Kindergeschichte: »Emma und das neue Leben«

22. April 2011 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Familie

Aufregendes ereignet sich zwischen Karfreitag und dem Ostermorgen auf Josis Hühnerhof.  

Josi lag im Bett und weinte. Wegen Emma. Mama saß am Bettrand und streichelte Josi übers Haar. Sie sagte dabei nichts.
Karfreitag war sowieso ein komischer Tag.

Am Karfreitag erinnerte man sich daran, dass Jesus gestorben war. Das wusste Josi aus der Christenlehre. Deshalb waren alle Geschäfte geschlossen, es durfte keine fröhliche Musik gemacht werden und die Glocken läuteten auch nicht mehr.

Aber dieser Karfreitag war besonders schlimm. Denn heute Nacht war Emma gestorben.

Am Mittwoch war die Klasse 2b im Zoo gewesen. War das eine Aufregung! Josi liebte alle Tiere. Sie wollte mal Tierärztin werden. Gar nicht sattsehen konnte sie sich an den Affen, den Elefanten, den Tigern und den Krokodilen! Und zum Schluss durfte sogar jeder eine Runde auf einem Kamel reiten!

Am Donnerstag fragte Frau Hermann, die Klassenlehrerin, jeden aus der 2b nach seinem Lieblingstier. Florian sagte: »Löwe!«, Lucie sagte: »Affe!«, Jonathan sagte: »Lama!«, Julia sagte: »Zebra!« Außerdem wurden noch dreimal die ­Giraffen genannt, zweimal die Kängurus und die Erdmännchen sowie je einmal die Eisbären, die Otter, die Chinchillas und die Nashörner. Josi war als Letzte dran und sagte: »Hühner.« Hinter ihr wurde gekichert, und Florian rief: »Die gab’s gar nicht im Zoo!«

Frau Hermann schaute Florian streng an, weil er – wie immer – einfach reingerufen hatte. »Ich habe ja nicht gesagt, dass es ein Tier aus dem Zoo sein muss. Wenn Josi Hühner mag, ist das doch in Ordnung.«
emma3

Das war wirklich so. Am liebsten mochte Josi die Hühner. Sie hatten zu Hause sieben Hennen. Josi hatte ihnen sogar Namen gegeben und konnte alle unterscheiden. Und hier sind sie:

Berta mit dem weißen Fleck am Hals,
Frieda mit der hohen Stimme,
Hilda, die dauernd scharrte,
Herta, die kleinste von allen,
Emma mit den langen Schwanzfedern,
Klara, die zutraulichste und
Wilma, die als Einzige braune Eier legte.
Und dann gab’s natürlich noch August den Starken. Das war der Hahn.

Frieda und Emma saßen seit fast drei Wochen auf ihren Eiern und brüteten. Erst hatten beide jeden Tag ein Ei ­gelegt: Frieda insgesamt sieben und Emma vier. Dann hatten sie sich draufgesetzt. Und sie gingen nur kurz von ihren Eiern runter, um was zu fressen oder zu trinken.

»Wieso setzt sich Frieda auf sieben Eier und Emma nur auf vier?«, hatte Josi ihren Papa gefragt. »Das wissen nur die beiden«, hatte der geantwortet. »Sie sind dann halt in Brutstimmung.« Dieses Wort hatte Josi noch nie gehört, aber sie wusste, was es bedeutet. Wenn sie nachschauen wollte, ob noch alle Eier unter Frieda und Emma lagen, dann begannen die beiden sofort nach ihrer Hand zu hacken und wild zu gackern. Keine Chance! Brutstimmung eben.

»Ein brütendes Huhn nennt man Glucke«, hatte Papa ihr erklärt. Die beiden Glucken Frieda und Emma hatten es fast geschafft. Nur noch ­wenige Tage, bis aus den Eiern kleine gelbe kuschelige Küken schlüpfen würden. Und dann das …

Als Josi heute Morgen in den Stall ging, um nach den Hühnern und den Eiern zu schauen, lag Emma neben ­ihrem Nest und bewegte sich nicht mehr. Josi rannte sofort zurück zu Papa und rief: »Komm schnell, mit Emma ist was ganz Schlimmes passiert!« Josi und Papa liefen in den Stall.

Papa nahm Emma hoch, ­untersuchte sie und sagte leise: »Sie ist tot. Aber noch warm. Es muss grade erst passiert sein.« Josi schossen sofort die Tränen in die Augen. »Warum ist sie gestorben, Papa?« »Sie ist sechs Jahre, Josi. Das ist für ein Huhn schon ziemlich viel. Sie war einfach alt.«

Und jetzt lag Josi im Bett und weinte. Wegen Emma.

emma4

»Was wird eigentlich aus Emmas Eiern?«, fragte Josi zwischen zwei Schluchzern. »Papa hat sie Frieda mit untergeschoben. Vielleicht brütet sie ja Emmas Eier mit aus«, erwiderte Mama. »Aber Frieda hat doch selber sieben Eier.« »Na, sieben eigene und vier fremde, das macht zwölf. Das schafft Frieda schon.« »Sieben und vier macht Elf, Mama. Ich kann ja besser rechnen als du!« Josi musste sogar schon wieder lächeln.

»Komm schnell in den Stall!« Es war Sonntagmorgen – Ostermorgen –, und Papa war ganz aufgeregt. Josi zog sich schnell Jacke und Schuhe an und rannte über den Hof. Im Stall gackerte Frieda zufrieden vor sich hin, und um sie herum wuselten elf kleine gelbe Wattebällchen. August der Starke stand in der Nähe, hielt den Kopf schief und beschaute sich seinen Nachwuchs. Papa war richtig aufgedreht.

»Sogar Emmas Küken sind geschlüpft! Alle vier!« Papa lachte vor Freude. »Welche sind Emmas Küken?«, fragte Josi und hockte sich hin. Papa schaute sie erstaunt von der Seite an. »Also Josi, woher …« Dann brach er ab, schob vier Küken ein wenig zur Seite und sagte: »Die sind es.«

emma2

Josi hatte nur Augen für Emmas Küken. Die kleinen gelben Dinger waren noch ganz wacklig und fiepten leise. »Du bist Klein-Emma. Du bist Emmalein. Du bist Emily. Und du bist Emma Zwei. Eure Mama war toll. Sie hatte die längsten Schwanzfedern von allen!«

Text: Thomas Reuter / Zeichnungen: Kathrin Gehres-Kobe