Nette Bilder, aber nichts Neues

30. September 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Ernüchterung nach Spitzentreffen
Ökumenisches Gipfeltreffen: »Unser Herz brennt nach mehr«, erklärte Nikolaus Schneider (links), Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, nach seinem Gespräch mit Papst Benedikt XVI. im Erfurter Augustinerkloster. (Foto: epd-bild)

Ökumenisches Gipfeltreffen: »Unser Herz brennt nach mehr«, erklärte Nikolaus Schneider (links), Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, nach seinem Gespräch mit Papst Benedikt XVI. im Erfurter Augustinerkloster. (Foto: epd-bild)

Sie wurde von vielen als Höhepunkt der Papstreise angesehen: die Begegnung zwischen Benedikt XVI. und den Spitzenvertretern des deutschen Protestantismus im Erfurter Augustinerkloster.

Immerhin das erste Mal in der Geschichte, dass ein katholischer Oberhirte eine Lutherstätte besuchte und das zweite Mal, dass der ­Bischof von Rom einen Gottesdienst mit evangelischen Christen feierte. Daneben stand das Gespräch im kleinen Kreis, von dem sich viele Menschen – wenn schon nicht die Klärung aller Probleme in der Ökumene – so doch konkrete Impulse, etwa für den Weg zu einem gemeinsamen Abendmahl erwarteten. Und hatten sich wohl auch gewünscht, dass der Papst für Martin Luther nicht nur anerkennende Worte finden, sondern den einst verhängten Kirchenbann aufheben möge.

Doch so nahe sich Papst Benedikt XVI. und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Präses ­Nikolaus Schneider, im ebenso hermetisch ­abgeriegelten wie sonnendurchfluteten Klosterhof auch kamen (siehe Foto) – die Bilanz fällt ernüchternd aus.

Das Treffen habe in »geschwisterlicher Atmosphäre« stattgefunden, betont Schneider. »Wir ­haben wirklich aufeinander gehört.« Aber dennoch: »Unser Herz brennt nach mehr«, so Schneider. (GKZ)

Goering-EckardtPapst Benedikt XVI. hat in seiner Begegnung mit den Vertreterinnen und Vertretern der EKD im Augustinerkloster in Erfurt von unserer gemeinsamen ökumenischen Aufgabe gesprochen, uns gegenseitig dabei zu unterstützen, tiefer und lebendiger zu glauben. Daran sollten wir anknüpfen.

Natürlich hätten wir uns mehr und konkretere Aussagen zur Ökumene erhofft, auch wenn nicht zu erwarten war, dass wir einen ökumenischen Vertrag unterschreiben würden. Ich verstehe die Aussage des Papstes aber als eine Aufforderung und als Protestanten sind wir bereit, uns gemeinsam auf den Weg zu machen – durchaus in ökumenischer ­Ungeduld.

Jedenfalls habe ich die Hoffnung und bin ermutigt, dass wir uns jetzt gemeinsam mit der römisch-katholischen Kirche in Deutschland aufmachen, das Fest zum 500. Jubiläum der Reformation 2017 zu bedenken und zu feiern.

Katrin Göring-Eckardt, Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland, ­Teilnehmerin der Papstbegegnung

JunkermannDer Besuch des Papstes im Evangelischen Augustinerkloster zur Begegnung mit einer Delegation der EKD und der anschließende gemeinsame Gottesdienst – beides war ein deutliches ökumenisches Signal. Dies wurde mir noch einmal besonders klar am Samstag während der Messe auf dem Domplatz. Im Vergleich zu dieser riesigen Veranstaltung und zur sehr großen Entfernung zwischen Papst und Gemeinde dort war das Treffen im Augustinerkloster ein großes Signal an das Miteinander.

Positiv überrascht hat mich, wie klar und ­ausdrücklich er Martin Luthers Theologie und geistliches Ringen für unser gemeinsames christliches Zeugnis heute aufgenommen hat.

