»Ein Christ in der Kirche«

18. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Über 40 000 Menschen arbeiten ehrenamtlich in der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) als Kirchenälteste, Küster, Organisten, Glöckner oder in Chören. Sie helfen mit im Kindergottesdienst, beim Altennachmittag oder tragen den Gemeindebrief aus.

Auf der Zeitungsrolle am Briefkasten klebt ein etwas verblichener »Glaube + Heimat«-Aufkleber. An der Türklingel steht »Christ«. Hier bin ich richtig. Vermutlich hätte mir im 150-Einwohner-Dorf Hammerstedt (Kirchenkreis Apolda-Buttstädt), zwischen Weimar und Jena gelegen, wohl auch jeder sagen können, wo Torsten Christ zu Hause ist. Er erwartet mich schon. Seine freundliche, offene und verbindliche Art kam ihm bei seiner bisherigen Tätigkeit entgegen. Torsten Christ war Versicherungsmakler und Finanzberater. Daneben ist der Familienvater ehrenamtlich in der Kirche tätig. Gemeindekirchenrat, Kreissynode, Lektorendienst, und er organisiert Gemeindeveranstaltungen.

Einmal im Monat hält Torsten Christ einen Gottesdienst im Kirchspiel Kapellendorf. Am liebsten in der Kirche seines Wohnortes Hammerstedt (Foto).

Einmal im Monat hält Torsten Christ einen Gottesdienst im Kirchspiel Kapellendorf. Am liebsten in der Kirche seines Wohnortes Hammerstedt (Foto).

Ohne die Familie geht es dabei nicht, meint er. Seine Frau backt nicht nur Kuchen fürs Gemeindefest, im Familienkreis werden auch die Gottesdienste, die Torsten Christ einmal im Monat hält, ausgewertet. Neben Familie und Kirche spielt für den gebürtigen Eisenacher auch der Sport eine große Rolle. Er läuft und ist fußballbegeistert. Vor zwei Jahren hat er das Pilgern für sich entdeckt. Der Jakobsweg nach Santiago de Compostela habe ihn und sein Verhältnis zu Gott noch einmal stark verändert. Er habe diesen Weg als einen großen Segen empfunden. Seine Pläne wurden schon am ersten Tag über den Haufen geworfen, er habe Vertrauen gelernt und sich von Gott führen zu lassen, schwärmt er.

Dies helfe ihm im Alltag, vor allem in schwierigen Zeiten. »Getragen zu sein und ein Auffangnetz zu haben, wenn es mal abwärts geht«, das mache seinen Glauben aus. Die Balance zwischen Arbeit, Ehrenamt, Familie und individueller Freiheit bekomme er gut hin, meint Christ. »Erfolgreich ist, wer sein gesamtes Leben managt, nicht nur die Arbeit.« Da gehöre der Familienrat genauso dazu wie Dienstbesprechungen bei seiner neuen Tätigkeit als Geschäftsführer von mehreren Kirchengemeinden im Kirchenkreis Gotha.

Im Lot: Einen Ausgleich zu Arbeit und Ehrenamt findet Torsten Christ im Garten. Die Zeiten der Entspannung und Erholung plant er fest im Kalender ein. Fotos: Willi Wild

Im Lot: Einen Ausgleich zu Arbeit und Ehrenamt findet Torsten Christ im Garten. Die Zeiten der Entspannung und Erholung plant er fest im Kalender ein. Fotos: Willi Wild

Er versuche, seine Zeit qualitativ auszunutzen, ohne sich unter Druck zu setzen. »Im Moment vernachlässige ich den Sport, dann lebe ich eben mit acht Kilogramm zu viel. Ich weiß ja, wie ich den Zustand ändern kann«, sagt Christ augenzwinkernd. Der Glaube helfe ihm dabei, die Balance nicht zu verlieren. Bibellesen, Gebet und Gespräche mit anderen Christen. Weil er diese Erfahrungen weitergeben möchte und sich in der EKM gut aufgehoben fühlt, engagiere er sich in seiner Freizeit.

