Versteckte Kreuze und das Schweigen der Unesco

21. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Das Bild der kreuzlosen Bischöfe auf dem Jerusalemer Tempelberg sorgt für heftige Diskussionen. Ein Kommentar, warum die Demutsgeste so brisant ist.

Die deutschen Bischöfe haben bei ihrer Pilgerreise das Kreuz in einer Region verschwinden lassen, in der Tausende von Christen in jüngster Zeit ihr Leben dafür gelassen haben und Hunderttausende ihr Leben aufs Spiel setzen, weil sie eben dieses Kreuz nicht verstecken wollen. Warum haben Kardinal Reinhard Marx und der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm sich nicht mit diesen Menschen solidarisiert und von ihren muslimischen Gesprächspartnern eine eigentlich selbstverständliche Toleranz eingefordert?

Das Bild der kreuzlosen Bischöfe reiht sich zudem nahtlos ein in eine Kampagne, deren jüngstes Produkt ein Unesco-Entscheid zum »besetzten Palästina« darstellt, das wenige Tage vor dem Bischofsbesuch verabschiedet worden war.

Unter der Überschrift »Besetztes Palästina« bemängelt die »Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur« in 41 Paragrafen die Weigerung Israels, einen ständigen Unesco-Vertreter in Ostjerusalem zu genehmigen, bedauert die archäologischen Ausgrabungen Israels in Ostjerusalem und verurteilt »israelische Aggression gegen die muslimische Verwaltungsbehörde (Waqf)«. Zum Tempelberg fordert sie freien Zugang für Muslime und freie Hand für den Waqf in allen Verwaltungs-, Renovierungs- und Restaurierungsangelegenheiten.

Gleichzeitig kritisiert sie israelische Baumaßnahmen im weiteren Umfeld des Areals und bedauert, dass die Al-Aqsa-Moschee und der »Al-Haram Al-Scharif«, das »noble Heiligtum«, wie der Tempelberg von Muslimen in arabischer Sprache bezeichnet wird, von israelischen Rechtsextremisten und »uniformierten Kräften« »gestürmt« worden sei. Ein zweiter und dritter Teil befassen sich dann noch mit der Situation um den Gazastreifen, der Höhle Machpela in Hebron und dem Rahelsgrab in Bethlehem.

Problematisch an diesem Unesco-Beschluss ist nicht, dass er Israel kritisiert. Israels Verwaltung heiliger Stätten darf kritisch begutachtet werden und gewiss gäbe es da auch manches zu verbessern. Skandalös ist – genau wie bei den Kreuzen der deutschen Bischöfe –, was unsichtbar ist, verborgen, nicht genannt, ignoriert oder vielleicht sogar geleugnet wird.

So schwieg die Unesco, als zwei Jahre nach ihrer Gründung 58 Synagogen in Jerusalems Altstadt zerstört wurden. Ein jordanischer Kommandeur verkündete nach der Sprengung der traditionsreichen Hurva-Synagoge: »Zum ersten Mal seit 1 000 Jahren verbleibt kein einziger Jude im Jüdischen Viertel. Kein einziges Gebäude verbleibt intakt. Das macht eine Rückkehr der Juden unmöglich.«

Die Unesco schwieg auch, als die jordanischen Besatzer in den darauffolgenden zwei Jahrzehnten Juden den Zugang zu ihren heiligsten Stätten aus ideologisch-religiösen Gründen verwehrten.

Das Schweigen der Unesco schreit unablässig zum Himmel, bis hin zum Ausbaggern der Südostecke des Tempelbergs in den Jahren 1999 und 2000. Damals entfernte der Waqf zum Bau einer Moschee 9 000 Tonnen Schutt aus den sogenannten »Ställen Salomos« – ein archäologisches Verbrechen, das mit der Sprengung der Buddha-Statuen durch die Taliban und dem Zerschlagen von archäologischen Schätzen durch den Islamischen Staat vergleichbar ist.

Weil der jüdische Staat Israel derartige Ungeheuerlichkeiten unter seiner Hoheit aus politischen Gründen duldete, könnte man ihm in diesem Fall sogar Komplizenschaft vorwerfen.

Skandalös ist ferner, was die Unesco unter der Überschrift »Besetztes Palästina« nicht sagt. »Das Dokument bezieht sich auf die Jerusalemer Stätte nur mit ihrem arabischen Namen«, jubiliert der katarische Nachrichtensender Al Jazeera. Außerdem wird die Verbindung der Heiligen Schrift von Juden und Christen zu diesem Ort inhaltlich ebenso ignoriert, wie die Jahrhunderte unumstrittener Geschichte, in der ein israelitischer und jüdischer Tempel auf diesem Hügel stand.

»Die jüdische Geschichte: ausgelöscht, konsequent bis in die Sprache. König Salomon hin, Herodes her«, beklagt Georg M. Hafner in der Jüdischen Allgemeinen und bezeichnet den Unesco-Entschluss zum »Besetzten Palästina« als »schamlosen antisemitischen Plot, der seinesgleichen sucht«. Durch den Zusatz »die Besatzungsmacht« wird die Legitimität des Staates Israel, wann immer er namentlich im Unesco-Beschluss genannt wird, ebenso unterhöhlt wie die der nur als »sogenannte« bezeichneten Israelischen Antiken-Behörde.

Die jüngsten Vorgänge um den Jerusalemer Tempelberg werfen eine ganze Reihe von Fragen auf. Was treibt die offizielle Völkergemeinschaft? Haben selbst gebildete Araber überhaupt keine Sorge um ihre Glaubwürdigkeit, wenn historische Tatsachen derart mit Füßen getreten werden?

Sind führende Köpfe der deutschen Christenheit wirklich so wenig informiert, dass sie überhaupt kein Gespür mehr dafür haben, wie unglaubwürdig sie werden, wenn sie sich von politischen Narrativen und religiösen Herrschaftsgefühlen derart instrumentalisieren lassen, dass eigene Wertvorstellungen wertlos werden?

Johannes Gerloff

Die Erde in der Hand eines Verbrechers?

15. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Hiob, der unschuldig Leidende

Die Erde ist in die Hand eines Verbrechers gegeben. Er verhüllt das Angesicht ihrer Richter. Wenn nicht er, wer ist’s dann?« (Hiob 9,24) So hatte noch keiner von Gott geredet. Aus der leidenschaftlichen Klage Hiobs, des unschuldig Leidenden, wird eine an Schärfe nicht zu überbietende Anklage Gottes. Wenn nicht er selber der »rascha«, der Frevler, der Verbrecher ist, wer sollte es sonst sein? Schon die Rabbinen haben darüber gestritten, ob Hiob das über Gott oder den Satan gesagt habe.

Wie auch immer die Antwort ausfällt, an den Leiderfahrungen Hiobs ändert sie nichts. Selbst wenn’s über den Satan gesagt wäre, wogegen der Textzusammenhang spricht, bleibt immer noch die Frage, warum der Gott Israels dem Satan freie Hand ließ, Hiob in solch ein Meer der Leiden zu stürzen. Begegnete ihm Gott in der Larve des Satans? Wer also, wenn nicht er? Bei dieser Frage stockt einem der Atem. Ist das nicht Gotteslästerung, Blasphemie? Darf Hiob, was selbst nach unserem Recht unter Androhung einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe verboten ist (§ 166 StGB)? Rechtfertigt erfahrenes Leid jede Form der Gotteslästerung? Darf der Mensch so von Gott reden? Der unschuldig leidende Mensch, Hiob, darf das! Denn am Ende des Buches stellt Gott Hiobs Freunden, den Verteidigern Gottes, gegenüber fest: »Ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob« (Hiob 42,7). Was war falsch am Reden der Freunde über Gott und was richtig am Reden Hiobs?

Die Freunde Hiobs waren gefangen in der »reinen Lehre«. Sie hatten sich ihr Bild gemacht von Gott und vom Menschen. Und das war unumstößlich: »Ja, nicht aus dem Staub geht Unheil hervor und aus dem Acker sprießt kein Übel« (Hiob 5,6). Vielmehr ist der Mensch selbst dafür verantwortlich. Sein Leiden muss eine Ursache haben. Und die kann nur in einer offensichtlichen oder auch verborgenen Schuld gegen Gott bestehen. Daher werden die beamteten Tröster nicht müde darin, Hiob zu mahnen, er möge sein Gewissen erforschen und Gott seine Schuld bekennen, zu ihm umkehren, damit sein Leben wieder in Ordnung käme. Doch wie kann er, wenn selbst Gott dem Satan gegenüber feststellt, dass sein Knecht Hiob in jeder Weise »fromm, rechtschaffen, gottesfürchtig und das Böse meidend« sei (Hiob 1,8)? Hiobs Freunde wollten davon nichts wissen. So wurden aus neunmalklugen Seelsorgern Quälgeister, die den Leidenden regelrecht kanibalisierten (Hiob 19,20-22). Uns jedoch steht es nicht zu, über ihnen den Stab zu brechen. Denn ein Verdienst bleibt den Freunden: Mit ihrem Insistieren auf dem Dogma trieben sie Hiob von sich weg und dem lebendigen Gott in die Arme.
Glaube-Alltag-38-2016

Aber was war nun richtig am klagenden, anklagenden Reden Hiobs? »Die einfachste, normalste Reaktion wäre, den Atheismus zu erkennen. Auch die gesündeste Reaktion für alle diejenigen, denen ein etwas einfältiger Gott bisher Preise verteilte, Sanktionen auferlegte oder Fehler verzieh und in seiner Güte die Menschen wie ewige Kinder behandelte« (Emanuel Levinas). Aber dieser einfältige Gott, das ist nicht der Gott Hiobs. Und daher kommt die normale Reaktion, Atheismus, die Absage an Gott, für ihn nicht in Frage. Das »Große an Hiob ist, dass die Leidenschaft der Freiheit bei ihm nicht erstickt und nicht zur Ruhe gebracht wird« (Sören Kierkegaard). Dieser Hiob sagt sich nicht von Gott los, sondern ist so frei, mit ihm leidenschaftlich in Klage und Anklage die Grenzstreitigkeiten des Glaubens auszufechten. Da ist einer, der nicht vor den Bildern Gottes kniet, die sich der Mensch von ihm macht, sondern vor dem lebendigen, unergründlichen Gott selbst. Da ist einer, der hält gegen Gott an Gott fest!

Und warum schließlich hat Gott den in jeder Weise untadeligen Hiob in die Hand des Satans fallen lassen? Wozu die Qualen, der Verlust des Besitzes, der Kinder, der Gesundheit? Ich weiß es nicht! Ich weiß nur eines, dass sich Gott nicht von seinem Knecht Hiob distanziert. Von Anfang an setzte er nicht auf die These des Satans, dass sich Hiob im Leiden von ihm lossagen, ihn verfluchen würde. Wenn ich eine Antwort auf die Frage wüsste, dann eigentlich nur die, dass der Gott Israels und der Kirche es Hiob, dem leidenden Menschen, zutraut, stärker zu sein als der Satan. Aber Vorsicht vor den Antworten! Vielleicht ist das ja auch schon wieder mein Bild von Gott und vom Menschen, vor dem ich knie.

Rüdiger Lux

Literaturempfehlung:
Rüdiger, Lux: Hiob. Im Räderwerk des Bösen, Biblische Gestalten Bd. 25, Evangelische Verlagsanstalt, 320 S., ISBN 978-3-37402-878-8, 18,80 Euro

Hoffnungslos optimistisch

11. Oktober 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Schimon Peres: »Keine Sorge, ich werde nicht vergessen zu sterben!«, sagte der vor Vitalität sprühende 90-jährige Präsident des Staates Israel vor drei Jahren zu Journalisten. Sein starrsinniger Optimismus war zu allem bereit – außer, sich den finsteren Realitäten des Nahen Ostens zu beugen.

Die Frage, ob er sich von Jassir Arafat hintergangen fühle, dessen Hand er zum Abschluss der Verträge von Oslo geschüttelt hatte – und der im Rückblick bewiesenermaßen gleichzeitig den Terror gegen Israel geschürt hatte –, wischte Peres unwirsch vom Tisch: »Fragen Sie Arafat!« Die Provokation, wie er angesichts des Hasses auf sein Volk so zuversichtlich in die Zukunft sehen und so ungebrochen auf eine bessere Zukunft zuarbeiten könne, beantwortete er in dunkelster Zeit mit den Worten: »Ich habe keine Alternative!«

Jetzt hat sich Israels Profi-Optimist dem Zwang der Natur gebeugt und sein Versprechen, das Sterben nicht zu vergessen, eingelöst: In der Nacht vom 27. auf den 28. September ist Schimon Peres im Alter von 93 Jahren nach einem Schlaganfall und kurzer, schwerer Krankheit verstorben.

Schimon Peres war definitiv der bekannteste und weltweit beliebteste Israeli. Seit 1959 gehörte er der Legislative des Staates Israel an und war damit der am längsten amtierende Parlamentarier des jüdischen Staates. Die Politkarriere des polnisch-stämmigen Sozialdemokraten erstreckte sich über sechs Jahrzehnte. Mit Peres verabschiedete der jüdische Staat den letzten Profipolitiker seiner legendären Gründergeneration.

Optimistisch, aber auch nachdenklich: Schimon Peres als israelischer Präsident während eines Treffens mit einem ausländischen Staatsgast. Foto: picture alliance

Optimistisch, aber auch nachdenklich: Schimon Peres als israelischer Präsident während eines Treffens mit einem ausländischen Staatsgast. Foto: picture alliance

Am 2. August 1923 wurde Szymon Perski in Wiszniew, das heute in Weißrussland liegt, geboren. Im Alter von elf Jahren wanderte er mit seinen Eltern in das britische Mandatsgebiet Palästina ein. Seitdem er 1948 politischer Berater von Staatsgründer David Ben-Gurion war, hatte Schimon Peres praktisch alle hohen politischen Ämter des Staates Israel inne. Im Alter von 29 Jahren war er Generaldirektor des Verteidigungsministeriums, zweimal Premierminister, dreimal Außenminister, zuletzt – von 2007 bis 2014 – Staatspräsident.