Und enttäuschend ist für mich, dass er keine weiteren konkreten Schritte im ökumenischen Miteinander angeregt hat, auch nicht auf ausdrückliche evangelische Nachfrage im Blick auf das ­Reformations­jubiläum 2017 hin. Seine Antwort war dennoch ermutigend. Sinngemäß sagte er: Schaut, ob es Euch in Eurem Herzen drängt, hier mehr Schritte ­aufeinander zu und miteinander zu tun. So hat er das weitere ökumenische Miteinander – ganz evangelisch – in die Hände und Herzen der Kirchen und Gemeinden vor Ort gelegt.

Ilse Junkermann, Landesbischöfin der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Teilnehmerin der Papstbegegnung

Bohl_LandesbischofAn den Besuch des Papstes hatten sich im Vorfeld viele Erwartungen geknüpft, auch in Bezug auf das ökumenische Verhältnis. Ich sehe es so, dass die Begegnung als solche dementsprechend der ökumenische Zugewinn war, und das wird verstärkt durch den Ort, an dem sie stattfand. So war es wohltuend zu hören, wie der Papst die Person Martin Luther als einen Gottes- und Wahrheitssucher gewürdigt hat.

Zu den konkreten Fragen der ökumenischen Situation hat sich der Papst, auch auf Nachfrage, nicht geäußert. Auch wenn man realistischerweise nichts anderes erwarten konnte, so war dies doch bedauerlich. Auch nach diesem Besuch ist nicht damit zu rechnen, dass die ­römisch-katholische Kirche ihre bisherige Sichtweise in absehbarer Zeit ­revidiert.

Jochen Bohl, Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Teilnehmer der Papstbegegnung

Schorlemmer-Friedrich-1Bestes Wetter, freundliche Stimmung, bunte Bilder. Sonst nichts, was einen Aufbruch auch nur andeuten würde.

Im nichtöffentlichen Teil fand der Papst würdigende Worte für Luthers Gottesringen und dessen christozentrischen Glauben. Die Freiheitsbotschaft blieb ausgespart.

Im ­öffentlichen Gottesdienst vermied er das »L«-Wort gänzlich. Und zur Verhandlung steht nichts. Folgerichtig waren die Reformen anmahnenden Katholiken keines Gesprächs, nicht einmal eines Wortes wert.

Auch der Bundespräsident blieb ohne Antwort – weil der Oberhirte keinen Hirtenhut aufhatte und die prächtige Mitra zu fest saß. Es geht doch nicht vorrangig um Lehrunterschiede, sondern um gegenseitige Öffnung und Gleichachtung im Geiste Jesu Christi!

Das Ganze blieb so mager wie teuer.

Friedrich Schorlemmer, evangelischer Theologe und Publizist, Wittenberg

Garstecki»Wo Gott ist, da ist Zukunft« war das Motto des Papstbesuches. Dass das auch für seinen »Stellvertreter auf Erden« gilt, wird man nach Abschluss der Reise nicht sagen können.

Auf alle konkreten Zukunftsfragen der Kirche blieb Benedikt XVI. Antworten schuldig.

Beispiel Ökumene: Den großartigen Kairos, in Erfurt wertschätzende Worte über Martin Luther mit ein paar Anstößen zur Zukunft der Ökumene zu verknüpfen, hat der Papst vertan. Stattdessen die beinharte Position: Über Fragen des Glauben wird nicht verhandelt.

Das war anmaßend und ein Schlag ins Gesicht für alle, die aus ihrem Glauben für ökumenische Öffnungen der Kirchen arbeiten. »Wir sind nicht Herren über euren Glauben, sondern Diener eurer Freude«, schrieb Paulus an die Korinther (2. Kor, 1,24).

Eine Vertröstungs-Ökumene, die sich anmaßt, endlos mit Gottes Geduld spielen zu können, ist in Erfurt an ihr Ende gekommen. Fazit: Erwartet nichts von oben, lebt Ökumene an der Basis!

Joachim Garstecki, katholischer Theologe, Magdeburg

Ramelow_BodoLange erwartet, von vielen ersehnt, von manchen erhofft, von einigen abgelehnt, aber immer in der öffentlichen Debatte – der Papst. Seine Rede vor dem Deutschen Bundestag war umstritten, nicht wegen des Inhaltes, denn den hätte man sich erst anhören müssen, um streiten zu können, ­sondern ob der Tatsache, dass ein ­Kirchenoberhaupt und der Vertreter des Vatikanstaates im deutschen Parlament spricht.

