Endloses Blau und ewiges Licht

5. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Jubiläum: Der Glaskünstler Johannes Schreiter wird am 8. März 80 Jahre alt

S.D.G. – so signiert der Glaskünstler seine Entwürfe. »Soli Deo Gloria« – zur Ehre Gottes will er arbeiten, solange er kann.

Ausschnitt eines Kirchenfensters des Künstlers Johannes Schreiter in der  evangelischen Kirche in Mainz-Gonsenheim, Fotos: epd-bild

Ausschnitt eines Kirchenfensters des Künstlers Johannes Schreiter in der evangelischen Kirche in Mainz-Gonsenheim, Fotos: epd-bild

Die beiden 9,2 Meter hohen Fenster der Sakramentskapelle des Mainzer Doms sind eine Einladung zum Gebet und zur Meditation. Mächtig bahnt sich auf ­ihnen das endlose Blau des Himmels den Weg zu den Menschen. Das ewige Licht erreicht sie aber nur durch das Leben und Sterben Christi, das mit einem glühenden Rubinrot angedeutet ist. Die beiden Kirchenfenster stammen von Johannes Schreiter, einem der bedeutendsten Glaskünstler der Gegenwart. Am 8. März feiert er im südhessischen Langen seinen 80. Geburtstag.
»Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch.« Die­se Zeile aus einem Gedicht Friedrich Hölderlins ist die geheime Melodie in Schreiters Leben, aber auch das bestimmende Thema seiner Kunst der vergangenen drei Jahrzehnte. Trotz aller Bedrohungen und aller Ängste ist der Mensch nicht verloren, sondern von Gottes Liebe getragen, lautet seine Botschaft. »Es gibt keinen Zufall, nur göttliche Fügung.«

Für Schreiter sind auch die beiden zentralen Ereignisse seines Lebens nichts anderes als »Fügung«, sagt er: 1983 seine »Rückkehr zu Gott, zum christlichen Glauben« und fünf Jahre später seine »wunderbare Heilung«. Nach einer Viruserkrankung, die er sich als Gastprofessor in Neuseeland zugezogen hatte, verlor er seine Stimme und musste in der Folge auch seine Professur an der Frankfurter Städelschule an den Nagel hängen. »Die Ärzte hatten mich bereits aufgegeben.«

Doch dann begegnete er am Rande eines Bibelabends im Odenwald einem Prediger aus der Schweiz. »Dieser 83 Jahre alte Mann sprach mit mir über meine Krankheit und segnete mich anschließend mit folgenden Worten: ›Der Geist Gottes ist über dir, du bist geheilt.‹« Schreiter erinnert sich: »Nach einem fürchterlichen Schmerz, der sich durch meinen Körper zog, konnte ich wieder sprechen und wenige Tage später wieder arbeiten. Härter und intensiver denn je.« Die Heilung verändert nicht nur sein Leben, sondern auch seine Kunst. Das Dunkle und Düstere verliert an Gewicht, helle, strahlende Farben gewinnen die Oberhand.

In diese Zeit fällt auch der sogenannte Heidelberger Fensterstreit. Nach harschen Bürgerprotesten verzichtet der zuständige Kirchengemeinderat darauf, die Entwürfe des Künstlers für die 22 Fenster der evangelischen gotischen Heiliggeistkirche in der Universitätsstadt realisieren zu lassen. Schreiter wurde insbesondere wegen seiner provokativen und wenig heimeligen Bearbeitung der Themen Medien, Medizin oder Physik angefeindet.

Doch Schreiter stand zu seinem Zyklus. Unterstützung erhielt er dabei unter anderem von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, die das sogenannte Medizinfenster für den Evangelischen Kirchentag in Frankfurt am Main 1987 ausführen ließ. 1996 fand es in der Kirche des Darmstädter Elisabethenstifts endgültig seinen Platz. Andere Entwürfe sind inzwischen in Karlsruhe, Linnich bei Aachen und im kanadischen Edmonton realisiert.

Johannes Schreiter wird 1930 in Annaberg-Buchholz im Erzgebirge ­geboren. Seine Liebe zum Malen entdeckt der Sohn eines Kaufmanns ­bereits als kleines Kind. Aber auch das Violinespielen bereitet ihm große Freude. »Ich wusste bis zum Abitur nicht, was das Richtige für mich war – die Malerei oder die Musik.« Die Entscheidung wird ihm abgenommen. 1949, während seiner Flucht nach ­Greven im Münsterland, verletzt er sich so stark am Arm, dass an eine berufliche Zukunft als Geiger nicht mehr zu denken ist.

Im selben Jahr nimmt Schreiter in Münster ein Kunststudium auf. 1960 erhält er vom Bistum Würzburg den Auftrag, die Kirchenfenster für St. Margareta in Bürgstadt bei Miltenberg am Main zu entwerfen. »Damit ging alles los«, erinnert sich Schreiter. Er wird Lehrbeauftragter an der Kunstschule Bremen, von 1963 bis 1987 wirkt er als Professor für Malerei und Grafik an der Frankfurter Städelschule.

Schon in den 1960er Jahren hatte Schreiter neben Otto Piene und Yves Klein mit seinen sogenannten Brandcollagen Kunstgeschichte geschrieben. Diese neue Technik des Sengens und Verbrennens von Papier beeinflusste auch sein glasbildnerisches Oeuvre sehr stark. Als ebenso revolutionär gilt seine Um-Interpretation der Bleiruten in Kirchenfenstern. Schreiter befreit die Metallstäbe, die die Glasstücke zusammenhalten, von ihrer rein technischen Funktion und nutzt sie als autonomes Mittel der Gestaltung.

In seinen Kirchenfenstern wendet er sich der Abstraktion zu, der Befreiung vom Überflüssigen. Er sucht die Stille, die Andacht. Seit den 1960er Jahren findet sich in nahezu jeder seiner Arbeiten die U-Form als Symbol für die geöffnete Hand wieder. Sorgfältig gestaltet er Linien, Ornamente, Rechtecke und Netze, die oft durch Quereinschüsse gebrochen sind, »so wie das kontemplative Betrachten ­eines Ozeans durch einen vorüberfliegenden Vogel«.

S.D.G. – so signiert der Glaskünstler seit 1995 seine Entwürfe. »Soli Deo Gloria« – zur Ehre Gottes will er arbeiten, so lange er kann. »Das hält mich lebendig.«

Von Dieter Schneberger (epd)