Mal keine Hiobsbotschaften

21. Februar 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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Ein junger Mann entscheidet sich, in Jerusalem Mönch zu werden – und setzt sich damit zwischen alle Stühle.

Es ist leider schon zur Binsenwahrheit geworden: dass es im Heiligen Land sehr unheilig zugeht. Die Nachrichtenlage ist schlecht. Der Friedensprozess zwischen Israel und den Palästinensern stockt. Auf beiden Seiten scheinen die Scharfmacher das Sagen zu haben. Und die Religion, so will man meinen, dient in dem Konflikt eher als Brandbeschleuniger denn als Friedensstifter.

Doch es lohnt sich, den Blick einmal wegzulenken von der Nachrichtenlage und zu schauen, was sich jenseits der Eskalation in diesem besonderen Land tut. Da stößt man zum Beispiel auf den deutschen Benediktinermönch Nikodemus. Er hat sich mit 24 Jahren nicht nur für das Mönchsein, sondern auch für ein Leben im Benediktinerkloster »Dormitio Abtei« auf dem Jerusalemer Zionsberg entschieden. In seinem Buch »Zuhause im Niemandsland« erzählt der heute 38-Jährige davon – und von den vielen kleinen Begegnungen und Situationen, die eine neue Sicht eröffnen. Ganz entgegen der gängigen Klischees berichtet Nikodemus von viel Nähe, Herzlichkeit und Solidarität zwischen den Vertretern der drei abrahamitischen Religionen. Nach der Lektüre dieses Buches keimt eine leise Zuversicht auf: dass doch noch nicht alle Wege zum friedlichen Miteinander im Heiligen Land verbaut sind. Und dass es in diesem Konflikt nicht nur ein Schwarz-Weiß-Bild gibt.

Benediktinermönch Nikodemus in der »Dormitio Abtei« auf dem Zionsberg in Jerusalem; hier fand das letzte Abendmahl statt, hier war das erste Lebenszentrum der Urkirche.. Foto: Abtei Dormitio

Benediktinermönch Nikodemus in der »Dormitio Abtei« auf dem Zionsberg in Jerusalem; hier fand das letzte Abendmahl statt, hier war das erste Lebenszentrum der Urkirche.. Foto: Abtei Dormitio

Denn bisweilen fühlt man sich ja als Christ in Deutschland dazu gedrängt, entschieden Partei für eine Seite zu ergreifen: für Israel oder für die Palästinenser. In beiden Fällen lautet das Hauptargument, man müsse klar und deutlich an der Seite der Opfer stehen. Pater Nikodemus verwischt diese scharfen Grenzziehungen auf erfrischende Art. Er erzählt ganz konkret vom Leid und den Ängsten beider Parteien des Konflikts und weckt Mitgefühl mit den Opfern beider Seiten. So formuliert er auch gleich am Anfang den Zweck seines Buches: dass er zu einer Sichtweise einladen will, die weder proisraelisch noch propalästinensisch, sondern pro Mensch sei.

Dabei wäre es auch für Nikodemus nicht schwer, in Resignation oder gar Hass zu verfallen. Denn das aufgeheizte Klima in Jerusalem richtet sich auch gegen Christen. Es geschehe oft, dass er auf seinen Wegen durch Jerusalem von ultraorthodoxen Juden angespuckt werde, schreibt Nikodemus. In seiner Mönchskutte sei er ein wandelndes Feindbild für die strengreligiösen Juden, die Jerusalem für sich allein beanspruchen. Auch die Klostermauern werden regelmäßig mit feindseligen Sprüchen wie »Tod den Christen« beschmiert. Teile der Schwesterkirche am Ort der Brotvermehrung am See Genezareth wurden sogar durch einen Brandanschlag vor zwei Jahren zerstört.

»Die Kirchen von Jerusalem sind momentan auf dem besten Weg, wieder eine Kirche unter dem Kreuz zu werden«, schreibt Nikodemus. Er sieht genau darin seine Aufgabe: ein Zeichen der Liebe zu setzen inmitten des Hasses. »Wenn wir angegriffen werden, weil wir Christen sind, wollen wir darauf auch wie Christen reagieren, nämlich mit der Bereitschaft zur Versöhnung«, schreibt er. Deshalb bauen sie keine Sicherheitszäune um ihre Kirchen, sondern bleiben offen und gastfreundlich.

Und wie durch ein zweites Vermehrungswunder konnten mittlerweile ausreichend Spenden zusammengetragen werden, um den hohen Sachschaden an der Brotvermehrungskirche zu beheben. Israels Staatspräsident Reuven Rivlin sagte bei der Wiedereröffnung des Klosters Tabgha am vergangenen Wochenende: Das sei ein Zeichen dafür, dass der Hass nicht gesiegt hat.

Genau daran möchte Nikodemus mitwirken. Er wünscht sich, dass nicht die Radikalen das Erscheinungsbild einer Religion prägen. Es sei wie beim Fußball, wo man zwischen Fans und Hooligans unterscheiden müsse. Jeder, der im Namen welcher Religion auch immer als Gewalttäter oder Scharfmacher auftrete, habe nichts mit der eigentlichen Religion zu tun. »Wahre Religiosität, die Gott sucht, schenkt nämlich den demütig realistischen Blick, dass der andere genauso geliebt ist wie ich selbst.« Nikodemus zufolge gehe es bei der Religion um Gott- und nicht um Identitätssuche. Also sei nicht die Abgrenzung zu den anderen entscheidend, sondern die Leidenschaft einer persönlichen Gottesbeziehung.

Genau diese Leidenschaft des Glaubens legt Nikodemus an den Tag. Sogar die Gründung einer eigenen Familie hat er dafür geopfert. Immer wieder wird er deshalb von jüdischen Gläubigen angefragt: Warum folgt er nicht dem Vermehrungsgebot der Bibel? Nikodemus antwortet dann: »Wir glauben wie ihr ja an ein Leben bei Gott nach dem Tod. Dann werden wir nicht mehr heiraten oder verheiratet sein. Gott allein genügt dann in jeder Hinsicht. Wir Mönche leben hier auf Erden schon so, als ob wir im Himmel wären.« Und wie auch der Zionsberg, auf dem sein Kloster steht, zum biblischen Symbol der endzeitlichen Völkerzusammenkunft ist, glaubt Nikodemus an das Miteinander der Menschen und Völker. »Wahrscheinlich ist dies der Königsweg jeglicher Friedensbemühungen: den anderen, den Fremden, vor allem als Mitmenschen zu sehen. Und der Königsweg aller Kriegstreiber ist wohl die Dehumanisierung des anderen, des Fremden, dem man sein Menschsein abzusprechen und in ihm ein Monster zu sehen versucht.«

Doch nicht die dauernde Umarmung und demonstrative Nähe der verschiedenen Religionen und Völker sei der Weg zum Frieden. Es käme auf die große Kunst an, aneinander vorbei zu leben. Genau dafür gebe der Alltag in Jerusalem eigentlich ein sehr gelingendes Beispiel. Dieses Buch ist endlich einmal keine Hiobsbotschaft aus dem Heiligen Land.

Stefan Seidel

Pater Nikodemus Schnabel: Zuhause im Niemandsland. Herbig Verlag, 176 S., ISBN 978-3-7766-2744-2, 20 Euro

»Nächstes Jahr in Jerusalem!«

15. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Hintergrund: Der jüdische Traum von der »Alija« wurde mit der Staatsgründung am 14. Mai 1948 Wirklichkeit

Seit der Zerstörung des salomonischen Tempels im 6. Jahrhundert vor Christus lebte die Mehrheit des jüdischen Volkes außerhalb des Landes Israel. Seither ist »Alija« – die Rückkehr in das Land Israel – das Sehnen, das Juden weltweit verbindet.

Das hebräische Wort »Alija« bedeutet wörtlich »Hinaufsteigen«. Ins Land Israel und insbesondere in sein Zentrum, Jerusalem, geht man immer hinauf. Im Gegenzug ist das Verlassen des Heiligen Landes immer ein Abstieg. So heißt es schon von Abram in 1. Mose 12, Vers 10: »Abram ging hinab nach Ägypten …« Seine Rückkehr wird zu Beginn des folgenden Kapitels beschrieben: »Und Abram zog herauf aus Ägypten« (1. Mose 13,1). Die hebräische Bibel ist, genau wie das moderne Hebräisch, konsequent in diesem Sprachgebrauch.

Sehnsuchtsort Jerusalem: Ein orthodoxes jüdisches Paar blickt in Richtung auf die Altstadt und den Ölberg. Foto: Harald Krille

Sehnsuchtsort Jerusalem: Ein orthodoxes jüdisches Paar blickt in Richtung auf die Altstadt und den Ölberg. Foto: Harald Krille

»An den Wasserströmen Babylons saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten«, klagte der Psalmist (Psalm 137,1). »Wenn ich dich, Jerusalem, vergesse, wird meine rechte Hand absterben. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich nicht gedenke, wenn ich Jerusalem nicht erhebe über den Gipfel meiner Freuden«, sagt bis heute jeder Bräutigam nach dem Treueversprechen an seine Braut und zertritt im Gedenken an das zerstörte Jerusalem ein Glas.

Rom wollte jede jüdische Verbindung beenden

Im Jahr 70 nach Christus wurde der Tempel, der von einigen Rückkehrern aus Babylon gebaut und von Herodes dem Großen prachtvoll renoviert worden war, dem Erdboden gleichgemacht. Nach dem zweiten jüdischen Krieg im Jahr 135 verbot der römische Kaiser Hadrian Juden den Zugang nach Jerusalem. Judäa wurde in Palästina, Sichem in Neapolis (heute Nablus) und Jerusalem in Aelia Capitolina umbenannt. Jede jüdische Verbindung zum verheißenen Land und seinen heiligen Städten sollte unmöglich gemacht werden.

Doch die Sehnsucht blieb. Nach jedem Essen haben Juden durch die Jahrtausende hindurch gebetet: »Erbarme dich doch Herr, unser Gott, über dein Volk Israel, über Jerusalem, deine Stadt, über Zion, den Wohnort deiner Herrlichkeit.« Das Passahfest beginnt mit dem Sederabend, zu dessen Abschluss man einander verspricht: »Nächstes Jahr in Jerusalem!«

An die Hoffnung auf »Alija« klammerten sich Juden, als Rabbi Mosche ben Nachman, kurz »Ramban« genannt, Mitte des 13. Jahrhunderts in Jerusalem nur noch zwei Juden, aber keine Synagoge und keine Thorarolle vorfand. Es gab keine Hoffnung mehr, die man als Jude hätte noch verlieren können, stellt Nachmanides in der Zeit zwischen dem 6. und 7. Kreuzzug fest.

Der Reformator hatte nur Spott für die Juden übrig

Am Ziel der Heimkehr hielt das Volk Israel fest, auch als Martin Luther im 16. Jahrhundert darüber spottete: »So lasst sie noch hinfaren jns land und gen Jerusalem, Tempel bawen, Priesterthum, Fuerstenthum und Mosen mit seinem gesetze auffrichten und also sie selbs widerumb Jueden werden und das Land besitzen.« Sarkastisch fügte der deutsche Reformator noch hinzu: »Wenn das geschehen ist, so sollen sie uns bald auff den ferssen nach sehen daher komen und auch Jueden werden« (WA 50.323,36-324,8).

Würden Lutheraner die Worte des Reformators ernst nehmen, müssten sie sich heute, 500 Jahre nach Anschlag der 95 Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg, beim nächsten Rabbiner zur Beschneidung melden. Im Jahr 2017 lebt die größte jüdische Gemeinde weltweit wieder im Land Israel. Seit zweieinhalb Jahrtausenden haben nicht so viele Juden im Land Israel gewohnt.

»Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir« (Psalm 130,1) – das ist die richtige Gebetshaltung, erklärt ein orthodoxer Jude und verweist darauf, dass viele Synagogen deshalb so gebaut sind, dass man einige Stufen hinabsteigen muss, um dann tatsächlich »aus der Tiefe« rufen zu können. Vor allem aber ist dieses »Lied des Hinaufgehens«, so die Überschrift von Psalm 130, ein Schrei nach Erlösung aus der Zerstreuung.

Der Gott Israels hat den Schrei seines Volkes gehört. Seit dem absoluten Tiefpunkt Jerusalems zur Zeit von Rabbi Mose Nachmanides und dem Bau der nach ihm benannten »Ramban-Synagoge« begann ein ständiger Strom von Juden in das Land Israel hinaufzuziehen. 1483 traf Rabbi Elia aus Ferrara in Jerusalem ein, 1579 120 Neueinwanderer aus Damaskus, 1700 Juda der Fromme mit 1 000 seiner Anhänger. 1721 kommt Rabbi Jesaja Horowitz. Im 18. Jahrhundert werden in Jerusalem 19 Talmudschulen von Juden aus Italien, Konstantinopel, Amsterdam und Aleppo gegründet. 1760 trifft Rabbi Schalom Scharabi aus dem Jemen in Jerusalem ein und 1771 gründet Rabbi Menachem Mendel aus Vitebsk mit 300 Anhängern eine chassidische Siedlung.