Ich habe ihn mir angehört und kann für mich feststellen, dass die Rede von Parlamentspräsident Lammert für mich als evange­lischen Christ sogar die spannendere war. Denn er mahnte die Ökumene an und viele weltliche Fragen, denen sich auch die Kirche stellen müsste.

Benedikt hat eine professorale Rede vor dem Bundestag gehalten, die auf Werte, Recht und Gerechtigkeit verweist, aber leider auch Anleihen an der Naturrechtslehre nimmt, die er als katholisches Oberhaupt eben katholisch fundamentiert.

Amüsiert habe ich mich allerdings, dass die katholischen Würdenträger der Papstdelegation in ihren roten beziehungsweise violetten Ornaten Platz nahmen auf den leeren Abgeordnetenplätzen der LINKEN. Soviel rot war selten bei uns Roten.

Bodo Ramelow, Fraktionsvorsitzender von DIE LINKE im Thüringer Landtag

Hoersting_AnsgarPapst Benedikt XVI. hat nichts Neues gesagt, nicht in der rechtsphilosophischen Vorlesung vor dem Bundestag, nicht im Augustinerkloster in Erfurt. Der wache Mann mit verschmitztem Humor jenseits des Redemanuskripts bringt religiöse Fragen, Gott, Jesus Christus zur Sprache. Er will diese Welt nicht dem rein Funktionalen und dem »Diktat des Rela­tiven« überlassen. Intellektuell anspruchsvoll, geistlich anregend und zeitgeistig inkorrekt war das. Applaus!

Der Pomp, das Papstamt an sich und die Prinzipienreiterei stehen auf einem anderen Blatt. Die römisch-­katholische Kirche hat einen langen Atem. Da kann Protestanten schon mal die Luft ausgehen.

Die nicht überraschende Konsequenz lautet: Am Miteinander von Protestanten und Katholiken ändert der Besuch nichts. Nichts zum Guten und nichts zum Schlechten.

Ansgar Hörsting, Präses des Bundes Freier evangelischer Gemeinden, Witten, und Präsident der Vereinigung Evangelischer Freikirchen

Menschen unterwegs

28. Mai 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Ausstellung: Auf den Spuren von Kriegsherren, Kaufmännern, Glaubensflüchtlingen, Pilgern und Bettlern.

Am 21. Mai wurde in Görlitz die 3. Sächsische Landesausstellung »via regia – 800 Jahre Bewegung und Begegnung« eröffnet.

Nach der Eröffnung der 3. Sächsischen Landesausstellung drängten sich Hunderte Besucher um den Görlitzer Kaisertrutz. (Foto: Irmela Hennig)

Nach der Eröffnung der 3. Sächsischen Landesausstellung drängten sich Hunderte Besucher um den Görlitzer Kaisertrutz. (Foto: Irmela Hennig)

 
Es war kein Sonnabend wie jeder für die 740 Jahre alte ostsächsische Stadt Görlitz. Wer kurz vor zehn von einem Altstadt-Café aus die Straßen beobachtete, sah Menschen in Richtung Peter-Pauls-Kirche eilen. Evangelische wie katholische Pfarrer nahmen denselben Weg. Glocken ­riefen zum Gottesdienst. Und an allen Straßenecken patrouillierten Polizisten, die eher an Unheilvolles denken ließen als an die Eröffnung der 3. Sächsischen Landesausstellung.

Doch genau sie hatte die Menschen an diesem Morgen mobilisiert: Getreu ihrem Thema »via regia – 800 Jahre Bewegung und Begegnung«. Bis Ende Oktober widmet sich die große Schau in Görlitz’ alter Kanonenbastion, dem Kaisertrutz, dem Handel und Wandel, den Reisenden und Bleibenden auf der einstigen Handelsroute »Via Regia«, die von Frankfurt am Main über Erfurt, Leipzig und Görlitz bis nach Krakau führte.

