Verlockend und gut zu essen

1. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Früchte in der Bibel: Sie sind Zeichen des Segens, Sinnbild für Schönheit aber auch Objekt der Versuchung

Der Spätsommer ist die Zeit vieler Früchte. Äpfel und Birnen, Himbeeren, Brombeeren und Holunder werden reif. Verlockende Früchte spielten aber auch schon in der Bibel eine wichtige Rolle.

Dem ersten Schöpfungsbericht zufolge schuf Gott die fruchttragenden Bäume am dritten Tag. Da nahm sich Gott vor, Gräser und Kräuter sprießen zu lassen, die sich über Samen vermehren. Auch Bäume lässt Gott entstehen; bei ihnen ist der Same in Früchten verborgen. Am Ende des Tages war Gott zufrieden mit seinem floralen Werk: »Und Gott sah, dass es gut war«.

(1. Mose 1, 12)

Die wohl bekannteste Frucht der Bibel ist die Frucht vom Baum der Erkenntnis: »Gott der Herr ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, … und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.« (1. Mose 2,9) Den Menschen verbot er, von den Früchten dieses Baumes zu essen. Eines Tages sagte eine Schlange zu Eva: Ihr werdet nicht sterben, wenn ihr vom Baum der Erkenntnis esst, »sondern ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist«. Ein Apfel, wie vielfach angenommen, war die verhängnisvolle Frucht übrigens nicht. In der Erzählung ist lediglich von einer Frucht die Rede: »Und sie nahm von der Frucht und aß …«

(1. Mose 3,6)

Früchte wie Feigen, Datteln und Trauben waren wichtige Nahrungsmittel. Ohne sie würde die Erde zum unfruchtbaren Jammertal. Der Prophet Joel mahnte seine Mitmenschen daher, wachsam und gottesfürchtig zu bleiben. Denn sollte eines Tages eine Zeit kommen, in der »der Weinstock verdorrt ist und der Feigenbaum verwelkt, auch die Granatbäume, Palmbäume und Apfelbäume, ja, alle Bäume auf dem Felde … So ist die Freude der Menschen zum Jammer geworden.«

(Joel 1,12)

Im Hohelied werden Früchte zu poetischen Bildern, mit denen sich zwei Liebende gegenseitig beschreiben. Da sprüht es nur so von Vergleichen, die die erotischen Fantasien der Leser und Leserinnen anregen. »Wie ein Apfelbaum unter den wilden Bäumen, so ist mein Freund unter den Jünglingen. Unter seinem Schatten zu sitzen begehre ich, und seine Frucht ist meinem Gaumen süß«, dichtet die Frau. (Hoheslied 2,3) Und ihr Freund erwidert: »Dein Wuchs ist hoch wie ein Palmbaum, deine Brüste gleichen den Weintrauben. Ich will auf den Palmbaum steigen und seine Zweige ergreifen. Lass deine Brüste sein wie Trauben am Weinstock und den Duft deines Atems wie Äpfel …«

(Hoheslied 7,8-9)

Foto: mythja – Fotolia.com

Foto: mythja – Fotolia.com

Früchte bereiteten nicht nur den Verliebten Freude. Der Prophet Sacharja spricht von einer Zeit, in der Gott den Menschen die Sündenlast abnehmen werde, und betont: »Zu derselben Zeit … wird einer den andern einladen unter den Weinstock und unter den Feigenbaum.« (Sacharja 3,10) Jeder, der es sich leisten konnte, mit seinen Nachbarn gesellig unter Feigenbäumen zusammenzusitzen, konnte sich reich und glücklich schätzen. Denn diese Bäume liefern gleich zweimal im Jahr leckere Früchte.

Obwohl sich Jesus gegen das Fluchen aussprach, fluchte auch er gelegentlich. Eine merkwürdige Überlieferung berichtet davon, dass einer seiner Flüche einen Feigenbaum traf. Und das nur, weil er keine Früchte trug als Jesus welche essen wollte. Als ihn der Hunger plagte, sah er einen Feigenbaum, »ging hin und fand nichts daran als Blätter und sprach zu ihm: Nun wachse auf dir niemals mehr Frucht! Und der Feigenbaum verdorrte sogleich.«

(Matthäus 21,19)

Zusammen mit dem Baum der Erkenntnis stand der Baum des Lebens einst mitten im Paradies. Um zu verhindern, dass die Menschen auch von seinen Früchten aßen, versperrte Gott den Weg zurück in den Garten Eden. Im himmlischen Jerusalem aber werden sie von seinen Früchten essen können, dort wird es viele Lebensbäume voller Früchte geben, verspricht das letzte Buch der Bibel. Dort wird ein »Strom lebendigen Wassers« fließen, »klar wie Kristall, der ausgeht von dem Thron Gottes und des Lammes«. Die Bäume des Lebens, die dort wachsen, tragen in jedem Monat Früchte. Und wie eine Rücknahme der Verfluchung des Feigenbaums durch Jesus klingt der Zusatz: »Es wird nichts Verfluchtes mehr sein.«

(Offenbarung 22,ff.)

Uwe Birnstein

Den lebendigen Christus erleben

20. April 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Biblische und systematische Aspekte zur Auferstehung – Sie war und ist Gegenstand des Zweifels

Die Auferstehung Jesu ist das Zentrum des christlichen Glaubens. Wer die Auferstehung Jesu leugnet, muss sich vom Christentum verabschieden. Dies gilt für die Leser des ersten Korintherbriefes genauso wie für uns heute: »Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich« (1. Korinther 15,14).

Auferstehung? Was ist damit gemeint?

Genau genommen ist die Rede von der Auferstehung Jesu der sprachlich kürzeste Ausdruck für die grundlegende Überzeugung des Christentums: Gott lässt Jesus von Nazareth nicht im Tod, sondern erweckt ihn zu einer neuen Existenz. Weil Tod und Auferstehung aber jenseits dessen sind, was der Mensch im irdischen Leben erfährt, muss sich der Glaube mit einer metaphorischen Redeweise behelfen.

Gemälde von Eugène Burnand (1850–1921): Die Jünger Petrus und Johannes am Auferstehungsmorgen auf dem Weg zum Grabe, um 1898. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Gemälde von Eugène Burnand (1850–1921): Die Jünger Petrus und Johannes am Auferstehungsmorgen auf dem Weg zum Grabe, um 1898. Foto: Archiv für Kunst und Geschichte

Um die Texte zu verstehen, die von der Auferstehung Jesu erzählen, hat die Theologie viele Versuche unternommen: Rudolf Bultmann (1884 bis 1976) will die Auferstehung als Wirklichkeit verkündigen, die eine existenzielle Bedeutung hat. Der Osterglaube ist für ihn das Zeichen, dass die christliche Verkündigung von Kreuz und Auferstehung den Menschen zur Entscheidung für den Glauben ruft.

Karl Barth (1886 bis 1968) sieht in der Auferstehung Jesu Gott selbst am Werk. Die Auferstehung wird als wirkliche und neue, als einzigartige Tat Gottes verstanden. Sie muss als die exklusive Tat Gottes dem Menschen durch Christus im Heiligen Geist offenbart und vom Menschen im Glauben angenommen werden.

Verkürzt diskutiert Gerd Lüdemann (*1946) die Frage der Auferstehung. Er glaubt, dass sie nicht stattgefunden hat und Jesus demnach im Grab – so er denn eins hatte – einfach verwest ist. Die Jünger Jesu hätten lediglich den Schock des Kreuzes für sich selbst mit dem Glauben an die Auferstehung Jesu kompensiert. Das Christentum sei demnach auf Projektionen, Wünschen und Visionen aufgebaut.

