Wenn der Pfarrer den Narren gib

13. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Seltenheit: Der vermutlich einzige evangelische Theologe in Deutschland, der zum Faschingsprinzen gekrönt wurde

Er ist Rheinländer. Doch keine vordergründige Frohnatur, die den Clown schon zum Frühstück braucht. Dazu ist Gregor Heidbrink, der Pfarrer von Finsterbergen, ein viel zu ernsthafter Mensch. Beim Karneval allerdings zeigt er sich ganz anders. Da pflegt der gebürtige Rheinländer seine närrische Seite. Umgewöhnen musste sich der gebürtige Bonner vor allem beim Narrenruf: »Wir lernten als Kinder zuallererst, dass es Alaaf und nicht Helau heißt«, sagt er. Damit kann er im Thüringischen keinen Narren hinterm Ofen vorlocken. Doch mittlerweile geht ihm Helau ohne Schwierigkeiten von der Zunge.

Fasching in Finsterbergen: Jeannette und Gregor Heidbrink halten als Jeannette I. und Gregor I. närrischen Hofstaat. Foto: Klaus-Dieter Simmen

Fasching in Finsterbergen: Jeannette und Gregor Heidbrink halten als Jeannette I. und Gregor I. närrischen Hofstaat. Foto: Klaus-Dieter Simmen

Die 44. Saison der Finsterberger Narren wird Gregor und Jeannette Heidbrink wohl ewig in Erinnerung bleiben. Schließlich halten sie als Gregor I. und Jeannette I. närrischen Hofstaat. Faschingsprinz zu sein ist mit Sicherheit eine Sehnsucht, die Rheinländern in die Wiege gelegt wird. Nun ist der Pfarrer nicht nur am Ziel seiner Wünsche, sondern der wohl einzige evangelische Pfarrer in Deutschland, der als Prinz gekrönt wurde.

Seit neun Jahren leben die Heidbrinks nun in Finsterbergen. Zum Finsterberger Karneval Club fand die Familie jedoch nicht sofort. »Wir haben Büttenabende besucht, selbstverständlich, mehr aber nicht«, sagt der Pfarrer. Um wirklich dabei zu sein, bedurfte es des Anstoßes von außen. Und den gab es an der Bar, am Ende einer der legendären viereinhalbstündigen Büttenabende. Ob er nicht zum 11. 11. eine Rede halten wolle, wurde Gregor Heidbrink gefragt. Und ja, er wollte.

Was er vortrug, damals vor vier Jahren, begeisterte das Publikum auf Anhieb. Da stand einer als Heiliger Martin auf der Bühne und brillierte, ein Senkrechtstarter. Ein Jahr später war der Heilige Martin dann fester Bestandteil des Büttenprogramms. Im roten Mantel und sich selbst auf der Gitarre begleitend, sang Gregor Heidbrink ein Lied zum Thema Flüchtlinge. »Das war 2015, das Thema bewegte die Menschen, so dass ich dachte, das kann man auch im Karneval nicht aussparen.«

Der Pfarrer nahm in seinem Text jene auf die Schippe, die sich als Helfer in den Vordergrund drängten und dabei nichts weiter im Sinn hatten, als ihre alten Sachen los zu werden.

Damit spielte er auch auf seine Rolle als Heiliger Martin an. »Ich habe mir diese ganz bewusst ausgesucht, um eine Brücke zu meinem Beruf zu schlagen.« Und weil die Kirchengemeinde Finsterbergen alljährlich an den Mann erinnert, der seinen Mantel mit dem Bedürftigen teilte. »So ist der Heilige Martin eine lebendige Figur
im Dorf.«

In der Bütt zu stehen brachte dem Pfarrer eine ganz neue Redeerfahrung. Da nämlich sitzt vor ihm ein gutgelauntes, angeheitertes und zahlendes Publikum. »Da muss man schon Arbeit in seinen Vortrag stecken, das Timing muss stimmen, damit der Gag auch ankommt. Das war für mich außerdem eine wertvolle Erfahrung fürs Schreiben der Predigt.« Selbst wenn er da sehr sorgfältig vorgehe, so gerate ihm in der Routine doch gelegentlich Schriftsprache darunter, gibt er zu, was bei dem einen oder anderen dazu führt, dass er abschaltet. Das passiert ihm jetzt nicht mehr.

