Die erste Zeugin der Auferstehung

25. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Es ist fast wie eine Kriminalgeschichte, über Maria Magda­lena zu berichten. Sie gehört zu den faszinierendsten Frauengestalten im Neuen Testament, wurde aber auch zu einer der schillerndsten Figuren der christlichen Tradition.

Die männlichen Fantasiebilder späterer Zeiten, wie sie sich in der Malerei vielfach niedergeschlagen haben, darf man nicht auf die historische Maria Magdalena zurückprojizieren: jung, schön und ein wenig lüstern – so stellt man sie nur zu gern dar. Wir haben es in der Überlieferung jedoch mit zwei Frauen zu tun: mit einer namenlosen Frau, einer Sünderin, die Jesus begegnet, und mit Maria Magdalena, einer Jüngerin Jesu, die zu seiner engsten Umgebung gehörte.

Die Bibel spricht von der namenlosen Frau in Lukas 7,36–50. Sie galt als Sünderin, im damaligen Verständnis eine Dirne, eine Prostituierte. Von Maria Magdalena ist im Anschluss an die Geschichte von der Sünderin die Rede (Lukas 8,1–3). Beide Frauen haben nichts miteinander zu tun.

Maria Magdalena wird in den Evangelien häufig genannt. Das Lukasevangelium erwähnt, dass Jesus in Galiläa nicht nur von den zwölfen, sondern auch von einigen Frauen begleitet wurde. Maria Magdalena hat sich Jesus angeschlossen, nachdem er sie von bösen Geistern geheilt hatte. Sie bleibt bei ihm und gehört zu der Gruppe, die mit ihm und anderen Frauen und Männern durch Palästina zieht.

Maria Magdalena stammt aus Magdala am See Genezareth – von daher stammt ihr Beiname Magdalena. Sie scheint nicht verheiratet gewesen zu sein. Denn ihr Name ist nicht – wie es üblich war – mit einem Männernamen, auch nicht dem eines Vaters oder Sohnes verbunden worden. Die biblischen Texte sagen, dass die Frauengruppe um Jesus groß war. Sie zogen mit ihm durchs Land. In den Evangelien sind sie meist nur als anwesend gedacht und werden nicht ausdrücklich erwähnt.

Ostergeschehen mit Jesus und Maria Magdalena auf dem Glasfenster in der Stadtkirche im sächsischen Stolpen. Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Ostergeschehen mit Jesus und Maria Magdalena auf dem Glasfenster in der Stadtkirche im sächsischen Stolpen. Foto: epd-bild/Rainer Oettel

Das Markus-Evangelium erzählt, dass die Jünger geflohen sind, als Jesus verhaftet wurde. Sie hatten Angst, ebenfalls verhaftet und verurteilt zu werden. (Markus 15,40) Es sind die Frauen, unter ihnen Maria Magdalena, die in Sichtweite des Kreuzes bleiben, bis Jesus stirbt. Bei Markus und Matthäus ist sie auch dabei, als der Leichnam Jesu ins Grab gelegt wird.

In den synoptischen Evangelien Matthäus, Markus und Lukas gehört Maria Magdalena zu den Frauen am Ostermorgen, die zum Grab gehen. Doch Jesus ist nicht im Grab, sondern ein Engel verkündet ihnen: »Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden.« (Markus 16,6) Im später geschriebenen Schluss des Markus-Evangeliums (16,9–20) wird Maria Magdalena als die herausgestellt, der der Auferstandene als Erster erschienen ist und ihr die Osterbotschaft verkündet hat.

Nur bei den Evangelisten Markus und Matthäus erhalten die Frauen den Auftrag, die Botschaft »Jesus lebt!« den Jüngerinnen und Jüngern weiterzugeben. Sie sollen nach Galiläa gehen, wo sie den Auferstandenen sehen werden. Bei Matthäus führen die Frauen diesen Auftrag aus, bei Lukas verkündigen sie seine Auferstehung, ohne ausdrücklich den Auftrag erhalten zu haben. Bei Markus sagen sie niemandem etwas. Sie erschrecken und flüchten vom Grab. Beim Evangelisten Johannes wird Maria Magdalena zweimal genannt, bei der Kreuzigung und am Ostermorgen. Wie die Synoptiker nennt auch Johannes eine Gruppe von Frauen beim Kreuz (Johannes 19,25). Maria Magdalena ist hier nicht als Erste, sondern als Letzte genannt. Am Ostermorgen sucht sie allein nach dem Leichnam Jesu. (Johannes 20,1–18)

Der Text erzählt von ihrer Trauer: Maria stand draußen vor dem Grab und weinte. Sie entdeckt das offene Grab und sieht darin zwei Engel in weißen Gewändern sitzen. Diese fragen: Frau, warum weinst du? Sie antwortet ihnen: »Sie haben meinen Rabbi fortgenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingebracht haben.« Da erscheint ihr der Auferstandene.

Sie hält ihn erst für den Gärtner. Da ruft er sie beim Namen, worauf sie erkennt, dass es Jesus ist. Maria wendet sich ihm zu und nennt ihn Rabbuni (mein Meister). Sie will Jesus berühren. Er aber sagt: Rühre mich nicht an! Dieser Satz auf Latein »Noli me tangere« wurde zu einem festen Begriff in der Kulturgeschichte des Christentums. Halte mich nicht fest, denn ich bin noch nicht zu Gott, meinem Ursprung, aufgestiegen. Es heißt: Der Auferstandene ist nicht festzuhalten. Er bleibt in der Distanz der Nahe, der Zugewandte. »Rühre mich nicht an! Halte mich nicht fest!«, lässt sich vielleicht übersetzen: Akzeptiere die Veränderung, nimm den Trennungsschmerz an.

Jesus schickt Maria Magdalena auf den Weg des Lebens. Diesen Weg Marias zum Osterglauben beschreibt der Evangelist Johannes als einen Weg von der Blindheit zum Sehen. Zu Beginn sieht Maria Jesus, erkennt ihn aber nicht. Erst als sie hört, wie er sie beim Namen ruft, gehen ihr die Augen auf.

Bei Johannes hat Maria Magdalena eine herausragende Stellung: Sie ist die einzige Zeugin des leeren Grabes. Ihr erscheint Christus. Ihr gibt Christus den Verkündigungsauftrag. Aber diese große Frau, wie sie Johannes darstellt, die in der Urkirche eine große Rolle gespielt hat, wurde verkannt und verzeichnet.

In den Berichten, in denen es um den Tod und die Auferstehung Jesu geht, spielen die Frauen eine erhebliche Rolle. Als Jesus verhaftet wurde, waren die Männer nicht mehr da. Von den Frauen jedoch wird in allen Evangelien berichtet, dass sie bei der Kreuzigung zugegen und am Ostermorgen am Grab waren. Sie waren die ersten, die begreifen: Das Kreuz war nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang.

Der Name der historischen Maria Magdalena ist mit der Geburtsstunde der christlichen Kirche verbunden wie kein anderer Name. Während die vier Evangelien dieses Bild zeichnen, widerspricht dem die Aussage des Paulus in 1. Korinther 15,3 ff. Da zählt er Namen von Menschen auf, denen der auferstandene Christus erschienen ist. Maria Magdalena ist nicht dabei – überhaupt keine Frau wird erwähnt.

Bei Paulus dominiert die patriarchalische Ordnung. Er hat die Geschehnisse um Jesus intellektuell reflektiert und den Glauben an Christus in die Welt getragen. Aber er ist auch derjenige, der die Weichen dafür gestellt hat, dass das Christentum leibfeindlich und frauenfeindlich wurde. Die traditionelle Exegese folgte vorrangig Paulus und bestritt, dass Maria Magdalena und andere Frauen die ersten waren, die die Auferstehung Jesu bezeugen konnten. Neben die patriarchalische Erfahrung und Theologie tritt heute die weibliche Erfahrung und Theologie. Was hat sie uns zu sagen, die geheilte Frau, die Freundschaft und Hingabe, Eros und Agape vereint? Die Theologie Maria Magdalenas ist noch nicht geschrieben.

Maria Magdalena hat eine Frauenrolle in der Kirche angebahnt, die in der Folgezeit nicht ohne Nachwirkungen bleiben sollte: die Rolle der predigenden Frau, die in Konkurrenz zur Vorherrschaft der Männer in der Kirche tritt. Katholische Frauenforschung hat bewiesen, dass es in der frühen Kirche das apostolische Frauenamt gegeben hat. Seit frühesten Anfängen war diese Konkurrenz den Männern ein Dorn im Auge – und die heutige Ablehnung der Ordination von Frauen innerhalb der katholischen Kirche und manchen protestantischen Kirchen ist nur ein letzter Nachklang.

Ursula Baltz-Otto

Das stärkste Symbol des Glaubens

9. April 2017 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Das Kreuz konterkariert das Bild vom planbaren und makellosen Idealmenschen

Das Kreuz ist das stärkste Symbol des christlichen Glaubens. Doch über alle Zeiten haben sich Christen mit diesem Todessymbol schwergetan. In der Urkirche hatte es als Erinnerung an den Tod des Gerechten eine herausragende Bedeutung, wurde aber unter dem starken Verfolgungsdruck nicht gezeigt. In der Kunst der Romanik thront ein nach oben blickender Christus als schmerzfreier Pantokrator aufrecht am Kreuz, die Gotik erst stellte dann realistisch das Leiden des Gottessohnes dar. Moderne Theologen haben den Kreuzestod beiseitegeschoben und den Reich-Gottes-Verkünder ins Zentrum gerückt, den Revolutionär, den ersten Feministen, den sanftmütigen Wanderprediger, neuerdings in evangelikalen US-Gemeinden den Jesus, der materiell reich macht. Als sei sein elender Kreuzestod ein dummer Zufall.

Die Passionsgeschichte lehrt: Jesus hat den Tod gefürchtet, aber er ging ihm nicht aus dem Weg. Er suchte die Konfrontation mit dem Tod, um ihn zu besiegen. Die Selbsterniedrigung Gottes bis zum Tod am Kreuz ist deshalb der Kern des Christentums. Gleichwohl hat jede Epoche diesen Tod neu interpretiert.

Gewiss war sein Leiden und Sterben nach dem Zeugnis des Neuen Testaments einzigartig, weil ein Gerechter gestorben ist, einer ohne Sünde (Hebräer 4,15). Das Besondere an Jesu Tod ist, dass Gott sich damit in die tiefste Niederung der menschlichen Existenz begeben hat. »O große Not, Gott selbst ist tot«, brachte Luther seine Kreuzestheologie auf den Punkt. Eine Torheit den Griechen, ein Ärgernis den Römern, eine Provokation für die Juden.

Die Verherrlichung des Kreuzestodes Jesu gehört dagegen zum Aberglauben der Kirche. Denn die Art seines Todes ist nicht außergewöhnlich. Es gab und gibt immer noch weit schlimmere Folter- und weit brutalere Hinrichtungsmethoden.

In manchen Kirchen werden in der Passionszeit Altarkreuze und -bilder verhüllt. Foto: epd-bild

In manchen Kirchen werden in der Passionszeit Altarkreuze und -bilder verhüllt. Foto: epd-bild

Das Heil liegt nicht in den äußeren Umständen des Todes Jesu, etwa in seinem grausamen Sterben am Kreuz oder in der Tatsache, dass bei seiner Hinrichtung Blut floss. Der Tod Jesu ist nicht der Grund der Erlösung, denn nicht die Kreuzigung war Gottes Eingriff in die Weltgeschichte (das haben die Menschen besorgt), sondern die Sendung Jesu und die Bestätigung seines Lebens und seiner Botschaft durch die Auferweckung. Gott hätte diesen Tod nicht gebraucht, er war aber die Konsequenz des Lebens und der Verkündigung Jesu. Gott hat mit seiner Auferweckung eingegriffen. Der Auferstandene ist Erstling unter vielen (1. Korinther 15,20), Grund zur Hoffnung für alle Leidenden, Sterbenden und Trauernden.

Wenn also die mittelalterliche Sühnopfertheologie verabschiedet wird, kann die Passion Jesu in der Verkündigung auf andere Weise an Bedeutung gewinnen: Der leidende Gott am Kreuz ist der schärfstmögliche Widerspruch gegen alle Macht- und Vollkommenheitsfantasien des Menschen, gegen alle innerweltlichen Erlösungs- und Machbarkeitsideologien. Das Kreuz konterkariert das Bild vom planbaren und makellosen Idealmenschen.
Die österliche Botschaft des Christentums ist: Der Gekreuzigte hat den Tod überwunden, Christus ist auferstanden. Berichte, wie die Auferstehung vor sich ging, gibt es im Neuen Testament nicht. Selbst im apokryphen Petrusevangelium wird nur gesagt, dass zwei Engel auf das Grab hinabstiegen, dass aber drei Personen aus dem Grab hervorgingen: Die Engel – und Jesus in der Mitte.

Helmut Frank

Segnen ist Gottes Leidenschaft

20. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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»Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein« – ein Impuls zu Gottes Verheißung an Abraham.

Wenn Gott segnet, gibt er aus seiner göttlichen Lebensfülle. Es ist seine Art, großzügig, ja fast verschwenderisch zu schenken. Segen ist göttliches Leben. Segen ist nur ein anderes Wort für Gnade, vielleicht leichter verständlich. Weil es Gottes Leidenschaft ist, uns Gutes zu tun, hält er Ausschau nach Menschen, die sich nach seinem Segen sehnen:

Die Geschichte Abrahams handelt davon. »Ich will dich segnen.« Mit diesem Segenszuspruch kommt Gott dem suchenden Abraham entgegen. Damit lockt er Abraham in ein Leben des Vertrauens. Abraham hört es und ist davon tief getroffen. Er bewegt dieses Wort und es lässt ihn nicht mehr los: »Ich will dich segnen.«

Impressionen vom »Berg der Kreuze« in Litauen. Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

Impressionen vom »Berg der Kreuze« in Litauen. Foto: Dieter Schütz/pixelio.de

Abraham sucht die Einsamkeit, um dieses Wort zu knacken. Aber das Wort knackt ihn. Er wagt es, sich auf diese Stimme einzulassen. Er wagt zu glauben. Sein Segensweg beginnt mit einem Abschied. Und Gott sagt ihm auch konkret, was er loslassen muss: sein Vaterland, seine Verwandtschaft, das Haus seines Vaters. Also alles, was ihm bisher Halt und Schutz gegeben hat. Gott ruft ihn aus seiner bisherigen Existenz in eine neue, aus einem bekannten Land in ein unbekanntes. Und Abraham hat nur eine einzige Brücke, das Wort der Verheißung, das er vernommen hat. »Ich will dich segnen.« Über diese Brücke geht er nun. So ist der Segen bei Abraham mit dem Schmerz des Abschieds verbunden. Abraham wagt es trotzdem. Er packt zusammen und bricht auf. So öffnet er sich für den großen Segen, den Gott ihm versprochen hat.

Abraham hätte das große Angebot auch ablehnen und überhören können. Er hätte in der Geborgenheit der Familie, in der Sicherheit seiner Sippen und bei den üblichen religiösen Traditionen bleiben können. Doch Abraham entscheidet sich für den Segen. Er muss es ertragen, dass andere ihn für einen Narren halten. Er geht weiter über die Schmerzgrenze hinaus in die Freiheit, in die Gott ihn ruft.

Natürlich kennt er auch Stunden, in denen er unsicher ist, nichts sieht und Fehler macht. Aber die segnende Gegenwart ist jedesmal größer als sein Versagen. Mit jedem Schritt geht Abraham tiefer hinein in die Freundschaft mit dem lebendigen Gott. Durch Jesus Christus, der ja der verheißene Nachkomme Abrahams ist, weitet sich der Lebens- und Segensstrom hin zu allen Völkern der Erde. Das Kreuz Jesu ist die universale Dimension des göttlichen Segens.

Segnen ist bis heute Gottes große Leidenschaft. Wer die Segensfülle empfangen will, kommt wie Abraham um einen Abschied nicht herum. Wir vergessen das leicht. Wer tiefer in die Freundschaft mit dem lebendigen Gott einsteigen will, dem sagt Gott, wo er ausziehen soll. Vielleicht ist es eine Gewohnheit, die mir schadet, eine Beziehung, die mich abhängig gemacht hat, ein negatives Verhalten wie Rückzug oder Unversöhnlichkeit. Fragen wir Gott, er wird es deutlich machen.

Schauen wir jetzt noch auf den zweiten Teil der Verheißung: »Du sollst ein Segen sein.« Oder einfach: Werde ein Segen! Ein Segen für andere sein, ist eine schöne Berufung. Wie aber kommen wir in diese Berufung hinein, Segen zu sein? Sicher nicht dadurch, dass wir uns jetzt vornehmen, uns anzustrengen und mehr für andere zu tun.

Ein Segen sein, ein Segen werden, da geht es um unser Sein, nicht ums Tun, ums Machen. Vielleicht heißt ein Segen werden zuerst einmal weniger tun und mich daran freuen, wer ich vor Gott bin. Wenn wir wie Abraham aus der Freundschaft mit dem ewigen Gott leben, werden wir Menschen, die das Wunder der Zeitvermehrung erfahren. Bin ich ein Mensch, der wieder Zeit hat?

Dann bin ich vielleicht schon ein Segen, ohne etwas Besonderes zu machen. Wer aus der Freundschaft mit Gott lebt, der wird voraussichtlich freundlich. Wer sich die Liebe Gottes gefallen lässt, wird voraussichtlich liebevoll. Wer vor Gottes Augen Gnade gefunden hat, wird mit anderen gnädig sein. Wer von Gott gesegnet ist, wird voraussichtlich ein Segen sein.

Ein Segen sein, das heißt: Ich bin jemand, der segnet. »Segnen heißt, die Hand auf etwas legen und sagen, du gehörst trotz allem Gott.« (Dietrich Bonhoeffer) Segnen kann jeder, der glaubt. Segnen ist an kein bestimmtes Amt gebunden.

Im Alten Testament war es die Aufgabe der Priester, den Segen aufs Volk Gottes zu legen. Im Neuen Testament gibt Jesus seinen Jüngern den Auftrag, alle Menschen zu segnen. Jeder Christ darf zum Beispiel seine Nachbarn und Arbeitskollegen segnen. Jeder Vater darf seine Kinder segnen. Wenn wir mit dem Segnen ernst machen, wird sich die Atmosphäre in der Familie und im Geschäft voraussichtlich verändern. Wenn wir einen Menschen segnen, stellen wir ihn in eine Beziehung zu Gott.

Wie wir Segen weitergeben, das kann sehr vielfältig sein: Gute Gedanken über einem Menschen wirken Segen; jeder Gruß ist ursprünglich ein Segen (»Grüß Gott« meint: Jetzt grüßt dich Gott) – aber das ist uns meistens nicht mehr bewusst; es gibt auch die segnende Berührung – die Hand auf den Kopf oder auf die Schulter legen und ein gutes Wort sprechen; es gibt den segnenden Blick, die segnende Geste, den Segenswunsch. Der Zuspruch einer Segensverheißung setzt heute genauso wie bei Abraham in einem Menschen Glaubenskraft frei.

Jesus befiehlt seinen Jüngern auch, die zu segnen, die ihnen fluchen. Die Segensmacht Gottes ist stärker als jeder Fluch. Als Jesus am Kreuz starb, hat er Fluch in Segen verwandelt.

Ich schließe damit, was Dietrich Bonhoeffer über Segen gesagt hat: »Wer selbst gesegnet wurde, der kann nicht anders, als diesen Segen weitergeben, ja, er muss dort, wo er ist, ein Segen sein. Nur aus dem Unmöglichen kann die Welt erneuert werden. Dieses Unmögliche ist der Segen Gottes.«

Barbara-Sibille Stephan

Die Autorin ist Schwester in der Christusbruderschaft Selbitz und zurzeit im Aidshilfeprojekt der Communität in Südafrika tätig.

Glauben alle an denselben Gott?

16. Januar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Ja

Christen glauben an den einen, dreieinigen Gott. Dieser Glaube hat sich uns durch Jesus Christus eröffnet und wird durch den Heiligen Geist gewirkt und erhalten. Es ist der Glaube an Gott den Schöpfer, den Erbarmer und den Richter – und diesen Glauben an den einen Gott teilen wir mit den Juden und den Moslems. Für das Judentum ist aus christlicher Sicht unbestritten, dass wir denselben Gott meinen. Gleichwohl gehen Juden und Christen unterschiedliche Wege und suchen auf dieser Basis die Versöhnung.

Wie steht es mit den Muslimen? Der Islam kam später und hat vielfältige Impulse aus beiden Religionen aufgenommen. Mohammed war schon vor seinen Offenbarungen ein »Hanif«, ein Monotheist. Darin sah er sich in der Nachfolge Abrahams. Und er sah auch in den Christen und Juden solche Anhänger des einen Gottes.

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Prof. Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck. Foto: medio.tv /schauderna

Strittig ist daher auch von islamischer Seite aus nicht die Frage nach Gott, sondern die Frage nach dem Weg. Das mag dem einen oder der anderen als Haarspalterei erscheinen. Doch es macht einen Unterschied, ob ich in der Begegnung mit Muslimen ihnen den Glauben an Gott abspreche und sie zu »Götzendienern« erkläre (was die Konsequenz wäre) oder ob ich mit ihnen darüber nachdenke, was dieser Glaube an den einen Gott bedeutet. Damit ist die Frage nach der Erlösung durch Christus noch gar nicht gestellt – und schon gar nicht in Frage gestellt! Ein zentraler Begriff aber ist in allen drei Religionen »Barmherzigkeit«: Darin ist eine gemeinsame Glaubenserfahrung zu erkennen.

Für uns Christen hat sich der dreieinige Gott in Jesus Christus offenbart, im Heiligen Geist aber darüber hinaus in vielfältigen Zeugnissen auch aus den »Völkern«, in denen wir die gute Botschaft wiedererkennen. Das war schon immer eine zentrale Lehre des Christentums. Man denke nur an die Rede des Apostels Paulus in Athen (Apg. 17). Auch für die römisch-katholische Lehre steht das völlig außer Frage. Man lese die entsprechenden Texte des Zweiten Vatikanischen Konzils!

Wir können als Christen in dem, was im Islam von der christlichen Botschaft erhalten und bewahrt wird, so etwas wie ein Echo, eine Spur oder einen Schatten des Wortes Gottes erkennen und daran auch anknüpfen. Das heißt doch nicht, dass wir uns damit verleugnen! Ganz im Gegenteil: Wir machen ernst mit dem Auftrag der Versöhnung, wir machen ernst mit dem Glauben an den einen Gott.

Die Gemeinsamkeiten sind groß: der Glaube an den einen, barmherzigen Gott, die Bedeutung Abrahams, die hohe Wertschätzung Jesu und seiner jungfräulichen Mutter Maria, das Jüngste Gericht und die allgemeine Auferstehung von den Toten, die Unsichtbarkeit Gottes und die Wirksamkeit seines Wortes.

Was uns trennt, ist die Auslegung! Und hier sage ich deutlich: Wenn der Islam uns Christen vorwirft, wir würden »drei Götter« anbeten, dann möchte ich, dass dieses Vorurteil islamischerseits ernsthaft überprüft wird. Hier ist der Punkt, wo die theologische Auseinandersetzung mit dem Islam gesucht werden muss! Gerade wenn wir von einem christlichen Bekenntnis herkommen, das sich des barmherzigen Gottes gewiss ist, sollte es uns nicht schwerfallen, auch im islamischen Bekenntnis zu dem einen Gott den gemeinsamen Gott zu erkennen – »wie in einem dunklen Bild« (1.Korinther 13,9).

Inzwischen stehen wir vor einer Herausforderung, vor der weder Christentum, Judentum noch Islam bislang je standen: Wir haben es gemeinsam mit einer Welt zu tun, die Gott nicht wahrhaben will, und mit Fanatikern, die Gott für ihre Interessen missbrauchen.

An der Entdeckung der Gemeinsamkeiten wird sich vieles entscheiden!

Nein

Die romantische Vorstellung, Menschen unterschiedlicher Religionen würden letztlich doch alle an denselben Gott glauben, findet sich bereits in der Antike. In der Gegenwart nährt sie die Hoffnung, dass die Gegensätze zwischen den Religionen so groß doch nicht seien, ja nicht sein dürfen, und irgendwie friedlich gelöst werden müssen. Es gibt mehrere Gründe, warum diese Hoffnung trügt.

Religionen sind immer Deutungen religiöser Erfahrungen und schon insofern notwendigerweise verschieden. In das Judentum, das Christentum und den Islam sind sehr verschiedene religiöse und kulturelle Traditionen eingeflossen, die ein je eigenes Gottesbild und eine je eigene Ethik hervorgebracht haben. Es gibt Überschneidungen, aber auch grundlegende Unterschiede.

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Prof. Udo Schnelle lehrt evang. Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Foto: Jörg Hammerbacher

Die entscheidende Differenz besteht darin, dass die Christen eine besondere Form des Monotheismus bekennen: den dreieinigen Gott. Was ist damit gemeint? Zuallererst geht es um das besondere Verhältnis Gottes zu Jesus von Nazareth, das sich exemplarisch in der Auferweckung des gekreuzigten Jesus von den Toten durch Gott zeigt. Speziell dieses Geschehen verstanden die frühen Christen als Bestätigung der Gottesauslegung Jesu und folgerten daraus, dass er in einem ganz besonderen Verhältnis zu Gott steht. Weil Gott sich bis in den Tod am Kreuz mit diesem Jesus von Nazareth identifizierte, muss er mehr als ein Prophet oder Gesandter des Vaters sein, nämlich sein Sohn. Die Gottheit des Sohnes ist somit von der Gottheit des Vaters her zu verstehen, die Gottheit des Vaters wird auf den Sohn ausgeweitet.

Der Sohn hat nicht nur am Wesen des Vaters teil, sondern er ist vom Wesen des Vaters. In diesem Schritt liegt die eigentliche Neudefinition Gottes im frühen Christentum: Gott ist so, wie Jesus von Nazareth ihn ausgelegt hat und deshalb gebührt ihm der göttliche Status des Sohnes. Das Neue Testament insistiert damit auf der göttlichen Würde Jesu, ohne das Bekenntnis zu dem einen Gott Israels damit zu schmälern. Hinzu kommt eine weitere Erkenntnis: Gott wurde in Jesus von Nazareth nicht nur Mensch, sondern er lässt sich bleibend im Leben der Menschen erfahren: durch den Heiligen Geist.

Gottes Wirklichkeit weist eine erfahrbare Wirksamkeit auf. In frühchristlichen Gemeinden wie Korinth (1.Korinther 12) oder Rom (Römer 12) wurden intensive Geisterfahrungen als Gottes­erfahrungen interpretiert und führten zu einer zweiten Innovation des Gottesbildes: Gott wirkt bleibend durch den Geist in der Geschichte und im Leben der einzelnen Menschen. In der Geisterfahrung ist Gott somit selbst gegenwärtig und nicht nur eine andere untergeordnete Größe. Das frühchristliche Gottesbild ist somit nicht zuallererst an einem prinzipiell jenseitigen und primär herrschenden Gott interessiert, der Gesandte aussendet oder Schriften verfasst, die den Menschen seinen Willen kundtun. Vielmehr geht es um den Gott, der sich auf die Welt zubewegt und in die Welt eingeht. Der Gott der Christen ist ein naher Gott; ein kommunizierender und lebendiger Gott, der aus Liebe für die Welt und die Menschen eintritt.

Dieses Modell eines nahen dreieinigen Gottes wurde von Anfang an vom Islam bekämpft. Es gilt als Ausdruck der Verfälschung des Wesens des einen allmächtigen Gottes. Die Christen sind Lügner und zu bekämpfende »Polytheisten« (Sure 9,29-33) und werden ermahnt: »O ihr Leute des Buches, übertreibt nicht in eurer Religion und sagt über Gott nur die Wahrheit. Christus Jesus, der Sohn Marias, ist doch nur der Gesandte Gottes und sein Wort, das er zu Maria hinunterbrachte, und ein Geist von ihm. So glaubt an Gott und seine Gesandten. Und sagt nicht: Drei. Hört auf, das ist besser für euch.« (Sure 4,171; Sure 112)

Der entscheidende Gegensatz bleibt: Jesus von Nazareth ist mehr als ein Prophet, er ist Sohn Gottes und verkündet einen anderen Gott als der Koran! Den liebenden, nahen, leidenden und gekreuzigten Gott; einen Gott, der in die Welt eingeht und bei den Menschen sein und bleiben will.

Fazit: Jesus ist der Unterschied und macht den Unterschied zu jeder anderen Religion!

