Gentechnik und Kirche

1. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

»Angstdebatte mit vielfach widerlegten Behauptungen«

 
Grüne Gentechnik: Brauchen wir gentechnisch veränderte Pflanzen? Im Gespräch mit Professor Reinhard Szibor.
 
»Gendreck weg«, lautet ein in Deutschland vielfach zu ­hörender Spruch. Der Magdeburger Naturwissenschaftler Reinhard Szibor hält dagegen. Für ihn ist die Ablehnung der Grünen Gentechnik ein unverantwortlicher Fehler. Harald Krille sprach mit dem bekennenden Protestanten.
 

Professor Reinhard Szibor, Foto: Harald Krille.

Professor Reinhard Szibor, Foto: Harald Krille.

 Herr Professor Szibor, die überwiegende Mehrheit der Deutschen hat Angst vor der Grünen Gentechnik. Sie nicht?
Szibor:
Ich habe keine Angst, sondern die Sorge, dass man sie nicht nutzt. Man muss festhalten, dass es ein unglaubliches Unwissen über Züchtung überhaupt und die Grünen Gentechnik im Besondern gibt. Viele wissen gar nicht, dass die große Mehrheit der Pflanzen, die wir essen, Ergebnisse ungerichteter Mutationen sind. Veränderungen in der konventionellen Züchtung werden oft dadurch erzeugt, dass man Pflanzen mit radioaktiven Strahlen und mit chemischen Mutagenen behandelt und eine Fülle von unkontrollierten Veränderungen erhält. Diese sind meist nachteilig, die wenigen erwünschten sucht man dann heraus. Eine Prüfung oder institutionelle Überwachung gab es dabei überhaupt nicht. Manches davon war gesundheitsschädlich und musste wieder vom Markt genommen werden.
 
Und das ist bei der Gentechnik anders?
Szibor:
Bei der gentechnischen Veränderung einer Pflanze gibt es einen gezielten Eingriff an nur einer Stelle und dort wird eine gut analysierte Gensequenz eingebaut. Das wirkliche Alleinstellungsmerkmal der Grünen Gentechnik ist, dass alles dort Produzierte einer Sicherheitskontrolle unterworfen ist: Es wird genau geprüft, ob es Gefahren für die Umwelt oder die Gesundheit von Mensch und Tier gibt. Erst dann kommen solche Pflanzen auf den Markt.
 
Auch die Atomphysiker und Kraftwerksingenieure haben uns versprochen, dass Kernenergie eine saubere und beherrschbare Sache sei. Heute weiß man, dass die Risiken und Nebenwirkungen kaum beherrschbar sind.
Szibor:
Ich bin kein Verfechter der Kernenergie. Aber: Wenn Sie mal die Toten und gesundheitlich Geschädigten durch Unfälle und Katastrophen in Atomanlagen zusammenzählen, dann sind das wenige Prozent von der Anzahl der Opfer, die früher im gleichen Zeitraum durch die Nutzung der Kohle zu beklagen waren. So schlimm Tschernobyl und Fukushima auch sind, man muss die Realitäten und die Relationen sehen. Um die enormen Probleme unserer Welt zu lösen, brauchen wir auch neue Technologien!
 
Ist das Misstrauen gegenüber neuen Technologien nicht verständlich wenn man bedenkt, wie oft die Heilsversprechen nicht eingehalten wurden?
Szibor:
Das Problem ist, dass sich ­alles, was schief gegangen ist, fester in unser Gedächtnis einprägt als die Vieltausend guten Ergebnisse. Man hört zum Beispiel immer die Klagen über die Antibiotika-Therapien, dass es dadurch Resistenzen gibt und so weiter. Aber man vergisst, wie viele Millionen und Abermillionen Menschen durch diese Therapien gerettet wurden.
 
Wir müssen also mit Risiken leben?
Szibor:
Es gibt kein Nullrisiko. Wir müssen immer die Vorteile einer Technologie realistisch abwägen gegen ihre zweifellos bestehenden Risiken und gegen die Risiken, die sich aus dem Verzicht darauf ergeben. Bei der Grünen Gentechnik sind die Risiken durch zugelassene Pflanzen nahe Null, die Chancen groß und ein Verzicht verschärft die bestehenden Probleme.
 
Und warum sollen wir uns den Chancen und Risiken der Grünen Gentechnik aussetzen?
Szibor:
Weil alle sechs Sekunden auf der Welt ein Mensch an Hunger stirbt. Und weil die konventionelle Züchtung ausgereizt ist und kaum noch einen Zuwachs an Erträgen und an Ertragssicherheit bringt. Wir brauchen jetzt im Blick auf den Klimawandel dringend Pflanzen, die gegen Trockenheit resistent sind. Frau Käßmann hat es auf dem Dresdener Kirchentag auf den Punkt gebracht. Sie fragte, was wohl wäre, wenn jährlich 2,2 Millionen Kinder in Westeuropa an Mangel- und Unterernährung stürben? Dann wären wir alle sehr aufgeregt und ­würden nichts unversucht lassen, die Situation zu ändern.
 
Die Gentechnik also als Wunderwaffe gegen den Hunger in der Welt?
Szibor:
Gentechnik allein kann die vielschichtigen Probleme nicht lösen. Aber gentechnisch veränderte Pflanzen sind wichtig im Ensemble der Möglichkeiten. In vielen Ländern müssen daneben politische Verhältnisse verändert, muss in Bildung investiert und eine moderne Form der Landwirtschaft entwickelt werden.
 
»Brot für die Welt« und andere Organisationen fordern vehement den Erhalt kleinbäuerlicher Strukturen mit konventioneller Landwirtschaft in den Entwicklungsländern …
Szibor:
Gegen kleinbäuerliche Strukturen ist nichts einzuwenden. Sie sind aber nur gut, wenn die Bauern auch ertragsfähige Sorten, moderne Pflanzen- und Bodenschutzmöglichkeiten und Wissen vermittelt bekommen. Sonst erwirtschaften sie nur einen Bruchteil des Ertrages, der möglich wäre! Aber davon abgesehen: Derzeit steigt der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen gerade bei Kleinbauern in Entwicklungsländern jährlich um etwa sechs Prozent.
 
Die machen das doch nicht aus Jux und Tollerei oder nur um Firmen wie »Monsanto« und »BASF« einen Gefallen zu tun. Auch diese Bauern können rechnen. Höheren Kosten für das Saatgut stehen höhere Erträge gegenüber. Gerade die Kleinbauern profi­tieren überdimensional von dieser Technologie. Zu den höheren Erträgen kommen weitere Effekte: So fällt etwa durch Schädlingsresistenzen der Einsatz von Giften weg, der neben Kosten vor allem viele Umwelt- und Gesundheitsprobleme mit sich bringt.
 