Im 19. Jahrhundert setzte sich dieser Trend fort. Antisemitische Ausbrüche verstärkten ihn. Als beispielsweise 1840 die Juden von Damaskus beschuldigt werden, den Priester Toma und seinen moslemischen Diener ermordet zu haben, um ihr Blut für die Mazzot (ungesäuerten Brote) am Passahfest zu verwenden, drängt der in Sarajevo geborene Rabbi Juda Alkalai sein Volk zur Alija. 1881 lösen Pogrome in Russland und Rumänien die so genannte »Erste Alija« aus. 40 000 Juden machen sich auf den Weg nach Palästina.

Während um Jerusalem herum erste jüdische Siedlungen entstehen – Mischkenot Schaananim (1860), Mea Schearim (1873), Machane Jehuda (1887) – setzen sich jüdische Bittsteller vor dem Berliner Kongress (1878) für die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina ein. Fürst Otto von Bismarck erklärt sie für wahnsinnig. Trotzdem formiert sich der Zionismus als säkulare politische Bewegung in Europa. Anfang September 1897 schreibt der österreichische Journalist Theodor Herzl unmittelbar nach dem ersten Zionistenkongress in sein Tagebuch: »Fasse ich den Baseler Kongress in ein Wort zusammen – das ich mich hüten werde, öffentlich auszusprechen – so ist es dieses: in Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig wird es jeder einsehen.«

Herzls Idee des Judenstaates gewinnt an Fahrt

Gegen immense Widerstände setzt sich die Bewegung fort. Unermüdlich bearbeitet Herzl die Mächtigen seiner Zeit, bittet den deutschen Kaiser um ein Protektorat über den jüdischen Staat und muss sich von Papst Pius X. im Januar 1904 in Rom sagen lassen: »Die Juden haben unseren Herrn nicht anerkannt, also können wir das jüdische Volk nicht anerkennen.«

1899 vertreibt der Pascha von Damaskus die Juden aus einer Siedlung auf den Golanhöhen. Im April 1909 wird die erste jüdische Stadt im Land Israel gegründet: Tel Aviv. Im Dezember desselben Jahres der erste Kibbuz: Degania am Südende des Sees Genezareth. Im März 1917 vertreiben die Türken alle Juden aus Haifa und Tel Aviv. Im November 1917 erklärt die britische Regierung in der so genannten »Balfour Declaration« ihre Unterstützung für eine jüdische Heimstätte in Palästina.

Am 24. Juli 1922 beauftragt der Völkerbund in San Remo die britische Regierung im Rahmen des Palästina-Mandats ausdrücklich damit, die Alija und die Besiedlung des Landes durch das jüdische Volk zu fördern. Zwischen 1919 und 1924 kommen 35 000 idealistische Pioniere mit »Zertifikaten« der britischen Regierung ins Mandatsgebiet Palästina. Von 1924 bis 1931 treiben polnische Wirtschaftssanktionen viele jüdische Angehörige aus kleinbürgerlichen Schichten »hinauf nach Zion«. Zwischen 1929 und 1939 fliehen eine Viertelmillion Juden vor den Nazis aus Deutschland nach Palästina.

Trotz gebrochener Zusagen: Eine Zuflucht für Juden

Diese großen jüdischen Einwanderungswellen erregten den Widerstand von Teilen der arabischen Bevölkerung. Extremistische Führer wie der Großmufti und Hitler-Freund Hadsch Amin el-Husseini gewannen die Oberhand und hetzten ihre Anhänger immer wieder zu blutigen Aufständen auf, etwa 1929 und 1936. Die britische Regierung reagierte auf die arabische Gewalt mit einer Einschränkung und teilweise massiven Behinderung der jüdischen Einwanderung, was einen klaren Verstoß gegen das Völkerbundmandat darstellte. Hunderte verzweifelter Holocaustüberlebende verlieren im Kampf gegen England ihr Leben, bevor am 14. Mai 1948 der Staat Israel proklamiert wird.

Die »raison d’être« des jüdischen Staates Israel ist, bedrängten Juden aus aller Welt Zuflucht zu bieten. Der junge Staat wurde von einer Welle der Immigration überschwemmt, sodass sich allein in den Jahren von 1948 bis 1951 die jüdische Bevölkerung in Israel verdoppelte. Die ersten Einwanderer kamen nicht nur als Holocaustüberlebende aus Europa: Ungefähr eine Million Juden mussten in diesem Zeitraum ihre Heimat in arabischen Ländern verlassen, weil ihnen das Leben dort unmöglich gemacht wurde. Die meisten flohen nach Israel.

In den fast sieben Jahrzehnten seines Bestehens bewältigte der Staat Israel mehrere große Einwanderungswellen, sodass heute mehr als sechs Millionen Juden im »Land ihrer Väter« leben. Erst in den vergangenen Jahren zogen Zigtausende von Juden aus Frankreich und der Ukraine nach Israel.

Johannes Gerloff

Gott, ein Turm, eine Burg

6. Oktober 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Botschaft: Der Cranachaltar zeigt Gott als Zuflucht und Retter in der Not

Jerusalem, du hoch gebaute Stadt,
wollt Gott, ich wär in dir!
Mein sehnend Herz
so groß Verlangen hat
und ist nicht mehr bei mir.
Weit über Berg und Tale,
weit über Flur und Feld
schwingt es sich über alle
und eilt aus dieser Welt.
Choral von Johann Matthäus Meyfart aus dem Jahr 1626

Ein Herz macht sich auf und fliegt schon mal vor. Jerusalem, die Stadt auf dem Berge, ist sein Ziel. Johann Matthäus Meyfart besingt in seinem lutherischen Choral »Jerusalem, du hoch gebaute Stadt« die Sehnsucht nach Jerusalem, die zugleich eine Got­tessehnsucht ist.

Jerusalem ist auf vielen protestantischen Gemälden, auch auf einigen Vorgängern des Weimarer Altarbildes, im Hintergrund zu sehen. Das himmlische Jerusalem ist die Braut Gottes und der Fluchtpunkt unseres Lebens. Wenn diese Welt vergeht, wird diese Stadt aus dem Himmel herab schweben und eine unzählbare Schar von Frommen aufnehmen.

Auf unserem Cranachaltar erhebt sich hinten links an der Horizontlinie ein weißer Berg. Ein schmaler Weg führt hinauf. Und dort, nicht auf dem höchsten Gipfel, steht ein Gebäude. Es ist nicht Jerusalem. Ich vermute an dieser Stelle ein Gottesbild. Gott ist ein Turm, ein Fels, eine feste Burg.

»Denn du bist meine Zuversicht, ein starker Turm vor meinen Feinden«, heißt es in der Bibel (Psalm 61, 4). Und an anderer Stelle: »Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.« (Psalm 31, 4).

Auf dem Cranachaltar erhebt sich hinten links an der Horizontlinie ein weißer Berg. Ein schmaler Weg führt hinauf. Und dort, nicht auf dem höchsten Gipfel steht ein Gebäude. Es ist nicht Jerusalem, sondern eher ein Gottesbild. Gott ist ein Turm, ein Fels, eine feste Burg. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Auf dem Cranachaltar erhebt sich hinten links an der Horizontlinie ein weißer Berg. Ein schmaler Weg führt hinauf. Und dort, nicht auf dem höchsten Gipfel steht ein Gebäude. Es ist nicht Jerusalem, sondern eher ein Gottesbild. Gott ist ein Turm, ein Fels, eine feste Burg. Foto: Stadtkirchengemeinde Weimar

Hier, wo der Berg steht, thront auf vielen mittelalterlichen Altären Gott selbst. Freundlich blickt er aus dem Himmel wie ältere Damen aus dem Fenster. Vor sich die Hände auf einem Wolkenkissen gekreuzt, ein weißer Bart, ein milder Blick.

Gott als alter untätiger Mann. Das ist ein Gottesbild aus der Zeit der Patriarchen. Für uns ist das eher schwer nachvollziehbar. Aber ist es nicht so? Ein Patriarch, der nicht angegriffen wird, betrachtet die Welt mit großzügiger Gelassenheit. Wenn er ruht, und solange er ruht, ist die Welt in Ordnung. Er nimmt die Arme erst vom Kissen, wenn Gefahr droht.

Dieses Gottesbild stammt aus Zeiten, die Gott unbedingt souverän sehen wollten. Allein und unberührt musste er sein. Ein Gott, der sich nicht selbst im Weltgebäude aufhält, sondern höchstens zum Fenster hineinschaute, um zu sehen, ob auch alles ruhig lief.

Cranach hatte – anders als wir – noch kein echtes Problem mit dem milden Patriarchen-Gott. Und dennoch ist bei ihm Gott kein alter Mann, sondern eben ein Turm oder eine Burg. Das liegt daran, dass er das Gottesverhältnis existenziell versteht.

Wir sehen Gott, wie wir ihn in unserer Not oder in unserer Sehnsucht sehen. Im Choral von Johann Matthäus Meyfart sah die Sehnsucht die hoch gebaute Stadt Jerusalem, das Ziel der Sehnsucht. In unserem Altar geht es um Blicke in der Situation der Angst, die retten können, wenn die Richtung des Blickes die richtige ist.

Die Israeliten rechts oben im Zeltlager blicken zur Schlange hoch. Cranach der Ältere, der weißbärtige Mann, auf dessen Haupt der Blutstrahl endet, hat gerade zum Kreuz hoch geblickt. Selbst der alte Adam, der verzweifelt vor Tod und Teufel flieht, sieht verzweifelt zum Kreuz hoch. Wir sehen Gott so, wie wir ihn brauchen.

Der Reformationsaltar zeigt den Kampf der menschlichen Seele um Erlösung. Luther suchte den gnädigen Gott, der ihm helfen konnte. Und so ist das Gottesbild unseres Altars ein Turm, Zuflucht und Rettung aus Gefahr in der Situation großer Not.

Frank Hiddemann

In der Reihe »Bild und Botschaft« geht der Autor den Details und ihrer Botschaft eines Meisterwerkes reformatorischer Kunst nach: des Weimarer Altarbildes von Lukas Cranach dem Jüngeren.

Pessach: Der Auszug aus dem Land des Todes

7. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ostern: Selten fallen das jüdische Passah- und das christliche Osterfest terminlich zusammen – so wie in diesem Jahr

Der Auszug aus Ägypten ist das Urgeschehen des Erlösungshandelns Gottes. In der Festwoche vom 15. bis 21. Nissan des jüdischen Kalenders gedenkt das Volk Israel dieses Ereignisses. In diesem Jahr fallen das Passah- und das Osterfest kalendarisch zusammen.

Das Passahfest fällt in diesem Jahr auf den 4. bis 10. April. Bis zur Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 nach Christus wurde am Vorabend des Festes ein Lamm für jede Familie geschlachtet, genau nach Vorschrift (2. Mose 12). Sein Blut war in Ägypten an den Türrahmen gestrichen worden und hatte den Würgeengel, der alle Erstgeborenen in Ägypten tötete, veranlasst, an den Häusern der Israeliten vorüberzugehen. Das hebräische Wort für »überspringen«, »übergehen«, »auslassen« ist »passach«. Daher kommt das Wort Pessach, Passah, – oder auch die griechische Bezeichnung Pas’cha für Ostern.

Der römisch-jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus berichtet, wie in den letzten Jahren des Tempels in Jerusalem an einem Fest noch mehr als eine viertel Million Passahlämmer geopfert wurden. Abgesehen von wenigen Ausnahmen – etwa bei der Volksgruppe der Samaritaner, die jedes Jahr auf dem Berg Garizim in Samaria ihr Passahopfer darbringt – wird das Tieropfer heute durch Symbole ersetzt, wenn das jüdische Volk am Abend des 14. Nissan den Sederabend feiert.

Die typischen Seder-Speisen. Foto: Johannes Gerloff

Die typischen Seder-Speisen. Foto: Johannes Gerloff

»Seder« ist die »Ordnung«, der zufolge dieser Abend begangen wird. Im Rahmen eines festlichen Mahls werden symbolische Speisen verzehrt. Auf dem Tisch liegen drei ungesäuerte Brote, »Mazzen« genannt. Im Mittelpunkt steht der Sederteller mit einem gekochten Ei, einem Knochen, dem sogenannten »Charoset«, Salat und Petersilie, bitteren Kräutern und Salzwasser.