Peter Lampe (*1954) widerspricht dieser Konstruktion und verweist darauf, dass die Wirklichkeit immer ein Konstrukt aus verschiedenen Komponenten ist. Diesem Hinweis gilt es in systematischer Perspektive nachzugehen, da dies ein entscheidendes Element zum Verstehen der Auferstehung ist. Denn das, was die Frage für uns heute so schwierig macht, ist unser oft verengtes Verständnis von Realität. Unser Weltbild ist von popularisierten Naturwissenschaften geprägt, unser Verständnis von Wirklichkeit damit aber unterbestimmt. Deshalb stellen wir uns unter Auferstehung in erster Linie die Wiederbelebung eines Leichnams vor. Dass die Auferstehung Jesu aber gerade einen solchen Vorgang nicht meint, wird durch die vielfältigen Bezeugungen im Neuen Testament deutlich.

Zuerst müssen wir erkennen, wie wir Wirklichkeit konstruieren. Wenn wir etwas verstehen, ist das ein produktives Zusammenspiel von Wahrnehmung und Sinngebung. Wenn wir etwas verstehen, dann legen wir ihm einen Sinn bei. Wir interpretieren das, was wir erleben. Und wir interpretieren es mit dem Wissen, das wir vorher erworben haben. Wir bauen das, was wir erleben, in das, was wir kennen ein, und kreieren so Wirklichkeit und Wissen. Verstehen ist also ein Dialog zwischen dem, was auf uns zukommt, was wir mit unseren Sinnen erfassen, und dem, was wir daraus machen. Wirklichkeit ist demnach immer das, was wir daraus machen. Aber wir konstruieren die Wirklichkeit auch nicht beliebig, sie ist keine Erfindung von uns. Sie regt uns zu den Deutungen an, weil wir sie erleben.

In Bezug auf die Auferstehung Jesu heißt das: »Auferstehung Jesu« ist eine sprachliche Interpretation derjenigen, die den gekreuzigten Jesus als Lebenden erlebt haben (Lukas 24,5).

Das Neue Testament beschreibt in vielen Texten, welche Erfahrungen hinter der Rede von der Auferstehung Jesu stehen. Der Apostel Paulus erklärt seinen Lesern, dass die Auferstehung Jesu etwas ganz Neues ist. Im Ersten Korintherbrief benennt Paulus eine ganze Reihe von Zeugen der Auferstehung Jesu, um sie glaubwürdig zu machen. Da dies dem antiken wie dem modernen Leser nicht genug ist, erklärt Paulus die Rede von der Leiblichkeit der Auferstehung näher (1. Korinther 15,35-49) und bricht so das schlichte Verständnis der Wiederbelebung des Körpers Jesu zugunsten einer neuen Existenzform des Auferstandenen auf. Paulus stellt klar, wie man sich Auferstehung denken muss: als neue Existenzform, als geistige Realität.

In Markus 16,1-8 finden die Frauen ein Grab vor, in dem ein junger Mann auf sie wartet. Er sagt ihnen, dass Jesus auferstanden ist. Die Frauen verstehen nicht und sind darüber entsetzt. Voller Angst fliehen sie. Auferstehung ist also etwas, das Angst macht, das man erst verarbeiten muss.

Der Evangelist Lukas zeigt, wie das geht. Zwei Jünger Jesu gehen nach Emmaus. Lukas nimmt den Leser in die Pädagogik der Erzählung hinein und erklärt, wie es überhaupt möglich ist, an die Auferstehung Jesu zu glauben. Am Anfang steht das brennende Herz (Lukas 24,32), also das Erleben der Gegenwart Christi. Dies muss aber gedeutet werden. Obwohl die Jünger vom leeren Grab Jesu gehört haben, obwohl sie wissen, dass den Frauen Engel erschienen sind, die von der Auferstehung berichtet haben – trotzdem halten sie Jesus für einen gescheiterten Propheten. Erst mit Hilfe des ihnen unbekannten Wanderers deuten sie dann ihre Erlebnisse in Jerusalem vor dem alttestamentlichen Horizont, in dem sie diese verstehen müssen. Erst im Vollzug der eucharistischen Gemeinschaft erkennen sie für sich, dass der Wanderer Christus selbst ist. Am Anfang steht also das Erleben der Gegenwart Christi, am Ende des Verstehensprozesses steht die Rede von der Auferstehung Jesu.

Die Auferstehung Jesu hängt deshalb nicht von einer historischen Hypothese ab. Selbst wenn das Grab Christi gefunden werden könnte, selbst wenn dort Knochen zu finden wären, die man eindeutig Jesus von Nazareth zuordnen könnte, selbst dann wäre damit die Auferstehung Jesu nicht widerlegt. Denn die Auferstehung Jesu ist eine sprachliche Deutung der Tatsache, dass die damaligen Jünger Jesu genau wie die heutigen Christen den lebendigen Christus erleben.

Paul Metzger

Der Autor ist Referent beim Konfessionskundlichen Institut in Bensheim.

Fundsache: Saurer Glühwein für Salomos Arbeiter

14. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Unter König Salomo gab es für die Bauarbeiter »schlechten« oder auch »verdorbenen« Wein. Dieser wurde in großen tönernen Behältern aufbewahrt. Bürokratisch ordentlich waren sie am Gefäßrand mit eingebrannter Inschrift gekennzeichnet.

Diese Entdeckung veröffentlichte jetzt Professor Gershon Galil von der Universität Haifa. Ihm gelang es, eine schwer zu entziffernde Inschrift in urhebräischer Schrift neu zu interpretieren. Nachdem Archäologen 2012 südlich des heutigen Tempelberges im ältesten Teil Jerusalems die Scherben gefunden hatten, taten sich Experten zunächst schwer mit der Entzifferung der Inschrift.

Anhand der Erdschicht am Fundort und der Form des Gefäßes konnte das Alter der Scherben ziemlich genau auf das Jahr 950 vor Christus bestimmt werden. Das sei exakt die Regierungszeit des biblischen Königs Salomo. Der ließ ein paar Meter weiter nördlich den ersten »salomonischen« Tempel errichten. Die nun entzifferte Inschrift passe wunderbar dazu. Denn ein großer Behälter mit »schlechtem Wein« bedeutete, dass dort Arbeiter tätig waren. Die Kennzeichnung des Gefäßes liefere zudem einen kleinen Beweis für eine ordentliche Verwaltung.

Ulrich W. Sahm berichtet für unsere Zeitung aus Israel.

Ulrich W. Sahm berichtet für unsere Zeitung aus Israel.

Nach Angaben von Galil sei der erste erhaltene Buchstabe ein »M«, also die Endung der Zahl 20 oder 30 auf Hebräisch. Das entspräche einer Jahreszahl, etwa dem 20. oder 30. Regierungsjahr Salomos. Dann las er zweimal ein »I« und ein »N«, was bis heute das Wort für »Wein« ist. Nur in der Gegend südlich von Hebron sei damals »Jain« für »Wein« mit einem doppelten »I« geschrieben worden. Das nächste von Galil entzifferte Wort lautet »Halak«. Das sei typisch für die ugaritische Sprache. Ugarit liegt heute in Syrien nahe der türkischen Grenze. Dort sei der Wein in drei Kategorien eingeteilt worden: Gut, schlecht und verdorben (Halak). Die dritte Sorte, der verdorbene Wein, habe natürlich nicht der König getrunken. Vielmehr hätten den die Sklavenarbeiter zu trinken bekommen. Der letzte lesbare Buchstabe sei wieder ein »M«, was »von« bedeuten kann und vielleicht von einem Ortsnamen gefolgt war, der Herkunft des Weines.

Bei einer Ausgrabung auf Tel Kabri im Norden Israels, wo ein etwa 3 700 Jahre alter Weinkeller gefunden wurde, ergab eine Analyse der im Topfboden abgesetzten Weinspuren, dass der vergorene Traubensaft mit Gewürzen angereichert wurde – offenbar um ihn trinkbar zu machen. Die Gewürze erinnern stark an modernen Glühwein für Weihnachten: Honig, Minze, Zimtborke, Wacholderbeeren und Zedernharz.

Mit der Entzifferung der Inschrift auf Scherben, die genau in die Regierungszeit des Königs Salomo datiert werden können, befeuert Galil die Diskussion unter Archäologen, die den König Salomo für einen Mythos halten und die biblische Erzählung anzweifeln. Denn Galil glaubt beweisen zu können, dass Jerusalem in jener Zeit kein winziges Dorf war, sondern Teil eines Königreiches mit funktionierender Bürokratie und Bauarbeitern, die eben »schlechten Wein« zu trinken bekamen.

