»Apokalyptische Zerstörung« von Gotteshäusern

16. Juli 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Zerstörte Fresken, abgefräste Engelsköpfe: Ioannis Eliades, Direktor des Byzantinischen Museums von Nikosia, betrachtet fassungslos die Zerstörungen in der Muttergottes-Kirche von Trachóni im Nordteil Zyperns.  Foto: Giorgio Tzimurtas

Zerstörte Fresken, abgefräste Engelsköpfe: Ioannis Eliades, Direktor des Byzantinischen Museums von Nikosia, betrachtet fassungslos die Zerstörungen in der Muttergottes-Kirche von Trachóni im Nordteil Zyperns. Foto: Giorgio Tzimurtas


Die orthodoxe Kirche von Zypern ist in großer Sorge über die Auslöschung ihres christlichen Kulturerbes im Norden der geteilten Insel.

Von Giorgio Tzimurtas

Tiefe Risse schlängeln sich durch das Mauerwerk der Muttergottes-Kirche. Marode Balken stützen nur noch mühevoll das Dach des Arkadengangs. Auf dem Hof des Gotteshauses liegen zerschlagene Marmorkreuze mit den Namen von Toten. Der beißende Geruch von Vogeldreck durchzieht das Innere. Vom Templon, der hölzernen Wand zwischen Gemeinderaum und Allerheiligstem, ist nur noch ein Gerüst übrig.

Der Zustand der Muttergottes-Kirche in Trachóni ist kein Einzelfall im türkisch besetzten Norden Zyperns. Rund 550 christliche Gotteshäuser sind nach Zählungen der orthodoxen Kirche hier seit der Invasion türkischer Truppen im Jahr 1974 zerstört, zweckentfremdet und systematisch geplündert worden.

Kirchen wurden Viehställe, Diskotheken oder Ruinen
»Alles, was irgendwie zu verwerten war, wurde entwendet. Holz, Kabel, Kerzenhalter«, sagt Ioannis Eliades während er die Muttergottes-Kirche durchschreitet. Der Direktor des Byzantinischen Museums von Nikosia lehnt sich an das Rudiment des Templon und blickt entsetzt auf einen Engelskopf, dessen Gesicht abgefräst wurde. Der 42-jährige Eliades gehört zu jenen 160000 griechischen Zypren, die von Ankaras Armee in den Süden vertrieben wurden. Auf dem eroberten Gebiet wurde 1983 die »Türkische Republik Nordzypern« ausgerufen. Sie ist international nicht anerkannt.

Das Territorium wurde zum Ort eines beispiellosen Vandalismus gegen das christliche Erbe der Insel: Kirchen sind hier Viehställe, Leichenkammern, Lagerhallen, Diskotheken, Teil militärischer Anlagen oder Ruinen. Kunstdiebe brachten sakrale Schätze von weltweit herausragender Bedeutung auf internationale Auktions- oder auf Schwarzmärkte.

Eliades ist mit seinem aus Griechenland stammenden Kollegen Professor. Dr. Charalambos Chotzakoglou der Leiter eines kleinen Teams unter der Ägide des orthodoxen Kykko-Klosters im Süden, das die Zerstörung ­dokumentiert. Das Ziel: Im Falle einer Wiedervereinigung soll die Restaurierung der Kirchen beginnen.

Die Datenbank der Wissenschaftler, die auch alle verfügbaren Aufnahmen aus den Jahren vor 1974 enthält, dient zugleich der Beweisführung: Wenn aus dem besetzten Nordteil gestohlene Kunstschätze irgendwo auf der Welt auftauchen, soll anhand der Fotos die Herkunft der Preziosen zweifelsfrei belegt werden. Die Aufnahmen zeigen, wie Heiligengesichter von Schmugglern aus den Wanddarstellungen herausgeschlagen wurden, wie einst prachtvoll ausgemalte Innenräume der Fresken völlig entkleidet und mit Graffiti verunstaltet sind.

15000 Ikonen, erklärt Eliades, seien aus den Kirchen im türkisch okkupierten Norden gestohlen, etliche Mosaike und Fresken von kunsthistorischem Weltrang von den Wänden der Gotteshäuser entfernt worden. Fahnder des Bayerischen Landeskriminalamtes (BLKA) entdeckten im Oktober 1997 und im Februar 1998 bei Razzien in drei Münchener Wohnungen eines türkischen Staatsbürgers sakrale Kunst aus dem besetzten Teil Zyperns. Darunter ein Mosaik-Fragment, das den Apostel Thomas zeigt. Der Schätzwert: acht Millionen Euro.

Kunstschätze lagern bei der bayerischen Polizei
Es stammt aus der Muttergottes-Kirche Kanakaria im Dorf Lykranthome. Die beschlagnahmten Kunstschätze lagern seither in der Asservatenkammer des BLKA. Spektakulär war auch ein langjähriger Prozess in den USA gegen die Kunsthändlerin Peg Goldberg, durch den es der Republik Zypern und der orthodoxen Kirche der Insel 1989 gelang, kostbare Fragmente aus der Kanakaria-Kirche wiederzuerlangen.

Als »Symbol der systematischen Plünderung und barbarischen Zerstörung des christlichen Kulturerbes« im Norden, bezeichnet Chotza­koglou das byzantinische Antiphonitis-Kloster im Dorf Kalograia. Dort »sind die Fresken der Kirche aus dem 12. und 15. Jahrhundert in kleine Teile geschnitten worden, um sie einfacher an Privatsammler zu verkaufen«.

Die Fotografien der Forscher veranschaulichen: »Die Zerstörung ist nahezu total und sie betrifft nicht
nur die orthodoxen Kirchen und ­Klöster, sondern auch jene der Maroniten, Armenier, Latiner und Pro-
testanten sowie einen jüdischen Friedhof«, lautet das Fazit von Chotzakoglou. Was er und sein Team sahen, bezeichnet der Archäologe als »apokalyptisch«.

Papst Benedikt XVI. wurde während seines Zypernbesuchs Anfang Juni vom orthodoxen Erzbischof der Insel, Chryssostomos II., über das Ausmaß der Zerstörung von Gotteshäusern im Norden der Insel informiert. Eliades führte den Pontifex durch eine Sonderausstellung des ­Byzantinischen Museums, zeigte ihm auch zurückerlangte Kunstwerke, die in Deutschland entdeckt wurden. Ebenso berichtete Eliades dem Oberhaupt der katholischen Kirche über die noch in München lagernden Kunstschätze. Der Papst bat ihn um ein »Memo« zum Thema.

Bislang verhinderte eine komplizierte Rechtslage die Rückführung der sichergestellten Kostbarkeiten von München nach Zypern. Benedikt XVI. will den Erzbischof von München-Freising, Reinhard Marx, bitten, sich in der Angelegenheit kundig zu machen. Für Eliades ist dies eine hoffnungsvolle Entwicklung.