Aber letztlich verdienen vor allem die Großkonzerne, die die Grüne Gentechnik auf den Markt bringen …
Szibor:
Und genau das ist mein Vorwurf an diverse Umweltorganisationen und auch die Kirchen. Sie behindern die gentechnische Forschung in öffentlicher Hand! Wissenschaftler werden geradezu aus Deutschland vertrieben. Die gehen zu »Monsanto« und ähnlichen Firmen nach Amerika. Dort reibt man sich die Hände, hat das gesamte Wissen und kann diktieren, wie hoch die Lizenzgebühren sind. Wir müssen die Forschung und die Produktion von gentechnisch veränderten Pflanzen in die öffentliche Hand legen! Dann könnten die Politiker auch sagen, wir geben den Bauern in Afrika dieses Saatgut unter besonders günstigen Bedingungen.
 
Aber besteht nicht die Gefahr, dass sich gentechnisch veränderte Pflanzen unkontrolliert mit anderen Pflanzen kreuzen – mit unvorhersehbaren Folgen?
Szibor:
Das Auskreuzungsproblem ist ein reales, aber es wird total überzogen dargestellt, zumal es bisher kein belegtes Beispiel dafür gibt. Aber: Aus Gründen der biologischen Schädlingsbekämpfung wurde beispielsweise der asiatische Marienkäfer bei uns eingeführt – der ist nicht rückholbar und frisst nicht nur Blattläuse, sondern gefährdet unsere heimischen Marienkäfer und andere Nutzinsekten. Die größte Umweltkatastrophe der letzen 20 Jahre, die uns ausgerechnet der biologische Landbau beschert hat! Darüber redet niemand, aber die hypothetische Frage, ob möglicherweise gentechnisch veränderte Pflanzen auswildern, wird zu einem riesigen Problem hochstilisiert. Aber auch dieses Problem steht im Focus der Sicherheitsprüfung.
 
Sie schrieben kürzlich, ausgerechnet die Kirche der Reformation drohe »aus Sicht vieler Biowissenschaftler in einen wissenschaftlichkeitsfeindlichen Zustand zu verfallen, wie wir ihn aus Zeiten kennen, als man Darwin noch einen Ketzer nannte«. Was wünschen Sie sich von Ihrer Kirche?
Szibor:
Ich bin davon überzeugt, dass zur Lösung der größten Probleme der Zukunft – Ernährung und Energie – der Einsatz von Biotechnologien unumgänglich ist. Deshalb brauchen wir eine sachliche Diskussion mit wissenschaftlichen und ethischen Argumenten. Kirchenleute sollten sich von Wissenschaftlern mit nachgewiesener Kompetenz beraten lassen.
 
Derzeit führen wir auch in den Kirchen weithin eine Angstdebatte mit vielfach ­widerlegten Behauptungen. Ich habe deshalb ein Memorandum zur Verantwortung der Kirchen verfasst, das zu einer sachlichen Diskussion auffordert. Es ist im Internet abrufbar.

Geborgen sein in der Liebe Gottes

8. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

hochzeitspaarWarum viele Hochzeitspaare sich eine kirchliche Trauung wünschen.

Ab Mai registrieren Standesämter und Kirchengemeinden die meisten Trauungen. Obwohl die Zahl der Eheschließungen insgesamt zurückgegangen ist, trauen sich in Deutschland immerhin jedes Jahr rund 370.000 Paare, einander öffentlich das Jawort zu geben – manche von ihnen auch das zweite und dritte Mal. Die Faszination der Ehe scheint ungebrochen.

Gesellschaftliche Konventionen sind es längst nicht mehr, die eine Heirat wie früher zwingend notwendig machen. Wer heute heiratet, tut es aus freien Stücken. Häufig schließt die Eheschließung eines Paares die Phase langjähriger Prüfung ab und eröffnet eine neue. Die Unsicherheit, ob sie ­zusammenpassen oder nicht, soll ein Ende haben.

Dass dazu ein schönes Fest gehört, ist für die meisten selbstverständlich: sich den »Traum in Weiß« erfüllen. Sich mit einem schicken Mann, einer schönen Frau zu präsentieren. Gemeinsam im Mittelpunkt stehen. Die Freunde und Familien beider Seiten zusammenbringen. Viele gute Wünsche und Geschenke entgegennehmen. Miteinander essen, trinken, tanzen und fröhlich sein.

Und was haben Gottesdienst und Kirche mit alldem zu tun? Allein den festlichen Rahmen?

Für manche Paare ist das so. Aber die überwiegende Zahl derer, die heute bewusst auch eine kirchliche Trauung wünschen, hat andere Gründe.

Im Traugespräch finden sie nicht immer gleich die richtigen Worte dafür. Aber nach einiger Zeit ist es heraus.

Ja, da sei etwas. Etwas, was sie schwer beschreiben könnten. Irgendwann fällt dann das Wort Segen.

Ja, der Segen sei ihnen wichtig für das ­Leben zu zweit.

Gesegnet sein. Etwas geschenkt zu bekommen, das mehr ist als du und ich. Die gemeinsame Liebe in einen Horizont stellen zu können, der weiter und höher ist als die Bindung aneinander. Von einer Liebe gehalten werden, die auch dann noch trägt, wenn man sie selbst kaum tragen kann.

Wenn Paare um Gottes Segen bitten, vertrauen sie ihre menschliche Liebe der Liebe Gottes an. Dieses Geborgensein in der viel größeren Liebe Gottes gibt Kraft und Mut für den gemeinsamen Weg. Das gilt besonders für die Zeit, in der Krisen kommen, wie sie wohl in keiner Ehe ausbleiben.

Der gemeinsam empfangene Segen kann daran erinnern, dass es auch für Ehen, die in die Jahre gekommen sind, durch Vergeben und Verzeihen immer wieder einen neuen Anfang gibt. Oder wenn das nicht möglich ist, sich in Achtung voreinander zu trennen.

»Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei«, begründet die Schöpfungsgeschichte die auf Lebenszeit angelegte Partnerschaft als die von Gott gestiftete Ordnung. Es tut dem Menschen gut, Seite an Seite mit einem anderen durchs Leben zu gehen.

paarDie Ehe gibt dem Zusammenleben einen festen Rahmen, ermöglicht neues ­Leben und in der Familie verlässliche Beziehungen, die auf Dauer angelegt sind. Andere Lebensformen sind dadurch aber nicht weniger wert.

Für Martin Luther war die Ehe kein Sakrament und die kirchliche Trauung kein Rechtsakt, sondern »ein weltlich Ding«. Die Pfarrer haben für ihn die Aufgabe, für das Paar zu beten und es zu segnen.

Ein Dekret des Preußischen Landrechts drängte 1794 dieses Verständnis der kirchlichen Trauung als Segenshandlung in den Hintergrund. Eine rechtsgültige Ehe konnte seitdem nur durch eine »priesterliche Trauung« vollzogen werden.

Die Einführung der obligatorischen Zivilehe im Jahre 1875 korrigierte diese Entscheidung. Seitdem ist die kirchliche Trauung nicht länger mit einem Rechtsakt verbunden. Die rechtliche Eheschließung geschieht im Standesamt.

Aufgabe der Pfarrer ist es, einen »Gottesdienst zu Beginn einer Ehe« zu gestalten. Sie sollen nicht das überhöhen, was auf dem Standesamt bereits geschehen ist. Aber auch nicht verschweigen, dass Recht allein nicht genügt, eine Ehe zu begründen.

