Eine Boygroup besonderer Art

7. November 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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In der Kirche ist Dieter Falk mit seinem Pop-Oratorium »10 Gebote« aufgefallen. Schon vorher hat der Erfolgsproduzent mit seinem Mix aus Klassik, Kirchenchoral und Popsong für Aufsehen gesorgt. Und Diskussionen. Sein neues Projekt: Bach.

Dieter Falk mit Söhnen Paul (links) und Max. Fotos: Gerd-Matthias Hoeffchen.

Dieter Falk mit Söhnen Paul (links) und Max. Fotos: Gerd-Matthias Hoeffchen.


Auf der Treppe in den Keller begegnet einem Daliah Lavi. Die Mädels von der TV-Popgruppe »Monrose«. Das Gesangs-Duo Marshall & Alexander. Und immer wieder: die Pop-Rock-Band »Pur«.

Wo bei anderen Leuten Trockenblumen oder Makramee-Knüpfereien an den Wänden hängen, ist die Tapete bei Familie Falk auf dem Weg ins Untergeschoss mit Goldenen Schallplatten gepflastert.

»Hier im Keller hat schon Karel Gott gesungen«, sagt Dieter Falk. Keller? Das klingt nach Waschmaschine und Wäschetrockner. Bei Falks sieht das so aus: ein Schlagzeug. Eine Orgel. Ein E-Piano. Eine Menge weiterer ­Tasteninstrumente. Trotzdem: Um ans Mikrofon zu kommen, musste wohl auch Karel Gott erst mal zwischen den Regalen mit Sportschuhen, Tennisschlägern und Koffern durch.

»Früher habe ich für Plattenproduktionen jedes Mal ein großes Studio angemietet«, erklärt Dieter Falk. Heute kann der mehrfach preisgekrönte Musiker dank modernster Computertechnik die Arbeit in seinem Keller daheim im schmucken Düsseldorfer Vorstadthäuschen erledigen.

Zwischen Instrumenten und Computern: Dutzende von Pappordnern. Gefüllt mit Noten, Arrangements und Verträgen. Handbeschriftet, schwarzer Filzstift: Howard Carpendale. Nino de Angelo. Katja Ebstein. Und eben Pur.

Pur: 20 Millionen Platten hat Dieter Falk in den 90er-Jahren als Produzent der damals erfolgreichsten deutschen Popgruppe verkauft. »Pur war für mich der Sprung in die Oberliga«, erinnert sich Falk. Schon zuvor hatte sich der junge Falk als Pianist und Keyboarder (Edwin Hawkins: »Oh happy Day«; Inge Brück: »Frag den Wind«; Arno & Andreas) sowie als Produzent (Pe Werner: »Dieses Kribbeln im Bauch«) einen Namen gemacht.

Mit Pur kam, kurz nachdem der bis dahin bei einer christlichen Plattenfirma Angestellte sich selbstständig gemacht hatte, dann der kommerzielle Erfolg. »400000 D-Mark hat eine Plattenproduktion mit Pur gekostet«, erinnert sich Dieter Falk, »und das war nicht mal besonders teuer.«

Was macht ein Produzent? Dieter: »Ich bin Regisseur der Lieder.« Beispiel Pe Werner: Die war »mit ihrer ­Gitarre und einer tollen Idee« bei ihm reingeschneit. Gemeinsam haben sie sich ans Klavier gesetzt, gesungen, probiert, verworfen. Weitere Musiker dazugeholt. Aufgenommen. Und am Ende all die Stimmen und Instrumente zu diesem wundervollen Lied zusammengefügt. »Der Produzent ist der Berater des Künstlers. Ein Song-Architekt.«

Rumms! Auftritt der beiden Falk-Söhne. Max am Schlagzeug. Paul an der Orgel. Max ist 17, Paul 14, beide ­legen los, als hätten sie nie etwas anderes als Musik gemacht. »Bei uns im Haus hat man keine Chance, der Musik zu entgehen«, meint Paul grinsend.

Trotz Schallisolierung hörte die Familie mit, was der Vater unten aufnahm. »Wir sind runtergelaufen, wenn uns was nicht gefallen hat«, ergänzt Max, »und haben gesagt, was Papa anders machen muss …«

»Die beiden sind mit Musik aufgewachsen«, erzählt Dieter. »Aber richtig geübt haben sie erst, als sie mit auf die Bühne durften.« Auf die Bühne mit dem großen Papa: Selbstverständlich war das nicht. Als Juror des ProSieben-Nachwuchswettbewerbs »Popstars« hatte Dieter Falk zwei Jahre lang Erfahrungen mit ehrgeizigen Eltern gemacht: »Was einige ihren Kindern da antun …« Den Falks ist die Balance wichtig.

Familie, Schule, Ausbildung dürfen nicht zu kurz kommen. Max denkt ans Medizinstudium. Paul ­sammelt Erfahrung als Schauspieler (»Kleine Morde«, mit Uwe Ochsenknecht, Kinostart 2012).

Was macht eigentlich Mutter Angelika, eine Grundschullehrerin? »Die holt uns auf den Boden zurück, wenn wir in die Wolken steigen wollen«, meint Paul. Wieder dieses Grinsen. Das hat er wohl vom Vater. Der wirkt mit 51 Jahren wie ein großer, unverschämt sympathischer Junge, der jeden gleich duzt: »Bei Musikern üblich.« Der andere Dieter (Bohlen) soll sich deshalb mal eine Anzeige eingefangen haben: Er hatte einen Polizisten geduzt.

Falk und Söhne – das ist eine Boygroup besonderer Art. Das Interesse an ihrem neuen Programm ist riesig. »Man kann uns buchen«, sagt Dieter. Das sei nicht billig, aber mit »nem Sponsor kann das auch eine Kirchengemeinde hinkriegen«. Spannend ist das allemal. Als Wandler zwischen den Welten – Klassik und Pop – hat Falk Grundlegendes geleistet.

Was aber nicht jedem gefällt: »Gerade von Kollegen aus der Kirchenmusik habe ich schon vor Jahren Schelte bekommen«, erinnert sich der studierte Jazzmusiker, dessen musikalische Wurzeln in der Kirche liegen – die Mutter war Leiterin eines Kirchenchors in Siegen.

Trotzdem: Seine CD »A Tribute to Paul Gerhardt« hat sich 30000 Mal verkauft; sein Pop-Oratorium »Die 10 Gebote« wurde begeistert gefeiert. Und die Evangelische ­Kirche in Deutschland denkt bereits über weitere Projekte mit ihm nach.

Die Falks und die Musik – da ist das ganze Haus beteiligt. Wenn Daliah Lavi oder Katja Ebstein sich in den Pausen oben in der Küche ein Butterbrot schmieren, sind die ohnehin »ein Teil der Familie«, meint Dieter. Oder Karel Gott. Der hatte, ganz Kavalier der alten Schule, der Dame des Hauses einen Kasten Pralinen mitgebracht, bevor er zum Singen in den Keller ging.

Gerd-Matthias Hoeffchen