Was macht für den aktuellen Faschingsprinzen guter Karneval aus? »Er muss von unten kommen. Das habe ich schon als Kind gelernt. Wenn die Garde marschiert, so erfuhren wir, wird das Militär veräppelt. Und das zeigt, der Spott gilt den Mächtigen. Das funktioniert, und es funktioniert noch besser, wenn der Mensch auch über sich lachen kann.« Gar nicht mag es der Pfarrer im Narrenkostüm, wenn über die Schwachen gelacht wird, über jene, die sich nicht wehren können.

Trotz Prinzenrolle steht Heidbrink auch in dieser Saison auf der Bühne – gemeinsam mit seiner elfjährigen Tochter. In ihrem Sketch geht es um den Generationenkonflikt, um den Förster, der seine Tochter mit in den Wald nehmen, ihr die Schönheit der Natur nahe bringen will, die jedoch längst in ihrer Handywelt versunken ist.

Gefragt ist das Prinzenpaar nicht nur bei den offiziellen Veranstaltungen des Karneval Clubs, die Regenten statten Besuche ab, wie etwa in der Finsterberger Kita, wo gemeinsam mit den Mädchen und Jungen gesungen wurde. Das fasziniere an der Regentschaft, gibt Heidbrink zu. Und noch etwas hat ihn in seinen Bann geschlagen: Das reibungslose Zusammenspiel zwischen den Akteuren auf der Bühne und jenen, die dahinter für einen reibungslosen Ablauf sorgen, Tontechniker und Beleuchter, Kostümschneider und andere fleißige Helfer, die nie im Rampenlicht stehen. »Ich wünschte mir, dass manche Kirchengemeinden so funktionieren würden«, sagt der Pfarrer im Prinzenkostüm.

Klaus-Dieter Simmen

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Auf neue Gedanken kommen

13. Februar 2018 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirchenjahr: Die Passionszeit ist eine große Einladung. Der Glaubenskurs der Kirchenzeitung widmet sich den kirchlichen Festen und zeigt, warum sie eine Schule für Lebenskunst sind.

Schon lange vor der Entstehung des Christentums zelebrierten die Menschen jedes Jahr im Frühjahr den Neubeginn. Den belebenden Übergang vom Dunklen ins Helle, von der Kälte in die Wärme und von der Verzweiflung in die Hoffnung: Es wird Licht! Wie schön. Lasst uns feiern.

Die frühen Christinnen und Christen übernahmen diesen Brauch und verbanden ihn mit der Auferstehung Jesu, die ja ohnehin mit einem israelitischen Fest in der Frühlingszeit verbunden war. Zugleich erinnerten sich die Gemeinden daran, dass man umso erfüllter feiern kann, je besser man sich darauf vorbereitet. Also legten sie vor die Osterfeier eine vierzigtägige Fastenzeit, die sogenannte Passionszeit. Und weil es gar nicht so einfach war, diese Wochen gut durchzustehen, beschlossen die Menschen, vor dem Fasten noch mal richtig einen drauf zu machen. So entstand der Karneval.

Man weiß zwar nicht ganz genau, woher das Wort »Karneval« kommt, aber zwei Erklärungen klingen besonders nachvollziehbar: Entweder steckt dahinter »Carne vale«, zu deutsch: »Fleisch, lebe wohl« (weil viele Regionen beschlossen, in der Passionszeit auf Fleisch zu verzichten) oder »Carrus navalis« – womit die Umzugswagen gemeint sind, mit denen schon die Germanen den alljährlichen Wiedereinzug der Fruchtbarkeitsgötter begingen. Und weil man dabei gleichzeitig die dunklen Wintergeister vertreiben wollte, verkleideten sich die Leute mit allerlei kuriosen Masken und Kostümen. Das heißt: Selbst die Rosenmontagsumzüge spiegeln uralte religiöse Bräuche wider.

Tja, und weil es klug ist, nicht nur die dunklen Geister, sondern auch die dunklen Gedanken zu vertreiben, gilt die Passionszeit schon immer als eine Zeit der Einkehr. Was auch zum Fasten passt, das ja weniger ein Verzichten-Auf-Etwas, als ein Freiwerden-Für-Etwas sein will. Dahinter verbirgt sich ursprünglich die Frage: Wie kann ich in meinem von so vielen Gewohnheiten bestimmten Alltag einen Unterschied machen, damit ich auf neue Gedanken komme? Zum Beispiel, indem ich mich anders ernähre. Indem ich regelmäßig spazieren gehe. Oder indem ich anderweitig meinen Tagesablauf verändere. Denn wer nicht aus seinen äußeren Routinen aussteigt, dem wird es auch schwer fallen, seine inneren Routinen zu hinterfragen.

