesungen auch in Gefängnissen. Der deutsche Theologe Jürgen Moltmann hat von 1983 bis 1993 in Chandler gelehrt und wird der Einrichtung einmal sein gesamtes Archiv vermachen.

Ein kleiner Teil von Chandlers Ausstellung befasst sich auch mit Martin Luther King. Es sei in den USA relativ unbekannt, wie viel Einfluss der Bürgerrechtsführer auf den »Freiheitskampf im kommunistischen Ostdeutschland« gehabt habe, steht im Ausstellungskatalog. Besucher sehen dazu Fotos von Kings Aufenthalt in Ostberlin 1964.

Die drei Ausstellungen wurden vom Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt, dem Deutschen Historischen Museum Berlin sowie der Stiftung Schloss Friedenstein realisiert. Man wolle die Luther-Ausstellungen nutzen, »um eine möglichst große Zahl von lutherisch geprägten und geschichtlich interessierten Amerikanern für einen Besuch in Thüringen und Sachsen-Anhalt zu begeistern«, sagt Bärbel Grönegres, Geschäftsführerin der Thüringer Tourismus Gesellschaft.

In den USA nimmt der 500. Geburtstag weniger gesellschaftlichen Raum ein als in Deutschland. Und so viele Lutheraner gibt es nicht. Die meisten gehören der größten lutherischen Kirche an, der »Evangelischen Lutherischen Kirche in Amerika« (ELCA), die 3,7 Millionen Mitglieder zählt. Daneben gibt es als zweitgrößte lutherische Gemeinschaft die theologisch konservative »Lutherisch Kirche – Missouri-Synode«, zu der 2,3 Millionen Amerikaner gehören. Letztere betreibt auch eine spezielle Internetseite mit vielen Informationen rund um die Reformation sowie Hinweisen auf zahlreiche Veranstaltungen im Jubiläumsjahr.

Und auch die Vermarktung kommt nicht zu kurz: Das Concordia Publishing House bietet in einem Internetshop nicht nur die auch in Deutschland bekannte Playmobil-Figur des Reformators an. Ebenso sind Luther und seine Frau Käthe als Wackelkopfpuppen erhältlich, neben T-Shirts und Frisbee-Scheiben mit Lutherrose und vielem mehr an Nippes rund um 500 Jahre Reformation.

Konrad Ege

http://lutheranreformation.org/
www.cph.org/t-reformation.aspx?

USA: Die endlose Debatte über Schusswaffen

13. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Es war spektakulär, als im Juni demokratische Kongressabgeordnete im US-Capitol einen Sitzstreik durchführten, um eine Abstimmung zur Schusswaffenkontrolle zu erzwingen. Doch die Debatte steckt fest. Barack Obama hat schon mehr als ein Dutzend Mal Hinterbliebenen von Schusswaffenmassakern kondoliert. Beschwerden über die Waffenindustrie und den Lobbyverband »National Rifle Association« (NRA), der unerbittlich auf das Recht zum Waffenbesitz pocht, haben allerdings nicht viel gebracht. Beide Seiten leben in verschiedenen Welten, fühlen sich als Opfer.

Normalität: Ein Mädchen mit Schnellfeuergewehr beim traditionellen Umzug am Unabhängigkeitstag in Colorado. Foto: picture alliance/ZUMAPRESS

Normalität: Ein Mädchen mit Schnellfeuergewehr beim traditionellen Umzug am Unabhängigkeitstag in Colorado. Foto: picture alliance/ZUMAPRESS

Schätzungsweise 300 Millionen Schusswaffen sind in den USA in Privathänden – statistisch beinahe eine pro Person. Etwa ein Drittel der US-Amerikaner lebt in Haushalten mit einer Schusswaffe. Laut dem »Zentrum für Krankheitskontrolle und Prävention«, einer öffentlichen Behörde, sind im Jahr 2013 in den USA 11 208 Menschen mit Schusswaffen getötet worden. Mehr als 20 000 Menschen haben sich mit einer Kugel selbst das Leben genommen.

Der Waffenhandel boomt jedes Mal nach Massenmorden. Viele legale Käufer treibt im Grunde genommen, was auch Schusswaffengegner treibt, die sich über die Waffenvernarrtheit entsetzen: das illusorische Verlangen nach Sicherheit. Selbstschutz wird bei Umfragen als Hauptgrund für den Waffenbesitz genannt. Dabei geht die Kriminalität seit Jahren stark zurück. Aber Bewaffnete verweisen zudem auf die US-Verfassung: Diese garantiere das Recht auf Waffenbesitz.

Tiefes Misstrauen liegt der Debatte zu Grunde. Schusswaffengegner misstrauen den Besitzern, die sich von den Herstellern und der NRA vereinnahmen ließen und einfach nicht verstehen wollten, dass die Todeszahlen so hoch sind, weil Waffen so leicht zugänglich sind. Die Bewaffneten misstrauen dagegen der Regierung und trauen ihr auch zu, Gesetze zu schreiben, die dem gesetzestreuen Amerikaner schaden könnten. Waffenbesitzer sind überwiegend konservativ eingestellte weiße Männer. Frauen bewaffnen sich kaum, und Afroamerikaner viel weniger als Weiße.

Doch trotz ihrer Erfolge beim Abschmettern von Reformen: Schusswaffenbesitz und der Stolz auf die Waffe gehören zu einem Amerika, das an Einfluss verliert. Anfang der achtziger Jahre wohnten noch 50 Prozent der US-Amerikaner in Haushalten mit einer Waffe. Junge Leute schießen heute nicht mehr auf der Jagd, sondern beim Computerspiel auf dem Laptop- oder Smartphonebildschirm.

Verglichen mit Europa ist in den USA die Zahl der Schusswaffenopfer astronomisch hoch. Doch bei aller Empörung: Die Rate ist nach Regierungsangaben seit Anfang der neunziger Jahre stark zurückgegangen, von sieben Morden pro 100 000 Einwohner auf 3,8 Morde. Die USA werden wohl weiter mit ihren Schusswaffenarsenalen leben. Für Kirchen ist die Diskussion schwierig: Denn auch in ihren Bänken sitzen viele Schusswaffenbesitzer.