Peres wird als »Vater des israelischen Atomprogramms« gehandelt und zog bei einigen der spektakulärsten Militäraktionen Israels, wie etwa der Befreiungsaktion von Entebbe 1976, im Hintergrund die Fäden. Gleichzeitig war er Meister der Geheimdiplomatie, entscheidender Motor des Prozesses von Oslo und erhielt für den Handschlag mit PLO-Chef Jassir Arafat auf dem grünen Rasen vor dem Weißen Haus in Washington im September 1993 gemeinsam mit Jassir Arafat und Jitzchak Rabin den Friedensnobelpreis. Allerdings wurde er von seinen eigenen Leuten dafür auch als »Verbrecher von Oslo« beschimpft.

In Israel ist Schimon Peres als notorischer Träumer bekannt und wurde für seinen »Neuen Nahen Osten« oft verhöhnt. Als frisch gewählter Staatspräsident verkündete er, dass er in seinen 48 Jahren in der Knesset »keinen Augenblick die Hoffnung verloren« hätte. Hoffnung zu vermitteln, sah er auch im hohen Alter als eine seiner vornehmsten Aufgaben. So ließ er es sich auch noch als Ex-Präsident mit über 90 Jahren nicht nehmen, in einem humorvollen Videoclip mit seiner Enkeltochter auf Job-Suche zu gehen und sich etwa als Tankwart filmen zu lassen.

Dabei war das beharrlichste Urgestein der israelischen Politik vor allem als »Loser«, als Verlierer, bekannt. Schimon Peres hatte bis zu seiner Wahl zum Staatspräsidenten am 13. Juni 2007 nie eine Wahl gewonnen. Journalisten witzelten hinter seinem Rücken: »Wir wissen nicht, was im Jahr 2050 sein wird – außer, dass es Wahlen geben und Schimon Peres verlieren wird.« Was wohl als Beweis dafür gelten muss, dass Journalisten schlechte Propheten sind und Träumer manchmal auch nach langer Zeit noch Erfolge erzielen.

Eine der beharrlichsten Journalistenfragen, die den hochbetagten Staatsmann in den vergangenen Jahren begleitete, war wohl die, wann er denn endlich in Rente gehen wolle. In Krisenzeiten hatte er darauf mit nachdenklichem Ernst geantwortet: »Solange ich meinem Volk helfen kann, stehe ich zur Verfügung.« Mit Bravour gelang es Peres, das Vertrauen der israelischen Bevölkerung in das Amt des Präsidenten wiederherzustellen, nachdem sein Vorgänger, Mosche Katzav, wegen Vergewaltigung zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt wurde. Im letzten Abschnitt seines Lebens erwies er sich als großer Staatsmann, indem er das chronisch zerstrittene Volk seines Landes auf souveräne Weise einte. Außenpolitisch war Peres definitiv der erfolgreichste Repräsentant des so vielfach angefeindeten und verleumdeten Staates Israel.

Peres war nicht nur Politiker. Er war belesen und hat Gedichte verfasst. Nicht zufällig zählten die Schriftstellerin Simone de Beauvoir und andere Literaten zu seinen engsten Freunden. Im äußerst korruptionssensiblen und skandalbewussten Israel konnte ihm, im Gegensatz zu anderen Politikern, nie Geldgier, Korruption, unlautere Nähe zu Millionären oder Wirtschaftsmagnaten vorgeworfen werden. Auch Frauengeschichten werden über Peres nicht erzählt.

Sein Privatleben hat Schimon Peres mit Erfolg vor der Öffentlichkeit versteckt. Seine Frau Sonja, die im Januar 2011 im Alter von 87 Jahren verstarb, hielt sich beharrlich im Hintergrund und verweigerte sich auch dann noch dem Rampenlicht der Öffentlichkeit, als ihr Mann Staatspräsident wurde. Peres hinterlässt eine Tochter namens Zvia, sowie zwei Söhne, Jonathan und Nehemia, und sechs Enkel.

Johannes Gerloff

Videoclip mit Peres auf Arbeitssuche (mit deutschen Untertiteln) im Internet:

www.youtube.com/watch?v=__7b9O8k1tw)

Das Wunder des Jona

19. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Klassiker der Bibel: Der Prophet im Bauch eines großen Fisches

Über den historischen Jona Ben-Amittai wissen wir so gut wie nichts. Nur dies, dass er aus Gat-Hefer stammte und ein Heilsprophet im 8. Jahrhundert vor Christus war, der die Wiederherstellung des arg gerupften Nordreichs Israel weissagte (2. Könige 14,25). Der literarische Jona aber machte Karriere. Er fand Eingang in die erzählte Welt der Meeresstürme, der zerborstenen Schiffe und Seeungeheuer, in der der lange Faden des Seemannsgarns von Jahr zu Jahr weitergesponnen wird. Denn da war ja die Sache mit dem großen Fisch, von der Martin Luther sagte: »Das kann wohl eine seltsame Schifffahrt heißen. Wer wollt’s auch glauben und nicht für eine Lüge und Märlein halten, wenn es nicht in der Schrift stünde?«

Ja, am Wunder des Jona haben sich viele Generationen abgearbeitet. Da waren die Biblizisten, die auf dem Wortsinn des erzählten Geschehens bestanden. Schlunde von Walfischen und anderen Seeungeheuern wurden vermessen. Seemannsgeschichten wie die vom verschlungenen und doch geretteten Fischer James Barthy von den Falklandinseln machten die Runde und stellten sich als Fälschung heraus. Und da waren die Rationalisten, die ihrer vernunftbesessenen Fantasie freien Lauf ließen. Der große Fisch sei gar kein Fisch gewesen, sondern ein Schiff mit dem Namen »Großer Fisch« habe den renitenten Propheten aus dem Wasser gezogen.
Glaube-Alltag-38-2016

Noch besser, da kurioser, vermutet ein Ausleger des 19. Jahrhunderts, der wahrscheinlich gerne zu tief ins Weinglas schaute, der schiffbrüchige Jona sei an Land gespült worden und daraufhin in einer Seemannskneipe »Zum Walfisch« versackt. So sind sie eben, die Biblizisten und die Rationalisten, verblendet von ihrer Aufklärungswut. Die einen halten das in der Realität Unmögliche für möglich, die anderen das in der Literatur Mögliche für unmöglich. Beide lassen das Wunder nicht Wunder sein! Worin aber besteht das Wunder des Jona? Darin, dass er drei Tage und drei Nächte im Bauch des großen Fisches überlebte?

Erstens darin, dass der große Fisch zur »Kathedrale« wurde! Es sind die Psalmen Israels, die er im Bauch des Fisches betete, die ihm in aller Todesnot Trost und Hilfe brachten. Sie wurden dem, der vor Gott geflüchtet war, zum Rettungsanker.

Zweitens darin, dass es sie gibt, die verkehrte Welt. »Da muss der Fisch, der vorher des Todes Werkzeug war, des Lebens Werkzeug sein, und Jona muss durch denjenigen zum Leben kommen, durch welchen er zum Tode gefangen und geführt wurde« (M. Luther).

Dass die Umkehrung vom Tod zum Leben das eigentliche Wunder des Jona ist, das haben die Jesuserzähler scharfsichtig erkannt. Für sie war der dreitägige Aufenthalt Jonas im Fisch eine Analogie zu den drei Tagen, die der Menschensohn im Schoß der Erde ruhte (Matthäus 12,40), bevor er am Ostermorgen auferweckt wurde.

Drittens darin, dass Ninive, die böse Stadt, nicht böse bleiben muss. Aus dem ärgsten Feind Israels kann ein reuiger Sünder werden. Eine ganze Stadt kehrt um, mit Mann und Maus. Die Kurzpredigt des rebellischen Propheten? »Vierzig Tage noch, und Ninive wird untergehen!«, hat geholfen. Ninive, der Todeskandidat, darf leben. Jona aber, der verstockte, larmoyante Prophet, will sterben. Was für eine Ironie! Ist ihm noch zu helfen? Nur dadurch, dass ihn die göttliche Pädagogik unterm Rizinus einführt in die Schule der Barmherzigkeit, in der auch der zornige Gott umkehrt zum Menschen.

Nicht zuletzt aber ist das Wunder des Jona auch ein Wunder der Poesie. Es hat schon einen guten Grund, dass die alten Griechen das Wunder der Erschaffung des Lebens mitten in der Welt des Todes und das Wunder der Dichtkunst in ein und demselben Wort zusammenfallen ließen: Poiesis, Poesie, Schöpfung! Es ist diese vom biblischen Erzähler erschaffene narrative Welt selbst, die in ihrer Fabulierkunst für viele Dichter und ihre Leser durch Jahrhunderte hindurch zu einem Lebenselixier geworden ist. »Und jener Prophet? Vielleicht ist er noch immer unter uns. Vielleicht geht er wieder auf ein Schiff, zahlt gut, um vor Gott zu flüchten. Vielleicht schläft er sogar in einem entlegenen Winkel über seinem Gewissen, und der Sturm hat ihn noch nicht wachgerüttelt« (M. Strigler).

Rüdiger Lux

Der Autor ist emeritierter Theologieprofessor für Alttestamentliche Wissenschaft. Er lehrte bis 2012 an der Universität Leipzig.

Türkei: Erdogan und der Gruß der Muslimbrüder

26. Juli 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Als die Muslimbrüder in Ägypten gegen die Absetzung von Präsident Muhammad Mursi durch den Militärputsch des derzeitigen Präsidenten Al Sisi protestierten, sah man es tausendfach auf den Straßen: Statt der zwei Finger des säkularen »Victory« (engl. für Sieg) wurden vier Finger gezeigt, eine schwarze Hand mit eingeschlagenem Daumen auf gelbem Grund. Es war das Zeichen der Muslimbrüder. 2013 wurde Erdogan gefilmt, als er weinend den Tod von Asmaa el Beltagy betrauerte. Die junge Demonstrantin war vor der Rabaa al-Adawiya Moschee in Kairo erschossen worden. »Rabaa« bedeutet auf Arabisch »vier« und deshalb die vier Finger als Zeichen der Solidarität für die Muslimbrüder und die Islamisten. Das Symbol verbreitete sich in der ganzen muslimischen Welt.

Vier Finger mit angewinkeltem Daumen – das Zeichen der Muslimbruderschaft. In Ägypten ist die Organisation verboten und als Terrororganisation eingestuft. Foto: screenshot youtube.com

Vier Finger mit angewinkeltem Daumen – das Zeichen der Muslimbruderschaft. In Ägypten ist die Organisation verboten und als Terrororganisation eingestuft. Foto: screenshot youtube.com

Jetzt, nach dem erfolgreichen Niederschlagen des Militärputsches, trat Erdogan auf, im Maßanzug und mit einem karierten Arbeiterhemd ohne Krawatte. So demonstrierte er »Volksnähe«. Und wieder zeigte der türkische Präsident für alle sichtbar seine Solidarität mit den islamistischen Muslimbrüdern. Zu Beginn seiner Rede, als er sich an »meine lieben Brüder« wandte, winkte er mit seiner Hand, mit vier ausgestreckten Fingern und einem weggedrehten Daumen.

Erdogan hat das Symbol in seiner Rede mehrfach verwendet und gewiss nicht zufällig. In arabischen Medien wird Erdogans stilles Zeichen ausführlich diskutiert. Im Gazastreifen, wo die Hamas, Ableger der ägyptischen Muslimbrüder, herrscht, gab es Jubelfeiern nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei. In Ägypten hingegen reagierte Präsident Al Sisi ungehalten.
Auch im Westen spielen solche Symbole eine große Rolle, wie das V-Zeichen für »Victory«, von Winston Churchill nach dem Zweiten Weltkrieg und später von »Friedensbewegten« in aller Welt verwendet.

In Deutschland kennt jeder die ausgestreckte Hand als Symbol für den Hitlergruß, heute bewusst von der Hisbollah in Beirut und der Hamas sogar mitten in Jerusalem verwendet. Nach der Entführung von drei jungen Israelis im Westjordanland im Juni 2014 war es bei Palästinensern populär, drei Finger hochzuhalten, als Symbol für die drei entführten und ermordeten jungen Israelis.

Und nun macht Erdogan unübersehbar klar, wo er steht. In der arabischen Welt gibt es viele Analphabeten, aber symbolische Handzeichen werden von jedem verstanden. Ob der Westen diese Zeichen der Zeit begreift?

Ulrich W. Sahm

Die Bibel zum Sprechen bringen

24. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaube und Wissenschaft: Wie Theologiestudenten historisch-kritische Exege betreiben

Was passiert eigentlich in der Bibelwissenschaft? In einer vierteiligen Serie erläutern Lehrende und Studierende am Institut für Neues Testament der Theologischen Fakultät Leipzig, was sie machen, und wie für sie Glaube und Wissenschaft zusammenpassen.

Sie werden sich wundern, was alles in so einem Text steckt!« So beginnt das Seminar »Einführung in die neutestamentliche Exegese«. Große Erwartungen werden geweckt. Viele Wochen werden wir uns Gedanken zum »Reichen Jüngling« im Matthäusevangelium machen. Am Anfang steht eine Übersetzung dieser neutestamentlichen Passage. Es folgt die Textkritik, das heißt, wir nehmen eine Vielzahl der gefundenen Papyri und Pergamente mit neutestamentlichen Texten in den Blick – und staunen über die umfangreiche Arbeit der Kopisten, Philologen und Archäologen, die ihre Ergebnisse in Wörterbücher und wissenschaftliche Aufsätze einfließen ließen. Die sprachliche Analyse nimmt den Text als strukturiertes Ganzes oder auch als fragmentarisch zusammengesetzte Gestalt wahr. Der Text weist mehrere Brüche auf, was sich beispielsweise durch den Wechsel der beteiligten Personen ergibt. Es lässt sich auch nicht eindeutig feststellen, wo dieser Abschnitt endet. Wir untersuchen die Bedeutung der Worte »Himmelreich«, »Wiedergeburt« und »Reichtum«. Der Verkauf des Reichtums trifft nicht nur den Jüngling selbst, sondern da Reichtum im antiken Palästina in der Regel Landbesitz war, auch seine ganze Familie. Das verstärkt die Radikalität der Forderung Jesu.