Drei Religionen, ein Haus:  Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

Drei Religionen, ein Haus: Das »House of One« ist ein interreligiöses Gebäude, das voraussichtlich ab 2018 am Petriplatz im Berliner Ortsteil Mitte entstehen soll. Das Gebäude wird unter seinem Dach eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee beherbergen. Die Baukosten des Gebäudes, die mit 43,5 Millionen Euro beziffert werden, sollen vor allem durch eine Spenden-Kampagne erbracht werden. Träger des Projektes »House of One« ist seit dem 8. September 2016 eine Stiftung. Sie ist aus dem Verein Bet- und Lehrhaus Petriplatz Berlin hervorgegangen. Im Vorstand des Vereins wird die jüdische Seite vertreten durch das Abraham-Geiger-Kolleg sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin, die christliche Seite durch die evangelische Kirchengemeinde St. Petri–St. Marien und die muslimische Seite durch das Forum für Interkulturellen Dialog. Illustrationen aus dem »House of One«-Bastelbogen

Gottesdienst verstehen mit Martin Luther

17. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Gottesdienst ist Ritual, die sonntägliche Wiederholung des Vertrauten und Beruhigenden, so kann man es oft hören und lesen. Für Luther aber waren Gebet und Gottesdienst zuerst Kampf.

In Eric Tills Lutherfilm aus dem Jahr 2003 wird gezeigt, wie dramatisch sich der junge Luther im Kloster den Glauben erkämpfen musste – gegen den eigenen Unglauben. Wenn ihn wieder alle teuflischen Mächte packen würden, so sagte ihm sein väterlicher Freund und Ordensvorgesetzter Johannes von Staupitz, dann solle er ein Kreuz in die Hand nehmen und sich daran festhalten. Im Film sieht man den jungen Luther in einer schweren Angstkrise, wie er das Kreuz packt, sich auf den Boden wirft, in der Form des Kreuzes die Arme von sich streckt und »Christus, hilf mir!« ruft.

Gottesdienst soll Begegnung mit Jesus sein, keine Routineveranstaltung. Im Bild: Teilnehmer eines Gottesdienstes während der diesjährigen Allianzkonferenz in Bad Blankenburg. Foto: Harald Krille

Gottesdienst soll Begegnung mit Jesus sein, keine Routineveranstaltung. Im Bild: Teilnehmer eines Gottesdienstes während der diesjährigen Allianzkonferenz in Bad Blankenburg. Foto: Harald Krille

Wenn es ganz schlimm kommt, dann heißt es einfach nur, sich festhalten, vielleicht an dem einen Satz: »Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben!« (Markus 9,24). Gebet ist Leben ohne Netz und doppelten Boden. Nur so ist es auch Aufscheinen des Glanzes, der den Dingen trotz allem eigen ist. Davon lebt der Gottesdienst, der nach Luther keine gemächliche Wiederholung des schon Bekannten ist, sondern Begegnung mit Jesus selbst. Wie könnte die Begegnung mit jemandem, den man liebt, Routine und Wiederholung sein?

Nicht wir dienen Gott, Gott dient uns

Der eigentliche Akteur im Gottesdienst ist nicht der Mensch, der Gott lobt und preist. Es geht in der Liturgie nicht um unseren Dienst an Gott, sondern um Gottes Dienst an uns. Der eigentliche Akteur ist Gott, der dem Menschen etwas Gutes tut, der ihn tröstet und aufrichtet. Gott macht den Menschen gewiss, dass er oder sie zwar vielleicht nicht in Ordnung, aber gerade so (und nicht »trotzdem«!) gut, schön und geliebt ist. So erweist Gott dem Menschen seinen Dienst.

Darum soll sich der Gottesdienstbesucher gar keine Gedanken machen, ob er Gott recht dient oder nicht. Alle Konzepte von Gottesdienst als einer Gott erwiesenen Ehre, alle Formen von Kult zu Gottes Lob sind damit zwar nicht hinfällig, aber zweitrangig.

Im Zentrum steht das Herz, nicht der Altar

Für Luther ist der wichtigste Ort des Gottesdienstes das Herz des glaubenden Menschen. Es kommt nicht darauf an, dass ein Priester das Heilsgeschehen in kultisch angemessener Form zelebriert – so schön das ist, und evangelische Liturgen legen oft viel zu wenig Wert darauf. Aber der eigentliche liturgische Ort ist der Altar nicht.

Denn es kommt vor allem darauf an, das, was dort geschieht, als etwas »für mich« zu begreifen. Darum ist die entscheidende menschliche Person in der Liturgie nicht der Priester, sondern der einzelne Gläubige. Die jahrhundertelange Herrschaft der Geistlichen über die Menschen ist aufgehoben, indem jeder Einzelne gefragt und selbst verantwortlich ist. Jeder ist sein eigener Priester mit dem eigenen Altar im Inneren.

Das allgemeine Priestertum bezieht sich also auf den Kern des Glaubens, auf die eigene Gewissheit, ein guter, ein anerkannter, ein Mensch Gottes zu sein. Diese Gewissheit kann einem keiner abnehmen – und bisweilen muss sie erkämpft werden, so wie das bei Luther selbst der Fall war.

Es geht darum, in richtiger Weise nichts zu tun

Der erste Satz aus Luthers »Deutscher Messe« von 1526 warnt vor dem Überschätzen der liturgischen Form. Für den Gottesdienstbesucher kommt es nicht darauf an, etwas Bestimmtes und Richtiges zu tun. Vielmehr ist das Gegenteil gefragt: Es geht darum, liturgisch in bestimmter und richtiger Weise nichts zu tun. Der Mensch soll alle seine Aktivität darauf verwenden, passiv zu sein.

Diese paradoxe Regel wurde am Anfang der Neuzeit formuliert, und sie stellt für uns spätmoderne Menschen eine erhebliche Herausforderung dar. Aus dem aktiven Arbeiter, dem Homo Faber, wird der passive Mensch, das Kind vor Gott, das sich beschenken lässt. Darum ist die erste liturgische Aufgabe – nicht zuletzt für diejenigen, die predigen und die Liturgie leiten – das Hören und Empfangen.

Mehr als Predigt mit Umrahmung

Ein Missverständnis wäre es allerdings, den Gottesdienst als Predigt mit Umrahmung aufzufassen. Gute Predigten sind gewiss das wichtigste Markenzeichen der evangelischen Kirche. Aber nicht die Predigt ist das Eigentliche, sondern das Hören auf Gott, jene umfassende Form von aktivischer Passivität, die nicht unvernünftig ist, wohl aber höher denn alle Vernunft.
Darum ist auch die Musik für Luthers Gottesdienst- und Glaubensverständnis so wichtig. Wenn man mit schönen Tönen in Resonanz gerät, dann ist man in der Weise aktiv und passiv zugleich, wie das dem Menschen auch vor Gott guttut.

Michael Meyer-Blanck

Michael Meyer-Blanck lehrt als Professor für Religionspädagogik an der Theologischen Fakultät der Universität Bonn.

Einer bittet und einer hilft

11. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Klassiker der Bibel: Heilung des Bartimäus

Bartimäus kann nicht sehen. Nur Dunkel um ihn herum. Was nah ist, das kann er ertasten. Rau fühlen sich die Steine an, auf denen er sitzt. Rau auch die Hände seines Vaters. Zart das Gesicht der Mutter. Das Wasser des Brunnens ist kalt und frisch.

Was fern ist, das kennt er vom Hören. Seine Eltern haben ihm alles genau beschrieben. Die Berge um Jericho. Bäume. Die Sonne. Und Jesus. Sie hatten von ihm erzählt. Und Bartimäus kann sich nicht satthören. Jedes Mal, wenn er von Jesus hört, versinkt alles andere in ihm und um ihn. Dann will er nur hören. Von diesem Einen. Worte. Geschichten. Ein Gebet: »Vater unser im Himmel«. Wenn Bartimäus von Jesus hört, wird es hell in ihm.

Dann: Lärm auf der Straße. Hunderte Menschen. Lachen, Diskutieren, Füße scharren auf dem Straßenpflaster. »Was ist los?«, fragt Bartimäus. Die anderen Bettler neben ihm sagen: »Eine große Menschenmenge kommt. Sie ziehen durch die Stadt. Sie begleiten Jesus. Jesus von Nazareth.«

Glaube-Alltag-38-2016

Da verwandelt sich Bartimäus. Er hatte immer zugehört. Ganz Ohr ist er gewesen. Nun wird der Hörer zum Rufer. Er wird eine einzige Stimme. Ein einziger Schrei: »Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!« Er ruft und ruft und hört nicht auf. Alles – jeder Wunsch, den er je hatte, alle seine Hoffnung –, alles liegt in diesem Schrei.

»Halt den Mund!« »Schweig!« »Schrei nicht so herum!« »Sorg doch endlich einer für Ruhe!« Schon gehen sie auf Bartimäus los und wollen ihn wegbringen. Aber er schreit nur noch lauter: »Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!« Seine Stimme hat große Macht. Da klingt ein Mensch selbst. Der blinde Mann: Ein einziger Schrei nach Jesus.

Und der hält an. Bleibt einfach stehen. Der ganze Zug muss anhalten. Für einen einzigen Menschen. Der ist jetzt wichtig. Die andern müssen warten. Jesus geht nicht vorüber. Er hört. Und er bleibt stehen. »Bringt ihn her! Und sie riefen den Blinden und sprachen zu ihm: Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!« Bartimäus springt auf, lässt den Mantel liegen – fast sein ganzes Hab und Gut. Jetzt ist alles andere unwichtig. Sie bringen ihn zu Jesus. »Was willst du, dass ich für dich tue?« »Rabbuni, dass ich sehend werde.« Eine kleine Frage. Und eine schlichte Antwort: »Rabbuni, mein lieber Meister, dass ich sehend werde.« Zwei Männer. Sie stehen einander gegenüber. Eine Frage. Eine Antwort. Eine Bitte. Ganz still. Einer fragt. Einer bittet. Einer hilft. Und da wird etwas heil. »Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen.«

Bartimäus kann sehen. Seine innigste Bitte ist erfüllt. Er sieht: Die Berge und die Bäume. Die Sonne. Und Jesus. »Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend und folgte Jesus nach auf dem Wege.« Aber Bartimäus geht nicht hin. Bartimäus geht mit. »Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!« Das hat Bartimäus wörtlich genommen. Von Stund an begleitet er Jesus. Der Zug setzt sich in Bewegung. Mit Jesus. Mit tausend anderen. Und mit Bartimäus.

Es ist übrigens der letzte Weg, den Jesus geht. In ein paar Tagen wird er am Kreuz sterben. Und Bartimäus wird dabei sein. Kaum kann er sehen, muss er mit anschauen, wie Jesus stirbt. Aber nach ein paar Tagen sieht er ihn wieder. Da sieht er dann alles. Und weiß und versteht. Jesus lebt. Und ich soll auch leben. So bleibt Bartimäus bei Jesus. Die ganze Zeit. Und eine ganze Ewigkeit. Im Leben, im Tod und im Auferstehn. »Sei getrost, steh auf! Er ruft dich!«

Michael Greßler

Der Autor ist Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

Kamele werden Autos, Jünger tragen Jeans

1. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Porträt: Simeon Wetzel will mit seinen Comics einen Zugang zur Bibel schaffen

Die biblische Botschaft leicht verständlich und zeitgemäß zu vermitteln, das ist das Anliegen des Mediengestalters Simeon Wetzel. Zunächst zeichnete er die Geschichten des Neuen Testaments. Inzwischen umfasst seine Sammlung auch viele alttestamentliche Texte.

Der Glaube spielt für Simeon Wetzel eine bedeutende Rolle. Davon zeugt schon sein Vorname biblischen Ursprungs, den ihm seine Eltern ganz bewusst gaben. Neben der Musik und dem Lobpreis hat der 29-Jährige eine weitere Leidenschaft: Er zeichnet Bibelcomics. Was im Alter von 14 Jahren als spontane Idee entstand, hat sich zu einer umfassenden Sammlung entwickelt, die nach 15 Jahren vollendet ist.

Dass die Bibel keine leichte Kost ist, weiß der Dresdner aus eigener Erfahrung. Nach der Konfirmation schloss er sich zunächst der Jungen Gemeinde an. Als ihn sein Vater mit zu den »Jesusfreaks« nahm, sei dies ein einschneidendes Erlebnis in seinem Leben gewesen. »Zum ersten Mal sah ich die Leute beim Lobpreis und hatte daran viel Spaß. Moderne Musik zur Anbetung zu gebrauchen, mit etwas härteren, rockigeren Klängen, das war genau mein Ding und ich habe dort einen tiefen Zugang zum Evangelium und zur Bibel erhalten«,
schwärmt er.

15 Jahre lang hat Simeon Wetzel an seinen Bibelcomics gearbeitet. Foto: privat

15 Jahre lang hat Simeon Wetzel an seinen Bibelcomics gearbeitet. Foto: privat

Zu diesem Zeitpunkt entstand auch die Idee zu den »JesuComics«. Zunächst beschränkte sich Wetzel auf das Neue Testament und die Lebens- und Leidensgeschichte Jesu. Im Laufe der Jahre wurde das Projekt ständig erweitert und verbessert. Sein Hauptanliegen ist es, Kindern und Jugendlichen einen leichteren Zugang zur Bibel zu verschaffen: »Ich möchte die Frohe Botschaft auf leicht verständliche und zeitgemäße Weise vermitteln und habe mich bewusst für einen einfachen, kindgerechten Zeichenstil entschieden«, so der Mediengestalter, der 2011 den Schritt in die Selbstständigkeit wagte.

Mit dem Umfang entwickelte sich auch seine zeichnerische Handschrift weiter. Seine Comics aus der Anfangszeit überarbeitete er später digital. Inzwischen zeichnet er die Konturen mit einem schwarzen Fineliner vor und führt die Nachkolorierung am Computer durch.

Die komplette Sammlung umfasst 92 Kapitel aus dem Alten und 64 Kapitel aus dem Neuen Testament. Bei den ausgewählten Geschichten handelt es sich um vereinfachte Darstellungen biblischer Ereignisse. »Mir ist es wichtig, in einer zeitgemäßen, verständlichen Sprache zu schreiben und witzige Begebenheiten einzubauen, denn meiner Meinung nach sollte ein Comic auch hin und wieder mal lustig sein«, begründet Simeon Wetzel seine individuelle Interpretation der Bibel.

So werden Kamele zu Autos, die Menschen leben in modernen Häusern und bedienen sich der modernen Medien. Die Jünger tragen Jeans und die Wachmänner Tarnanzüge. Und Maria und Josef suchen keine Herberge, sondern eine Pension.

Um möglichst vielen Menschen seine Bibelcomics zugänglich zu machen, können diese kostenlos im Internet heruntergeladen werden. Neben den PDF-Dateien gibt es die einzelnen Kapitel als Power-Point-Präsentation und als Videohörbuch. Wer lieber ein richtiges Buch zur Hand nehmen möchte, kann den gesamten Comic in zwei Bänden erwerben.

Ilka Jost

www.jesuscomic.de

»Jesus wäre Schlagzeile gewesen«

18. April 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: BILD-Journalist Daniel Böcking erzählt, warum er seinen Glauben öffentlich gemacht hat

Vor einem Jahr erregte er Aufsehen: Daniel Böcking, stellvertretender Chefredakteur von »Bild.de«, bekannte sich in einem Beitrag öffentlich zu seinem christlichen Glauben. Anlässlich seines Auftritts in der Reihe der »Weimarer Bibellesungen« sprach Harald Krille darüber mit dem Vollblutjournalisten.

Herr Böcking, Ihre Weimarer Bibel-Lesung stand unter dem Motto »Der beste Schritt meines Lebens«. Was war denn der beste Schritt in Ihrem bisherigen Leben?
Böcking:
Mein bester Schritt war, zu erkennen, dass es »ein bisschen« Glauben nicht geben kann. Und dass ich als jemand, der, solange er denken kann, schon an Gott glaubt, dann vor einiger Zeit gesagt habe, dass dieser Gott auch Zentrum meines Lebens sein soll. Und dass ich es zu meiner ersten Aufgabe machen möchte, Jesus nachzufolgen.

Daniel Böcking ist stellvertretender Chefredakteur bei »Bild.de«. Der 39-Jährige lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Berlin. Foto: Harald Krille

Daniel Böcking ist stellvertretender Chefredakteur bei »Bild.de«. Der 39-Jährige lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Berlin. Foto: Harald Krille

Viele sehen den Glauben als etwas Privates. Vor einem Jahr schlug Ihr öffentliches Bekenntnis in »Bild« hohe Wellen. Was hat Sie dazu gebracht?
Böcking:
Ich glaube, es war der liebe Gott, der mich dazu gebracht hat. Rein szenisch muss man es sich so vorstellen, dass wir, meine Frau und ich, auf dem Sofa saßen und Fernsehen schauten. Es war eine Nachrichtensendung, in der wieder von einer Hinrichtung durch ISIS berichtet wurde. Und dann ist mir tatsächlich der Kragen geplatzt und ich habe mir gesagt: Es kann doch nicht sein, dass wir als Christen stummer und stummer werden, je mehr dort gemordet wird – angeblich im Namen eines Gottes. Für mich steht das Christentum für Barmherzigkeit, für Nächstenliebe, für Hilfsbereitschaft und Unterstützung. Zudem rollte damals die Flüchtlingswelle gerade so richtig an. Das war für mich das Signal zu sagen: Ich darf nicht länger den Mund halten, mein Glaube verpflichtet mich, jetzt aktiv zu werden. Und das war genau der Punkt, wo ich sagte, jetzt fängst du mal an, darüber zu schreiben.

Wie waren die Reaktionen darauf?
Böcking:
Da gab es natürlich zuerst einmal Kollegen, die irritiert waren, und andere, von denen ich es auch nicht geahnt hatte, sagten mir, dass sie genauso denken. Aber besonders beeindruckend war, dass im Laufe der Tage und Wochen danach immer mehr Reaktionen von Lesern kamen. Ganz oft mit so netten Sätzen wie: »Das hat mir Mut gemacht« oder »Schön, dass das mal einer aufschreibt«. Also hätten Sie mich vorher gefragt, hätte ich gesagt, dass mir da wohl einiges um die Ohren fliegen wird, aber ich bereit sei, das auszuhalten. Doch im Nachhinein hat wirklich das Positive massiv überwogen.

Gab es auch negative Kritik?
Böcking:
Die gab es natürlich auch. Auch eine Menge ganz unsachlicher Kritik, die nicht nur gegen meine Person, sondern generell gegen »Bild« ging. Aber wie gesagt, unterm Strich haben die positiven Reaktionen deutlich überwogen.

Ich kann mir vorstellen, dass es auch für manche Christen verwunderlich war, wenn der stellvertretende Chefredakteur von »Bild.de« sich plötzlich als Christ outet.
Böcking:
Ich glaube, dass jeder, den es überrascht hat, dass das Christentum auch in und für »Bild« eine Rolle spielt, ganz offensichtlich kein »Bild«-Leser ist, sonst hätte er schon mal an irgendeiner Stelle mitbekommen, dass wir unter anderem die Volksbibel gemacht haben und dass immer wieder prominente Christen bei uns feste Kolumnen haben. Der christliche Glaube ist bei »Bild« in keiner Weise Tabu. Eine Frage wurde mir allerdings oft gestellt: »Wie kannst du als Christ bei ›Bild‹ arbeiten?« Meine erste Gegenfrage lautete meist: Wieso nicht? Ich habe nie ein Problem darin gesehen, im Gegenteil. Bei »Bild« habe ich die Möglichkeit, mit ganz vielen Menschen unmittelbar in Kontakt zu treten. Ich hab eine Stimme. Wie wunderschön ist es, dort zu arbeiten und einen Chef zu haben, der einfach sagt, okay, mach doch, wenn ich sage, ich möchte jetzt mal über das Christentum schreiben.

Die wohl unvermeidliche Frage: Hätte Jesus Christus auch »Bild« gelesen?
Böcking:
Ich weiß nicht, was Jesus Christus gelesen hätte oder was er gelesen hat. Damals war die Presselandschaft ja noch nicht so ausgeprägt … Aber ich bin sicher, »Bild« hätte über Jesus Christus geschrieben; er wäre Schlagzeile gewesen. Und ich glaube, Jesus Christus hätte sich darüber gefreut, dass sein Wort so viele Menschen erreicht. Dass es nicht nur in elitären Hinterstübchen zelebriert wird, sondern tatsächlich über den Boulevard viele Menschen erreicht.

Viele sehen Glaube und Religion kritisch, weil er zu Fanatismus und Ex­tremismus führe, siehe »ISIS«.
Böcking:
Ich glaube, dass Christentum nur etwas Positives sein kann: radikal warmherzig, radikal nächstenliebend, radikal hilfsbereit. Mit solcher Radikalität kann ich gut leben. Das war auch für mich tatsächlich eine Entdeckung, weil ich selber 35 Jahre lang das Gefühl hatte, die Bibel ist etwas Abschreckendes. Und wenn ich mit dem Alten Testament anfange, dann wird es tatsächlich auch schon mal schwierig. Insofern war ich sehr dankbar für den Tipp eines Freundes, der sagte, fang mal mit dem Neuen Testament an. Und da las ich dann Sachen, und ich dachte, Manometer, das sind doch wunderbare Botschaften, wunderbare Aufträge von Jesus. Das kann doch nicht schädlich für die Gesellschaft sein. Im Gegenteil.

Sie sprachen davon, dass Ihr öffentliches Bekenntnis auch durch den Beginn der sogenannten Flüchtlingskrise ausgelöst wurde. Welche Herausforderungen sehen Sie heute in dieser Krise?
Böcking:
Für mich ganz privat und persönlich hat diese Krise banal die Botschaft: Da gibt es Leute, denen geht es sehr viel schlechter als mir. Und ich habe die Möglichkeit zu helfen, also helfe ich. Genau das ist es, was ich gerade als Auftrag, auch als eine Verpflichtung sehe. Dazu gehört auch ganz klar die Abgrenzung zu dieser Angstmacherei, die von einigen betrieben wird. Ich glaube, jetzt gerade ist eine wichtige Zeit, in der man sein Christsein aktiv leben kann, indem man es auch zeigt.

Verraten Sie uns zum Abschluss noch Ihre liebste Bibelstelle?
Böcking:
Matthäus 6, Vers 33: »Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.« Das setzt mir eine klare Priorität für mein Leben. Deshalb ist dieser Vers sehr präsent in meinem Alltag und spielt bei vielen Entscheidungen eine Rolle.

Er wusch seine Hände in Unschuld

9. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Klassiker der Bibel: Wer war Pilatus? Philosoph, Feigling, Judenhasser?

Jesus vor Pilatus. In etwa sechs Stunden wird er sterben. Pilatus will wissen, was das für ein Mensch ist: »So bist du dennoch ein König?« Und Jesus sagt: »Ja. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeugen soll.« – Wahrheit? »Was ist Wahrheit?«, fragt Pilatus. Damit endet das Gespräch. So der Evangelist Johannes. Bei ihm ist Pilatus ein Denker. Skeptiker. Fast ein Philosoph. Er will Jesus nicht verurteilen. Er verhört ihn. Aber es ist kaum ein Verhör. Fast ein Disput unter Denkern. Am Ende bleibt die Frage nach der Wahrheit offen. Und Jesus stirbt daran.

Das byzantinische Fresko aus dem 14. Jahrhundert zeigt Christus vor Pilatus, der sich die Hände wäscht. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Das byzantinische Fresko aus dem 14. Jahrhundert zeigt Christus vor Pilatus, der sich die Hände wäscht. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Was ist Wahrheit?

Matthäus, Markus und Lukas erzählen es anders. Da gibt es keinen Disput. Nur die Frage: »Bist du der König der Juden?« Und Jesus darauf: »Du sagst es.« Ansonsten schweigt er.

Was ist Wahrheit?

Matthäus erzählt noch eine besondere Geschichte: Die Frau des Pilatus setzt sich für Jesus ein: »Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten, ich habe heute seinetwegen im Traum viel erlitten«. Darauf wäscht Pilatus die Hände vor dem Volk: »Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten.« Ich war es nicht – es waren die anderen … die Umstände … die Sachzwänge. Lieber die Hände in Unschuld waschen als Verantwortung übernehmen?

Was ist Wahrheit?

In einem sind sich alle vier Evangelisten einig: Pilatus wollte den Tod Jesu nicht. Und so steht er in einem merkwürdig positiven Licht. War er wirklich so? Philosoph bei Johannes, Feigling bei Matthäus, eingeknickt vor dem Druck der Straße – in jedem Falle Jesus wohlgesonnen?

Es gibt andere Quellen. Flavius Josephus, der jüdische Historiker, beschreibt Pilatus als einen ausgesprochen skrupellosen Machtpolitiker. Und als Judenhasser. Er ließ keine Gelegenheit aus, das jüdische Volk zu demütigen und zu provozieren. Und er war grausam. Trotzdem – oder gerade deshalb – konnte er sich in der Unruheprovinz Judäa erstaunlich lange an der Macht halten: Von 26 bis 36 nach Christus. Erst ein Massaker an samaritischen Gläubigen wurde ihm zum Verhängnis. Der Legende nach wurde er dafür vom Kaiser nach Gallien verbannt.

Warum erzählen die Evangelisten so positiv? Wollten sie Pilatus entlasten und dafür den Juden eine größere Schuld am Tod Jesu geben? Oder wollten sie »römerfreundlich« schreiben, damit die christlichen Gemeinden weniger Probleme mit der Staatsmacht haben? Auch Evangelisten sind schließlich nur Menschen mit ihrenInteressen.

Was ist Wahrheit?

Jesus am Kreuz. Über seinem Kopf die Tafel: »Jesus von Nazareth, König der Juden«. Das hat Pilatus schreiben lassen. So war es üblich. Man gab dem Gekreuzigten ein Etikett: »Aufrührer. Räuber.« – Und eben: »König der Juden«. Pilatus wollte Jesus mit dieser Aufschrift ganz sicher nicht ehren. Er wollte das jüdische Volk verhöhnen – da, bitteschön, ich kreuzige euren König. Pilatus höhnt und spottet. Doch ohne es zu wollen, sagt er genau so die Wahrheit. Jesus ist König. Nicht nur der König der Juden. Der König, der die Wahrheit bezeugt. »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.«

Jeden Sonntag nennen Christinnen und Christen auf der ganzen Welt den Namen des Pilatus. Im Glaubensbekenntnis. Man sagt, das ist wichtig, denn damit wird deutlich: Jesus ist eine reale Person der Weltgeschichte. Das stimmt auch. Aber noch wichtiger ist: Ungewollt hat Pilatus die Wahrheit gesagt. Sie lässt sich nicht verhindern. Und jedes Mal, wenn Christen ihren Glauben bekennen, bekennen sie auch: Die Wahrheit setzt sich durch.

Michael Greßler

Der Autor ist Pfarrer in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland.

Juristen unter dem Druck der Öffentlichkeit

7. März 2016 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Im Blickpunkt

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Staatsanwalt Jens Wörmann kann sich in die Situation des Pilatus hineinversetzen

Jens Wörmann ist Staatsanwalt im Geraer Justizzentrum. Auf seinem Schreibtisch landen die von der Polizei aufgenommenen oder die bei der Staatsanwaltschaft angezeigten Straftaten. Als Staatsanwalt sammelt Wörmann die Vorgänge, prüft, ob ein Tatverdacht vorliegt, ob dem Beschuldigten die Tat nachgewiesen werden kann, und er entscheidet, ob Anklage erhoben wird oder nicht. Wenn ja, obliegt es dem Staatsanwalt, Anklage zu erheben. Ein Urteil fällt er nicht. Die Anklage geht zum Gericht, wo ein Richter die Entscheidung trifft. Wörmann sieht sich in einer anderen Rolle als Pilatus, der nach heutigem Rechtsverständnis eher mit einem Richter als mit einem Staatsanwalt zu vergleichen sei. »Als Präfekt hatte er die Kompetenzen zur Verurteilung, Bestrafung und Vollstreckung«, so Wörmann. Im Unterschied zu einem Richter beschränke sich seine Autorität auf die Anklage. Immerhin könne er mit dieser Einfluss auf einen Prozess nehmen.

Jens Wörmann in seinem Arbeitszimmer im Geraer Justizzentrum. Foto: Sabine Kuschel

Jens Wörmann in seinem Arbeitszimmer im Geraer Justizzentrum. Foto: Sabine Kuschel

Nun hat Wörmann es nicht mit so unbescholtenen Typen zu tun, wie Jesus es war. Zwar beschäftigt sich der Staatsanwalt im Alltag häufig mit leichteren Delikten wie Ladendiebstahl, Beleidigung und Schwarzfahrten. Doch ebenso fallen Mord und Totschlag, Wirtschaftskriminalität und organisierte Kriminalität in sein Ressort.

Die biblische Szene mit Jesus und Pilatus ins Heute übertragen – eine Horrorvorstellung! Ein Unschuldiger wird vor den Kadi gezerrt und verurteilt? »Ausgeschlossen sind Fehlurteile auch heute nicht.« Allerdings schätzt Wörmann das Risiko gering ein. Es sei selten, dass ein einzelner Richter ein Urteil fällt, wie Pilatus das tat. Bei großen Verfahren seien mehrere Richter beteiligt. Niemand könne in erster Instanz letztgültig verurteilt werden. Bestünden Zweifel an dem richterlichen Spruch, könnten Rechtsmittel eingelegt werden. Und wenn über mehrere Instanzen geklagt wird, seien so viele Richter und Staatsanwälte mit dem Fall beschäftigt, dass ein Fehlurteil schwer vorstellbar sei, so der Jurist.