Konrad Ege

»Unserem Heiland nacheifern«

28. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Jimmy Carter – der Evangelikale, der ebenso Präsidenten wie seine eigene Kirche kritisiert

Als Präsident der USA wurde Jimmy Carter viel belächelt und angefeindet. Im »Ruhestand« dagegen verschafft er sich großen Respekt. Er gilt zugleich als Amerikas erster evangelikaler Präsident.

James Earl Carter, seit mehr als drei Jahrzehnten außer Amtes, hat diesen Sommer wieder Menschen bewegt: Im August machte der 90-Jährige, der am 1. Oktober 91 wird, bekannt, er habe Krebs. Ärzte hätten Metastasen in seinem Gehirn gefunden. Carter sagte weiter: Sein Leben liege in Gottes Hand. Er fühle sich überraschend leicht. Wenige Tage nach der Pressekonferenz gab Jimmy Carter eine Bibelstunde in seiner Maranatha Baptistenkirche in Plains im Bundesstaat Georgia. Es ging um die Bergpredigt und »den wichtigsten Aspekt des Christentums«, so Carter: Liebet eure Feinde.

Voller Gottvertrauen – trotz Krebserkrankung: Jimmy Carter bei der Pressekonferenz im August. Foto: Reuters/Tami Chappell

Voller Gottvertrauen – trotz Krebserkrankung: Jimmy Carter bei der Pressekonferenz im August. Foto: Reuters/Tami Chappell

Der Mann aus Plains war von 1977 bis 1981 US-Präsident. Das waren schwierige Jahre mit Ölkrise und langen Schlangen an den Tankstellen, einer Wirtschaftskrise mit zwölf Prozent Inflation, der gescheiterten Befreiungsaktion für 52 US-amerikanische Geiseln in Teheran und dem Nuklearunfall im Kraftwerk Three Mile Island. Spätestens nach dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan 1979 stand Carters Außenpolitik im Zeichen des Kalten Krieges. Er ließ aufrüsten. Für viele in den USA war der Erdnussfarmer, Sonntagsschullehrer und Ex-Gouverneur gewöhnungsbedürftig. »Ich werde euch nie anlügen«, hatte er im Wahlkampf versprochen. In einem viel begrinsten Interview ausgerechnet mit dem »Playboy« gab Carter zu, es habe ihn »im Herzen gelüstet« nach anderen Frauen. Das Wochenmagazin »Newsweek« erläuterte auf der Titelseite, 1976 sei das »Jahr der Evangelikalen«. Zuvor lebte dieser »schlafende Gigant der amerikanischen Politik« nach der Maxime, Politisches tendiere zum Sündhaften; der eigene Auftrag liege in der Bekehrung anderer Menschen.

Nach seiner Niederlage gegen den Strahlemann Ronald Reagan 1980 begann ein neues Leben. »Als ich das Weiße Haus verließ, war ich noch ziemlich jung, und ich hatte vielleicht 25 produktive Jahre in mir«, sagte Carter in einem Fernsehinterview. Zusammen mit seiner Frau Rosalynn gründete er 1982 das Carter Center in Atlanta. Dem Ehepaar und den vielen Mitarbeitern geht es um Menschenrechte, Demokratie und Krankheitsverhinderung in armen Ländern. Dutzende Male war Carter als internationaler Wahlbeobachter tätig. 2002 erhielt er den Friedensnobelpreis.

Carter hat den amtierenden Präsident Barack Obama wegen des Drohnenkrieges kritisiert und sich für die Schließung des Gefangenenlagers Guantanamo ausgesprochen. Gläubige müssten »unserem Heiland nacheifern und so handeln wie er«, dies sei Carters Botschaft in den Bibelstunden, wie Beobachter berichten. In den letzten Jahren ist er allerdings mehrmals mit seiner Heimatkirche kollidiert, dem Südlichen Baptistenverband. Dass Frauen in dieser größten protestantischen Kirche der USA nicht predigen dürfen, widerspreche der Bibel. Oftmals missbrauchten Religionen ihre Lehre zur Unterdrückung der Frauen. Gegenüber Huffington Post Life äußerte sich Carter auch zur Homo-Ehe: Jesus würde wohl »eine jede Liebe gut heißen, die ehrlich und aufrichtig ist und niemanden verletzt«. Wie er es sehe, »tut die gleichgeschlechtliche Ehe niemandem anderen weh«.

»Ich wünsche, dass der letzte Guineawurm stirbt, bevor ich sterbe«, sagte Jimmy Carter, als er über seine Krebserkrankung sprach. Kryptisch nur für Nicht-Eingeweihte: Zum Programm des Carter Center gehört seit 1986 die Ausrottung der Guineawurm-Krankheit, die sich im verunreinigten Trinkwasser verbreitet. Die Kampagne steht kurz vor ihrem Ziel. Mitte der achtziger Jahre litten rund 3,5 Millionen Menschen in mehr als zwanzig Ländern an dieser extrem schmerzhaften und langwierigen Krankheit. Im Jahr 2014 wurden laut Carter Center weltweit nur mehr 126 Fälle gezählt: in Äthiopien, Mali, Sudan und im Tschad.

Für den Kampf gegen die Krankheit reichen einfache Mittel: Reinigung von Trinkwasser mit Filtertüchern und Abkochen. Carters Wunsch könnte in Erfüllung gehen.

Konrad Ege

Von wegen Freiheitsstatue

12. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: In der Hoffnung auf Freiheit und Sicherheit kommen Minderjährige aus Mittelamerika illegal über die Grenze

Es sind Kinder und Teenager, die seit Monaten zu Tausenden ohne Papiere von Mexiko in die Vereinigten Staaten kommen. Experten sprechen inzwischen von einer humanitären Katastrophe.

Seit Oktober vergangenen Jahres hat die US-Grenzbehörde 57 000 »unbegleitete Minderjährige« aus Honduras, El Salvador, Guatemala und Mexiko in Gewahrsam genommen. Die jungen Menschen werden meist von Menschenschmugglern, sogenannten »Coyotes«, an die Grenze gebracht. Einmal in den USA, suchen die Teenager und Kinder nach Grenzern, um sich zu stellen – in der Hoffnung, im Land ihrer Hoffnung bleiben zu dürfen.