Das Gleichnis vom reichen Jüngling ordnen wir der Gattung Chrie zu, eine beliebte Gattung der Antike, um Aussprüche und Begebenheiten berühmter Personen festzuhalten und auswendig zu lernen. Anschließend vergleichen wir unseren Text mit seinen Paralleltexten im Markus- und Lukasevangelium, um sein typisches Profil herauszuarbeiten. Matthäus weist sich in seinem reichen Jüngling als jüdischer Gesetzesgelehrter aus, indem er das Streben nach Vollkommenheit in den Text einbringt, die Reihenfolge der Gebote nach dem hebräischen Alten Testament, die Formulierung davon aber nach dem griechischen Alten Testament, der Septuaginta, zitiert, das Nächstenliebegebot und das Wort von den zwölf Thronen hinzufügt.

Durch die Literarkritik gilt es herausfinden, welche schriftlichen Vorlagen unser Text hatte. Nach der Zweiquellentheorie integrierte Matthäus das ältere Markusevangelium. Also gehen wir auf den Markustext zurück und lassen die bisherigen Ergebnisse einfließen. Der ursprüngliche Text bestand aus dem Gespräch mit dem Reichen. Er wurde um Szenen mit den Jüngern und Petrus erweitert. Scheinbar gab es bei der Entstehung der Texte bereits unterschiedliche Auslegungen hinsichtlich der Beurteilung von Reichtum, die im Kontext einer sesshaften Gemeinde anders ausfiel, als im unstetigen Leben der ersten Jünger. Entgegen gängiger Vorurteile ist die Literarkritik nicht mit einer Bewertung verschiedener Wachstumsstufen verbunden. Vielmehr sind die Brüche damit zu erklären, dass die Stoffe über Jesus aus verschiedenen Quellen stammten und von verschiedenen Personen zu Texten geformt wurden, die dann zu den Evangelien wurden. Die Wahrnehmung, dass die Texte gewachsen sind, hilft bei der Interpretation. Warum nicht einmal darüber predigen, dass die Radikalität der Jesusbotschaft schon bei den frühesten Christen für Probleme sorgte, weil sich die Lebensbedingungen veränderten?

Gibt es mündliche Vorstufen des Textes? Diese Frage beschäftigt die Überlieferungsgeschichte. Der Spruch »Die Letzten werden die Ersten und die Ersten die Letzten sein«, ist bei Matthäus an zwei Stellen überliefert, im Lukasevangelium in einem anderen Kontext. Das spricht für eine mündliche Überlieferung. Danach folgt die Traditionsgeschichte, bei der die Hintergründe und Entwicklungen zentraler Begriffe eines Textes durch den Vergleich mit anderen Texten erleuchtet werden sollen. Der Begriff »vollkommen« bei Matthäus hat eine Verbindung zur Forderung nach Vollkommenheit in der Bergpredigt. Parallelen finden wir im Alten Testament, zum Beispiel 5. Mose 18,13. Die Forderung nach Vollkommenheit für das Volk Israel ist also ein zentrales Motiv in der Tora, gleichzeitig scheint es für den einzelnen Menschen fast unerreichbar. Wenn Matthäus die Forderung nach dem Verkauf des Besitzes mit der Formulierung: »Wenn du vollkommen sein willst«, versieht, meint er: Jesu radikale Forderung ist nicht für jeden durchführbar, sondern für besondere Auserwählte, für die besseren Gerechten. Genau das sollen die Christen nach Matthäus anstreben.

Die Redaktionskritik schaut, warum der Autor den Stoff für seinen Text so auswählte und einordnete. Dabei stellen wir erneut die jüdische Prägung von Matthäus fest. Außerdem wurde das folgende Gleichnis von den »Arbeitern im Weinberg« von Matthäus als Erläuterung des »Reichen Jünglings« angefügt.

Die Ergebnisse der intensiven Beschäftigung mit dem Text fließen in eine kreative Interpretation, eine Andacht, eine Erzählung, ein Bild, eine Predigt.

Einige Arbeitsschritte waren sehr komplex und eher für Spezialisten und Kommentatoren, die man zu Rate ziehen musste. Die Erkenntnisse aus der Überlieferung des Textes halfen uns, in die Geschichte Israels und der Völker Vorderasiens tiefer einzutauchen, ein Verständnis für die Kulturen, das Weltbild und die Religionen zu entwickeln. Mein Glauben ist während der Exegese nicht stärker oder schwächer geworden. Er wurde mehr oder weniger verdeckt durch die vielen Informationen. Die Spannung zwischen Glauben und Verstehen waren gut auszuhalten. Ich konnte entscheiden, in welcher Form ich mich von dem biblischen Text ansprechen ließ. Tatsächlich sprach er am Ende des Semesters wirklich in seinem ganzen Facettenreichtum zu mir.

»Sie werden sich wundern, was alles in so einem Text steckt!« Das ist es, was ich als Dozentin vermitteln will: die Freude an der Arbeit mit biblischen Texten – an dem, was ich mit den Methoden historisch-kritischer Exegese an neuen Einsichten gewinnen kann, wenn ich die traditionellen westeuropäisch geprägten Interpretationsweisen zunächst zur Seite schiebe und mich der ursprünglichen Intention der Texte annähere. Dann beginnen die Texte tatsächlich neu zu sprechen durch ihre Fremdheit, ihre Struktur, ihre Vokabeln, die Personen und vieles mehr. Dazu gehört auch, die biblischen Texte nicht als einmalig niedergeschriebene Größe zu betrachten, sondern vielmehr als Diskussion der frühen Christen über das, was über Jesus als Gottes Sohn erzählt werden muss.

Pepe Milkau ist Theologiestudentin, Nicole Oesterreich Diplom-Theologin

»Nächstes Jahr in Jerusalem!«

15. Mai 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Hintergrund: Der jüdische Traum von der »Alija« wurde mit der Staatsgründung am 14. Mai 1948 Wirklichkeit

Seit der Zerstörung des salomonischen Tempels im 6. Jahrhundert vor Christus lebte die Mehrheit des jüdischen Volkes außerhalb des Landes Israel. Seither ist »Alija« – die Rückkehr in das Land Israel – das Sehnen, das Juden weltweit verbindet.

Das hebräische Wort »Alija« bedeutet wörtlich »Hinaufsteigen«. Ins Land Israel und insbesondere in sein Zentrum, Jerusalem, geht man immer hinauf. Im Gegenzug ist das Verlassen des Heiligen Landes immer ein Abstieg. So heißt es schon von Abram in 1. Mose 12, Vers 10: »Abram ging hinab nach Ägypten …« Seine Rückkehr wird zu Beginn des folgenden Kapitels beschrieben: »Und Abram zog herauf aus Ägypten« (1. Mose 13,1). Die hebräische Bibel ist, genau wie das moderne Hebräisch, konsequent in diesem Sprachgebrauch.

Sehnsuchtsort Jerusalem: Ein orthodoxes jüdisches Paar blickt in Richtung auf die Altstadt und den Ölberg. Foto: Harald Krille

Sehnsuchtsort Jerusalem: Ein orthodoxes jüdisches Paar blickt in Richtung auf die Altstadt und den Ölberg. Foto: Harald Krille

»An den Wasserströmen Babylons saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten«, klagte der Psalmist (Psalm 137,1). »Wenn ich dich, Jerusalem, vergesse, wird meine rechte Hand absterben. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich nicht gedenke, wenn ich Jerusalem nicht erhebe über den Gipfel meiner Freuden«, sagt bis heute jeder Bräutigam nach dem Treueversprechen an seine Braut und zertritt im Gedenken an das zerstörte Jerusalem ein Glas.

Rom wollte jede jüdische Verbindung beenden

Im Jahr 70 nach Christus wurde der Tempel, der von einigen Rückkehrern aus Babylon gebaut und von Herodes dem Großen prachtvoll renoviert worden war, dem Erdboden gleichgemacht. Nach dem zweiten jüdischen Krieg im Jahr 135 verbot der römische Kaiser Hadrian Juden den Zugang nach Jerusalem. Judäa wurde in Palästina, Sichem in Neapolis (heute Nablus) und Jerusalem in Aelia Capitolina umbenannt. Jede jüdische Verbindung zum verheißenen Land und seinen heiligen Städten sollte unmöglich gemacht werden.

Doch die Sehnsucht blieb. Nach jedem Essen haben Juden durch die Jahrtausende hindurch gebetet: »Erbarme dich doch Herr, unser Gott, über dein Volk Israel, über Jerusalem, deine Stadt, über Zion, den Wohnort deiner Herrlichkeit.« Das Passahfest beginnt mit dem Sederabend, zu dessen Abschluss man einander verspricht: »Nächstes Jahr in Jerusalem!«

An die Hoffnung auf »Alija« klammerten sich Juden, als Rabbi Mosche ben Nachman, kurz »Ramban« genannt, Mitte des 13. Jahrhunderts in Jerusalem nur noch zwei Juden, aber keine Synagoge und keine Thorarolle vorfand. Es gab keine Hoffnung mehr, die man als Jude hätte noch verlieren können, stellt Nachmanides in der Zeit zwischen dem 6. und 7. Kreuzzug fest.

Der Reformator hatte nur Spott für die Juden übrig

Am Ziel der Heimkehr hielt das Volk Israel fest, auch als Martin Luther im 16. Jahrhundert darüber spottete: »So lasst sie noch hinfaren jns land und gen Jerusalem, Tempel bawen, Priesterthum, Fuerstenthum und Mosen mit seinem gesetze auffrichten und also sie selbs widerumb Jueden werden und das Land besitzen.« Sarkastisch fügte der deutsche Reformator noch hinzu: »Wenn das geschehen ist, so sollen sie uns bald auff den ferssen nach sehen daher komen und auch Jueden werden« (WA 50.323,36-324,8).

Würden Lutheraner die Worte des Reformators ernst nehmen, müssten sie sich heute, 500 Jahre nach Anschlag der 95 Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg, beim nächsten Rabbiner zur Beschneidung melden. Im Jahr 2017 lebt die größte jüdische Gemeinde weltweit wieder im Land Israel. Seit zweieinhalb Jahrtausenden haben nicht so viele Juden im Land Israel gewohnt.

»Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir« (Psalm 130,1) – das ist die richtige Gebetshaltung, erklärt ein orthodoxer Jude und verweist darauf, dass viele Synagogen deshalb so gebaut sind, dass man einige Stufen hinabsteigen muss, um dann tatsächlich »aus der Tiefe« rufen zu können. Vor allem aber ist dieses »Lied des Hinaufgehens«, so die Überschrift von Psalm 130, ein Schrei nach Erlösung aus der Zerstreuung.

Der Gott Israels hat den Schrei seines Volkes gehört. Seit dem absoluten Tiefpunkt Jerusalems zur Zeit von Rabbi Mose Nachmanides und dem Bau der nach ihm benannten »Ramban-Synagoge« begann ein ständiger Strom von Juden in das Land Israel hinaufzuziehen. 1483 traf Rabbi Elia aus Ferrara in Jerusalem ein, 1579 120 Neueinwanderer aus Damaskus, 1700 Juda der Fromme mit 1 000 seiner Anhänger. 1721 kommt Rabbi Jesaja Horowitz. Im 18. Jahrhundert werden in Jerusalem 19 Talmudschulen von Juden aus Italien, Konstantinopel, Amsterdam und Aleppo gegründet. 1760 trifft Rabbi Schalom Scharabi aus dem Jemen in Jerusalem ein und 1771 gründet Rabbi Menachem Mendel aus Vitebsk mit 300 Anhängern eine chassidische Siedlung.

Im 19. Jahrhundert setzte sich dieser Trend fort. Antisemitische Ausbrüche verstärkten ihn. Als beispielsweise 1840 die Juden von Damaskus beschuldigt werden, den Priester Toma und seinen moslemischen Diener ermordet zu haben, um ihr Blut für die Mazzot (ungesäuerten Brote) am Passahfest zu verwenden, drängt der in Sarajevo geborene Rabbi Juda Alkalai sein Volk zur Alija. 1881 lösen Pogrome in Russland und Rumänien die so genannte »Erste Alija« aus. 40 000 Juden machen sich auf den Weg nach Palästina.

Während um Jerusalem herum erste jüdische Siedlungen entstehen – Mischkenot Schaananim (1860), Mea Schearim (1873), Machane Jehuda (1887) – setzen sich jüdische Bittsteller vor dem Berliner Kongress (1878) für die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina ein. Fürst Otto von Bismarck erklärt sie für wahnsinnig. Trotzdem formiert sich der Zionismus als säkulare politische Bewegung in Europa. Anfang September 1897 schreibt der österreichische Journalist Theodor Herzl unmittelbar nach dem ersten Zionistenkongress in sein Tagebuch: »Fasse ich den Baseler Kongress in ein Wort zusammen – das ich mich hüten werde, öffentlich auszusprechen – so ist es dieses: in Basel habe ich den Judenstaat gegründet. Wenn ich das heute laut sagte, würde mir ein universelles Gelächter antworten. Vielleicht in fünf Jahren, jedenfalls in fünfzig wird es jeder einsehen.«

Herzls Idee des Judenstaates gewinnt an Fahrt

Gegen immense Widerstände setzt sich die Bewegung fort. Unermüdlich bearbeitet Herzl die Mächtigen seiner Zeit, bittet den deutschen Kaiser um ein Protektorat über den jüdischen Staat und muss sich von Papst Pius X. im Januar 1904 in Rom sagen lassen: »Die Juden haben unseren Herrn nicht anerkannt, also können wir das jüdische Volk nicht anerkennen.«

1899 vertreibt der Pascha von Damaskus die Juden aus einer Siedlung auf den Golanhöhen. Im April 1909 wird die erste jüdische Stadt im Land Israel gegründet: Tel Aviv. Im Dezember desselben Jahres der erste Kibbuz: Degania am Südende des Sees Genezareth. Im März 1917 vertreiben die Türken alle Juden aus Haifa und Tel Aviv. Im November 1917 erklärt die britische Regierung in der so genannten »Balfour Declaration« ihre Unterstützung für eine jüdische Heimstätte in Palästina.