Es geht um mehr: Um Liebe, die wir empfangen, damit wir selber lieben können.

Wolfgang Riewe

ChurchNights oder Kirchennächte?

6. Juni 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Kultur

Comments Off

Pro und Kontra: Zur Verwendung von aus dem Englischen stammenden Fremdwörtern in der Kirche.


vds-logo-kleinAnglizismen sind modern – auch in der Kirche. Diese ­Vermischung unserer Muttersprache mit Begriffen aus dem Englischen ist dem Verein Deutsche Sprache (VDS) ein Dorn im Auge und zur »Strafe« vergibt er den Negativpreis »Sprachpanscher des Jahres«. Nikolaus Schneider, Ratsvorsitzender der Evangelischen ­Kirche in Deutschland (EKD), ist einer der diesjährigen Kandidaten, ­stellvertretend für die evangelischen Christen. Sollte er auf die unrühmliche Auszeichnung pfeifen?

proPro: Reinhard Süpke, Pfarrer in Oldisleben und Stellvertreter des Super­intendenten des Kirchenkreises Bad Frankenhausen-­Sondershausen


Ich sage es auf Deutsch: Ich finde viele Anglizismen peinlich. Sie sind oft genug keine Wellness für unsere Sprache, sondern ein Loch Ness – ein Sprachungeheuer.

Aber wir müssen uns fragen, wer hat in Sachen Sprache in der Kirche das Sagen? Der Herr der Kirche, Jesus Christus. Der hat nach seiner Auferstehung den Auftrag gegeben: »Geht in alle Welt und macht alle Völker zu meinen ­Jüngern.«

Seine Freunde zogen zu den Heiden und nahmen dabei auch die Heidenarbeit auf sich, fremde Sprachen zu lernen, um die Einladung des Evangeliums zu überbringen. So kamen sie schließlich auch zu einer Gruppe Menschen, die sich zum »Volk der Dichter und Denker« mausern sollten.

Dass wir Deutschen uns so nennen, hat ohne Zweifel mit dem Evangelium zu tun, das unseren Vorfahren gepredigt wurde.

Ein Mönch namens Luther schaute dem »Volk aufs Maul« und übersetzte die ­Bibel in ein verständliches Deutsch.

Ist uns klar, was für ein Skandal das damals für manchen ernsten Kirchenmann war?

Aber wo wären wir heute? Wo sind wir heute?

Im »Volk der Dichter und Denker« denken viele nicht mehr daran, ein Gedicht zu ­lesen, geschweige denn, eins zu schreiben. Sie denken zuerst daran, wie sie ihr Leben meistern, wie sie mit wenig Mühe viel Spaß haben, wie sie mit Hartz IV leben können oder mit einem schweren Schicksal klarkommen.

Die Jünger Jesu stehen in unserem Land vor einem Problem: Es gibt nicht nur eine deutsche Sprache, sondern die Sprachen ganz verschiedener Milieus. »Geht in alle Welt«, heißt heute: Schaut euch in eurem Land um, die Menschen ein und desselben Volkes leben in verschiedenen Welten und haben ihre eigenen Sprachen.

Sollen sie erst Lutherdeutsch lernen? Oder sollten wir nicht ihre Sprachen lernen, auch wenn sie noch so gepanscht sind?

Das Achtungszeichen des Vereins Deutsche Sprache (VDS) finde ich beachtenswert. Es sollte nicht peinlich werden, wenn wir Menschen gewinnen wollen. Aber der Auftrag Jesu verdient mehr Beachtung als der Preis »Sprachpanscher des Jahres«.

Dem VDS geht es nur um die Sprache unseres Volkes. Und nur um einen Teil dieses Volkes.

Jesus ruft ein Volk Gottes aus allen Völkern zusammen. Die wichtigste Sprache, die darin in dieser Zeit und Welt gesprochen wird, ist die Sprache der Liebe Gottes, die in die Herzen geschrieben wird.

Darum sage ich: »Sprachpanscher des Jahres« – na und? Lasst uns bemüht sein, zuerst dem Auftrag Jesu gerecht zu werden. Solange die Sprache des Herzens stimmt.

Kontra: kontraLutz Vogel, promovierter Germanist, war von 2001 bis 2008 Beigeordneter für Kultur und Erster Bürgermeister der Landeshauptstadt Dresden.


Ob Nikolaus Schneider die vom VDS erwogene Verleihung des Preises »Sprachpanscher des Jahres« persönlich verdient hätte, vermag ich nicht zu beurteilen, zu vermuten ist, dass er als Vorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) seinen Kopf für die um sich greifende Verwendung von Anglizismen in der Kirche herhalten muss.

Das Programm des Kirchentages in Dresden jedenfalls zeichnet sich wohltuend durch eine verständliche Sprache aus. Zwar schleichen sich auch hier »Godly Play mit Kindern«, eine »Impro Performance« oder ein »Speed-Talking« ein, angesichts der großen Anzahl der Veranstaltungen bleiben dies Ausnahmen. Anders in vielen Gemeinden, in denen »ChurchNigths«, »Public-Viewing-Angebote«, »Eventgottesdiens­te« oder »Worships« grassieren. Was zeitgemäß klingen soll, erweist sich als Anbiederung an den Zeitgeist, als vermeintliche Modernität.

Die Sprache bringt alles an den Tag, unfreiwillig und entlarvend.

Wenn der in die Jahre gekommene Jugenddiakon seine »Activities for Kids« oder das Treffen der Mädchengruppe »Girls only« ankündigt, wirkt dies nicht nur albern, sondern zuallererst unglaubwürdig.

Ich höre schon das Argument: »Auch Jesus würde heute …« Solch unhistorische Hohlformeln werden stets bemüht, wenn etwas als unangreifbar begründet werden soll.

Natürlich hat jede Zeit ihre Sprache. Luther hätte heute die Bibel anders übersetzt. Eine Kirche, die auf Luther gegründet ist und der Schönheit und schöpferischen Bildhaftigkeit seiner Sprache nicht mehr traut, einer solchen Kirche kann ich nicht trauen.

Wie bei der Deutschen Bahn der lächerliche Meeting Point über die ­Unpünktlichkeit der Züge nicht hinwegzutrösten vermag, so kann eine gedankenlose, von überflüssigen ­Anglizismen durchsetzte Sprache in der Kirche das sich so zu erkennen ­gebende Renommiergehabe nicht kaschieren.

Nicht minder ärgerlich und geistliche wie geistige Dürftigkeit offenbarend, sind die häufig zu hörenden Phrasen von Betroffenheit, Wut und Trau­er oder der psychologisierende Jargon verschiedenster Selbstfindungsangebote. Dies ist freilich ein anderes Thema.

Gebraucht wird in unserer Kirche nicht stromlinienförmige Anpassung, sondern Glaubwürdigkeit. Diese aber erlangt man durch Aufrichtigkeit und Unangepasstheit.