Jedenfalls kann sich Wörmann in die Situation des römischen Präfekten hineinversetzen. Es sei ein Unterschied, ob außer den Beteiligten niemand Interesse an einem Fall hat oder ob Journalisten und Politiker daran Anteil nehmen. Die große Erwartungshaltung der Öffentlichkeit könne einen Richter und Staatsanwalt beeinflussen. In dieser Situation war Pilatus. Er sah sich als einzelner Richter einer aufgeheizten Menschenmenge gegenüber, die ihm vorgab, wie er über Jesus zu urteilen hatte.

Im Gegensatz zu Pilatus, der Jesus von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, wird Wörmann mit den Straftaten auf dem Papier konfrontiert. Der Staatsanwalt liest in den Akten die Personalien, die meist von der Polizei formulierte Aussage des Täters, Zeugenaussagen. »Das ist neutral, objektiv, verschafft Abstand. Bei schriftlichen Aussagen fehlt aber auch das Gespür dafür, ob jemand lügt.«

Pilatus konnte sich von Jesus einen persönlichen Eindruck verschaffen. Er habe keinen juristischen Grund gefunden, um Jesus hinrichten zu lassen, so Wörmann. Dass er Jesus gegen seine innere Überzeugung verurteilte, dafür spreche die Geste des Händewaschens. Pilatus traf seine Entscheidung unter dem Druck der Menschenmasse. Die Macht der Mehrheit!

Sabine Kuschel

»Jesus, der Hirsebrei des Lebens«

16. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Wie die Bibel in fremde Sprachen übertragen wird

Die christliche Organisation Wycliff setzt sich dafür ein, dass Menschen, deren Sprache noch nicht verschriftlicht ist, die Bibel kennenlernen. Silke Sauer, Pressereferentin bei Wycliff, war 13 Jahre im Tschad. Über ihre Erfahrungen, die Bibel in fremde Sprachen zu übersetzen, sprach mit ihr Sabine Kuschel.

Frau Sauer, seit dem gescheiterten Turmbau zu Babel gibt es keine einheitliche Sprache mehr. Wer Menschen in fremden Ländern Gottes Wort sagen will, muss es in der entsprechenden Sprache tun. Wie geht das in Regionen, in denen es keine Schriftsprache gibt?

Silke Sauer. Foto: privat

Silke Sauer. Foto: privat

Sauer: Wir arbeiten eng mit einheimischen Mitarbeitern zusammen, bilden sie zu Übersetzern aus und übersetzen dann gemeinsam mit ihnen. Die einheimischen Mitarbeiter bringen die Sprachkenntnis und die Kenntnis ihrer Kultur ein. Sie können beurteilen, wie die Bibelverse von ihren Landsleuten verstanden, vielleicht auch missverstanden werden. Wir bringen unser Wissen über Übersetzungswissenschaft, über Theologie, auch die Kenntnis der Ursprachen Griechisch und Hebräisch ein.

Oft stehen wir vor Herausforderungen, weil viele biblische Begriffe in bestimmten Regionen unbekannt sind.

Zum Beispiel?
Sauer:
Brot – ein zentraler Begriff in der Bibel. In manchen Gegenden essen die Menschen nicht täglich Brot. Die reichen Leute essen es manchmal in der Stadt. Wenn Brot ein Luxusartikel ist, wird die Aussage Jesu »Ich bin das Brot der Welt« von vornherein falsch verstanden.

Wie übersetzen Sie stattdessen?
Sauer:
Wir würden wahrscheinlich das Wort Brot durch das dortige Grundnahrungsmittel ersetzen, das ist Hirse. Also in dem Fall würde Jesus sagen: Ich bin der Hirsebrei des Lebens. Das entspricht der Grundaussage des biblischen Textes. Allerdings, wenn Jesus beim Abendmahl das Brot bricht, kann ich nicht sagen, Jesus hat den Hirsebrei auseinandergenommen. Bei diesem historischen Ereignis muss ich natürlich Brot schreiben. Bei Alltagsbegriffen, die in anderen Kulturen unbekannt sind, muss man überlegen, wie man sie übersetzt. Ein anderes noch schwierigeres Problem sind abstrakte Begriffe wie Barmherzigkeit, Opfer, für die es keine Begriffe gibt. Oder wenn es einen Begriff gibt, muss man schauen, wie er gefüllt ist. Was verstehen die Leute unter Barmherzigkeit, unter Liebe oder Gnade? Ist es das, was auch die Bibel darunter versteht? Manche dieser Worte werden nicht mit einem einzelnen Wort ausgedrückt, sondern mit einem ganzen Satz. Die einheimischen Übersetzer müssen überlegen, welche Situationen gibt es in unserem Alltag beispielsweise für Hoffnung, und wie sagen wir das. Denn ganz selten haben sie für bestimmte Begriffe eine Übersetzung parat. Das ist mühsam, bevor sie dafür Sätze, bildliche Umschreibungen gefunden haben. Sie müssen erst einmal dahinterkommen, wonach sie suchen müssen.

Wie kommt die Bibel in den Ländern, in denen Wycliff aktiv ist, an?
Sauer:
Bei den San Gula, wo wir gearbeitet haben, waren die Menschen nominell Muslime. Es waren keine streng gläubigen Muslime, aber manche biblischen Geschichten oder Personen kannten sie aus dem Koran, wie zum Beispiel den Josef, den David und den Abraham. Sie fanden es spannend, die biblischen Geschichten zu hören, weil diese im Koran nicht wirklich erzählt, sondern nur erwähnt werden.

Parallel zur Bibelübersetzung haben wir biblische Geschichtenerzähler ausgebildet und mit ihnen sehr gute Erfahrungen gemacht. Geschichten erzählen gehört zu deren Kultur. Zunächst haben wir Einheimischen verschiedener Sprachgruppen ausgewählte biblische Geschichten erzählt. Sie haben diese dann mündlich in ihre eigenen Sprachen übersetzt, auswendig gelernt und in ihren Dörfern wieder erzählt. Das war der absolute Renner. Dabei haben die Übersetzer zum ersten Mal erlebt, dass Menschen zum Glauben gekommen sind. Weil sie diesen erzählten Geschichten mehr Glauben geschenkt haben als den geschriebenen Texten. Bis dahin, dass Muslime zu uns gekommen sind und gesagt haben, sie wollten auch biblische Geschichtenerzähler werden.

Wycliff
Die christliche Organisation Wycliff ist international tätig. Sie setzt sich dafür ein, dass Menschen aus unbeachteten Volksgruppen eine geeignete Schrift für ihre Sprache entwickeln können, eine theologisch und sprachwissenschaftlich fundierte Bibelübersetzung bekommen und Schulunterricht in der Mutter-sprache erteilt wird. Viele der 150 Mitarbeiter sind in afrikanischen Ländern, vor allem im Tschad, in Tansania und Äthiopien, tätig. Daneben arbeitet die Organisation auch in Asien und im pazifischen Raum. Nach eigenen Angaben gibt es noch 1 778 Sprachen, in die die Bibel noch nicht übersetzt ist. Die Organisation ist auch in Ländern aktiv, in denen die Religionsfreiheit eingeschränkt ist.

Es gibt sie doch – die Fastnacht in der evangelischen Kirche!

8. Februar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Merkwürdige Ereignisse: Die Enthüllungsredaktion auf Spurensuche im Landeskirchenamt

Haben Sie, liebe Leserin, lieber Leser, schon einmal etwas von einem kirchlichen Aschermittwoch oder generell von Fastnacht in der Kirche gehört? Nein? Woran mag das wohl liegen?! Vielleicht an der Tatsache, dass das Feiern der Fastnacht unter Steinigung in der evangelischen Kirche verboten ist? Durch das Fröhnen der Sünde während der fünften Jahreszeit geht die protestantische Arbeitsethik den Bach herunter. Unsere Vorstellungen von Fastnacht sind jedoch geprägt von Unproduktivität in Verbindung mit Alkohol und exzessiven Feiern, die dadurch gekrönt werden, dass sich Pfarrer sogar als der Teufel persönlich maskieren. Dies war auch die Meinung des großen Reformators Martin Luther höchst persönlich. »Verlacht den Feind und sucht Euch jemand, mit dem Ihr plaudern könnt […] oder trinkt mehr, oder scherzt, treibt Kurzweil oder sonst etwas Heiteres. Man muss bisweilen mehr trinken, spielen, Kurzweil treiben und dabei sogar irgendeine Sünde riskieren […]«, teilte Martin Luther unserer Redaktion in einem früheren Exklusivinterview mit.

Doch warum widerspricht die Kirche heute so vehement ihrem einstigen Gründervater? Wie kam es zu dem plötzlichen Sinneswandel, der bereits kurz nach seinem Tod einsetzte? Und ist Martin Luther wirklich tot? Ihre Enthüllungsredaktion ist im Landeskirchenamt auf Spurensuche gegangen. Was uns dort begegnete, ließ unseren Glauben in seinen Grundfesten erschüttern: Während des Besuches unserer vertraulichen Quelle am 11. 11. 2015 wurden wir gegen 11.10 Uhr zum Aufbruch gedrängt. Vor der Glasfassade des Amtes stehend, schlug die Turmuhr 11.11 Uhr. Im Inneren des Gebäudes wurde es unruhig und Mitarbeiter eilten von Büro zu Büro. Bunte Girlanden wurden aufgehangen, Pfannkuchen verteilt und plötzlich traten kostümierte Gestalten auf die Flure. Das ganze Amt – ein Haufen voller Narren. Bis heute meinen wir, es wäre Landesbischöfin Junkermann selbst gewesen, die als Papst verkleidet einen gigantischen Umzug anführte.

»Glaube + Einfalt« inkognito mit dem Original. Foto: Anonymus

»Glaube + Einfalt« inkognito mit dem Original. Foto: Anonymus

Auf verstärkte Nachfragen unserer Redaktion zu diesen merkwürdigen Ereignissen, erfolgte bis heute bedauerlicherweise keine Antwort. So bleibt uns nur übrig, Vermutungen anzustellen. Unsere schlüssigste Theorie lautet daher wie folgt: Es liegt ein klarer Fall von Wasser predigen und Wein trinken vor. Denn die Amtskirche sah – und sieht bis heute – in der Fastnachtsfeier eine Gefahr für den Otto-Normal-Gläubigen, der sich dem Suff und der Völlerei hingibt und anschließend nicht angemessen fastet. Im Landeskirchenamt muss sich jedoch der Versuchung hingegeben werden, um der bevorstehenden Passionszeit einen angemessenen Respekt zu zollen und die Unfehlbarkeit des Amts zu wahren. Dies kann jedoch einzig unter der allmächtigen theologischen Anleitung der Bischöfin geschehen, um die Sünden der Kirchenbeamten nicht auf Fegefeuerjahre anzurechnen.

Doch, um noch einmal Luther zu zitieren: »Eine Fastnachtsfeier gilt erst als gelungen, wenn Bierkrüge durch die Wirtshäuser fliegen und auf den Köpfen der Gäste des Nebentisches zerspringen.«

Nach den Ereignissen, die wir im Landeskirchenamt verfolgt haben, stellten wir uns die Frage, ob wir diese Erkenntnisse veröffentlichen können. Schließlich sind dies intime Details aus der Amtskirche. Außerdem fragen wir uns, was dies für das Feiern der Fastnacht in der evangelischen Kirche bedeutet und überlegten so in unserer Redaktion, wie wir mit dem Brauch der Fastnachtsfeier umgehen sollen und was wir Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, mit auf den Weg geben können. Folgenden Entschluss haben wir gefasst: Was das Landeskirchenamt kann, das können wir schon lange! Also veranstalteten wir in unserer Redaktion eine Fastnachtsfeier, ganz im Sinne des Reformators und feierten ausgelassen und feuchtfröhlich. Denn warum veranstaltet die Evangelischen Kirche eine Aktion namens »7 Wochen ohne …«? Warum sollten wir überhaupt fasten, wenn wir nicht wenigstens ausgiebig vorher gefeiert haben? Gewiss nicht, weil mit dem Aschermittwoch die Passionszeit beginnt.

Denn Jesus hat vor seinem Tod nicht gefastet. Also feiern Sie ausgiebig, außerhalb des Gottesdienstes darf auch mal gelacht werden und viel Spaß beim Verkleiden! In diesem Sinne: Ein dreifach gedonnertes HELAU! Bleiben Sie fromm.

Ihre Fastnachtsredaktion in Zusammenarbeit mit Ihrer Enthüllungsredaktion.

Dem Ideal ganz nahe

22. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Auf dem Cranachaltar ist der Deuter Johannes Christus ähnlich

Johannes steht gleich neben dem Gekreuzigten. Er ist ihm der Nächste. Seine Beine sind nackt, seine Füße stehen direkt im Gras. Sein Untergewand ist aus groben Kamelhaaren. Wie grob sein Unterhemd ist, sehen wir im Vergleich mit dem feinen Pelz des reichen Malers Cranach neben ihm. Über dieser Wüstenkleidung aber liegt ein rotes Tuch. Diese Bekleidung teilt er mit dem Auferstandenen. Und auch die Physiognomie ähnelt stark den Gesichtszügen und der Barttracht Christi. Seine Kopfhaltung und Blickrichtung gleicht dem Gekreuzigten.

Johannes ist eine Nebenfigur. Aber er ist auch der Mensch, der Christus gleicht. Sein rotes Gewand teilt er mit dem Auferstandenen, auch wenn es keine Goldkante hat. Und sein Gesicht ist wie eine Spiegelung des Auferstandenen. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Johannes ist eine Nebenfigur. Aber er ist auch der Mensch, der Christus gleicht. Sein rotes Gewand teilt er mit dem Auferstandenen, auch wenn es keine Goldkante hat. Und sein Gesicht ist wie eine Spiegelung des Auferstandenen. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Johannes versteht viel von Jesus. Er hat ihn einst erkannt, als er noch im Leib seiner Mutter war. Das Kind hüpfte, als sich Maria mit dem kleinen Jesus im Bauch nahte. Später wiederholte sich die Szene. Beide waren erwachsen geworden. Johannes taufte die Bußwilligen am Jordan. Jesus kam zu ihm. Da erkannte ihn Johannes und rief aus: »Da ist das Lamm Gottes!«

Johannes starb, bevor Jesus starb. Deswegen ist dieser Johannes unter dem Kreuz genauso wenig eine historisch korrekte Darstellung wie der Maler Cranach oder Martin Luther, die neben ihm stehen. Aber Johannes steht hier, um den theologischen Sinn des Kreuzestodes auszusprechen oder besser, zu zeigen.

Die erhobene Hand mit einem herausgestreckten Zeigefinger weist auf das Kreuz; die andere Hand zeigt mit zwei ausgestreckten Zeigefingern auf das Lamm. Das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt trägt. So steht es auch auf der transparenten Fahne, die das Lamm zierlich in seiner Beuge hält, nur eben in Latein: »Ecce agnus dei, qui tollit peccata mundi.« Johannes ist der Deuter, der den Heiland persönlich gekannt hat und der als privilegierter Zeuge die Tiefendimension des Geschehens am Kreuz versteht.

Er erkennt in Jesus den Gottesknecht aus dem Buch des Propheten Jesaja. Da heißt es: »Er trug unsere Krankheit, und um unserer Sünden willen wurde er geschlagen.« Und dort wird über ihn, den erwarteten Messias gesagt: »Wie ein Lamm auf der Schlachtbank tat er seinen Mund nicht auf.«

Auf anderen Altären stehen an dieser Stelle rechts neben dem Kreuz Maria und Johannes. Die Mutter und der liebste Jünger. Am nächsten stehen ihm also gewöhnlich Verwandte und Freunde. Dadurch wird betont: Alle sind gegangen, nur die engsten Angehörigen sind geblieben. Hier bei Cranach stehen drei Männer unter dem Kreuz. Der Deuter Johannes, der Maler selbst und Luther. Sie standen nicht unter dem historischen Kreuz. Sie haben eine Botschaft für uns Betrachter. Sie zeigen, wie man sich mit Jesus verbinden kann. Der erste ist der Augenzeuge, Johannes. Der zweite ist der Mensch, der das Geschehen aus der Schrift erkennt und auf die richtigen Stellen der Bibel zeigt, Luther. Und dann der dritte, der getroffen wird und uns ansieht, Cranach. Wie im biblischen Leben ist Johannes der Vorläufer. Er tut etwas Wichtiges, verzichtet aber auf die Lorbeeren. Seine Jünger laufen zu Jesus über. Unter dem Kreuz ist er ein Diener. Neben ihm endet der Blutstrahl der Gnade auf dem Haupt eines Zeitgenossen. Dieser macht eine direkte Gotteserfahrung, er wird direkt berührt, während Johannes und Luther mit Zeigegesten beschäftigt sind. Cranachs Hände ruhen im Gebet. Er atmet die Ruhe der Erlösung.

Johannes ist eine Nebenfigur. Aber er ist auch der Mensch, der Christus gleicht. Sein rotes Gewand teilt er mit dem Auferstandenen, auch wenn es keine Goldkante hat. Und sein Gesicht ist wie eine Spiegelung des Auferstandenen. Ein altes Ideal hat er erreicht: Christus ähnlich werden.

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht der Autor den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Folterinstrument oder Lebensbaum?

17. August 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Ein Zweiglein fordert eine Entscheidung

Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. (Jesaja 11, 1)

Dies ist eine Weissagung aus dem Buch des Propheten Jesaja. Sie kündet den neuen Daviden an, den Friedenskönig, den Mann, auf dem der Geist des Verstandes und der Weisheit ruhen wird und der mit dem Stabe seines Mundes – also mit Worten – den Gottlosen schlagen wird.

Isai ist der Vater Davids. Der Stumpf Isais ist die Königsdynastie Davids, die zur Zeit des Jesaja abgehauen ist, nicht mehr existiert. Ein Reis wird aus dem Stumpf hervorgehen. Das spielt auf die Fähigkeit mancher Bäume an, aus dem Stumpf neue Triebe hervorzubringen. Eine Weide oder einer Linde können sich auf diese Weise erneuern. Die meisten anderen Bäume bilden lediglich Stocktriebe. Die sehen aus wie Reisig, und daraus wird kein neuer Baum, sondern nur eine Art Busch, was man über die Nachfolger großer Dynastien öfter sagen kann.

Direkt über dem Rücken des Lammes wächst nach links das Zweiglein. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar/Constantin Beyer

Direkt über dem Rücken des Lammes wächst nach links das Zweiglein. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar/Constantin Beyer

Für die Christen ist Jesus Christus das Reis Isais, der neue Friedenskönig, der nicht mit Gewalt, sondern mit Weisheit und der Kraft seines Wortes regiert. Der Weimarer Cranachaltar spielt mit einem kleinen Detail auf diese messianische Weissagung an. Das Kreuz, an dem der tote Jesus hängt, ist kein säuberlich geputztes Zimmermannskreuz, kein Balkenkreuz, sondern ein Baum. Die Rinde ist nicht abgeschält. Nur dort, wo Jesus hängt und wo die Balken aufeinandergefügt werden mussten, ist das Holz glatt geschnitten.

Cranach hat sein Signet, die geflügelte Schlange auf diese glatte Holzfläche gezeichnet, gleich unterhalb der Füße Jesu, gleichsam auf die Wunde des Holzes. Weiter unten, wo die Rinde den Stamm glatt umschließt, ist tatsächlich ein Trieb zu sehen, zwischen dem Lamm und seiner transparenten Siegesfahne schlägt der Stamm aus, lugt ein kleiner Trieb hervor. Ganz dezent setzt Cranach dieses Zweiglein. Er ist verwechselbar mit einem beim Säubern des Stammes übersehenen kleinen Ast. Wer es wahrnimmt, kann verstehen: Das Kreuz ist ein Lebensbaum. Es gibt andere Bilder, die das Kreuz als Lebensbaum zeigen wollen, bei denen der Querbalken des Kreuzes bereits dicke Knospen getrieben hat.

Das Kreuz in der Mitte ist entweder ein schlecht geputzter Baum oder ein Kreuz, das sich an seinen Baumcharakter zurückerinnert, das einen neuen Trieb hervorbringt. Hier ist eine Entscheidung erforderlich. Eben dieselbe Entscheidung, zu der der Altar auch in seinen anderen Stücken auffordert. Der Maler Lukas Cranach hat eben zum Kreuz emporgeblickt und wurde erlöst, wie die Kinder Israels in der Wüste bei den Zelten, die zur Schlange aufgesehen haben. Seine Füße stehen noch im Gestus des Schrittes, aber er wendet uns den Kopf zu und blickt uns an.

Wie wollt ihr es halten mit dem Emporblicken zum Kreuz? Ist es ein Folterinstrument oder ist es ein Lebensbaum?

Das kleine Reis, das aus dem Stamm des Kreuzes hervorgeht, stellt dieselbe Frage. In prägnanter Nähe zum Deutungstier Lamm – auch eine Anspielung auf ein Wort aus dem Jesajabuch – macht es den Balken zum Lebensbaum. Ein Zweiglein, das übrig bleibt, ein Zweiglein, das ausschlägt, oder um es mit einem Adventslied zu sagen: ein Zweiglein der Glückseligkeit.

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht Dr. Frank Hiddemann den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Ja, so soll es geschehen

21. Juli 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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»Amen« – Abschluss des Glaubenskurses zum Vaterunser

Das Vaterunser endet mit dem kleinen Wörtchen »Amen«. Es kommt aus der hebräischen Sprache und bedeutet soviel wie: »Es steht fest und es gilt«, oder: »Das ist gewiss und wahr«. Im Alten Testament kommt es 25 mal vor und wird dort bei feierlichen Gelegenheiten gebraucht, bei denen der Sprechende mit seinem »Amen« Worte von anderen bestätigt.

Im Neuen Testament begegnet das kleine Wörtchen »Amen« 126 mal, lautgerecht in die griechische Sprache übertragen. Luther hat es im Deutschen ebenfalls unübersetzt wiedergegeben. In den Evangelien begegnet uns »Amen« nur im Munde Jesu, meist in der Wendung: »Amen, ich sage euch(dir) …«. Er hat das hebräische »Amen« gebraucht, um seine aramäisch gesprochenen Worte zu bekräftigen. Sie sind Ausdruck seiner Hoheit und göttlichen Vollmacht.

Mit ausgebreiteten, erhobenen Armen beten – in evangelischen Gottesdiensten eher eine seltene Geste, in freikirchlichen Gemeinden hingegen üblicher. Foto: epd-bild

Mit ausgebreiteten, erhobenen Armen beten – in evangelischen Gottesdiensten eher eine seltene Geste, in freikirchlichen Gemeinden hingegen üblicher. Foto: epd-bild

In der Offenbarung des Johannes (3,14) bezeichnet sich Jesus als der, der »Amen« heißt, als der treue und wahrhaftige Zeuge. In den übrigen Schriften des Neuen Testamentes erscheint »Amen« als bekräftigender und bestätigender Abschluss von Gebeten und Lobsprüchen durch die versammelte Gemeinde. Es hatte damals und es hat noch heute seinen festen Platz im Gottesdienst. Das trifft auch auf das Vaterunser mit dem abschließenden »Amen« zu.

Als Jesus seine Jünger das Vaterunser lehrte (Matthäus 6,9-13/Lukas 11,2-4), hat er diesen Lobpreis mit Amen wahrscheinlich nicht gesprochen. In den ältesten griechischen Handschriften des Neuen Testamentes fehlt beides. Es ist wohl erst durch den liturgischen Gebrauch des Vaterunsers zunächst im Gottesdienst der christlichen Gemeinde dazugekommen und von dort in den Bibeltext.

In unseren Gottesdiensten ist das »Amen« leider weithin zu einer starren liturgischen Formel geworden, die oft gedankenlos mitgesprochen wird. Deshalb sollten wir als Gemeinde uns neu darauf besinnen, das gemeinsam gesprochene »Amen« am Schluss von Gebet und Lobpreis bewusst als Zustimmung und verbindliche Antwort zu verstehen: »Ja, so ist es.« Darüber hinaus sollte jedes im Gottesdienst von uns mitgesprochene »Amen« unsere Antwort sein auf Gottes Botschaft. Diese Antwort sollten wir dann auch im Alltag praktizieren: in Wort und Tat, im Bekenntnis vor anderen und im Lebensvollzug. So werden wir eine missionarische Gemeinde und Kirche.

Und was passiert mit mir selbst, wenn ich bete? Der Philosoph Immanuel Kant sagt, dass Beten »keine andere Wirkung hat als die, dass es das Gemüt des Beters erhebt«. Das vertrauensvolle Gebet bewirkt aber weit mehr. Es verändert den Beter selbst: Das Dankgebet und der Lobpreis Gottes führen in die Freude und zur Erneuerung der Lebenskraft. Das Gebet hilft mir auch, in eine persönliche Verbindung mit Gott zu treten. Ich komme innerlich zur Ruhe, fühle mich geborgen, finde Abstand zu den bedrängenden Problemen. Dadurch bekomme ich einen klaren Blick für die Wirklichkeit. Ich erkenne, was zu tun und zu lassen ist. Auch werde ich fit und fröhlich zum mutigen Handeln.

Schon der Beter David bezeugt das in Psalm 138,3 mit den Worten: »Wenn ich dich anrufe, so erhörst du mich und gibst meiner Seele große Kraft.« In diesem Sinne hat Goethe das Gebet einmal als das Atemholen der Seele bezeichnet. Überdies hilft mir das regelmäßige Gebet am frühen Morgen, meinen Tag und meine Gedanken zu strukturieren, und das Gebet am Abend, beides abzulegen.

Beten in einer Krise kann in mir einen Stimmungsumschwung bewirken, Schmerz, Angst und Trauer in Trost, Frieden und stille Freude verwandeln. Die Klage wird zum Danklied.
Im vertrauensvollen Gebet zu Gott werde ich meine Sorgen los. Das will eingeübt werden. Deshalb ermutigt uns der Apostel in 1. Petrus 5,7: »Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.« Wenn ich Gott meine Schuld bekenne und ihn um Vergebung bitte, wird mein Gewissen wieder leicht.

Durch das fürbittende Gebet für die Anliegen und Probleme meiner Mitmenschen werde ich frei von dem Kreisen um mich selber und um meine Probleme. Es entsteht zunächst eine innere Beziehung zu diesen Menschen, oft dann auch eine äußere bis hin zur tatkräftigen Hilfe.

Reinhold Nürnberger, Pfarrer i. R., Vertrauensmann im sächsischen Pfarrerinnen- und Pfarrergebetsbund

Biblische Grabgeschichten

1. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Bedeutung von Gräbern in der Heiligen Schrift

Der Wunsch, im Grab seiner Eltern bestattet zu werden, war in biblischen Zeiten weitverbreitet. Der 80-jährige Feldherr Barsillai bittet David darum, in seine Heimatstadt zurückzukehren, »dass ich sterbe in meiner Stadt bei meines Vaters und meiner Mutter Grab«.

Hiob beschrieb sarkastisch andere Familienmitglieder im Grab: »Das Grab nenne ich meinen Vater und die Würmer meine Mutter und meine Schwester.«

Wer es ganz besonders arg mit jemandem meinte, sorgte dafür, dass das Begräbnis im Grab der Eltern nicht klappt. Von einem geheimnisvollen »Gottesknecht« berichtet Jesaja, man habe ihm ein Grab »bei Gottlosen und Übeltätern« gegeben. (1. Mose 47,30, 2. Samuel 19,38, 1. Könige 13,22, Hiob 17,14)

»Umso schlimmer ist die Schmach, am Ende ohne Grab bestattet zu werden«

Gräber sind ein »Haus immerdar«, eine »Wohnung für und für«. Umso schlimmer ist die Schmach, am Ende ohne Grab bestattet zu werden. Diese Aussicht gehört zu den bedrohlichsten Prophetenworten: »Du bist hingeworfen ohne Grab wie ein verachteter Zweig, bedeckt von Erschlagenen, die mit dem Schwert erstochen sind, wie eine zertretene Leiche.« Feindlichen Soldaten droht Jesaja an, sie würden »hingeworfen werden, dass der Gestank von ihren Leichnamen aufsteigen wird und die Berge von ihrem Blut fließen.« Und Jeremia sagt dem ungehorsamen Jojakim voraus, »wie ein Esel« begraben zu werden, »fortgeschleift und hinausgeworfen vor die Tore Jerusalems«. (5. Mose 28,26, Jesaja 14,19, Jeremia 22,19, Psalm 49,12)

»Mein Vater«, platzte es traurig aus Israels König heraus, als er von der lebensbedrohenden Krankheit seines Beraters, des Propheten Elisa, hörte. Nach dessen Tod fallen feindliche Moabiter ins Land ein. Elisa, der schon zu Lebzeiten Wunder vollbracht hatte, verliert diese Fähigkeit auch nach dem Tod nicht. Die Beisetzung eines Mannes wurde durch kriegerische Horden gestört; so wird der Verstorbene in das falsche Grab geworfen. Da geschieht Unglaubliches: »Als er die Gebeine Elisas berührte, wurde er lebendig und trat auf seine Füße.« Im Nachhinein erweist sich so erneut die große Nähe des Propheten Elisa zu Gott. (2. Könige 13,21)

Ging es gegen die selbstgerechten Pharisäer und Schriftgelehrten, griff der ansonsten sanfte Jesus oft zu harschen Wortattacken. Sein Hauptkritikpunkt: Sie würden den lebendigen Glauben erstarren lassen, sodass er nur noch Hülle sei. Einmal nennt er sie »Heuchler« und klagt sie direkt an: »Von außen scheint ihr vor den Menschen fromm, aber innen seid ihr voller Heuchelei und Unrecht.« Das illustriert er mit einem allgemein bekannten Bild der damaligen Grabkultur. Da Gräber als unrein galten, wurden sie mit weißer Farbe kenntlich gemacht. Die Schriftgelehrten und Pharisäer seien wie »übertünchte Gräber«, »die von außen hübsch aussehen, aber innen voller Totengebeine und lauter Unrat« sind. Wer hört das schon gerne… Im selben Atemzug wirft Jesus seinen Widersachern vor, sie würden den Propheten Gräber bauen und die Grabmäler der Gerechten schmücken – und sich selbst als etwas Besseres sehen. (Matthäus 23,27 f.)

