»Ich bin hier wohl das ›schwarze Schaf‹«

11. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Familie

Das Sprichwort vom »schwarzen Schaf« geht auf die Wertmaßstäbe der Schafzucht zurück, wonach die Wolle weißer Schafe als wertvoller anzusehen ist, da sie sich einfacher färben lässt. Foto: ddp images/dapd.

Das Sprichwort vom »schwarzen Schaf« geht auf die Wertmaßstäbe der Schafzucht zurück, wonach die Wolle weißer Schafe als wertvoller anzusehen ist, da sie sich einfacher färben lässt. Foto: ddp images/dapd.


 

Zusammenleben: Vom Umgang mit Außenseitern, Sündenböcken und Rebellen in der Familie

 
Kein Kind kommt als »schwarzes Schaf« auf die Welt, dennoch gibt es sie, die Problemkinder, die ­ständig anecken. Eltern ­können ­etwas tun, damit ihr Kind nicht ins Abseits gerät.

Mit Fleiß und Disziplin haben Helenes Eltern es geschafft, sich eine Existenz aufzubauen. Sie kommen, wie sie immer betonen, aus »kleinen Verhältnissen«. Als ihr ältester Sohn vor drei Jahren bei einem Autounfall ums Leben kam, war das ein schwerer Verlust. »Er war so ein wunderbarer Junge«, heißt es seither. Dass ihr zweiter Sohn mit ­Bravour das Abitur geschafft hat und Aussichten auf ein Stipendium hat, ist ihr ganzer Stolz. Für Helene (16) dagegen schämen sie sich: Sie raucht, sie kleidet und schminkt sich auffällig, kommt erst mitten in der Nacht nach Hause, und es ist fraglich, ob sie einen Schulabschluss schafft.

Seit der Scheidung vor drei Jahren erzieht Annette ihre drei Kinder allein. Mit den beiden Töchtern gibt es keine Probleme. Aber ihr Ältester, der 16-jährige Patrick, der seinem Vater so ähnlich sieht, provoziert sie durch Unzuverlässigkeit und Leichtsinn. Er umgibt sich mit falschen Freunden, war schon mehrmals betrunken, und sie hat den Verdacht, dass er ihr Geld gestohlen hat. »Ich kann dir ja sowieso nichts recht machen«, blockt Patrick alle Vorhaltungen ab. Anders als seine Schwestern verbringt er jedes zweite Wochenende gerne bei seinem Vater. Und das, obwohl Annette seit Monaten auf den Unterhalt für die Kinder warten muss.

Teufelskreis
Ständig eckt der achtjährige Tim an. Wo immer er auftaucht, stiftet er durch impulsives Verhalten und Ungeschick Chaos. Auf Ermahnungen reagiert er bockig und störrisch. Tims Eltern fragen sich inzwischen: »Was haben wir falsch gemacht bei seiner Erziehung?« Neulich hat Tim wütend und traurig ausgedrückt wie er sich fühlt: »Ich bin wohl hier das ›schwarze Schaf‹?«

Kein Kind kommt als »schwarzes Schaf« zur Welt. Temperament, Kons­titution, Geschwisterkonstellation und die Paarbeziehung der Eltern spielen eine wichtige Rolle, wenn ein Kind in einer Familie als schwierig gilt und als Ursache für Konflikte und ­Probleme ausgemacht wird.

Das »schwarze Schaf« seinerseits fühlt sich ungerecht behandelt und ungeliebt. Ist die Rolle erst mal festgeschrieben, wird das betroffene Kind sich so ­verhalten, wie es charakterisiert wird. Schuldzuweisungen, Festlegungen und Konflikte haben verschüttet, was an Konstruktivem und Positivem in ­jedem Kind wohnt.

Familiensystem
Gar nicht selten ist es so, dass sich im »schwarzen Schaf« der Familie die Probleme des Elternpaares oder der Lebensgeschichte eines Elternteils wie in einem Brennglas fokussieren. »Die Erkenntnis, dass ein ›schwarzes Schaf‹ ein Symptomträger sein kann, ist für Eltern oft eine harte Nuss«, erlebt Familientherapeutin Renate Lang immer wieder.

Dabei gehe es nicht um Schuldzuweisung oder Verurteilung von Eltern. Wenn ein Kind schwierig ist, spiegelt sich darin oft eine Gesamtbelastung in der Familie wieder. Das »schwarze Schaf« nimmt das wahr und will – so paradox es sich anhört – mit seinem Verhalten das System Familie in Balance bringen. »Haben Sie abgesehen von diesem Kind keine Probleme?« Diese Frage öffne oft den Zugang zu einer neuen Betrachtung der Gesamtsituation.