Eine Gruppe von illegalen Einwanderern aus Honduras und El Salvador wird im US-Bundesstaat Texas hinter der Grenze zu Mexiko von der Grenzpolizei gestoppt. Viele der Migranten sind Minderjährige. Foto: picture alliance

Eine Gruppe von illegalen Einwanderern aus Honduras und El Salvador wird im US-Bundesstaat Texas hinter der Grenze zu Mexiko von der Grenzpolizei gestoppt. Viele der Migranten sind Minderjährige. Foto: picture alliance

Über parteipolitische Grenzen hinweg ist man sich einig: Hier geschieht eine humanitäre Katastrophe. Doch in den USA weht ein kalter Wind. Präsident Barack Obama ist unter Druck: »Illegale Einwanderung« erregt die Gemüter. Man könne nicht alle aufnehmen, heißt es gern. Die Grenze dicht machen und die »Illegalen« postwendend zurückschicken, fordern deshalb viele Politiker. Das sei auch das Beste für die Kinder. Die Migration werde nur aufhören, »wenn Flugzeuge voller Kinder nach Zentralamerika zurückkehren«, tönte jüngst der republikanische Senator John McCain.

Unbegleitete Minderjährige kommen schon seit vielen Jahren. Doch nie war der Andrang so stark. Früher waren es hauptsächlich junge Menschen aus dem Nachbarland Mexiko. Gegenwärtig stammen drei Viertel aus El Salvador, Guatemala und Honduras. Hilfsverbände machen die dort eskalierende Drogen- und Bandengewalt verantwortlich. Es fliehen Jugendliche wie der 18-jährige Oscar Leonel Turcios Funez aus Honduras. Sein Vater, Eigentümer eines Internet-Cafés, sei ermordet worden, weil er kein Schutzgeld zahlen wollte, sagte Oscar einem Rechtshilfeverband. Er selber sei bedroht worden und habe sich deshalb auf den Weg nach Norden gemacht.

Die größten Fürsprecher der Kinder sind gegenwärtig die Kirchen. Die biblische Heilige Familie habe auch keine Papiere gehabt bei der Flucht nach Ägypten, sagte die Leitende Bischöfin der Evangelischen Lutherischen Kirche in Amerika, Elizabeth Eaton. Und auch Papst Franziskus fordert, man müsse »die Kinder willkommen heißen und schützen«. Der Empfang müsse begleitet werden von Warnungen vor der Gefahr der Migration und von Maßnahmen, »die Entwicklung in den Heimatländern zu fördern«.

Die gerichtliche Prüfung soll ausgehebelt werden

Nach geltendem Recht dürfen Grenzbeamte junge Mexikaner ohne Papiere zurückschicken. Bei undokumentierten Minderjährigen aus Ländern, die nicht an die USA angrenzen, muss jedoch ein Gericht prüfen, ob Asyl gewährt oder ein Visum erteilt wird. Der Lutherische Einwanderungs- und Flüchtlingsdienst und andere Hilfsorganisationen haben skeptisch reagiert auf Obamas Krisenplan. Sein 3,7 Milliarden-Dollar-Vorhaben, dem der Kongress noch nicht zugestimmt hat, soll die Kinder versorgen helfen und die Grenze weiter befestigen. Zudem will Obama anscheinend das Immigrationsgesetz ändern, so dass alle Minderjährigen so behandelt werden wie die aus Mexiko.

Der Direktor der Hilfsorganisation Raices im texanischen San Antonio erklärte in der »New York Times«, vielen mittelamerikanischen Minderjährigen drohe Lebensgefahr in ihrer Heimat. Das stelle man erst fest, wenn man die Fälle genau prüfe.

Friedensnobelpreisträger Oscar Arias, der frühere Präsident von Costa Rica, schrieb am Wochenende in der »Washington Post«, die »Gewalt und Armut, die das Leben der Kinder unerträglich macht« stamme von den zentralamerikanischen Bürgerkriegen der achtziger Jahre. Nach dem Ende der Kriege seien aus Soldaten und Guerillas Gang-Mitglieder geworden. Statt in mehr Grenzbefestigung müssten die USA in Entwicklungsprogramme investieren. Mit nur 62 Millionen Dollar für ein Ausbildungsprogramm, wie es derzeit bereits in Costa Rica bestehe, könne man die in den letzten Monaten an der Grenze aufgegriffenen Kinder und Jugendlichen ein Jahr lang zur Schule schicken. Doch auch die drastischen Unterschiede zwischen Arm und Reich in Guatemala, El Salvador und Honduras selbst müssten angegangen werden: Es sei unentschuldbar, dass Zentralamerika trotz so viel Armut die niedrigsten Steuersätze der Welt für die Reichen habe.

Konrad Ege

Lampedusa in der Wüste von Arizona

16. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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In den USA beziehen Bischöfe Stellung für Flüchtlinge

Hierzulande schauen wir auf das Mittelmeer und auf Lampedusa, aber Migrantenströme gibt es auch woanders. In den USA haben rund 6 000 Flüchtlinge seit 1998 beim Versuch des Grenzübertritts von Mexiko in die USA ihr Leben verloren.

In der seit Jahren laufenden Diskussion um die Reform der US-Einwanderungsgesetze haben die katholischen Bischöfe ein ungewöhnliches Zeichen gesetzt: Ein Dutzend US-Bischöfe versammelten sich Anfang April zu einer Messfeier direkt an dem zehn Meter hohen Grenzzaun nach Mexiko in der Wüste von Arizona. Zusammen mit mehreren Jugendlichen legte Kardinal Seán O’Malley einen Blumenkranz nieder. Hunderte Menschen aus Mexiko und Mittelamerika sterben jedes Jahr in der Wüste beim Versuch, in die USA zu gelangen. Bei der Gerichtsmedizin des Grenzlandkreises Pima lagen laut dem Jahresbericht des Amtes bei Jahresende 2012 mehr als 700 nicht identifizierte Leichen.