»Drei Tage später ist der Stein wundersamer Weise zur Seite gerollt und das Grab ist leer«

Sämtliche Jünger, die Jesus durch Galiläa bis nach Jerusalem begleitet hatten, waren bei der Gefangennahme geflohen; auch um die Beisetzung seines gemarterten Körpers kümmerten sie sich nicht. Josef aus Arimathäa, ein angesehener jüdischer Ratsherr und heimlicher Anhänger Jesu, springt ein. Er kauft ein Grab, besorgt ein Leinentuch und geht zum Kreuz. Gemeinsam mit dem ebenfalls jesusbegeisterten Nikodemus nimmt er den Leichnam ab und bestattet ihn im Felsengrab, das er mit einem großen Stein verschließt. Drei Tage später ist der Stein wundersamer Weise zur Seite gerollt und das Grab ist leer. (Markus 15,42-47, Johannes 19,38-42)

Das Buch des Propheten Hesekiel diente als Vorlage für unzählige Horrorfilme und wohl auch für Michael Jack­sons »Thriller«-Video. »Ich will eure Gräber auftun und hole euch, mein Volk, aus euren Gräbern herauf«: Was Gott da verheißt, jagt gruselige Schauder über den Rücken. Es ist nicht nur für die Zukunft oder das Jüngste Gericht vorhergesagt, sondern ist einmal bereits wirklich geworden. Gleich nach der Kreuzigung Jesu »taten sich die Gräber auf«, berichtet der Evangelist Matthäus; die »Leiber der entschlafenen Heiligen« seien aufgestanden und aus den Gräbern nach Jerusalem gegangen, wo sie »vielen« erschienen seien. Apostel Paulus lehrt, dass die verstorbenen Christen bei der Wiederkunft Jesu ebenfalls auf diese Weise auferstehen und gemeinsam mit den Lebenden »auf den Wolken« entrückt werden. (Hesekiel 37,12 f., Matthäus 27,52,1. Thessalonicher 4,16 f.)

Uwe Birnstein

Auf fruchtbaren Boden gefallen

24. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Präsenz der Bibel im Alltagsdeutsch

Biblische Redewendungen sind das Salz in der Suppe der deutschen Sprache. Ohne die Bibel würde Deutsch keinen Spaß machen, beweist Gerhard Wagner in seiner Zitatesammlung »Von Pontius zu Pilatus«. Der Autor ist im Hauptberuf Geschäftsführer der Deutschen Burgenvereinigung. »Die Bibel hat Spuren in der Sprache hinterlassen, die man gar nicht überbewerten kann«, stellt er fest. Immerhin 251 entsprechende Redewendungen hat Wagner gefunden, ohne Gewähr auf Vollständigkeit.

Wagner, Gerhard: Von Pontius zu Pilatus. Redewendungen aus der Bibel. Theiss Verlag, ISBN 978-3-80622-906-6, 14,95 Euro

Wagner, Gerhard: Von Pontius zu Pilatus. Redewendungen aus der Bibel. Theiss Verlag, ISBN 978-3-80622-906-6, 14,95 Euro

Denn die Bibel war das einzige Buch, in dem sich, mehr oder weniger, das ganze Volk auskannte. Auch der unwilligste Zuhörer bekam ja irgendwann mit, dass alles mit Adam und Eva anfängt und mit dem Jüngsten Gericht aufhört, und sei es, weil er die dazugehörigen Bilder jede Woche beim Betreten der Kirche vor Augen hatte. Auf richtig fruchtbaren Boden fallen konnte die biblische Sprache aber erst, als sie auch in deutscher Sprache vorlag. An dieser Stelle kommt unvermeidlich wieder einmal Martin Luther ins Spiel, der als Erster die sprachlichen Zeichen der Zeit erkannt hatte. Seine Bibelübersetzung wurde zu einem der »wichtigsten Geburtshelfer der neuhochdeutschen Schriftsprache«, so Wagner. Zum einen, weil Luther das Talent zu bildhafter Sprache besaß und den Mut, »dem Volk aufs Maul zu sehen«. Zum anderen weil ihm, lange vor der Zeit der normierten deutschen Hochsprache, das Licht aufgegangen war, seine Texte so zu formulieren, dass sie von allen Deutsch sprechenden Menschen verstanden werden konnten – in der »Meißner Kanzleisprache«, in der nord- und süddeutsche Dialekte miteinander verschmolzen waren.

Manchmal hat Luther auch Wörter neu geschaffen oder unübersetzt übernommen (Beelzebub). Entscheidend für das Einsickern biblischer Bilder in die deutsche Sprache war neben Luthers Übersetzungsleistung die Tatsache, dass die Bibel bis ins 20. Jahrhundert in den meisten Haushalten eifrig gelesen wurde. Wer jemanden von Pontius zu Pilatus schickte, babylonische Sprachverwirrung beklagte oder ein Damaskus-Erlebnis hatte, konnte davon ausgehen, dass seinem Gegenüber die entsprechenden Bibelstellen präsent waren.

Die Mehrheit der von Wagner zusammengestellten Formulierungen hat allerdings keinen ganz unmittelbaren Bezug zu bestimmten Orten oder Personen der Bibel. Es bedarf einer gesunden Portion Bibelfestigkeit, um solche Redewendungen zu erkennen. Wenn Börsenmakler und Banker ob der Kapriolen Griechenlands Blut und Wasser schwitzen, geht dies auf eine Formulierung in der Passionsgeschichte des Lukas-Evangeliums zurück, die mit der Todesangst Jesu zu tun hat (»Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen«). Das himmelschreiende Unrecht wiederum, das ihrerseits die Griechen beklagen, hat seinen Ursprung im 1. Buch Mose, Kapitel 4, Vers 10, als Gott zu Kain spricht: »Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde.«

Und wer hätte gedacht, dass sich sogar der Autobauer Toyota im Bibel-Baukasten bediente, als man in den 1990ern den Kunden versprach: Nichts ist unmöglich! Das Jesus-Wort stammt aus dem Markusevangelium 9, 23 und lautet genau: »Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt«, wird aber gern in der griffigeren Umkehrung zitiert: »Nichts ist unmöglich dem, der da glaubt.«

Thomas Greif

Wagner, Gerhard: Von Pontius zu Pilatus. Redewendungen aus der Bibel. Theiss Verlag, ISBN 978-3-80622-906-6, 14,95 Euro

»Erlöse uns von dem Bösen«

17. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs zur siebenten Bitte des Vaterunsers

Es ist wohl kein Zufall, dass diese Bitte die Nummer sieben ist – bedeutet doch in der Bibel diese Zahl Fülle, Vollständigkeit, besondere Wichtigkeit. Nur in der Fassung bei Matthäus kommt sie vor, im Lukasevangelium gibt es nur fünf. Da endet das Gebet abrupt mit der negativ formulierten Bitte: Und führe uns nicht in Versuchung.

Foto: picture-alliance/dpa

Foto: picture-alliance/dpa

In den wenigen Worten dieser Bitte spiegelt sich die ganze Theologie des Neuen Testamentes. Denn worum geht es Jesus in seiner Lebenszeit auf Erden vor allem? Zusammengefasst kann man so sagen: Das Leben in allen Facetten zu teilen. Wirklich einer von uns zu sein. Er ist dem Bösen entgegengetreten, hat die Übel dieser Welt zu spüren bekommen und gleichzeitig gezeigt, wie Leben in der engen Verbindung zu Gott gelingen kann; freilich, ohne selbst in Schuld und Böses verstrickt zu sein. Und natürlich: Wir kennen ihn nur aus der nachösterlichen Perspektive.

Erlöse uns von dem Bösen stellt zunächst eindeutig fest, dass das Böse da ist und seinen Machtbereich in unserer Welt hat. Wir können das Böse wohl verfluchen oder besser inständig bitten um Zurückdrängung, Einschränkung, aber wir können das Böse nicht wegdiskutieren. Es ist da. Leider.

Die Formulierung legt sich nicht genau fest, was das Böse ist: Ist es all das, was einem Schlechtes widerfährt oder anderen gegenüber anrichtet? Oder ist es der Böse, der sein Unwesen treibt, der Teufel, der Diabolos, der die gut geordnete Schöpfung Gottes durcheinanderbringt?

Zu meiner Konfirmation habe ich noch die alte Formulierung gelernt: Erlöse uns von dem Übel. Erst 1971 wurde die neue ökumenische Fassung eingeführt. Der Begriff Übel erscheint mir anschaulicher. Eine heftige Übelkeit mit den dazugehörigen Folgen geht durch Mark und Bein, schwächt den ganzen Körper bis endlich alles »raus« ist und man sich langsam davon erholen kann. Das dauert seine Zeit. Trotzdem ist der Begriff des Bösen umfassender: Die Übel sehe ich eher als Erscheinungsformen des Bösen.

Logo-Credo

Schon im 1. Mose 8, Vers 21 heißt es: »Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.« Ist Gott da nicht also ein Schöpfungsfehler unterlaufen? Nun, mit der Symbolgeschichte des Sündenfalls tritt das Böse unter uns, weil wir die Fähigkeit der Erkenntnis wissen zu wollen, was Gut und Böse ist, gegen Gottes Willen erzwungen haben. Also müssen wir nun damit leben lernen. Es ist zu unserer Herausforderung geworden, Böses in Schranken zu weisen und Gutes zu tun. Aber schon Paulus hat sich damit gequält. Das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich.
(Römer 7,19)

Das Böse gibt es in allen Steigerungsformen: Gemeinheit, Sadismus, Vergehen an Kindern, IS-Terror …

Erlöse uns von dem Bösen meint nicht nur, dass Böses um uns herum gemindert wird, sondern zugleich in uns: Das, womit wir anderen das Leben schwer machen und wo wir wieder einmal gottvergessen gelebt haben. Das alles erkennen, bekennen und beichten geht in heilsame Richtung.

Erst wer seine eigenen Anteile mitdenkt, kann die Tiefe dieser Vaterunser-Bitte erfassen. Hier kommt der sehnliche Wunsch zum Ausdruck – individuell, aber auch global – befreit zu werden von allem Unheil. Jesus hat am Kreuz alle Vorleistung erbracht. Martin Luther fasst es trefflich zusammen: Wir bitten in diesem Gebet, dass uns der Vater im Himmel vom Bösen und allem Übel an Leib und Seele, Gut und Ehre erlöse und zuletzt, wenn unser Stündlein kommt, ein seliges Ende beschere und mit Gnaden von diesem Jammertal zu sich nehmen in den Himmel. Bis dahin haben wir hier unsere Aufgaben. Wenn jeder so lebt, wie er es selbst an sich erfahren möchte, dürfte es doch nicht mehr so viel Böses geben (Matthäus 7,12). Lassen wir Gottes Reich seine Schatten schon mal voraus werfen!

Angela-Beate Petzold, Pfarrerin in der Justizvollzugsanstalt Bautzen

Logo gegen die Wellness-Religion

4. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Warum sich das Kreuz aus der Menschheitsgeschichte nicht herausdrängen lässt

Aus globalem und welthistorischem Blickwinkel war es völlig unwichtig, was da an einem Freitag vor fast zweitausend Jahren auf dem Hügel Golgota in einem aufgelassenen Steinbruch vor der Stadt Jerusalem geschah. Nach verhältnismäßig kurzem Todeskampf starb dort am Verbrechergalgen ein Wanderrabbi namens Jeschua aus Nazareth, ein Prediger der Umkehr und Prophet einer gerechteren Welt wie viele damals. Außerhalb der galiläischen Landschaft um den See Gennesaret kannte ihn noch kaum jemand. Die Jerusalemer Führungsclique hatte er dennoch in Angst versetzt, als er ihr in seinen Predigten Heuchelei und dogmatischen Starrsinn vorwarf und als er die irdischen Machtzentren in Jerusalem, Cäsarea, Rom unbefangen relativierte; Gott allein sei der Herr über die Menschen.

Lebensbaum und Mitte des Kosmos

In einem Schauprozess vor einem sorgfältig ausgewählten Publikum verurteilten ihn die Priester und Ältesten als religiösen Aufrührer und brachten den römischen Statthalter Pontius Pilatus dazu, ihn kreuzigen zu lassen.

Warum hat man diesen einen Gekreuzigten nicht vergessen – und mit ihm das Kreuz, das nicht nur einen Höhepunkt grausamer Strafjustiz markiert, sondern zu den Ursymbolen der Menschheitskultur gehört?

Seit undenklichen Zeiten markiert es kosmische Ordnung, Mitte und Kraftzentrum allen Lebens. Zwei Linien schneiden sich, und schon hat der unendliche Raum einen Mittelpunkt, sind zwei Achsen da zwischen Morgen und Abend, Himmel und Erde, vier Himmelsrichtungen. Ein Mensch mit ausgebreiteten Armen bildet ein Kreuz, er greift nach der Welt, übt Macht aus, umarmt und segnet. Der aufrecht in der Welt stehende Mensch ähnelt einem Baum, und tatsächlich stellen altorientalische und mittelamerikanische Kulturen den Kosmos im Bild des Lebensbaumes dar. Die Christen werden das Kreuz als erlösenden Lebensbaum jenem Baum im Paradies gegenüberstellen, von dem das erste Menschenpaar die verbotene Frucht aß.

Anfangs sprachen die Christen freilich gar nicht so gern über das Heil bringende Holz des Kreuzes und über die maßlos erniedrigende Art des Todes, den ihr Erlöser auf Golgota gefunden hatte.

Im vierten Jahrhundert, als Konstantin die Sklavenreligion der Christen zum Reichskult machte und die Kirche die Auffindung des »wahren Kreuzes« durch die Kaiserinmutter Helena mit einem eigenen Fest zu feiern begann, schlug die Stimmung um. Plötzlich redete alle Welt vom Kreuz, die Christenfrauen verwendeten goldene Kreuze als Halsschmuck, man entschloss sich, den Kreuzestod des Mensch gewordenen Gottes nicht mehr als erniedrigendes Scheitern zu interpretieren, sondern als schönstes Zeichen der Treue Gottes zu seinen Geschöpfen und als Wiederherstellung der verlorenen Menschenwürde. So war das zwar lange schon in den Schriften des Neuen Testaments zu lesen, aber erst jetzt setzte sich die neue Wertschätzung des Kreuzes auf breiter Front durch, an der Basis sozusagen. Paulus, der schriftkundige jüdische Theologe, war es, der den Fluch entschlossen zur Erlösung uminterpretierte. Das Verbrecherkreuz sah er als Signal der Versöhnung Gottes mit der Welt, als Symbol einer Kraft, die in der scheinbaren Ohnmacht und Schwäche wirkt und am Ende stärker ist als alle Gewalt irdischer Machthaber. Eine Umwertung aller Werte, die immer etwas von Mystik an sich hat.

Das Kreuz – es streicht alle mensch­lichen Wunschträume von Gott und von einem leidfreien Leben durch. Foto: epd-bild

Das Kreuz – es streicht alle mensch­lichen Wunschträume von Gott und von einem leidfreien Leben durch. Foto: epd-bild

In den Basiliken und Dorfkirchen hing Christus noch jahrhundertelang wie ein Monarch am Kreuz, in strahlende Prunkgewänder gehüllt, auf dem Kopf eine goldene Krone statt der Dornen. Erst im 13. Jahrhundert wurde aus dem triumphierenden Himmelskönig der geschundene Menschensohn. Sinnfälligstes Beispiel dieser neuen, realistischen Passionsfrömmigkeit: die Pietá, die Darstellung der Schmerzensmutter mit dem toten Jesus auf ihrem Schoß.

Triumphierende Inschrift auf Goldgrund

Im 19. und 20. Jahrhundert wandelt sich die Passionskunst noch einmal: Der Schmerzensmann wird zum Stellvertreter. Der gequälte Messias bündelt in sich alles Leid, was Menschen einander antun. Lovis Corinth, Marc Chagall, Salvador Dalí, Alfred Hrdlicka, Francis Bacon malen Gekreuzigte, welche die Gewalttätigkeit der Welt schmerzhaft deutlich, ohne jede Vergeistigung, abbilden. Vielleicht ist gerade das ein Grund, warum viele Menschen heute die Darstellung des zu Tode gefolterten Christus ablehnen, bis hin zu Prozessen gegen Kreuze in Gerichtssälen und Schulzimmern. Sie argumentieren, der Tote am Kreuz traumatisiere die Kinder und verstoße gegen das religiöse Toleranzgebot.
Ein angenehmes, ästhetisches Logo wird das Kreuz jedenfalls niemals sein. Es streicht alle menschlichen Wunschträume von Gott und von einem leidfreien Leben radikal durch, es verstört, es irritiert. Das blutige Kreuz auf Golgota ist das genaue Gegenteil einer weich gespülten Wellness-Religion, die keine Entscheidung fordert und keine Konsequenzen hat.

Nicht einmal hundert Meter von der Golgota-Kapelle entfernt soll sich in derselben Jerusalemer Kirche die Grabkammer befinden, in der Jesu Leichnam bestattet wurde und wo die Auferstehung stattgefunden hat. Non est hic, »er ist nicht hier«, meldet eine triumphierende Inschrift auf Goldgrund mit den Worten der Engel, die den Frauen am Ostermorgen am leeren Grab begegneten. Drei schlichte kleine Worte. Pilatus hatte nur das vorletzte Wort. Der Mensch, den er ans Kreuz nageln ließ, lebt. Bis heute.

Christian Feldmann

Sich selbst und andere schätzen

11. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Fastenaktion stellt Einzigartigkeit jedes Menschen in den Mittelpunkt

Bevor Mose die Zehn Gebote erhält, fastet er 40 Tage allein auf dem Berg Sinai (2. Mose 34,28). Jesus fastet 40 Tage in der Wüste, bevor er das nahe Reich Gottes verkündet (Matthäus 4,2). Die Bibel kennt viele Fastengeschichten. Nicht alle, die in den Wochen vor Ostern auf etwas verzichten, tun das mit Bezug auf die Bibel. Fasten steht heute für eine Auszeit, die sich jeder und jede individuell nehmen kann. Eine Auszeit von Gewohnheiten, Sehnsüchten und kleinen Süchten, vom Trott des Alltags, von lästigen oder lieb gewordenen Angewohnheiten. Sie bietet die Chance, eine neue Perspektive einzunehmen, verdrängte Gedanken in den Vordergrund treten zu lassen, sich selbst besser kennenzulernen. Materialien dazu bieten Interessierten unter anderem die Aktion »7 Wochen ohne« und der ökumenische Verein »Andere
Zeiten«.

Eine Uhr am Handgelenk zählt die Schritte, die pro Tag gelaufen werden müssen, um optimal bewegt zu sein. Pillen helfen, fit zu sein für das, was der Tag verlangt. Dem Älterwerden begegnen wir mit Diäten, jugendlicher Mode, mit Cremes und ausgefeilten Sportprogrammen. Aber der Optimierungswahn setzt schon lange nicht mehr nur Erwachsene unter Druck. Junge Menschen ordnen sich einem als allmächtig empfundenem Modediktat unter. Vor allem junge Frauen spielen immer früher mit dem Gedanken, sich die Brust vergrößern, die Schamlippen verkleinern oder die Nase begradigen zu lassen.

An diesem Streben nach Optimierung setzt die diesjährige Fastenaktion der evangelischen Kirche »7 Wochen ohne« an: »Du bist schön! Sieben Wochen ohne Runtermachen« ist sie überschrieben und meint damit, gleichermaßen sich selbst zu schätzen als auch die Mitmenschen.

In diesem Jahr beginnt die Fastenzeit am 18. Februar, Aschermittwoch, und dauert bis 5. April, Ostersonntag. Begleitet wird sie von einem Kalender, der fröhliche und nachdenklich stimmende Bilder bereithält. Im Mittelpunkt steht die Einzigartigkeit, die jedem Menschen gegeben ist. Einer lachenden älteren Dame scheint ein Geweih aus dem Kopf zu wachsen, eine junge Frau präsentiert fröhlich einen selbst gestrickten bunten Schal, ein Kind schaut ernst aus der Geborgenheit heraus, die ihm seine Schmusetiere geben. Zu den Bildern gibt es Texte aus Kirche, Kultur und Alltag. »Mich hat der liebe Gott aus allen Widersprüchen geschaffen, die er hatte, das ist sicher«, wird die Schriftstellerin Franziska Gräfin zu Reventlow zitiert. »Du aber liebe mich, auch wenn ich schmutzig bin; denn wenn ich weiß gewaschen wäre, liebten mich ja alle«, hat Fjodor M. Dostojewski aufgeschrieben.

Jede der Fastenwochen hat ein Thema: »Du bist fair«, »Du bist ein Talent« oder einfach »Du bist schön«. Jedem der Themen ist ein Bibelwort zugeordnet.

Geschichten von Menschen, die mit Problemen zu kämpfen haben, die nicht vordergründig perfekt sind, sind im Begleitheft der Aktion versammelt. Es sind Mut machende Geschichten. Weiter gibt es zu jeder Themenwoche einen Impuls für eine Andacht, die das Bibelwort aufgreift und ein Gebet dazu. Auch ein Gottesdienstentwurf findet sich in den Materialien.

Fastenaktion

Fastenaktion

Ein gemeinsames Motto gibt der Hamburger Verein »Andere Zeiten« für seine Fastenaktion »7 Wochen anders leben« nicht vor. Jeder überlegt sich selbst, was er in seinem Leben verändern möchte: Sieben Wochen kein Fleisch oder keine Süßigkeiten, sieben Wochen täglich einen Psalm lesen, Sport treiben oder besser zuhören. Ziel ist es zu »entdecken, was einen selbst ausmacht«, sagt Chefredakteur Frank Hofmann. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Person komme im Alltag oft zu kurz. Im besten Fall gelange jemand beim Fasten zu der Einsicht, was einem wirklich wichtig ist. »Verzicht muss gar nicht sein, auch wenn der Verzicht bei etwa 90 Prozent der Fastenden eine Rolle spielt«, sagt Hofmann. Vielmehr gehe es um eine Verhaltensänderung. Er nennt das Beispiel einer Frau, die sich vorgenommen hatte, sieben Wochen herumliegenden Müll einzusammeln. Sie habe das beibehalten und sei heute glücklich mit der Haltung, Dreck nicht einfach liegen zu lassen. Ein anderes Ziel könne sein, sich abends zu überlegen, wofür es am Tag Anlass zum Danken gab.

Wer sich für die Fastenaktion von »Andere Zeiten« anmeldet, bekommt zunächst eine Broschüre mit Informationen, Geschichten und Tipps rund um das Fasten. Während der Fastenzeit selbst erhalten die Teilnehmer jede Woche einen Brief mit Erfahrungsberichten, Anregungen, einer biblischen Geschichte und Gedichten. In den vergangenen Jahren habe sich die Zahl der Briefempfänger jährlich bei gut 20 000 eingependelt, so Hofmann.

Neu in diesem Jahr ist der Fastenwegweiser »wandeln«, den der Verein Andere Zeiten herausgibt. Jede Woche steht unter einem anderen Motto, für jeden Tag gibt es einen Impuls. Einen kurzen Text über Veränderungen, Atemübungen, Tipps zum Austausch und zum Rückzug. Dieser Wegweiser, so die Redaktion, richtet sich nicht nur an gläubige Christen, sondern auch an experimentierfreudige Zweifler.

Renate Haller

Weitere Informationen, Materialbestellung oder Anmeldung zur Fastenaktion im Internet unter www.7-wochen-ohne.de
oder unter www.anderezeiten.de.

Kam Jesus als Frühchen zur Welt?

17. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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In Bethlehem nimmt Gott eine scheinbar unendliche Zahl an menschlichen Schicksalsschlägen an

Die Bibel verleiht gerne große Zahlen an Lebensjahren, wenn es darum geht, besondere Menschen zu würdigen: 930, 777, 600. (1. Mose 5) Die poetische Überzahl an Jahren will zum Ausdruck bringen: Hier war ein besonderer Mensch, der Großes bewirkt hat und dessen Leben immer noch weite Kreise zieht.

Nur all zu gerne würde ich des kleinen Jungen, der allzu früh zur Welt kam, mit einer solchen hohen Zahl an Jahren gedenken. Um sein Leben zu würdigen, um die weiten Kreise, die er im Kreise seiner Familie und des Krankenhauspersonals zog, zu markieren. Denn es war ein besonderes Leben, wenn auch nur ein sehr kurzes. Mit nur zehn Wochen hörte das winzige Herz auf zu schlagen.

Foto: Herjua/Fotolia

Foto: Herjua/Fotolia

Unsere Kinder – vor allem die, deren Zeit auf der Erde so schmerzhaft kurz ist – lehren uns, die Zeit anders wahrzunehmen. Wenn wir die Zeit von der Ewigkeit her betrachten könnten, dann würde sich die Länge eines Lebens auf Erden vielleicht etwas relativieren. Die Stunden, die Minuten, ja die Momente, würden wir anders betrachten und schätzen, und die Bedeutung und der Einfluss eines auch so kleinen menschlichen Lebens würden wir anders begreifen. Ganz anders. Freilich das längste Leben ist kurz, und das kürzeste Leben ist ein Wunder.

Und so diente die Nottaufe auf der Neonatal-Intensivstation als ein Glaubensbekenntnis in der Kürze der Zeit: Dass uns nichts trennen kann von der Liebe Gottes in Christus Jesus. Weder Leben noch Tod. Weder in Zeit noch in Ewigkeit. Der Brutkasten mit den allgegenwärtigen Schläuchen und Sonden machte die Taufe nicht einfacher. Eine Schulter statt eines Köpfchens musste herhalten. Doch dadurch kam das Wesentliche in den Blick. Kein elegantes Taufkleid oder ausgelassenes Familienfest, keine Blitzlichter oder anschließende Gartenparty. Nur ein Baby, das mutig um das Leben kämpfte, und die bedingungslose Liebe und das Vertrauen seiner Eltern.

Auch König David wusste aus erster Hand von der Trauer, ein Kind kurz nach der Geburt zu verlieren. Seine erste Reaktion nach dem Tod seines Sohnes – erst sieben Tage alt – war, Gott zu suchen und sein Vertrauen erneut auf ihn zu setzen. David versuchte, den Verlust zu akzeptieren: »Kann ich es wieder zurückholen? Ich werde wohl zu ihm fahren; es kommt aber nicht wieder zu mir zurück.« (2. Samuel 12,23) Mit der Zeit kehrt David dann selbst wieder ins Leben zurück. Er bekommt noch einen Sohn, Salomo, der eines Tages auch König werden soll. Freilich wird die Erinnerung an und die Liebe für seinen ersten Sohn das ganze Leben Davids unermesslich prägen.

Zu Weihnachten erinnert man sich daran, dass Gott sich in Bethlehem mit jeder menschlichen Situation und Lage, mit der tiefsten Freude und dem größten Schmerz verbindet. Und er ist da – gerade dann, wenn Kinder zu einem Zeitpunkt ankommen, wenn wir sie am wenigsten erwartet haben. Oder wenn sie sich so kurz nach ihrer Ankunft wieder verabschieden.