An den Anfang dieses Großereignisses, das rund 300.000 Menschen in die Stadt locken könnte, hatten die Organisatoren einen ökumenischen Gottesdienst gestellt. Dieser ließ Hubertus Zomack, Diözesanadministrator des Bistums Görlitz, zur Begrüßung erfreut an einen alten frommen Spruch denken: »Mit Gott fang an, mit Gott hör auf, das ist der beste Lebenslauf.«

Zomack erinnerte zudem daran, dass vor wenigen Jahrzehnten eine »Sächsische Landesausstellung« gar nicht vorstellbar war. »Denn es gab ja kein Land Sachsen mehr.«

Sachsens Landesbischof Jochen Bohl blickte in seiner Predigt zurück bis zu Abraham, dem ersten Gläubigen, dem Wanderer, der aufbrach im Vertrauen auf Gott. Ins Unbekannte, und doch zu einer Reise, die an ein Ziel führen sollte. Bohl machte zudem deutlich, wie schwierig es ist, in einer modernen, mobilen Gesellschaft Heimat und Aufbruch, Beständigkeit und Fortschritt in Einklang zu bringen. Und er verwies auf die Abwanderung der Jugend, gerade aus dem äußersten Osten und auf die Zurückbleibenden, die sich die Frage stellen müssen: Wie geht es hier mit uns weiter?

Ungewissheit – sie war ständiger Begleiter für viele Menschen, die in den vergangenen 800 Jahren auf der »Via Regia« reisten. Da waren Händler, die nicht wussten, ob sie ihre Waren sicher ans Ziel bringen würden, Soldaten, deren Heimkehr zweifelhaft schien, Flüchtlinge, die keine Ahnung hatten, wohin mit ihnen.

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) als Ausrichter haben den Menschen darum auch einen ganzen Ausstellungsabschnitt gewidmet.

Nikolaus von Zinzendorf, der Weltreisende, Missionar und Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine spielt darin ebenso eine Rolle wie Sachsens Kurfürst August der Starke, den SKD-Leiter Martin Roth »den ersten Pendler« nannte und damit auf sein ständiges Hin und Her zwischen Sachsen und Polen (hier war er König) verwies. Die Händler aber, die Studenten, die Flüchtlinge und Pilger, die zu Tausenden auf der »Via Regia« wanderten, bleiben eine anonyme Masse in der Ausstellung – ausgenommen das Schicksal eines französischen Soldaten, der 1813 aus Napoleons Armee ­geflohen war.

Hier aber hilft eine Partnerschau der Landesausstellung im Schlesischen Museum weiter. »Lebenswege ins Ungewisse« erzählt die Geschichte von Menschen aus Görlitz und dem benachbarten Zgorzelec (Polen), die ihre Heimat verlassen ­haben – freiwillig oder gezwungenermaßen.

Dass die frühe Mobilität ihr ganz eigenes, viel langsameres Tempo hatte, zeigt eine zweite Partnerausstellung »via regia – Straße der Arten« im Senckenberg Museum für Naturkunde. In einer Übersicht stellt sie die drei bis fünf Stundenkilometer der Fußgänger oder auch die zwei bis drei Kilometer pro Stunde (km/h) der Postkutsche den rasanten 150 bis 300 km/h der Bahn oder die 450 bis 900 km/h eines Flugzeugs gegenüber.

Die Landesschau-Partner wagen den ganz konkreten Blick.

Im gerade sanierten Kaisertrutz gibt es auf fünf Ebenen hingegen das große Ganze, den Blick auf Kunst und Wissenschaft, auf Maße und Gewichte, auf Zünfte – und auf den Glauben, der viele Reisende begleitete. Ein großes Triptychon aus Breslau zeigt beispielsweise die heilige Hedwig, die Schutzpatronin Schlesiens. Zunftschilde sind mit (Schutz-)Engeln geschmückt. Und ein Bibel-Druckstock macht wunderbar bildhaft die Auseinandersetzung zwischen evangelischem und katholischem Glauben, aber auch das praktische Denken der Buchdrucker deutlich.