Das »Charoset«, ein süßes Gemisch aus geriebenen Äpfeln, Nüssen, Wein und Zimt, soll an den Lehm erinnern, mit dem die hebräischen Sklaven in Ägypten Ziegel herstellen mussten. Die bitteren Kräuter, meist Meerrettich, symbolisieren die Härte der Sklaverei. Das Salzwasser erinnert an die Tränen, die bei alledem vergossen wurden. Das Ei steht nach jüdischer Vorstellung für die besonderen Opfer der Festzeit. Der Knochen erinnert an das Lamm, das geschlachtet wurde, dem dabei aber kein Knochen gebrochen werden durfte. Petersilie und Salat stellen die Verbindung zum Frühling her. Während des Mahls werden vier Becher Wein getrunken. Ein fünfter Kelch wartet auf den Propheten Elia, den Vorgänger des Messias.

Zu Beginn des Abends steht die Frage des Jüngsten in der Runde: »Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen?« Die Sederliturgie, die »Pessach-Hagaddah« (»«Pessach-Erzählung), beantwortet diese Frage mit Zitaten aus den Heiligen Schriften, spielerischen Gesängen und Texten aus der jüdischen Tradition. Der ganze Abend ist darauf ausgerichtet, allen Anwesenden die Einzelheiten des Heilshandelns Gottes so einzuprägen, als sei jeder selbst aus Ägypten ausgezogen.

Im Andenken an die Eile des Auszugs soll das jüdische Volk eine Woche lang nichts essen, das einen Gärungsprozess durchlaufen hat. Das Gebot, dass »keinerlei Gesäuertes in deinen Häusern zu finden sein« soll (2. Mose 12,19), wird sehr genau genommen und ist Anlass für einen gründlichen und stressreichen Frühjahrsputz. Sorgfältig wird alles Gesäuerte bis auf den letzten Krümel verbrannt.

Der Sabbat, der dem Passahfest vorausgeht, ist bekannt als »Schabbat HaGadol«, »der große Sabbat«. In diesem Jahr war das der 28. März. Im Gottesdienst am »Schabbat HaGadol« wird ein Abschnitt aus dem Propheten Maleachi (3,4-24) verlesen. Nachmittags erklären die Rabbiner die speziellen Gebote für Pessach. Am Sabbat während des Passahfests selbst wird das Hohelied Salomos verlesen.

Johannes Gerloff

Logo gegen die Wellness-Religion

4. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Warum sich das Kreuz aus der Menschheitsgeschichte nicht herausdrängen lässt

Aus globalem und welthistorischem Blickwinkel war es völlig unwichtig, was da an einem Freitag vor fast zweitausend Jahren auf dem Hügel Golgota in einem aufgelassenen Steinbruch vor der Stadt Jerusalem geschah. Nach verhältnismäßig kurzem Todeskampf starb dort am Verbrechergalgen ein Wanderrabbi namens Jeschua aus Nazareth, ein Prediger der Umkehr und Prophet einer gerechteren Welt wie viele damals. Außerhalb der galiläischen Landschaft um den See Gennesaret kannte ihn noch kaum jemand. Die Jerusalemer Führungsclique hatte er dennoch in Angst versetzt, als er ihr in seinen Predigten Heuchelei und dogmatischen Starrsinn vorwarf und als er die irdischen Machtzentren in Jerusalem, Cäsarea, Rom unbefangen relativierte; Gott allein sei der Herr über die Menschen.

Lebensbaum und Mitte des Kosmos

In einem Schauprozess vor einem sorgfältig ausgewählten Publikum verurteilten ihn die Priester und Ältesten als religiösen Aufrührer und brachten den römischen Statthalter Pontius Pilatus dazu, ihn kreuzigen zu lassen.

Warum hat man diesen einen Gekreuzigten nicht vergessen – und mit ihm das Kreuz, das nicht nur einen Höhepunkt grausamer Strafjustiz markiert, sondern zu den Ursymbolen der Menschheitskultur gehört?

Seit undenklichen Zeiten markiert es kosmische Ordnung, Mitte und Kraftzentrum allen Lebens. Zwei Linien schneiden sich, und schon hat der unendliche Raum einen Mittelpunkt, sind zwei Achsen da zwischen Morgen und Abend, Himmel und Erde, vier Himmelsrichtungen. Ein Mensch mit ausgebreiteten Armen bildet ein Kreuz, er greift nach der Welt, übt Macht aus, umarmt und segnet. Der aufrecht in der Welt stehende Mensch ähnelt einem Baum, und tatsächlich stellen altorientalische und mittelamerikanische Kulturen den Kosmos im Bild des Lebensbaumes dar. Die Christen werden das Kreuz als erlösenden Lebensbaum jenem Baum im Paradies gegenüberstellen, von dem das erste Menschenpaar die verbotene Frucht aß.

Anfangs sprachen die Christen freilich gar nicht so gern über das Heil bringende Holz des Kreuzes und über die maßlos erniedrigende Art des Todes, den ihr Erlöser auf Golgota gefunden hatte.

Im vierten Jahrhundert, als Konstantin die Sklavenreligion der Christen zum Reichskult machte und die Kirche die Auffindung des »wahren Kreuzes« durch die Kaiserinmutter Helena mit einem eigenen Fest zu feiern begann, schlug die Stimmung um. Plötzlich redete alle Welt vom Kreuz, die Christenfrauen verwendeten goldene Kreuze als Halsschmuck, man entschloss sich, den Kreuzestod des Mensch gewordenen Gottes nicht mehr als erniedrigendes Scheitern zu interpretieren, sondern als schönstes Zeichen der Treue Gottes zu seinen Geschöpfen und als Wiederherstellung der verlorenen Menschenwürde. So war das zwar lange schon in den Schriften des Neuen Testaments zu lesen, aber erst jetzt setzte sich die neue Wertschätzung des Kreuzes auf breiter Front durch, an der Basis sozusagen. Paulus, der schriftkundige jüdische Theologe, war es, der den Fluch entschlossen zur Erlösung uminterpretierte. Das Verbrecherkreuz sah er als Signal der Versöhnung Gottes mit der Welt, als Symbol einer Kraft, die in der scheinbaren Ohnmacht und Schwäche wirkt und am Ende stärker ist als alle Gewalt irdischer Machthaber. Eine Umwertung aller Werte, die immer etwas von Mystik an sich hat.

Das Kreuz – es streicht alle mensch­lichen Wunschträume von Gott und von einem leidfreien Leben durch. Foto: epd-bild

Das Kreuz – es streicht alle mensch­lichen Wunschträume von Gott und von einem leidfreien Leben durch. Foto: epd-bild

In den Basiliken und Dorfkirchen hing Christus noch jahrhundertelang wie ein Monarch am Kreuz, in strahlende Prunkgewänder gehüllt, auf dem Kopf eine goldene Krone statt der Dornen. Erst im 13. Jahrhundert wurde aus dem triumphierenden Himmelskönig der geschundene Menschensohn. Sinnfälligstes Beispiel dieser neuen, realistischen Passionsfrömmigkeit: die Pietá, die Darstellung der Schmerzensmutter mit dem toten Jesus auf ihrem Schoß.

Triumphierende Inschrift auf Goldgrund

Im 19. und 20. Jahrhundert wandelt sich die Passionskunst noch einmal: Der Schmerzensmann wird zum Stellvertreter. Der gequälte Messias bündelt in sich alles Leid, was Menschen einander antun. Lovis Corinth, Marc Chagall, Salvador Dalí, Alfred Hrdlicka, Francis Bacon malen Gekreuzigte, welche die Gewalttätigkeit der Welt schmerzhaft deutlich, ohne jede Vergeistigung, abbilden. Vielleicht ist gerade das ein Grund, warum viele Menschen heute die Darstellung des zu Tode gefolterten Christus ablehnen, bis hin zu Prozessen gegen Kreuze in Gerichtssälen und Schulzimmern. Sie argumentieren, der Tote am Kreuz traumatisiere die Kinder und verstoße gegen das religiöse Toleranzgebot.
Ein angenehmes, ästhetisches Logo wird das Kreuz jedenfalls niemals sein. Es streicht alle menschlichen Wunschträume von Gott und von einem leidfreien Leben radikal durch, es verstört, es irritiert. Das blutige Kreuz auf Golgota ist das genaue Gegenteil einer weich gespülten Wellness-Religion, die keine Entscheidung fordert und keine Konsequenzen hat.

Nicht einmal hundert Meter von der Golgota-Kapelle entfernt soll sich in derselben Jerusalemer Kirche die Grabkammer befinden, in der Jesu Leichnam bestattet wurde und wo die Auferstehung stattgefunden hat. Non est hic, »er ist nicht hier«, meldet eine triumphierende Inschrift auf Goldgrund mit den Worten der Engel, die den Frauen am Ostermorgen am leeren Grab begegneten. Drei schlichte kleine Worte. Pilatus hatte nur das vorletzte Wort. Der Mensch, den er ans Kreuz nageln ließ, lebt. Bis heute.

Christian Feldmann

So viele Tränen wie Worte

10. Dezember 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Ungewisse Zukunft: Irakische Christen auf der Flucht vor der Terrorgruppe »IS«

Amar Al-Katib zeigt Fotos auf seinem Smartphone, um verständlich zu machen, warum er und seine Familie geflohen sind: Blut an Häuserwänden, zwei Jugendliche, die niedergeschossen wurden. Einer nur hat überlebt. Amar Al-Katib sitzt im Jugendraum unter der Herz-Jesu-Kirche in Amman, der Hauptstadt Jordaniens. Die Kirche gehört zum Lateinischen Patriarchat von Jerusalem der römisch-katholischen Kirche.

Amar Al-Katib mit seinem jüngsten Sohn Joel – die Familie floh vor dem »IS«-Terroraus dem Irak. Foto: Ralf-Uwe Beck

Amar Al-Katib mit seinem jüngsten Sohn Joel – die Familie floh vor dem »IS«-Terroraus dem Irak. Foto: Ralf-Uwe Beck

Hier leben seit August dieses Jahres zehn christliche Familien. Die mehr als 60 Menschen kommen aus der Region um Mossul im Norden Iraks. Darunter das Ehepaar Al-Katib, beide etwa 30 Jahre alt, mit ihren Kindern Rama und Joel. Im Juni dieses Jahres hatte die Terrorgruppe »IS« diese zweitgrößte Stadt des Irak eingenommen. Die Christen wurden vor die Alternative gestellt, zu konvertieren und Schutzgeld zu zahlen, zu fliehen oder ermordet zu werden. »Sie haben ein arabisches ›N‹ an die Häuser gemalt und daneben geschrieben ›Eigentum des IS‹«, schildert einer der Flüchtlinge. Das »N« steht für die Anhänger des Mannes aus Nazareth. 25 000 Christen sind daraufhin geflohen. Wer noch Geld hatte oder sich von Verwandten im Ausland helfen lassen konnte, hat ein Flugticket gekauft. So sind bisher rund 6 000 Flüchtlinge allein in Amman gelandet – zu all den Hunderttausenden, die aus Syrien in das kleine Königreich geflohen sind. In acht Kirchen der Stadt sind insgesamt 600 irakische Christen untergekommen. Sie leben in nur notdürftig hergerichteten Gemeinderäumen. Aus Hartfaserplatten sind Trennwände mit einer kleinen Falttür eingebaut. So hat jede Familie eine eigene Kammer. Es ist eng und laut. Aber sie sind sicher und haben ein Dach über dem Kopf.

Versorgt werden sie von der katholischen Caritas. Die Trennwände hat der Lutherische Weltbund finanziert, dazu Toiletten, kleine Küchen. »Wir leben hier wie eine Großfamilie«, redet Amar Al-Katib die Situation schön und sich selbst Mut zu. Doch das Gespräch hat so viele Tränen wie Worte. Sie haben alles verloren, haben Freunde sterben sehen und werden wohl nie in ihre Heimat zurückkehren. »Wir haben wie Brüder zusammengelebt, Christen und Muslime. Aber das ist vorbei«, sagt er.

Wohin sie gehen wollen? Das entscheide das UN-Flüchtlingshilfswerk. Ihnen sei das egal, einfach nur dorthin, wo sie sicher leben können. Ein Foto zeigt Amar Al-Katib zum Abschied noch. Zu sehen ist ein Taufbecken. Jemand hält den kleinen Joel darüber, gerade 15 Tage alt. Er ist in Amman geboren. Sie sind hinuntergefahren zum Jordan und haben ihn taufen lassen, dort, wo Johannes der Täufer einst Jesus getauft hat.