Ulrich W. Sahm

Paläste in der Bibel

29. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Vom Glanz und Elend der biblischen Bauherren und ihrer stolzen Werke

Nicht nur die Fürsten der Renaissance oder die Bauherren heutiger Zeit stecken Unsummen in wertvolle Prachtbauten – schon die Mächtigen der Bibel ließen sich Paläste errichten. Mal erheischten sie damit Bewunderung, mal ernteten sie Kritik.

Jeremia warnt vor Prunksucht

Auch er fiel in Ruinen: Der Palast Herodes des Großen in der von ihm kurz vor der Zeitenwende gegründeten Stadt Cäsarea am Mittelmeer – einer von ­mehreren Palästen des »römischen Klientelkönigs« wie er auch bezeichnet wird. Foto: picture alliance

Auch er fiel in Ruinen: Der Palast Herodes des Großen in der von ihm kurz vor der Zeitenwende gegründeten Stadt Cäsarea am Mittelmeer – einer von ­mehreren Palästen des »römischen Klientelkönigs« wie er auch bezeichnet wird. Foto: picture alliance

Durch den Propheten Jeremia teilte Gott König Jojakim mit, was er von Prunksucht hielt: »Weh dem, der sein Haus mit Sünden baut und seine Gemächer mit Unrecht«, heißt es da. Wer sich »denkt: ›Wohlan, ich will mir ein großes Haus bauen und weite Gemächer‹, und lässt sich Fenster ausbrechen und mit Zedern täfeln und rot malen«, der solle lieber noch einmal in sich gehen. »Meinst du, du seist König, weil du mit Zedern prangst?«, fragt Gott König Jojakim. Und droht: »Er soll wie ein Esel begraben werden, fortgeschleift und hinausgeworfen vor die Tore Jerusalems.« (Jeremia 22,14ff)

13 Jahre Bauzeit: Salomos Palast

Den in der Bibel am ausführlichsten beschriebenen Palast ließ König Salomo errichten. Dreizehn Jahre lang wurde an dem Königshaus gebaut, das aus mehreren Gebäuden bestand. Das »Libanon-Waldhaus« errichtete er aus kostbarem Zedernholz. Es gab große Hallen »mit Säulen und einem Aufgang davor«. Die »Thronhalle, in der er Gericht hielt«, war »vom Boden bis zur Decke« mit Zedernholz getäfelt. Außerdem ließ er sowohl für sich als auch für seine Frau ein eigenes Wohnhaus bauen. »Der König machte einen großen Thron von Elfenbein und überzog ihn mit dem edelsten Gold.« Das »Libanon-Waldhaus« ließ er mit Gold verzieren und auch alle Gefäße dort bestanden »aus lauterem Gold; denn das Silber achtete man zu den Zeiten Salomos für nichts«. (1. Könige 7,1ff)

König David: Import von Material und Fachleuten

Nachdem König David Jerusalem erobert hatte, ließ er sich einen Palast bauen. Unterstützung erhielt er von Hiram, dem König von Tyrus. Er schickte einige Ladungen Edelholz und stellte Handwerker zur Verfügung. Der Reichtum, der David plötzlich zur Verfügung stand, war für David ein Beweis dafür, dass Gott auf seiner Seite stand. Als die Boten mit dem kostbaren Baumaterial eintrafen, erkannte er, »dass der Herr ihn zum König über Israel bestätigt und sein Königtum erhöht hatte«. Auch auf die Frauenwelt scheint der Prunk gewirkt zu haben, denn »David nahm noch mehr Frauen und Nebenfrauen in Jerusalem.« (2. Samuel 5,11)

Wenig rühmlich: Ahab und sein Elfenbeinhaus

Auch König Ahab schien eher von Besitzgier geleitet als von Gottesgehorsam. Sein Palast stand in Jesreel. In der Nähe befand sich ein Weinberg, den er unbedingt besitzen wollte. Als der Eigentümer sich auf keinen Handel einließ, legte Ahab sich beleidigt ins Bett. Seine Frau nahm die Sache in die Hand und denunzierte den Weinbergsbesitzer, der daraufhin gesteinigt wurde. Die Strafe Gottes folgte einige Zeit später. Ahab zog gegen Gottes Willen in den Krieg, wurde angeschossen und verblutete elendig. Auch er hatte versucht, seinen Einfluss durch rege Bautätigkeiten zu unterstreichen. Von einem »Elfenbeinhaus, das er baute«, ist da die Rede und von Städten, »die er ausgebaut hat«. (1. Könige 21,1ff; 22,34ff)

Paläste werden vom Feuer verzehrt

Was Gott mit den Palästen derer anstellen will, die ihn über all dem Größenwahn beim Bau ihrer Luxusvillen vergessen haben, lässt er durch seine Propheten verkünden: »Israel vergisst seinen Schöpfer und baut Paläste, und Juda macht viele feste Städte«, klagt er durch Hosea. »Aber ich will Feuer in seine Städte senden, das soll seine Paläste verzehren.« Und Jesaja ergänzt: »Wilde Hunde werden in ihren Palästen heulen und Schakale in den Schlössern der Lust.« (Jesaja 13,22; Hosea 8,14)

In einem Palast wird Jesu Tod geplant

Die Grenze zwischen größeren Wohnhäusern, Villen und Palästen war in biblischer Zeit fließend. Es waren also nicht nur Könige, die in Palästen wohnten. Auch andere hochrangige Personen wie Priester stellten ihren Status durch luxuriöse Gebäude zur Schau. Und sie waren oft auch Orte der Diskussion. So heißt es im ­Matthäusevangelium zum Beispiel, die Verschwörung gegen Jesus habe im Palast eines Hohepriesters stattgefunden: »Da versammelten sich die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes im Palast des Hohenpriesters, der hieß Kaiphas, und hielten Rat, wie sie Jesus mit List ergreifen und töten könnten.« (Matthäus 26,3)

Völlig überirdisch: Gottes Palast

Von einem Palast ganz anderer Art ist beim Propheten Amos die Rede. Er beschreibt die Macht Gottes, der von seinem himmlischen Palast aus regiert, mit folgenden Worten: »Denn Gott, der Herr Zebaoth, ist es, der die Erde anrührt, dass sie bebt.« Und er fährt fort: »Er ist es, der seinen Saal in den Himmel baut und seinen Palast über der Erde gründet.« (Amos 9,5f)
Uwe Birnstein

»Wir müssen an unserem Profil arbeiten«

16. April 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Schweden: Besonders im Süden des Landes fordern Freikirchen die lutherische Staatskirche heraus

Freikirchen beflügeln seit Langem das religiöse Leben in der Region Småland. Als Zentrum des »Bibelgürtels« gilt dabei Jönköping – auch »Smålands Jerusalem« ­genannt.

Blick auf »Smålands Jerusalem«: Die Altstadt von Jönköping am Vättersee – im Vordergrund die modernen Gebäude der Universität, in der Mitte die ­Sophiakirche mit ihrem 72 Meter hohen Turm. Foto: Universität Jönköping

Blick auf »Smålands Jerusalem«: Die Altstadt von Jönköping am Vättersee – im Vordergrund die modernen Gebäude der Universität, in der Mitte die ­Sophiakirche mit ihrem 72 Meter hohen Turm. Foto: Universität Jönköping

Im Städtchen Vetlanda, zwischen Ostsee und der Südspitze des Vättersee gelegen, ist der Begriff Bibelgürtel wörtlich zu nehmen, jedenfalls wenn man der Beschreibung von Pfarrer Peter Åström auf der Karte folgt. Wie ein breiter Gürtel ziehen sich die Glaubensgemeinschaften vom Osten bis in den Nordteil der Stadt: vom Bibelcenter der neuen Pfingstgemeinde vorbei an der Missionskirche ins Stadtzentrum zur alter Pfingstgemeinde und der Heilsarmee. Auf der anderen Bahnhofsseite vorbei an Freier Gemeinde und Allianzkirche. Schließlich endet der Gürtel nördlich der Methodisten beim Gemeindehaus der Schwedischen Kirche. Hier sitzt Pfarrer Peter Åström und rechnet zusammen: auf knapp 13000 Einwohner kommen acht verschiedene Glaubensgemeinschaften; Zeugen Jehovas und syrisch-orthodoxe Kirche ausgenommen.