Ein protestantischer Druckstock mit einem papstfeindlichen Bild wurde von Druckern im katholischen Osten übernommen, schließlich war er einmal gemacht und das war kostengünstiger. Mit ein paar kleinen Schnitten wurde alles Kritische entfernt und zufriedenstellend gedruckt.

Seit dem 21. Mai steht dies alles nun den Besuchern offen. Spiralförmig können sie sich vom Keller der Trutzburg über fünf Etagen nach oben ­lesen, durchschauen, durchstaunen. Zum Auftakt war das kostenlos möglich – und der Kaisertrutz von Hunderten Wartenden dicht umdrängt.

Irmela Hennig

Die Sächsische Landesausstellung in Görlitz ist geöffnet bis 31. Oktober, täglich von 10 bis 18 Uhr, freitags bis 21 Uhr. Das Tagesticket kostet für Erwachsene 9 Euro, ermäßigt 7 Euro. Ein Zwei-Tages-Kombi-Ticket kostet 14 Euro für Erwachsene. Die Tickets gelten auch für die kooperierenden Görlitzer Museen (Schlesisches Museum, Senckenberg Museum für Naturkunde).

Als Nächstes wird die Thüringer Landesausstellung 2011 am 24. Juni in Weimar ­eröffnet. Sie steht unter dem Thema »Franz Liszt. Ein Europäer in Thüringen«.

Abschied vom Sühneopfer?

26. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Jesus am Kreuz

Diskussion: Seit Jahren gibt es theologischen Streit um die Vorstellung vom Sühneopfer Jesu – Pro und Kontra

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Jörns_Klaus-PeterPRO: Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns lehrte bis zu seiner Emeritierung 1999 Praktische Theologie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Wer die Hinrichtung Jesu am Kreuz deuten will, muss sagen, von welchem Gottes- und Menschenbild er ausgeht. Ich setze bei dem an, was ich aus Verkündigung und Leben Jesu wahrgenommen habe. Da steht die wirklich bedingungslose Liebe Gottes im Zentrum. Diese Liebe kommt ganz aus sich selbst, braucht also keinerlei Vorleistungen, auf die sie (nur) Antwort wäre. Sie gilt den Menschen, die Jesus als »mühselig und beladen« erlebt hat, und will sie »erquicken« (Matthäus 11,28). Denn Jesus geht davon aus, dass das Leben – gerade der Menschen, die gut sein wollen – unendlich schwer ist. Weil jeder mit Schmerzen lernt, Gut und Böse zu unterscheiden und darin Gottes Arbeit zu tun (1. Mose 3,22!!), muss er es auch ein Leben lang. Gottes Gebote wollen deshalb nicht eine ab­strakte Gerechtigkeit durchsetzen, sondern haben eine helfende Funktion: Sie sind für uns Menschen als Segen und Wegweisung da (Markus 2,27) und nicht, um unseren Gehorsam zu erproben. Sie werden pervertiert, wenn sie gegen uns verwendet werden. So markiert Jesus eine Äonenwende.

Der Mensch ist bei Jesus nicht »böse von Jugend auf«, nicht gottfeindlicher Sünder: Jesus spricht den Kindern das Himmelreich zu! Unsere Sterblichkeit ist keine Strafe, sondern geschöpflich, wegen der Gottesbeziehung ist der Tod ein Tor zu anderem Leben. Gott erweist seine Gerechtigkeit nicht, indem er jedem gibt, »was er verdient hat«. Jeder soll bekommen, was er zum Leben braucht – auch wenn seine Defizite selbst verschuldet sind (Lukas 15,11-32). Die unbedingte Liebe Gottes will für seine Geschöpfe Leben und Würde. Also gibt es für den irdischen Jesus nichts Wichtigeres als die Vergebung – als Bitte um und Bereitschaft zur Vergebung. Vergebung ist Geschenk der Verletzten. Deshalb steht in der Mitte des Vaterunser eine doppelte Vergebungsbitte. Längst vor seinem Tod hat Jesus diejenigen, die durch Vergebung Frieden stiften, als Söhne und Töchter Gottes gepriesen (Matthäus 5,9). Seine Verkündigung ist der leidenschaftliche Protest gegen die alte Idee, die Paulus und andere wieder auf Jesu Tod angewendet haben, um aus der Schande seiner Hinrichtung eine Heilstat zu machen: »Vergebung ohne Blutvergießen ist nicht möglich« (Hebräer 9,22). Doch, sagt Jesu Evangelium: als Antwort auf Gottes Liebe! Wegen dieser inneren Kontroverse kommt Jesu Leben weder bei Paulus noch im Apostolischen Glaubensbekenntnis vor.