Im Fall von Patrick etwa dämmerte es seiner Mutter Annette, dass sie die Trauer über die gescheiterte Ehe und ihren Zorn auf ihren Ex-Mann auf ihren Sohn übertrug. Weil Patrick zudem ihrem Ex-Ehemann äußerlich sehr ähnelt, hatte sie ihn innerlich festgelegt: »Du bist genau wie dein ­Vater.«

Mit neuem Blick
Ein Blick auf die Geschwister- und Rollenkonstellation einer Familie ist oft hilfreich. So hat etwa Helene gegen zwei ältere »Überbrüder« zu kämpfen. Der verstorbene Bruder erhielt so etwas wie einen »Heiligenschein«, und der lebende Bruder ist durch seine überragenden Leistungen der stolz präsentierte Vorzeigesohn. Helene entschied sich unbewusst dafür, gar nicht erst in Wettbewerb zu den beiden zu treten und die »Rebellin« der Familie zu sein.

Den Schlüssel zu Tims Verhalten fanden seine Eltern, indem sie ihn bei einem Neurologen vorstellten. Der stellte nach ausführlichen Tests eine Reizverarbeitungsstörung, auch als MCD (Minimale Reizverarbeitungsstörung) bekannt, fest. Sie kann als die Ursache für Tims Verhalten gelten. Er braucht keine ständigen Zurechtweisungen, sondern spezielle Förderung. Und er braucht Eltern, die die Zusammenhänge zwischen dem hirnneurologischen Defizit und Tims Verhalten erkennen und ihre Reaktionen darauf einstellen.

Hilfreiche Anstöße
Machen Sie sich klar, dass eine Familie ein System ist. Wie in einem Mobile reagiert das Ganze auf die Bewegung jedes einzelnen Teils.
Jedes Familienmitglied nimmt eine bestimmte Rolle ein. Oft ist es das bequemste, alle negativen Gefühle auf eine Person zu fokussieren und sie für jeden Konflikt verantwortlich zu machen.

Prüfen Sie, inwieweit andere Familienmitglieder an Konfliktsituationen beteiligt sind. Üben Sie, einen neuen Blick auf das »schwarze Schaf« zu werfen. Es ist immer noch das Kind, das sie kurz nach seiner Geburt staunend und beglückt in den Armen hielten und das geliebt sein will. Können Sie es segnen und Gott für dieses Kind danken?

Beschreiben Sie, was genau Sie am Verhalten Ihres Kindes als anstrengend erleben. Besprechen Sie mit Ihrem Kind respektvoll und in Ruhe, wie und warum sie künftig auf solches Verhalten reagieren werden und ­bitten Sie um seine Mithilfe. Kinder können das verstehen. Die Situation lässt sich nicht ändern, indem Sie sich auf das konzentrieren, was Sie stört, beschämt oder gar Schuldgefühle in Ihnen weckt. Schreiben Sie jede noch so winzige positive Kleinigkeit auf, die Sie an Ihrem »schwarzen Schaf« entdecken. – Bringen Sie das, was liebenswert an ihrem »Problemkind« ist, auch zum Ausdruck. Und zwar möglichst in entspannten »Friedenszeiten«.

Vermeiden Sie es, Ihr Kind auf ­Charakterzüge oder Eigenschaften festzulegen oder zu sagen: »Du bist genau wie …« Vermeiden Sie es, die Rivalität unter Geschwistern anzuheizen, indem Sie sie voreinander vergleichen oder einander als Vorbild hinstellen. Trennen Sie eigene Probleme von denen, die Sie mit dem Kind haben. Gestehen Sie sich ein, wo es in Ihrer Familie, in der Paarbeziehung, im Beruf Probleme gibt und holen Sie sich fachliche Hilfe. Lassen Sie überprüfen, ob das Verhalten des Kindes körperliche Ursachen haben könnte. Verabschieden Sie sich von der Vorstellung, perfekte Eltern in einer stets harmonischen Familie sein zu müssen.

Karin Vorländer

BUCHHINWEISE
Shaw, Elizabeth: Das kleine schwarze Schaf, Kinderbuchverlag Berlin, 56 S., ISBN 978-3-358-03039-4, 9,95 Euro
Zum Vorlesen ab 5 Jahre
Juul, Jesper: Elterncoaching. Gelassen erziehen, Verlag Beltz, 272 S., ISBN 978-3-407-85920-4, 17,95 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung: ­Telefon (03643)246161