O’Malley betonte in seiner Predigt, die oftmals zu »Illegalen« abgestempelten Migranten seien »unsere Brüder und Schwestern«. Seine Familie komme aus Irland, und die meisten US-Amerikaner seien selber Einwanderer oder Nachfahren von Einwanderern. Die Wüste sei »das Lampedusa der Vereinigten Staaten«, erklärte Weihbischof Eusebio Elizondo, der Vorsitzende des bischöflichen Komitees für Migration. Im Juli 2013 hatte Papst Franziskus auf der Mittelmeerinsel für Migranten gebetet und die »Globalisierung der Gleichgültigkeit« angeprangert. Elizondo forderte bei einer Pressekonferenz, die US-Regierung müsse »noch in diesem Jahr« eine umfassende Einwanderungsreform beschließen. Immigration sei ein moralisches und ethisches Anliegen, nicht nur ein politisches und wirtschaftliches.

Der Verband der katholischen Bischöfe der USA setzt sich schon seit Jahren für Reform ein. Den mehr als 10 Millionen Migranten in den USA ohne Papiere müsse ein »Pfad zur Staatsbürgerschaft« geöffnet werden. Außerdem müssten die Abschiebepraxis und die Grenzkontrollen menschlicher gestaltet werden. Hauptgrund der illegalen Einwanderung sei »extreme Armut«. Eine dauerhafte Lösung der »undokumentierten Migration« sei nur mit langfristigen Wirtschaftsmaßnahmen für mehr soziale Gerechtigkeit möglich. Kritiker haben jedoch bemängelt, dass sich die Bischöfe beim Thema Einwanderung anscheinend mit weniger Energie und Deutlichkeit einmischten als bei der Kontroverse, ob Krankenversicherungen im Zuge der Gesundheitsreform auch für Empfängnisverhütungsmittel zahlen müssten.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Kardinal O’Malley machte nach der Messfeier den US-Kongress für das gegenwärtige Stocken der Einwanderungsreform verantwortlich. Präsident Barack Obama sei bereit, ein umfassendes Reformgesetz zu unterzeichnen. Im Repräsentantenhaus, einem der beiden Häuser im Kongress, haben jedoch die Republikaner die Mehrheit. Der Sprecher des Repräsentantenhauses, John Boehner, hat in den letzten Monaten mehrmals signalisiert, seine Partei werde nicht für Reform stimmen. Der vorgeschlagene »Pfad zur Legalisierung« sei eine »Amnestie für Illegale« und belohne den illegalen Grenzübertritt.

In hispanischen Bürgerverbänden kommt in den letzten Monaten freilich auch zunehmend Kritik hoch an Obama. Während seiner Amtszeit seien fast zwei Millionen Menschen abgeschoben worden, viele mit Familienangehörigen in den USA, beklagte der Latino-Verband »National Council of La Raza«. Bei der Messfeier auf der US-amerikanischen Seite des Grenzzaunes versammelten sich auch Hunderte Menschen auf der mexikanischen Seite. Bei der Kommunion wurden die Hostien durch die mehrere Zentimeter breiten Spalten zwischen den Eisenstangen zu den Gläubigen in Mexiko gereicht.

Konrad Ege

USA: Die Gläubigen und die Sache mit dem Geld

12. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Franziskus, Papst mit zehn Millionen »Followern« auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, kommt auch in den USA »an«. 88 Prozent der US-Katholiken und 58 Prozent der Bevölkerung sagten bei einer kürzlichen Umfrage, sie hätten einen guten Eindruck vom ersten jesuitischen Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche. Doch es stellt sich die Frage: Hören die Menschen wirklich hin, wenn der Papst vom »Weg der Bescheidenheit« predigt, dass die Gier nach Geld den Menschen krank mache, und dass Geld dienen müsse und nicht ­regieren dürfe?

Konrad Ege berichtet für unsere Zeitung aus den USA.

Konrad Ege berichtet für unsere Zeitung aus den USA.

Die Realität der USA bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung. Die Zahl der Millionäre und Milliardäre wächst gen Himmel. Laut dem Wirtschaftsmagazin Forbes leben in den USA gegenwärtig 442 Milliardäre, ein neuer Rekord. 45000 der 310 Millionen US-Amerikaner verfügten über jeweils mehr als 50 Millionen Dollar, so der jüngste globale Reichtumsbericht von Credit Suisse. Doch ein Fünftel ­aller Kinder wächst in den USA nach Regierungsangaben in Armut auf. 47 Millionen Menschen sind auf staatliche Lebensmittelhilfe angewiesen. Auch ein neuer Rekord.

Der Aufschwung seit der Rezession von 2008/09 kommt in den USA fast ausschließlich den Top-Verdienern zugute. Die Ursachen: Steuer­gesetze zum Wohle derer ganz oben, ein Mangel an Maßnahmen zur Konjunkturbelebung. Und die Löhne ­stagnieren oder fallen sogar. Mehr als die Hälfte der neuen Arbeitsplätze ist im Niedriglohnsektor angesiedelt, ­berichtet das Wirtschaftsforschungsinstitut »National Employment Law Project«.

Von kirchlicher Seite kommt wenig Empörung über diese Zustände. Etwas Lobbyarbeit wird gemacht für ­Soziales und gegen die – dann doch im Kongress beschlossene – Kürzung der Lebensmittelhilfe. Doch grundsätzliche Worte gegen Habsucht und Gier hört man kaum. Und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich ist definitiv kein großes Thema in kirchlichen Kreisen. Über Geld sprechen ohnehin vor allem die ungern, die viel davon haben.

Es sei denn, man schimpft über Franz-Peter Tebartz-van Elst. Der Bischof aus Limburg ist selbst in den USA bekannt geworden. »Protz-Bischof« (»bishop of bling«) wird er in den US-Medien genannt. Dass es da einen Kirchenmann gibt, der anscheinend in großer Opulenz lebt, das befreit dann irgendwie von der eigenen Verantwortung und vom schlechten Gewissen wegen der eigenen Liebe zum Geld. Da kann man getrost den zweiten, dritten oder vierten Stein werfen und weiterhin die Stars aus Sport und Medien mit ihrem pompösen Lebensstil verehren.

Es ist halt eine schwierige Sache mit dem Geld. Auf protestantischer Seite verkünden in den USA vielerorts Prediger immer noch ein »Wohlstandsevangelium«, demzufolge materieller Besitz eine Gabe Gottes sei für besonders gläubige Menschen. Und manche dieser Prediger leben in einem Luxus, der Tebartz-van Elst’s Behausung weit übertrifft.