Für die Kirche gilt, was mit Blick auf das Theater so formuliert wurde: »Wer dem Publikum hinterherläuft, sieht nur dessen Rückseite.«

Der Verräter ist unter uns

Martin Kupke will etwas gegen  das Vergessen, Verharmlosen und  Verfälschen tun. Foto: Sabine Kuschel

Martin Kupke will etwas gegen das Vergessen, Verharmlosen und Verfälschen tun. Foto: Sabine Kuschel

Martin Kupke beschäftigt sich mit dem Einfluss des Staatssicherheitsdienstes der DDR auf die Kirche.

In der Passionszeit nähern wir uns von verschiedenen Seiten dem The­ma »Verrat«. Diesmal geht es um Verrat an der Kirche.

Wer sich in der DDR in einer kirchlichen Friedens- oder Umweltgruppe engagierte, dem war die Geschichte vom Verrat des Judas stets präsent. Kirchliche Veranstalter ahnten, dass, wenn brisante Themen besprochen wurden, Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes mit dabeisaßen. »Unter zwölf Jüngern ist ein Verräter«, hieß es manchmal, durchaus mit einem ironischen Unterton.

Verrat an der Kirche – obwohl kein schönes Thema, ist es eines, das Martin Kupke im Ruhestand Tag für Tag beschäftigt. Der ehemalige Superintendent des sächsischen Kirchen­bezirkes Oschatz untersucht, wie der Staatssicherheitsdienst der DDR Einfluss auf die Kirche und das Gemeindeleben nahm. Im Auftrag des Hannah-Arendt-Institutes für Totalitarismusforschung an der Technischen Universität Dresden wertete Kupke umfangreiches Aktenmaterial des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), des Rates des Kreises, der SED-Kreisleitung und des Volkspolizeikreisamtes Oschatz aus. Die Ergebnisse sind in der 2009 erschienenen Publikation »SED und Staatssicherheitsdienst im Kirchenbezirk Oschatz« zusammengefasst.

Jetzt arbeitet Kupke erneut an ­einem Buch, das die Einflussnahme der Stasi auf einen sächsischen ­Kirchenbezirk dokumentieren soll. Welche Region er diesmal unter die Lupe nimmt, will er vor Erscheinen des Buches nicht bekannt geben. Dafür sei das Thema zu brisant, sagt er. Brisant, da einige der Inoffiziellen ­Mitarbeiter (IM) von damals möglicherweise als solche noch immer nicht enttarnt sind und ein unbehelligtes Leben führen.

Die Kirche zu zersetzen, ihren Einfluss zurückzudrängen, das Engagement für Frieden, Umwelt und Menschenrechte zu unterbinden, seien unter anderem die Ziele der Stasi gewesen, so Kupke. Er weiß aus den ­Akten, dass es der Stasi regelmäßig ­gelungen ist, Spitzel in die Kirche einzuschleusen. Manchmal wurden sie als solche erkannt und isoliert. Oft blieben sie unentdeckt und schrieben ungeniert ihre Berichte über kirchliche Veranstaltungen.

Voraussetzung für eine »erfolgreiche« Spitzeltätigkeit war es, ein Vertrauensverhältnis zum Pfarrer oder den Teilnehmern einer Gruppe aufzubauen. Für den Theologen eindeutig Verrat an der Kirche. Um an Informationen heranzukommen, erschlichen sich IMs das Vertrauen kirchlicher Mitarbeiter, täuschten falsche Tatsachen vor. Kupke weiß von einigen IMs, die sich im Auftrag der Stasi taufen ließen oder zum Theologiestudium entschlossen.

Aus welchem Holz muss ein Mensch geschnitzt sein, der zum ­Verräter wird? Bekanntlich gerieten Leute, die labil, kriminell und vorbestraft waren oder irgendwelche Probleme hatten, leicht in die Fänge der Stasi.

In einem Fall weiß Kupke von ­einem Pfarrer, der persönliche Fehler vor der Gemeinde geheim halten wollte und dafür den Pakt mit dem Teufel eingegangen sei. Erkennbar seien unterschiedliche Motive: beispielsweise materielle Interessen und Geltungsbedürfnis. Auch schlechte Charaktereigenschaften ließen sich aus den Akten herauslesen, so Kupke. Mitunter habe die Stasi Probleme wie Kompetenzgerangel und Profilierungsstreben unter den kirchlichen Mitarbeitern genutzt, um diese gegeneinander auszuspielen, weiß der Theologe.

Von Judas ist überliefert, dass er seinen Verrat bitter bereut hat: »Ich habe große Schuld auf mich geladen. Ein Unschuldiger wird getötet und ich habe ihn verraten« (Matthäus 27,4). Die Denunzianten des DDR-Regimes lassen bis auf einzelne Ausnahmen ein Schuldeingeständnis vermissen. Opfer hoffen darauf ebenso vergebens wie auf die Bitte um Entschuldigung.

Wie können Menschen, die verraten wurden, mit ihren belastenden Erfahrungen fertig werden? »Ich weiß es nicht«, antwortet Kupke. Seine ­Dokumentation über die Stasiunterwanderung der Kirche beabsichtige nicht, mit den Tätern abzurechnen. In seinen Publikationen nennt er deshalb keine Namen der IMs, nur Decknamen, Geburtstag und Wohnort. Immerhin genug Angaben, um die Spitzel von damals zu enttarnen. Doch nach Kupkes Wissen findet ein Gespräch zwischen Opfern und Tätern nicht statt. Dennoch erachtet er seine Methode, Namen nicht öffentlich zu machen, für richtig. »Ich habe lange überlegt und bin mit dieser Variante zufrieden«, so Kupkes Resümee. Sein Anliegen sei es, dem Vergessen, Verharmlosen und Verfälschen entgegenwirken.

Sabine Kuschel

»Wir müssen weniger Energie verbrauchen«

26. März 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Dr. Hans-Joachim Döring ist Umweltbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Bild:EKM

Dr. Hans-Joachim Döring ist Umweltbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Bild:EKM

Interview: Seit Jahrzehnten warnen kirchliche Umweltexperten vor den Gefahren der Kernenergie – Fukushima und die Folgen



Der drohende GAU in der japanischen Atomanlage Fukushima I hat die Fragen der Atomenergie mit neuer Brisanz auf die Tagesordnung gebracht. Harald Krille sprach darüber mit Hans Joachim Döring, Umweltbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Atomkatastrophe in Japan – fühlt sich ein Umweltbeauftragter der Kirche in seinen Warnungen bestätigt?
Döring:
Diese Bestätigung brauche ich wirklich nicht. Die Warnungen hatten und haben ja keinen Selbstzweck. Sie speisen sich aus der Ehrfurcht vor dem Leben und der Verantwortung vor Gott. Trauer um die Opfer habe ich und Solidarität mit den Verunsicherten und Verstrahlten. Hinzu kommen Beschämung und mitunter Wut, weil gute Argumente und kritische Szenarien nur sehr eingeschränkt Einfluss auf notwendige Veränderungen in Politik, Wirtschaft und Lebensweise haben. Die gleichen Fakten und Argumente, die heute plötzlich die Tagespolitik bestimmen, wur­den vor 30 Jahren als »prophetistischer Katastrophalismus«, als »Schwarzseherei« und noch vor drei Monaten als Elemente einer »Immer-und-gegen-alles-Gesellschaft« verunglimpft. Jetzt steht die Schrift überdeutlich an der Wand.