Die Gemeinde Vetlanda, zu der Åströms Kirchspiel gehört, ist tiefes Småland, umgeben vom ganzjährigen Grün der Nadelwälder. Laut einer Untersuchung der Schwedischen Kirche besuchte hier an einem normalen Wochenende im Herbst 1999 rund ­jeder Sechste Einwohner (mehr als 16 Prozent) einen Gottesdienst in einer der Glaubensgemeinschaften. Im Regierungsbezirk Jönköping, zu dem Vetlanda gehört, waren es ähnlich viele. Der schwedische Durchschnitt lag dagegen gerade einmal bei 6,2 Prozent.

Herrnhuter Pietisten brachten die Erweckung

Der südschwedische Bibelgürtel mit Zentrum in Jönköping, auch »Smålands Jerusalem« genannt, ist kein Phänomen der Schwedischen Kirche, sondern eines der zahlreichen Freikirchen. Sie entstanden im 18. Jahrhundert infolge der schwedischen Erweckungsbewegung. Herrnhuter Pietisten waren es, deren Schriften Laien dazu ermutigten, Gottes Wort in kleineren Kreisen zu predigen. Aus Angst um den eigenen Status verbot die Schwedische Kirche diese Treffen ­zunächst. Trotzdem machten ein paar engagierte Laienprediger weiter. Nachdem das Verbot 1858 aufgehoben wurde, bildeten sich im Laufe weiterer Jahrzehnte mehrere Freikirchen und kirchennahe Gemeinden heraus, die bis heute bestehen. Doch warum sich der Bibelgürtel ausgerechnet hier gebildet hat, wagt keiner mit Sicherheit zu sagen.

Wirtschaftliche Gründe vermutet Curt Dahlgren, emeritierter Professor am Zentrum für Theologie und Religionsgeschichte in Lund: »Es gab damals viel kleinteilige Industrie in Småland. Vielleicht sind Unternehmertum und Freikirchlichkeit ja Hand in Hand gegangen im Sinne von Selbstständigkeit, die sich gegen die Schwedische Kirche durchsetzte.«

Wo auch immer der schwedische Bibelgürtel seine Ursprünge hat, es gibt Dinge, die hier bis heute anders laufen. Das erfuhr auch Pfarrer Peter Åström, als er vor fünf Jahren seine Stelle in Vetlanda antrat. In seinen vorherigen Gemeinden, nahe der Stadt Kalmar und auf der Insel Öland, war er als Pfarrer der Schwedischen Kirche erster Ansprechpartner zum Beispiel wenn Polizei oder Krankenpflege dringend einen Seelsorger brauchten. »Hier sind die Freikirchen in mancher Hinsicht tonangebender. Mein Kollege von der Missionskirche ist schon seit 1986 hier. Den kennen alle, also wird er natürlich zuerst angerufen.« Dennoch sieht Åström die Gemeindevielfalt in Vetlanda positiv. »Es geht hier nicht um Konkurrenz, sondern im Gegenteil führt diese Ökumene doch dazu, dass wir alle ein bisschen deutlicher an unserem Profil arbeiten müssen.«

Religiosität färbt auch auf die Staatskirche ab

In Vetlanda gibt es, genau wie in Jönköping und Huskvarna, auch den Rat zur christlichen Zusammenarbeit, in dem sich die Pfarrer aller acht Gemeinden einmal im Monat treffen und austauschen oder beispielsweise den jährlichen ökumenischen Freiluftgottesdienst planen. Dass die Freikirchen das religiöse Leben in Småland ­ins­gesamt anregen, davon können auch die vielen ehrenamtlichen Helfer in Åströms Gemeinde zeugen. Rund 20 Jugendliche und noch einmal so viele Senioren engagieren sich regelmäßig in der kleinen Gemeinde. Und: Auf etwa 10500 Gemeindeglieder kommen rund 70 Konfirmanden. Der schwedische Bibelgürtel, er bleibt eben ein Phänomen für sich.

Maxie Hochmuth

Warum es Israel so schwerfällt, Frieden zu schließen

11. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Naher Osten: Seit Jahrzehnten laufen die unterschiedlichsten Friedensbemühungen im Heiligen Land – doch bisher ohne jeden Erfolg

Der Frieden im Nahen Osten scheint unmöglicher denn je. Und schnell wird der Hauptschuldige am Scheitern aller Bemühungen ausgemacht: Israel.

Israel ist der Aggressor. Die Juden haben den Arabern im Nahen Osten den Lebensraum streitig gemacht – zugegebenermaßen wurden sie von Europa durch den Holocaust dazu gezwungen. Aber heute verhindern sie durch die ­Besatzung, die Apartheidsmauer und vor allem durch ihren Siedlungsbau eine Zweistaatenlösung.

Nicht nur aus Europa und Amerika, sondern auch von Israelis werden derartige Vorwürfe gegen die Regierung Israels erhoben. So schreibt David Grossman in einem Spendenaufruf für die Menschenrechtsorganisation B’Tselem: »Die israe­lische Besatzung des Westjordanlandes erscheint ohne Ende, während der Gazastreifen zunehmend isoliert ist und verarmt.« Der preisgekrönte israelische Schriftsteller beklagt, dass »mehr als vier Millionen Palästinenser ohne die grundlegenden Rechte leben, die wir in Israel für selbstverständlich halten«, und macht dafür »militante Siedlungen« und die »Trennungsbarriere« verantwortlich. Seinen Einsatz für »Gleichheit«, ein »Ende der Gewalt«, »die Würde aller Menschen« und dafür, »unseren Nachbarn Freiheit und Respekt zu geben«, begründet er mit seiner tiefen Sorge »um Israels Demokratie und Zukunft«.

Ganz andere Töne schlägt ein anderer prominenter Vertreter der israelischen Linken an. Professor Amnon Rubinstein war fast drei Jahrzehnte Knessetmitglied, zuletzt der linksliberalen Meretz-Partei. Er erklärte in einem Radiointerview Ende 2012 den Niedergang seiner Bewegung. Die israelische Linke habe darauf gebaut, dass territoriale Zugeständnisse Frieden bringen. »Aber«, so Rubinstein, »die palästinensische Führung und die arabische Welt haben alles getan, um das als falsch zu erweisen!«

Im Dauerclinch: Ein protestierender Palästinenser und ein israelischer Soldat sind in der Nähe von Ramallah aneinandergeraten. Foto: REUTERS

Im Dauerclinch: Ein protestierender Palästinenser und ein israelischer Soldat sind in der Nähe von Ramallah aneinandergeraten. Foto: REUTERS

Tatsächlich spielen die kategorischen Nein der Araber zu jeglichem Kompromiss eine entscheidende Rolle beim ­chronischen Scheitern aller Friedens­bemühungen in Nahost und weisen eine für arabische Verhältnisse ungewöhnliche Stringenz auf. Hätten die arabischen Staaten 1947 ein Ja zum Teilungsplan der UNO gefunden, wären israelische Städte wie Naharija oder Beerschewa heute ­arabisch. Hätte die Arabische Liga 1967 in Khartoum das israelische Gesprächsangebot nicht ausgeschlagen, könnten heute die Jerusalemer Altstadt weitgehend und alle sogenannten »Palästinensergebiete« arabisch sein. Hätte Jassir Arafat im Sommer 2000 in Camp David das Angebot Ehud Baraks nicht abgeschlagen, wäre heute ein Großteil der Westbank palästinensisch, einschließlich des Tempelbergs in Jerusalem. Zu Beginn seiner letzten Amtszeit unternahm Premierminister Netanjahu einen bis dato präzedenzlosen Schritt und verhängte ­einen Siedlungsbaustopp. Die Reaktion der Palästinenser war der Abbruch aller Gespräche.