Ralf-Uwe Beck

Der Lutherische Weltbund (LWB) will noch zwei weitere Kirchen in Amman für Flüchtlinge herrichten, benötigt dafür aber dringend weitere Spenden:
Deutsches Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes, IBAN DE21 5206 0410 0000 4195 40, BIC GENODEF1EK1, Stichwort: Jordanien

www.dnk-lwb.de/spenden

Verlockend und gut zu essen

1. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Früchte in der Bibel: Sie sind Zeichen des Segens, Sinnbild für Schönheit aber auch Objekt der Versuchung

Der Spätsommer ist die Zeit vieler Früchte. Äpfel und Birnen, Himbeeren, Brombeeren und Holunder werden reif. Verlockende Früchte spielten aber auch schon in der Bibel eine wichtige Rolle.

Dem ersten Schöpfungsbericht zufolge schuf Gott die fruchttragenden Bäume am dritten Tag. Da nahm sich Gott vor, Gräser und Kräuter sprießen zu lassen, die sich über Samen vermehren. Auch Bäume lässt Gott entstehen; bei ihnen ist der Same in Früchten verborgen. Am Ende des Tages war Gott zufrieden mit seinem floralen Werk: »Und Gott sah, dass es gut war«.

(1. Mose 1, 12)

Die wohl bekannteste Frucht der Bibel ist die Frucht vom Baum der Erkenntnis: »Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, … und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.« (1. Mose 2,9) Den Menschen verbot er, von den Früchten dieses Baumes zu essen. Eines Tages sagte eine Schlange zu Eva: Ihr werdet nicht sterben, wenn ihr vom Baum der Erkenntnis esst, »sondern ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist«. Ein Apfel, wie vielfach angenommen, war die verhängnisvolle Frucht übrigens nicht. In der Erzählung ist lediglich von einer Frucht die Rede: »Und sie nahm von der Frucht und aß …«

(1. Mose 3,6)

Früchte wie Feigen, Datteln und Trauben waren wichtige Nahrungsmittel. Ohne sie würde die Erde zum unfruchtbaren Jammertal. Der Prophet Joel mahnte seine Mitmenschen daher, wachsam und gottesfürchtig zu bleiben. Denn sollte eines Tages eine Zeit kommen, in der »der Weinstock verdorrt ist und der Feigenbaum verwelkt, auch die Granatbäume, Palmbäume und Apfelbäume, ja, alle Bäume auf dem Felde … So ist die Freude der Menschen zum Jammer geworden.«

(Joel 1,12)

Im Hohelied werden Früchte zu poetischen Bildern, mit denen sich zwei Liebende gegenseitig beschreiben. Da sprüht es nur so von Vergleichen, die die erotischen Fantasien der Leser und Leserinnen anregen. »Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Jünglingen. Unter seinem Schatten zu sitzen begehre ich, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß«, dichtet die Frau. (Hoheslied 2,3) Und ihr Freund erwidert: »Dein Wuchs ist hoch wie ein Palmbaum, deine Brüste gleichen den Weintrauben. Ich will auf den Palmbaum steigen und seine Zweige ergreifen. Lass deine Brüste sein wie Trauben am Weinstock und den Duft deines Atems wie Äpfel …«

(Hoheslied 7,8-9)

Foto: mythja – Fotolia.com

Foto: mythja – Fotolia.com

Früchte bereiteten nicht nur den Verliebten Freude. Der Prophet Sacharja spricht von einer Zeit, in der Gott den Menschen die Sündenlast abnehmen werde, und betont: »Zu derselben Zeit … wird einer den andern einladen unter den Weinstock und unter den Feigenbaum.« (Sacharja 3,10) Jeder, der es sich leisten konnte, mit seinen Nachbarn gesellig unter Feigenbäumen zusammenzusitzen, konnte sich reich und glücklich schätzen. Denn diese Bäume liefern gleich zweimal im Jahr leckere Früchte.

Obwohl sich Jesus gegen das Fluchen aussprach, fluchte auch er gelegentlich. Eine merkwürdige Überlieferung berichtet davon, dass einer seiner Flüche einen Feigenbaum traf. Und das nur, weil er keine Früchte trug als Jesus welche essen wollte. Als ihn der Hunger plagte, sah er einen Feigenbaum, »ging hin und fand nichts daran als Blätter und sprach zu ihm: Nun wachse auf dir niemals mehr Frucht! Und der Feigenbaum verdorrte sogleich.«

(Matthäus 21,19)

Zusammen mit dem Baum der Erkenntnis stand der Baum des Lebens einst mitten im Paradies. Um zu verhindern, dass die Menschen auch von seinen Früchten aßen, versperrte Gott den Weg zurück in den Garten Eden. Im himmlischen Jerusalem aber werden sie von seinen Früchten essen können, dort wird es viele Lebensbäume voller Früchte geben, verspricht das letzte Buch der Bibel. Dort wird ein »Strom lebendigen Wassers« fließen, »klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes«. Die Bäume des Lebens, die dort wachsen, tragen in jedem Monat Früchte. Und wie eine Rücknahme der Verfluchung des Feigenbaums durch Jesus klingt der Zusatz: »Es wird nichts Verfluchtes mehr sein.«

(Offenbarung 22,ff.)

Uwe Birnstein

Den lebendigen Christus erleben

20. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Biblische und systematische Aspekte zur Auferstehung – Sie war und ist Gegenstand des Zweifels

Die Auferstehung Jesu ist das Zentrum des christlichen Glaubens. Wer die Auferstehung Jesu leugnet, muss sich vom Christentum verabschieden. Dies gilt für die Leser des ersten Korintherbriefes genauso wie für uns heute: »Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich« (1. Korinther 15,14).

Auferstehung? Was ist damit gemeint?

Genau genommen ist die Rede von der Auferstehung Jesu der sprachlich kürzeste Ausdruck für die grundlegende Überzeugung des Christentums: Gott lässt Jesus von Nazareth nicht im Tod, sondern erweckt ihn zu einer neuen Existenz. Weil Tod und Auferstehung aber jenseits dessen sind, was der Mensch im irdischen Leben erfährt, muss sich der Glaube mit einer metaphorischen Redeweise behelfen.

Gemälde von Eugène Burnand (1850–1921): Die Jünger Petrus und Johannes am Auferstehungsmorgen auf dem Weg zum Grabe, um 1898. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Gemälde von Eugène Burnand (1850–1921): Die Jünger Petrus und Johannes am Auferstehungsmorgen auf dem Weg zum Grabe, um 1898. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Um die Texte zu verstehen, die von der Auferstehung Jesu erzählen, hat die Theologie viele Versuche unternommen: Rudolf Bultmann (1884 bis 1976) will die Auferstehung als Wirklichkeit verkündigen, die eine existenzielle Bedeutung hat. Der Osterglaube ist für ihn das Zeichen, dass die christliche Verkündigung von Kreuz und Auferstehung den Menschen zur Entscheidung für den Glauben ruft.

Karl Barth (1886 bis 1968) sieht in der Auferstehung Jesu Gott selbst am Werk. Die Auferstehung wird als wirkliche und neue, als einzigartige Tat Gottes verstanden. Sie muss als die exklusive Tat Gottes dem Menschen durch Christus im Heiligen Geist offenbart und vom Menschen im Glauben angenommen werden.

Verkürzt diskutiert Gerd Lüdemann (*1946) die Frage der Auferstehung. Er glaubt, dass sie nicht stattgefunden hat und Jesus demnach im Grab – so er denn eins hatte – einfach verwest ist. Die Jünger Jesu hätten lediglich den Schock des Kreuzes für sich selbst mit dem Glauben an die Auferstehung Jesu kompensiert. Das Christentum sei demnach auf Projektionen, Wünschen und Visionen aufgebaut.

Peter Lampe (*1954) widerspricht dieser Konstruktion und verweist darauf, dass die Wirklichkeit immer ein Konstrukt aus verschiedenen Komponenten ist. Diesem Hinweis gilt es in systematischer Perspektive nachzugehen, da dies ein entscheidendes Element zum Verstehen der Auferstehung ist. Denn das, was die Frage für uns heute so schwierig macht, ist unser oft verengtes Verständnis von Realität. Unser Weltbild ist von popularisierten Naturwissenschaften geprägt, unser Verständnis von Wirklichkeit damit aber unterbestimmt. Deshalb stellen wir uns unter Auferstehung in erster Linie die Wiederbelebung eines Leichnams vor. Dass die Auferstehung Jesu aber gerade einen solchen Vorgang nicht meint, wird durch die vielfältigen Bezeugungen im Neuen Testament deutlich.

Zuerst müssen wir erkennen, wie wir Wirklichkeit konstruieren. Wenn wir etwas verstehen, ist das ein produktives Zusammenspiel von Wahrnehmung und Sinngebung. Wenn wir etwas verstehen, dann legen wir ihm einen Sinn bei. Wir interpretieren das, was wir erleben. Und wir interpretieren es mit dem Wissen, das wir vorher erworben haben. Wir bauen das, was wir erleben, in das, was wir kennen ein, und kreieren so Wirklichkeit und Wissen. Verstehen ist also ein Dialog zwischen dem, was auf uns zukommt, was wir mit unseren Sinnen erfassen, und dem, was wir daraus machen. Wirklichkeit ist demnach immer das, was wir daraus machen. Aber wir konstruieren die Wirklichkeit auch nicht beliebig, sie ist keine Erfindung von uns. Sie regt uns zu den Deutungen an, weil wir sie erleben.

In Bezug auf die Auferstehung Jesu heißt das: »Auferstehung Jesu« ist eine sprachliche Interpretation derjenigen, die den gekreuzigten Jesus als Lebenden erlebt haben (Lukas 24,5).

Das Neue Testament beschreibt in vielen Texten, welche Erfahrungen hinter der Rede von der Auferstehung Jesu stehen. Der Apostel Paulus erklärt seinen Lesern, dass die Auferstehung Jesu etwas ganz Neues ist. Im Ersten Korintherbrief benennt Paulus eine ganze Reihe von Zeugen der Auferstehung Jesu, um sie glaubwürdig zu machen. Da dies dem antiken wie dem modernen Leser nicht genug ist, erklärt Paulus die Rede von der Leiblichkeit der Auferstehung näher (1. Korinther 15,35-49) und bricht so das schlichte Verständnis der Wiederbelebung des Körpers Jesu zugunsten einer neuen Existenzform des Auferstandenen auf. Paulus stellt klar, wie man sich Auferstehung denken muss: als neue Existenzform, als geistige Realität.

In Markus 16,1-8 finden die Frauen ein Grab vor, in dem ein junger Mann auf sie wartet. Er sagt ihnen, dass Jesus auferstanden ist. Die Frauen verstehen nicht und sind darüber entsetzt. Voller Angst fliehen sie. Auferstehung ist also etwas, das Angst macht, das man erst verarbeiten muss.

Der Evangelist Lukas zeigt, wie das geht. Zwei Jünger Jesu gehen nach Emmaus. Lukas nimmt den Leser in die Pädagogik der Erzählung hinein und erklärt, wie es überhaupt möglich ist, an die Auferstehung Jesu zu glauben. Am Anfang steht das brennende Herz (Lukas 24,32), also das Erleben der Gegenwart Christi. Dies muss aber gedeutet werden. Obwohl die Jünger vom leeren Grab Jesu gehört haben, obwohl sie wissen, dass den Frauen Engel erschienen sind, die von der Auferstehung berichtet haben – trotzdem halten sie Jesus für einen gescheiterten Propheten. Erst mit Hilfe des ihnen unbekannten Wanderers deuten sie dann ihre Erlebnisse in Jerusalem vor dem alttestamentlichen Horizont, in dem sie diese verstehen müssen. Erst im Vollzug der eucharistischen Gemeinschaft erkennen sie für sich, dass der Wanderer Christus selbst ist. Am Anfang steht also das Erleben der Gegenwart Christi, am Ende des Verstehensprozesses steht die Rede von der Auferstehung Jesu.

Die Auferstehung Jesu hängt deshalb nicht von einer historischen Hypothese ab. Selbst wenn das Grab Christi gefunden werden könnte, selbst wenn dort Knochen zu finden wären, die man eindeutig Jesus von Nazareth zuordnen könnte, selbst dann wäre damit die Auferstehung Jesu nicht widerlegt. Denn die Auferstehung Jesu ist eine sprachliche Deutung der Tatsache, dass die damaligen Jünger Jesu genau wie die heutigen Christen den lebendigen Christus erleben.

Paul Metzger

Der Autor ist Referent beim Konfessionskundlichen Institut in Bensheim.

Fundsache: Saurer Glühwein für Salomos Arbeiter

14. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Unter König Salomo gab es für die Bauarbeiter »schlechten« oder auch »verdorbenen« Wein. Dieser wurde in großen tönernen Behältern aufbewahrt. Bürokratisch ordentlich waren sie am Gefäßrand mit eingebrannter Inschrift gekennzeichnet.