Nach Tschernobyl war schnell von den Russen und ihrer veralteten Technik die Rede – jetzt trifft es eine High-Tech-Nation. Ist Kernkraft prinzipiell nicht beherrschbar?
Döring:
In Tschernobyl war nicht primär die Technik das Problem, sondern der Mensch. Im höchsttechnologisierten japanischen Fukushima reichten Risikoannahmen und Schutzpläne nicht aus. Ich frage, wenn nicht da, wo sonst sollte Beherrschbarkeit möglich sein? Die Komplexität der gigantischen Energiefreisetzungen übersteigt das Maß des Menschen und seine Regel- wie Verantwortungssysteme. Hinzu kommt die ungeklärte Atommüllfrage, deren Lösung wir auf unsere Kinder und Enkel abschieben. 1986, unmittelbar nach dem Super-GAU in Tschernobyl, schrieb der damalige Wittenberger Friedenskreis an den Staatsrat der DDR‚ es sei die Verantwortung der hochentwickelten Industrieländer, aus der Kernenergie auszusteigen und dadurch der Welt zu zeigen, dass es möglich ist, auf diese Form der Energiegewinnung zu verzichten. Es schmerzt, dass 25 Jahre für umfassende alternative Beispiele verloren gegangen sind.

Weltweit sind 442 Atomkraftwerke (inkl. der japanischen) in Betrieb, weitere 64 in Bau – wird die Katastrophe von Fukushima das Bewusstsein verändern?
Döring:
Das gesamte Bewusstsein der Welt ändert sich gewiss nicht. Aber vielleicht hält sich bei Entscheidungsträgern wie Wahlbürgern eine Skepsis gegen die atomaren Lösungen. Und vielleicht wächst oder erneuert sich eine vielschichtige und dezentrale Such-, Neugier- und Ehrfurchtsbewegung, die uns die Augen öffnet für das, was schon möglich ist. Wir haben kein Erkenntnis-, wir haben ein Handlungs-, Regel- und Umsetzungsdefizit.

Immer wieder ist von der Kernenergie als derzeit noch unaufgebbarer Brückentechnologie die Rede – brauchen wir sie nicht noch auf absehbare Zeit?
Döring:
Kernenergie ist inzwischen keine unaufgebbare Brückentechnologie, sondern eine Verstopfungstechnologie. Sie verhindert dank ihres »billigen« Stromes, dass die besten alternativen Konzepte erneuerbarer Energie flächendeckend, ökonomisch, dezentral und dauerlastfähig konkurrenzfähig werden. Diverse Sachverständigenräte der Bundesregierung oder des Dessauer Umweltbundesamtes – nicht nur von Öko-Instituten – halten eine weitgehend vollständige Energieversorgung aus erneuerbaren Energiequellen in weniger als einer Generation für möglich. Zum Konzept gehört freilich: Wir müssen deutlich weniger Energie verbrauchen. Beim Einsparen hinken die Bürger der Industrie hinterher. Dort ist der Kostendruck schon höher.

Was würde ein schneller Ausstieg für uns alle und unseren Lebensstil bedeuten?
Döring:
Ein schnell möglicher Ausstieg ist für mich der alte rot-grüne Ausstiegskompromiss – gemeinsam mit der Wirtschaft. Also AKW-Laufzeiten bis maximal 2020. Freilich sind deutliche Steigerungen der Energiepreise, nicht nur für Wohnungswärme, auch für Mobilität oder als Anteil in den Produkten des täglichen und nicht so täglichen Bedarfs zu erwarten. Dies wird gern – zumal von der Energiewirtschaft – als Bedrohung des Abendlandes beschrieben. Dem ist nicht so! Zwei Tendenzen stehen dagegen: Zum einen die steigende Energie- und Rohstoffproduktivität in den jeweiligen Produkten. Das heißt, es kann mit weniger mehr hergestellt werden. Zum anderen die schon erwähnten Einsparpotenziale. Wenn der Gaspreis um zehn Prozent steigt, ich aber 20 Prozent weniger verbrauche, habe ich zehn Prozent gespart beziehungsweise als Reserve für Sparinvestitionen. Trotzdem darf nicht drumherumgeredet werden: Bis zum technologischen und damit ökonomischen Durchbruch bei den erneuerbaren Energien – die auch Nachteile haben – werden unsere Aufwendungen für Energie wachsen.

Was kann, was sollte der Einzelne jetzt tun?
Döring:
Der Einzelne kann erstaunlich viel tun. Wir in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) sollten unsere Kampagne »Klimawandel – Lebenswandel« ernst nehmen und umsetzen. Zum Beispiel könnte die Junge Gemeinde sich beim Frauenkreis einladen und bitten, übers Einsparen nach dem Krieg, in der DDR und heute zu reden. Die Welt war nicht besser, als noch gestopft wurde, aber weniger Energie wurde schon verbraucht.

Was kann und sollte die Kirche selbst tun?
Döring:
Zum Beispiel, was die soeben beendete Frühjahrssynode der EKM einstimmig beschloss: »Die Landessynode bittet die Kirchengemeinden, Kirchenkreise und das Landeskirchenamt um verstärkte Bemühungen zur Bereitstellung und Nutzung kirchlicher Grundstücke und Gebäude für Investitionen in erneuerbare Energien.«

Alles prima mit dem Klima?

4. Februar 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

kirche_umwelt

Kirche und Umwelt: Klimaschutz ist möglich – doch in Kirche wie Gesellschaft gilt: Es muss nur jemand anfangen

Kaum einer will es mehr ­bestreiten: Die Klimaveränderung ist real und die Menschen tragen dazu bei. Wie aber stellen sich die ­Gemeinden in den Kirchen Mitteldeutschlands den ­Herausforderungen des Klimawandels?

Kerstin Höpner-Miechs liebstes Umweltprojekt ist eine Horde Kinder in Gummistiefeln. Mit ihrem »Greenteam« trifft sich die Pfarrerin einmal monatlich in Mühlberg an der sächsisch-brandenburgischen Grenze. Gemeinsam pflanzen sie Bäume, helfen Kröten von einer Straßenseite auf die andere und räumten auf, nachdem ihre Kleinstadt 2002 vom Elbehochwasser und im vergangenen Jahr vom Tornado verwüstet wurde. Und doch schütteln einige Leute den Kopf darüber – auch die ­eigene Gemeinde. »Das ist ein leidiger Punkt«, gibt Kerstin Höpner-Miech zu. »Ich kann ja die Kinder, die Spaß am Greenteam haben, nicht dazu zwingen in die Christenlehre zu kommen.«

Der engagierten Pfarrerin und ihrem Mann liegt der Umweltschutz seit Langem am Herzen. Das bezeugen die Solaranlage auf dem Pfarrhaus, die Holzpelletsheizung im Keller und die Renaturierung der ungenutzten Flächen auf dem Friedhof. Höpner-Miech sagt: »Mir ist es wichtig, dass die Kinder sehen: Kirche tut etwas.«

Es geht nicht um Papiere, sondern um konkretes Tun

Die Kirche soll sich klar positionieren findet auch die Landesbischöfin der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland (EKM), Ilse Junkermann: »In unserer Verpflichtung steht, dass wir die Anliegen des ökumenischen Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung fördern und das müssen wir auch konkretisieren.« Dazu haben die Landeskirchen bisher vor allem Forderungen auf Papier festgehalten, so beispielsweise jüngst auf Initiative der Evangelischen Kirche Anhalts in einer Erklärung zur Zukunft der Elbe. Längst gehe es aber darum, die papierenen Anliegen mit Leben zu füllen. Die EKM startete deshalb am 2. Januar die Kampagne »Klimawandel – Lebenswandel«.