Dabei hatte Emir Faisal, Urgroßonkel des heutigen jordanischen Königs Abdallah II., offensichtlich noch kein Problem mit einer jüdischen Besiedlung von West- und Ostufer des Jordans gehabt. In einem Briefwechsel mit dem Zionistenführer Chaim Weizman betonte der arabische Fürst 1919 die »uralten Verbindungen zwischen Arabern und Juden« und wollte eine »jüdische Einwanderung nach Palästina im großen Rahmen« fördern. Damals umfasste »Palästina« neben dem Staatsgebiet Israels und den Palästinenser­gebieten auch noch das gesamte Gebiet des heutigen Königreichs Jordanien. Als zwischen 1949 und 1967 Westbank und Gazastreifen in arabischer Hand waren, kam niemand auf die Idee, die Errichtung eines unabhängigen Palästinenserstaates zu fordern.

Aber seither ist viel Wasser den Jordan hinuntergeflossen. Was Israelis heute bewegt und vor einem Friedensschluss mit ihren arabischen Nachbarn zurückschrecken lässt, sind weniger Gebietsansprüche als vielmehr die Frage der Sicherheit. »Wenn die Araber mir glaubhaft versprechen, mich leben zu lassen, werde ich ­sofort Frieden schließen«, erklärt Valery – nach wie vor mit starkem französischen Akzent, obwohl sie schon vor mehr als dreißig Jahren nach Israel eingewandert ist. »Wir wollen unsere Kinder nicht auf dem Altar des Selbstmordwahnsinns ­opfern«, erklärt ein anderer Israeli. Und Regierungschef Benjamin Netanjahu wird nicht müde zu wiederholen, was viele in seinem Volk für extrem wichtig halten: »Höchste Priorität hat unser Überleben als Nation!«

Die stoische Gelassenheit, mit der die Weltgemeinschaft seit Jahren die martialischen Töne des Mullahregimes aus ­Teheran erträgt, »der Schandfleck Israel müsse von der Landkarte ­verschwinden«, ist genauso wenig dazu angetan, Israelis kompromissbereiter zu stimmen, wie die jüngsten Absichtserklärungen syrischer Salafisten: »Wenn wir Damaskus erobert haben, wenden wir uns nach Tel Aviv!« Weder die Aussagen des ägyptischen Präsidenten Mursi noch die des palästinensischen Präsidenten Abbas oder der Tenor dessen, was an palästinensischen Schulen gelehrt wird, sind von einer anderen Tonart geprägt.

Israel kann seine Augen nicht davor verschließen, dass der Islam ein grundsätzliches Problem mit jüdischer Souveränität über auch nur den kleinsten Fleck »islamischen Bodens« hat. Der demo­kratisch legitimierte Siegeszug der Islamisten im Rahmen des »Arabischen Frühlings« hat konkrete Auswirkungen auf israelische Befindlichkeiten. Eine freiheitlich-demokratische Rechtsordnung nach westlichen Maßstäben ist nirgendwo in der arabischen Welt auch nur in Ansätzen erkennbar.

Traurige Tatsache bleibt, dass alle Gebiete, die Israel an seine Nachbarn abgetreten hat, zu Ausgangsbasen für Terror wurden: Der Sinai, der Südlibanon und der Gazastreifen. Und: Wie sähe es heute an Israels Nordgrenze aus, wenn man in den 1990er Jahren die Golanhöhen für einen Frieden mit Syrien an das Regime der Assads abgegeben hätte?!

Johannes Gerloff (Jerusalem)

Buchtipp: Blick ins Heilige Land

Blick-Cover-06-2013Das Heilige Land – dazu gehört der Staat Israel, dazu gehören die Palästinensischen Autonomiegebiete – je nach Blickwinkel wird die Lage unterschiedlich eingeschätzt. Doch die Realität ist immer ­anders. Der Theologe und Journalist Johannes Gerloff lebt im ­Nahen Osten und kennt das Land, die politische Entwicklung, die Konflikte und das Miteinander aus eigener Anschauung. In seinem Buch »Die Palästinenser« beschreibt er einmal die politische Lage, beleuchtet sie aus möglichst vielen Blickwinkeln, spricht mit sehr unterschiedlichen Menschen – Scheichs, jüdischen oder palästinensischen Flüchtlingen …, schaut auf die Wurzeln der Menschen, die wir heute als »Palästinenser« bezeichnen, und genauso auf die Kirchen und die Lage der palästinensischen Christen. Wie bei ­allem, so gibt auch bei letzteren die Realität ein sehr differenziertes Bild. Biblisch-theologische Beiträge ergänzen die Draufsicht. ­Gerloffs Buch ist allen zu empfehlen, die die komplizierte Situation im Heiligen Land besser verstehen wollen. »Wer sich für Israel ­interessiert, muss sich um die Palästinenser kümmern«, schreibt er im Vorwort. Nach der Lektüre begreift der Leser, warum.
(ds)

Gerloff, Johannes: Die Palästinenser. Volk im Brennpunkt der Geschichte, Verlag SCM Hänssler, ISBN 978-3-7751-5337-9, 19,95 Euro

Ein »schwäbisches« Bethlehem

24. Dezember 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Weihnachten: Jesus wurde in Bethlehem geboren – doch im Heiligen Land gibt es gleich zwei Orte dieses Namens


Bethlehem, wenige Kilometer von Jerusalem entfernt, gilt als Geburtsort Jesu. Doch manche meinen, dass der historische Geburtsort woanders lag.

Im Jahr 1906 gründeten Mitglieder der Tempelgesellschaft aus Württemberg in der damaligen osmanischen Provinz Palästina ihre zwei letzten landwirtschaftlichen Siedlungen. Sie hießen Betlehem und Waldheim. Während sich der Name Waldheim auf die Eichenwälder in der Nähe der Siedlung, auf halbem Weg zwischen Haifa und Nazareth gelegen, bezog, griffen die Templer mit Bethlehem einen alten Namen auf, der bei den einheimischen Arabern schon bekannt war.

Nach den Evangelien ist Jesus in Bethlehem, in der Stadt Davids in Judäa, geboren. Mit dieser Stadt Davids ist die heutige Stadt Bethlehem im palästinensischen Westjordanland, zehn Kilometer südlich von Jerusalem, gemeint. Allerdings gibt es Wissenschaftler und Theologen, die auch den Ort Betlehem in Galiläa, heute ein kleiner israelischer Moschav (Gemeinschaftssiedlung) mit etwa 300 Einwohnern, zehn Kilometer nordwestlich der Stadt Nazareth, mit der Geburt Jesu in Verbindung bringen.

Zweimal Bethlehem – aber welches ist das Richtige?
Der erste namhafte Theologe, der diese These vertrat, war der bekannte jüdische Talmud- und Midrasch-Spezialist Joseph Klausner (1874–1958), Großonkel des israelischen Schriftstellers Amos Oz. Klausner war auf Bethlehem in Galiläa aufmerksam geworden, weil dieser Ort im Talmud und in der jüdischen Midrasch-Literatur vorkommt. Bereits im Alten Testament bei Josua 19, Vers 15 wird ein »Betlehem« als ein Ort im Gebiet des Stammes Sebulon erwähnt, ebenso später wieder in Richter 12, Vers 8 und 10.

Archäologischer Streit hin oder her – in Bethlehem bei Jerusalem wird in diesem wie in jedem Jahr Weihnachten rund um Geburtskirche und Krippenplatz bunt und laut gefeiert. – Foto: picture alliance/landov

Archäologischer Streit hin oder her – in Bethlehem bei Jerusalem wird in diesem wie in jedem Jahr Weihnachten rund um Geburtskirche und Krippenplatz bunt und laut gefeiert. – Foto: picture alliance/landov

In den letzten Jahren wurde die Theorie von der Geburt Jesu im galiläischen Betlehem wieder von Aviram Oshri aufgegriffen, der im Auftrag der israelischen Altertums-Gesellschaft zwischen 1992 and 2003 archäologische Grabungen in Betlehem in Galiläa durchgeführt hat. Aus diesen Grabungen geht hervor, dass zur Zeit Jesu Betlehem in Galiläa eine bedeutende Stadt war, während es gerade aus dieser Zeit keine archäologischen Befunde gibt, die für Bethlehem in Judäa als Geburtsort Jesu sprechen.