Glauben, Kirche und christliche Werte hat Torsten Christ erst bei seiner Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann kennengelernt. Sein Chef habe ihn als christliches Vorbild darauf neugierig gemacht. Torsten Christ fand dann einen Pfarrer, der sich für ihn und seine Glaubensfragen Zeit nahm. Er ließ sich taufen. Seitdem ist er aktiv in seiner Kirchengemeinde. Er liebäugelte mit dem Pfarrerberuf. Hat aber dann doch die Finanzbranche gewählt. Heute ist ihm klar, dass seine Aufgabe und Berufung in eine andere Richtung gehen.

Beim Pilgern auf dem Jakobsweg ist der Finanzfachwirt zur Ruhe gekommen. Pilgerstab und Jakobsmuschel erinnern ihn daran.

Beim Pilgern auf dem Jakobsweg ist der Finanzfachwirt zur Ruhe gekommen. Pilgerstab und Jakobsmuschel erinnern ihn daran.

Im Frühjahr tauscht er die Selbstständigkeit als Anlagenberater mit einer Projektstelle im Kirchenkreis Gotha. Als Geschäftsführer, so wie in früheren Zeiten die Kirchmeister, kümmert er sich jetzt um Finanzen, Baulasten, Personal sowie die Förderung und Entlastung des Ehrenamtes in Kirchengemeinden. Die Stadtkirchengemeinde Gotha und die Landkirchengemeinde Goldbach-Wangenheim mit neun Dörfern betreut er. »Wenn jemand die Finanzen und andere administrative Tätigkeiten verantwortet, haben die Pfarrerinnen und Pfarrer mehr Freiraum für Gemeindeaufbau, Seelsorge und Verkündigung«, erklärt Christ. Die Projektstelle ist auf fünf Jahre befristet. Schon jetzt würden positive Effekte seiner Arbeit sichtbar. »Bei Verhandlungen mit Firmen kann ich beispielsweise anders auftreten als ein Pfarrer«, so der Finanzfachwirt. Er sieht seine Aufgabe als ein geistliches Amt. Mit seinem Einsatz will er die Kirchengemeinden stärken. Außerdem hat er ein ehrgeiziges Ziel. In fünf Jahren soll sich seine Stelle selbst tragen. Bis dahin sei es allerdings noch ein weiter Weg.

Für Torsten Christ ist sein Nachname »der pure Segen«. Außerdem baue er ihm häufig eine Brücke zu Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche: »Ein Christ in der Kirche«, sagt er schmunzelnd. »Ich heiße ja nicht nur so, ich bin auch einer.«

Willi Wild

Askese mit Käse und Seife

1. Juni 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Norwegen: Im lutherisch geprägten skandinavischen Land entstehen katholische Klöster neu

In alter Zisterzienser-Tradition arbeiten und beten in Norwegen wieder Nonnen und Mönche in neu gegründeten Abteien.

Durch eine große Glaswand fällt der Blick frei auf den Fjord mit seinem dunkelblauen Wasser und den steilen Felswänden. Das kunstvoll gestaltete Holzdach bricht die Sonnenstrahlen in ein Spiel aus Licht und Schatten. Eine Glocke ertönt. Schweigend ziehen zwölf katholische Ordensfrauen in die Kirche ein. Sie singen das Stundengebet. Eine Schwester spielt die Harfe, eine andere an der Orgel. Die hellen Stimmen reißen den Besucher mit, zusammen mit der Landschaft vor dem Fenster entsteht eine ungewöhnlich spirituelle Atmosphäre.
Die Schwestern gehören zum Zisterzienserorden. Die Ordensgemeinschaft, die in Sachsen etwa die Klöster Marienstern und Marienthal betreibt und in Sachsen-Anhalt das Kloster Helfta bei Eisleben neu belebte, ist seit einigen Jahren auch wieder im lutherischen Norwegen ansässig. Auf der Insel Tautra, nahezu direkt gegenüber von Trondheim gelegen, hat sie mithilfe des deutschen katholischen Bonifatiuswerks das mit fünf Architekturpreisen ausgezeichnete Marienkloster errichtet. An einem Ort, wo schon im Mittelalter ein Zisterzienserkloster bestand.

