Es gibt sie doch – die Fastnacht in der evangelischen Kirche!

8. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Merkwürdige Ereignisse: Die Enthüllungsredaktion auf Spurensuche im Landeskirchenamt

Haben Sie, liebe Leserin, lieber Leser, schon einmal etwas von einem kirchlichen Aschermittwoch oder generell von Fastnacht in der Kirche gehört? Nein? Woran mag das wohl liegen?! Vielleicht an der Tatsache, dass das Feiern der Fastnacht unter Steinigung in der evangelischen Kirche verboten ist? Durch das Fröhnen der Sünde während der fünften Jahreszeit geht die protestantische Arbeitsethik den Bach herunter. Unsere Vorstellungen von Fastnacht sind jedoch geprägt von Unproduktivität in Verbindung mit Alkohol und exzessiven Feiern, die dadurch gekrönt werden, dass sich Pfarrer sogar als der Teufel persönlich maskieren. Dies war auch die Meinung des großen Reformators Martin Luther höchst persönlich. »Verlacht den Feind und sucht Euch jemand, mit dem Ihr plaudern könnt […] oder trinkt mehr, oder scherzt, treibt Kurzweil oder sonst etwas Heiteres. Man muss bisweilen mehr trinken, spielen, Kurzweil treiben und dabei sogar irgendeine Sünde riskieren […]«, teilte Martin Luther unserer Redaktion in einem früheren Exklusivinterview mit.

Doch warum widerspricht die Kirche heute so vehement ihrem einstigen Gründervater? Wie kam es zu dem plötzlichen Sinneswandel, der bereits kurz nach seinem Tod einsetzte? Und ist Martin Luther wirklich tot? Ihre Enthüllungsredaktion ist im Landeskirchenamt auf Spurensuche gegangen. Was uns dort begegnete, ließ unseren Glauben in seinen Grundfesten erschüttern: Während des Besuches unserer vertraulichen Quelle am 11. 11. 2015 wurden wir gegen 11.10 Uhr zum Aufbruch gedrängt. Vor der Glasfassade des Amtes stehend, schlug die Turmuhr 11.11 Uhr. Im Inneren des Gebäudes wurde es unruhig und Mitarbeiter eilten von Büro zu Büro. Bunte Girlanden wurden aufgehangen, Pfannkuchen verteilt und plötzlich traten kostümierte Gestalten auf die Flure. Das ganze Amt – ein Haufen voller Narren. Bis heute meinen wir, es wäre Landesbischöfin Junkermann selbst gewesen, die als Papst verkleidet einen gigantischen Umzug anführte.

»Glaube + Einfalt« inkognito mit dem Original. Foto: Anonymus

»Glaube + Einfalt« inkognito mit dem Original. Foto: Anonymus

Auf verstärkte Nachfragen unserer Redaktion zu diesen merkwürdigen Ereignissen, erfolgte bis heute bedauerlicherweise keine Antwort. So bleibt uns nur übrig, Vermutungen anzustellen. Unsere schlüssigste Theorie lautet daher wie folgt: Es liegt ein klarer Fall von Wasser predigen und Wein trinken vor. Denn die Amtskirche sah – und sieht bis heute – in der Fastnachtsfeier eine Gefahr für den Otto-Normal-Gläubigen, der sich dem Suff und der Völlerei hingibt und anschließend nicht angemessen fastet. Im Landeskirchenamt muss sich jedoch der Versuchung hingegeben werden, um der bevorstehenden Passionszeit einen angemessenen Respekt zu zollen und die Unfehlbarkeit des Amts zu wahren. Dies kann jedoch einzig unter der allmächtigen theologischen Anleitung der Bischöfin geschehen, um die Sünden der Kirchenbeamten nicht auf Fegefeuerjahre anzurechnen.

Doch, um noch einmal Luther zu zitieren: »Eine Fastnachtsfeier gilt erst als gelungen, wenn Bierkrüge durch die Wirtshäuser fliegen und auf den Köpfen der Gäste des Nebentisches zerspringen.«

Nach den Ereignissen, die wir im Landeskirchenamt verfolgt haben, stellten wir uns die Frage, ob wir diese Erkenntnisse veröffentlichen können. Schließlich sind dies intime Details aus der Amtskirche. Außerdem fragen wir uns, was dies für das Feiern der Fastnacht in der evangelischen Kirche bedeutet und überlegten so in unserer Redaktion, wie wir mit dem Brauch der Fastnachtsfeier umgehen sollen und was wir Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, mit auf den Weg geben können. Folgenden Entschluss haben wir gefasst: Was das Landeskirchenamt kann, das können wir schon lange! Also veranstalteten wir in unserer Redaktion eine Fastnachtsfeier, ganz im Sinne des Reformators und feierten ausgelassen und feuchtfröhlich. Denn warum veranstaltet die Evangelischen Kirche eine Aktion namens »7 Wochen ohne …«? Warum sollten wir überhaupt fasten, wenn wir nicht wenigstens ausgiebig vorher gefeiert haben? Gewiss nicht, weil mit dem Aschermittwoch die Passionszeit beginnt.

Denn Jesus hat vor seinem Tod nicht gefastet. Also feiern Sie ausgiebig, außerhalb des Gottesdienstes darf auch mal gelacht werden und viel Spaß beim Verkleiden! In diesem Sinne: Ein dreifach gedonnertes HELAU! Bleiben Sie fromm.

Ihre Fastnachtsredaktion in Zusammenarbeit mit Ihrer Enthüllungsredaktion.