So hat Aviram Oshri bei seinen Grabungen neben einer Synagoge auch die Fundamente einer großen byzantinischen Kirche (45 mal 25 Meter) und eines Klosters frei gelegt. Oshri vertritt wie Klausner die Theorie, dass im Heiligen Land, zumindest in der vorkonstantinischen Zeit, zwei verschiedene Traditionen von Geburtsorten Jesu nebeneinander existiert haben. Die christliche Präsenz in Betlehem/Galiläa ist mit der Eroberung des Heiligen Landes durch die Perser 614 und 50 Jahre später durch die Araber zu Ende gegangen.

Oshry glaubt auch, dass die württembergische Sekte der Templer, die seit 1861 in Palästina siedelte, weil sie dort das Ende der Zeiten erwartete, 1906 ihre Siedlung auf den Ruinen des galiläischen Betlehem aufbaute, weil sie dort den Geburtsort Jesus vermutete. Die Templer wurden später wegen des Vorwurfs der Kollaboration mit den Nazis aus Israel ausgewiesen und fanden in Australien eine neue Heimat. Der heutige jüdische Moschav Beit Lehem Ha‘glilit wurde zunächst neben die Templersiedlung gebaut, im Laufe der Zeit nutzten die Moschavbewohner jedoch auch die leer stehenden Häuser der Templer.

Es gibt Argumente für Bethlehem in Galiläa
Matthäusevangelium und Lukasevangelium berichten von Jesu Geburt in Bethlehem, der Stadt Davids. Das älteste Evangelium, das des Markus, kennt diese Überlieferung nicht und spricht nur von seiner Heimat Nazareth, ebenso hält es das Johannesevangelium. Die Erzählungen im Matthäus- und Lukasevangelium sind wohl als Glaubensaussagen über die Davidssohnschaft und Messianität Jesu zu verstehen, weil König David in Bethlehem in Judäa geboren wurde. Auch der renommierte Historiker Alexander Demandt hält in seinem Buch »Sternstunden der Geschichte« den Geburtsort Jesus für unhistorisch.

Und Aviram Oshry gibt neben den archäologischen Argumenten auch medizinische Gründe an, die für eine Geburt Jesus in Galiläa sprechen. Demnach hielte eine hochschwangere Frau einen Fußmarsch oder einen Ritt auf einem Esel von etwa 150 Kilometern, das ist die Entfernung von Nazareth nach Bethlehem in Judäa, nicht ohne Fehlgeburt aus. Die zehn Kilometer von Nazareth ins galiläische Betlehem hätte die hochschwangere Maria aber bewältigen können.

Bodo Bost

Israel: Auf schwäbischen Spuren im Heiligen Land

29. August 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor rund 150 Jahren suchte eine schwäbische Erweckungsbewegung, die Templergesellschaft, ihr Heil im Heiligen Land. In Tel Aviv, Haifa und in Jerusalem finden sich bis heute ihre Siedlungsspuren im Stadtbild. In den 40er Jahren gab es ausgerechnet in Palästina die größte Nazi-»Landesgruppe« im Ausland. In Tel Aviv marschierten die bibelfesten Hitleranhänger mit Hakenkreuzflaggen, während in Deutschland schon die Juden in den Tod verschickt wurden. Damals herrschten die Briten in Palästina als Mandatsmacht. Sie erklärten die deutschen Siedler zu »feindlichen Ausländern«. 1941 deportierten sie 661 nach Australien und beschlagnahmten ihre Häuser.

Nach der Gründung Israels 1948 gingen der ehemals deutsche Grundbesitz und die Häuser in israelischen Staatsbesitz über. 1962 zahlte Israel dafür 54 Millionen Mark »Wiedergutmachung«.

Ulrich W. Sahm berichtet für unsere Zeitung aus Jerusalem.

Ulrich W. Sahm berichtet für unsere Zeitung aus Jerusalem.

Ihre im typisch deutschen Stil errichteten Häuser im heutigen Tel Aviver Viertel Sarona sind mit Bibelsprüchen geschmückt. Inzwischen wurden viele der Templerhäuser unter Denkmalschutz gestellt. Bei Restaurierungsarbeiten entdeckten israelische Künstler jetzt unter dicken Farbschichten auch Inschriften auf Kapitellen über Säulen: »Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes«, oder »Von Zion wird das Gesetz ausgehen«, steht da in gotischen Lettern auf den Kapitellen. Und daneben – zur Überraschung der Restauratoren – der gleiche Spruch auf Arabisch.

Shai Farkash, ein internationaler Experte für Wandmalereien, meinte, dass die arabischen Bibelsprüche ein Versuch der Templer gewesen sein könnten, die Gunst des osmanischen Herrschers zu gewinnen.« Im nächsten Jahr, nach Abschluss der Restaurierungsarbeiten, sollen die 37 erhaltenen Templerhäuser von Sarona zu einem neuen Kulturzentrum im Herzen von Tel Aviv werden.

Im Jerusalemer Konrad Adenauer Zentrum wurde jetzt das Buch »Deutschland und Deutsche in Jerusalem« vorgestellt. Der von Professor Haim Goren und Jakob Eisler herausgegebene Band enthält die Vorträge von Forschern bei einer Tagung im März 2007. In der Tat überragen monumentale Kirchen, Schulen und Hospize das Panorama Jerusalems. Sie wurden teilweise von Kaiser Wilhelm II. während seines historischen Besuchs 1898 eingeweiht. Mitte des 19. Jahrhunderts erweckten neben Deutschen auch Briten, Franzosen und Russen, die Heilige Stadt aus einem Dornröschenschlaf. 1914 wurden 5000 europäische Christen in Jerusalem gezählt. Sie waren als Lehrer, Ärzte, Missionare und Bauherren gekommen. 3000 von ihnen waren Deutsche und von denen waren 2500 Schwaben!

Der aus Sachsen stammende Theologe und Archäologe Dieter Vieweger, Direktor des Deutschen Evangelischen Instituts für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes, meint, dass diese Deutschen Jerusalem zu einer »modernen Stadt« gemacht hätten. Wobei freilich die Lokalbevölkerung nicht gefragt wurde, »ob sie wirklich mit den Segnungen der europäischen Kultur und ihren Werten beschenkt werden wollte.« Das sei ein Problem, »das uns noch heute verfolgt«, so Viehweger.

Ulrich W. Sahm

Ostern mit Gänsehaut-Gefühl

15. April 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Interview: Für den deutschen Propst in Jerusalem bringen Karwoche und Osterfest einen Veranstaltungsmarathon.


In diesem Jahr fallen westliches und östliches (orthodoxes) Osterfest zusammen, darüber hinaus beginnt am Karmontag das achttägige ­jüdische Hochfest Pessach. Johannes Zang sprach darüber mit Propst Uwe Gräbe.

Uwe Gräbe ist evangelisch- lutherischer Propst in Jerusalem. Der 45-jährige, promovierte Theologe lebt mit Familie in Jerusalem und leitet die deutschsprachigen evangelischen Einrichtungen in Israel, Palästina und Jordanien.  Foto: Johannes Zang

Uwe Gräbe ist evangelisch- lutherischer Propst in Jerusalem. Der 45-jährige, promovierte Theologe lebt mit Familie in Jerusalem und leitet die deutschsprachigen evangelischen Einrichtungen in Israel, Palästina und Jordanien. Foto: Johannes Zang

Wie begehen Sie als lutherischer Propst die Karwoche?
Gräbe: Wir haben vom Palmsonntag an eine genauso volle Woche wie alle Kirchen hier. Am Palmsonntag haben wir selbst natürlich keine Prozession, aber ganz viele Leute aus unserer ­Gemeinde sind mit der traditionellen Palmsonntagsprozession unterwegs. Obwohl es ursprünglich eine katholische Veranstaltung ist, ist sie inzwischen ganz ökumenisch geworden.