Am 24. Juli 1922 beauftragt der Völkerbund in San Remo die britische Regierung im Rahmen des Palästina-Mandats ausdrücklich damit, die Alija und die Besiedlung des Landes durch das jüdische Volk zu fördern. Zwischen 1919 und 1924 kommen 35 000 idealistische Pioniere mit »Zertifikaten« der britischen Regierung ins Mandatsgebiet Palästina. Von 1924 bis 1931 treiben polnische Wirtschaftssanktionen viele jüdische Angehörige aus kleinbürgerlichen Schichten »hinauf nach Zion«. Zwischen 1929 und 1939 fliehen eine Viertelmillion Juden vor den Nazis aus Deutschland nach Palästina.

Trotz gebrochener Zusagen: Eine Zuflucht für Juden

Diese großen jüdischen Einwanderungswellen erregten den Widerstand von Teilen der arabischen Bevölkerung. Extremistische Führer wie der Großmufti und Hitler-Freund Hadsch Amin el-Husseini gewannen die Oberhand und hetzten ihre Anhänger immer wieder zu blutigen Aufständen auf, etwa 1929 und 1936. Die britische Regierung reagierte auf die arabische Gewalt mit einer Einschränkung und teilweise massiven Behinderung der jüdischen Einwanderung, was einen klaren Verstoß gegen das Völkerbundmandat darstellte. Hunderte verzweifelter Holocaustüberlebende verlieren im Kampf gegen England ihr Leben, bevor am 14. Mai 1948 der Staat Israel proklamiert wird.

Die »raison d’être« des jüdischen Staates Israel ist, bedrängten Juden aus aller Welt Zuflucht zu bieten. Der junge Staat wurde von einer Welle der Immigration überschwemmt, sodass sich allein in den Jahren von 1948 bis 1951 die jüdische Bevölkerung in Israel verdoppelte. Die ersten Einwanderer kamen nicht nur als Holocaustüberlebende aus Europa: Ungefähr eine Million Juden mussten in diesem Zeitraum ihre Heimat in arabischen Ländern verlassen, weil ihnen das Leben dort unmöglich gemacht wurde. Die meisten flohen nach Israel.

In den fast sieben Jahrzehnten seines Bestehens bewältigte der Staat Israel mehrere große Einwanderungswellen, sodass heute mehr als sechs Millionen Juden im »Land ihrer Väter« leben. Erst in den vergangenen Jahren zogen Zigtausende von Juden aus Frankreich und der Ukraine nach Israel.

Johannes Gerloff

»Wir wollen lebendige Steine«

23. Dezember 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bethlehem: Schwester Maria Grech leitet seit 2004 das Franziskanische Familienzentrum in der Geburtsstadt Christi

Alljährlich besuchen Millionen Pilger und Touristen aus aller Welt Bethlehem, den Geburtsort Christi. Doch die Zahl der einheimischen palästinensischen Christen nimmt immer mehr ab. Eine Ordensschwester kämpft dagegen an.

Die israelische Besatzungspolitik hat Folgen bis in die eigenen vier Wände palästinensischer Familien. Davon erzählt Schwester Maria Grech im Franziskanischen Familienzentrum in Bethlehems Milchgrottengasse. Die aus Malta stammende Ordensfrau lebt seit 25 Jahren in der Geburtsstadt Jesu. Die dortige Not skizziert die Mittsechzigerin so: Aufgrund der israelischen Sperrmauer und Kontrollpunkten samt dem System der Passierscheine können viele Männer ihre früheren Arbeitsstätten in Israel nicht mehr erreichen. In Bethlehem finden sie entweder gar keine Arbeit, nur schlecht bezahlte oder als Tagelöhner.

Die Folgen: Gerade jungvermählte palästinensische Christen können sich oft keine eigene Wohnung leisten und sehen sich gezwungen, ins Elternhaus des Mannes zu ziehen. Dort haben sie lediglich ein eigenes Schlafzimmer; Bad und Küche müssen geteilt werden. Über kurz oder lang kommt es zu Konflikten, vor allem zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter, wo­rauf letztere Hilfe bei Schwester Maria sucht. Sie, die ausländische Nonne und ausgebildete Mediatorin, gilt als neutral und vertrauenswürdig.

Neben Eheberatung und Mediation bietet sie dank vieler Spenden aus dem Ausland auch praktische Hilfe an: das »Emergency Job Creation«-Programm, das sie zusammen mit einer Sekretärin und einem Ingenieur umsetzt. Jährlich erhalten etwa 15 bis 20 ausgebildete oder angelernte Handwerker aus armen Familien Arbeit. Sie renovieren beispielsweise unter Feuchtigkeit leidende Altbauten oder erstellen einen Anbau, etwa ein eigenes Bad oder eine eigene Küche für ein neu vermähltes Paar im Haus der Eltern oder Schwiegereltern. »Viele Familien versichern, sie führten jetzt ein wirklich neues Leben«, erzählt Schwester Maria. Und den Handwerkern gäbe die Arbeit ihre »Würde zurück« und ermutige sie, »im Land zu bleiben und nicht auszuwandern«. Was natürlich auch für die gilt, die in den Genuss einer Renovierungsmaßnahme oder eines Anbaus kommen. »Wir wollen lebendige Steine in Bethlehem und nicht nur Steine«, erklärt Schwester Maria im Blick auf die historischen Gebäude und die kleine Christenschar, die in den letzten 25 Jahren spürbar geschrumpft sei.
Doch die emsige, stets zivil gekleidete Ordensfrau hat noch weitere Aufgaben. Ihr Ordenshaus hat sie zu einem Jungeninternat umbauen lassen, in dem von Montag bis Freitag etwa 30 Jungen aus armen oder zerrütteten Familien Bethlehems betreut werden. Zweimal im Jahr bietet Schwester Maria zudem Ehevorbereitungskurse an, die aus elf Sitzungen bestehen.

Voller Energie und Ideen: Schwester Maria Grech stammt aus Malta und lebt seit 25 Jahren in Bethlehem.

Voller Energie und Ideen: Schwester Maria Grech stammt aus Malta und lebt seit 25 Jahren in Bethlehem.

Kürzlich kamen jung verheiratete Frauen zu ihr und meinten: »Schwester, was Sie uns beim Eheseminar erzählt haben, war richtig, aber das wirkliche Leben geht erst nach der Hochzeit los und ist anders, als wir uns das vorgestellt haben.« Seitdem trifft sie sich wöchentlich mit jungen Frauen zum Bibelstudium und Gespräch. Gelegentlich besuchen sie zusammen auch die Heiligen Stätten in Jerusalem oder Galiläa – israelischen Passierschein vorausgesetzt –, was für viele der Frauen absolutes Neuland ist. Die bescheiden wirkende Nonne bekennt am Ende des Gesprächs: »Ich habe Energie und noch viele Ideen.« Man glaubt es ihr.

Johannes Zang

Am Ende ratlos

15. September 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Israel: Mancher hofft auf eine einfache Lösung für den Nahen Osten – eine Diskussion in Erfurt zeigte die Probleme

Siedler gelten als Hauptproblem im Nahostkonflikt. In Erfurt war erstmalig eine israelische Siedlerin auf einem Podium – und diskutierte mit einem Palästinenser und einem Nahostkorrespondenten.

Sie ist charmant, 24 Jahre alt, in Leningrad geboren und hat in Köln ihr Abitur abgelegt. Anschließend ging sie nach Israel, diente in der Armee und lebt jetzt in einer israelischen Siedlung südlich von Jerusalem. Bekannt wurde sie durch ihren Internet-Blog »Ich, die Siedlerin«. Für Chaya Tal ist klar, dass ganz Judäa und Samaria, die alten biblischen Gegenden, ursprüngliches jüdisches Siedlungsland sind, und deshalb auch zum Staat Israel gehören sollten. Unabhängig davon legt sie Wert auf die Feststellung, dass das Land, welches sie jetzt bebaut, rechtmäßig durch Kauf erworben wurde.

Der Journalist Ulrich Sahm, die Siedlerin Chaya Tal und der in Weimar lebende Palästinenser Ayman Qasarwa bei der Diskussion. Foto: Harald Krille

Der Journalist Ulrich Sahm, die Siedlerin Chaya Tal und der in Weimar lebende Palästinenser Ayman Qasarwa bei der Diskussion. Foto: Harald Krille

Ayman Qasarwa wurde im palästinensischen Dschenin in einer im Zuge der Staatsgründung Israels 1948 vertriebenen bzw. geflüchteten Familie geboren. Er studierte in der früheren DDR, lebt heute in Weimar und ist Vorsitzender des Ausländerbeirates der Stadt. Qasarwa macht sogleich klar, dass die angeblich Jahrtausende zurückliegende Besiedlung Palästinas durch die Juden nicht belegbar und lediglich eine Fantasievorstellung der Thora sei. Und Siedlungsland sei nicht gekauft, »nein, es ist weggenommen worden«. Für ihn sind alle Siedlungen illegal und Chaya Tal eine Frau, die durch ihre Einwanderung nach Israel »den Platz eines Palästinensers weggenommen hat, die dort schon immer leben«.

Der dritte in der Runde, die sich im Rahmen der Achava-Festspiele auf dem Podium im Barocksaal der Erfurter Staatskanzlei versammelte, war der auch den Kirchenzeitungslesern bekannte Journalist Ulrich Sahm. Seit 40 Jahren lebt er in Israel und beobachtet den Konflikt. Er beklagt vor allem den Missbrauch von Begriffen und Schlagworten in der öffentlichen Diskussion. Schon der Begriff Palästina sei fragwürdig, die Bezeichnung erst von den Römern nach der endgültigen Eroberung der Region als Name eingeführt. Und Palästinenser gibt es erst, seit das Wort 1967 in der zweiten Charta der PLO als Selbstbezeichnung eingeführt wurde. Bis dahin nannte sich die nichtjüdische Bevölkerung schlicht Araber.

Den Wunsch nach Frieden betonen beide Seiten. Aber wie kann ein friedliches Zusammenleben konkret aussehen? Die zahlreichen Zuhörer konnten manche Beobachtungen machen, die Aufschluss über die Schwierigkeiten des Nahost-Dialogs geben. Da gab es die auch von weiteren palästinensischen Gästen in der offenen Diskussion zu hörende These, dass Palästina immer schon und allein von Palästinensern besiedelt war. »Wer jüdische Geschichte in Israel nachweisen will, braucht nur einen Spaten nehmen und ein wenig zu graben«, so Chaya Tals Antwort auf diese Delegitimation Israels.

Da war kein Bekenntnis zum Existenzrecht Israels als jüdischer Staat aus palästinensischem Mund zu hören. Zwar wird als Voraussetzung der Zwei-Staaten-Lösung das Rückkehrrecht der Palästinenser auch in die israelischen Gebiete gefordert. Doch erklärte Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas erst jüngst, in einem künftigen Palästinenser-Staat sei kein Platz für Juden. Ob er sich vorstellen könne, dass in einem Staat Palästina die jüdische Siedlerin Tal mit israelischem und palästinensischem Pass leben könne, wurde Qasarwa konkret gefragt. Die Antwort: »Warum dann nicht gleich in einem gemeinsamen Staat mit gemeinsamer Regierung?« Was Sahm mit Hinweis auf die Zahlenverhältnisse als »demografischen Selbstmord« bezeichnete. Juden würden dann als Minderheit in einem arabischen Staat leben. Vor dem Hintergrund der jahrhundertelangen Erfahrung des Umgangs mit jüdischen Minderheiten in europäischen wie arabischen Staaten eine kaum erträgliche Vorstellung für Israelis.

Am Ende blieb Ratlosigkeit. Die vielleicht sogar gut ist. Denn eine Beobachtung Sahms ist es auch, dass besonders die Deutschen gern für alles eine Lösung und entsprechende Ratschläge haben. Wobei die so ersehnte »endgültige« Lösung des Nahostkonfliktes nur allzuschnell nicht nur sprachlich in die Nähe einer »Endlösung« zu geraten drohe. »Wir sagten früher immer: ›Die beste Lösung ist Gummilösung‹«, so das Fazit eines Besuchers.

Harald Krille

Glauben hinter der Glaswand

2. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Juden unter uns: Die meisten heute hier lebenden jüdischen Mitbürger stammen aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion

Trotz der ungeheuren Verbrechen des Nationalsozialismus gibt es heute wieder zaghaftes jüdisches Leben in Deutschland. Auch in Mitteldeutschland. Ein Besuch in der jüdischen Gemeinde Halle.

Seit sechs Jahren sei sie nicht mehr zur Synagoge gekommen. Warum sie aber gerade heute, am Freitagabend, zur Begrüßung des Sabbats, den Weg hierher eingeschlagen habe, kann sie nicht sagen. Vielleicht Sehnsucht, vielleicht ein unbestimmtes Gefühl. Das Essen nach dem Gottesdienst beschließt ein langes Gebet. In ihren Händen hält sie ein zerlesenes Heftchen mit dessen Texten in kyrillischen und hebräischen Buchstaben. Ihre Augen leuchten, eine sanfte Bewegung erfasst ihren Körper, als sie in die altbekannten Melodien hineinfällt.

Die ehemalige Trauerhalle wurde zum Bethaus

Melodien und Worte, die ihr Schutz zu geben scheinen, die sie bergen. Melodien und Worte, die von weit her kommen. Aus der Weite der Geschichte Israels. Und die bis hierher klingen in die Synagoge in Halle, dem kleinen Gebäude mit den Zwiebeltürmchen am Rand des alten jüdischen Friedhofs. Ein Gebäude, das eigentlich die Trauerhalle war und wie die große Synagoge im Herzen der Stadt von den Nazis zerstört wurde. Zu DDR-Zeiten, als vielleicht ein, zwei Dutzend Juden noch in Halle lebten, wurde die Trauerhalle saniert und zum Bet Knesset – zum Haus der Versammlung, zur Synagoge umgebaut. Heute hat die jüdische Gemeinde in Halle gut 600 Mitglieder.