Wäre es vorstellbar, gar denkbar, dass der Gott, der durch seine Menschwerdung in Jesus Christus eine scheinbar unendliche Zahl menschlicher Schicksalsschläge annimmt, auch als Frühchen zur Welt kam? Als geschähe es zu jenem Zeitpunkt fast unerwartet, gebar Maria ihren ersten Sohn unterwegs, fern der Heimat, anscheinend überrascht und nach der Ankunft in Bethlehem wohl mit der Erledigung ganz anderer Dinge beschäftigt. Aber alles, was in Bethlehem und auf Erden geschah und geschieht, findet zu einer Zeit statt, die in Gott beschlossen ist. »Fürchtet euch nicht!«, heißt die Engelbotschaft. (Lukas 2,10)

Gott sorgt für die Seinen, auch in den schwierigsten Situationen. Die erste Tochter von Martin Luther und Katharina von Bora starb vor ihrem ersten Geburtstag. Nach dem Tod der gerade acht Monaten alten Elisabeth bekennt Luther: »Das hätte ich nie zuvor gedacht, dass ein väterliches Herz so weich werden könnte wegen der Kinder.« Wo aber ist Halt? Was hat Bestand? Ein feste Burg ist unser Gott.

Der englische Schriftsteller G. K. Chesterton beschreibt poetisch das anrührende Paradox des Wunders in Bethlehem, worauf sich unser Glaube gründet: »Die Hände, die die Sonne und die Sterne schufen, waren nun zu klein, um die Köpfe der Rinder zu umfassen.« Doch in den winzigen Händen des Kindes in der Krippe streckt Gott seine eigene Hand zu den Seinen aus: die Hand, die uns in jeder Lage im Leben halten und trösten, weiterbringen und segnen will. Nicht nur zu Weihnachten.

Jeffrey Myers

Dr. Jeffrey Myers leitet das Pfarramt für Stadtkirchenarbeit in Wiesbaden.

»Und vergib uns unsere Schuld«

1. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Wie wir befreit leben können – das Angebot der Beichte

Ein Katholik hat die Beichte, um sich von seinem Geheimnis zu erholen, eine großartige Einrichtung … Ich habe bloß meinen Hund, er schweigt wie ein Priester, und bei den ersten Menschenhäusern streichle ich ihn.« Max Frisch bringt die Verlegenheit evangelischer Christen mit der Beichte erzählerisch auf den Punkt. Eigentlich eine großartige Einrichtung der Katholiken, aber nicht bei uns Protestanten. Warum eigentlich nicht? Wir haben zwar eine schwache Ahnung, wie entlastend und erlösend das Aussprechen des Verborgenen sein kann. Aber faktisch bleiben wir doch mit unserer Last
allein.

»Ich muss dir was beichten, Schatz!« Die tiefe Sehnsucht, sich etwas von der Seele zu reden, nehme ich auch in Talkshows oder der Boulevardpresse wahr. Hier werden Intimitäten und Versäumnisse öffentlich »gebeichtet«, die besser im Verborgenen bleiben sollten. Warum fällt es uns so schwer, dem menschlichen Bedürfnis nach Entlastung geeignete geistliche Formen zu geben?

An überzeugenden Vorbildern der evangelischen Ahnengalerie kann es jedenfalls nicht liegen. Für Martin Luther liegt in der praktizierten Beichte sogar eines der entscheidenden Merkmale des Christseins: »Wenn ich daher zur Beichte ermahne, so tue ich nichts anderes, als dass ich ermahne, ein Christ zu sein.« Und immer wieder gab es in der Kirchengeschichte geistliche Aufbrüche, die mit der Wiederentdeckung der Beichte gekoppelt waren, sei es beim älteren Blumhardt oder bei Dietrich Bonhoeffer.

Foto: Harald Krille

Foto: Harald Krille

Möglicherweise sind unsere Schwierigkeiten mit der Beichte darin begründet, dass »Sünde« (ähnlich wie die eng damit zusammenhängende Beichte) im heutigen Sprachgebrauch missverständlich und dunkel geworden ist. Gemeint ist damit ursprünglich nicht die moralische Verfehlung, sondern die Entfremdung von Gott. Sünde bringt die gestörte Beziehung zwischen Gott und Menschen zum Ausdruck. Im Griechischen ist das Wort aus der Sprache der Bogenschützen entnommen: »Zielverfehlung«. Sünde meint damit, dass Menschen das von Gott gesetzte Ziel verfehlen. Folglich setzt die Beichte bei der Beziehung zwischen Gott und Menschen an.

Sehr plastisch wird dies im Gleichnis vom Vater und seinen beiden Söhnen (Lukas 15). Der jüngere Sohn landet bei seinem Weg schließlich ganz unten bei den Schweinen, beziehungslos und einsam. Aber dieser Tiefpunkt wird zum Wendepunkt: »Da ging er in sich.« Ihm wird deutlich, was in seinem Leben falsch gelaufen ist. In ihm reift ein Entschluss, der zum Neuanfang wird: »Ich will zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich bin vor Gott und vor dir schuldig geworden.« Zu Hause dann die große Überraschung: Hier wird nicht der zerknirschte Sünder empfangen. Nein, der Vater wartet längst auf seinen Sohn, läuft ihm entgegen und feiert ein Freudenfest.

Zugänge zur Beichte eröffnen sich, wenn wir neu den biblischen Zusammenhang von Schuld und Vergebung verstehen. Schließlich zielt das Angebot der Beichte auf einen neuen Anfang in unserer Lebensgeschichte, losgelöst aus den Verstrickungen zurückliegender Verfehlungen. »Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit« (1. Johannes 1,9). Weil Gott treu, gerecht und gütig ist, dürfen Christen beichten.

Damit sind die beiden Teile der evangelischen Beichte genannt: das Sündenbekenntnis und der Vergebungszuspruch. Zugleich ist damit markiert, wo das menschliche Bedürfnis nach Entlastung den besten Platz hat – da, wo mit dem Bekenntnis der eigenen Verfehlungen auch die Zusage des Freispruchs verbunden ist.

In der Bergpredigt macht Jesus deutlich, dass wir nicht beten oder spenden sollen, um von den anderen gesehen zu werden (Matthäus 6). Ähnlich ist es mit der Beichte, sie sollte normalerweise im Verborgenen ausgesprochen werden, also unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Besonders hilfreich kann dabei sein, nicht im stillen Kämmerlein mit möglichen Gewissensbissen oder Selbsttäuschungen allein zu bleiben, sondern sich im geschützten Rahmen aussprechen zu können und die Vergebung persönlich zugesprochen zu bekommen. Albrecht Schödl

Der Autor ist Pfarrer am Christuspavillon im Kloster Volkenroda bei Mühlhausen/Thüringen.

Verlockend und gut zu essen

1. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Früchte in der Bibel: Sie sind Zeichen des Segens, Sinnbild für Schönheit aber auch Objekt der Versuchung

Der Spätsommer ist die Zeit vieler Früchte. Äpfel und Birnen, Himbeeren, Brombeeren und Holunder werden reif. Verlockende Früchte spielten aber auch schon in der Bibel eine wichtige Rolle.

Dem ersten Schöpfungsbericht zufolge schuf Gott die fruchttragenden Bäume am dritten Tag. Da nahm sich Gott vor, Gräser und Kräuter sprießen zu lassen, die sich über Samen vermehren. Auch Bäume lässt Gott entstehen; bei ihnen ist der Same in Früchten verborgen. Am Ende des Tages war Gott zufrieden mit seinem floralen Werk: »Und Gott sah, dass es gut war«.

(1. Mose 1, 12)

Die wohl bekannteste Frucht der Bibel ist die Frucht vom Baum der Erkenntnis: »Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, … und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.« (1. Mose 2,9) Den Menschen verbot er, von den Früchten dieses Baumes zu essen. Eines Tages sagte eine Schlange zu Eva: Ihr werdet nicht sterben, wenn ihr vom Baum der Erkenntnis esst, »sondern ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist«. Ein Apfel, wie vielfach angenommen, war die verhängnisvolle Frucht übrigens nicht. In der Erzählung ist lediglich von einer Frucht die Rede: »Und sie nahm von der Frucht und aß …«

(1. Mose 3,6)

Früchte wie Feigen, Datteln und Trauben waren wichtige Nahrungsmittel. Ohne sie würde die Erde zum unfruchtbaren Jammertal. Der Prophet Joel mahnte seine Mitmenschen daher, wachsam und gottesfürchtig zu bleiben. Denn sollte eines Tages eine Zeit kommen, in der »der Weinstock verdorrt ist und der Feigenbaum verwelkt, auch die Granatbäume, Palmbäume und Apfelbäume, ja, alle Bäume auf dem Felde … So ist die Freude der Menschen zum Jammer geworden.«

(Joel 1,12)

Im Hohelied werden Früchte zu poetischen Bildern, mit denen sich zwei Liebende gegenseitig beschreiben. Da sprüht es nur so von Vergleichen, die die erotischen Fantasien der Leser und Leserinnen anregen. »Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Jünglingen. Unter seinem Schatten zu sitzen begehre ich, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß«, dichtet die Frau. (Hoheslied 2,3) Und ihr Freund erwidert: »Dein Wuchs ist hoch wie ein Palmbaum, deine Brüste gleichen den Weintrauben. Ich will auf den Palmbaum steigen und seine Zweige ergreifen. Lass deine Brüste sein wie Trauben am Weinstock und den Duft deines Atems wie Äpfel …«

(Hoheslied 7,8-9)

Foto: mythja – Fotolia.com

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Früchte bereiteten nicht nur den Verliebten Freude. Der Prophet Sacharja spricht von einer Zeit, in der Gott den Menschen die Sündenlast abnehmen werde, und betont: »Zu derselben Zeit … wird einer den andern einladen unter den Weinstock und unter den Feigenbaum.« (Sacharja 3,10) Jeder, der es sich leisten konnte, mit seinen Nachbarn gesellig unter Feigenbäumen zusammenzusitzen, konnte sich reich und glücklich schätzen. Denn diese Bäume liefern gleich zweimal im Jahr leckere Früchte.

Obwohl sich Jesus gegen das Fluchen aussprach, fluchte auch er gelegentlich. Eine merkwürdige Überlieferung berichtet davon, dass einer seiner Flüche einen Feigenbaum traf. Und das nur, weil er keine Früchte trug als Jesus welche essen wollte. Als ihn der Hunger plagte, sah er einen Feigenbaum, »ging hin und fand nichts daran als Blätter und sprach zu ihm: Nun wachse auf dir niemals mehr Frucht! Und der Feigenbaum verdorrte sogleich.«

(Matthäus 21,19)

Zusammen mit dem Baum der Erkenntnis stand der Baum des Lebens einst mitten im Paradies. Um zu verhindern, dass die Menschen auch von seinen Früchten aßen, versperrte Gott den Weg zurück in den Garten Eden. Im himmlischen Jerusalem aber werden sie von seinen Früchten essen können, dort wird es viele Lebensbäume voller Früchte geben, verspricht das letzte Buch der Bibel. Dort wird ein »Strom lebendigen Wassers« fließen, »klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes«. Die Bäume des Lebens, die dort wachsen, tragen in jedem Monat Früchte. Und wie eine Rücknahme der Verfluchung des Feigenbaums durch Jesus klingt der Zusatz: »Es wird nichts Verfluchtes mehr sein.«

(Offenbarung 22,ff.)

Uwe Birnstein

Liebe überwindet Distanz

8. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Vater unser im Himmel – Der große, ferne Gott kommt uns nahe

Immer wieder waren die Jünger beeindruckt davon, wie vertraut Jesus mit Gott sprach und sie sehnten sich danach, Gott auch so nahe zu erfahren. Deshalb baten sie ihn: »Herr, lehre uns beten« (Lk. 11,1). Und eine der ersten Fragen bei unserem Beten ist vielleicht: »Wie rede ich Gott denn richtig an? Sage ich »Gott« oder »Herr« oder »Allmächtiger«? Doch Jesus ermutigte die Jünger in dem wohl bekanntesten Gebet: »Wenn ihr betet, so sprecht: »Vater!« Und ich kann mir vorstellen, wie erstaunt sie auf diesen Vorschlag waren. Vor Jesus gab es keinen, der je so mit Gott gesprochen hätte. Ein halbwegs frommer Jude wäre damals nie auf die Idee gekommen, den »Herrn der Heerscharen«, den »Heiligen« mit » Vater« anzusprechen. Die Menschen damals vermieden sogar den Namen Gottes (JHWE), um ihn nicht zu entehren. Oft schien er so fern und nun sollten sie ihn Vater nennen?

Der verlorene Sohn. Fenster in der St.-Georgs-Kirche in Hattingen. Foto: Dieter Schütz – pixelio.de

Der verlorene Sohn. Fenster in der St.-Georgs-Kirche in Hattingen. Foto: Dieter Schütz – pixelio.de

Doch Jesus machte deutlich, mit seinem Sterben und Auferstehen wird wieder etwas hergestellt, was uns verloren gegangen war. Der große, ferne Gott wird zum Vater im Himmel. Das gilt, auch wenn wir das nicht immer so spüren. Wir dürfen wie Kinder zu ihm kommen und vertraut mit ihm reden. Mit dieser Anrede wird Gott nicht unheiliger, sondern sie zeigt, wie sehr er uns liebt. Jesus ermutigte seine Jünger sogar zum Kosenamen »Abba, lieber Vater«.

Und von dieser großen Liebe Gottes zu uns, erzählte Jesus in dem bekannten Gleichnis »Vom verlorenen Sohn«. Wir könnten es auch »das Gleichnis von den verlorenen Söhnen« oder auch »das Gleichnis vom Vaterherzen Gottes« nennen (Lukas 15,11 ff).

In Lukas 15,20 bekommen wir einen Einblick in das Vaterherz Gottes, als der jüngere Sohn, der sich in seinen eigenen Wegen verrannt hatte, weil er meinte bei seinem Vater zu kurz zu kommen, doch wieder zu diesem sich aufmachte.

»Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und hatte Erbarmen und er lief, und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.« Mit diesem Empfang hatte der Sohn sicher nicht gerechnet.

Doch mit diesem Gleichnis zeigt Jesus uns die Liebe des Vaters für alle, die aufrichtig zu ihm kommen. Diese Vaterliebe galt auch seinem älteren Sohn. Der ging seiner Pflicht nach und arbeitete wie gewohnt auf dem Feld.

Als er abends nach Hause kam, das große Fest sah und von den Ereignissen des Tages hörte, stieg die blanke Wut in ihm hoch. Zornig weigerte er sich, an dem Fest teilzunehmen. Und wieder überrascht die Reaktion des Vaters. Er ging zum älteren Sohn hinaus, redete ihm zu und lud ihn persönlich zum Fest ein. Er wollte ihn genauso beim Fest haben wie den jüngeren. Für ihn war sein Herz in gleicherweise geöffnet. Obwohl der Sohn voller Anklage und Bitterkeit gegenüber dem Vater war, sprach dieser ihn liebevoll mit »Sohn« an. Wahrscheinlich hätte er ihn gerne ebenso in die Arme geschlossen.

Doch der ältere Sohn ließ nun den Frust und die Bitterkeit raus, der sich in den ganzen letzten Jahren in seinem Herzen angestaut hatte und sagte im Prinzip: »Ich habe jahrelang für dich gearbeitet und habe dabei nie Freude erlebt.« Damit benannte er das Grundproblem seines Lebens. Im tiefsten seines Herzens war er nicht Sohn, er war Knecht. Er hatte keine innere Beziehung zu dem Vater, sondern er bemühte sich, es dem Vater durch Leistung und Pflichterfüllung recht zu machen. Er war zwar im Hause des Vaters, aber er war nicht zu Hause bei ihm.

Wie schnell vergessen auch wir in unserem Alltag, wie sehr uns Gott der Vater liebt und wir meinen, dass wir uns Gottes Liebe erst verdienen
müssen.

Und so ist auch der Satz entscheidend, den der Vater zu dem älteren Sohn sagt (Lukas 15,31): »Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.«

Dem Sohn stand alles zur Verfügung und er hatte die Geborgenheit durch den Vater. Doch das erkannte er nicht. Sein falsches Bild vom Vater hinderte ihn daran, in der Liebe seines Vaters zu leben.

In unserem Glauben bekennen wir, dass die Arme von Jesus am Kreuz weit ausgebreitet waren für alle, die sich nach Wiederherstellung, Versöhnung und einer tiefen Beziehung zu Gott als himmlischen Vater sehnen. Sie erinnern an die einladenden Arme des Vaters. Durch das Kreuz, wo wir alles ablegen dürfen, was uns beschwert, führt Jesus uns zurück zum Vater. Zurück nach Hause und wir dürfen geliebte und angenommene Söhne und Töchter unseres Vaters im Himmel sein. Dafür sind wir geschaffen. Auch für uns sind Gottes Arme weit ausgebreitet, um uns zu empfangen – egal welchem der beiden Söhne wir ähneln. Und je mehr wir uns für die Liebe des Vaters öffnen, desto mehr lernen wir ihn wirklich kennen und seine Liebe beginnt in uns zu wachsen.

Rebekka Mittmann

Die Autorin ist Predigerin im Thüringer Gemeinschaftsbund, zurzeit in Elternzeit

Vertiefende Literatur
Lanz, Manfred: Leben in der Liebe des Vaters. Eine Entdeckungsreise zum Vaterherzen Gottes, SCM R. Brockhaus, 128 S., ISBN 978-3-417-26320-6, 9,95 Euro

Liebe in dreifacher Weise

17. Juni 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Dem Geheimnis der Dreieinigkeit Gottes auf der Spur

Vor einiger Zeit besuchte eine Gruppe von Juden, Christen und Muslimen gemeinsam die Synagoge, die Moschee und eine der Kirchen am Ort. In der Synagoge wurde ihnen elementar und verständlich die besondere Bedeutung der Thorarollen vor Augen geführt. In der Moschee erklärte ihnen ein Student mit einfachen Worten die fünf Säulen des Islam. In der evangelischen Kirche ging der Pfarrer zu ihrem Erstaunen zunächst auf das Gesangbuch ein, das die Besucher am Eingang erhielten. Er hob die besondere Rolle der Kirchenmusik hervor und ließ dies mit einem ausführlichen Orgelstück unterstreichen. Danach erklärte er Altar, ein wenig die Bibel, ausführlicher Kanzel und Fenster. Wohl aus Rücksicht auf die Besucher fand das Kreuz hinter dem Altar keine Erwähnung. Der Frage einer Muslimin, warum die Christen nicht nur Allah allein verehren, wich er aus. Die Sache mit der Dreieinigkeit Gottes sei ziemlich kompliziert und auch unter Christen nicht ganz unumstritten.

Diese peinliche Situation macht deutlich, welche Unsicherheit und Sprachlosigkeit an den Tag kommt, wenn Christen die Bedeutung der Dreieinigkeit Gottes erklären sollen. Dabei ist sie im Grunde nicht schwer zu verstehen. In einem Gespräch mit Andersgläubigen sollte zunächst einmal klar werden: Christen glauben an den einen und einzigen Gott, nicht weniger als Juden und Muslime. Der christliche Glaube ist eindeutig ein monotheistischer Glaube. Auch für Christen gilt ohne Abstriche das erste Gebot. Der Glaube an den dreieinigen Gott will den Glauben an den Gott Israels nicht ersetzen. Im Licht des Lebens und Sterbens Jesu interpretiert er ihn aber auf neue Weise.

Die Heilige Dreifaltigkeit. Ein Fresko aus dem 15. Jahrhundert. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Die Heilige Dreifaltigkeit. Ein Fresko aus dem 15. Jahrhundert. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Die Lehre von der Dreieinigkeit oder Dreieinheit Gottes ist der Versuch der ersten Christengemeinden, sich selbst und andere Menschen von ihrem Gottesglauben denkend Rechenschaft zu geben. Bereits das Neue Testament wirft die Frage auf, in welchem Verhältnis Jesus eigentlich zu Gott steht. Ist er etwa einer der großen Propheten? Für die Jünger ist er mehr. Petrus bekennt, er sei der »Christus, der Sohn des lebendigen Gottes« (Matthäus 16,16).

Auch an vielen anderen Stellen der Evangelien wird hervorgehoben, dass Jesus nicht nur ein besonderer Mensch war, sondern zugleich ganz auf die Seite Gottes gehört. Wenn dafür der Ausdruck »Gottes Sohn« benutzt wird, meint dies nicht ein biologisches Abstammungsverhältnis, sondern die Wesenseinheit zwischen Gott und Jesus. In ihm begegnet der Mensch also Gott selbst, hat das allgegenwärtige, liebende Wesen Gottes menschliche Gestalt angenommen.

Wie aber kommt ein Mensch zu einer solchen Erkenntnis? Sicher nicht aus sich selbst heraus. Dass Jesus der Messias und »Gottes Sohn« ist, diese Erkenntnis muss ihm vielmehr vom »Vater im Himmel« gegeben werden (Matthäus 16,17). Damit kommt eine dritte Größe ins Spiel: Der »Geist Gottes«, auch »Heiliger Geist« genannt.

Das Konzil von Konstantinopel bringt es im Jahre 381 auf den Punkt: Die Gewissheit des Glaubens wird den Christen durch den Heiligen Geist zuteil, der »aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht« (Bekenntnis von Nicäa-Konstantinopel). Damit ist die Lehre von der Trinität im Kern formuliert, dass es Gott selbst ist, der in Jesus Mensch wurde und wirkte. Dass es dreimal ein und derselbe Gott ist, der sich in seinem dreifachen Sein den Menschen liebevoll zuwendet: als fürsorglicher Schöpfer – Vater mit mütterlichen Zügen – befreiender Erlöser und Mut machende Lebenskraft. Drei Seiten des einen Gottes. Der Gott, an den Christen glauben, ist also nicht der Alleinherrscher, der einsam in seinem Himmel thront, sondern der Gott, der sich in Liebe den Menschen zuwendet, ihnen durch Jesus Christus Vergebung und Befreiung schenkt und sie durch seinen Geist tröstet und ermutigt. Keine drei Götter also, sondern ein Gott, der Liebe ist, Liebe in dreifacher Weise.

Verschiedene Bilder können helfen, diese Dreieinheit Gottes zu veranschaulichen: So findet sich in der Kunst immer wieder das Bild vom gleichseitigen Dreieck, in dessen Mitte ein Auge zu sehen ist, das für die personhafte Wirklichkeit Gottes steht. Im Dreieck sind ebenso wie im dreieinigen Gott drei und eins kein Widerspruch.

Ein anderes Beispiel für die Trinität ist der Dreiklang in der Musik: Grundton, Terz und Quinte sind zwar drei unterschiedliche Töne, bilden aber einen Gesamtklang. In diesem Beispiel werden auch die Unterschiede zwischen den drei Seinsweisen deutlich.

Und auch das Bild vom Wasser in seinen drei Aggregatzuständen kann helfen: als Flüssigkeit, Eis und Wasserdampf. Ganz ähnlich ist es mit Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist: Die Kraft, die sie so untrennbar miteinander verbindet, dass sie eins sind, ist die Liebe. Aus Liebe schenkte Gott, der Schöpfer, das Leben. Aus Liebe sandte er den Sohn. Aus Liebe verkündigte Jesus die Botschaft der Versöhnung und des Friedens. Aus Liebe ging er für die Menschen den Weg des Leidens bis zum Kreuz. Liebe ist auch das Wesen des Geistes, denn er macht Menschen bereit, einander zu helfen und beizustehen. »Gott ist Liebe«, heißt es im 1. Johannesbrief (4, 8). Das Geheimnis der Dreieinigkeit ist die Liebe. An den Sonntagen, die dem Trinitatisfest folgen, wird es in den biblischen Texten, über die in den Kirchen nachgedacht wird, immer wieder um diese Frage gehen: Wie kann die Liebe des dreieinigen Gottes in unserem Leben Früchte tragen?

Wolfgang Riewe

Einfach leben und glauben

12. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ohne seelischen und materiellen Ballast wird das Dasein leichter

Immer mehr Menschen entscheiden sich dafür, ihren Besitz radikal zu reduzieren. Dieser Trend heißt Minimalismus – ein Lebensstil, der sich als Alternative zur konsumorientierten Überflussgesellschaft sieht. Auch Jesus kann als Minimalist gesehen werden. In der Bergpredigt empfahl er seinen Nachfolgern einen Minimalismus an mentaler und materieller Sorge: »Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen sollt, und nicht um euren Leib, was ihr anziehen sollt. Ist nicht das Leben mehr als Nahrung und der Leib mehr als Kleidung? Seht euch die Raben an: Sie säen nicht und sie ernten nicht und sammeln in keine Scheunen, und Gott ernährt sie doch. Seid ihr nicht besser als die Vögel? Und wer von euch kann durch seine Sorge die Spanne seines Lebens verlängern? Und was sorgt ihr euch um Kleidung? Seht auf die Lilien, wie sie wachsen: Sie arbeiten nicht und sie spinnen nicht. Ich sage euch: Noch nicht einmal Salomo in all seiner Herrlichkeit war gekleidet wie eine von ihnen. » (Lukas 12,22-27).

Die Auslegungstradition fokussiert auf den all-sorgenden Vater im Himmel. Eine falsche Fährte. Es geht in diesem Jesuswort nicht um Gott, sondern um das Beispiel der Raben und Lilien. Und es geht um Leben. Die Raben leben einfach; die Lilien leben einfach. Leben ist das Schlüsselwort in der Geschichte. Es geht darum, das Leben anzunehmen und die Sorge sein zu lassen. Jesus hat erkannt, dass es sich besser lebt mit weniger Ballast, seelischem und materiellem. Ihm geht es deswegen nicht um Verzicht, sondern um Freiheit.

Bildnachweis: MEV/Mike Witschel

Bildnachweis: MEV/Mike Witschel

Jesus hatte erkannt, dass auch im Glauben an Gott vieles verkompliziert wurde. Mit seiner Klarheit und Einfachheit entrümpelte er den Glauben. Der christliche Glaube ist einfach. Nicht Dogmen und komplexe Lehrgebäude sind wichtig, sondern der schlichte Glaube, wie ihn Jesus vorgelebt hat. Jesus bringt es in der Bergpredigt als Verheißung auf den Punkt: »Glücklich seid ihr, wenn ihr arm seid, … wenn ihr trauert, wenn ihr nachgebt, wenn ihr hungert und dürstet, wenn ihr barmherzig und gut seid, … wenn ihr Frieden stiftet untereinander.« Jesus fasste das Gesetz und die Propheten in der Goldenen Regel zusammen: »Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!«

Jesus sagte: »Gib, und dir wird gegeben.« Das ist ein einfaches Gesetz des Lebens. Wir können es jederzeit in unserem Alltag erfahren, indem wir uns fragen, was der andere in diesem Moment am meisten gebrauchen kann. Manche brauchen Aufmerksamkeit, ein nettes Gespräch, ein Lob, ein Lächeln oder eine Umarmung. Wer seinen Mitmenschen etwas gibt, wird es vom Leben schon sehr bald zurückbekommen.

Vergleichen Sie sich nicht mit anderen. Natürlich kann man anderen Menschen gegenüber seine Bewunderung ausdrücken oder ihnen Respekt zollen. Eifersucht und Neid dagegen zerfressen den Geist, rauben Zeit und hinterlassen schlechte Gefühle. Es gibt nichts, weswegen Sie andere beneiden müssen, denn Gott hat Sie selbst reich beschenkt.

Mit Verzeihen und vergeben schaffen Sie sich seelische Belastungen vom Leib. Die urchristliche Tugend der Vergebung ist das, was für eine funktionierende Gesellschaft notwendig ist. In der Politik, in der Familie, in Beziehungen. Fehler macht jeder, doch vielen Menschen fällt es schwer, um Verzeihung zu bitten. Eine nicht ausgesprochene Entschuldigung kann Menschen schwer im Magen liegen. Wer jedoch die Kraft der Vergebung erlebt, weiß wie sich Freiheit anfühlt. Überall, wo Vergebung geschieht, wird das Leben einfacher.

Man kann sich viele Sorgen machen – um die Zukunft, um gestern, um morgen, um Kinder oder Eltern, kleine und große Dinge oder auch unnütze Dinge. Doch Sorgen verändern nichts und rauben Energie. Das Evangelium gibt darauf eine klare Antwort: »Alle eure Sorge werfet auf ihn; denn er sorgt für euch!« In diesem schönen Bibelvers steckt die Lösung. Gott hat die Dinge im Blick. Wir können die Sorgen im Gebet benennen und Gott übergeben. Mit dem Amen können wir gewiss sein, das nun alles in Gottes Hand liegt. Befreit von allen Lasten können wir das tun, was notwendig ist.

Helmut Frank

Jesus befreit – das ist das Wunderbare

2. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Vorgestellt: Rüdiger Borchardt – das 85-jährige Urgestein der Thüringer Suchtkrankenarbeit ist bis heute im Einsatz für Alkoholkranke

Das aktuelle »Jahrbuch Sucht« hat es gerade wieder gezeigt: Alkohol ist und bleibt die Droge Nummer 1 in Deutschland (siehe unten). Einer, der seit Jahrzehnten um die Probleme und um Wege der Hilfe weiß, ist Rüdiger Borchardt.