Der Karneval befreit

16. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Nachgefragt: Warum ein katholischer Pfarrer den Karneval für so wichtig hält, dass er ihn sogar in die Kirche holt

Markus Könen ist seit 2011 Schulpfarrer an der katholischen Bergschule St. Elisabeth im Heilbad Heiligenstadt und Seelsorger der Propsteigemeinde St. Marien. Der gebürtige Rheinländer lädt jährlich zur sogenannten Karnevalsmesse. Mit ihm sprach Regina Englert, eine ebenfalls gebürtige Rheinländerin.

Der Karneval ist im Rheinland die fröhliche »fünfte Jahreszeit« vor der Fastenzeit. Braucht der Mensch das Ausgelassene vor diesen nach innen gekehrten Wochen?
Könen:
Unser christlicher Auferstehungsglaube sagt, dass das Traurige nie das letzte Wort hat. Also haben wir immer einen Grund zum Lachen. Lachen befreit, so sagt man, es ist ein Ventil. Und so ist der Karneval eine gute Gelegenheit über all das Traurige und Schreckliche in der Welt hinauszuführen. Der Psychotherapeut und katholische Theologe Manfred Lütz hat einmal gesagt: »Wenn es ihn nicht gäbe, dann müsse er erfunden werden.« Der Karneval macht uns quasi frei für die Aufgaben, die uns bevorstehen. Vor dem großen Fasten kommt die Fastnacht. Bevor es ernst wird, darf ich noch einmal über die Stränge schlagen.

Kann über sich selbst lachen: der Eichsfelder Pfarrer Markus Könen. Foto: Regina Englert

Kann über sich selbst lachen: der Eichsfelder Pfarrer Markus Könen. Foto: Regina Englert

Im Karneval wird mit viel Humor »über die Stränge geschlagen«. Die Büttenreden, die Mottowagen beim Umzug nehmen alles und jeden aufs Korn …
Könen:
Der Karneval ist quasi die Umkehrung der Verhältnisse. Erinnern wir uns an das Magnifikat – »erhöht die Niederen, … stürzt die Mächtigen vom Thron«. Der kleine Mann kann dem Großen eins auf den Deckel geben. Auch der Kirche! Man muss schon Humor haben, um diese Verdrehung zu ertragen. Aber Humor kommt zum einen von Humus, dem Mutterboden. Der Mensch muss sich selbst relativieren können. Wenn ich über mich lachen kann, dann ist mein Humus noch tragfähig.

Zum anderen kommt Humor von Humanitas, der Menschlichkeit. Wer anderen einen Spiegel vorhält, muss ihn auch selbst ertragen. Humanitas zeigt sich auch in den Karnevalsvereinen – es geht nur in der Gruppe. Karneval steht für Lebensfreude, für das Miteinander der Menschen, für Offenheit und Toleranz. Die Vereine engagieren sich im sozialen Bereich im guten christlichen Sinne, auch über die Karnevalszeit hinaus.

Nach der ausgelassenen Fröhlichkeit beginnt am Aschermittwoch das Fasten. Was bedeutet die Fastenzeit für Sie?
Könen:
Ich nenne diese Zeit lieber die österliche Bußzeit. Eine aktive Zeit, in der ich meine eigenen Baustellen ausfindig machen kann und sie dann auch angehe. Wenn unsere Schüler sieben Wochen auf Schokolade verzichten und sich trotzdem auf dem Schulhof prügeln, ist das sinnlos. Dann sollen sie lieber Schokolade essen. Der Verzicht auf Handy, Computer oder TV schenkt mir freie Zeit für einen Blick in mein Innerstes: Was will ich, wer bin ich, was mache ich eigentlich?Das große Ziel des Fastens ist es, sich mit Gott und der Welt zu versöhnen, Zeit für Gespräche und Begegnungen zu haben. Aus Zerbrochenem wird Heiles. Denn am Ende steht das große Osterfest. Und wenn dann zur Versöhnung ein Versöhnungsbierchen kommt, dann ist das auch in der Fastenzeit in Ordnung.

In Ihrer Messe für die Karnevalisten sprachen Sie auch die Morde an den Pariser Karikaturisten an. Satire ist eine scharfe Form des Humors, darf sie alles?
Könen:
Ich weiß es nicht. In der Demokratie ist die Meinungs- und Pressefreiheit ein hoher Wert. Aber die Freiheit funktioniert nur in der eigenen Verantwortung. Das Gewissen ist hier gefragt. Das Gleiche gilt für mich in der Predigt. Ich trage die Verantwortung für das, was ich sage. Aber wir als Kirche setzen nicht die Grenzen für Satire.

Humor ist für mich der Lackmustest, ob die Gesellschaft funktioniert, auch zwischen den Religionen. Ich denke schon, dass ich Witze über Türken, Juden oder Behinderte machen kann, solange ich bereit bin, in gleicher Weise über mich selbst zu lachen. Witze sind für mich ein positives Zeichen, dass diese Gruppen in der Bevölkerung angekommen sind.

Ärgern Sie sich über Karikaturen, die die Kirche betreffen?
Könen:
Ja, ich ärgere mich manchmal darüber. Aber in der Demokratie habe ich ja im Zweifel auch die Möglichkeit, dagegen zu klagen. Ich empfehle aber allen: Atmet mal kräftig durch. Gelassenheit gehört zum Humor. Und diese Gelassenheit fehlt übrigens den Fundamentalisten.