In Deutschland sind derzeit rund 100 000 Menschen Mitglieder einer jüdischen Gemeinde. Viele der hier lebenden Juden sind aber offiziell keiner Gemeinde angeschlossen. Die Gemeinde in Halle zählt rund 600 Mitglieder. Kinder bei der Feier des Jerusalemtages. Fotos: Jüdische Gemeinde Halle

In Deutschland sind derzeit rund 100 000 Menschen Mitglieder einer jüdischen Gemeinde. Viele der hier lebenden Juden sind aber offiziell keiner Gemeinde angeschlossen. Die Gemeinde in Halle zählt rund 600 Mitglieder. Kinder bei der Feier des Jerusalemtages. Fotos: Jüdische Gemeinde Halle

Der Gottesdienst folgt Regeln, die den Außenstehenden verwirren. Die Männer versinken in den Gebeten und Psalmen, singen, wiegen sich betend. »Auf, mein Freund, der Braut entgegen, Königin Sabbat wollen wir empfangen.« Der Gesang füllt den Raum. Auch von der hinteren Seite des Vorhangs, wo die Frauen sitzen, mischen sich Stimmen in das Lied. »Auf, mein Freund, der Braut entgegen, Königin Sabbat wollen wir empfangen.« Dann, später, schlagen sich die Männer eine Hand vor die Augen. Gemeinsam und doch jeder für sich, sprechen sie in höchster Konzentration das »Sch’ma Jisrael«: »Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einzig.«

»Der jüdische Glauben ist keine Sache des Gefühls, sondern des Wissens«, sagt Rabbiner Alexander Kahanovsky. Das Wissen, dass der Ewige einzig ist. Das jeder Mensch dem Ewigen alles verdanke. Gefühle, so Kahanovsky, führen in die Irre. Sie sind wandelbar, kommen und gehen. Wissen aber, Wissen bleibe. Es ist ein Wissen, das in einen Dialog mit dem Ewigen führe, der nach dem Gottesdienst nicht zu Ende ist. Sondern der mit den Taten, mit dem Halten der Gebote fortgesetzt werde. Der Dialog höre nie auf, sagt der Rabbiner, und wenn er von den 613 Gesetzen, den Mizwot spricht, ist nirgends der Ton einer Klage über eine Bürde oder eine Last zu hören. Nein, das Halten der Mizwot ist eine Antwort des Menschen im Gespräch mit Gott.

Es ist Montag. Der Gottesdienst zum Schawuot, dem jüdischen Wochenfest, ist gerade zu Ende. Wieder gibt es Essen. Borschtsch, Nudelauflauf, süßen Wein und Wodka. »Jetzt reden sie gerade über Stalin«, übersetzt flüsternd eine Frau, die in Weißrussland geboren wurde und seit zehn Jahren nahe Halle wohnt, das Tischgespräch der Männer. Die jüdische Geschichte unter den grausamen Regimen des 20. Jahrhunderts ist auch hier gegenwärtig, zwischen den vollen Tellern, den vollen Gläsern, den lachenden Gesichtern. Und nach dem Essen erzählt Rabbiner Alexander Kahanovsky eine Geschichte des Neubeginns, der Wiedergeburt.

Viele lernen erst hier, was Jude-Sein bedeutet

Das gegenwärtige jüdische Leben in Deutschland ist jüdisches Leben mit russischen, osteuropäischen Wurzeln. Ein Großteil derer, die heute als Juden hier leben, stammen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Aus einem Gebiet, so Kahanovsky, wo man Jude nur im Privaten, im Kreis der Familie sein konnte. Wo es jüdische Kultur in den eigenen vier Wänden gab, aber keinen Kultus in der Öffentlichkeit. Drei Generationen seien abgeschnitten gewesen vom lebendigen Strang der Tradition, bis nur noch Fragmente, Bruchstücke da waren. Jetzt, in Deutschland, beginnen sie neu zu lernen, was es heißt, Jude, Jüdin zu sein. »Meine Aufgabe ist es, die Menschen wieder mit ihrem Erbe vertraut zu machen«, erzählt Kahanovsky.

»Wir sehen uns, leben aber aneinander vorbei«

Und er erzählt noch viel mehr mit einer humorvollen Leidenschaft, mit Witz und Verve: vom Vergeben, von der Einheit von Wort und Tat, vom Ewigen, der alles gibt, von den Menschen, die Sinn und Geborgenheit suchen. »Kennen sie den Witz?«, fragt Kahanovsky. »Was ist der Unterschied zwischen einem Psychotherapeuten und einem Rabbi? Das Gehalt!« Und er erzählt vom Leben als Jude in Deutschland. Wenn er allein im ICE sitzen wolle, sagt er augenzwinkernd, lasse er seine Kippa auf. Die Menschen seien unsicher und wüssten nicht, wie sie mit ihm umgehen sollen.

Quellen: www.synagoge.de; www.jüdische-gemeinden.de; Grafik: G + H

Quellen: www.synagoge.de; www.jüdische-gemeinden.de; Grafik: G + H

Ein kleiner Schelmenstreich, sicher. Doch fühle er sich auch sonst manchmal wie ein Fremder. »Wir Juden und die anderen Menschen im Land leben wie durch eine Glaswand getrennt. Wir sehen uns, wir nehmen uns wahr. Aber wir leben aneinander vorbei.« Mit seiner Familie lebt er in Berlin, weil es in Halle keinen jüdischen Kindergarten, keinen jüdischen Religionsunterricht gibt. Er kann die verstehen, die ihren jüdischen Glauben nicht hervorkehren. »Wer sagt schon gerne seinem Chef, dass er am Sabbat – von Freitagabend bis Samstagabend – nicht arbeiten dürfe? Da stehen doch schon andere bereit, die seinen Job wollen.«

Am Freitagabend trägt die Frau mit dem Liederheftchen ihren Rucksack heimlich, aber schmunzelnd aus der Synagoge. »Der Rabbi darf das nicht sehen. Am Sabbat darf man doch nichts tragen«, sagt sie und zwinkert mit den Augen. Wie lebt es sich als Jüdin hier im Land? Hat sie Angst? Nein, sagt sie erst. Doch dann flüstert sie im Hinausgehen: Der neue Antisemitismus komme nicht nur von Deutschen. Der komme anderswoher. Aber das, sagt sie traurig, dürfe man nicht laut sagen.

Stefan Körner

www.jghalle.de

Aufruf zum Boykott

17. Mai 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Desmond Tutus offener Brief an den Kirchentag

Aufrufe zum Boykott Israels bzw. israelischer Waren gibt es immer wieder. Ein besonderes Gewicht erhalten sie jedoch, wenn prominente Menschen dahinterstehen. Wie aktuell Desmond Tutu, 83-jähriger ehemaliger anglikanischer Erzbischof von Kapstadt und Ikone des Kampfes gegen die Apartheidpolitik. In einem offenen Brief an den Deutschen Evangelischen Kirchentag ruft er die Christen Deutschlands zu konkreten Schritten der Solidarität mit dem Volk von Palästina auf – wozu auch wirtschaftliche Sanktionen gegen den Judenstaat geboten seien.

Prominenter Israel-Kritiker: Erzbischof Desmond Tutu – Foto: Reuters/Paul Hackett

Prominenter Israel-Kritiker: Erzbischof Desmond Tutu – Foto: Reuters/Paul Hackett

Tutu erinnert daran, »wie ihr in den 80er Jahren mit eurem Gewissen gerungen habt, eine klare Haltung gegen Apartheid einzunehmen, und schließlich eurem Impuls gefolgt seid, das Richtige zu tun, nämlich die Konten bei der Deutschen Bank wegen ihrer Geschäfte mit Südafrika zu kündigen.« Im Blick auf die Situation im Nahen Osten schreibt Tutu weiter: »Natürlich verurteilen wir diejenigen, die von Palästina aus Raketen auf zivile Ziele in Israel abfeuern, aber Israels militärischer Angriff auf Gaza im letzten Jahr war nicht nur auf grausame Weise unverhältnismäßig, sondern auch eine brutale Demonstration der Verachtung, die Israel gegenüber dem palästinensischen Volk an den Tag legt.« Tutu erinnert an das Kairos-Palästina-Dokument palästinensischer Christen vom September 2009. Darin werden die Kirchen aufgerufen, »sich an die Seite der Unterdrückten zu stellen«. Neutralität dürfe dabei laut Tutu keine Option sein, »denn sie begünstigt immer die Unterdrücker. Immer.«

Im vergangenen Jahr habe der Ökumenische Rat der Kirchen seine Mitglieder aufgefordert, den Kairos-Aufruf bezüglich der Forderung nach »Boykott, Investitionsentzug und Sanktionen als angemessene gewaltfreie Mittel kreativen Widerstands« zur Überwindung der israelischen Besatzung aufzugreifen. Das habe, so Tutu, nichts mit Antisemitismus zu tun: »Macht Geschäfte mit Juden, organisiert etwas mit ihnen, liebt sie. Aber unterstützt nicht die – militärische, wirtschaftliche oder politische – Maschinerie eines Apartheidstaates.« Man könne keine normalen Geschäfte machen, »denn die Bedingungen im Heiligen Land sind völlig unnormal«.

Ausgewogene Synodenerklärungen, die »in gleicher Weise Sympathie mit dem Unterdrücker und den Unterdrückten zum Ausdruck bringen«, seien keine Hilfe für die Geschwister in Palästina, so der Friedensnobelpreisträger. Deshalb endet sein Brief mit dem Aufruf: »Bitte schließt euch der ökumenischen Kairos-Bewegung an und fordert öffentlich und solidarisch Freiheit für Palästina, damit auch Israel frei sein kann.«

(GKZ)

Lesen Sie hierzu auch: Israel ist an allem schuld

www.kairoseuropa.de

Pessach: Der Auszug aus dem Land des Todes

7. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Ostern: Selten fallen das jüdische Passah- und das christliche Osterfest terminlich zusammen – so wie in diesem Jahr

Der Auszug aus Ägypten ist das Urgeschehen des Erlösungshandelns Gottes. In der Festwoche vom 15. bis 21. Nissan des jüdischen Kalenders gedenkt das Volk Israel dieses Ereignisses. In diesem Jahr fallen das Passah- und das Osterfest kalendarisch zusammen.

Das Passahfest fällt in diesem Jahr auf den 4. bis 10. April. Bis zur Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 nach Christus wurde am Vorabend des Festes ein Lamm für jede Familie geschlachtet, genau nach Vorschrift (2. Mose 12). Sein Blut war in Ägypten an den Türrahmen gestrichen worden und hatte den Würgeengel, der alle Erstgeborenen in Ägypten tötete, veranlasst, an den Häusern der Israeliten vorüberzugehen. Das hebräische Wort für »überspringen«, »übergehen«, »auslassen« ist »passach«. Daher kommt das Wort Pessach, Passah, – oder auch die griechische Bezeichnung Pas’cha für Ostern.

Der römisch-jüdische Geschichtsschreiber Flavius Josephus berichtet, wie in den letzten Jahren des Tempels in Jerusalem an einem Fest noch mehr als eine viertel Million Passahlämmer geopfert wurden. Abgesehen von wenigen Ausnahmen – etwa bei der Volksgruppe der Samaritaner, die jedes Jahr auf dem Berg Garizim in Samaria ihr Passahopfer darbringt – wird das Tieropfer heute durch Symbole ersetzt, wenn das jüdische Volk am Abend des 14. Nissan den Sederabend feiert.

Die typischen Seder-Speisen. Foto: Johannes Gerloff

Die typischen Seder-Speisen. Foto: Johannes Gerloff

»Seder« ist die »Ordnung«, der zufolge dieser Abend begangen wird. Im Rahmen eines festlichen Mahls werden symbolische Speisen verzehrt. Auf dem Tisch liegen drei ungesäuerte Brote, »Mazzen« genannt. Im Mittelpunkt steht der Sederteller mit einem gekochten Ei, einem Knochen, dem sogenannten »Charoset«, Salat und Petersilie, bitteren Kräutern und Salzwasser.

Das »Charoset«, ein süßes Gemisch aus geriebenen Äpfeln, Nüssen, Wein und Zimt, soll an den Lehm erinnern, mit dem die hebräischen Sklaven in Ägypten Ziegel herstellen mussten. Die bitteren Kräuter, meist Meerrettich, symbolisieren die Härte der Sklaverei. Das Salzwasser erinnert an die Tränen, die bei alledem vergossen wurden. Das Ei steht nach jüdischer Vorstellung für die besonderen Opfer der Festzeit. Der Knochen erinnert an das Lamm, das geschlachtet wurde, dem dabei aber kein Knochen gebrochen werden durfte. Petersilie und Salat stellen die Verbindung zum Frühling her. Während des Mahls werden vier Becher Wein getrunken. Ein fünfter Kelch wartet auf den Propheten Elia, den Vorgänger des Messias.

Zu Beginn des Abends steht die Frage des Jüngsten in der Runde: »Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen?« Die Sederliturgie, die »Pessach-Hagaddah« (»«Pessach-Erzählung), beantwortet diese Frage mit Zitaten aus den Heiligen Schriften, spielerischen Gesängen und Texten aus der jüdischen Tradition. Der ganze Abend ist darauf ausgerichtet, allen Anwesenden die Einzelheiten des Heilshandelns Gottes so einzuprägen, als sei jeder selbst aus Ägypten ausgezogen.

Im Andenken an die Eile des Auszugs soll das jüdische Volk eine Woche lang nichts essen, das einen Gärungsprozess durchlaufen hat. Das Gebot, dass »keinerlei Gesäuertes in deinen Häusern zu finden sein« soll (2. Mose 12,19), wird sehr genau genommen und ist Anlass für einen gründlichen und stressreichen Frühjahrsputz. Sorgfältig wird alles Gesäuerte bis auf den letzten Krümel verbrannt.

Der Sabbat, der dem Passahfest vorausgeht, ist bekannt als »Schabbat HaGadol«, »der große Sabbat«. In diesem Jahr war das der 28. März. Im Gottesdienst am »Schabbat HaGadol« wird ein Abschnitt aus dem Propheten Maleachi (3,4-24) verlesen. Nachmittags erklären die Rabbiner die speziellen Gebote für Pessach. Am Sabbat während des Passahfests selbst wird das Hohelied Salomos verlesen.