Konrad Ege

Gottesdienst mit Klapperschlange

5. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: Glaubenstest per Giftschlange – wer gebissen wird und stirbt, war eben dazu bestimmt

In einigen Kirchen in den USA gilt es als Glaubensbeweis, im Gottesdienst giftige Schlangen zu berühren.

Wenn Pastor Andrew Hamblin aus LaFollette im US-Bundesstaat Tennessee sonntags zum Gottesdienst geht, bringt er die Bibel mit – und ein paar Klapperschlangen. Das ist definitiv exotisch und theologisch fragwürdig. Aber es ist verwurzelt in der Tradition mancher pfingstkirchlich geprägter Gemeinden in den Bergen der Appalachen, in den südöstlichen Bundesstaaten Tennessee, Kentucky und West Virginia. Der US-Fernsehsender »National Geographic« zeigt zurzeit eine Realityshow über Christen, die beim Gottesdienst Giftschlangen berühren: »Snake Salvation« (Schlangenrettung) heißt die Serie.

Glaube oder Übermut? In manchen pfingstlerischen Kirchen des Südostens der USA gehört das Berühren von Giftschlangen – wie hier in der »Church of the Lord Jesus Christ« in Kingston (Georgia) einer Klapperschlange – zu den üblichen Glaubensübungen. Foto: Reuters

Glaube oder Übermut? In manchen pfingstlerischen Kirchen des Südostens der USA gehört das Berühren von Giftschlangen – wie hier in der »Church of the Lord Jesus Christ« in Kingston (Georgia) einer Klapperschlange – zu den üblichen Glaubensübungen. Foto: Reuters

Begründet wird die Praxis mit dem 16. Kapitel im Markus-Evangelium, Vers 17 und 18: Gläubige würden »in neuen Zungen reden, Schlangen mit den Händen hochheben«, und selbst, wenn sie etwas tödliches trinken, schade es ihnen nicht, heißt es dort. Das mit den Schlangen sei »ein Gebot genauso wie das Gebot, ›Du sollst nicht ehebrechen‹«, erklärte Hamblins Kollege Jamie Coots, Pastor in Middlesboro in Kentucky. Die Giftschlangen zeigten Ungläubigen die Macht Gottes.

Die Bergkette der Appalachen ist eine unwegsame Region, die Böden karg, die Wälder dicht. Früher wurde viel Kohle gefördert, doch der Bergbau hat nachgelassen. Die Einwohner mit ihrem langsamen Südstaaten-Dialekt haben in den USA eher das Image von Hinterwäldlern. In LaFollette lebt nach Regierungsangaben rund ein Drittel der 8000 Bewohner unter der offiziellen Armutsgrenze.

In dieser Gegend und im gesamten ländlichen Südosten der USA feiern mehr als 100 Kirchen mit Hilfe giftiger Schlangen Gottesdienst. Die Musik ist laut, Bassgitarren, Schlagzeug, Keyboard, das Gebet inbrünstig, Hände fliegen hoch im Lobpreis. Und dann werden die Holzkästen mit den Schlangen geöffnet. Betende, Singende und Tanzende heben die Schlangen hoch, reichen sie weiter, manche scheinbar in einer Art Trance. Beim Umgang mit den Schlangen verspüre sie unermessliche innere Freu­de, sagte eine Frau in »Snake Salvation«. Nicht alle Anwesenden berühren die Schlangen. Er riskiere es nur, wenn er in diesem Augenblick ­einen besonderen göttlichen Schutz empfinde, sagt Pastor Hamblin, 23, verheiratet, fünf Kinder.

Ralph Hood ist Professor für Psychologie der Religion an der Universität von Tennessee in Chattanooga und befasst sich seit 25 Jahren mit den »Schlangenkirchen«. Er selber lasse die Finger von den Reptilien, versichert er. Ab und zu habe er den Eindruck, einigen Schlangenbetern ginge es um eine Show. Doch er habe viele hochanständige, tiefgläubige Menschen in den Gemeinden kennengelernt. Der Umgang mit den Giftschlangen gebe den Gläubigen offenbar ein Gefühl der Ermächtigung. In ihrem Glauben hätten sie damit die Angst vor dem Tod überwunden.

Die Gottesdienste mit den Schlangen haben ihren Ursprung Anfang vergangenen Jahrhunderts in der pfingstkirchlichen Erneuerungsbewegung: In diesen charismatischen Kirchen ist Glaube nicht nur Wort, sondern etwas Gefühltes, das mit dem ganzen Leben zum Ausdruck gebracht wird, sagt Hood. Der Umgang mit den Giftschlangen habe viele Außenseiter beeindruckt, und anfangs wesentlich zum Wachstum der Pfingstkirchen beigetragen. Doch die Praxis sei seltener geworden.

Manchmal beißen die Schlangen nämlich. In »Snake Salvation« zeigt Pastor Coots seine Hand mit einem verstümmelten Finger. Hamblin ist auch schon gebissen worden. Und es gibt sogar tödliche Bisse. Der letzte bekannte Todesfall stammt vom Mai 2012: Pastor Mack Wolford aus Matoaka in West Virginia starb nach achtstündigem Todeskampf, nachdem ihn eine Klapperschlange gebissen hatte. Wie sein Vater 30 Jahre davor, hatte Wolford ärztliche Hilfe verweigert.

Die Todesfälle stünden für die Gläubigen nicht im Widerspruch zur Bibel, erläutert Hood. Denn jeder Mensch müsse sterben. Und wer durch einen Schlangenbiss sterbe, für den sei halt die Zeit gekommen.