Ende März wurde die kleine Tamina geboren. Sie ist sein sechstes Urenkelchen. Liebevoll betrachtet Rüdiger Borchardt, der in seinem Leben unzählige Alkoholiker betreute, das Foto der neuen Erdenbürgerin. »Wir sind dankbar, dass du uns ein Wegweiser auf unserem Glaubensweg bist«, ist auf einer Osterkarte von Christine und Michael aus Chemnitz zu lesen. »Na – das ist doch schön«, meint der 85-Jährige und zeigt auf seine Schätze: eine deutlich abgegriffene Bibel im Ledereinband, ein Büchlein mit Losungen und Bibelversen und sein Gebetsbuch. »Hier stehen alle drin, für die ich täglich bete.«

Die Hände zu falten ist für ihn ungeheuer wichtig. »Wir denken immer, wir können alles, dabei sind wir arme Sünder«, sagt er. Das Foto eines in Paraguay tätigen Freundes fällt ihm in die Hände. »Für die Mission bete ich auch. Bei uns zu Hause wurde viel gebetet.« Mit sieben Jahren hat er bereits in der heimischen Küche gepredigt. »Ich bin auf eine Fußbank geklettert und los ging es.« Zeit seines bewegten Lebens war ihm das Predigen immer ungeheuer wichtig. »Ich bin dankbar, dass ich mithelfen durfte, die Frohe Botschaft weiterzugeben«, meint er schlicht.

Rüdiger Borchardt – Zeit seines Lebens gehört seine Aufmerksamkeit den schwachen, insbesondere den Alkoholkranken. Foto: Anett Recknagel

Rüdiger Borchardt – Zeit seines Lebens gehört seine Aufmerksamkeit den schwachen, insbesondere den Alkoholkranken. Foto: Anett Recknagel

Sein Lieblingsspruch steht im Römerbrief und lautet: »Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, haltet an am Gebet.« – »Darauf habe ich mich mein ganzes Leben verlassen«, sagt er. »Jedes Mal, wenn ein Alkoholiker zu mir kam, wusste ich vorher nicht, was ich ihm sagen sollte – Gott hat mir immer die rechten Worte geschenkt.«
In der englischen Kriegsgefangenschaft fand der im westpommerschen Treptow an der Rega, heute Trzebiatów, als Sohn eines Bäckermeisters geborene Rüdiger Borchardt zum Glauben. Dort lernte er als 17-Jähriger gläubige Männer kennen, die Andachten hielten. Er schloss sich ihnen an und begann, für seine Mutter zu beten. Gott erhörte ihn – die Mutter war am Leben. Über das Rote Kreuz fand er zu ihr nach Königsee. Es dauerte nicht lange, bis er dort in der Jungen Gemeinde mitarbeitete.

Anfang der 1950er Jahre zog es Rüdiger Borchardt in den Westen. In Heidenheim engagierte er sich in der christlichen Jugendarbeit und leitete seine erste Freizeit. Schon frühzeitig entschloss sich Rüdiger Borchardt, enthaltsam zu leben. Als in Heidenheim ein Blaukreuzverein gegründet wurde, stand für ihn sofort fest, darin mitzuarbeiten.

Wieder zurück im thüringischen Königsee lag der Schritt, Alkoholiker zu Hause zu besuchen, nahe. Das war der Beginn einer lebenslangen Aufgabe. Als Mitglied der in der ehemaligen DDR existierenden Arbeitsgemeinschaft zur Abwehr von Suchtkrankheiten (AGAS) setzte er in Jena seine Tätigkeit in der Trinkerrettungsarbeit fort. Dort war er im Auftrag der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Thüringen über zehn Jahre Landesbeauftragter für Suchtgefahren. Seine »Klienten« fand er in allen Bevölkerungsgruppen. Ob Ärzte, Parteisekretäre, einfache Arbeiter oder Lehrer – Rüdiger Borchardt schickte nie jemanden weg. »Selbst wenn Honecker gekommen wäre, hätte ich geholfen«, sagt er rückblickend. Dieter Nix fand er in Jena auf einer Müllkippe. Bis heute gehört er jährlich zu den ersten Geburtstagsgratulanten.

Viele Menschen hätten die Mitarbeiter der AGAS darum beneidet, dass gerade in dieser Organisation so viele Trinker dem Alkohol entsagten. »Eine Kur wurde nicht gebraucht – allein der Glaube an Jesus Christus zählte«, so Borchardt. Bei den ersten Gesprächen behaupteten die meisten von sich, nicht abhängig zu sein. Rüdiger Borchardt öffnete ihnen trotzdem die Tür, bat sie mit einem freundlichen »wir werden sehen« herein. Im Laufe des Gespräches begannen den Betroffenen dann die Hände zu zittern. Eine große Tasse mit Kaffee half.

»Viele waren von diesem Angenommensein überwältigt«, erinnert sich Borchardt. Und fügt hinzu: »Es gibt keine hoffnungslosen Alkoholiker – Jesus kann helfen.« Das war zudem die Aufschrift eines Stempels – »unserem Traktat«, wie Borchardt erzählt. Er zierte zu DDR-Zeiten viele Briefe und wurde nicht verboten. »Viele Abhängige haben die Liebe Gottes erfahren, sind zur Beichte gegangen und haben danach ihr Leben geordnet.«

Ein Oberarzt der Jenaer Universitätsklinik hatte in den 70er Jahren einmal zu ihm gesagt: »Alle meine Patienten gehören zu Ihnen, nicht zu mir.« Daran erinnert sich Borchardt immer wieder gern. Alkoholiker sind für ihn Perlen, die ihren Glanz verloren haben. Durch die Liebe Gottes leuchten jetzt viele wieder, sagt er, als wäre es die leichteste Sache der Welt.

Als die Familie im Mai 1989 nach Steinbach-Hallenberg übersiedelte, lagen neun Jahren im mecklenburgischen Linstow hinter ihr. Dort wohnten sie gemeinsam mit zwölf alkoholabhängigen Männern in einem ehemaligen Pfarrhaus. In Steinbach-Hallenberg suchte man seinerzeit einen Mitarbeiter im Suchtbereich. Rüdiger Borchardt war der Richtige. Kaum in der Kleinstadt angekommen, rief er hier eine Blaukreuzgruppe ins Leben.

»Bei Gott gibt es immer einen Ausweg – Jesus befreit, das ist das Wunderbare«, sagt der Mann, dessen Haar längst weiß geworden ist. Trotzdem strahlt er eine große Ruhe und Zufriedenheit aus. »Ich könnte auch Trübsal blasen, das liegt mir aber nicht, weil ich immer wieder neu sehe, wie Gott am Wirken ist«, sagt der tiefgläubige Christ und lächelt. In seinem Leben gebe es keine Zeit, an die er sich nicht gerne erinnere. Besonders froh ist er, erleben zu können, wie die von ihm begonnene Arbeit heute von vielen wertvollen Menschen fortgeführt werde. Seinen Weg mit Jesus gegangen zu sein, hat er nie bereut. Auch auf seine vier Kinder konnte er das übertragen. Und so ist Rüdiger Borchardt dankbar für die zurückliegende Zeit, für seine Familie, seine Kinder, seine Enkel und Urenkel.

Annett Recknagel

Am 4. Mai, Saalfeld, Treffen des Landesverbandes »Blaues Kreuz« Thüringen

»Ich habe Gottes große Gnade erfahren«

1. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Gerhard Günther hat wochenlang im Koma gelegen – Durch Leid ist sein Glauben tiefer und größer geworden

Wir leben nicht, um zu arbeiten, sondern wir arbeiten, um zu leben.« Gerhard Günther kennt diese nüchterne wie kluge Maxime, er stimmt ihr zu. Daran gehalten hat er sich jedoch nicht. Im Gegenteil: Seit er ins Berufsleben eingetreten ist, erinnert er sich, habe er immer extrem viel gearbeitet. 1955 im brandenburgischen Rathenow geboren, wächst er im thüringischen Königsee auf. Nach der Schule wird er Kraftfahrzeugmechaniker, »in der DDR ein Traumberuf, mit der Möglichkeit, viel Geld zu verdienen, wirtschaftlichen Wohlstand zu erzielen«. Wie er sagt, verdiente er, der gelernte Kfz-Mechaniker, mehr als sein Freund, ein Diplom-Ingenieur. Nach der Wende führt ihn sein Weg in die Politik. Von 1994 bis 2001 ist er im Stadtrat der Stadt Königsee, dann im Kreisrat des Landkreises Saalfeld-Rudolstadt, seit 2004 Mitglied im Thüringer Landtag. »Alles Jobs, bei denen ein Zwölf-Stunden-Tag normal ist und die Arbeitswoche sieben Tage hat.« Es sei ihm finanziell gut gegangen, besser als vielen anderen, sagt er. Aber dieses Leben hat seinen Preis: Es kostet ihn Zeit, wertvolle Lebenszeit. Und wenn er das so sagt, meint er damit, dass man mit der Zeit, diesem »unendlich hohen Gut« auch schlecht umgehen kann. Statt zu viel zu arbeiten, sollte die Familie Priorität haben, so seine Einsicht heute. »Wir haben in früheren Jahren zu wenig miteinander geredet.

Gerhard Günther, 1955 im brandenburgischen Rathenow geboren, wächst er im thüringischen Königsee auf. Nach der Wende führt der Weg des Kraftfahrzeugmechanikers in die Politik. Seit 2004 ist er Mitglied im Thüringer Landtag. Foto: Sabine Kuschel

Gerhard Günther, 1955 im brandenburgischen Rathenow geboren, wächst er im thüringischen Königsee auf. Nach der Wende führt der Weg des Kraftfahrzeugmechanikers in die Politik. Seit 2004 ist er Mitglied im Thüringer Landtag. Foto: Sabine Kuschel

Ich habe gelernt, alle Konflikte sind lösbar, wenn man miteinander spricht«, sagt Günther. Diese simple Erkenntnis ist das Ergebnis eines langen Leidensweges. 2009 wird eine schwere Lungenerkrankung bei ihm festgestellt und ihm eine Lebenserwartung von eineinhalb Jahren prognostiziert. Eine glückliche Fügung will es, dass er an einen Lungenspezialisten in Hannover gerät, der ihm Hoffnung macht. Die Krankheit sei zwar nicht heilbar, sagt ihm der Arzt, aber dank eines neu entwickelten Medikamentes könne der Status quo erhalten werden. Eine Hoffnungsbotschaft. Günther nimmt an Tests teil, alles sieht gut aus. Leistungssport kann er freilich nicht treiben, aber doch eingeschränkt am Leben teilhaben. Bis sich Ende 2011 sein Gesundheitszustand verschlechtert. Er macht sich auf den Weg nach Hannover in die Klinik. Er steigt ins Auto und fährt selbst – es geht ihm schlecht, er wird schwächer. »Das klingt dramatisch«, sagt er. Mit letzter Kraft sei er in die Notaufnahme gefahren. Kurze Zeit später findet er sich auf der Intensivstation wieder. Seine letzte bewusste Wahrnehmung. Er wird an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen, die ihn am Leben hält. Seiner Familie erklären die Ärzte, dass nur eine Lungentransplantation sein Leben retten könne.

Glücklicherweise wird nach etwa zehn Tagen ein Spenderorgan gefunden. Neun Stunden dauert die Operation. Doch als sie abgeschlossen ist, wacht Günther nicht auf. Er liegt im Koma, mehrere Wochen. Er habe immer gespürt, dass die Familie, seine beiden Söhne und seine Lebensgefährtin, bei ihm ist.

Gerhard Günther schildert unter Tränen, was damals geschah. »Ich war am Eingang zu einer anderen Welt. Dorthin, glaube ich, wollte ich. Doch dann kam dieser Ruf.« Er hört die eindringliche Bitte seiner Partnerin: »Lass mich nicht allein, ich brauche dich jetzt!« Er erinnert sich an »dieses Gefühl der Nähe und Wärme, an diesen Ruf«. Er ist sich sicher: Jesus hat auf mein Leben geschaut und gesagt: Mit dir kann ich noch etwas anfangen. Du kriegst eine Aufgabe. Du gehst zurück ins Leben.

Mit diesen Gedanken wird er wach. Bis auf die Augen kann er sich überhaupt nicht bewegen. Er kann mit der neuen Lunge wieder atmen, aber nicht mehr sprechen. Seine Stimmbänder sind gelähmt. Als ihm der Arzt sagt, dass er nie wieder wird sprechen können, glaubt er das nicht. Wie der blinde Bartimäus in der Bibel glaubt, dass Jesus an ihm ein Wunder bewirken kann, so vertraut Günther auf Gott. Er ist überzeugt, wenn Jesus ihn mit einer Aufgabe ins Leben zurückschickt, wird er wieder sprechen können. So geschieht es.

Er übt mit Hanteln, trainiert seine Muskeln. Tag für Tag. Er lernt es, einen Finger zu bewegen, dann die ganze Hand. Eines Tages kann er sitzen, das Handy halten. Stehen – der erste Schritt. Alles muss er neu lernen. Gehen, essen. In kleinen Schritten erobert sein Körper das Leben zurück. Ein halbes Jahr später kann er nach Hause. Er nimmt seine Arbeit im Landtag wieder auf, knüpft Kontakt mit der Deutschen Stiftung Organtransplantation, weil er dafür werben will, sich mit dem Thema Organspende zu beschäftigen.

»Ich bin der glücklichste Mensch«, sagt er. »Ich habe Gottes große Gnade erfahren, gesehen, wie mächtig Gott ist.« Ihm seien seither zwei Jahre irdischen Leben geschenkt worden.

Seit Herbst 2013 geht es ihm gesundheitlich wieder schlecht. Die Abstoßungsreaktionen seines Körpers auf das transplantierte Organ machen ihm zu schaffen. Im September wird er aus dem Landtag ausscheiden. Aber er ist dankbar für jeden Tag, für alles, was er erlebt.

»Wenn mein Leben morgen zu Ende ist, gehe ich in Frieden, denn ich weiß, dort, wohin ich gehe, wird es schön sein.«

Sabine Kuschel

»So hätte es Jesus sagen können«

18. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Prominente erzählen, wann sie sich in Gottes Nähe fühlen

Gott nahekommen – das können ­Menschen auf verschiedene Weise. Evangelisch.de hat namhafte Zeitgenossen zur Jahreslosung 2014 befragt. Diese lautet: »Gott nahe zu sein ist mein Glück.« Prominente erzählen, wann sie sich Gott nahe fühlen und wie man ihrer Meinung nach Gott ­nahekommt.

Nele Neuhaus. Foto: Felix Brüggemann

Nele Neuhaus. Foto: Felix Brüggemann

Die Schriftstellerin Nele Neuhaus sagt: »In meinem Leben gab es schon viele Höhen und Tiefen. Aufgewachsen in einem katholischen Elternhaus sind christliche Werte wie Nächstenliebe, Demut und Dankbarkeit das Fundament meines Lebens. Seitdem ich denken kann, spüre ich Gott an meiner Seite – in der Krise wie auch im Glück. Kein Tag vergeht, an dem ich nicht Zwiesprache mit Gott halte und ihm danke für kleine und große Dinge. Es gibt allerdings Momente, in denen ich die Nähe zu Gott durch seine Schöpfung besonders intensiv empfinde, wie ein tiefes, ruhiges Glücks­gefühl. ›Er erquicket meine Seele‹, (Psalm 23,3), heißt es in meinem Lieblingspsalm. Aber auch in schweren Zeiten ist mein Vertrauen in Gott mein sicheres Geländer. ›Und ob ich schon wanderte im finstren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir‹. (Psalm 23,4) Besser kann ich es nicht ausdrücken.«

Nele Neuhaus, Bestsellerautorin aus dem Vordertaunus, ist vor allem mit ihren Kriminalromanen wie »Eine unbeliebte Frau« und »Schneewittchen muss sterben« bekannt geworden. Mehrere ihrer Bücher wurden verfilmt. Außerdem schreibt sie auch Jugendbücher und hat eine Stiftung, mit der sie Projekte zur Lese-, Schreib- und Sprachförderung von Kindern und Jugendlichen fördert. Ihr nächstes Buch »Sommer der Wahrheit« – diesmal kein Krimi – veröffentlicht sie im Juni 2014 unter ihrem Mädchennamen Nele Löwenberg.

Werner Tiki Küstenmacher. Foto: Wikipedia

Werner Tiki Küstenmacher. Foto: Wikipedia

Der Theologe und Karikaturist Werner Tiki Küstenmacher beschreibt seinen Glauben so: »Gott ist Mensch geworden. Das ist für mich der zentrale Inhalt unseres Glaubens. Deshalb denke ich mir manchmal bei Menschen (und das können natürlich auch Frauen sein): Ja, genau so hätte es Jesus sagen oder tun können. Dann fühle ich mich Gott nahe.«

Werner »Tiki« Küstenmacher ist evangelisch-lu­therischer Pfarrer und seit 1993 freiberuflicher Autor, Karikaturist und Moderator. Sein erfolgreichstes Buch, »Simplify Your Life«, erreichte mit über 40 internationalen Ausgaben eine Auflage von über vier Millionen.

Die irisch-amerikanische Sängerin Maite Kelly berichtet: »Ich glaube, am besten beschreiben kann ich es anhand der Geburt meiner beiden Töchter. Jedes Mal, als ich das Kind zum ersten Mal im Arm hielt und der erste Blickaustausch stattfand, blieb für mich die Zeit stehen. Das sind Momente, die man nie vergisst. Immer, wenn ich besondere zwischenmenschliche Begegnungen erleben kann, merke ich, dass ich mich in dieser Situation Gott nahe fühle. Es sind Augenblicke im Alltag, wenn mir die Bäckereiverkäuferin zuzwinkert und alles Gute wünscht. Eine liebevolle Geste oder ein ermutigender Spruch, das sind Momente, in denen ich mich Gott nah fühle.

Maite Kelly. Foto: Pressefoto

Maite Kelly. Foto: Pressefoto

Ihr Tipp, wie man Gott nahekommen kann: Als ich den Glauben in der katholischen Kirche für mich gefunden habe, habe ich gemerkt, dass Gott nicht viel von mir verlangt. Er erbittet nur eines: dass ich versuche, ein bisschen besser und ein bisschen mehr zu lieben. Ich merke, wenn mir das etwas besser gelingt, dass ich ihm damit nah bin.

Er ist eigentlich immer bei mir und mir immer nah. Die Frage ist meistens, bin ich ihm nah?
Ich glaube, indem man nah an den Mitmenschen ist, ist man nah bei Gott. Das ist der beste Weg, Gott nah zu sein und ihn zu lieben.«

Maite Kelly ist das zweitjüngste Kind der Kelly Family. Seit 2007 ist sie erfolgreich mit Soloprogrammen und als Musical-Sängerin unterwegs. Im letzten Jahr erschien ihr drittes Soloalbum »Wie ich bin«.

www.evangelisch.de

Wenn Sorgen sich breitmachen

26. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Bibel gibt Tipps, wie man sich in Bedrängnis verhalten kann

Probleme überall, Menschen wollen Böses: Bedrängnis ist eine Grunderfahrung von Menschen aller Zeiten. Auch zu biblischer Zeit waren die Menschen unterschiedlichen Bedrängnissen ausgesetzt, durch feindliche Angriffe, Übergriffe der Mitmenschen und Leid aller Art. Die Gläubigen waren überzeugt: Gott selbst kann für Bedrängnis sorgen, die Menschen aber auch wieder davon befreien.

Foto: drubig-photo/fotolia.com

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Paulus betont, dass das Ertragen von Bedrängnissen Geduld und Hoffnung fördern könne.

»Gott, sei mir gnädig, denn Menschen stellen mir nach; täglich bekämpfen und bedrängen sie mich«, fleht ein Psalmbeter. Ein anderer hofft: »Gott zerstreut die Gebeine derer, die dich bedrängen.« Dass Gott es ist, der aus aller Bedrängnis befreit, auch wenn es zunächst oft nicht so aussieht, davon ist auch Hiobs Freund Elihu überzeugt und meint: »Den Elenden wird er durch sein Elend erretten und ihm das Ohr öffnen durch Trübsal.« (Psalm 56,2, 53,6, Hiob 36,15)

Zitat: »So reißt er auch dich aus dem Rachen der Angst in einen weiten Raum, wo keine Bedrängnis mehr ist.« (Hiob 36,16)

Vom unterschiedlichen Umgang der Menschen mit der Botschaft vom Reich Gottes erzählt Jesus im Gleichnis vom Sämann und erklärt anschließend: »Bei dem aber auf felsigen Boden gesät ist«, der hört zwar vom Reich Gottes und ist zunächst begeistert, doch sobald er in Bedrängnis gerät, gerät er gleich ins Straucheln: Denn »er hat keine Wurzeln in sich, sondern er ist wetterwendisch? …«. (Matthäus 13,20 f.)

Zitat: »… wenn sich Bedrängnis oder Verfolgung erhebt um des Wortes willen, so fällt er gleich ab.« (Markus 4,17 b)

Eines Tages kam David nach Ziklag zurück und stellte fest, dass die Stadt von den gegnerischen Amalekitern eingenommen worden war. Seine Frauen und Kinder befanden sich in Gefangenschaft. »David geriet in große Bedrängnis, weil die Leute ihn steinigen wollten; denn die Seele des ganzen Volks war erbittert.« Doch David verzweifelte nicht, sondern »stärkte sich in dem Herrn, seinem Gott«. Er befragte Gott nach seinen Sieges-Chancen, jagte den Feinden nach und besiegte sie.

Zitat: »David geriet in große Bedrängnis, weil die Leute ihn steinigen wollten.« (1. Samuel 30,6 ff.)

Paulus hielt es nicht unbedingt für negativ, Bedrängnisse ertragen zu müssen. Er selbst jedenfalls schämte sich der Bedrängnisse nicht, in die er geraten war, und betont sogar: »Wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen.« Gar nicht so einfach, das in schwierigen Situationen vor Augen zu behalten.

Zitat: »Wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt.« (Römer 5,3 ff.)

Der Verfasser des zweiten Thessalonicherbriefes lobt die Gemeinde für ihre Geduld in allen Bedrängnissen und Verfolgungen und verspricht Gerechtigkeit bei Gott am Ende der Zeit: »Denn es ist gerecht bei Gott, mit Bedrängnis zu vergelten denen, die euch bedrängen«, ist der Verfasser überzeugt, »euch aber, die ihr Bedrängnis leidet, Ruhe zu geben mit uns, wenn der Herr Jesus sich offenbaren wird vom Himmel her.«

Zitat: »Denn es ist gerecht bei Gott, mit Bedrängnis zu vergelten denen, die euch bedrängen.« (2. Thessalonicher 1,6 ff.)

Auch im zweiten der sieben Sendschreiben der Offenbarung wird den Menschen Mut zugesprochen, Bedrängnisse durchzustehen. Dort heißt es: »Dem Engel der Gemeinde in Smyrna schreibe: Ich kenne deine Bedrängnis … Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.« (Offenbarung 2,8)

Uwe Birnstein

Zahlenmystik und Tetraphobie

12. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Anmerkungen zur Jahreszahl: Von fehlenden Stockwerken, Nothelfern und einem die Zahlen liebenden Komponisten

Das neue Jahr trägt die – im Vergleich zur angeblich Unglück verheißenden 13 – unscheinbare 14 im Namen. Doch auch diese Zahl ist nicht »ohne«.

Tetraphobie, die Angst vor Zahlen, in denen die Vier vorkommt, ist in ostasiatischen Ländern weit verbreitet. In vielen asiatischen Sprachen klingt das Wort für die Zahl Vier nämlich sehr ähnlich wie das Wort für Tod. Die 14 jedoch ist noch unbeliebter als die Vier. Denn Eins und Vier zusammen klingen in diesen Sprachen wie die Drohung, bald sterben zu müssen. In vielen öffentlichen und privaten Gebäuden werden die Hausnummer 14 oder der 14. Stock daher einfach ausgelassen. Weil die Asiaten vorsorglich auch noch die aus dem Westen stammende Abneigung gegen die 13 berücksichtigen, fahren Fahrstühle in Hongkong oder Singapur vom 12. meist direkt in den 15. Stock. Außerdem findet man in Hotels oft keine Zimmer mit der Nummer 14 und bei größeren Familienfeiern fehlt die Tischnummer 14.

Himmlische Gegenstücke: 14 Engel und Nothelfer

Auch die alten Babylonier verbanden mit der Zahl 14 eher düstere Vorstellungen. Man glaubte an 14 böse Dämonen und stellte sich vor, die Unterwelt habe 14 Tore. Außerdem wurde Nergal, der Sonnenhitze, Brände und Seuchen bringende Gott der Unterwelt, von 14 sogenannten Nothelfern in sein Reich begleitet.

Foto: Fotomek@Fotolia.com

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Als Gegenstück dazu kann man die 14 himmlischen Helfer betrachten, von denen im Christentum manchmal die Rede ist. So heißt es in einem alten Kindergebet: »Abends, wenn ich schlafen geh, / vierzehn Engel um mich stehn: / zwei zu meinen Häupten, / zwei zu meinen Füßen, / zwei zu meiner Rechten, / zwei zu meiner Linken, / zweie die mich decken, / zwei die mich wecken, / zweie die mich weisen / in das himmlische Paradieschen.«

Sieben mal zwei Schutzengelchen für die Nacht – in diesem Text zeigt sich nicht nur die Romantik in recht kitschiger Ausprägung, sondern es wird auch deutlich, was die 14 für Zahlenmystiker so besonders macht. In ihr steckt zweimal die Sieben, eine Zahl, die für Vollkommenheit und Heiligkeit steht. Wo gleich zweimal sieben Helfer sind, kann also gar nichts mehr schiefgehen.

So sind es auch 14 heilige Nothelfer, an die sich die Katholiken wenden, wenn sie in Bedrängnis sind. Noch populärer als sie seit dem 9. Jahrhundert schon war, wurde die Anrufung dieser Nothelfer aufgrund einer Legende. Danach sollen Mitte des 15. Jahrhunderts einem oberfränkischen Schäfer 14 Gestalten erschienen sein, die sich als die 14 Nothelfer bezeichneten und den Bau einer Kapelle an ihrem Erscheinungsort verlangten.

An diesem Ort befindet sich heute die vom Barockarchitekten Balthasar Neumann entworfene bekannte Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen.

Der Komponist Johann Sebastian Bach hatte eine Vorliebe für Zahlenspielereien und für ein Verfahren namens Gematrie, bei dem Worte und Buchstaben nach bestimmten Schlüsseln in Zahlen umgewandelt werden, um daraus tiefere Bedeutungen und Zusammenhänge abzuleiten. So finden sich in vielen seiner Stücke zahlensymbolische Anspielungen. Eine besondere Vorliebe hatte er jedoch für die Zahl 14, mit der er sich häufig selbst darstellte. Ordnet man den Buchstaben des Namens Bach nämlich Zahlen zu, die sich aus der Position der Buchstaben im Alphabet ergeben, und addiert sie, ergibt sich die Zahl 14.

Bach legte Wert auf 14 Knöpfe am Mantel

Mit dieser Zahl spielte er gerne. Er versteckte sie in seinen Noten und in seinem Wappen, das 14 verdickte Schnörkelenden an den Buchstaben J, S und B zeigt. Er ließ sich mit 14 Knöpfen an seinem Anzug porträtieren und wartete so lange auf die Aufnahme in die »Correspondierende Societät der Musicalischen Wissenschaften«, bis er als 14. eintreten konnte. Manche Interpreten wollen in seinen Werken sogar komplexe, zahlenmystisch verschlüsselte religiöse Botschaften entdeckt haben – vieles davon ist aber sicher nur Wunschdenken.

Einen so prominenten Stellenwert wie beispielsweise die Sieben hat die 14 in der Bibel nicht. Als Zahl des Mondes aber, die die Anzahl der Tage vom Halbmond zum Vollmond beschreibt, diente sie den Menschen, die sich am Mondkalender orientierten, schon damals als Zeitangabe.

Die Vorbereitungen für eines der wichtigsten jüdischen Feste, das Pessachfest, beginnen bis heute am 14. Tag des ersten Monats im religiösen Kalender, am sogenannten Rüsttag. Denn Gott hatte Mose und Aaron geboten: Es »nehme jeder Hausvater ein Lamm. … Von den Schafen und Ziegen sollt ihr’s nehmen und sollt es verwahren bis zum vierzehnten Tag des Monats. Da soll es die ganze Gemeinde Israel schlachten gegen Abend« (2. Mose 12,3ff).

Außerdem sind es 14 Frauen, die das Alte Testament als schön bezeichnet; darunter auch Abrahams Frau Sara und Isaaks Frau Rebekka, die sich ihren Männern zuliebe als deren Schwestern ausgeben mussten, weil diese fürchteten, sie könnten der Schönheit ihrer Frauen wegen umgebracht werden.

Auch im Stammbaum König Davids, aus dessen Wurzeln Jesus hervorging, spielt die Zahl 14 – vermutlich als Steigerung der vollkommenen Sieben – eine Rolle. Der Evangelist Matthäus kommentiert diesen Stammbaum so: »Alle Glieder von Abraham bis zu David sind vierzehn Glieder. Von David bis zur babylonischen Gefangenschaft sind vierzehn Glieder. Von der babylonischen Gefangenschaft bis zu Christus sind vierzehn Glieder« (Matthäus 1,17).