Deren wichtigstes Instrument hält Andreas Hoenke in den Händen: das Gutscheinheft, das an alle Gemeinden versandt wurde. Auf heraustrennbaren Postkarten werden 23 Vorschläge gemacht, wo Energie gespart und der Ausstoß von CO2 verringert werden kann. »Es sind Dinge, die man oft wiederholen muss: Stand-by-Schaltung aus oder auf Ökostrom umsteigen. Aber so ist für jeden zumindest etwas dabei«, findet der 43-jährige Gemeindepädagoge aus Staats bei Stendal, der privat bewusst klimaschonend lebt, indem er z. B. Plakatrückseiten bedruckt oder mit hohem Reifendruck Auto fährt.

Gemeinsamer Wille, aber unterschiedliche Wege

Die EKM fordert von ihren Gemeinden konkrete Zahlen. Nutzt eine Gemeinde beispielsweise nur noch Recyclingpapier, dann kann sie mit einer Formel ausrechnen, wie viel CO2 sie bis Oktober, dem offiziellen Ende der Kampagne, tatsächlich eingespart hat. Die Ergebnisse landen per Postkarte im Landeskirchenamt. So soll der Ausstoß von einer Million Kilogramm CO2 nachweislich vermieden werden. Es ist ein Ansatz, wie man dem Ziel der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), zwischen 2005 und 2015 ein Viertel der Emissionen in den eigenen Reihen einzusparen, näherkommen kann.

Dagegen hält die sächsische Landeskirche die Umsetzung in ihrer Region für schwierig. Man könne nicht ermitteln, wie viel die rund 780 Kirchgemeinden momentan an CO2 ausstoßen würden, deswegen sei es schwer Vorgaben zu machen, findet Oberkirchenrat Frank del Chin. Auch wenn es eine Berechnungsanleitung der EKD gibt, setzt Sachsen lieber auf Multiplikatoren, so wie sie in der evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt ausgebildet werden. »Der grüne Hahn« heißt das dortige Umweltmanagement für Kirchen: »In den Gemeinden gibt es immer Vorreiter, die etwas anregen. Es muss ja ein Prozess in Gang gesetzt werden: Wollen wir Umweltschutz und wollen wir ihn mit dieser Konsequenz?«, erklärt del Chin. So sei zum Beispiel bei kleinen selten genutzten Kirchen eine energiesparende Volldämmung wenig sinnvoll, größere Gemeinden seien aber sehr wohl aufgefordert, sich damit auseinanderzusetzen.

Das konnten sie im Herbst 2010 beim zweiten Praxistag für Energie- und Umweltmanagement in Dresden. 55 Teilnehmer informierten sich dort unter anderem darüber, wie der Freistaat Sachsen Beratungen zur Energieeffizienz fördert. Frank del Chin ist zuversichtlich, dass es ausreicht den Kirchgemeinden Anregungen wie diese mit auf den Weg zu geben. Der Rest aber bleibt Einzelnen überlassen.

Der Lebensstil lässt sich nur schwer verändern

Zum Beispiel Pfarrerin Höpner-Miech, die die Diskussionen in ihrer Gemeinde genau kennt: »Unmittelbar nach Elbehochwasser und Tornado, an denen wir glimpflich vorbeigeschrammt sind, merke ich ein Innehalten«, aber nach kurzer Zeit solle doch alles wieder so sein wie vorher. »Dass wir unseren Lebensstil ändern, ist ein Punkt, der nicht passiert.«

Auch Gemeindepädagoge Andreas Hoenke kann noch so ein gutes Vorbild sein, indem er mit Jugendlichen eine Pfarrscheune mit alten Steinen, Holz und Lehm umgebaut hat. Doch einfache Ideen zum Energiesparen seien schwer in die Gemeinde zu tragen. Das zeigen auch erste Reaktionen auf das Gutscheinheft der EKM: »Ist das ernst gemeint? Soll ich das wirklich machen«, hätten die Leute gefragt. Hoenke findet die Kampagne auch wichtig, weil sie seine eigene Haltung bekräftigt. »Man muss nur gucken, dass damit im Oktober nicht wieder alles vorbei ist.«

Die Erfahrungen zeigen: Jeder kann seinen Beitrag gegen den Klimawandel leisten. Es muss nur jemand anfangen und der darf mit seinem Engagement auch von den Landeskirchen nicht allein gelassen werden.

Maxie Thielemann

»Sparen ja, aber ausgewogen«

1. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Nikolaus Schneider, der amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und Präses der rheinischen  Kirche, besuchte in der vergangenen Woche die Evangelische Verlagsanstalt in Leipzig und die Redaktion der Kirchenzeitung »DER SONNTAG«. Foto: Armin Kühne

Nikolaus Schneider, der amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und Präses der rheinischen Kirche, besuchte in der vergangenen Woche die Evangelische Verlagsanstalt in Leipzig und die Redaktion der Kirchenzeitung »DER SONNTAG«. Foto: Armin Kühne


Alle reden vom Sparen – im Staat wie in der Kirche. Christine Reuther sprach ­darüber mit dem Ratsvor-
sitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider.

Herr Ratsvorsitzender, wie sehen Sie das Sparpaket der Bundesregierung?
Schneider:
Mit diesem Sparpaket hat die Bundesregierung einen Schwerpunkt gesetzt bei Bildung und Entwicklung. Das begrüße ich außerordentlich. Aber es gibt Kürzungen im Sozialbereich, die ich für unausge-
wogen halte. Für die Kürzung beim ­Elterngeld mag es zwar eine richtige systematische Begründung geben, aber die hilft nicht, denn die Menschen haben dann einfach zu wenig Geld. Es gibt ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts, dass die derzeitigen Sätze für Hartz IV vermutlich nicht ausreichend sind, auf jeden Fall nicht für die Kinder und Jugendlichen. Das Elterngeld für Hartz-IV-Empfängerin­nen zu streichen, ohne diese Schieflage korrigiert zu haben, ist nicht in Ordnung. Wenn sie die wachsende Zahl der Tafeln in unserem Land ­sehen, dann ist das ja ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Grundsicherung den Grund eben nicht mehr ­sichert. Also: Diese Kürzungen sind sozial unausgewogen und müssen ­kritisiert werden.

Was würden Sie anders machen?
Schneider:
Ich würde die Ausgaben- und die Einnahmenseite betrachten. Es ist eine ideologische Engführung zu sagen, Steuern dürfen auf gar keinen Fall erhöht werden. Zumal in einer Situation, wo das obere Segment unserer Gesellschaft durch einige Sprecher sagt: Wir sind bereit, unseren Teil zu tragen. Aus diesem Grunde sollte man auch die Einnahmeseite analysieren und starken Schultern auch eine größere Last auflegen.