Diese Entdeckung veröffentlichte jetzt Professor Gershon Galil von der Universität Haifa. Ihm gelang es, eine schwer zu entziffernde Inschrift in urhebräischer Schrift neu zu interpretieren. Nachdem Archäologen 2012 südlich des heutigen Tempelberges im ältesten Teil Jerusalems die Scherben gefunden hatten, taten sich Experten zunächst schwer mit der Entzifferung der Inschrift.

Anhand der Erdschicht am Fundort und der Form des Gefäßes konnte das Alter der Scherben ziemlich genau auf das Jahr 950 vor Christus bestimmt werden. Das sei exakt die Regierungszeit des biblischen Königs Salomo. Der ließ ein paar Meter weiter nördlich den ersten »salomonischen« Tempel errichten. Die nun entzifferte Inschrift passe wunderbar dazu. Denn ein großer Behälter mit »schlechtem Wein« bedeutete, dass dort Arbeiter tätig waren. Die Kennzeichnung des Gefäßes liefere zudem einen kleinen Beweis für eine ordentliche Verwaltung.

Ulrich W. Sahm berichtet für unsere Zeitung aus Israel.

Ulrich W. Sahm berichtet für unsere Zeitung aus Israel.

Nach Angaben von Galil sei der erste erhaltene Buchstabe ein »M«, also die Endung der Zahl 20 oder 30 auf Hebräisch. Das entspräche einer Jahreszahl, etwa dem 20. oder 30. Regierungsjahr Salomos. Dann las er zweimal ein »I« und ein »N«, was bis heute das Wort für »Wein« ist. Nur in der Gegend südlich von Hebron sei damals »Jain« für »Wein« mit einem doppelten »I« geschrieben worden. Das nächste von Galil entzifferte Wort lautet »Halak«. Das sei typisch für die ugaritische Sprache. Ugarit liegt heute in Syrien nahe der türkischen Grenze. Dort sei der Wein in drei Kategorien eingeteilt worden: Gut, schlecht und verdorben (Halak). Die dritte Sorte, der verdorbene Wein, habe natürlich nicht der König getrunken. Vielmehr hätten den die Sklavenarbeiter zu trinken bekommen. Der letzte lesbare Buchstabe sei wieder ein »M«, was »von« bedeuten kann und vielleicht von einem Ortsnamen gefolgt war, der Herkunft des Weines.

Bei einer Ausgrabung auf Tel Kabri im Norden Israels, wo ein etwa 3 700 Jahre alter Weinkeller gefunden wurde, ergab eine Analyse der im Topfboden abgesetzten Weinspuren, dass der vergorene Traubensaft mit Gewürzen angereichert wurde – offenbar um ihn trinkbar zu machen. Die Gewürze erinnern stark an modernen Glühwein für Weihnachten: Honig, Minze, Zimtborke, Wacholderbeeren und Zedernharz.

Mit der Entzifferung der Inschrift auf Scherben, die genau in die Regierungszeit des Königs Salomo datiert werden können, befeuert Galil die Diskussion unter Archäologen, die den König Salomo für einen Mythos halten und die biblische Erzählung anzweifeln. Denn Galil glaubt beweisen zu können, dass Jerusalem in jener Zeit kein winziges Dorf war, sondern Teil eines Königreiches mit funktionierender Bürokratie und Bauarbeitern, die eben »schlechten Wein« zu trinken bekamen.

Ulrich W. Sahm

Paläste in der Bibel

29. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Vom Glanz und Elend der biblischen Bauherren und ihrer stolzen Werke

Nicht nur die Fürsten der Renaissance oder die Bauherren heutiger Zeit stecken Unsummen in wertvolle Prachtbauten – schon die Mächtigen der Bibel ließen sich Paläste errichten. Mal erheischten sie damit Bewunderung, mal ernteten sie Kritik.

Jeremia warnt vor Prunksucht

Auch er fiel in Ruinen: Der Palast Herodes des Großen in der von ihm kurz vor der Zeitenwende gegründeten Stadt Cäsarea am Mittelmeer – einer von ­mehreren Palästen des »römischen Klientelkönigs« wie er auch bezeichnet wird. Foto: picture alliance

Auch er fiel in Ruinen: Der Palast Herodes des Großen in der von ihm kurz vor der Zeitenwende gegründeten Stadt Cäsarea am Mittelmeer – einer von ­mehreren Palästen des »römischen Klientelkönigs« wie er auch bezeichnet wird. Foto: picture alliance

Durch den Propheten Jeremia teilte Gott König Jojakim mit, was er von Prunksucht hielt: »Weh dem, der sein Haus mit Sünden baut und seine Gemächer mit Unrecht«, heißt es da. Wer sich »denkt: ›Wohlan, ich will mir ein großes Haus bauen und weite Gemächer‹, und lässt sich Fenster ausbrechen und mit Zedern täfeln und rot malen«, der solle lieber noch einmal in sich gehen. »Meinst du, du seist König, weil du mit Zedern prangst?«, fragt Gott König Jojakim. Und droht: »Er soll wie ein Esel begraben werden, fortgeschleift und hinausgeworfen vor die Tore Jerusalems.« (Jeremia 22,14ff)

13 Jahre Bauzeit: Salomos Palast

Den in der Bibel am ausführlichsten beschriebenen Palast ließ König Salomo errichten. Dreizehn Jahre lang wurde an dem Königshaus gebaut, das aus mehreren Gebäuden bestand. Das »Libanon-Waldhaus« errichtete er aus kostbarem Zedernholz. Es gab große Hallen »mit Säulen und einem Aufgang davor«. Die »Thronhalle, in der er Gericht hielt«, war »vom Boden bis zur Decke« mit Zedernholz getäfelt. Außerdem ließ er sowohl für sich als auch für seine Frau ein eigenes Wohnhaus bauen. »Der König machte einen großen Thron von Elfenbein und überzog ihn mit dem edelsten Gold.« Das »Libanon-Waldhaus« ließ er mit Gold verzieren und auch alle Gefäße dort bestanden »aus lauterem Gold; denn das Silber achtete man zu den Zeiten Salomos für nichts«. (1. Könige 7,1ff)

König David: Import von Material und Fachleuten

Nachdem König David Jerusalem erobert hatte, ließ er sich einen Palast bauen. Unterstützung erhielt er von Hiram, dem König von Tyrus. Er schickte einige Ladungen Edelholz und stellte Handwerker zur Verfügung. Der Reichtum, der David plötzlich zur Verfügung stand, war für David ein Beweis dafür, dass Gott auf seiner Seite stand. Als die Boten mit dem kostbaren Baumaterial eintrafen, erkannte er, »dass der Herr ihn zum König über Israel bestätigt und sein Königtum erhöht hatte«. Auch auf die Frauenwelt scheint der Prunk gewirkt zu haben, denn »David nahm noch mehr Frauen und Nebenfrauen in Jerusalem.« (2. Samuel 5,11)

Wenig rühmlich: Ahab und sein Elfenbeinhaus

Auch König Ahab schien eher von Besitzgier geleitet als von Gottesgehorsam. Sein Palast stand in Jesreel. In der Nähe befand sich ein Weinberg, den er unbedingt besitzen wollte. Als der Eigentümer sich auf keinen Handel einließ, legte Ahab sich beleidigt ins Bett. Seine Frau nahm die Sache in die Hand und denunzierte den Weinbergsbesitzer, der daraufhin gesteinigt wurde. Die Strafe Gottes folgte einige Zeit später. Ahab zog gegen Gottes Willen in den Krieg, wurde angeschossen und verblutete elendig. Auch er hatte versucht, seinen Einfluss durch rege Bautätigkeiten zu unterstreichen. Von einem »Elfenbeinhaus, das er baute«, ist da die Rede und von Städten, »die er ausgebaut hat«. (1. Könige 21,1ff; 22,34ff)

Paläste werden vom Feuer verzehrt

Was Gott mit den Palästen derer anstellen will, die ihn über all dem Größenwahn beim Bau ihrer Luxusvillen vergessen haben, lässt er durch seine Propheten verkünden: »Israel vergisst seinen Schöpfer und baut Paläste, und Juda macht viele feste Städte«, klagt er durch Hosea. »Aber ich will Feuer in seine Städte senden, das soll seine Paläste verzehren.« Und Jesaja ergänzt: »Wilde Hunde werden in ihren Palästen heulen und Schakale in den Schlössern der Lust.« (Jesaja 13,22; Hosea 8,14)

In einem Palast wird Jesu Tod geplant

Die Grenze zwischen größeren Wohnhäusern, Villen und Palästen war in biblischer Zeit fließend. Es waren also nicht nur Könige, die in Palästen wohnten. Auch andere hochrangige Personen wie Priester stellten ihren Status durch luxuriöse Gebäude zur Schau. Und sie waren oft auch Orte der Diskussion. So heißt es im ­Matthäusevangelium zum Beispiel, die Verschwörung gegen Jesus habe im Palast eines Hohepriesters stattgefunden: »Da versammelten sich die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes im Palast des Hohenpriesters, der hieß Kaiphas, und hielten Rat, wie sie Jesus mit List ergreifen und töten könnten.« (Matthäus 26,3)

Völlig überirdisch: Gottes Palast

Von einem Palast ganz anderer Art ist beim Propheten Amos die Rede. Er beschreibt die Macht Gottes, der von seinem himmlischen Palast aus regiert, mit folgenden Worten: »Denn Gott, der Herr Zebaoth, ist es, der die Erde anrührt, dass sie bebt.« Und er fährt fort: »Er ist es, der seinen Saal in den Himmel baut und seinen Palast über der Erde gründet.« (Amos 9,5f)
Uwe Birnstein

»Wir müssen an unserem Profil arbeiten«

16. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Schweden: Besonders im Süden des Landes fordern Freikirchen die lutherische Staatskirche heraus

Freikirchen beflügeln seit Langem das religiöse Leben in der Region Småland. Als Zentrum des »Bibelgürtels« gilt dabei Jönköping – auch »Smålands Jerusalem« ­genannt.

Blick auf »Smålands Jerusalem«: Die Altstadt von Jönköping am Vättersee – im Vordergrund die modernen Gebäude der Universität, in der Mitte die ­Sophiakirche mit ihrem 72 Meter hohen Turm. Foto: Universität Jönköping

Blick auf »Smålands Jerusalem«: Die Altstadt von Jönköping am Vättersee – im Vordergrund die modernen Gebäude der Universität, in der Mitte die ­Sophiakirche mit ihrem 72 Meter hohen Turm. Foto: Universität Jönköping

Im Städtchen Vetlanda, zwischen Ostsee und der Südspitze des Vättersee gelegen, ist der Begriff Bibelgürtel wörtlich zu nehmen, jedenfalls wenn man der Beschreibung von Pfarrer Peter Åström auf der Karte folgt. Wie ein breiter Gürtel ziehen sich die Glaubensgemeinschaften vom Osten bis in den Nordteil der Stadt: vom Bibelcenter der neuen Pfingstgemeinde vorbei an der Missionskirche ins Stadtzentrum zur alter Pfingstgemeinde und der Heilsarmee. Auf der anderen Bahnhofsseite vorbei an Freier Gemeinde und Allianzkirche. Schließlich endet der Gürtel nördlich der Methodisten beim Gemeindehaus der Schwedischen Kirche. Hier sitzt Pfarrer Peter Åström und rechnet zusammen: auf knapp 13000 Einwohner kommen acht verschiedene Glaubensgemeinschaften; Zeugen Jehovas und syrisch-orthodoxe Kirche ausgenommen.

Die Gemeinde Vetlanda, zu der Åströms Kirchspiel gehört, ist tiefes Småland, umgeben vom ganzjährigen Grün der Nadelwälder. Laut einer Untersuchung der Schwedischen Kirche besuchte hier an einem normalen Wochenende im Herbst 1999 rund ­jeder Sechste Einwohner (mehr als 16 Prozent) einen Gottesdienst in einer der Glaubensgemeinschaften. Im Regierungsbezirk Jönköping, zu dem Vetlanda gehört, waren es ähnlich viele. Der schwedische Durchschnitt lag dagegen gerade einmal bei 6,2 Prozent.

Herrnhuter Pietisten brachten die Erweckung

Der südschwedische Bibelgürtel mit Zentrum in Jönköping, auch »Smålands Jerusalem« genannt, ist kein Phänomen der Schwedischen Kirche, sondern eines der zahlreichen Freikirchen. Sie entstanden im 18. Jahrhundert infolge der schwedischen Erweckungsbewegung. Herrnhuter Pietisten waren es, deren Schriften Laien dazu ermutigten, Gottes Wort in kleineren Kreisen zu predigen. Aus Angst um den eigenen Status verbot die Schwedische Kirche diese Treffen ­zunächst. Trotzdem machten ein paar engagierte Laienprediger weiter. Nachdem das Verbot 1858 aufgehoben wurde, bildeten sich im Laufe weiterer Jahrzehnte mehrere Freikirchen und kirchennahe Gemeinden heraus, die bis heute bestehen. Doch warum sich der Bibelgürtel ausgerechnet hier gebildet hat, wagt keiner mit Sicherheit zu sagen.