Wir sind Gott nicht dadurch wichtig, dass jemand für unsere Sünden blutige Sühne geleistet hätte. Wer Gott um Vergebung bittet, wird sie bekommen und kann sie weitergeben an ­andere. Für diese Botschaft hat Jesus gelebt und sich umbringen lassen. Er hat den zornigen Gott überwunden und Vergebung von Kult und Priesteramt gelöst. Sie ist Ausdruck der Menschenwürde geworden. Auch damit hat Jesus eine Äonenwende eingeleitet – deren ganzer Segen allerdings noch auf uns wartet. Denn die Kirchen haben Jesus bis heute nur selten geglaubt, dass aus tödlicher Gewalt kein Heil kommen kann – auch dann nicht, wenn man sie »heilige Gewalt« nennt. Mit Gewalt kann man Angst einjagen und Gehorsam erzwingen, aber weder Vertrauen und Glauben wecken oder die Welt verändern. Es ist Zeit, dass wir den Jesusweg wieder ernst nehmen.

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Bohl_JochenKONTRA: Jochen Bohl ist ­Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens und ­Mitglied im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Christus starb für unsere Sünden – das ist eine zentrale Aussage des Neuen Testaments, aber mit dieser Deutung des Geschehens auf Golgatha haben viele Menschen Schwierigkeiten. Diese Fremdheit spielte schon in den ersten Jahren der Christenheit eine Rolle, und Paulus selbst hat das Wort vom Kreuz als Ärgernis und Torheit bezeichnet. In unserer Gegenwart scheint der Graben zwischen dem Glaubenssatz und dem Lebensgefühl aber besonders tief zu sein: Heute ­sehen sich viele Menschen zuallererst als freie und selbstbestimmte Personen, die ihr Leben nach den eigenen Überzeugungen gestalten. Wozu sollten sie ein Opfer anderer brauchen? Und gar zur Versöhnung mit Gott?

Die Bibel aber geht davon aus, dass Opfer notwendig sind und gebraucht werden, damit das Leben heil werden kann. Tatsächlich kann ja keine Rede davon sein, dass die Beziehungen zwischen den Menschen durchweg gelingen würden, sodass sie einander nichts schuldig wären. Die Widerständler gegen die nationalsozialis­tische Gewaltherrschaft um die Geschwister Scholl oder die Verschwörer des 20. Juli wussten um die Gefahr, in die sie sich begaben und haben ihr Handeln durchaus als Opfer verstanden.

Menschen werden aneinander schuldig, und das biblische Verständnis des Opfers steht in engem Zusammenhang mit dieser Tatsache. Man wird ihm nicht gerecht, wenn man von der Realität der Sünde schweigt, der Entfremdung von Gott. Sie ist der Grund für das Scheitern des Lebens, für Entfremdung und Gewalt. Im Alten Testament lesen wir, wie durch die Opferung eines Tieres im Tempel die gestörte Beziehung geheilt und der verhängnisvolle Kreislauf von böser Tat und Rache unterbrochen wird. Gott nimmt das Opfer gnädig an um der Menschen willen, die der Versöhnung bedürftig sind.

Auch im Neuen Testament geht es um die Tatsache, dass wir Menschen in die Sünde verstrickt sind und nicht in der Lage, uns von ihrer Macht zu befreien. Jesus bringt am Kreuz das letzte Opfer, ein für alle Mal. Der Nazarener hatte ja immer den Kontakt zu »Sündern und Zöllnern« gesucht, und ihnen einen Blick auf die Gnade Gottes ermöglicht. Wegen dieses Verhaltens wurde er aber als einer von ihnen angesehen; so kündigte sich in seinen Begegnungen am Rande der Gesellschaft an, dass Jesus den Tod des Sünders würde sterben müssen. Er starb ihn, und brachte so ein Opfer für die Sünder und erst recht für die, die sich frei von der Sünde wähnten.