Konrad Ege (epd)

USA: Obrigkeitsgläubigkeit und Telefonüberwachung

9. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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1931 wurde Carl Zuckmayers Theaterstück »Der Hauptmann von Köpenick« uraufgeführt, 1933 wurde es von den Nazis verboten, 1956 wurde es verfilmt und für den Oscar nominiert. »Der Hauptmann von Köpenick« mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle wird noch heute immer wieder im Fernsehen gezeigt. Die Geschichte spielt Anfang des 20. Jahrhunderts im uniformverliebten Preußen: Der wegen seiner Vorstrafen in aussichtsloser Situation steckende Schuster Wilhelm Voigt besorgt sich eine Hauptmannsuniform, stellt zwei vorbeimarschierende Wachmannschaften kurzerhand unter seinen Befehl, besetzt das Rathaus von Köpenick. Er verhaftet den Bürgermeister sowie einen weiteren Stadtbeamten und »beschlagnahmt« die Stadtkasse. Weil er Uniform trägt, wird ihm widerstandslos gehorcht. Er handle »auf allerhöchsten Befehl seiner Majestät des Kaisers und Königs«, sagt er.

Konrad Ege berichtet für unsere Zeitung aus den USA.

Konrad Ege berichtet für unsere Zeitung aus den USA.

Heute lacht und schmunzelt man beim Film. Wie konnten die Leute nur so obrigkeitsgläubig die Hacken zusammenschlagen und salutieren? Wir, Bürgerinnen und Bürger einer internet-vernetzten Welt, wollen da viel schlauer sein, skeptischer halt. Doch die jüngsten Enthüllungen vor allem im britischen »Guardian« über die umfassende geheimdienstliche Überwachung der Welt wecken Zweifel an dieser Selbstzufriedenheit. Deutschland empört sich öffentlich über die Telefon- und Internetüberwachung des US-amerikanischen Geheimdienstes NSA (National Security Agency) und des britischen GCHQ (Government Communication Headquarters). In den USA hält sich die Entrüstung etwas zurück. Der Chef der NSA, General Keith Alexander, hat doch versichert, mit Hilfe der Späheprogramme habe der Geheimdienst mehr als 50 Terroranschläge vereitelt. Muss man halt glauben, wenn er das so sagt.

Spätestens seit den Anschlägen auf das World Trade Center in New York City im September 2001 nehmen Menschen nicht nur in den USA außerordentliche Eingriffe in ihr privates Leben in Kauf.

Ziehen ihre Schuhe aus vor der Durchleuchtung im Flughafen, akzeptieren zahllose »Sicherheitskameras« in fast allen Lebensbe­reichen, erlauben den Aufbau eines riesigen Sicherheitsapparats. Die NSA hat angeblich 35000 Mitarbeiter. In meinem Heimatstaat ist die NSA der größte Arbeitgeber. Wie nun bekannt ist, speichert der Dienst alle Telefonverbindungsdaten. Natürlich geheim, der Bürger weiß ohnehin nicht, was sonst noch alles passiert. Seit wenigen Wochen dürfen in den USA Polizeistellen die DNA von Festgenom­menen nehmen und speichern. Die ersten Polizeibehörden rüsten sich mit Drohnen aus. Die Terrorismus­bekämpfer brauchen nicht mal eine Uniform.

Europäische Politiker haben sich beschwert über den »großen Bruder«. Ihre vorgebliche Unwissenheit kann man nun glauben oder bezweifeln. Die Überwachung geschieht, angeblich um die Freiheit zu bewahren, und die Sicherheit. In der Illusion, der Mensch könne seine Zukunft kontrollieren. Auch wenn, zumindest in den doch recht frommen USA, viele Menschen behaupten, sie legten ihr Leben in Gottes Hände.

Konrad Ege

Wenn Panik(mache) überhand nimmt

6. Mai 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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USA: Der Anschlag von Boston und die zwiespältige Diskussion um Terrorismus und Sicherheit

Vor knapp drei Wochen ­explodierten beim Boston-Marathon zwei Bomben. Die Täter wurden schnell gefasst. Doch die Diskussion um das Verhältnis von Sicherheit und Freiheit ist noch lange nicht beendet.

Wer schon länger lebt in der US-Hauptstadt, erinnert sich gut und mit ungutem Gefühl an den »Washington Sniper«, den Scharfschützen von Washington. Es war eine beunruhigende Zeit, damals im Oktober 2002, ein Jahr nach den Anschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon: Jemand schoss mit nicht erkennbarem Muster und aus großer Entfernung auf Menschen in Washington und Umgebung. Auf ­einen Gärtner beim Rasenmähen, eine junge Frau in einer Bushaltestelle, mehrere Menschen beim Auftanken ihrer Autos, einen Jungen auf dem Schulweg, eine Frau nach dem Einkauf im Baumarkt. Drei Wochen ging das. Zehn Menschen kamen ums Leben, drei wurden verletzt.

Gedenken an die Opfer des Bombenanschlags beim Boston Marathon: An der Ziellinie, wo die erste Bombe explodierte, legen Menschen Blumen nieder und ­setzen ihre Unterschrift auf eine Plakatwand. Foto: picture-alliance

Gedenken an die Opfer des Bombenanschlags beim Boston Marathon: An der Ziellinie, wo die erste Bombe explodierte, legen Menschen Blumen nieder und ­setzen ihre Unterschrift auf eine Plakatwand. Foto: picture-alliance

Die Polizei nahm John Allen Muhammad (40) fest und dessen Helfer, den 17-jährigen Lee Boyd Malvo. Die beiden hatten aus dem umgebauten Kofferraum ihres PKWs geschossen. Die bekannt gewordenen Motive waren kaum nachvollziehbar. Bei Muhammad anscheinend ein diffuser Hass, angereichert mit Verschwörungsthesen und gemischt wohl mit psychischen Problemen. Bei Malvo ­offenbar extreme Loyalität zu der manipulierenden Vaterfigur. Muhammad wurde zum Tod verurteilt und 2009 hingerichtet, Malvo verbringt den Rest seines Lebens in Isolationshaft.

Der »Washington Sniper« machte große Angst, weil er seine Opfer anscheinend so willkürlich aussuchte. »Unschuldige Opfer«, heißt es oft in den Medien – als ob Opfer eines ­Mordes auch schuldig sein könnten. Die drei Bombenopfer beim Boston-Marathon, der achtjährige Martin ­Richard, die Restaurant-Managerin Krystle Campbell (29) und die Studentin Lu Lingzi (23) starben bei einem Sportfest. Den Tätern war es egal, wen sie töteten. Ziel war offenbar, möglichst viel Blutvergießen anzurichten.