Sehen Sie den inneren Frieden bedroht, wenn die angekündigten Kürzungen immer wieder Menschen zu Protesten auf die Straße treiben?
Schneider:
Eine Gefahr ist zumindest da. Diese Tendenz, dass sich unsere Gesellschaft immer weiter auseinanderentwickelt, haben wir seit 20 Jahren. Es ist ein schleichender Prozess: Eine Weile geht es gut, und dann könnte ein Punkt kommen, wo sich die Empörung Bahn bricht. Dann ist das auslösende Moment häufig gar nicht mehr wichtig. Aber aufgrund dessen, was sich aufgestaut hat, haben die Leute die Nase voll und sagen: Jetzt ist Schluss. Möglich, dass wir uns einem solchen Punkt nähern.

Sie beobachten diese Entwicklung seit 20 Jahren, sagen Sie. Sehen Sie einen Zusammenhang mit der deutschen Einheit?
Schneider:
Diese Entwicklung hat viele Ursachen, besonders die Globalisierung. Aber dass mit dem Zusammenbruch der Ostblockregime den westlichen Demokratien die Systemkonkurrenz weggefallen ist, hat auch dazu geführt, dass soziale Standards abgebaut wurden. Ich beobachte einen schleichenden Transformationsprozess von einer sozialen Marktwirtschaft hin zu einer radikalen Marktwirtschaft.

Was kommt auf die Kirchen zu, wenn auch dort die Einnahmen weniger werden?
Schneider:
Harte Zeiten. Die Kirchen haben ja nicht die Möglichkeit, sich wie der Staat über beide Ohren zu verschulden – und das ist auch gut so. Wir werden also sortieren müssen, was künftig von Kirchensteuern zu finanzieren ist. Und dann wird es Bereiche geben, wo wir verstärkt Mittel einwerben müssen. Das werden schmerzhafte Prozesse sein.

Hat das Auswirkungen auf den angestoßenen Reformprozess?
Schneider:
Bei dem Reformprozess gibt es ein paar Elemente, die für eine solche Debatte von großer Bedeutung sein können. Es ist für die Kirche völlig unverzichtbar, in die Gesellschaft hineinzuwirken. Doch dann müssen wir auch die Instrumente dafür haben. Zum Beispiel so eine Kirchenzeitung wie die Ihre, die sowohl nach innen Verständnis für die Lage der Kirche vermittelt aber auch wichtige gesellschaftliche Themen transportiert – in die Kirche hinein und aus der Kirche heraus. Wir müssen nur aufpassen, dass wir durchs Sparen ­unseren Auftrag nicht beschädigen: Nämlich das Evangelium von der freien Gnade Gottes unters Volk zu bringen.

Und wie kann die Kirche der Zukunft mit weniger Geld auskommen?
Schneider:
Die Stärke unserer Volkskirche ist, dass wir alle zusammengehören. Aber die Schwäche ist häufig, dass die Menschen zu wenig das Bewusstsein entwickelt haben, dass das ihre Sache ist. Unsere Leute müssen sagen: Kirche ist meine Sache, und wenn ich mich nicht engagiere, dann gibt es viele kirchliche Aktivitäten nicht mehr.

»Einmal Kirche – macht zwei Euro«

1. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

Comments Off

Kirche und Geld: Die Unterhaltung der Gebäude übersteigen die Kraft vieler Gemeinden – warum nicht Eintrittsgelder?

Foto: Begsteiger

Foto: Begsteiger

Wer in Venedig oder Florenz – außer zum Gottesdienst – in eine Kirche will, muss ­vorher an die Kasse. Was dort schon lange gang und gäbe ist, gehört hierzulande (noch) zur Ausnahme.

Ein Beitrag zu einer notwendigen Diskussion.

Mein erstes Mal war 2004. Ich war kurz irritiert. Für den Eintritt in den Berliner Dom verlangte man eine »Domerhaltungsgebühr«. Der Name warb für einen nachvollziehbaren Zweck, aber ein Unbehagen blieb. Darf man für einen Kirchenbesuch außerhalb des Gottesdienstes Eintritt nehmen? Soll sie nicht offen sein und Menschen ohne jede Hürde einladen?

Vor allem in touristisch stark besuchten Kirchen werden Eintrittsgelder erhoben, in der Nicolaikirche zu Stralsund oder dem Naumburger Dom. Bei letzterem ist dies einsichtig, er wird von einer Stiftung verwaltet. Aber auch im Dom zu Meißen, der ­offiziellen Bischofskirche der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, werden 2,50 Euro fällig. Um das Besucherargument, »aber wir zahlen doch schon Kirchensteuer«, zu entschärfen, wird unter anderem darauf hingewiesen, dass zum Dom keine eigene Gemeinde gehöre. Jüngster Fall: Für die Lübecker Marienkirche wird seit März diesen Jahres eine Gebühr erhoben.

Dies hat die Diskussion um Eintrittsgelder für Kirchen neu entfacht. Laufende Sanierungskosten bei abnehmender öffentlicher Förderung machen sie nachvollziehbar. Ich gebe aber zu, das Unbehagen bleibt. Ich stelle mir das Zusammenspiel unterschiedlicher Eindrücke vor. Am Portal meiner Predigtstätte, der Stadtkirche St. Marien im thüringischen Greiz, steht: »Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!« Und zwei Meter weiter bittet dann jemand freundlich um zwei Euro für den Eintritt …

»Kommet her zu mir« – aber erst zur Kasse
Dennoch spricht aus lutherischer Sicht zunächst nichts gegen eine Eintrittsgebühr. Der Kirchenraum dient nach Martin Luther nicht der Heilsvermittlung. Noch in seiner Einweihungspredigt für die Schlosskapelle in Torgau im Jahr 1544 predigt er, dass man auch am Brunnen oder anderswo predigen und beten könne. Ein Gottesdienst heiligt jeden Ort für die Dauer des Gottesdienstes. Danach ist er nur eine Stätte, bei all der Kirchen- und Glaubensgeschichte, die in ihm gelebt hat.

Insofern gibt es aus evangelischer Sicht wenige Gründe gegen eine Eintrittsgebühr. Ihre Befürworter verweisen auf den kostenlosen Besuch innerhalb kirchlicher Veranstaltungen. Sie benennen andere Gebühren (Kerzen/Fotografieren/Turmbesteigung), die unproblematisch erhoben werden und dem gleichen Zweck dienen. Sie berichten von der Erfahrung, dass bei stark besuchten Kirchen der Ertrag in den Kollektenbüchsen erstaunlich mager bleibt. Ihnen erscheint ein Eintrittsgeld als letzte Möglichkeit zur Unterhaltung des Gebäudes. Die Argumente der Befürworter sind nachvollziehbar. Zugleich durchkreuzen sie die Zielsetzung der bundesweiten Initiative »Offene Kirche«. Diese lädt dazu ein, sich über die Begegnung mit dem Kirchenraum dem eigenen Glauben wieder zu nähern. Ein Eintrittsgeld wäre dafür kontraproduktiv.