Johannes Gerloff

Zurück auf dem Boden der Wirklichkeit

1. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Israel: Der Außenwahrnehmung entspricht oft nicht der wirklichen Situation im Lande – wie der Ausgang der Wahl zeigt

Alle sagten seinen Absturz voraus. Doch am Ende ist Israels umstrittener Regierungschef Benjamin Netanjahu mit seinem Likud-Block der strahlende Sieger der Wahlen zur Knesset.

Netanjahus konservativer Likud-Block erhielt nach Auszählung von 99 Prozent der Wählerstimmen 30 Mandaten, während das sozialistische »Zionistische Lager« nur 24 Mandate bekam. Zusammen mit anderen Parteien des sogenannten rechten Blocks glaubt Netanjahu, »umgehend« eine neue und stabile Rechtsregierung errichten zu können.
14 Mandate erhielt das Bündnis von vier arabischen Miniparteien, das arabische Islamisten, Kommunisten, Pro-Palästinenser und Nationalisten umfast. Sie wollen in der nächsten Knesset, dem israelischen Parlament, »den Ton angeben« zugunsten der Bedürfnisse der großen arabischen Minderheit von etwa 20 Prozent der Bevölkerung. Doch selbst Aiman Odeh, Führer der »Gemeinsamen Liste«, wagt nicht vorherzusagen, wie das Sammelsurium derart gegensätzlicher Ideologien zusammenhalten kann.

Rechtsnationale und Orthodoxe verloren Sitze

Außenminister Avigdor Lieberman hatte gedroht, unloyalen Arabern »mit der Axt den Kopf abschlagen« zu wollen. Selbst rechtsgerichteten Anhängern Liebermans ging das offensichtlich zu weit. Sie verpassten ihm eine krachende Niederlage. Seine rechtsnationale Partei Israel Beitenu (»Unser Zuhause Israel«) erhielt nur noch sechs Mandate. Einst hatte sie 15.

Einen starken Rückgang verzeichneten auch die orthodoxen Parteien. Von 18 Mandaten sank ihre Macht auf nur noch 13 ab. Ein Grund dafür ist die Spaltung der einst starken Partei frommer orientalischer Juden. Eli Ischai, ehemaliger Innenminister, hatte sich wegen theologischer Differenzen über das Erbe des verstorbenen geistigen Übervaters der Partei, Rabbi Ovadja Josef, mit Arieh Derri zerstritten. Ischais separate Partei scheiterte an der Sperrklausel. Mehrere weitere Parteien sind weit abgeschlagen untergegangen.

Netanjahu: Wahlsieg trotz negativer Presse

Netanjahu hat allen Unkenrufen zum Trotz gesiegt. In den Medien des Auslands, von der New York Times und bis zum Spiegel, wurde eine Wahlkampagne gegen Netanjahu betrieben. Da wurde mit falschen Fakten, Klischees und Emotionen Hass auf Netanjahu geschürt. Er müsse abgeschafft werden, um Israel zu retten. Zum »Bürgerkrieg« gekürte Streitereien mit den Orthodoxen und zur »Überlebensfrage« erhobene Friedensverhandlungen mit den Palästinensern, sowie die als »Panikmache« dargestellte Angst Netanjahus vor einer iranischen Atombombe entfachten im Ausland den Eindruck, als sei Netanjahu ein Unglück für Israel. Allein anhand dieser Beispiele lässt sich darstellen, wie falsch und unrealistisch die Darstellung Israels in den Auslandsmedien war.

Israels alter und – wie es scheint – neuer »starker Mann«: Benjamin »Bibi« Netanjahu. Foto: picture alliance

Israels alter und – wie es scheint – neuer »starker Mann«: Benjamin »Bibi« Netanjahu. Foto: picture alliance

Die Orthodoxen leben in Israel in geschlossenen Ghettos in einer geistigen wie gesellschaftlich verschlossenen Welt. Diese Menschen interessieren sich nur für ihre Heiligen Schriften. Auf die Barrikaden gingen sie, als der ehemalige Finanzminister, Jair Lapid, sie durch Rekrutierung zum Militärdienst in die Gesellschaft und in den Arbeitskreislauf integrieren wollte. Ansonsten sind die Orthodoxen politisch neutral oder desinteressiert, ob bei der Siedlungspolitik oder dem Friedensprozess.

Der »Bürgerkrieg« waren lokale, begrenzte Aufstände, meist innerhalb der frommen Viertel, weil ihnen nach 67 Jahren Privilegien genommen werden sollten. Die Orthodoxen beteiligten sich fast immer an Koalitionen, jedoch ohne Minister zu stellen. Sie forderten lediglich Zuwendungen für ihre Erziehungseinrichtungen und stimmten ansonsten mit der jeweiligen Regierung.

Die Friedensverhandlungen mit den Palästinensern sind gewiss wichtig. Doch muss man hier wohl die Proportionen wahren. Die Palästinenser haben mehrfach Krieg gegen Israel geführt. Die Al-Aksa-Intifada ab 2000 hat über 1 000 Israelis das Leben gekostet. Dann gab es trotz völligem Rückzug aus dem Gazastreifen (2005) mehrere Kriege der Hamas mit Tausenden Raketen auf Israel, zuletzt im vergangenen Sommer. Seit Zusammenbruch der von US Außenminister John Kerry geführten Friedensgespräche sind es die Palästinenser, die sich weiteren Gesprächen verweigern und sie umgehen, indem sie bei der UNO und internationalen Gremien Anerkennung als »Staat Palästina« einfordern. Was von Israel als Vertragsbruch der Osloer Abkommen gesehen wird. Eine Mehrheit der Israelis scheint zu keinen weiteren Konzessionen an die Palästinenser bereit zu sein.

Zudem sieht man in Israel ganz andere Gefahren mit Folgen für den jüdischen Staat: In Libanon herrscht eine bis an die Zähne bewaffnete Miliz, die Hisbollah, von Israel und sogar Deutschland als Terrororganisation definiert. Syrien befindet sich in einem Zustand der Auflösung mit grausamem Bürgerkrieg und weit über 200 000 Toten. Der »IS« ist auf dem Vormarsch im Irak und kontrolliert den Jemen. Sogar im benachbarten Sinai, entlang der Grenze zu Israel, hat er Fuß gefasst.

Die Hamas-Miliz im Gazastreifen wurde offenbar beim letzten Krieg im Sommer heftiger geschlagen als angenommen, während die übrigen Palästinenser hinter einer hohen Mauer sitzen und sich mit Terroranschlägen schwertun. Vorläufig, aus eigenem Interesse, kooperieren sie sogar mit Israels Sicherheitskräften. Angesichts der riesigen Gefahren aus der restlichen arabischen Welt, spielen die Palästinenser derzeit nur noch eine untergeordnete Rolle. In Israel gibt es Probleme, die den Menschen und deren Portemonnaie näher stehen und deshalb auch Wahlen entscheiden.

Irans Atombombe: Für viele Israelis das größere Problem

Und die iranische Atombombe? Die täglichen Drohungen des Irans, den Staat Israel auslöschen zu wollen und nicht zuletzt die regelmäßig im Internet präsentierte Produktion von Raketen mit einer Reichweite bis Israel, weckt bei allen Israelis, rechts wie links, sehr ungute Erinnerungen an den Holocaust. Darin sind sich alle einig. Netanjahu werden da bestenfalls »Stilfragen« vorgeworfen. Er habe Israel weiter in die Isolation gedrängt. Aber sowie der Iran eine Atombombe hat und diese über Tel Aviv abwirft – wie in Teheran angekündigt – wäre das dann ziemlich irrelevant.

Ulrich W. Sahm

Liebe macht in Wahrheit sehend

24. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Dem Motto der Fastenaktion in der Bibel auf der Spur

»Du bist schön! – Sieben Wochen ohne Runtermachen«, heißt das diesjährige Motto der Fastenaktion »7 Wochen Ohne«. Das Motto ist biblisch. Schönheit kommt öfter in der Bibel vor als man denkt.

Zum einen gibt es die verführerische Schönheit: »Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß« (1. Mose 3,6). Schönheit weckt Neid und Bosheit. Da sind die Geschichten von Waschti und Esther am Hofe des Perserkönigs. Abram gibt Sarai sicherheitshalber als Schwester aus. Das Muster wiederholt sich bei Abrahams Sohn Isaak. Auch er gibt Rebekka, die ebenfalls sehr schön ist, als seine Schwester aus. Isaak hat Angst, sie könnten ihn umbringen, weil seine Frau so schön ist. Josef ist ein ausnehmend schöner Mann. So kommt es, dass Potifars Frau ein Auge auf ihn wirft. Saul, später der erste König Israels, fällt als jung und stattlich auf, schöner und einen Kopf größer als alle anderen jungen Männer in Israel. David »ist des Saitenspiels kundig, ein tapferer Mann und tüchtig zum Kampf, verständig in seinen Reden und schön gestaltet, und der Herr ist mit ihm« (1. Samuel 16,18). Er ist musikalisch, tapfer, sportlich, kämpferisch und klug. Und David sieht nicht nur gut aus. Gott steht ihm bei.

Zufrieden? Foto: Siunuwelle – fotolia.com

Zufrieden? Foto: Siunuwelle – fotolia.com

Im Buch Judit (Kapitel 10) wird Judiths Schönheit beschrieben. Judith gegen Holofernes ist das weibliche Pendant zu David gegen Goliath: Schwach überwindet stark mit Gottes Hilfe! Was wäre äußerliche Schönheit ohne Charakter? Sie bedeutet nichts. Lieblich und schön sein ist nichts; eine Frau, die den Herrn fürchtet, soll man loben (Sprüche 31,30). Anmut und Schönheit sind vergänglich und kein Grund, eine Frau zu rühmen; aber wenn sie den Herrn ernst nimmt, dann verdient sie Lob. »Ein goldener Ring im Rüssel einer Wildsau? So ist eine schöne Frau ohne Benehmen!« (Sprüche 11,22)

»Du bist schön! – Sieben Wochen ohne Runtermachen«, so lautet das diesjährige Motto der Evangelischen Fastenaktion »7 Wochen Ohne«. »Du bist schön!« Was oberflächlich betrachtet wie der Werbeslogan einer Kosmetikserie aussehen mag, ist in Wirklichkeit ein fast unbekanntes Bibelzitat. Der Satz »Du bist schön!« kommt sechsmal im Hohelied vor. Das Hohelied, dem König Salomo gewidmet, beginnt mit dem Motiv des Kusses. Das Hohelied ist erotische Lyrik in der Bibel. Es gehört zu den schönsten Liebesgedichten der Weltliteratur. Wieso steht es in der Bibel? Es war vor allem Rabbi Akiba (um 100), der es zu den Heiligen Schriften rechnete. Zwei Liebende preisen gegenseitig die Schönheit des anderen. Um es biblisch zu sagen: Sie genießen, dass »Gott den Menschen zu seinem Bilde schuf, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und er schuf sie als Mann und Frau«. Wo Menschen sich lieben, bilden sie Gottes Wesen ab. Das Hohelied lässt sich auch in einem tieferen Sinn lesen: als Dokument der Liebe zwischen Gott und seinem Volk Israel. Der Bund, das Einswerden mit Gott, liebt Hochzeitsbilder. Rabbi Akibas Argumente überzeugten. Später haben Kirchenväter diese kollektive Interpretation des Hoheliedes individualisiert verstanden und übertragen auf das Liebesverhältnis zwischen dem Bräutigam Christus und der Anima, der Seele eines oder einer einzelnen Gläubigen. Und wieder eine gemeinschaftliche Interpretation: Kirche als Braut Christi. Seit dem Mittelalter beflügelte so das Hohelied Schmuck in Kirchen und Kathedralen, Malerei und Musik.

Liebe macht blind, wird immer wieder gesagt. Jeder weiß, dass man vor lauter Ego eine eingeschränkte Wahrnehmung bekommen kann. Solch ein Ego hat mit Liebe nichts zu tun. Liebe macht in Wahrheit sehend, für die Schönheit, die Gott in einen anderen Menschen gelegt hat. Liebe macht sehend und Schönheit entsteht im Auge des Betrachters. Wenn es überhaupt so etwas wie ein christliches Schönheitsideal gäbe, dann wäre es dieser Blick von Verliebten, von liebenden Menschen. Darum: »Du bist schön! – Sieben Wochen ohne Runtermachen.« Den anderen nicht. Und sich selbst genauso nicht.

Roland Spur

Israel: Erstmals Gedenktag für Juden aus arabischen Ländern

26. November 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Am Sonntag, den 1. Advent, wird in diesem Jahr erstmals in Israel mit einem offiziellen Gedenktag an den Exodus der Juden aus den arabischen Ländern erinnert. Kurz nach der Gründung des Staats Israel, Anfang der 1950er Jahre, kam es in allen arabischen Staaten von Marokko über Ägypten, Jemen und Syrien bis zum Irak zu einer fast vollständigen »ethnischen Säuberung« von Juden. Jüdische Gemeinden, die 2 600 Jahre existierten, wie im biblischen Babylon, dem heutigen Irak, oder 2 000 Jahre, wie in Nordafrika, wurden ausgelöscht. Über eine Million Menschen mussten ihr Hab und Gut, darunter auch uralte Handschriften und Thorarollen, zurücklassen.

Etwa 850 000 kamen nach Israel, wo sie in Flüchtlingslagern oder in den Häusern geflohener Araber untergebracht wurden. Heute machen Juden aus den arabischen Ländern etwa die Hälfte der Bevölkerung Israels aus. Obgleich diese Juden und ihre Nachfahren noch die verschiedenen arabischen Dialekte sprechen und ihre mitgebrachte arabische Kultur mit Gesang und eigener Küche pflegen: Wegen ihrer traumatischen Erfahrungen bei der Vertreibung bieten ausgerechnet sie keine Brücke zu der mit Israel verfeindeten arabischen Welt.

Ulrich W. Sahm berichtet für unsere Zeitung aus Israel.

Ulrich W. Sahm berichtet für unsere Zeitung aus Israel.