Die Gesellschaft muss entscheiden, wie sie damit leben will, dass es trotz aller polizeilicher Arbeit keine absolute Sicherheit gibt. Vor allem, wenn es um den »Terrorismus« geht. Mit diesem Begriff hat man freilich Probleme in den USA. Der »Sniper« galt nicht als Terrorismus-Fall. Ebenso ­wenig vergangenen Dezember das Massaker an der Schule in Newtown in Connecticut mit 26 Toten; da sprach man von einem Amokläufer. Oder das Morden eines weißen Rassisten in einem Sikh-Tempel in Ohio im August 2012 mit sechs Toten. Der Anschlag auf den Boston-Marathon aber schon. Da waren Muslime mit ausländischen Hintergrund tätig gewesen.

Und dann droht in den USA der Verlust der Verhältnismäßigkeit. Der 11. September 2001 hat US-Amerikaner bewegt, zu Hause weitreichende Überwachung hinzunehmen. Im Namen der Terrorismusbekämpfung sind bei Kriegen im Ausland Hunderttausende Menschen umgekommen. Präsident Barack Obama hat nun Besonnenheit signalisiert. Doch bei der Verfolgungsjagd wurde eine Millionenstadt dicht gemacht. An die zehntausend Polizisten waren im Einsatz, über Twitter und im Internet konnte der Bürger sich an der Suche betei­ligen. »Sicherheitsexperten« warnen, das Modell des Anschlags werde Schule machen.
Rund 30000 Menschen kommen jedes Jahr in den USA durch Schusswaffen ums Leben. Doch die nach dem letzten Schulmassaker mit viel präsidialem Elan angegangenen Schusswaffenkontrollgesetze sind diesen Monat im Kongress gescheitert.

Konrad Ege

USA: Götterdämmerung der alten Ordnung

20. November 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Woche oder zwei werden die medialen Analysen der US-Präsidentschaftswahl wohl noch anhalten. Aber wenigstens sind die Fernseh-Werbespots vorbei! Schon bald ist mit »Schnellschuss«-Büchern zu ­rechnen, die bis ins kleinste Detail ­erklären werden, wie Barack Obamas Wiederwahl am 6. November zustande gekommen ist. Bei den Verlierern haben die Schuldzuweisungen begonnen.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Die Sieger haben freilich nicht so wild gefeiert wie 2008. Waren die vier Jahre Obama doch ein permanenter Realitäts-Check gewesen, und so manche Hoffnung ist nicht in Erfüllung gegangen. Wenn man schon von Realität spricht: Mitt Romneys unterlegene Republikaner sind zu einer von ihnen verdrängten Realität aufgewacht: Dass sich mit ihren Stammwählern, konservativ eingestellten Weißen und den weißen Evangeli­kalen beziehungsweise den »Wertewählern«, offenbar keine nationalen Wahlen mehr gewinnen lassen.

Die USA sind von einer weißen Nation mit einer schwarzen Minderheit zu einem diversen Land geworden. ­Jugendliche wachsen heute mit der Selbstverständlichkeit auf, dass ein Afroamerikaner Präsident ist. Als ­Ronald Reagan 1980 gewählt wurde, stellten Weiße 89 Prozent der Wähler. 2012 sind es noch 72 Prozent. Doch Romney führte einen auf konservative Weiße zugeschnittenen Wahlkampf. Er bekam 61 Prozent der weißen Stimmen. Das hat nicht gereicht.

Auch »religiös« verschiebt sich die Demografie. Die Protestanten machen nur noch knapp die Hälfte der Bevölkerung aus. Immer mehr US-Amerikaner haben keine feste ­religiöse Bindung, vor allem junge Menschen. Und die wählen viel eher demokratisch. Feste Zahlen gibt es noch nicht zum Stimmverhalten der weißen Evangelikalen. Anscheinend votierten knapp 80 Prozent für Romney. Auch das hat nicht gereicht.

Optimistische Prognosen rechts-christlicher Wortführer, ihre Leute würden aus Sorge über Obamas Zustimmung zur Homo-Ehe in Massen wählen gehen: Fehlanzeige. Obwohl sich führende Evangelikale stark parteipolitisch engagierten, selbst der auch von vielen Nicht-Christen geschätzte Billy Graham. Der 94-jährige Evangelist bezog öffentlich Stellung für Romney. Die römisch-katholischen Bischöfe betonten, dass Katholiken nicht für einen Kandidaten stimmen sollten, der »für Abtreibung« sei und für die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Etwa die Hälfte der Katholiken wählte Romney, die andere Hälfte Obama.

Die Republikaner haben ein ausgesprochenes »Frauenproblem«. 55 Prozent der Frauen stimmten für Obama. Sie haben keine Lust auf eine Partei, die ihren Programm zufolge Schwangerschaftsabbruch verbieten will, und die nicht viel tut, um Chancengleichheit im Berufsleben herzustellen.

Man wird sehen, ob sich das konservative Amerika ernsthaft der Auseinandersetzung mit der veränderten Gesellschaft stellt. Vermutlich eher nicht. Bei den »Analysen« jetzt hört man von Konservativen, dass die Wahlen gar nicht so viel bedeuteten. Habe doch nur ein bisschen mehr als die Hälfte für Obama gestimmt.
Konrad Ege

USA: Noch lange keine »Post-Rassismus-Gesellschaft«

22. Oktober 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Bald geht die erste Amtsperiode des ersten afroamerikanischen Präsidenten der USA zu Ende. Ob es noch eine zweite gibt, werden wir sehen. Eines wird Barack Obama immer bleiben: Der erste schwarze Politiker im Weißen Haus. Präsident Obama – so »normal« ist diese Wortkombination geworden, dass man fast vergisst, wie historisch der Schritt war, als Amerika im November 2008 einen schwarzen Präsidenten gewählt hat.