Und wer im Jahr 2014 nicht alles bitter ernst nehmen will, der findet im apokryphen Buch Sirach im Kapitel 14, Vers 14 einen guten Rat fürs neue Jahr: »Versäume keinen fröhlichen Tag, und lass dir die Freuden nicht entgehen, die dir beschieden sind.«

Sonja Poppe

Esels Ohr auf halb sieben

24. Dezember 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Sabine Hoffmann

Auf mich hört ja keiner! Ich bin ja nur die Schwiegermutter. Abgeschoben hat man mich. In einen Verschlag nahe dem Stall. Weil ich nichts mehr kann und nur noch Ballast bin. Aber jahrzehntelang die Wäsche machen in der Herberge und in der Küche die Töpfe putzen. Das durfte ich. Mein lieber Herr Schwiegersohn denkt, er macht alles richtig. Aber diesmal hat er mal wieder nicht so weit gedacht, wie ein kleines Kind springen kann. Zuerst hörte ich immer nur dieses Wimmern und Klagen. Zuerst dachte ich: Wieder diese Bettler, die ein wenig Brot zur Nacht wollen. Meine Ohren sind ja nicht mehr so gut. Aber dann war das Klagen doch zu weinerlich. Nur wegen Brot so ein Aufstand, das konnte nicht sein!

In meinem Verschlag nahe am Stall sehe ich die Tür zur Herberge nicht. Die Neugier trieb mich auf die alten Beine und ich humpelte zur Stalltür. Da sah ich die beiden. Er war ein einfacher Mann, der seine Frau stützte. Und jetzt sah ich auch warum. Die Frau keuchte und japste, der Bauch war nicht zu übersehen. Sogar ich mit meinen alten Augen sah den bebenden Leib. Da war ganz eindeutig ein Kindlein unterwegs und nicht erst in ein paar Monaten. Was schleppt der Mann denn seine hochschwangere Frau durch die Weltgeschichte! Da bleibt man doch zu Hause.

Foto: openlens – fotolia.com

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Diesmal tat mein Schwiegersohn recht daran, dass er die beiden abwies. Wer soll denn bitteschön diese Schweinerei wegmachen? Ein Lamm schlachten ist dagegen gar nichts. Ist die Herberge denn ein Hospital? Auf dem Bett will doch keiner mehr schlafen! Wer ersetzt uns denn den Schaden? Nein, da hatte er mal ausnahmsweise recht.

Aber er hatte ein Erbarmen. Er zeigte zum Stall. Schnell humpelte ich in meinen Verschlag zurück und schob die Decke vor. Die sollten sich ja nicht einbilden, ich mache da noch die Hebamme. Kluge Ratschläge habe ich in meinem Leben genug gegeben. Und was ist der Dank? Ein Verschlag hinten am Stall. Ich war auch meist alleine bei den Geburten und habe mich nicht so geziert.

Bei dem Gelärme wurden die Tiere ganz unruhig. Nur der Esel stand ruhig. Ist halt der Esel. Die sind töricht, wenn es ihnen passt. Zuerst weiß das Dummchen nicht, wie sich legen. Und ob überhaupt. Der Mann ist ja auch keine Hilfe. Wie denn auch, er ist ein Mann. Ein Glück, dass er nicht noch Hilfe bedurfte. Aber irgendwie schaffte sie es. Das war ein Gestöhne. Endlich klatscht da was ins Stroh und gleich hört man es schreien.

Ich sage es ungern, aber da hüpfte mein Herz schon. Neun Monate schleppt man da was im Leib herum, man weiß nicht, was es ist, ob es einen zerreißt und ob man es später satt bekommt. Aber wenn es dann da ist – unbeschreiblich. Ach, da heulten sie beide, Arm in Arm, mit dem Kindchen. Ich wischte mir auch drei Tränen weg, aber mehr waren es wirklich nicht gewesen.

Der Esel trat an das Trio heran und schnupperte ganz vorsichtig. Sonst immer der Tölpel, aber jetzt ganz elegant. Einfach mal so eine Geburt mitzuerleben, das ist schon ein Erlebnis. Mir wurde richtig blümerant. Nur vom Zuschauen. Irgendwie rennt einem da das eigene Leben durch den Kopf. Sieben Kinder habe ich geboren, vier davon sind noch im Kindbett gestorben. Da war das Nächste schon im Bauch unterwegs. Es blieb keine Zeit zum Trauern.

Kinder sind schon was Schönes. Warum lebt man sonst? Mein Mann war gut und hatte goldene Hände. Ein Stück Holz und er baute daraus Bett und Truhe. Der Ackerboden warf das ab, was wir brauchten, hungern mussten wir nicht. Meine älteste Tochter hat mich zu sich geholt als er starb. Die Söhne sind weit fort. Habe keinen mehr gesehen. Die erste Zeit in der Herberge von meinem Schwiegersohn war schwer. Mein Mann hat mir gefehlt. Da nützt die Tochter nichts. Vielleicht habe ich zu viel geschimpft und mich immer eingemischt. Aber was macht mein Schwiegersohn auch immer für Dusseleien! Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. Da kann man doch nicht ruhig sein. Der Mund ist zum Reden da, nicht nur zum Essen. Jedenfalls bei mir ist das so. Die Tochter sagte dann immer: »Mutter, gib Ruh.« Nun ja. Sie stand zu ihrem Mann. Habe ich aber keine Ruh gegeben. Und irgendwann reichte es dem Schwiegersohn. Er wies mir den Anbau am Stall zu und verbot mir das Haus.

Dreimal am Tag kommt die Tochter mit Essen und schaut nach mir. Jetzt laufen mir schon wieder die Tränen, diese fremden Leute machen mich noch ganz kirre. Ich bin doch sonst nicht so. Das Baby schmatzt jetzt schon an der Brust und eigentlich würde ich schon gern wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Ich tippe auf Junge. Ist ein ziemlicher Brocken. Es ist so ruhig im Stall. So friedvoll. Also, die Schafe können ganz schön spinnen. Wenn mal ein Lamm geschlachtet wird, dann blökt die Mutter drei Tage. Und alle anderen im Chor. »Böhhh. Böhhh.« Und drei Nächte dazu. Bis es dem Esel zu viel wird und er selber schreit. Dann geben die Schafe Ruhe. Aber jetzt ist es still und irgendwie komisch. Sie sollen das Baby nur ja gut einwickeln.

Die Schafe scharen sich jetzt um die drei. Sonst sind sie Angsthasen in Person. Mir soll es recht sein. Die Schafe wärmen gut. Der Esel posiert am Kopf der Frau. Das eine Ohr hängt auf halb sieben, das andere steht aufrecht wie ein Soldat. Na, das ist ein Bild. Jetzt kichere ich leise vor mich hin. Das habe ich seit Jahren nicht mehr gemacht. Mit meinem Mann habe ich gelacht. Da wackelte das ganze Haus. Aber später konnte ich nicht mehr. Meine Tochter hat keinen Humor, die hat nur Verständnis. Und mein Schwiegersohn hat Humor, aber den will ich nicht. Mit dem Humor ist das so eine Sache.

Vielleicht schaut meine Tochter später noch vorbei. Und wenn ich Lust habe, erzähle ich ihr von dem Bild mit dem Esel und der Frau. Vielleicht lacht sie dann auch. Sie kann dann gleich Milch und Suppe bringen. Die sollen sich nicht so haben. Suppe ist immer genug da. Und Milch auch. Wenn ich so drüber nachdenke, es ist bestimmt besser, dass das Kindchen im Stall zur Welt gekommen ist. In der Herberge sind manchmal harte Gesellen. Die haben kein Gefühl. Hier im Stall ist es doch gut.

Jetzt habe ich den Namen gehört: Jesus. Ich wusste es – ein Junge. Jona wäre mir ja persönlich lieber, aber mich fragt ja keiner. Mir wird richtig warm ums Herz. Irgendwie komisch. Da sind wildfremde Leute. Die kriegen ein Kind. Vor meinen Augen. Und mir laufen die Tränen, als ob ich Zwiebeln schäle. Das kann nur ein Zeichen sein. Wenn mein Schwiegersohn kommt und sie verscheuchen will, dann werde ich ihm aber …! Man kann sie nicht wegjagen. Es ist irgendwie etwas Heiliges darum.

Von Splittern und Balken im Auge

20. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Was die Bibel zu unserem Sehorgan sagt

Auge um Auge, Zahn um Zahn« – das Bibelzitat wirkt zunächst grausam. Ist es eine Aufforderung, Gewalt mit Gegengewalt zu vergelten? Ursprünglich sollte dieser Spruch die Gewalt eindämmen. Erlittenes Unrecht sollte nur durch eine gleich schwere Bestrafung des Gegners vergolten werden. Es sollten keine noch grausameren Taten begangen werden: »Wie er einen Menschen verletzt hat, so soll man ihm auch tun.« Jesus ging einen Schritt weiter. Er forderte dazu auf, überhaupt nicht zurückzuschlagen. Konnte der Gegner so vielleicht zum Nachdenken bewegt werden? »Ihr habt gehört, dass gesagt ist: ›Auge um Auge, Zahn um Zahn.‹ Ich aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel, sondern: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.« (3. Mose 24,20, Matthäus 5,38f.)

Die Fehler anderer fallen einem schnell auf. Die manchmal viel größeren eigenen Schwächen übersieht man lieber. Das wusste auch Jesus und fragte: »Wie kannst du sagen zu deinem Bruder: Halt, ich will dir den Splitter aus deinem Auge ziehen?, und siehe, ein Balken ist in deinem Auge.« Was also tun? »Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge; danach sieh zu, wie du den Splitter aus deines ­Bruders Auge ziehst«, rät Jesus. (Matthäus 7,3-5)

Begehrlichkeiten werden oft durch das geweckt, was wir mit den Augen sehen. Jesus schlägt eine radikal ­klingende Lösung vor, um von den Versuchungen loszukommen. »Wenn dich aber dein rechtes Auge zum Abfall verführt, so reiß es aus und wirf’s von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle geworfen werde.« Auch für diejenigen, die sich nicht gleich die Augen ausreißen wollen, gilt also: Wehret den Anfängen. (Matthäus 5,29)

Bildnachweis: rangizzz-Fotolia.com

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»Wer ein gütiges Auge hat, wird gesegnet; denn er gibt von seinem Brot den Armen.« Seine Augen nicht zu verschließen, kann Auswirkungen auf das eigene Wohl haben. Das wusste auch Jesus: »Das Auge ist das Licht des Leibes. Wenn dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein.« (Sprüche 22,9, Matthäus 6,22)

Die schönen Augen seiner Freundin Sulamith bringen Salomo zum Schwärmen: »Siehe, meine Freundin, du bist schön; schön bist du, deine Augen sind wie Taubenaugen.« Verliebt gesteht er ihr, wie sehr sie ihn ­bezaubert: »Du hast mir das Herz ­genommen, meine Schwester, liebe Braut, du hast mir das Herz genommen mit einem einzigen Blick deiner Augen.« Ihre Augen betören ihn so, dass er nicht mehr klar denken kann: »Wende deine Augen von mir, denn sie verwirren mich.« Kurz darauf schwärmt er weiter: »Dein Hals ist wie ein Turm von Elfenbein. Deine Augen sind wie die Teiche von Heschbon.« (Hoheslied 1,15)

»Der Herr ist in seinem heiligen Tempel, des Herrn Thron ist im Himmel. Seine Augen sehen herab, seine Blicke prüfen die Menschenkinder«, meint ein Psalmbeter. Augen wie Menschen und Tiere hat Gott sicher nicht. Irgendwie muss er aber mitbekommen, was auf seiner Erde vor sich geht. Die Bibel betont: »Die Augen des Herrn sind an allen Orten, sie schauen auf Böse und Gute.« (1. Mose 6,11, Sprüche 15,3, Psalm 11,4, 2. Chronik 16,9)

Die Sprüche Salomos empfehlen, die Augen immer offenzuhalten: »Lass deine Augen stracks vor sich sehen und deinen Blick geradeaus gerichtet sein«, lautet seine Mahnung. Mancher bindet sich durch Versprechen an andere. Dann solle man nicht die Augen verschließen und untertauchen, rät die Bibel. Man solle sich aus der Verpflichtung befreien: »Geh hin, dränge und bestürme deinen Nächsten! Lass deine Augen nicht schlafen noch dei­ne Augenlider schlummern.« (Sprü­che 4,25, 6,4)

Uwe Birnstein

Mehr als Äpfel und Kartoffeln

8. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ernte-Dank: Wenn die Bibel von Ernte spricht, dann ist oft anderes gemeint als Feldfrüchte

Alle Jahre wieder: Unsere Kirchen werden wunderbar geschmückt! In den Dörfern bringen die Menschen, die das »Leben auf der Scholle« noch kennen, dankbar ihre Gaben aus Garten und Feld in die Gemeinden. Und in den Städten werden die Supermärkte nach BIO-Gemüse durchsucht, um für die Ausschmückung der Kirche einen adäquaten Schmuck ­beisteuern zu können. Viele unserer Kirchen verwandeln sich dank des enormen Engagements unserer Gemeindeglieder in liebevoll gestaltete Abbilder einer wunderbaren Schöpfung.

In Medien und Kirchennachrichten tauscht man sich über »biologischen oder nichtbiologischen Anbau« von Kartoffeln etc. aus oder diskutiert die Frage, ob der Genuss von Fleisch für Christen okay ist. Ja es ist Erntedankfest, das Highlight des Jahres, um sich mal wieder über Ernährungsgewohnheiten und den sachgerechten Umgang mit der Schöpfung einen Kopf zu machen. Zu Recht!

Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende. Matthäus 9,37-38. Foto: ARTENS – Fotolia.com

Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende. Matthäus 9,37-38. Foto: ARTENS – Fotolia.com

Doch die Bibel verwendet »Ernte« eben nicht nur für das Einbringen der Feldfrüchte, vielmehr reden die Propheten des Alten Bundes genauso wie der Stifter des Neuen von der »Ernte von Menschen«. Jesus hält lange Reden darüber, wie denn diese »Ernte am Tag des Herrn« aussehen mag und er schreibt seinen engsten Mitarbeitern ins Poesiealbum: »Bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.« (Matthäus 9,38, Lukas 10,2)

Jesus geht es darum, dass Menschen durch ihn und seine Mitarbeiter den Weg zu Gott als Vater, Freund und Schenker ewigen Lebens finden und er macht kein Hehl daraus, dass sich dies in seiner Gemeinde, unter seinen Nachfolgern abspielt. Wenn er also von Ernte redet, dann meint er damit die Antwort auf die Frage: Wen habt ihr mit meiner Frohen Botschaft erreicht, wer hat sein Leben geändert und ist Teil meiner Gemeinde geworden?

Mich macht es traurig, dass wir in unseren Landeskirchen von dieser Ernte im Sinne von Jesus immer weniger reden. Wir finden uns damit ab, dass wir weniger werden und benennen durchaus plausible Gründe dafür: die Demografie, den Wertewandel und die Emanzipation einer postmodernen Gesellschaft. In Pfarrkonventen und Mitarbeiterbesprechungen wird das Wort Ernte im Sinne der Neu- oder Wiedergewinnung von Menschen für Jesus und unsere Gemeinden gern ausgespart, weil wir ja »nicht auf Zahlen schauen« wollen.

Jesus ist da anders. Er tut es. Er geht Menschen nach, er fordert seine Mitarbeiter auf, Jünger/Nachfolger zu »machen« (Matthäus 28,19) und hat dabei ebenso wenig ein schlechtes Gewissen wie der Schreiber der Apostelgeschichte als er von den Missionserfolgen der ersten Gemeinden berichtet.

Wir hingegen tun uns schwer damit, darüber zu reden, ob und wie unsere Gemeinden wachsen. Es gibt keine konsequente Aufarbeitung zurückgehender Gemeindegliederzahlen außer der, dass es alle paar Jahre eine »Strukturanpassung« gibt, in der dann die Stellen der Verkündigungsdienstmitarbeiter zusammengestrichen werden.

Jeder Landwirt ist angehalten, seine jährliche Ernte genau zu benennen und niedrigeren Erträgen im kommenden Jahr mit strategischen Entscheidungen für eine bessere Ernte entgegenzusteuern. Tun das ­unsere Kirchengemeinderäte und Kirchenvorstände? Passiert das in Kirchen­bezirks- und Landessynoden? Erarbeiten wir Konzepte für eine »bessere Ernte«? Meine Beobachtung ist: Flächendeckend tun wir das nicht, eher sogar noch auf »höheren Ebenden« als in den Gemeinden vor Ort!

Unserem »Gemeindeführungspersonal« – gut ausgebildet und meist hoch motiviert – wird nur wenig Evaluation und Innovation abverlangt. Eine Auswertung rückläufiger Zahlen in der Gemeindearbeit geschieht nur bedingt und Wachstum gegen den Trend erfährt schnell Beargwöhnung.

Dabei bedeutet eine ehrliche Auseinandersetzung mit diesen Fragen kein kapitalistisches Wirtschaftsdenken, sondern eine zutiefst geistliche Ausrichtung der Gemeindearbeit: Traue ich a) Gott zu, dass er auch heute noch Menschen mit dem Evangelium erreichen kann und streben unsere Gemeinden b) nach einem Umfeld, in dem das in der Postmoderne möglich ist?

Da ich ahne, dass meine Zeilen auch Widerspruch hervorrufen, lade ich uns alle trotzdem weiter zum Gebet ein, dass »der Herr der Ernte« nicht nur Arbeiter in diese sende, sondern dass er eine Ernte im beschriebenen Sinne in Mitteldeutschland wieder schenken möge.

Jens Buschbeck

Der Autor ist Pfarrer in Zwickau.

Höhen und Tiefen durchlebt

17. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Erinnert: Country-Sänger Johnny Cash – In seinen Liedern geht es um Verstrickung, Sünde und Vergebung

Vor zehn Jahren starb der Country-Star Johnny Cash. Das Leitmotiv seines Lebens und Werks war der feste Glaube an göttliche ­Erlösung.

Manchmal bin ich zwei Personen: Johnny ist der Nette, und Cash macht all den Ärger. Sie kämpfen miteinander!« Der Musiker, der am 12. September 2003 mit 71 Jahren starb, war ein Mensch mit zwei Gesichtern. Hier die populäre Country-Ikone, ein Hüne mit markantem Bassbariton und einem missionarischen Glauben. Dort der raue Rebell, launische Egoist und Drogensüchtige, der mit dem Gesetz in Konflikt kam, mit Schuldgefühlen, Depressionen und Schmerzen rang, sich umbringen wollte, seine Vorsätze verriet und längst am Ende schien.

Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt

Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt: Cash hat alle Höhen und Tiefen durchlebt. Sein geliebter Bruder Jack stirbt jung einen schrecklichen Unfalltod, und der gewalttätige Vater gibt Johnny die Schuld daran. Die erste Ehe zerbricht am kometenhaften Ruhm, endlosen Tourneen und ungezügelter Tablettenabhängigkeit. Dann wieder schicksalhafte Fügungen. June Carter, die er 1968 heiratet, ist die Liebe seines Lebens, eine Seelenverwandte, ein fester Halt. Auch dank ihr entbrennt sein Glaube neu – er studiert die Bibel, nimmt Gospel-Alben auf und produziert 1973 einen Jesus-Film, in dem er als Erzähler sowie June als Maria Magdalena mitwirken – laut eigener Aussage das »wichtigste Projekt« seines Lebens. Seit Anfang der 70er tritt Cash nur noch als »Man in Black« auf – mit seiner schwarzen Kleidung trauert er um die Armen, Vergessenen – und auch um die, »die Gottes Wort nicht kennen oder hören wollen«. Später schreibt Cash, der durch June und seinen Halt im Glauben seine Süchte in den Griff bekommen hat, einen Roman über den Völkerapostel Paulus (»Der Mann in Weiß«), mit dessen Wandlung, Heilserfahrung und Missionsbereitschaft er sich identifiziert.

Johnny Cash bei einem Konzert im Jahr 1994.. Foto: picture-alliance/ dpa

Johnny Cash bei einem Konzert im Jahr 1994.. Foto: picture-alliance/ dpa

Doch nach neuen Hits und einer eigenen Fernsehshow beginnt sein Stern Mitte der 70er langsam zu sinken – in der Countryszene setzt man auf neue, seichtere Töne. Der »Man in Black« mit seinen ernsten Liedern von Liebe, Gott, Verbrechen und Gerechtigkeit wird zum Auslaufmodell – und steht ­irgendwann ohne Plattenvertrag dar.

Da nimmt sein Leben eine weitere ungeahnte Wendung: der gerade mal 30-jährige Rick Rubin, zottelbärtiger Gründer der durch Rap- und Hardrock-Alben bekannten Plattenfirma »American Recordings«, spricht Cash 1993 an und bittet, ihn produzieren zu dürfen. Akustisch, nur mit Gitarre, aufs Wesentliche reduziert – Lieder, die dem Musiker am Herzen liegen, eigene und fremde Songs, die zu seinem düsteren Mythos passen. Rubin sei für den damals 62-Jährigen ein Geschenk des Himmels gewesen, »wie ein Engel, der in sein Leben herabkam«, sagt Cash-Tochter Rosanne. Das Ergebnis – eine kleine Auswahl aus 218 Studio-Aufnahmen – klang so eindringlich, so klar und authentisch, dass die schlicht »American Recordings« genannte Platte das wohl größte Comeback der Musikgeschichte einleiten sollte.

Dass sie nicht nur von Kritikern hochgelobt, sondern auch und gerade von vielen jungen Leuten außerhalb der Country-Szene geliebt wurde, ist ein kleines Wunder – auch, weil das Leitmotiv so uncool daherkommt: Es geht um Verstrickung in Sünde und Schuld – und die Hoffnung auf göttliche Vergebung. »Redemption«, Erlösung, ist denn auch eines der eindrucksvollsten Stücke. Als Cash das Lied 1994 in Montreux singt, herrscht stille Ergriffenheit. Er sagt: »Wenn es keine Vergebung gäbe, wäre ich jetzt nicht hier!« Schuld und Erlösung – dieses Themenfeld sollte auch die fünf weiteren »American«-Alben dominieren.

Ein Vermächtnis, das zu Tränen rührt

Mit weiter spärlicher Instrumentierung arrangiert Cash alte Lieder neu oder macht sich moderne Stücke zu eigen – wie »Personal Jesus«: Von »Depeche Mode« als Wunderheiler-Verulkung gedacht, macht der Baptist ein Zeugnis persönlicher Gottesbeziehung daraus und wirbt für einen Glauben, der greifbar real ist: »Reach out and touch faith!« Und bei »Hurt«, das in der Ursprungsversion der »Nine Inch Nails« vom Elend eines Heroin-Junkies erzählt, reflektiert Cash gegenüber Gott, seinem »süßesten Freund«, über Sterblichkeit, Einsamkeit und die Schmerzen, die seinen Körper unablässig peinigten. In »Meet Me in Heaven«, der Grabinschrift seines Bruders, zeigt er sich überzeugt von einem Wiedersehen nach dem Tod, und »The Man Comes Around« (Wenn der Herr wiederkommt) bereitet mit apokalyptischer Metaphorik aufs Jüngste Gericht vor.

Der erfolgreichste und erst posthum erschienene fünfte Teil der »American Recordings« entsteht zwischen dem Tod seiner geliebten June im Mai 2003 und dem eigenen vier Monate später. Fast blind und im Rollstuhl sitzend bittet Cash den Produzenten, ungeachtet der Umstände weiterzumachen: »Gib mir zu arbeiten. Wenn ich an June denke, sterbe ich!« Mit brüchiger, aber würdevoller Stimme und im Wissen, dass ihm nur wenig Zeit bleibt, singt der Schwerkranke zwölf Lieder über Rückblick, Dankbarkeit, Tod und Erlösung – ein Vermächtnis, das zu Tränen rührt. »Mit demütigem Herzen und gebeugten Knien flehe ich Dich an: Bitte, hilf mir. Steig von Deinem goldenen Thron tief herunter zu mir – ich brauche die Berührung Deiner sanften Hand!« (»Help Me«). Und mit Blick auf June: »Eines sonnigen Morgens werden wir auferstehen, und dann treffe ich Dich wieder – ein Stück weiter die Straße hoch« (»Further on up the Road«). Tief anrührend auch ein Lied, das man im Wissen um Cashs düstere Zeiten nur als demütiges Credo verstehen kann: »Ich begann an eine Macht zu glauben, die viel größer ist als ich / ich kam zu der Einsicht, dass ich Hilfe brauchen würde, um durchzukommen / in kindlichem Glauben lenkte ich ein und gab Ihm eine Chance. Und ich begann an eine Macht zu glauben, die viel größer ist als ich« (»I Came to Believe«).

Die Liebe überwindet den Tod

Cash war todkrank, einsam, unendlich traurig – aber er war mit sich, Gott und der Welt im Reinen, wie sein Sohn John Carter berichtet: »Er hatte einen Sinn, er hatte Glauben, und er hatte ohne sein Zutun einen Frieden, den Gott ihm schenkte. Ich glaube, das war die Gnade in seinem Leben, und darin lag die Erlösung.« Der bibelfeste Christ, war fest überzeugt, dass die Liebe den Tod überwindet und den Weg freimacht für ein neues Leben. Das letzte Lied, das der Paulus-Bewunderer vor seinem Tod schrieb und das ihm besonders am Herzen lag, verdeutlicht dies mit einem Zitat aus dem 1. Korintherbrief: »Tod, wo ist dein Stachel? … Leben, du bist ein leuchtender Pfad – und die Quelle der Hoffnung wird auf ewig sprudeln, wenn mein Erlöser mich zu sich winkt«.

Tobias Wilhelm

Unsere Existenz – Gottes Treuebeweis

28. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Von der Treue im Kleinen und von Gottes großer Treue

Unübersehbar erinnert ein großes Transparent vom Kirchturm in Borna bei Leipzig an: »500 Jahre Martin Luther – 1517 – Thesenanschlag zu Wittenberg.« Das nenne ich »Treue«! Treue des Protestantismus. Unsere evangelische Kirche bekennt sich also bis heute zu den Protesten Luthers, die sich gegen Verzerrung und willkürliche Auslegung biblischer Lehren richteten. Luther weist auf die Bibel. Die Treue zur Heiligen Schrift bedeutete dem Reformator alles. Er war dafür bereit, in Worms sein Leben aufs Spiel zu setzen. Nur ein biblischer Gegenbeweis hätte ihn zum Widerruf bewegt. Welch Lehrstück!

Luther Treue zur Heiligen Schrift prägt den Protestantismus bis heute: Ein Relief am Sockel des Eislebener Lutherdenkmals zeigt den Reformator bei der Übersetzung der Bibel auf der Wartburg. Foto: Archiv

Luther Treue zur Heiligen Schrift prägt den Protestantismus bis heute: Ein Relief am Sockel des Eislebener Lutherdenkmals zeigt den Reformator bei der Übersetzung der Bibel auf der Wartburg. Foto: Archiv

Sein »Vierfaches Allein« prägen den Protestantismus wie den Pietismus bis heute: Allein die Gnade; Allein Jesus Christus; Allein der Glaube; Allein die Heilige Schrift.

Bei aller Positionssuche heute hat sich diese Lutherposition nicht geändert. Unter dem Wort »Treue« im Internet steht: »fest sein, sicher sein, vertrauen, hoffen, glauben, wagen«. Treue wird als eine Tugend bezeichnet, welche Verlässlichkeit einem anderen gegenüber ausdrückt.

In der revidierten Fassung der Lutherbibel von 1984 begegnet »Treue« im Guten etwa 220-mal, wobei die Treue Gottes überwiegt. Wie ein roter Faden zieht sie sich durch beide Testamente. Das »Lied des Mose« in 5. Mose 32,3/4, jubelt: »Denn ich will den Namen des Herrn preisen. Gebt unserm Gott allein die Ehre! Er ist ein Fels. Seine Werke sind vollkommen; denn alles, was er tut, das ist recht. Treu ist Gott und kein Böses an ihm, gerecht und wahrhaftig ist er.«

Treue in Familie und Gesellschaft

Paulus schreibt als erstes den Korinthern (1. Kor. 1,9): »Denn Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.«

Ein Treuebeweis Gottes ist unsere Existenz. Hätte Gott nicht allen Grund, die Geduld mit uns Menschen zu verlieren? Wie oft schenkte er uns eine »zweite Chance« und wie selten haben wir aus Erfahrung gelernt. In den Klageliedern Jeremias 3,22f heißt es: »Die Güte des Herrn ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu, und deine Treue ist groß.« Wir haben unser Leben der Treue Gottes zu verdanken!