Was heißt »eine volle Woche wie alle Kirchen in Jerusalem«?
Gräbe: Wir haben während der ganzen Karwoche jeden Tag Passionsandachten. Zudem feiern wir am Gründonnerstag einen gemeinsamen internationalen Gottesdienst mit unseren arabischen und anderen internatio­nalen Partnern; danach gehen wir in ­einer Prozession zum Garten Gethsemane, kommen spät nach Hause, und haben am Karfreitag ganz früh schon wieder gemeinsam mit den Anglikanern eine Prozession auf der Via Dolorosa. Und dann natürlich den Karfreitagsgottesdienst am Nachmittag um 15 Uhr zur Todesstunde Jesu.

Wie werden Sie Ostern feiern?
Gräbe: Ostersonntag beginnen wir in aller Frühe mit einem Osternachtsgottesdienst oben auf dem Ölberg im Garten des Archäologischen Instituts mit Blick über die Judäische Wüste nach Osten. Dort stimmen wir dann das große Osterhalleluja an wenn die Sonne gerade irgendwo über Amman aufgeht. Das ist eine ganz bewegende Erfahrung, gerade für die vielen ­jungen Leute, die Freiwilligen- und Zivildienst hier im Land leisten. Das macht eine Gänsehaut. Nach diesem Osternachtsgottesdienst frühstücken wir miteinander. Gestärkt wandern wir dann in der Gemeinschaft runter in die Altstadt. Hier gibt es abschließend den großen Hauptgottesdienst in der Erlöserkirche. Danach wird erst einmal geschlafen.

Erlebt man hier in der Konfliktregion Nahost die Karwoche und Ostern intensiver als anderswo?
Gräbe: Auf jeden Fall! Schon weil der politische Konflikt eigentlich immer mitschwingt. Ganz exemplarisch ist die Frage der Permits, der Passierscheine, für Christen. Es ist ja so, dass Menschen aus dem Westjordanland, besonders wenn sie zu einer bestimmten Altersgruppe gehören, es grundsätzlich sehr schwer haben, eine Erlaubnis zu bekommen, um auf diese Seite der Sperranlage zu gelangen. Zwar haben die Israelis eigentlich die Regelung, an hohen christlichen Feiertagen sehr freigiebig mit Permits zu sein, aber sie haben auf der anderen Seite ebenso die Regelung, zu den ganz hohen jüdischen Feiertagen, die Kontrollpunkte einfach zuzumachen. Und so kann es dann in der Karwoche und zu Ostern zu der Situation kommen, dass die Christen in Bethlehem zwar alle Passierscheine haben, aber dann trotzdem der Checkpoint zugemacht wird, weil gerade einer der Haupttage von Pessach ist.

Gibt das Fest der Auferstehung auch Hoffnung, dass es jemals zu einer guten Lösung des Konflikts kommt?
Gräbe: Sonst wären wir, glaube ich, nicht Christen. Ich erlebe es ganz oft mit Solidaritätsgruppen: Die kommen so richtig belastet hierher, haben vorher ganz viel studiert und wissen, der Nahostkonflikt ist so schwierig. Und dann haben sie oft so theoretische Überlegungen, die noch mehr Schwere im Raum verbreiten. Und ­dagegen zu erleben, dass die Menschen hier, die es wirklich am allerschwersten haben, am allerfröhlichsten das Osterhalleluja anstimmen können – das ist etwas, was durchaus überspringen sollte.

Gott kommt in Israel zur Welt

5. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Jerusalem, Foto: photoshop

Jerusalem, Foto: photoshop


Eine Erinnerung aus Anlass des Israelsonntags

Dass Jesus Christus ein geborner Jude sei«, daran hat Martin Luther mit seiner gleichnamigen Schrift erinnert. Juden und Jüdinnen sind, wie Luther formuliert, Blutsfreunde Jesu und verdienen allen Respekt von christlicher Seite. Dass diese Hochachtung des Judeseins Jesu für Luther schon 1523 im Dienst der Bekehrung der Juden zu Christus stand, darf dabei ebenso wenig übersehen werden wie die weitere Entwicklung: Je mehr sich Luthers Hoffnungen, seine jüdischen Zeitgenossen für das aus kirchlicher Bevormundung befreite Evangelium zu gewinnen, zerschlugen, desto drastischer wurden seine Maßnahmenkataloge zur Zwangsbekehrung oder zur Bestrafung bekehrungsunwilliger Juden.

Der Reformator selbst ist ein erschütterndes und beschämendes Beispiel für den Antijudaismus, der die christliche Theologie und Kirche über Jahrhunderte geprägt und dabei gesellschaftlichen Antisemitismus gefördert hat. Auch der Israelsonntag ist von dieser Haltung lange mitbestimmt gewesen: Während Jüdinnen und Juden an diesem 9. Aw, dem traurigsten aller jüdischen Feiertage, der Zerstörung des Jerusalemer Tempels, des irdischen Wohnortes Gottes inmitten seines Volkes, gedachten, feierte die Kirche sich nicht selten selbst als das neue, gar wahre Israel. Statt mitzutrauern über den Verlust und sich voller Scham der eigenen Schuld an diesem Volk zu erinnern, eignete sie sich an, was Gott doch Israel bleibend geschenkt hat: die Erwählung und den Segen, den Bund und die Verheißungen. Triumphalismus statt Trauer, Schadenfreude statt Scham! Doch wie kann Gott uns, den Christinnen und Christen aus der Völkerwelt, treu sein, wenn er Israel nicht mehr treu ist?

Der Israelsonntag, der in unserem Land als der eigentliche Buß- und Bettag begangen werden sollte, gibt Anlass, daran zu erinnern, dass Gott in Israel zur Welt gekommen ist, dass der Gottessohn als Kind einer jüdischen Frau geboren wurde. Unsere Weihnachtschoräle besingen staunend die Menschwerdung des Gottessohnes: »Er ist geborn eu’r Fleisch und Blut, / eu’r Bruder ist das ewig Gut« (EG 25,3). »Gott ist im Fleische: wer kann dies Geheimnis verstehen?« (EG 41,4). Doch dieses Lob auf den buchstäblich ›eingefleischten‹ Gott, der sich mit Haut und Haar auf menschliches Dasein eingelassen hat, verschweigt, dass der biblische Gott in einem jüdischen Menschen Hand und Fuß bekommen hat.

»Das Wort wurde – nicht ›Fleisch‹, Mensch, erniedrigter und leidender Mensch in irgendeiner Allgemeinheit, sondern jüdisches Fleisch«, konkre­tisiert der Theologe Karl Barth. Und Michael Wyschogrod, einer der jüdischen Partner im christlich-jüdischen Gespräch, erinnert: »Von dem Mann, der später Papst Johannes XXIII. werden sollte, wird erzählt, dass er, als er die Bilder von den Bulldozern sah, die in den gerade befreiten Nazi-Todes­lagern die jüdischen Leichen in Massengräber schoben, ausgerufen habe: ›Da ist der Leib Christi.‹«

Das Bekenntnis zu Christus neu buchstabieren

In Jesus von Nazareth wiederholt Gott seine unkündbare Bindung an Israel. In Israel zur Welt kommend, bezeugt der Gottessohn, dass Gott nicht ohne das jüdische Volk Gott sein will.

Wir müssen das Bekenntnis zu Jesus, dem Christus, neu buchstabieren lernen und dabei aufhören, Jesus aus seinem Volk herauszulösen und unsere christliche Identität auf Kosten Israels zu gewinnen. Mir ist dafür das Wort des alten Mannes Simeon wegweisend, der nicht sterben konnte, bevor er nicht den »Trost Israels« gesehen hat – wie oft aber haben Christen und Christinnen den Trost Israels in einen todbringenden Schrecken für Israel verwandelt! Als Jesus von seinen Eltern nach jüdischem Gebot in den Tempel gebracht wird, nimmt Simeon den Säugling auf den Arm und lobt Gott: »… meine Augen haben das Heil gesehen, … ein Licht zur Erleuchtung der Völker und zur Verherrlichung deines Volkes Israel.« (Lukas 2,30f.)