Entscheidend dabei ist, dass nicht Gott versöhnt werden muss – es geht immer darum, dass die Menschen versöhnt werden! Gottes Zorn richtet sich auf die Sünde, nicht auf den ­Sünder. Ihm gilt seine vergebende Liebe, und darum bringt er in dem Kreuz Christi selbst das Opfer, das ­versöhnt und die Möglichkeit der Heilung eröffnet.

Ich will die großen Schwierigkeiten nicht übersehen, den Gedanken, dass Christus »für uns« gestorben ist, in der Moderne zu vermitteln. Aber es wäre ja töricht, den Reichtum des Glaubens immer dann zu verkürzen, wenn einzelne Elemente nicht mit dem Lebensgefühl der Zeit übereinstimmen. Das verbietet schon der Respekt vor der Heiligen Schrift, der ihr gerade dann zukommt, wenn ihre Aussagen uns fremd anmuten.

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Bücher zum Weiterlesen

Notwendige Abschiede: Mit diesem 2004 erschienen Buch legte Klaus-Peter Jörns den Grundstein seiner theologischen Kritik an zentralen Glaubensaussagen des Christentums. Die zentrale Forderung ist die nach dem Abschied von der Sühneopferdeutung des Todes Jesu. Sein Ziel ist dabei nach eigenen Worten nicht die Vernichtung, sondern eine Neuformulierung des Glaubens.
Jörns, Klaus-Peter: Notwendige Abschiede. Auf dem Weg zu einem glaubwürdigen Christentum, Gütersloher Verlagshaus, 272 Seiten, ISBN 978-3-579-06408-6, 24,95 Euro

Mehr Leben, bitte!: In diesem im vergangenen Jahr erschienenen Titel formuliert Jörns deutlicher denn je seine theologische Kritik am Kreuz und fordert ­erneut zum Gespräch über zentrale Glaubensinhalte heraus. Gleichzeitig liefert er ­allgemein verständliche theologische Meditationen über die zwölf wichtigsten Kirchenfeste – von Weihnachten bis zum Ewigkeitssonntag.
Jörns, Klaus-Peter: Mehr Leben, bitte! Zwölf Schritte zur Freiheit im Glauben, ­Gütersloher Verlagshaus, 224 Seiten,
ISBN 978-3-579-08048-2, 19,95 Euro

Der gekreuzigte Sinn: In dem Buch des promovierten bayerischen Pfarrers, der als apl. Professor Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg lehrt, steht der Opfertod Jesu im Mittelpunkt. Werner Thiede ruft allerdings nicht zum Abschied vom, sondern zum rechten Verständnis des Sühneopfers auf, in dem der dreieine Gott nicht Objekt, sondern Subjekt des Geschehens ist. »… ein bemerkenswert systematischer Entwurf und ein eindrucksvolles Zeugnis eines um Einsicht bemühten Glaubens …«, urteilte die Theologische Revue.
Thiede, Werner: Der gekreuzigte Sinn. Eine trinitarische Theodizee, Gütersloher Verlagshaus, 272 Seiten,
ISBN 978-3-579-08012-3, 29,95 Euro

Für mich gestorben!?: Jörg Rosenstock, Pfarrer in Bielefeld, kennt aus ­Gemeindearbeit sowie Religions- und Konfirmandenunterricht die kritischen ­Anfragen an den Opfertod Jesu. Gemeinsam mit den Fragenden hat er sieben Zugänge zum Kreuz erarbeitet. Allgemein verständlich richtet er sich damit an Christen wie Nichtchristen und natürlich an Seelsorger und Gemeindepädagogen.
Rosenstock, Jörg: Für mich gestorben!? Was hat Jesu Tod mit mir zu tun?, Luther-Verlag, 104 Seiten,
ISBN 978-3-7858-0574-9, 10,90 Euro

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