»Theologisch sprachfähig werden«
3. September 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Konditormeisterin oder Gärtner, Hausfrau oder Arzt: Die Teilnehmer des kirchlichen Fernunterrichts kommen aus den verschiedensten Berufen. Im Bild die diesjährigen Absolventen. (Foto: KFU)
Seit 50 Jahren gibt es ihn in Mitteldeutschland. Trotzdem ist der Kirchliche Fernunterricht (KFU) vielen unbekannt.
Eigentlich ist es fast wie ein richtiges Theologie-Studium. Da sind Vorlesungen und Seminare zu besuchen, meistens am Wochenende oder gleich eine ganze Woche lang. Da sind dicke Bücher durchzuarbeiten, und Hausarbeiten und Predigten zu verfassen. Der KFU verlangt den Teilnehmern einiges ab – alles neben Beruf, Familie, Alltag. Denn die Teilnehmer sind im richtigen Leben Konditormeisterin oder Gärtner, Hausfrau oder Arzt. Zweieinhalb Jahre lang pauken sie in den Kursen, die es seit genau 50 Jahren gibt.
Begonnen hatte alles 1960 als Reaktion auf die Kirchenpolitik der DDR. Zwei Tendenzen stellte die Kirchenleitung der Kirchenprovinz Sachsen damals fest. Zum einen schränkte das Regime das Theologie-Studium immer mehr ein. Zum anderen schwand mit den Jahren auch das religiöse Grundwissen in den Gemeinden. Beidem wollte die Kirchenleitung entgegenwirken, als sie Pfarrer Ernst Hofmeister von der Männerarbeit den Auftrag gab den KFU aufzubauen.
Hofmeister verfolgte mit dem Fernunterricht von Beginn an ein doppeltes Ziel. Erstens sollten Menschen für den ehrenamtlichen Verkündigungsdienst als Prädikanten ausgebildet werden, die selbstständig Gottesdienste halten und auch ihre Predigten selbst schreiben.
Zweitens sollten die Kursteilnehmer ein solides Wissen aus Glaube und Kirche vermittelt bekommen. Oder, wie es die heutige Rektorin des Fernunterrichts, Magdalene Frettlöh, erläutert: die 25- bis 70-Jährigen sollen »theologisch sprachfähig werden« und damit Antworten finden auf Fragen nach der Bibel, nach Tod und Auferstehung, nach Brot und Wein. Das und vieles mehr vermittelt der Kirchliche Fernunterricht seither in den Fächern Altes und Neues Testament, Kirchengeschichte, Systematische und Praktische Theologie.
Ab 1970 beteiligten sich nach und nach alle Landeskirchen der DDR am Fernunterricht, außerdem die Evangelische Kirche der Union. Weil Bildungsarbeit der Kirche zu DDR-Zeiten vom Staat misstrauisch beobachtet wurde, interessierte sich natürlich auch die Staatssicherheit für den KFU, wie Dogmatik-Dozent Michael Beintker rückblickend feststellt.
Heute wird der Fernunterricht rechtlich getragen von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), finanziert auch von den Landeskirchen in Anhalt, Sachsen und Berlin/Brandenburg/Oberlausitz. Aus diesen Kirchen kommen auch die meisten der zurzeit rund 120 Teilnehmer an den vier Studienorten Neudietendorf bei Erfurt, Röhrsdorf bei Chemnitz, Meißen oder Niederndodeleben bei Magdeburg. Rektorin Frettlöh verfolgt das Ziel, auch die anderen EKD-Kirchen und eine Universität mit einzubinden, um die Basis zu verbreitern und die Zukunft zu sichern.
Zwar sind die Teilnehmerzahlen in den Wende-Jahren kurzzeitig ziemlich geschrumpft. Inzwischen ist der Fernunterricht aber lebendig wie selten zuvor – und seit 1991 auch offen für Teilnehmer aus den westdeutschen EKD-Kirchen. Schließlich setzen fast alle Landeskirchen immer mehr auf die Mitarbeit von Ehrenamtlichen bei der Verkündigung.
Und während sich der Fernunterricht zu DDR-Zeiten zusammen mit einer Zusatzausbildung teilweise als weiterer Weg ins Pfarramt entwickelte, sieht Frettlöh heute einen klaren Unterschied. »Prädikanten sind keine Notnägel, wenn Stellen gestrichen werden«, findet sie deutliche Worte. Sie sollen deshalb auch nicht Pfarrer imitieren, sondern ihren eigenen Stil einbringen: »Weil sie in anderen Lebenswelten zu Hause sind, wird die Konditormeisterin anders über das Gleichnis vom Sauerteig predigen oder der Arzt anders über eine Heilungsgeschichte.«
Markus Wetterauer
Das 50-jährige Bestehen des KFU wird am 4. und 5. September in Neudietendorf gefeiert.