Auf zum Frühjahrsputz: Die Passionszeit wurde als eine Reinigungszeit verstanden. Eine Zeit, um zu prüfen, ob die Seele einen Frühjahrsputz braucht. Foto: natali_mis – stock.adobe.com

Auf zum Frühjahrsputz: Die Passionszeit wurde als eine Reinigungszeit verstanden. Eine Zeit, um zu prüfen, ob die Seele einen Frühjahrsputz braucht. Foto: natali_mis – stock.adobe.com

Wie sehr die Passionszeit von Anfang an als eine Reinigungszeit verstanden wurde, zeigt übrigens der Aschermittwoch, mit dem das Fasten ja eingeleitet wird. Asche wird nämlich schon seit Jahrtausenden als Reinigungsmittel genommen. Außerdem symbolisiert sie das reinigende Feuer. Und deshalb wurden eine Zeitlang sogar all diejenigen, die eine Schuld auf sich geladen hatten, während der Fastenzeit vom Gottesdienst ausgeschlossen. Sie bekamen dann ein sogenanntes »Büßergewand« und wurden mit Asche bestreut. Daher auch der neckische Ausdruck: »Da geht jemand in Sack und Asche.« Heute erhalten Katholiken und in einigen Gemeinden auch evangelische Christen stellvertretend für diese uralten Reinigungshandlungen ein Aschekreuz auf die Stirn: »So, gehe frisch und erneuert in die Passionszeit.«

Es ist großartig, dass das Christentum sich regelmäßig Zeiten gönnt, in denen die Menschen eingeladen werden, innezuhalten und vor dem großen alljährlichen Neubeginn des Kreislaufs von Säen und Ernten das eigene Dasein in Ruhe zu überdenken – und zu prüfen, ob sich vielleicht irgendwo in einem »winterliche« Gedanken und Gefühle eingenistet haben, die dringend mal einen geistlichen Frühling brauchen. Quasi einen Frühjahrsputz der Seele.

Und natürlich scheint in diesen Prozess immer schon das Licht von Ostern: diese Botschaft, die deutlich macht, dass es bei Gott keine Dunkelheit gibt – nicht einmal den Tod – die nicht vom Licht der Liebe erhellt werden könnte. Eine Zusage, mit der man sich den persönlichen Herausforderungen frohgemut stellen kann.

Fabian Vogt

Der Autor ist Theologe, Schriftsteller und Kabarettist

Buchtipp
Vogt, Fabian: Feier die Tage. Das kleine Handbuch der christlichen Feste, Evangelische Verlagsanstalt, 144 S., ISBN 978-3-374-05309-4, 10 Euro

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Es gibt sie doch – die Fastnacht in der evangelischen Kirche!

8. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Merkwürdige Ereignisse: Die Enthüllungsredaktion auf Spurensuche im Landeskirchenamt

Haben Sie, liebe Leserin, lieber Leser, schon einmal etwas von einem kirchlichen Aschermittwoch oder generell von Fastnacht in der Kirche gehört? Nein? Woran mag das wohl liegen?! Vielleicht an der Tatsache, dass das Feiern der Fastnacht unter Steinigung in der evangelischen Kirche verboten ist? Durch das Fröhnen der Sünde während der fünften Jahreszeit geht die protestantische Arbeitsethik den Bach herunter. Unsere Vorstellungen von Fastnacht sind jedoch geprägt von Unproduktivität in Verbindung mit Alkohol und exzessiven Feiern, die dadurch gekrönt werden, dass sich Pfarrer sogar als der Teufel persönlich maskieren. Dies war auch die Meinung des großen Reformators Martin Luther höchst persönlich. »Verlacht den Feind und sucht Euch jemand, mit dem Ihr plaudern könnt […] oder trinkt mehr, oder scherzt, treibt Kurzweil oder sonst etwas Heiteres. Man muss bisweilen mehr trinken, spielen, Kurzweil treiben und dabei sogar irgendeine Sünde riskieren […]«, teilte Martin Luther unserer Redaktion in einem früheren Exklusivinterview mit.