Wirtschaftliche Gründe vermutet Curt Dahlgren, emeritierter Professor am Zentrum für Theologie und Religionsgeschichte in Lund: »Es gab damals viel kleinteilige Industrie in Småland. Vielleicht sind Unternehmertum und Freikirchlichkeit ja Hand in Hand gegangen im Sinne von Selbstständigkeit, die sich gegen die Schwedische Kirche durchsetzte.«

Wo auch immer der schwedische Bibelgürtel seine Ursprünge hat, es gibt Dinge, die hier bis heute anders laufen. Das erfuhr auch Pfarrer Peter Åström, als er vor fünf Jahren seine Stelle in Vetlanda antrat. In seinen vorherigen Gemeinden, nahe der Stadt Kalmar und auf der Insel Öland, war er als Pfarrer der Schwedischen Kirche erster Ansprechpartner zum Beispiel wenn Polizei oder Krankenpflege dringend einen Seelsorger brauchten. »Hier sind die Freikirchen in mancher Hinsicht tonangebender. Mein Kollege von der Missionskirche ist schon seit 1986 hier. Den kennen alle, also wird er natürlich zuerst angerufen.« Dennoch sieht Åström die Gemeindevielfalt in Vetlanda positiv. »Es geht hier nicht um Konkurrenz, sondern im Gegenteil führt diese Ökumene doch dazu, dass wir alle ein bisschen deutlicher an unserem Profil arbeiten müssen.«

Religiosität färbt auch auf die Staatskirche ab

In Vetlanda gibt es, genau wie in Jönköping und Huskvarna, auch den Rat zur christlichen Zusammenarbeit, in dem sich die Pfarrer aller acht Gemeinden einmal im Monat treffen und austauschen oder beispielsweise den jährlichen ökumenischen Freiluftgottesdienst planen. Dass die Freikirchen das religiöse Leben in Småland ­ins­gesamt anregen, davon können auch die vielen ehrenamtlichen Helfer in Åströms Gemeinde zeugen. Rund 20 Jugendliche und noch einmal so viele Senioren engagieren sich regelmäßig in der kleinen Gemeinde. Und: Auf etwa 10500 Gemeindeglieder kommen rund 70 Konfirmanden. Der schwedische Bibelgürtel, er bleibt eben ein Phänomen für sich.

Maxie Hochmuth

Warum es Israel so schwerfällt, Frieden zu schließen

11. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Naher Osten: Seit Jahrzehnten laufen die unterschiedlichsten Friedensbemühungen im Heiligen Land – doch bisher ohne jeden Erfolg

Der Frieden im Nahen Osten scheint unmöglicher denn je. Und schnell wird der Hauptschuldige am Scheitern aller Bemühungen ausgemacht: Israel.

Israel ist der Aggressor. Die Juden haben den Arabern im Nahen Osten den Lebensraum streitig gemacht – zugegebenermaßen wurden sie von Europa durch den Holocaust dazu gezwungen. Aber heute verhindern sie durch die ­Besatzung, die Apartheidsmauer und vor allem durch ihren Siedlungsbau eine Zweistaatenlösung.

Nicht nur aus Europa und Amerika, sondern auch von Israelis werden derartige Vorwürfe gegen die Regierung Israels erhoben. So schreibt David Grossman in einem Spendenaufruf für die Menschenrechtsorganisation B’Tselem: »Die israe­lische Besatzung des Westjordanlandes erscheint ohne Ende, während der Gazastreifen zunehmend isoliert ist und verarmt.« Der preisgekrönte israelische Schriftsteller beklagt, dass »mehr als vier Millionen Palästinenser ohne die grundlegenden Rechte leben, die wir in Israel für selbstverständlich halten«, und macht dafür »militante Siedlungen« und die »Trennungsbarriere« verantwortlich. Seinen Einsatz für »Gleichheit«, ein »Ende der Gewalt«, »die Würde aller Menschen« und dafür, »unseren Nachbarn Freiheit und Respekt zu geben«, begründet er mit seiner tiefen Sorge »um Israels Demokratie und Zukunft«.

Ganz andere Töne schlägt ein anderer prominenter Vertreter der israelischen Linken an. Professor Amnon Rubinstein war fast drei Jahrzehnte Knessetmitglied, zuletzt der linksliberalen Meretz-Partei. Er erklärte in einem Radiointerview Ende 2012 den Niedergang seiner Bewegung. Die israelische Linke habe darauf gebaut, dass territoriale Zugeständnisse Frieden bringen. »Aber«, so Rubinstein, »die palästinensische Führung und die arabische Welt haben alles getan, um das als falsch zu erweisen!«

Im Dauerclinch: Ein protestierender Palästinenser und ein israelischer Soldat sind in der Nähe von Ramallah aneinandergeraten. Foto: REUTERS

Im Dauerclinch: Ein protestierender Palästinenser und ein israelischer Soldat sind in der Nähe von Ramallah aneinandergeraten. Foto: REUTERS

Tatsächlich spielen die kategorischen Nein der Araber zu jeglichem Kompromiss eine entscheidende Rolle beim ­chronischen Scheitern aller Friedens­bemühungen in Nahost und weisen eine für arabische Verhältnisse ungewöhnliche Stringenz auf. Hätten die arabischen Staaten 1947 ein Ja zum Teilungsplan der UNO gefunden, wären israelische Städte wie Naharija oder Beerschewa heute ­arabisch. Hätte die Arabische Liga 1967 in Khartoum das israelische Gesprächsangebot nicht ausgeschlagen, könnten heute die Jerusalemer Altstadt weitgehend und alle sogenannten »Palästinensergebiete« arabisch sein. Hätte Jassir Arafat im Sommer 2000 in Camp David das Angebot Ehud Baraks nicht abgeschlagen, wäre heute ein Großteil der Westbank palästinensisch, einschließlich des Tempelbergs in Jerusalem. Zu Beginn seiner letzten Amtszeit unternahm Premierminister Netanjahu einen bis dato präzedenzlosen Schritt und verhängte ­einen Siedlungsbaustopp. Die Reaktion der Palästinenser war der Abbruch aller Gespräche.

Dabei hatte Emir Faisal, Urgroßonkel des heutigen jordanischen Königs Abdallah II., offensichtlich noch kein Problem mit einer jüdischen Besiedlung von West- und Ostufer des Jordans gehabt. In einem Briefwechsel mit dem Zionistenführer Chaim Weizman betonte der arabische Fürst 1919 die »uralten Verbindungen zwischen Arabern und Juden« und wollte eine »jüdische Einwanderung nach Palästina im großen Rahmen« fördern. Damals umfasste »Palästina« neben dem Staatsgebiet Israels und den Palästinenser­gebieten auch noch das gesamte Gebiet des heutigen Königreichs Jordanien. Als zwischen 1949 und 1967 Westbank und Gazastreifen in arabischer Hand waren, kam niemand auf die Idee, die Errichtung eines unabhängigen Palästinenserstaates zu fordern.

Aber seither ist viel Wasser den Jordan hinuntergeflossen. Was Israelis heute bewegt und vor einem Friedensschluss mit ihren arabischen Nachbarn zurückschrecken lässt, sind weniger Gebietsansprüche als vielmehr die Frage der Sicherheit. »Wenn die Araber mir glaubhaft versprechen, mich leben zu lassen, werde ich ­sofort Frieden schließen«, erklärt Valery – nach wie vor mit starkem französischen Akzent, obwohl sie schon vor mehr als dreißig Jahren nach Israel eingewandert ist. »Wir wollen unsere Kinder nicht auf dem Altar des Selbstmordwahnsinns ­opfern«, erklärt ein anderer Israeli. Und Regierungschef Benjamin Netanjahu wird nicht müde zu wiederholen, was viele in seinem Volk für extrem wichtig halten: »Höchste Priorität hat unser Überleben als Nation!«

Die stoische Gelassenheit, mit der die Weltgemeinschaft seit Jahren die martialischen Töne des Mullahregimes aus ­Teheran erträgt, »der Schandfleck Israel müsse von der Landkarte ­verschwinden«, ist genauso wenig dazu angetan, Israelis kompromissbereiter zu stimmen, wie die jüngsten Absichtserklärungen syrischer Salafisten: »Wenn wir Damaskus erobert haben, wenden wir uns nach Tel Aviv!« Weder die Aussagen des ägyptischen Präsidenten Mursi noch die des palästinensischen Präsidenten Abbas oder der Tenor dessen, was an palästinensischen Schulen gelehrt wird, sind von einer anderen Tonart geprägt.

Israel kann seine Augen nicht davor verschließen, dass der Islam ein grundsätzliches Problem mit jüdischer Souveränität über auch nur den kleinsten Fleck »islamischen Bodens« hat. Der demo­kratisch legitimierte Siegeszug der Islamisten im Rahmen des »Arabischen Frühlings« hat konkrete Auswirkungen auf israelische Befindlichkeiten. Eine freiheitlich-demokratische Rechtsordnung nach westlichen Maßstäben ist nirgendwo in der arabischen Welt auch nur in Ansätzen erkennbar.

Traurige Tatsache bleibt, dass alle Gebiete, die Israel an seine Nachbarn abgetreten hat, zu Ausgangsbasen für Terror wurden: Der Sinai, der Südlibanon und der Gazastreifen. Und: Wie sähe es heute an Israels Nordgrenze aus, wenn man in den 1990er Jahren die Golanhöhen für einen Frieden mit Syrien an das Regime der Assads abgegeben hätte?!

Johannes Gerloff (Jerusalem)

Buchtipp: Blick ins Heilige Land

Blick-Cover-06-2013Das Heilige Land – dazu gehört der Staat Israel, dazu gehören die Palästinensischen Autonomiegebiete – je nach Blickwinkel wird die Lage unterschiedlich eingeschätzt. Doch die Realität ist immer ­anders. Der Theologe und Journalist Johannes Gerloff lebt im ­Nahen Osten und kennt das Land, die politische Entwicklung, die Konflikte und das Miteinander aus eigener Anschauung. In seinem Buch »Die Palästinenser« beschreibt er einmal die politische Lage, beleuchtet sie aus möglichst vielen Blickwinkeln, spricht mit sehr unterschiedlichen Menschen – Scheichs, jüdischen oder palästinensischen Flüchtlingen …, schaut auf die Wurzeln der Menschen, die wir heute als »Palästinenser« bezeichnen, und genauso auf die Kirchen und die Lage der palästinensischen Christen. Wie bei ­allem, so gibt auch bei letzteren die Realität ein sehr differenziertes Bild. Biblisch-theologische Beiträge ergänzen die Draufsicht. ­Gerloffs Buch ist allen zu empfehlen, die die komplizierte Situation im Heiligen Land besser verstehen wollen. »Wer sich für Israel ­interessiert, muss sich um die Palästinenser kümmern«, schreibt er im Vorwort. Nach der Lektüre begreift der Leser, warum.
(ds)

Gerloff, Johannes: Die Palästinenser. Volk im Brennpunkt der Geschichte, Verlag SCM Hänssler, ISBN 978-3-7751-5337-9, 19,95 Euro

Ein »schwäbisches« Bethlehem

24. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Weihnachten: Jesus wurde in Bethlehem geboren – doch im Heiligen Land gibt es gleich zwei Orte dieses Namens


Bethlehem, wenige Kilometer von Jerusalem entfernt, gilt als Geburtsort Jesu. Doch manche meinen, dass der historische Geburtsort woanders lag.

Im Jahr 1906 gründeten Mitglieder der Tempelgesellschaft aus Württemberg in der damaligen osmanischen Provinz Palästina ihre zwei letzten landwirtschaftlichen Siedlungen. Sie hießen Betlehem und Waldheim. Während sich der Name Waldheim auf die Eichenwälder in der Nähe der Siedlung, auf halbem Weg zwischen Haifa und Nazareth gelegen, bezog, griffen die Templer mit Bethlehem einen alten Namen auf, der bei den einheimischen Arabern schon bekannt war.

Nach den Evangelien ist Jesus in Bethlehem, in der Stadt Davids in Judäa, geboren. Mit dieser Stadt Davids ist die heutige Stadt Bethlehem im palästinensischen Westjordanland, zehn Kilometer südlich von Jerusalem, gemeint. Allerdings gibt es Wissenschaftler und Theologen, die auch den Ort Betlehem in Galiläa, heute ein kleiner israelischer Moschav (Gemeinschaftssiedlung) mit etwa 300 Einwohnern, zehn Kilometer nordwestlich der Stadt Nazareth, mit der Geburt Jesu in Verbindung bringen.