In vielen arabischen Ländern wie Libyen lebt heute kein einziger Jude mehr. In Ägypten ist kürzlich die Vorsitzende der nur noch aus zehn Seelen bestehenden Gemeinde in Kairo gestorben. Im Irak, wo einst eine der bedeutendsten jüdischen Gemeinden der Welt bestand und wo der Talmud, das wichtigste jüdische Gesetzeswerk, verfasst worden ist, sollen noch 13 Juden verblieben sein. Ob es in Syrien noch Juden gibt, ist fraglich, obwohl Damaskus und Aleppo einst wichtige jüdische Zentren waren. Ebenso der Jemen, wo heute angeblich nur noch etwa 100 Juden unter Polizeischutz leben. Um die wenigen in der arabischen Welt zurückgebliebenen Juden nicht zu gefährden, geizt die »Jewish Agency« mit genauen Angaben. Diese Organisation bemüht sich mit Hilfe von Vermittlern anderer Nationen, die letzten arabischen Juden nach Israel zu bringen.

Über das Schicksal dieser Juden aus der arabischen Welt wird in Israel fast nie gesprochen. Eine hebräische Facebook Seite mit dem Titel »Ich bin ein Flüchtling« hat nur etwa 2 000 »Freunde« und wurde 2013 zum letzten Mal aktualisiert. Bei der Friedenskonferenz von Madrid 1991 wurde das Flüchtlingsthema angesprochen, wobei 750 000 arabische Flüchtlinge aus Palästina den 850 000 jüdischen Flüchtlingen aus den arabischen Ländern gegenüberstehen. Während sich über 100 UN-Resolutionen mit den palästinensischen Flüchtlingen befasst haben und sogar eine separate Flüchtlingshilfeorganisation (UNRWA) allein für diese Gruppe geschaffen worden ist, hat die UNO nicht eine einzige Resolution zu den jüdischen Flüchtlingen aus der arabischen Welt verabschiedet.

Neben teilweise erheblichen Geld- und Sachwerten sollen die Juden bei ihrer Flucht Privatland zurückgelassen haben, das etwa der 14-fachen Größe des Staates Israel entspricht. Doch der Umfang des jüdischen Privateigentums in den arabischen Ländern, für das niemals Entschädigung gezahlt wurde, wird bisher von den israelischen Behörden wie ein »Staatsgeheimnis« behandelt.

Ulrich W. Sahm

Vertrauen auf Gott macht stark

23. September 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Kraft und Stärke – Was die Bibel zu diesen wünschenswerten Eigenschaften sagt

»Sei stark!« Muss ich wirklich? Das menschliche Leben heute wie zu biblischen Zeiten ist ein Hin und Her zwischen Erfahrungen der Stärke und der Schwäche.

Jahrelang hatte das Volk Israel in Ägypten Fronarbeit geleistet. Erst als Gott grausame Plagen schickte, ließ der Pharao die Israeliten ziehen. Schnell jedoch bereute er dies und versuchte, die billigen Arbeitskräfte zurückzuholen. Mit Ross und Wagen verfolgte er die Fliehenden, denen der Weg durch das Schilfmeer abgeschnitten zu sein schien. Doch Mose, der Anführer des Volkes Israel, konnte sich auf Gottes Hilfe verlassen. Vor den Verfolgten teilte sich das Wasser, und sie konnten »auf dem Trockenen mitten durch das Meer gehen«. Die ägyptischen Verfolger jedoch sollten bald merken, dass man sich mit Gott besser nicht anlegt. (2. Mose 14)

Simson war ein Mann Gottes. Seine besondere Verbindung zu Gott zeigte sich in seinen langen Haaren, die er nie schneiden ließ. Denn solange seine Haare unangetastet blieben, war ihm seine übermenschliche Stärke sicher. Die Feinde brannten darauf, hinter das Geheimnis seiner Stärke zu kommen. Also stifteten sie Simsons Geliebte Delila an, ihm das Geheimnis zu entlocken. »Sage mir doch, worin deine große Kraft liegt und womit man dich binden muss, um dich zu bezwingen«, bat sie ihn immer wieder. Schließlich wurde Simson schwach. Er verriet ihr das Geheimnis seines Haares und schlief in Delilas Schoß ein. Sie winkte die Feinde herbei, die ihm sein Haar abschnitten, den nun Wehrlosen blendeten und ihn ins Gefängnis warfen. »Da war seine Kraft von ihm gewichen.« (Richter 13-16)

Als Holofernes den Menschen in der Stadt Betulia schon so lange den Weg zu Wasser und Nahrung versperrt hatte, dass sie völlig ausgehungert und verzweifelt waren, fasste Judit einen Entschluss. Die schöne Frau bat ihre Leute, auf die Hilfe Gottes zu vertrauen. Sie kleidete sich besonders hübsch, ging zu Holofernes und verdrehte ihm den Kopf, bis er sie sogar an einem Festmahl teilnehmen ließ. In der Nacht ließ man sie mit Holofernes alleine. Doch der war so betrunken, dass er sofort einschlief. »Und Judit trat vor das Bett und betete im Stillen unter Tränen: Herr, Gott Israels, stärke mich; blick in dieser Stunde gnädig auf das Tun meiner Hände.« Dann hieb sie Holofernes mit seinem eigenen Schwert den Kopf ab. (Judit 13,1 ff.)

Als der Heerführer Joab sich von Feinden umzingelt sah, tat er sich mit seinem Bruder Abischai zusammen und vereinbarte mit ihm: »Wenn mir die Aramäer zu stark werden, so komm mir zu Hilfe; wenn aber die Ammoniter dir zu stark werden, will ich dir helfen.« Gemeinsam gegen die Stärke gegnerischer Heere anzukämpfen kann nützlich sein. Doch nur dann, wenn man auch Gott auf seiner Seite hat: »Die Israeliten taten wiederum, was dem Herrn missfiel«, heißt es an anderer Stelle. Das brachte Gott dazu, nicht das eigene Volk, sondern die feindlichen Moabiter zu stärken. (1. Chronik 19,12, Richter 3,12)

»Der ist nicht stark, der in der Not nicht fest ist«, wissen die Sprüche Salomos. Aber »ein weiser Mann ist stark und ein vernünftiger Mann voller Kraft«. Außerdem ist es nicht immer die äußere Erscheinung, die die Stärke von Menschen und Völkern ausmacht. Der Prophet Jesaja betont: »Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht.« Innere Stärke aus Christus und der Liebe heraus wünscht der Verfasser des Epheserbriefs den Gemeindegliedern: dass Gott »euch Kraft gebe, … stark zu werden durch seinen Geist an dem inwendigen Menschen, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.« (2. Mose 14, Sprüche 24,5; 10; Jesaja 30,15, Epheser 3,16 f.

Gott stärkt vor allem diejenigen, die sich an ihn halten. Ein Psalmbeter lobt ihn: »Mich machst du stark wie den Wildstier«, und ein anderer: »Du rüstest mich mit Stärke zum Streit; du wirfst unter mich, die sich gegen mich erheben.« Auch König David dankt Gott für die Kraft, die er verleiht: »Reichtum und Ehre kommt von dir, du herrschst über alles. In deiner Hand steht Kraft und Macht, in deiner Hand steht es, jedermann groß und stark zu machen.« (Psalm 18,40; 92,11,1. Chronik 29,12)

Die Bibel hält noch weitere Verse bereit, aus denen Menschen Kraft schöpfen. »Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit«, verspricht Gott den Gläubigen beispielsweise. Ein Psalmbeter ist überzeugt: »Der Herr ist mein Licht und mein Heil; … Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?« Und Paulus betont im Brief an die Philipper: »Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.« (Jesaja 41,10, Psalm 27,1, Philipper 4,13)

Uwe Birnstein

Gottes Name, er brennt für uns

6. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaubenskurs: Der Schlüssel zur ersten Bitte des Vaterunsers ist in der Dornbuschgeschichte (2. Mose 3) zu finden

Monatlich führen wir unseren Glaubenskurs »Credo« weiter, der die Bitten und Aussagen des Vaterunser beleuchtet. Diesmal geht es um die Bitte »Geheiligt werde dein Name«

Der aus der Sklaverei Ägyptens geflohene Mose sieht in der Wüste seiner Flüchtlingsexistenz einen brennenden, aber nicht verbrennenden Dornbusch, aus dem heraus »Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen, denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!« (V. 5). Er ernennt Mose zum Retter seines Volkes und er offenbart ihm seinen heiligen Namen. Der jüdische Hörer hört hier die alles bestimmende Anfangsgeschichte der Offenbarung Gottes für sein geliebtes Israel. Angesichts dessen Gefangenschaft in Ägypten ist diese Geschichte schon in ihrem Ursprung eine Befreiungs- und Widerstandsgeschichte. Die heiligen Gottesflammen sengen den erschrockenen und widerstrebenden Mose an und belegen ihn für den Befreiungsdienst. In äußerster Strenge nimmt der Heilige den ägyptischen Sklaven Mose in Beschlag. Und im Widerstand gegen Gottes Auftrag fragt Mose nach der Macht seines heiligen Namens. Die Antwort zeigt, wie Gott seinen Namen preisgibt und zugleich verhüllt, wie er sich Mose zu erkennen gibt und doch unverfügbar bleibt: »Ich werde sein, der ich sein werde« (3,14). So wird meist übersetzt. Die jüdischen Theologen Martin Buber und Franz Rosenzweig jedoch haben nachdrücklich darauf verwiesen, dass aus dem erzählerischen Zusammenhang der Dornbuscherzählung nur eine Übersetzung des unaussprechlichen Namens gerechtfertigt ist, die nicht das So- und Ewigsein Gottes in den Vordergrund rückt, »sondern das Gegenwärtigsein, das Für-euch- und Bei-euch-Dasein und -Daseinwerden«. Also, »Ich bin doch da. Ich bin bei euch« – das ist sein heiliger Name. So brennt er für Israel. So aber beansprucht er auch eine Heiligkeit, die sich jeder Form des Zugriffs und der Instrumentalisierung entzieht. Mit diesem Namen lässt sich nicht angeben oder experimentieren, schwören oder zaubern.

Die Heiligung des Gottesnamens erschließt sich nun aber für uns Christen erst in den Schlussworten des Matthäusevangeliums (Matthäus 28, 20) als den letztgültigen irdischen Worten des Auferstandenen auf dem Gottesberg: »Und siehe, ich bin bei euch.« Im Kontext der göttlichen Namensoffenbarung im brennenden Busch aus 2. Mose 3 wird klar, warum die zweifelnden Jünger nicht religiös ergriffen zum Himmel hinaufblicken, sondern vor dem Heiligen im Gottesschrecken erschüttert auf ihr Gesicht fallen (Matthäus 28, 17) – ebenso, wie es von Mose heißt: »Und er verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen« (V. 6).

Und der Engel des Herrn erschien ihm  in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte  und doch nicht verzehrt wurde. 2. Mose 3, Vers 2  Foto: Burkhard Dube

Und der Engel des Herrn erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. 2. Mose 3, Vers 2. Foto: Burkhard Dube

»Ich bin bei euch«: Der Name des Gottes Israels verbindet sich für uns Christen mit dem Namen des Auferstandenen. Und so wie sich Gott mit seinem Namen Israel nicht in die Hand gibt, so bleibt auch der Auferstandene unverfügbar.
Mose muss sich gegen alles Widerstreben auf den Weg machen und dem heiligen Namen trauen. Nur im Aufbruch und im Gehorsam, der den je notwendigen Widerstand gegen Pharao und die Befreiungsaktion für Israel einschließt, wird er die Macht des Namens erfahren. Und so wie Israel dem Gott der Väter nicht vorschreiben konnte, wie er ihnen befreiend und leitend vorausgehen sollte, so kann sich auch die Nähe und Gegenwart des Auferstandenen für uns sehr anders ereignen, als wir uns das wünschen.

Wie kann man in den Schrecken unserer Tage, wie in schweren Niederlagen auch eines persönlichen Lebens noch an den Namen des Auferstanden, der Gott für uns zu sein verspricht, glauben? Wie kann man heute diesen Namen »heiligen«, wo doch so vieles dagegenspricht? Man »kann« es gar nicht. Ganz und gar ist der Glaube darauf angewiesen, dass »Gott treu die Verbindung hält und wir mit ihm treu in Verbindung stehen« – was die ursprüngliche Bedeutung von »heilig« und »heiligen« im Neuen Testament ist. Sein heiliger Name muss uns erscheinen und für uns brennen. Und noch radikaler stellt sich im Angesicht des brennenden Busches und des Kreuzes auch die Frage nach der Macht des Bösen, das täglich über so viele Menschen kommt. Der Glaube hat dafür bis zum Jüngsten Tag keine Antwort parat, die aufgeht. Er kann den Namen nur vom Feuer und vom Kreuz Christi her als mit den Leidenden mitleidend denken. »Ich bin doch da; ich bin bei euch.« Das ist sein Name. Das ist seine Heiligung. Und das ist ein Widerstandswort! Jede weitere Antwort wäre Vermessenheit angesichts der Opfer. Die Klage bleibt offen. Und doch hält der Glaube sich an den Trost, dass Gott in der Kraft seines Namens den Opfern nahe ist und sie in Ewigkeit bewahrt, ja, uns alle heiligt und bewahrt.

Rolf Wischnath

Der Autor lehrt Systematische Theologie an der Universität Bielefeld.

Quo vadis »Palästina«?

19. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Naher Osten: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Rakete um Rakete – die neue Eskalation der Gewalt im Heiligen Land


Beobachter rätseln über die Gründe der jüngsten Eskalation der Gewalt im Nahen Osten und über die Ziele, die die Hamas im Gazastreifen mit ihrem Raketenbeschuss Israels verfolgt – der Versuch einer Einschätzung.

Was ist die Ursache für die jüngste Eskalation im Konflikt zwischen Israel und dem Gazastreifen? – Gewiss waren da die grässlichen Morde an drei israelischen und kurz darauf an einem arabischen Jugendlichen. Die Entführung der Israelis war die Umsetzung einer Forderung der Hamas-Führung. Die Gräueltat der jüdischen Jugendlichen wird von der israelischen Gesellschaft verurteilt. Siedlerrabbis fordern gar die Todesstrafe für die jüdischen Täter. Einen direkten Kausalzusammenhang zwischen dem jüngsten Raketenkrieg und diesen Taten gibt es nicht.