Doch warum widerspricht die Kirche heute so vehement ihrem einstigen Gründervater? Wie kam es zu dem plötzlichen Sinneswandel, der bereits kurz nach seinem Tod einsetzte? Und ist Martin Luther wirklich tot? Ihre Enthüllungsredaktion ist im Landeskirchenamt auf Spurensuche gegangen. Was uns dort begegnete, ließ unseren Glauben in seinen Grundfesten erschüttern: Während des Besuches unserer vertraulichen Quelle am 11. 11. 2015 wurden wir gegen 11.10 Uhr zum Aufbruch gedrängt. Vor der Glasfassade des Amtes stehend, schlug die Turmuhr 11.11 Uhr. Im Inneren des Gebäudes wurde es unruhig und Mitarbeiter eilten von Büro zu Büro. Bunte Girlanden wurden aufgehangen, Pfannkuchen verteilt und plötzlich traten kostümierte Gestalten auf die Flure. Das ganze Amt – ein Haufen voller Narren. Bis heute meinen wir, es wäre Landesbischöfin Junkermann selbst gewesen, die als Papst verkleidet einen gigantischen Umzug anführte.

»Glaube + Einfalt« inkognito mit dem Original. Foto: Anonymus

»Glaube + Einfalt« inkognito mit dem Original. Foto: Anonymus

Auf verstärkte Nachfragen unserer Redaktion zu diesen merkwürdigen Ereignissen, erfolgte bis heute bedauerlicherweise keine Antwort. So bleibt uns nur übrig, Vermutungen anzustellen. Unsere schlüssigste Theorie lautet daher wie folgt: Es liegt ein klarer Fall von Wasser predigen und Wein trinken vor. Denn die Amtskirche sah – und sieht bis heute – in der Fastnachtsfeier eine Gefahr für den Otto-Normal-Gläubigen, der sich dem Suff und der Völlerei hingibt und anschließend nicht angemessen fastet. Im Landeskirchenamt muss sich jedoch der Versuchung hingegeben werden, um der bevorstehenden Passionszeit einen angemessenen Respekt zu zollen und die Unfehlbarkeit des Amts zu wahren. Dies kann jedoch einzig unter der allmächtigen theologischen Anleitung der Bischöfin geschehen, um die Sünden der Kirchenbeamten nicht auf Fegefeuerjahre anzurechnen.

Doch, um noch einmal Luther zu zitieren: »Eine Fastnachtsfeier gilt erst als gelungen, wenn Bierkrüge durch die Wirtshäuser fliegen und auf den Köpfen der Gäste des Nebentisches zerspringen.«

Nach den Ereignissen, die wir im Landeskirchenamt verfolgt haben, stellten wir uns die Frage, ob wir diese Erkenntnisse veröffentlichen können. Schließlich sind dies intime Details aus der Amtskirche. Außerdem fragen wir uns, was dies für das Feiern der Fastnacht in der evangelischen Kirche bedeutet und überlegten so in unserer Redaktion, wie wir mit dem Brauch der Fastnachtsfeier umgehen sollen und was wir Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, mit auf den Weg geben können. Folgenden Entschluss haben wir gefasst: Was das Landeskirchenamt kann, das können wir schon lange! Also veranstalteten wir in unserer Redaktion eine Fastnachtsfeier, ganz im Sinne des Reformators und feierten ausgelassen und feuchtfröhlich. Denn warum veranstaltet die Evangelischen Kirche eine Aktion namens »7 Wochen ohne …«? Warum sollten wir überhaupt fasten, wenn wir nicht wenigstens ausgiebig vorher gefeiert haben? Gewiss nicht, weil mit dem Aschermittwoch die Passionszeit beginnt.

Denn Jesus hat vor seinem Tod nicht gefastet. Also feiern Sie ausgiebig, außerhalb des Gottesdienstes darf auch mal gelacht werden und viel Spaß beim Verkleiden! In diesem Sinne: Ein dreifach gedonnertes HELAU! Bleiben Sie fromm.

Ihre Fastnachtsredaktion in Zusammenarbeit mit Ihrer Enthüllungsredaktion.

Der Karneval befreit

16. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Nachgefragt: Warum ein katholischer Pfarrer den Karneval für so wichtig hält, dass er ihn sogar in die Kirche holt

Markus Könen ist seit 2011 Schulpfarrer an der katholischen Bergschule St. Elisabeth im Heilbad Heiligenstadt und Seelsorger der Propsteigemeinde St. Marien. Der gebürtige Rheinländer lädt jährlich zur sogenannten Karnevalsmesse. Mit ihm sprach Regina Englert, eine ebenfalls gebürtige Rheinländerin.