Zweimal Bethlehem – aber welches ist das Richtige?
Der erste namhafte Theologe, der diese These vertrat, war der bekannte jüdische Talmud- und Midrasch-Spezialist Joseph Klausner (1874–1958), Großonkel des israelischen Schriftstellers Amos Oz. Klausner war auf Bethlehem in Galiläa aufmerksam geworden, weil dieser Ort im Talmud und in der jüdischen Midrasch-Literatur vorkommt. Bereits im Alten Testament bei Josua 19, Vers 15 wird ein »Betlehem« als ein Ort im Gebiet des Stammes Sebulon erwähnt, ebenso später wieder in Richter 12, Vers 8 und 10.

Archäologischer Streit hin oder her – in Bethlehem bei Jerusalem wird in diesem wie in jedem Jahr Weihnachten rund um Geburtskirche und Krippenplatz bunt und laut gefeiert. – Foto: picture alliance/landov

Archäologischer Streit hin oder her – in Bethlehem bei Jerusalem wird in diesem wie in jedem Jahr Weihnachten rund um Geburtskirche und Krippenplatz bunt und laut gefeiert. – Foto: picture alliance/landov

In den letzten Jahren wurde die Theorie von der Geburt Jesu im galiläischen Betlehem wieder von Aviram Oshri aufgegriffen, der im Auftrag der israelischen Altertums-Gesellschaft zwischen 1992 and 2003 archäologische Grabungen in Betlehem in Galiläa durchgeführt hat. Aus diesen Grabungen geht hervor, dass zur Zeit Jesu Betlehem in Galiläa eine bedeutende Stadt war, während es gerade aus dieser Zeit keine archäologischen Befunde gibt, die für Bethlehem in Judäa als Geburtsort Jesu sprechen.

So hat Aviram Oshri bei seinen Grabungen neben einer Synagoge auch die Fundamente einer großen byzantinischen Kirche (45 mal 25 Meter) und eines Klosters frei gelegt. Oshri vertritt wie Klausner die Theorie, dass im Heiligen Land, zumindest in der vorkonstantinischen Zeit, zwei verschiedene Traditionen von Geburtsorten Jesu nebeneinander existiert haben. Die christliche Präsenz in Betlehem/Galiläa ist mit der Eroberung des Heiligen Landes durch die Perser 614 und 50 Jahre später durch die Araber zu Ende gegangen.

Oshry glaubt auch, dass die württembergische Sekte der Templer, die seit 1861 in Palästina siedelte, weil sie dort das Ende der Zeiten erwartete, 1906 ihre Siedlung auf den Ruinen des galiläischen Betlehem aufbaute, weil sie dort den Geburtsort Jesus vermutete. Die Templer wurden später wegen des Vorwurfs der Kollaboration mit den Nazis aus Israel ausgewiesen und fanden in Australien eine neue Heimat. Der heutige jüdische Moschav Beit Lehem Ha‘glilit wurde zunächst neben die Templersiedlung gebaut, im Laufe der Zeit nutzten die Moschavbewohner jedoch auch die leer stehenden Häuser der Templer.

Es gibt Argumente für Bethlehem in Galiläa
Matthäusevangelium und Lukasevangelium berichten von Jesu Geburt in Bethlehem, der Stadt Davids. Das älteste Evangelium, das des Markus, kennt diese Überlieferung nicht und spricht nur von seiner Heimat Nazareth, ebenso hält es das Johannesevangelium. Die Erzählungen im Matthäus- und Lukasevangelium sind wohl als Glaubensaussagen über die Davidssohnschaft und Messianität Jesu zu verstehen, weil König David in Bethlehem in Judäa geboren wurde. Auch der renommierte Historiker Alexander Demandt hält in seinem Buch »Sternstunden der Geschichte« den Geburtsort Jesus für unhistorisch.

Und Aviram Oshry gibt neben den archäologischen Argumenten auch medizinische Gründe an, die für eine Geburt Jesus in Galiläa sprechen. Demnach hielte eine hochschwangere Frau einen Fußmarsch oder einen Ritt auf einem Esel von etwa 150 Kilometern, das ist die Entfernung von Nazareth nach Bethlehem in Judäa, nicht ohne Fehlgeburt aus. Die zehn Kilometer von Nazareth ins galiläische Betlehem hätte die hochschwangere Maria aber bewältigen können.

Bodo Bost

Israel: Auf schwäbischen Spuren im Heiligen Land

29. August 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor rund 150 Jahren suchte eine schwäbische Erweckungsbewegung, die Templergesellschaft, ihr Heil im Heiligen Land. In Tel Aviv, Haifa und in Jerusalem finden sich bis heute ihre Siedlungsspuren im Stadtbild. In den 40er Jahren gab es ausgerechnet in Palästina die größte Nazi-»Landesgruppe« im Ausland. In Tel Aviv marschierten die bibelfesten Hitleranhänger mit Hakenkreuzflaggen, während in Deutschland schon die Juden in den Tod verschickt wurden. Damals herrschten die Briten in Palästina als Mandatsmacht. Sie erklärten die deutschen Siedler zu »feindlichen Ausländern«. 1941 deportierten sie 661 nach Australien und beschlagnahmten ihre Häuser.

Nach der Gründung Israels 1948 gingen der ehemals deutsche Grundbesitz und die Häuser in israelischen Staatsbesitz über. 1962 zahlte Israel dafür 54 Millionen Mark »Wiedergutmachung«.

Ulrich W. Sahm berichtet für unsere Zeitung aus Jerusalem.

Ulrich W. Sahm berichtet für unsere Zeitung aus Jerusalem.

Ihre im typisch deutschen Stil errichteten Häuser im heutigen Tel Aviver Viertel Sarona sind mit Bibelsprüchen geschmückt. Inzwischen wurden viele der Templerhäuser unter Denkmalschutz gestellt. Bei Restaurierungsarbeiten entdeckten israelische Künstler jetzt unter dicken Farbschichten auch Inschriften auf Kapitellen über Säulen: »Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes«, oder »Von Zion wird das Gesetz ausgehen«, steht da in gotischen Lettern auf den Kapitellen. Und daneben – zur Überraschung der Restauratoren – der gleiche Spruch auf Arabisch.

Shai Farkash, ein internationaler Experte für Wandmalereien, meinte, dass die arabischen Bibelsprüche ein Versuch der Templer gewesen sein könnten, die Gunst des osmanischen Herrschers zu gewinnen.« Im nächsten Jahr, nach Abschluss der Restaurierungsarbeiten, sollen die 37 erhaltenen Templerhäuser von Sarona zu einem neuen Kulturzentrum im Herzen von Tel Aviv werden.

Im Jerusalemer Konrad Adenauer Zentrum wurde jetzt das Buch »Deutschland und Deutsche in Jerusalem« vorgestellt. Der von Professor Haim Goren und Jakob Eisler herausgegebene Band enthält die Vorträge von Forschern bei einer Tagung im März 2007. In der Tat überragen monumentale Kirchen, Schulen und Hospize das Panorama Jerusalems. Sie wurden teilweise von Kaiser Wilhelm II. während seines historischen Besuchs 1898 eingeweiht. Mitte des 19. Jahrhunderts erweckten neben Deutschen auch Briten, Franzosen und Russen, die Heilige Stadt aus einem Dornröschenschlaf. 1914 wurden 5000 europäische Christen in Jerusalem gezählt. Sie waren als Lehrer, Ärzte, Missionare und Bauherren gekommen. 3000 von ihnen waren Deutsche und von denen waren 2500 Schwaben!

Der aus Sachsen stammende Theologe und Archäologe Dieter Vieweger, Direktor des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes, meint, dass diese Deutschen Jerusalem zu einer »modernen Stadt« gemacht hätten. Wobei freilich die Lokalbevölkerung nicht gefragt wurde, »ob sie wirklich mit den Segnungen der europäischen Kultur und ihren Werten beschenkt werden wollte.« Das sei ein Problem, »das uns noch heute verfolgt«, so Viehweger.

Ulrich W. Sahm

Ostern mit Gänsehaut-Gefühl

15. April 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Für den deutschen Propst in Jerusalem bringen Karwoche und Osterfest einen Veranstaltungsmarathon.


In diesem Jahr fallen westliches und östliches (orthodoxes) Osterfest zusammen, darüber hinaus beginnt am Karmontag das achttägige ­jüdische Hochfest Pessach. Johannes Zang sprach darüber mit Propst Uwe Gräbe.

Uwe Gräbe ist evangelisch- lutherischer Propst in Jerusalem. Der 45-jährige, promovierte Theologe lebt mit Familie in Jerusalem und leitet die deutschsprachigen evangelischen Einrichtungen in Israel, Palästina und Jordanien.  Foto: Johannes Zang

Uwe Gräbe ist evangelisch- lutherischer Propst in Jerusalem. Der 45-jährige, promovierte Theologe lebt mit Familie in Jerusalem und leitet die deutschsprachigen evangelischen Einrichtungen in Israel, Palästina und Jordanien. Foto: Johannes Zang

Wie begehen Sie als lutherischer Propst die Karwoche?
Gräbe: Wir haben vom Palmsonntag an eine genauso volle Woche wie alle Kirchen hier. Am Palmsonntag haben wir selbst natürlich keine Prozession, aber ganz viele Leute aus unserer ­Gemeinde sind mit der traditionellen Palmsonntagsprozession unterwegs. Obwohl es ursprünglich eine katholische Veranstaltung ist, ist sie inzwischen ganz ökumenisch geworden.

Was heißt »eine volle Woche wie alle Kirchen in Jerusalem«?
Gräbe: Wir haben während der ganzen Karwoche jeden Tag Passionsandachten. Zudem feiern wir am Gründonnerstag einen gemeinsamen internationalen Gottesdienst mit unseren arabischen und anderen internatio­nalen Partnern; danach gehen wir in ­einer Prozession zum Garten Gethsemane, kommen spät nach Hause, und haben am Karfreitag ganz früh schon wieder gemeinsam mit den Anglikanern eine Prozession auf der Via Dolorosa. Und dann natürlich den Karfreitagsgottesdienst am Nachmittag um 15 Uhr zur Todesstunde Jesu.

Wie werden Sie Ostern feiern?
Gräbe: Ostersonntag beginnen wir in aller Frühe mit einem Osternachtsgottesdienst oben auf dem Ölberg im Garten des Archäologischen Instituts mit Blick über die Judäische Wüste nach Osten. Dort stimmen wir dann das große Osterhalleluja an wenn die Sonne gerade irgendwo über Amman aufgeht. Das ist eine ganz bewegende Erfahrung, gerade für die vielen ­jungen Leute, die Freiwilligen- und Zivildienst hier im Land leisten. Das macht eine Gänsehaut. Nach diesem Osternachtsgottesdienst frühstücken wir miteinander. Gestärkt wandern wir dann in der Gemeinschaft runter in die Altstadt. Hier gibt es abschließend den großen Hauptgottesdienst in der Erlöserkirche. Danach wird erst einmal geschlafen.

Erlebt man hier in der Konfliktregion Nahost die Karwoche und Ostern intensiver als anderswo?
Gräbe: Auf jeden Fall! Schon weil der politische Konflikt eigentlich immer mitschwingt. Ganz exemplarisch ist die Frage der Permits, der Passierscheine, für Christen. Es ist ja so, dass Menschen aus dem Westjordanland, besonders wenn sie zu einer bestimmten Altersgruppe gehören, es grundsätzlich sehr schwer haben, eine Erlaubnis zu bekommen, um auf diese Seite der Sperranlage zu gelangen. Zwar haben die Israelis eigentlich die Regelung, an hohen christlichen Feiertagen sehr freigiebig mit Permits zu sein, aber sie haben auf der anderen Seite ebenso die Regelung, zu den ganz hohen jüdischen Feiertagen, die Kontrollpunkte einfach zuzumachen. Und so kann es dann in der Karwoche und zu Ostern zu der Situation kommen, dass die Christen in Bethlehem zwar alle Passierscheine haben, aber dann trotzdem der Checkpoint zugemacht wird, weil gerade einer der Haupttage von Pessach ist.

Gibt das Fest der Auferstehung auch Hoffnung, dass es jemals zu einer guten Lösung des Konflikts kommt?
Gräbe: Sonst wären wir, glaube ich, nicht Christen. Ich erlebe es ganz oft mit Solidaritätsgruppen: Die kommen so richtig belastet hierher, haben vorher ganz viel studiert und wissen, der Nahostkonflikt ist so schwierig. Und dann haben sie oft so theoretische Überlegungen, die noch mehr Schwere im Raum verbreiten. Und ­dagegen zu erleben, dass die Menschen hier, die es wirklich am allerschwersten haben, am allerfröhlichsten das Osterhalleluja anstimmen können – das ist etwas, was durchaus überspringen sollte.