Noch ein oder zwei Jahre vor Obamas Sieg hatte man sich das nicht wirklich vorstellen können. So ziemlich niemand hat Obama kommen sehen. Zu tief lastete das Erbe der Sklaverei auf den USA. Die legale Diskriminierung Schwarzer reichte hinein bis in die 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts und in vielen weißen Herzen saßen festgefressene Vorurteile. So manche Bürgerrechtler weinten als Obamas Sieg feststand: Im Kampf gegen den Rassismus hatten viele große Opfer gebracht. Und manche ihr Leben verloren.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Und jetzt? Hoffnungen vor vier Jahren, die USA bewegten sich nach dem Triumph an der Urne auf eine neue Ära zu, in der Hautfarbe und Herkunft weniger wichtig sein würden, sind nicht wahr geworden. Die »alter Ordnung« räumt nicht freiwillig das Feld. Es geht beim Rassismus ja auch um Privilegien. Jetzt, wo der Kuchen scheinbar kleiner wird, wäre es manchen Weißen recht, sie müssten nicht so viel teilen. Im laufenden Wahlkampf wird erschreckend deutlich, wie sehr die Republikanische Partei punkten will mit versteckten und nicht so versteckten Appellen an weiße Rassenvorurteile.

Der Wähler versteht es, wenn die Wahlwerbung verkündet, Obama habe die Arbeitspflicht für Sozialhilfeempfänger abgeschafft. Der Vorwurf stimmt nicht, aber sei’s drum: »Wohlfahrtsempfänger«, da denkt man an Schwarze in den Innenstädten. Mitt Romneys verdeckt aufgenommene Ansprache an große Geldgeber, von der Regierung abhängige Bürger würden automatisch für Obama stimmen: Auch das wird verstanden. Und die ganze Geschichte mit Obamas Geburtsurkunde: Misstrauen gegen den schwarzen Mann mit dem Vater aus Kenia.

Rund 90 Prozent der Republikaner sind weiß. Romney muss am Wahltag viele dieser Weißen zu den Urnen bringen. Denn Afroamerikaner und Latinos wählen mit großen Mehrheiten Obama. 2008 stimmten nur 43 Prozent der Weißen für Obama. In manchen Staaten im Süden waren es gerade eben zehn Prozent (Alabama) oder elf Prozent (Mississippi). Es gibt natürlich viele Gründe, Obama abzulehnen.

Der frühere Präsident Jimmy Carter, ein Politiker aus dem Südstaat Georgia, hat sich jedoch schon in Obamas erstem Amtsjahr besorgt geäußert über die »Feindseligkeit« vieler Weißer. Diese Feindseligkeit existiere zu großen Anteilen, weil Obama »ein schwarzer Mann« sei.

Viele Weiße in den USA seien noch immer der Ansicht, ein Schwarzer habe »nicht die Fähigkeiten, unser großartiges Land zu führen,« konstatierte Carter im Herbst 2009. Im Herbst 2012 sieht es nicht besser aus.

Konrad Ege

USA: Eine rechts-christliche Machtdemonstration

11. September 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Der Parteitag der US-amerikanischen Republikaner in Tampa ist gelaufen. Multimillionär Mitt Romney ist nun offiziell Herausforderer des demokratischen Präsidenten Barack Obama. Und die konservativen Politchristen haben ihren Einfluss demonstrativ zur Schau gestellt – obwohl Romney, ein Mormone, für viele nicht die erste Wahl gewesen sein dürfte.

Die mehr als 2000 Delegierten haben in Tampa ein Parteiprogramm beschlossen, mit dem Sprecher rechts-christlicher Verbände mehr als zufrieden sind. Kulturkampf um »traditionelle Familienwerte« wird groß geschrieben. Fraglich ist freilich, ob dieses von Kritikern als intolerant verurteilte Programm der Partei wirklich hilft. Und fraglich ist, ob sich die konservativen Christen damit nicht isolieren vom Gespräch mit einer zunehmend diversen und freizügigen Gesellschaft.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Konrad Ege ­berichtet für ­unsere Zeitung aus den USA.

Die Partei sei grundsätzlich gegen Schwangerschaftsabbruch, heißt es in dem neuen Programm. Das »ungeborene Kind« habe ein »fundamentales individuelles Recht auf Leben«. Ausnahmen, etwa ein Ja zur Abtreibung nach einer Vergewaltigung, werden nicht gemacht. Das Nein zur gleichgeschlechtlichen Eheschließung wurde so klar formuliert, wie es eben geht.

Die Parteiversammlung forderte einen Zusatz zur US-Verfassung zum Verbot der Homoehe und kritisierte die sechs Bundesstaaten, in denen gleichgeschlechtliche Paare gegenwärtig heiraten dürfen. Präsident Obama wird vorgeworfen, er »führe Krieg« gegen Gläubige. Am deutlichsten sei das bei der Gesundheitsreform. Dieses Gesetzespaket schreibt vor, die Krankenversicherung für Angestellte religiöser Verbände müsse auch für Empfängnisverhütung zahlen. Das sei »gewaltsame Säkularisierung«, urteilte das Parteiprogramm.

Die Republikaner sprachen sich selbst für die »öffentliche Zurschaustellung« der biblischen Zehn Gebote aus. Diese brächten das »judeo-christliche Erbe« der Nation zum Ausdruck. Das ist in den USA ein komplexes Thema. Die Verfassung legt Wert auf die Trennung von Kirche und Staat. Das mit dem judeo-christlichen Erbe mag stimmen, doch demonstrative Glaubensdarbietungen erwecken auch den Eindruck, hier kämpfe jemand um Macht und Einfluss. Mit Verkündigung hat das nicht unbedingt zu tun.

Beim Kulturkampf stehen die konservativen Christen langfristig wohl aufseiten der Verlierer. Mehr als die Hälfte der US-Amerikaner spricht sich bei Umfragen für die Zulassung der Homoehe aus. Bei der Abtreibungsfrage sind die Amerikaner gespalten. Eine klare Mehrheit befürwortet aber die Zulassung nach einer Vergewaltigung oder wenn das Leben der schwangeren Frau in Gefahr wäre. Und in den USA wächst die Zahl der Anhänger nicht-christlicher Religionen und der Atheisten und Agnostiker.

Und vor allem junge Christen haben immer weniger Lust auf den altmodischen Kulturkampf. Habe Jesus doch ganz andere Themen betont; sich für die Armen ausgesprochen und den Reichtum verurteilt, zum Beispiel. In der Bibel steht, man solle die Fremden willkommen heisen. Das republikanische Parteiprogramm will »Illegale« zügig abschieben und Englisch zur offiziellen Sprache der USA machen.

Konrad Ege