Zudem bietet sich abseits der ­touristisch attraktiven Großstädte die Einführung von Eintrittsgeldern ohnehin nicht an. Reguläre Öffnungszeiten verlangen Aufsichtspersonal, ergeben zusätzliche Kosten. In der Fläche wird sich der Erhalt einer Kirche also weiter auf Spendenaktionen, die Unterstützung durch Gemeindeglieder und Bürger des Ortes konzentrieren müssen.

Eintrittsgelder kontra »Offene Kirchen«
Doch um eine andere Diskussion kommen wir nicht herum. Können noch alle Kirchen erhalten werden? Die demographische Entwicklung stellt diese Frage deutlich. Eine »erweiterte Nutzung« von Kirchen wird angedacht, um andere Nutzer in den Erhalt eines Gebäudes einzubinden. Doch viele Kommunen sind als mögliche Partner längst anderweitig gut aufgestellt. Es ist zu befürchten, dass die Debatte um die »erweiterte Nutzung« von Kirchen nur im Einzelfall, nicht aber im großen Stil zu Ergebnissen führt.

Das katholische Bistum Essen will um die Hundert Kirchen aufgeben. Nach katholischer Lehre ist die Kirche auch außerhalb des Gottesdienstes heilig. Man horcht als Lutheraner bei dieser Meldung darum besonders auf. Die Evangelisch-lutherische Landeskirche Hannovers wird sich von acht Kirchen und drei Kapellen trennen. Die Debatte um Eintrittsgelder für den Besuch einer Kirche sollte darum auch diese Punkte beinhalten, die weniger häufig diskutiert werden.

Lieber notwendige Abschiede von Gebäuden?
Kirchengebäude sind mir wichtig. Mit vielen verbindet mich eine Glaubenserfahrung. Ich werde wohl auch Eintritt zahlen, wenn er verlangt wird. Ich weiß, es ist für einen guten Zweck. Ich nehme dennoch wahr, wie sehr die Gebäude unsere Diskussion dominieren. Wenn ich Luther weiterdenke, frag ich mich, ob das richtig ist. 18 Prozent der Kirchengebäude der EKD befinden sich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM): ca. 4000 Kirchen, Klöster und Kapellen. Zugleich aber wohnen im Bereich der EKM nur rund 3,6 Prozent der Evangelischen Kirchenmitglieder Deutschlands. Eine Diskussion um Eintrittsgelder kann dazu helfen, dass dieser bauliche Reichtum nicht immer mehr zur Last wird, sondern Lust bleibt. Er darf andererseits bei der Diskussion um Eintrittsgebühren nicht aufhören und wird uns allen wohl schmerzvolle Einschnitte abverlangen.

Andreas Hausfeld studierte Theologie und Betriebswirtschaft (VWA) und ist Pfarrer an der Stadtkirche von Greiz (Thüringen).

Mode und Kirche passen zusammen

28. Januar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Comments Off

Als zweite Haut ist Kleidung seit Urbeginn der Menschheit ein kleiner Trost in aller Sterblichkeit

Sich etwas gönnen! Wie wär’s mit ­einem neuen Kleid? Foto: BilderBox.com

Sich etwas gönnen! Wie wär’s mit ­einem neuen Kleid? Foto: BilderBox.com

Eine Modenschau in der Kirche? Mode ist doch Mode und Kirche ist Kirche. Oder haben beide doch ­etwas miteinander zu tun? Vor dieser Frage stand vor einiger Zeit der Kirchenvorstand einer deutschen Großstadt. Ein französisches Modehaus hatte angefragt: Man wolle die Winter- und Frühjahrskollektion in der Stadtkirche präsentieren. Ein nicht unerhebliches Honorar für die klamme Gemeindekasse stand in Aussicht, und dem Pfarrer wurde die Möglichkeit geboten, im Rahmen einer Andacht oder einer Ansprache die christliche Botschaft unter die Besucher zu bringen.

Adam und Eva – die ersten Modeschöpfer
Mode und Religion: Geht denn das zusammen? Im biblischen Schöpfungsbericht sind es Adam und Eva, die nach der Versuchungsgeschichte als erste Modeschöpfer auftreten. Sie flechten sich Schurze aus Feigenblättern als sie ihre Nacktheit bemerken. Sie schämen sich. Sie kennen den ­Unterschied von Gut und Böse. Und sie wissen von nun an, dass sie sterblich sind. Kleidung, Scham und Tod stehen von nun an in Beziehung zueinander. Das ist das Geheimnis der Versuchungsgeschichte. Als zweite Haut ist Kleidung, ist Mode seit Urbeginn der Menschheit ein kleiner Trost in aller Sterblichkeit. Wenn schon die erste Haut, der Menschenkörper, vergänglich ist, warum nicht eine zweite Haut erfinden und anziehen, die diese Vergänglichkeit ein bisschen erträglicher macht?

Seit damals machen Menschen Mode, lieben das Schöne. Die bunten prächtigen Dome sind die Laufstege des Mittelalters. Denn der Kleidung und den Gottesdiensten der römischen Kirche konnte man eines jedenfalls nicht absprechen: die Lust am Schönen und Festlichen. Vor dem Hintergrund der mittelalterlichen Todesangst vor Pest oder Fegefeuer ist das eine einleuchtende Lust. Das Schöne ist immer auch Sehnsucht nach Erlösung, Sehnsucht nach einer anderen Welt.

Wer immer Sehnsucht hat, erweist sich und die Welt als bedürftig und verletzlich. So tragen bis heute die großen Modenschauen und die Prozessionen der Schönen auf den Laufstegen jene Sehnsucht in sich. Nach außen perfekt und glänzend, birgt die Glitzerwelt der Mode in ihrem Kern etwas zutiefst Humanes. Es ist die Schwäche des versehrlichen menschlichen Körpers.

Für die christliche Religion rückt dieser menschliche Körper ins Zentrum des Glaubens. In Jesus von ­Nazareth ist es Gott selbst, der einen Körper bekommt. Für Gott selbst ein Gang in die Fremde. Der Allmächtige wird Mensch, sterblich und bedürftig.

Die Lust am Schönen und Festlichen

Da sind sie plötzlich ganz nahe beieinander, die Modewelt und der christliche Gott. Ja, Mode und Religion gehen zusammen. Eine Gemeinde, ein Kirchenvorstand, der vor einer solchen Entscheidung steht, kann also zu ganz neuen Ergebnissen kommen. Und was heißt das für den Alltag?

Vielleicht eine Aufforderung, sich etwas zu gönnen, gleich heute. Das Lieblingskleid anzuziehen, das im Schrank geschont wurde. Die edlen Winterschuhe zu kaufen, um die man wochenlang herumgestrichen ist, weil sie ein bisschen mehr kosten. Die schöne Leinenbluse zu tragen, auch wenn es nur um die Ecke zum Einkaufen geht. Denn jeder Tag ist etwas besonderes, weil er einmalig ist. Darum dürfen auch wir Menschen einmalig und schön sein.

Christian König