Gott kommt in Israel zur Welt

5. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Jerusalem, Foto: photoshop

Jerusalem, Foto: photoshop


Eine Erinnerung aus Anlass des Israelsonntags

Dass Jesus Christus ein geborner Jude sei«, daran hat Martin Luther mit seiner gleichnamigen Schrift erinnert. Juden und Jüdinnen sind, wie Luther formuliert, Blutsfreunde Jesu und verdienen allen Respekt von christlicher Seite. Dass diese Hochachtung des Judeseins Jesu für Luther schon 1523 im Dienst der Bekehrung der Juden zu Christus stand, darf dabei ebenso wenig übersehen werden wie die weitere Entwicklung: Je mehr sich Luthers Hoffnungen, seine jüdischen Zeitgenossen für das aus kirchlicher Bevormundung befreite Evangelium zu gewinnen, zerschlugen, desto drastischer wurden seine Maßnahmenkataloge zur Zwangsbekehrung oder zur Bestrafung bekehrungsunwilliger Juden.

Der Reformator selbst ist ein erschütterndes und beschämendes Beispiel für den Antijudaismus, der die christliche Theologie und Kirche über Jahrhunderte geprägt und dabei gesellschaftlichen Antisemitismus gefördert hat. Auch der Israelsonntag ist von dieser Haltung lange mitbestimmt gewesen: Während Jüdinnen und Juden an diesem 9. Aw, dem traurigsten aller jüdischen Feiertage, der Zerstörung des Jerusalemer Tempels, des irdischen Wohnortes Gottes inmitten seines Volkes, gedachten, feierte die Kirche sich nicht selten selbst als das neue, gar wahre Israel. Statt mitzutrauern über den Verlust und sich voller Scham der eigenen Schuld an diesem Volk zu erinnern, eignete sie sich an, was Gott doch Israel bleibend geschenkt hat: die Erwählung und den Segen, den Bund und die Verheißungen. Triumphalismus statt Trauer, Schadenfreude statt Scham! Doch wie kann Gott uns, den Christinnen und Christen aus der Völkerwelt, treu sein, wenn er Israel nicht mehr treu ist?

Der Israelsonntag, der in unserem Land als der eigentliche Buß- und Bettag begangen werden sollte, gibt Anlass, daran zu erinnern, dass Gott in Israel zur Welt gekommen ist, dass der Gottessohn als Kind einer jüdischen Frau geboren wurde. Unsere Weihnachtschoräle besingen staunend die Menschwerdung des Gottessohnes: »Er ist geborn eu’r Fleisch und Blut, / eu’r Bruder ist das ewig Gut« (EG 25,3). »Gott ist im Fleische: wer kann dies Geheimnis verstehen?« (EG 41,4). Doch dieses Lob auf den buchstäblich ›eingefleischten‹ Gott, der sich mit Haut und Haar auf menschliches Dasein eingelassen hat, verschweigt, dass der biblische Gott in einem jüdischen Menschen Hand und Fuß bekommen hat.

»Das Wort wurde – nicht ›Fleisch‹, Mensch, erniedrigter und leidender Mensch in irgendeiner Allgemeinheit, sondern jüdisches Fleisch«, konkre­tisiert der Theologe Karl Barth. Und Michael Wyschogrod, einer der jüdischen Partner im christlich-jüdischen Gespräch, erinnert: »Von dem Mann, der später Papst Johannes XXIII. werden sollte, wird erzählt, dass er, als er die Bilder von den Bulldozern sah, die in den gerade befreiten Nazi-Todes­lagern die jüdischen Leichen in Massengräber schoben, ausgerufen habe: ›Da ist der Leib Christi.‹«

Das Bekenntnis zu Christus neu buchstabieren

In Jesus von Nazareth wiederholt Gott seine unkündbare Bindung an Israel. In Israel zur Welt kommend, bezeugt der Gottessohn, dass Gott nicht ohne das jüdische Volk Gott sein will.

Wir müssen das Bekenntnis zu Jesus, dem Christus, neu buchstabieren lernen und dabei aufhören, Jesus aus seinem Volk herauszulösen und unsere christliche Identität auf Kosten Israels zu gewinnen. Mir ist dafür das Wort des alten Mannes Simeon wegweisend, der nicht sterben konnte, bevor er nicht den »Trost Israels« gesehen hat – wie oft aber haben Christen und Christinnen den Trost Israels in einen todbringenden Schrecken für Israel verwandelt! Als Jesus von seinen Eltern nach jüdischem Gebot in den Tempel gebracht wird, nimmt Simeon den Säugling auf den Arm und lobt Gott: »… meine Augen haben das Heil gesehen, … ein Licht zur Erleuchtung der Völker und zur Verherrlichung deines Volkes Israel.« (Lukas 2,30f.)

Jesus nimmt an uns die ureigene Aufklärungs-Aufgabe Israels wahr: Er ist Licht für die Völker. Wenn Jesus uns in die Geschichte Gottes mit Israel einbezieht und seinem Volk damit ­Gewicht gibt und Ehre macht, wie können wir uns dann zu ihm als dem Christus bekennen, ohne unsererseits Israel Respekt entgegenzubringen?

Respekt – das heißt keineswegs Kritiklosigkeit gegenüber der Politik des Staates Israels, der theologisches Gewicht hat und zugleich ein ganz und gar weltlicher Staat ist. Es heißt aber Anerkennung und Wertschätzung, Mittrauer und Mitfreude und allemal Fürbitte für den Frieden im Nahen ­Osten. Der 122. Psalm gibt uns Worte dafür: »Wünscht Jerusalem Frieden! Sicher mögen leben, die dich lieben!«

Magdalene L. Frettlöh

Magdalene L. Frettlöh leitet den Kirchlichen Fernunterricht der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und lehrt dort wie an der Ruhr-Universität Bochum Systematische Theologie.

Verbissener Krieg der »Häuslebauer«

12. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Provokation in Stein und Beton: das von rechtsgerichteten jüdischen Siedlern im arabischen Stadtteil Silwan errichtete Hochhaus. Foto: Ulrich W. Sahm

Provokation in Stein und Beton: das von rechtsgerichteten jüdischen Siedlern im arabischen Stadtteil Silwan errichtete Hochhaus. Foto: Ulrich W. Sahm

Wohnhäuser – eigentlich Symbol friedlicher Existenz, sind im Nahen Osten eine Waffe im Kampf um Herrschaftsansprüche geworden. Ein Beispiel aus Jerusalem.

Ich fühle mich wohl hier und habe keine Angst. Meine Kinder sind hier glücklich«, sagt ein bärtiger Israeli mit der Kipa frommer Juden auf dem Kopf. Fernsehgerecht steht er vor einer flatternden israelischen Flagge auf dem Dach des siebenstöckigen Hochhauses »Beth Jehonatan« mitten im Silwan. Doch die Journalisten dürfen ihn nicht fotografieren.

Silwan ist ein arabisches Stadtviertel Jerusalems mit 40000 Einwohnern und klebt am Steilhang gegenüber dem Tempelberg. Obgleich sich der Mann »sicher« fühlt, hängt an keiner der 30 Wohnungstüren ein Namensschild, aus »Sicherheitsgründen«. Im Erdgeschoss, hinter einer Panzertür, sitzen schwerbewaffnete Sicherheitsleute. Mit Kameras wird die Umgebung ständig beobachtet. Am Sonntag wurde ein Jeep dieser Sicherheitsleute beschossen. Provokativ haben die rechtsgerichteten jüdischen Bewohner eine 20 Meter lange israelische Flagge an die Fassade des Hochhauses genietet und es nach Jonathan Pollard benannt. Der spionierte für Israel und sitzt seit 1987 in den USA im Gefängnis. Der Sprecher der Organisation »Priesterkrone«, Daniel Luria, erzählt mit hassverzerrtem Gesicht, wie 1882 Juden aus dem Jemen die ersten Häuser in Silwan errichteten, aber 1929 bei einem Pogrom vertrieben wurden. Dazu hatte Jerusalems Mufti, Hadsch Amin el Husseini, aufgerufen. »Und jetzt unternehmen wir alles, damit ­Juden wieder in Silwan leben.«

Illegal und ohne Rücksicht werden Häuser gebaut
Wenige Hundert Meter entfernt, zu Füßen der David-Stadt, wo Archäologen Befestigungen und unterirdische Wasserwerke aus der Zeit des Königs ­David ausgraben, empfangen Palästinenser die Journalisten in einem Zelt für »Palästinensisches Kulturerbe«. Die Stadtverwaltung habe beschlossen, alle illegal – ohne Baugenehmigung – errichteten Häuser in Silwan und im »Bustan«, in der Bibel als »Königsgarten« erwähnt, abreißen zu wollen, klagt Siad Abu Diab, ein Sprecher der vom Abriss ihrer Häuser bedrohten Araber. »Wie kann man behaupten, dass unsere Häuser illegal sind. Wir zahlen doch Stadtsteuern.«

Der Königsgarten war bis 1967 weitgehend frei von Häusern. Ohne Rücksicht auf archäologische Stätten oder Landschaftsplanung betreiben die Palästinenser eine gezielte »Siedlungspolitik«, genauso wie rechtsgerichtete Juden sich mitten in arabische Viertel einnisten. In einer im ­palästinensischen Zelt ausgeteilten Broschüre heißt es, dass Jerusalems Stadtverwaltung einen »kolonialen Angriff« gestartet habe, um die Stadt zu »verjuden«. Peinlich berührt muss Abu Diab allerdings gestehen, dass die illegalen Häuser an das Strom- und Wassernetz angeschlossen sind, und dass die Stadtverwaltung sogar eine Schule für die Kinder errichtet habe.
»Wir zahlen die Stadtsteuern, um unseren Ausweis nicht zu verlieren …« Gemeint ist der israelische Ausweis. Mit dem können sie sich frei in Israel bewegen und arbeiten. Das komplette israelische Sozialnetz mit Kranken-, Arbeitslosen- und Altersversicherung steht ihnen offen. Um keinen Preis in der Welt wollen sie in die autonomen Palästinensergebiete abgeschoben werden, wo es das alles nicht gibt.

Dennoch boykottieren Jerusalems Palästinenser seit 1967 die Stadtratswahlen, »um nicht die israelische Besatzung zu legitimieren«, so Abu Diab, fordern aber volle Gleichberechtigung. Der Wahlboykott bedeutet, dass rund 250000 Araber Jerusalems, ein Drittel der Stadtbewohner, nicht im Stadtrat vertreten sind. Von den jüdischen Stadträten erwarten sie dennoch Gelder für die arabischen Stadtviertel.

Bisher scheiterte jede Suche nach Kompromissen
Unter Bürgermeister Nir Barkat ist die Frage der illegalen Häuser in Silwan zur Zerreißprobe geworden. Ihr Abriss auf richterliches Geheiß würde das Pulverfass Jerusalem zur Explosion bringen, aber »Recht und Ordnung« wieder herstellen. Auch »Jehonathan Haus« müsste auf vier Stockwerke gestutzt oder ganz abgerissen werden. Aber das könnte Bürgermeister Barkat das Amt kosten.
Die Stadträtin Naomi Zur erzählte von der Möglichkeit, illegale Häuser zu legalisieren, »denn es ist doch sinnlos, sie abzureißen und dann mit Baugenehmigung wieder neu zu errichten«. Abgerissen sollten nur Häuser werden, die einem öffentlichen Park im Wege stehen oder mitten auf einer Straße gebaut wurden. Für Palästinenser wie Abu Diab wäre auch das eine »Kriegserklärung«. Alle Versuche der Stadtverwaltung, mit den Bewohnern von Silwan einen Kompromiss auszuhandeln, sind bisher gescheitert.

Seit dem Herbst kommt es alle paar Wochen zu Gewaltausbrüchen, etwa weil radikale Palästinenser eine französische Touristengruppe auf dem Tempelberg für »rechtsradikale Siedler« hielten, oder weil die israelische Regierung biblische Grabstätten in Hebron und bei Bethlehem, also im palästinensischen Gebiet, zum »israelischen Nationalerbe« erklärt hatte. Jetzt liefert Barkat einen neuen Auslöser für palästinensische Gewalt, weil ein Teil der Häuser im »Bustan« doch abgerissen werden soll, um Ausgrabungen zu ermöglichen und einen städtischen Park einzurichten. Barkat will die Bewohner freilich nicht abschieben oder ­vertreiben, sondern in Silwan selber umziehen lassen.

Von Ulrich W. Sahm, er arbeitet als freier Journalist in Jerusalem.