Jesus nimmt an uns die ureigene Aufklärungs-Aufgabe Israels wahr: Er ist Licht für die Völker. Wenn Jesus uns in die Geschichte Gottes mit Israel einbezieht und seinem Volk damit ­Gewicht gibt und Ehre macht, wie können wir uns dann zu ihm als dem Christus bekennen, ohne unsererseits Israel Respekt entgegenzubringen?

Respekt – das heißt keineswegs Kritiklosigkeit gegenüber der Politik des Staates Israels, der theologisches Gewicht hat und zugleich ein ganz und gar weltlicher Staat ist. Es heißt aber Anerkennung und Wertschätzung, Mittrauer und Mitfreude und allemal Fürbitte für den Frieden im Nahen ­Osten. Der 122. Psalm gibt uns Worte dafür: »Wünscht Jerusalem Frieden! Sicher mögen leben, die dich lieben!«

Magdalene L. Frettlöh

Magdalene L. Frettlöh leitet den Kirchlichen Fernunterricht der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und lehrt dort wie an der Ruhr-Universität Bochum Systematische Theologie.

Verbissener Krieg der »Häuslebauer«

12. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Provokation in Stein und Beton: das von rechtsgerichteten jüdischen Siedlern im arabischen Stadtteil Silwan errichtete Hochhaus. Foto: Ulrich W. Sahm

Provokation in Stein und Beton: das von rechtsgerichteten jüdischen Siedlern im arabischen Stadtteil Silwan errichtete Hochhaus. Foto: Ulrich W. Sahm

Wohnhäuser – eigentlich Symbol friedlicher Existenz, sind im Nahen Osten eine Waffe im Kampf um Herrschaftsansprüche geworden. Ein Beispiel aus Jerusalem.

Ich fühle mich wohl hier und habe keine Angst. Meine Kinder sind hier glücklich«, sagt ein bärtiger Israeli mit der Kipa frommer Juden auf dem Kopf. Fernsehgerecht steht er vor einer flatternden israelischen Flagge auf dem Dach des siebenstöckigen Hochhauses »Beth Jehonatan« mitten im Silwan. Doch die Journalisten dürfen ihn nicht fotografieren.

Silwan ist ein arabisches Stadtviertel Jerusalems mit 40000 Einwohnern und klebt am Steilhang gegenüber dem Tempelberg. Obgleich sich der Mann »sicher« fühlt, hängt an keiner der 30 Wohnungstüren ein Namensschild, aus »Sicherheitsgründen«. Im Erdgeschoss, hinter einer Panzertür, sitzen schwerbewaffnete Sicherheitsleute. Mit Kameras wird die Umgebung ständig beobachtet. Am Sonntag wurde ein Jeep dieser Sicherheitsleute beschossen. Provokativ haben die rechtsgerichteten jüdischen Bewohner eine 20 Meter lange israelische Flagge an die Fassade des Hochhauses genietet und es nach Jonathan Pollard benannt. Der spionierte für Israel und sitzt seit 1987 in den USA im Gefängnis. Der Sprecher der Organisation »Priesterkrone«, Daniel Luria, erzählt mit hassverzerrtem Gesicht, wie 1882 Juden aus dem Jemen die ersten Häuser in Silwan errichteten, aber 1929 bei einem Pogrom vertrieben wurden. Dazu hatte Jerusalems Mufti, Hadsch Amin el Husseini, aufgerufen. »Und jetzt unternehmen wir alles, damit ­Juden wieder in Silwan leben.«

Illegal und ohne Rücksicht werden Häuser gebaut
Wenige Hundert Meter entfernt, zu Füßen der David-Stadt, wo Archäologen Befestigungen und unterirdische Wasserwerke aus der Zeit des Königs ­David ausgraben, empfangen Palästinenser die Journalisten in einem Zelt für »Palästinensisches Kulturerbe«. Die Stadtverwaltung habe beschlossen, alle illegal – ohne Baugenehmigung – errichteten Häuser in Silwan und im »Bustan«, in der Bibel als »Königsgarten« erwähnt, abreißen zu wollen, klagt Siad Abu Diab, ein Sprecher der vom Abriss ihrer Häuser bedrohten Araber. »Wie kann man behaupten, dass unsere Häuser illegal sind. Wir zahlen doch Stadtsteuern.«

Der Königsgarten war bis 1967 weitgehend frei von Häusern. Ohne Rücksicht auf archäologische Stätten oder Landschaftsplanung betreiben die Palästinenser eine gezielte »Siedlungspolitik«, genauso wie rechtsgerichtete Juden sich mitten in arabische Viertel einnisten. In einer im ­palästinensischen Zelt ausgeteilten Broschüre heißt es, dass Jerusalems Stadtverwaltung einen »kolonialen Angriff« gestartet habe, um die Stadt zu »verjuden«. Peinlich berührt muss Abu Diab allerdings gestehen, dass die illegalen Häuser an das Strom- und Wassernetz angeschlossen sind, und dass die Stadtverwaltung sogar eine Schule für die Kinder errichtet habe.
»Wir zahlen die Stadtsteuern, um unseren Ausweis nicht zu verlieren …« Gemeint ist der israelische Ausweis. Mit dem können sie sich frei in Israel bewegen und arbeiten. Das komplette israelische Sozialnetz mit Kranken-, Arbeitslosen- und Altersversicherung steht ihnen offen. Um keinen Preis in der Welt wollen sie in die autonomen Palästinensergebiete abgeschoben werden, wo es das alles nicht gibt.

Dennoch boykottieren Jerusalems Palästinenser seit 1967 die Stadtratswahlen, »um nicht die israelische Besatzung zu legitimieren«, so Abu Diab, fordern aber volle Gleichberechtigung. Der Wahlboykott bedeutet, dass rund 250000 Araber Jerusalems, ein Drittel der Stadtbewohner, nicht im Stadtrat vertreten sind. Von den jüdischen Stadträten erwarten sie dennoch Gelder für die arabischen Stadtviertel.

Bisher scheiterte jede Suche nach Kompromissen
Unter Bürgermeister Nir Barkat ist die Frage der illegalen Häuser in Silwan zur Zerreißprobe geworden. Ihr Abriss auf richterliches Geheiß würde das Pulverfass Jerusalem zur Explosion bringen, aber »Recht und Ordnung« wieder herstellen. Auch »Jehonathan Haus« müsste auf vier Stockwerke gestutzt oder ganz abgerissen werden. Aber das könnte Bürgermeister Barkat das Amt kosten.
Die Stadträtin Naomi Zur erzählte von der Möglichkeit, illegale Häuser zu legalisieren, »denn es ist doch sinnlos, sie abzureißen und dann mit Baugenehmigung wieder neu zu errichten«. Abgerissen sollten nur Häuser werden, die einem öffentlichen Park im Wege stehen oder mitten auf einer Straße gebaut wurden. Für Palästinenser wie Abu Diab wäre auch das eine »Kriegserklärung«. Alle Versuche der Stadtverwaltung, mit den Bewohnern von Silwan einen Kompromiss auszuhandeln, sind bisher gescheitert.

Seit dem Herbst kommt es alle paar Wochen zu Gewaltausbrüchen, etwa weil radikale Palästinenser eine französische Touristengruppe auf dem Tempelberg für »rechtsradikale Siedler« hielten, oder weil die israelische Regierung biblische Grabstätten in Hebron und bei Bethlehem, also im palästinensischen Gebiet, zum »israelischen Nationalerbe« erklärt hatte. Jetzt liefert Barkat einen neuen Auslöser für palästinensische Gewalt, weil ein Teil der Häuser im »Bustan« doch abgerissen werden soll, um Ausgrabungen zu ermöglichen und einen städtischen Park einzurichten. Barkat will die Bewohner freilich nicht abschieben oder ­vertreiben, sondern in Silwan selber umziehen lassen.

Von Ulrich W. Sahm, er arbeitet als freier Journalist in Jerusalem.