Treue ist der biblische Qualifikationsmaßstab für Mitarbeiter. »Nun fordert man nicht mehr von den Haushaltern, als dass sie für treu befunden werden.« (1. Korinther 4,2) Dazu gehört die Treue im Alltag, im Miteinander der Familie, Gemeinde und Gesellschaft. »Wer im Geringsten treu ist, der ist auch im Großen treu; und wer im Geringsten ungerecht ist, der ist auch im Großen ungerecht.« (Lukas 16,10)

Als Junge musste ich einmal auf Anweisung meiner Mutter fünf Pfennige, die ich beim Wechseln vom Bäcker zu viel erhalten hatte, zurückbringen. Das war ein heilsames Lehrstück für mein ganzes Leben.

Die »Treue im Kleinen« ist ein Übungsfeld für große Aufgaben.

Zur Treue gehören noch andere göttliche Eigenschaften. Was wäre Liebe ohne Treue? Schwächelt die Liebe, stabilisiert die Treue oder umgekehrt. Schon Jakob bat seinen Sohn Josef ihn aus Liebe und Treue nicht in Ägypten zu begraben (1. Mose 47,29).

Als David seinen Gegner Saul zur Rede stellt, spricht er von Gerechtigkeit und Treue. Ein andermal von Barmherzigkeit und Treue oder von Gnade und Treue. Die Psalmen erzählen von Güte und Treue Gottes. Welch ein treuer Gott!

Wie lange hält er das durch? Wird unsere Untreue seine Treue begrenzen? Paulus klärt das: »Dass aber einige nicht treu waren, was liegt daran? Sollte ihre Untreue Gottes Treue aufheben? Das sei ferne!« (Römer 3,3/4a)

Dennoch gilt hier Dietrich Bonhoeffers Warnung von der »Billigen Gnade«. Jesus stand als Einziger zur Ehebrecherin, aber er sagte ihr auch: »Tu’s nicht wieder.« (Johannes 8,11)
Unmissverständlich steht in der Bibel: »Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.« (1. Johannes 1,9)

Hervorzuheben ist auch Gottes Treue zu seinem Wort und zu seinem Volk. »Denn der HERR wird sich über Jakob erbarmen und Israel noch einmal erwählen und sie in ihr Land setzen.« (Jesaja 14,1) – Welch eine Liebes­erklärung!

Weil Gottes Treue berechtigte Hoffnung bewirkt, abschließend ein Vers aus dem Hebräerbrief 10,23: »Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat.«

Stefan Püschmann

Der Autor lebt in Chemnitz. Vor dem Eintritt in den Ruhestand war er Referent im Sächsischen Jugendverband »Entschieden für Christus« des sächsischen Gemeinschaftsverbandes.

Das Kreuz tragen

5. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein modernes Gemälde ist derzeit in Dresden ausgestellt

Düsternis ist eingezogen in die Dresdner Kreuzkirche. Ein überdimensionales modernes Kreuzgemälde des britischen Künstlers Terry Duffy hängt bis zum Karsamstag über dem Altar. Es stößt ab – und es zieht an. Ungeschönt zeigt es das Grauen der Leiden ungezählter Opfer von ­Gewaltherrschaft und Unmenschlichkeit. Dieses Kreuz hat nichts Roman­tisches, nichts Verklärendes. Es zeigt die furchtbare Wirklichkeit: Ein verstümmeltes, verbranntes Kriegsopfer könnte es sein, das an Duffys Kreuz hängt. Ein entstelltes, verkohltes Gesicht, das stumm ins Leere schreit. Eine entmenschlichte Leichenhand, die starr zum Nachbarkreuz ausgreift – und es doch nicht erreicht. Das Opfer ist einsam, ausgeliefert, hinabgestoßen in das Reich des Todes.

Aus dem Gekreuzigten windet sich eine gekreuzigte Frau, deren Brüste könnten die verstümmelten Beine ­eines behinderten Kindes sein. Schemenhaft zeichnen sich überall weitere Kreuze ab.
»Das Kreuz ist ein Fenster in die Welt, in die Wahrheit der Not der Menschen, die Opfer von Krieg, gewalttätigen Konflikten, Missbrauch von Macht und Autorität geworden sind«, erklärt Terry Duffy, der das Kreuz vor 30 Jahren unter dem Eindruck schwerer sozialer Unruhen in Großbritannien schuf.

Bis Karsamstag hängt das Kreuzgemälde des britischen Künstlers Terry Duffy über dem Altar in der Dresdner ­Kreuzkirche. Foto: Steffen Giersch

Bis Karsamstag hängt das Kreuzgemälde des britischen Künstlers Terry Duffy über dem Altar in der Dresdner ­Kreuzkirche. Foto: Steffen Giersch

Sein Kreuz schreit auf im Namen all dieser Opfer. Das Kreuz ist die Wunde der Welt, für die Golgatha ein Name geworden ist. Im Kruzifix sind eingezeichnet die Entrechteten und Kaputtgemachten dieser Erde aller Zeiten. Nur manche kennen wir mit Namen: Die Geschwister Scholl und Dietrich Bonhoeffer, Gertrud Kolmar und Elisabeth Käsemann, Anne Frank und Martin Luther King, Matthias Domaschk und Oskar Romero.

»Opfer – keine Auferstehung?« – der Titel des Kreuzgemäldes Terry Duffys provoziert. Ist die tiefste Nacht der Menschheit ohne Morgen? Ist Golgatha ohne Emmaus? »Das Gemäl­de bietet keine leichte Lösung, keine Beruhigung«, sagt Duffy und ergänzt: »Das Kreuz war und ist ein realistisches ­Ereignis, kein bloßes Symbol.«
Der 64-jährige Künstler, der früher mit Joseph Beuys und John Cage zusammengearbeitet hat, will am Kreuz verharren, die nackte Brutalität aushalten. Die Auferstehung soll nicht einfach als automatische göttliche Antwort auf das Leiden erscheinen. Damit wir es uns nicht zu leicht machen. »Die Auferstehung ist kein gegebenes Recht, wir müssen für sie wirken«, sagt Duffy und fügt hinzu: »Wir müssen mehr für diejenigen tun, deren Leben viel schlimmer ist als unseres.«

Und so spricht aus seinem düsteren Kunstwerk doch der Glaube daran, befähigt und berufen zu sein, etwas vom Leid der Welt abzutragen. Die Dresdner Station seines Kreuzes soll zudem an Simon von Kyrene erinnern, der einst Jesus half, das Kreuz zu tragen. Nach Ostern wird Duffys Kreuz weiterreisen. Nachdem es schon in Coventry und London ausgestellt war, soll es auf seinem großen Kreuzweg durch die Welt weiterreisen zu Schauplätzen von Krieg und gewalttätiger Konflikte – nach Krakau, Kapstadt, Belfast, Südamerika, Bosnien, China und New York.
»Das Ziel soll Jerusalem sein, wo es an einem Ostermorgen ankommen soll«, kündigt der Künstler an. Damit solle die Erzählung und die Erlösung dieses Kreuzes symbolisch vollendet werden.

Stefan Seidel

Das Gemälde »Opfer – keine Auferstehung?« ist bis zum 29. März ausgestellt in der Kreuzkirche Dresden. Öffnungszeiten: Täglich 10 bis 17 Uhr. Freitags, 12 Uhr: Gebet unter dem Kreuz für Frieden und Versöhnung.

Das Bild des »ersten neuen Mannes«

22. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Mehr als ein Statist an der Krippe von Bethlehem: Zum Fest des heiligen Josef am 19. März

Innerhalb der »Heiligen Familie« hält er die undankbarste Rolle besetzt, in der Bibel führt er ein Schattendasein und in der Kirche wurde er erst im neunten Jahrhundert einigermaßen populär: Josef. In künstlerischen wie bäuerlichen Krippendarstellungen wirkt er oft wie ein Statist. Lukas Cranach etwa malte ihn auf seinem 1509 entstandenen Fürstenaltar (Torgauer Altar) neben der heiligen Anna mit ihrer Tochter Maria und dem Jesusknaben als Beiwerk im Hintergrund – schlafend.

Familienbild: Großmutter, Mutter und Kind – »Anna selbdritt« nennt man in der christlichen Kunst das Motiv, welches die heilige Anna (rechts im Bild) mit ihrer Tochter Maria und dem Jesusknaben zeigt. Im Hintergrund der ­schlafende Josef. Repro: Archiv

Familienbild: Großmutter, Mutter und Kind – »Anna selbdritt« nennt man in der christlichen Kunst das Motiv, welches die heilige Anna (rechts im Bild) mit ihrer Tochter Maria und dem Jesusknaben zeigt. Im Hintergrund der ­schlafende Josef. Repro: Archiv

Die Zurückhaltung vieler Künstler und Krippenbauer entspricht allerdings exakt der sparsamen biblischen Überlieferung. Josef ist keine interessante Gestalt für die Evangelien. Wir finden nichts über die Familienstrukturen im Haus zu Nazaret, kein Psychogramm seiner Beziehung zu Maria, zum Sohn. Nur die knappe – wiewohl tiefsinnige – Auskunft, er sei »fromm« gewesen (Matthaus 1,19). Kein Wort darüber, was er bei der gefährlichen Wanderung mit der hochschwangeren Maria nach Bethlehem empfand und bei der Geburt seines Sohnes im elenden Stall. Kein Wort über seine Gefühle, als die Familie im Schutz der Dunkelheit nach Ägypten fliehen musste.

Eine leise Andeutung allenfalls zwölf Jahre später, als der kleine Jesus im Jerusalemer Festtrubel verloren ging und im Tempel wieder auftauchte, altklug mit den Schriftgelehrten diskutierend. »Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht«, hielt ihm Maria vor (Lukas 2,48). Es ist das letzte Mal, dass Josef in den Evangelien erwähnt wird. Bei der Hochzeit zu Kana, als Jesus ins Licht der Öffentlichkeit tritt, ist er offenbar bereits Halbwaise.

Der schlafende Held im Hintergrund

Josef, der Mann im Hintergrund. Stets verfügbar, schweigend, klaglos seine Pflicht erfüllend. Josef, der typische gläubige Jude, der auf den Messias wartet und auf Gott horcht. Nie lesen wir davon, dass er seine Abstammung aus dem Geschlecht des Königs David hervorkehrte, aus dem einst der Messias kommen sollte. Dabei hätte ihn sein armseliges Handwerkerleben leicht verführen können, sich in die verflossene Herrlichkeit des Davidsreiches wegzuträumen und die triste Wirklichkeit hinter der Fassade eitler Selbstüberschätzung verschwinden zu lassen.

Josef war ja bestimmt kein ehrengeachteter Schreinermeister oder Kleinunternehmer, wie wir uns das gern vorstellen. Zum einen hatte das Zimmererhandwerk im Orient ein sehr schlechtes Prestige, zum andern konnte im kleinen Nazaret wohl kaum ein spezialisierter Schreiner existieren. Josef wird sich mit einer Reihe handwerklicher Arbeiten und ein paar Schafen oder Rindern mühsam fortgebracht haben. Vermutlich hat er Wiegen und Särge gezimmert, Hacken, Rechen und Milchkübel zurechtgehämmert, Türen eingehängt und wurmstichige Pflüge gerichtet.

In der Geschichte Gottes mit den Menschen kommt dem kleinen Sargtischler und Gerätereparateur freilich eine überragende Bedeutung zu. ­Gemeinsam mit Maria geht er den ­Menschen auf dem Pilgerweg des Glaubens voran. Weil er aber aus seiner Rolle kein Drama macht, darum spricht sein stilles Leben eine unüberhörbare Sprache. Er tut, was notwendig ist, ohne viel zu reden und sich selbst zu bespiegeln. Er ist stark im Glauben, weil er ein waches Ohr für Gott hat und zupackt, wenn von ihm verlangt wird, zu handeln.

Respekt vor dem schlichten Alltag lässt sich von Josef lernen und der Mut, einfach seine Pflicht zu erfüllen und sich nicht in fruchtlose Träume von jenem »eigentlichen« Leben zu flüchten, das erst richtig Sinn machen würde – und natürlich unerreichbar ist.

Und noch eine zeitlose Botschaft enthält dieses scheinbar spurlos vorübergegangene Leben: Worauf es in der Partnerschaft zwischen Frau und Mann wirklich ankommt, ist die »Einheit der Herzen« (Augustinus). Oberflächlichen Betrachtern mag die Beziehung zwischen Maria und Josef als unglückliche Konstruktion erschienen sein. Wie peinlich für den vom Schicksal nicht gerade verwöhnten Davidsspross, als publik wurde, dass seine Verlobte schwanger war, ohne dass er eine Ahnung davon hatte!

Aber Josef war ein »Gerechter«, und die sind immer auch barmherzig. Statt also groß empört zu tun, beschloss er sich in aller Stille von Maria zu trennen (zwei Zeugen mussten ­dabei sein, denn die Verlobung galt nach damaligem Recht schon als ­Eheschließung), um sie nicht bloßzustellen. Wenn die Bibel Recht hat, kam es dann anders. Der Engel Gottes veranlasste Josef, Maria als seine Frau zu sich zu nehmen und ihrem Kind Vater zu sein.

Bereits am Anfang also schonende, behutsame Liebe statt des gekränkten Stolzes, den man eigentlich erwartet hätte. Es ist ein anderes Verhältnis zur Frau, als es die Geschichte der patriarchalischen Welt bis heute bestimmt: partnerschaftlich, respektvoll, lernfähig. Josef will nicht besitzen, sondern beschützen (was unter heutigen Bedingungen freilich als Anmaßung und schlecht bemänteltes Beherrschenwollen verdächtigt würde). Er will sich nicht bedienen lassen, sondern ein Leben begleiten.

Vor diesem Hintergrund gab ein unangepasster Pionier wie der Breslauer katholische Theologieprofessor und Volksschriftsteller Joseph Wittig (1926 wurde er exkommuniziert) Josef den Ehrennamen des »ersten neuen Mannes«. Wittig über das »Ehe-Elend unserer Tage«: Nur der Geist Gottes habe das Recht auf einen Menschen, »kein Mensch kann einen anderen Menschen zu Eigen und Besitz machen«.

Breitenwirkung musste solchen Einsichten allerdings versagt bleiben. Zumindest solange das blasse Ideal einer »Josefsehe«, das ­Zusammenleben unter Verzicht auf jeden sexuellen Kontakt, wie es die ­katholische Lehre im Blick auf das Verhältnis von Maria und Josef festschreibt, als Voraussetzung dafür angesehen wurde.

Vom Tollpatsch zum Beschützer der Kirche

In der Ostkirche, vor allem in Ägypten, wurde Josef schon früh verehrt und besungen: »Freue dich, du gerechter Josef, und lobe den Herrn. Freue dich, denn das Leben liegt an deiner Brust!« Im Westen hingegen wird er anfangs an den Rand gedrängt; er erscheint als unbequeme Figur, als Bedrohung für den Gottessohnmythos. Erst um 850 wird er im Martyrologium des Inselklosters Reichenau erwähnt, und von da ab fördern die Franziskaner und charismatische Reformer wie Bernhard von Clairvaux oder Teresa von Avila kräftig seinen Kult.

Bezeichnend, wie sich das Image des heiligen Josef in der bildenden Kunst und in den mittelalterlichen Weihnachtsspielen wandelt. Dort tritt er anfangs als tollpatschiger, seniler Hahnrei auf, zum Gaudium des Publikums: Im Stall von Bethlehem niest er so ungeschickt, dass er das Licht auslöscht, er lässt den Brei für das ­Jesuskind anbrennen und will ihm aus ­seinen durchlöcherten Hosen eine Windel machen.

Was allerdings schon die Vorstufe für eine erheblich sympathischere Rolle auf Altarbildern und Buchillustrationen des Spätmittelalters ist: Hier gibt Josef den fürsorglichen Familienvater, der Feuer macht, ein Süpplein kocht und das Badewasser für das Knäblein vorbereitet. Später, zur Zeit der Gegenreformation, sind es unter anderem die Habsburgerkaiser, die Josef zu ihrem Hausheiligen machen und zu einem himmlischen Vorbild für ihr leutselig-patriarchalisches Herrschaftsverständnis.

Der Tag des heiligen Josefs am 19. März wird in der katholischen Kirche als Hochfest »des Beschützers der ganzen Kirche« gefeiert. Auch in der evangelischen wie anglikanischen Kirche gilt der 19. März als Gedenktag an Josef.

Christian Feldmann

Jesus und seine Option für die Armen

16. Juli 2010 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Jesus suchte die Nähe der einfache Menschen wie etwa die Fischer vom See Genezareth. Vom Maler Raphael (1483 bis 1520) stammt diese Darstellung des wunderbaren Fischzuges von Petrus und seinen Mitarbeitern. Repro: Archiv

Jesus suchte die Nähe der einfache Menschen wie etwa die Fischer vom See Genezareth. Vom Maler Raphael (1483 bis 1520) stammt diese Darstellung des wunderbaren Fischzuges von Petrus und seinen Mitarbeitern. Repro: Archiv


Die Wirkstätten des Gottessohnes, seine Lebensweise und sein Herzensanliegen

Wer sich mit Jesus beschäftigt, der beschäftigt sich meist mit all dem, was ihn in unseren Augen einzigartig und göttlich macht. Auch im zweiten und letzten Teil unserer Beitragsserie wird der umgekehrte Weg beschritten. Jesus wird aus einer familiären, alltäglichen Perspektive in den Blick genommen.

Nachdem Jesus – wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Umkehrbewegung von Johannes dem Täufer – erkannt hatte, dass Gott in ­allernächster Zukunft sein göttliches Reich errichten wird und ihm, Jesus, als Repräsentanten Gottes dabei eine Schlüsselrolle zukommt, berief er sich zwölf Jünger und begann, diese Freudenbotschaft überall zu verkünden. Der Schwerpunkt seines Wirkens waren drei Dörfer, die allesamt im nord-westlichen Bereich des Sees Genezareth lagen: Kapernaum, Bethsaida und Chorazin. Einen besonderen Stellenwert hatte dabei Kapernaum, das Matthäus sogar als »seine Stadt« (9,1) bezeichnet. Eine Stadt war Kapernaum zwar nicht, eher ein »Großdorf«, aber ganz sicher war es der Ort, in dem sich Jesus am häufigsten aufhielt und wo er viele Heilungstaten vollbrachte. Als neues »Zuhause«, das an die Stelle von Nazareth trat, sollte man Kapernaum aber besser nicht verstehen (so Matthäus 4,12-16). Typisch für die Lebensweise Jesu war ja gerade, dass er keinen ­festen Wohnsitz hatte (Lukas 9,58), sondern als »Wandercharismatiker« das Reich Gottes im ganzen Land verkündigte.

Nun mag die Bevorzugung von Kapernaum mit der verkehrstechnisch günstigen Lage zusammenhängen. Wenn Jesus mit seiner Botschaft ganz Israel erreichen wollte, dann, so ist anzunehmen, wird er sich auch darum bemüht haben, einen Ort als Ausgangsbasis zu finden, von dem aus er dieses Unternehmen sinnvoll in Gang bringen konnte. Nun konnte er von Kapernaum zwar nicht das ganze Land gut erreichen, aber immerhin den Norden. Das gegenüber Obergaliläa wesentlich stärker besiedelte Untergaliläa konnte er über die Gennesar-Ebene erreichen, und das Reich des Herodessohnes Philippus, das ­ungefähr vom heutigen Golan bis an die libanesische Grenze reichte, war von Kapernaum nur einen Katzensprung entfernt.

Die Vorliebe Jesu für Kapernaum wird allerdings noch mehr damit zusammenhängen, dass dort Petrus und sein Bruder Andreas wohnten. Hier konnte Jesus mitsamt seiner Jüngerschar immer wieder Unterkunft finden. Gerade weil die Jesusgruppe fast immer unterwegs war, werden die Jünger und Jüngerinnen Jesu froh darüber gewesen sein, in Kapernaum eine Art »Basiscamp« zu haben. Ganz ohne Beheimatung geht es anscheinend auch bei Wandercharismatikern nicht.

In Kapernaum hat man manches ausgegraben, das in einem Zusammenhang mit der Zeit Jesu steht. So könnte die prächtige Kalksteinsynagoge aus dem 4. Jahrhundert an dem Ort stehen – Fundamente und ein ­Basaltpflaster darunter deuten darauf hin –, wo einst die Synagoge Jesu stand. Außerdem kann man dort das »Haus des Petrus« sehen. Das klingt zwar ein wenig fantastisch, aber tatsächlich kann hier eine bis ins 2. Jahrhundert zurückreichende christliche Verehrung nachgewiesen werden. Beeindruckend sind auch die Wohninseln, in denen ganze Großfamilien samt Angestellten lebten. Die Ausgrabungen zeigen, dass in Kapernaum vor allem Fischer, Bauern und Händler lebten: Menschen, die nicht bitterarm waren, aber zur Unterschicht gehörten und sich gewiss keinen großen Luxus leisten konnten.

Jesus und seine Option für die Armen: Herodes Antipas, der Herrscher Galiläas zur Zeit Jesu, hat zuerst in dem nur fünf Kilometer von Nazareth entfernten Sepphoris residiert, bis er dann im Jahr 19/20 n. Chr. Tiberias zur Hauptstadt machte. Nun ist auffällig, dass die Evangelien nie erwähnen, dass Jesus in einer dieser römisch-­hellenistisch geprägten Städte gewirkt hat. Dies dürfte seinen Grund darin haben, dass Jesus sich in erster Linie zu der normalen, von Armut bedrohten Bevölkerung gesandt sah. Diese »Option für die Armen« kommt exemplarisch in der ersten Seligpreisung zum Ausdruck: »Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer.» (Lukas 6,20) Nun war die Zeit, in der Jesus in Galiläa lebte, aufgrund der langen und im Großen und Ganzen durchaus gedeihlichen Regierungszeit des Herodes Antipas wirtschaftlich relativ stabil, und manche Juden werden davon auch profitiert haben. Aber diejenigen, die sowieso nur wenig hatten – und das waren die meisten –, rutschten durch Zölle und die zunehmende Besteuerung schnell noch weiter nach unten ab.

Jesus war kein Sozialrevolutionär. Es ging ihm um die Gottesherrschaft. Aber diese zielt eben auch auf eine ­radikal neue und bessere Gesellschaftsordnung.

Peter Hirschberg

Der Autor ist promovierter Theologe und als Hochschul- und Studierendenpfarrer in Bayreuth mit verschiedenen Lehraufträgen im Bereich Biblische Theologie/Judaistik.

Der Mensch Jesus ganz privat

Selten haben Künstler Jesus in seiner familiären Umgebung darzustellen versucht. Eine der wenigen Ausnahme bildet das Gemälde "Christus im Haus seiner Eltern" von John Everett Millais (1829 bis 1896), einem Vertreter der sogenannten Präraffaeliten. Es galt bei seiner ersten Präsentation im Jahr 1850 in London als "blasphemisch" und sorgte für einen Skandal. Repro: Archiv

Selten haben Künstler Jesus in seiner familiären Umgebung darzustellen versucht. Eine der wenigen Ausnahme bildet das Gemälde "Christus im Haus seiner Eltern" von John Everett Millais (1829 bis 1896), einem Vertreter der sogenannten Präraffaeliten. Es galt bei seiner ersten Präsentation im Jahr 1850 in London als "blasphemisch" und sorgte für einen Skandal. Repro: Archiv


Er war Sohn seiner Eltern, Bruder, ein Mensch mit Beruf und Alltag – Familie und Herkunft des Gottessohnes

Wer sich mit Jesus beschäftigt, der beschäftigt sich meist mit all dem, was ihn in unseren Augen einzig-
artig und göttlich macht. In einer zweiteiligen Beitragsserie soll der umgekehrte Weg beschritten werden. Jesus soll aus einer familiären, alltäglichen Perspektive in den Blick kommen.

Er war Sohn seiner Eltern, Erstgeborener unter einer Schar von ­Geschwistern, Mensch mit Beruf und Alltag. Was die Eltern Jesu angeht, so ist eines klar: Seine Mutter hieß Maria (hebräisch Mirjam). Bei seinem Vater dagegen stellt sich die Sache schwieriger dar. Markus, immerhin der älteste Evangelist (70 n. Chr.), kennt nicht einmal seinen Namen. Matthäus und Lukas kennen zwar den Namen, aber dennoch taucht Josef nur am Rande auf: in den stark theologisch orien­tierten Geburtsgeschichten (Matthäus 1-2; Lukas 1-2) oder – zum letzten Mal – in der lukanischen Erzählung vom zwölfjährigen Jesus im Tempel (Lukas 2,41-52). Man gewinnt den Eindruck, dass Josef am Anfang »da war«, dann aber sehr plötzlich und unvermittelt von der Bildfläche verschwindet. Es verwundert deshalb nicht, dass hier die Spekulationen blühen: Hat Josef sich klammheimlich aus dem Staub gemacht? War er früh gestorben? Oder war Jesus gar ein uneheliches Kind, sodass die neutestamentliche Josefsgestalt nur einen Sinn hat: diese Ver-
legenheit zu überspielen? Wir wissen es nicht, und doch scheint es wahrscheinlich, dass Jesus eine über weite Strecken vaterlose Kindheit erlebt hat.

Interessant ist, dass Jesus nach Markus 6,3 vier Brüder (Jakobus, Joses, Judas, Simon) und mehrere Schwestern hatte. Das vertraute Weihnachtsbild von Maria, Josef und Jesus als moderne Kleinfamilie entsprach der Wirklichkeit also nur für eine relativ kurze Zeit. Jesus lebte in einer Großfamilie, und deshalb darf man sich das Zuhause Jesu auch nicht zu »kontemplativ« vorstellen.

Als Jesus mit seiner öffentlichen Wirksamkeit begann, wurde das Verhältnis zur Familie immer schwieriger. Markus berichtet mit deutlichen Worten, dass der Familienclan ihn nach Nazareth zurückholen will, weil man den Sohn und Bruder für einen durchgedrehten religiösen Fanatiker hielt: »Er ist von Sinnen.« (Markus 3,20f) Erst nach der Auferstehung begann die Jesusfamilie an ihn zu glauben. Maria wurde zu einer wichtigen Person in der jüdischen Urgemeinde Jerusalems, und Jakobus, einer der Brüder Jesu, übernahm später sogar die Führung der Jerusalemer Gemeinde.

Dieser Familienkonflikt macht einerseits deutlich, dass Menschen sich schwertun, wenn einer, den man von Kindesbeinen an kennt, sich auf einmal zu Besonderem berufen fühlt. Er wirft aber auch ein erhellendes Licht auf Jesus: Er zeigt, dass Jesus innerlich stark und frei war. Gegen alle familiär-gesellschaftlichen Konventionen riskierte er den Konflikt. Er hatte den Mut, seinen eigenen Weg zu gehen. Für Jesus war die wichtigste Quelle seines Selbstwertgefühls eben nicht die Anerkennung der Menschen, sondern die Liebe des göttlichen Du.

Obwohl Jesus die längste Zeit seines Lebens, über dreißig Jahre, in Nazareth verbracht hat, berichten die Evangelien kaum etwas über den Heimatort Jesu. Deshalb ist es umso spannender, dass der Franziskanerarchäologe Bellarmino Bagatti dort Spuren einer dörflichen Siedlung aus dem 1. Jahrhundert freilegte. Seine Grabungsergebnisse zeigen, dass es sich bei Nazareth um ein kleines, an einen Hang gebautes jüdisches Bauerndorf handelte, in dem allerhöchstens 200 bis 300 Juden wohnten. Diese Menschen waren nicht bitterarm, aber lebten wie die meisten Galiläer in äußerst bescheidenen Verhältnissen.

In diesem Umfeld kann man sich nun auch gut vorstellen, dass Jesus wie sein Vater als Bauhandwerker (griechisch: technon, so in Markus 6,3) arbeitete. Wir können also davon ausgehen, dass Jesus sich nicht nur in höheren geistigen oder geistlichen Sphären bewegte, sondern wusste, wie der Alltag eines hart arbeitenden Menschen aussieht.

Nazareth war klein, so unbedeutend, dass es weder im Alten Testament noch in den außerbiblischen Quellen jener Zeit auch nur ein einziges Mal erwähnt wird. Man kann schon verstehen, dass die Behauptung, aus diesem Flecken soll der Messias kommen, bei vielen auf Unverständnis stieß: »Was kann aus Nazareth Gutes kommen!« (Johannes 1,46)

Wer sich Jesus in einem so normalen Kontext vorstellt, der wird sich vielleicht auch fragen, wann und wie Jesus das erste Mal bewusst wurde, dass sein Gottesverhältnis einzigartig ist und Gott ihn zu Besonderem berufen hatte. Doch genau darüber schweigen sich die Evangelien aus. Indem sie berichten, dass Jesus erst in einem relativ fortgeschrittenen Alter an die Öffentlichkeit trat, lassen sie nur eines erkennen: Auch Jesus brauchte Zeit. Auch er musste einen längeren Such- und Entwicklungsprozess absolvieren, bis er sich gefunden hatte und bereit war, zu neuen Ufern aufzubrechen.

Peter Hirschberg

Der Autor ist promovierter Theologe und als Hochschul- und Studierendenpfarrer in Bayreuth mit verschiedenen Lehraufträgen im Bereich Biblische Theologie/Judaistik tätig.

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