Beten mit Blick auf die norwegische Fjordlandschaft bei Trondheim: das an altem Ort neu errichtete Marienkloster auf der Insel Tautra. Fotos: Benjamin Lassiwe

Beten mit Blick auf die norwegische Fjordlandschaft bei Trondheim: das an altem Ort neu errichtete Marienkloster auf der Insel Tautra. Fotos: Benjamin Lassiwe

»Als wir 1999 kamen und uns hier niederlassen wollten, haben die Nachbarn davon gesprochen, dass die Schwestern nach Hause zurückgekehrt seien«, sagt die Oberin des Klosters, Mutter Gilkrist Lavigne. Heute verdienen die Ordensschwestern ihren Lebensunterhalt mit der Herstellung von Cremes und Seifen. Ein kleiner Klosterladen ist für Touristen geöffnet, und wer bereit ist, sich auf den klösterlichen Lebensstil einzulassen, kann auch »Tage der Stille« im Kloster erleben. »Manche Besucher geben uns sogar ihr Handy, damit sie wirklich ungestört sind«, sagt Mutter Gilkrist. Wer als Novizin in den Orden eintritt, muss zwei Jahre ohne jeden Internetzugang aushalten.

»Die Leute sollen wieder ein Buch lesen können – und wieder in Berührung mit Gott kommen«, sagt die Oberin. »Wir leben hier einen völlig anderen Lebensstil.« Die alltäglichen Arbeiten im Kloster werden schweigend verrichtet. Die entstandene Stille nützten die Schwestern zum Gebet. »Unser Leben ist völlig auf Gott und Christus ausgerichtet«, sagt Mutter Gilkrist. »Denn das ist doch der Sinn unseres Lebens.«

»Das asketische Leben der Mönche und Nonnen ist in unserer heutigen Welt etwas völlig Fremdes«, sagt der katholische Bischof von Oslo und apostolische Administrator von Trondheim, Bent Eidsvig. Aber gerade die völlige Hingabe für den Glauben mache katholische Orden im lutherisch geprägten, aber immer säkularer werdenden Norwegen interessant. Denn die Zisterzienserinnen auf Tautra sind nicht die einzige Neugründung eines Klosters, die in den letzten Jahren entstanden ist.

Am Rande von Trondheim etwa haben sich die Birgittinnen niedergelassen. Sie betreiben in der Stadt ein Gästehaus, das auch Urlaubern offen steht. Oder Pilgern aller Konfessionen, die, wie auf dem berühmten Jakobsweg in Spanien, von Oslo aus zum Nidaros-Dom nach Trondheim wandern, wo der heilige Olav, der Patron Norwegens, begraben ist. Und etwas weiter außerhalb, in Munkeby, ganz in der Nähe der zum Nordkap führenden Europastraße 6, ist ein Kloster des Zisterzienser-Männerordens entstanden.

Mit den berühmten Klöstern in Citeaux, Cluny oder Marienthal ist der Neubau nicht vergleichbar – in Munkeby steht eine Art Einfamilienhaus mit angeschlossener Kapelle. Vier Mönche haben sich dort niedergelassen und produzieren Käse nach dem Vorbild im französischen Citeaux. Und zwar nicht nur zum Verkauf an durchreisende Urlauber in einer kleinen Hütte auf dem Parkplatz vor dem Kloster. »Unser Käse wird mittlerweile beim Staatsbankett im königlichen Palast serviert«, sagt Bruder Joel, der aus Frankreich nach Norwegen kam.

Die Milch beziehen die Mönche von ihren Nachbarn – dadurch sind sie schnell Teil der lokalen Gesellschaft geworden. »In Norwegen müssen Sie selbst den ersten Schritt gehen«, sagt Bruder Joel. »Wer hier herkommt und auf die Menschen wartet, wird erleben, dass sie nicht kommen.«

Benjamin Lassiwe