Der Karneval ist im Rheinland die fröhliche »fünfte Jahreszeit« vor der Fastenzeit. Braucht der Mensch das Ausgelassene vor diesen nach innen gekehrten Wochen?
Könen:
Unser christlicher Auferstehungsglaube sagt, dass das Traurige nie das letzte Wort hat. Also haben wir immer einen Grund zum Lachen. Lachen befreit, so sagt man, es ist ein Ventil. Und so ist der Karneval eine gute Gelegenheit über all das Traurige und Schreckliche in der Welt hinauszuführen. Der Psychotherapeut und katholische Theologe Manfred Lütz hat einmal gesagt: »Wenn es ihn nicht gäbe, dann müsse er erfunden werden.« Der Karneval macht uns quasi frei für die Aufgaben, die uns bevorstehen. Vor dem großen Fasten kommt die Fastnacht. Bevor es ernst wird, darf ich noch einmal über die Stränge schlagen.

Kann über sich selbst lachen: der Eichsfelder Pfarrer Markus Könen. Foto: Regina Englert

Kann über sich selbst lachen: der Eichsfelder Pfarrer Markus Könen. Foto: Regina Englert

Im Karneval wird mit viel Humor »über die Stränge geschlagen«. Die Büttenreden, die Mottowagen beim Umzug nehmen alles und jeden aufs Korn …
Könen:
Der Karneval ist quasi die Umkehrung der Verhältnisse. Erinnern wir uns an das Magnifikat – »erhöht die Niederen, … stürzt die Mächtigen vom Thron«. Der kleine Mann kann dem Großen eins auf den Deckel geben. Auch der Kirche! Man muss schon Humor haben, um diese Verdrehung zu ertragen. Aber Humor kommt zum einen von Humus, dem Mutterboden. Der Mensch muss sich selbst relativieren können. Wenn ich über mich lachen kann, dann ist mein Humus noch tragfähig.

Zum anderen kommt Humor von Humanitas, der Menschlichkeit. Wer anderen einen Spiegel vorhält, muss ihn auch selbst ertragen. Humanitas zeigt sich auch in den Karnevalsvereinen – es geht nur in der Gruppe. Karneval steht für Lebensfreude, für das Miteinander der Menschen, für Offenheit und Toleranz. Die Vereine engagieren sich im sozialen Bereich im guten christlichen Sinne, auch über die Karnevalszeit hinaus.

Nach der ausgelassenen Fröhlichkeit beginnt am Aschermittwoch das Fasten. Was bedeutet die Fastenzeit für Sie?
Könen:
Ich nenne diese Zeit lieber die österliche Bußzeit. Eine aktive Zeit, in der ich meine eigenen Baustellen ausfindig machen kann und sie dann auch angehe. Wenn unsere Schüler sieben Wochen auf Schokolade verzichten und sich trotzdem auf dem Schulhof prügeln, ist das sinnlos. Dann sollen sie lieber Schokolade essen. Der Verzicht auf Handy, Computer oder TV schenkt mir freie Zeit für einen Blick in mein Innerstes: Was will ich, wer bin ich, was mache ich eigentlich?Das große Ziel des Fastens ist es, sich mit Gott und der Welt zu versöhnen, Zeit für Gespräche und Begegnungen zu haben. Aus Zerbrochenem wird Heiles. Denn am Ende steht das große Osterfest. Und wenn dann zur Versöhnung ein Versöhnungsbierchen kommt, dann ist das auch in der Fastenzeit in Ordnung.

In Ihrer Messe für die Karnevalisten sprachen Sie auch die Morde an den Pariser Karikaturisten an. Satire ist eine scharfe Form des Humors, darf sie alles?
Könen:
Ich weiß es nicht. In der Demokratie ist die Meinungs- und Pressefreiheit ein hoher Wert. Aber die Freiheit funktioniert nur in der eigenen Verantwortung. Das Gewissen ist hier gefragt. Das Gleiche gilt für mich in der Predigt. Ich trage die Verantwortung für das, was ich sage. Aber wir als Kirche setzen nicht die Grenzen für Satire.

Humor ist für mich der Lackmustest, ob die Gesellschaft funktioniert, auch zwischen den Religionen. Ich denke schon, dass ich Witze über Türken, Juden oder Behinderte machen kann, solange ich bereit bin, in gleicher Weise über mich selbst zu lachen. Witze sind für mich ein positives Zeichen, dass diese Gruppen in der Bevölkerung angekommen sind.

Ärgern Sie sich über Karikaturen, die die Kirche betreffen?
Könen:
Ja, ich ärgere mich manchmal darüber. Aber in der Demokratie habe ich ja im Zweifel auch die Möglichkeit, dagegen zu klagen. Ich empfehle aber allen: Atmet mal kräftig durch. Gelassenheit gehört zum Humor. Und diese Gelassenheit fehlt übrigens den Fundamentalisten.