Von Jugendstil bis Gegenwart

12. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein neues Glanzlicht in Ostdeutschlands Museumslandschaft: Zu den neu gestalteten Ausstellungsräumen des Leipziger Grassimuseums gehört auch die beeindruckende Pfeilerhalle. Fotos: Grassimuseum/Christoph Sandig

Ein neues Glanzlicht in Ostdeutschlands Museumslandschaft: Zu den neu gestalteten Ausstellungsräumen des Leipziger Grassimuseums gehört auch die beeindruckende Pfeilerhalle. Fotos: Grassimuseum/Christoph Sandig

Neueröffnung: Das Leipziger Grassimuseum ist mit seiner Gegenwartsausstellung nach 60 Jahren wieder komplett

Mehr als 60 Jahre lagerten die Schätze im Magazin. Nun werden sie erstmals wieder der Öffentlichkeit präsentiert. Der Mensch braucht rund 1250 Schritte, um von der Antike bis zum Heute zu gelangen. Zumindest im Leipziger Grassimuseum, das seit vergangenem Sonntag wieder komplett ist. Unter dem Titel »Es ist vollpracht – Jugendstil bis Gegenwart« hat das auf Kunsthandwerk spezialisierte Haus in Leipzig damit den dritten und letzten Teil seiner ständigen Ausstellung vollendet. Den Besucher erwarten auf zwei Etagen rund 1500 Vasen, Teppiche und Möbelstücke.

Viele der ausgestellten Objekte würden auch unter heutigen Maßstäben als »stylish« gelten. Wie etwa die Nachttischleuchte namens Kandem, die 1928 von der Chemnitzer Künstlerin Marianne Brandt geschaffen und mit ihrem schnörkellosen Design auch Berliner Hipster-Wohnungen schmücken könnte. Das sogenannte Senftenberger Ei, ein aufklappbarer rundlich geformter Plastiksessel in Ferrari-Rot, reiht sich neben die weiß-quietschorangene Sitzgruppe des ­Finnen Eero Saarinen, der mit der ­Erfindung des Tulpenstuhls, einem auf einem breiten, kreisrunden Standfuß stehenden Möbelstück, berühmt wurde.

Die Schwerpunkte liegen auf den Sammlungen des Jugendstils, auf Art déco, Funktionalismus und Bauhaus, erklärt Museumsdirektorin Eva Maria Hoyer. Aber auch ostdeutsche Exponate ab den 1950er Jahren sowie zeitgenössisches internationales Design werden abgedeckt. Der Hauptteil der Werke aus den 1920er und 1930er Jahren wurde auf den damaligen Grassimessen, den museumseigenen Messen für Kunstgewerbe, erworben. »Damit haben die Exponate nicht nur ­Design- und Gestaltungsgeschichte geschrieben, sondern sie geben auch die Historie des Hauses wieder«, sagt Hoyer.

Seit 1939 im Magazin des Museums eingelagert, werden die ­Stücke erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Etwas Messeatmosphäre, wenn auch hinter Glasscheiben geschützt, erhalten die Besucher so auch durch einen originalgetreu nachgebauten Stand aus dem Jahr 1936. Er wurde für die Vereinigten Lausitzer Glaswerke Weißwasser von der Berliner Designerin Lilly Reich für die Grassimesse ­gestaltet. Reich hatte über zehn Jahre eng mit dem Architekten Ludwig Mies van der Rohe und Produktdesigner Wilhelm Wagenfeld zusammen gearbeitet.

Neben hauptsächlich Schmückenden findet sich aber auch künstlerisch gestaltete Technik, wie etwa das 1993 von Philippe Starck entworfene tragbare Fernsehgerät »Jim Nature« mit ­einem kompostierbaren Gehäuse in verwaschenem Orange. Aber auch das formschön gestaltete Kinderzimmer stand früh im Fokus der Designer, wie der von Ladislav Sutnar 1927 entworfene Baukasten mit seinen ungewöhnlichen geometrischen Formen beweist. Höhepunkt und Abschluss bildet eine 360 Grad-Installation, bei der Besucher als Teil des Kunstwerks agieren können.

Bei Eintritt in einen weißen Raum, dem »White Cube«, können Farben, Lichter und Formen mit Körperbewegungen selbst gestaltet werden. Die Szenarien reichen vom ornamentalen Schwung des Jugendstils bis zu offenen Formen der Gegenwart. »Das Wichtigste ist, dass sich Besucher direkt in den Gestaltungsprozess mit einbringen können«, erklärt Hoyer.

Ikonen der Formgestaltung: Das »Senftenberger Ei« von Peter Ghyczy (Lehmförde) 1968 entworfen, wurde vom VEB Chemiekombinat Schwarzheide in der Lausitz hergestellt. Das TV-Gerät mit kompostierbarem Gehäuse stammt von Philippe Starck (Paris).

Ikonen der Formgestaltung: Das »Senftenberger Ei« von Peter Ghyczy (Lehmförde) 1968 entworfen, wurde vom VEB Chemiekombinat Schwarzheide in der Lausitz hergestellt. Das TV-Gerät mit kompostierbarem Gehäuse stammt von Philippe Starck (Paris).

Mit der Eröffnung des letzten Teils der Dauerausstellung ist das Grassimuseum nach mehrjährigen Umbauarbeiten mit seinen drei darin ­be­heimateten Museen – Museum für Angewandte Kunst, Museum für Völkerkunde, Museum für Musikinstrumente – seit dem vergangenem Sonntag wieder vollständig für Besucher zugänglich.

Stephanie Höppner(epd)

Das Grassimuseum am Johannisplatz 5–11 in Leipzig ist dienstags bis sonntags sowie an Feiertagen von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

www.grassimuseum.de