Sieht aus wie festliches Feuerwerk, ist aber tödliche Bedrohung für Israels Zivilisten: sechs Raketen, abgefeuert am vergangenen Sonntag aus Wohngebieten im Gazastreifen. – Foto: picture alliance

Sieht aus wie festliches Feuerwerk, ist aber tödliche Bedrohung für Israels Zivilisten: sechs Raketen, abgefeuert am vergangenen Sonntag aus Wohngebieten im Gazastreifen. – Foto: picture alliance

Will die Hamas durch die Eskalation ihre Isolation durchbrechen? In Syrien, Ägypten, Saudi Arabien und Jordanien wird sie mittlerweile als Staatsfeind verfolgt. Oder musste sie angesichts des Erfolgs noch radikalerer Islamisten in Syrien und dem Irak beweisen, dass sie nicht abgewirtschaftet hat? Immerhin beweist der Arabische Frühling: Die Zukunft gehört den Radikalen, auch in der Palästinensischen Autonomie. Als Erklärung des momentanen Raketenkonflikts käme noch infrage, dass der militärische Arm der Hamas seiner politischen Führung aus der Kandare gelaufen ist.

Logisch erklärbar ist jedenfalls nicht, was die Hamas gewinnt, wenn sie Raketen auf zivile Zentren schießt. Oder hofft sie doch, durch tote Palästinenser die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit zurückzugewinnen?

Was Israel auf der anderen Seite will, ist gut nachvollziehbar: dass der Raketenhagel endlich aufhört! Israels Bürger fordern, der radikal-islamischen Hamas die Fähigkeit zu nehmen, Raketen zu schießen. Waffenstillstände bringen höchstens ein bis drei Jahre Ruhe, bevor es zu neuen Eskalationen kommt. Das zeigen die vergangenen Jahre.

Das Rezept »Land für Frieden« hat sich als wertlos erwiesen. Aus allen Gebieten, die Israel um eines Friedens willen abgegeben hat, wurde es in jüngster Zeit mit Raketen beschossen. Von Eilat am Roten Meer bis Naharija an der Nordgrenze zum Libanon trieb Raketenalarm die Bewohner der Städte und Dörfer in die Bunker.

Israel tut alles, um seine Zivilbevölkerung zu schützen, und ist dabei erstaunlich erfolgreich. Die Disziplin der Israelis, die Voraussicht ihrer Politiker und der technische Fortschritt haben dazu geführt, dass Zigtausende Raketen erstaunlich wenigen Israelis an Leib und Leben Schaden zufügen konnten.

Gleichzeitig scheint die Rechnung der Hamas, die palästinensische Zivilbevölkerung als Schutzschild und tote Palästinenser als Propagandamittel einzusetzen, immer weniger aufzugehen. So makaber das klingt, aber die Totenzahlen spiegeln bei näherem Hinsehen die unterschiedliche Zielsetzung der Konfliktgegner wider. Israels Premier Netanjahu hat nicht ganz Unrecht, wenn er erklärt: »Wir schützen unsere Zivilisten durch Raketen. Die Hamas schützt ihre Raketen durch Zivilisten.«

Der amerikanische Beobachter Jeffrey Goldberg stellt die Frage: Was wäre, wenn den Palästinensern das Wohl des eigenen Volkes wichtiger wäre als die Zerstörung des jüdischen Staates? Wenn sie heute ihren Beschuss Israels einstellten, würde morgen die letzte israelische Rakete auf Gaza fallen. Wenn die Palästinenser mit ihrer antisemitischen Hetze aufhörten, ihr nach allen Maßstäben illegales Raketenarsenal vernichteten und sich dem Aufbau eines eigenen Staatswesens widmeten, hätte Israel keinen Grund mehr, den Gazastreifen abzuriegeln.

Historisch gesehen ist die Blockade des Gazastreifens tatsächlich eine Reaktion auf palästinensische Aggression und nicht umgekehrt der palästinensische Terror eine Antwort auf die Abriegelung. Jede Rakete, die in den Gazastreifen geschmuggelt wurde und jetzt in Israel einschlägt, beweist das.

Anstatt sich ihre arabischen und jüdischen Nachbarn zu Feinden zu machen, könnten die Palästinenser eine Brückenfunktion zwischen Orient und Okzident wahrnehmen. Dass der Aufbau eines Staatswesens unter schwierigen Bedingungen möglich ist, machen ihnen nicht nur aktuell die Kurden vor. Das hätten sie schon von den Juden lernen können.

Johannes Gerloff

Der Autor ist Korrespondent des Christlichen Medienverbundes KEP in Jerusalem.

»Mama, ich freue mich, dich kennenzulernen«

14. Mai 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Reportage: Umstrittene Auslandsadoptionen – wie eine Mutter in Guatemala ihre leibliche Tochter wiederfindet

In vielen Ländern wird an diesem Wochenende der Muttertag begangen. Für manche Frau in armen Regionen verbindet sich damit die schmerzliche Erinnerung, ein Kind aus wirtschaftlicher Not heraus zur Adoption freigegeben zu haben. Ein Beispiel aus Guatemala.

Auslandsadoptionen – ein heikles Thema. Befürworter preisen die neuen Lebenschancen, die sich den Kindern eröffnen. Kritiker warnen vor Risiken des Missbrauchs. Die biologischen Eltern hingegen kommen nahezu nie zu Wort, obwohl die Erfahrung gerade für viele junge Mütter eine emotionale Last ist.

Die Ortschaft Santa Lucia Cotzumalguapa liegt in der heißen Küstenregion im Süden des mittelamerikanischen Landes Guatemala. Eine Schotterstraße voller Schlaglöcher führt bis zu einer Stelle, an der es mit dem Auto nicht mehr weitergeht. Von dort aus schlängelt sich ein schmaler Pfad steil bergab, vorbei an ärmlichen Hütten und kläffenden Hunden. Nach über hundert Metern Abstieg erreicht man eine Hütte, deren Tor aus ein paar rostigen Wellblechplatten besteht. In der Hütte wohnt die kleine, stämmige Frau Teresa Apen zusammen mit ihrem Mann, ihren vier Kindern und zwei Nichten.

Adoptionsfreigabe aus Hoffnungslosigkeit

Vor siebzehn Jahren hat sie noch eine Tochter zur Welt gebracht. Dieses Mädchen sah sie zum letzten Mal, als es noch keine zwei Wochen alt war. Teresa war damals schon Mutter von zwei Jungen und musste sich außerdem um die beiden Waisenkinder ihrer kurz zuvor verstorbenen Schwester kümmern. In dieser Situation konnte sie es sich nicht vorstellen, ein weiteres Kind aufzuziehen. »Ich habe mich so entschieden, weil mein Leben mit meinem Mann schlecht war«, erinnert sich Teresa Apen. »Auch heute lebe ich kein gutes Leben mit ihm. Er trinkt viel und wenn er trinkt, behandelt er mich schlecht.«

Am Tag der Geburt gab Teresa Apen ihrer Tochter den Namen Sofia. Heute heißt das Mädchen Michal und lebt in Israel. Dort steht sie kurz vor ihrem Sekundarschulabschluss. Ihre ganze Jugend über hat sie immer wieder über ihre Herkunft nachgedacht: »Ich möchte wissen, woher ich komme. Ich möchte Menschen sehen, die so aussehen wie ich. In Israel sehe ich immer anders aus, sehr anders.«

Vorfreude auf die erste Begegnung: Teresa Apen hat vor 17 Jahren eine Tochter zur Adoption freigegebene. In Erwartung ihres ersten Besuches schaut sie sich mit ihrer Familie Fotos aus Michals neuer Heimat Israel an. Fotos: Andreas Boueke

Vorfreude auf die erste Begegnung: Teresa Apen hat vor 17 Jahren eine Tochter zur Adoption freigegebene. In Erwartung ihres ersten Besuches schaut sie sich mit ihrer Familie Fotos aus Michals neuer Heimat Israel an. Fotos: Andreas Boueke

Michal lebt heute mit ihren Adop­tiveltern zwölftausend Kilometer von Guatemala entfernt in Jerusalem. Dvora und Ehud Levy sind sechs Monate nach der Geburt nach Guatemala gereist, um ihre Adoptivtochter in Empfang zu nehmen. Den Levys wurde eine Kopie der Geburtsurkunde übergeben und eine Kopie des Personalausweises der biologischen Mutter. Diese Dokumente wurden der Ausgangspunkt einer erfolgreichen Suche nach der biologischen Mutter.

Deshalb ist Teresa Apen heute eine der wenigen Mütter in Guatemala, die ihr Kind in Adoption gegeben haben und trotzdem wissen, was aus ihrer Tochter geworden ist. Siebzehn Jahre nach der Geburt hat sie am Telefon erfahren, dass das Mädchen noch lebt und nach ihr sucht. »Für mich war dieser Anruf, als hätte jemand heißes oder kaltes Wasser über mich geschüttet. Ich saß mit meinem Mobiltelefon in einem Bus und weinte. Ich hatte große Angst. Aber dann war da auch ein Gefühl des Glücks.«

Michal hat in Guatemala vier biologische Geschwister, drei Brüder und eine Schwester. Keines der Kinder wusste, dass ihre Mutter vor siebzehn Jahren ein Kind in Adoption gegeben hat. Als die Familie Levy in Israel erfährt, dass nicht nur die biologische Mutter von Michal, sondern auch der Vater und mehrere Geschwister gefunden wurden, können sie es kaum glauben. Sie sind begeistert und wollen bald nach Guatemala kommen.

Das erste Wiedersehen nach 17 Jahren

Anderthalb Tage nach dem Abflug der Levys aus Tel Aviv landet ihre Maschine auf dem Flughafen von Guatemala-Stadt. Eine Nacht lang bleibt die Familie in der Hauptstadt. Michals Adoptivvater, Ehud Levy, kann nicht einschlafen. Er sitzt in einem Garten unter dem guatemaltekischen Sternenhimmel. »Ein Mensch, der adoptiert wurde, kann das nicht ignorieren. Im Laufe des Lebens taucht das in Wellen auf. Da ist die Frage des Warum. Deshalb haben wir uns entschieden, dass Michal das erste Kapitel ihrer Geschichte kennenlernen soll, wenn sie möchte.«

Am nächsten Tag oberhalb des steilen Pfads, der zu der Hütte der Familie Apen hinunterführt. Die Zäune am Wegrand sind mit Ballons geschmückt. Alle Nachbarn wissen, dass Teresas verlorene Tochter zu Besuch kommen wird. Über hundert Menschen haben sich versammelt. Sie beobachten, wie Michal langsam den Pfad hinuntergeht, während Teresa unten wartet. »Meine Tochter ist zu uns hinuntergekommen und hat mich in den Arm genommen. Sie hat gesagt: ›Mama, ich freue mich, dich kennenzulernen.‹ Dafür danke ich Gott. Damit hat sie mir neuen Lebensmut geschenkt«, berichtet Teresa anschließend.

Ein junger Mann in Jeans und einem blitzsauberen, weißen Hemd nähert sich mit kleinen Schritten und schüchternem Blick. Es ist Neri, Michals ältester Bruder: »Hallo Schwesterchen. Ich wollte dir nur sagen, dass ich mich sehr freue, noch eine Schwester zu haben. Und ich hoffe sehr, dass du meiner Mutter nicht böse bist, denn wir dürfen über niemanden richten. Und ich will dir sagen, dass ich dich sehr lieb habe.«

Michal antwortet sofort: »Ich bin überhaupt nicht böse. Ich hatte nie ein Problem damit, dass sie mir ermöglicht hat, in einer anderen Familie aufzuwachsen.«

Andreas Boueke

Fundsache: Saurer Glühwein für Salomos Arbeiter

14. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Unter König Salomo gab es für die Bauarbeiter »schlechten« oder auch »verdorbenen« Wein. Dieser wurde in großen tönernen Behältern aufbewahrt. Bürokratisch ordentlich waren sie am Gefäßrand mit eingebrannter Inschrift gekennzeichnet.

Diese Entdeckung veröffentlichte jetzt Professor Gershon Galil von der Universität Haifa. Ihm gelang es, eine schwer zu entziffernde Inschrift in urhebräischer Schrift neu zu interpretieren. Nachdem Archäologen 2012 südlich des heutigen Tempelberges im ältesten Teil Jerusalems die Scherben gefunden hatten, taten sich Experten zunächst schwer mit der Entzifferung der Inschrift.

Anhand der Erdschicht am Fundort und der Form des Gefäßes konnte das Alter der Scherben ziemlich genau auf das Jahr 950 vor Christus bestimmt werden. Das sei exakt die Regierungszeit des biblischen Königs Salomo. Der ließ ein paar Meter weiter nördlich den ersten »salomonischen« Tempel errichten. Die nun entzifferte Inschrift passe wunderbar dazu. Denn ein großer Behälter mit »schlechtem Wein« bedeutete, dass dort Arbeiter tätig waren. Die Kennzeichnung des Gefäßes liefere zudem einen kleinen Beweis für eine ordentliche Verwaltung.

Ulrich W. Sahm berichtet für unsere Zeitung aus Israel.

Ulrich W. Sahm berichtet für unsere Zeitung aus Israel.

Nach Angaben von Galil sei der erste erhaltene Buchstabe ein »M«, also die Endung der Zahl 20 oder 30 auf Hebräisch. Das entspräche einer Jahreszahl, etwa dem 20. oder 30. Regierungsjahr Salomos. Dann las er zweimal ein »I« und ein »N«, was bis heute das Wort für »Wein« ist. Nur in der Gegend südlich von Hebron sei damals »Jain« für »Wein« mit einem doppelten »I« geschrieben worden. Das nächste von Galil entzifferte Wort lautet »Halak«. Das sei typisch für die ugaritische Sprache. Ugarit liegt heute in Syrien nahe der türkischen Grenze. Dort sei der Wein in drei Kategorien eingeteilt worden: Gut, schlecht und verdorben (Halak). Die dritte Sorte, der verdorbene Wein, habe natürlich nicht der König getrunken. Vielmehr hätten den die Sklavenarbeiter zu trinken bekommen. Der letzte lesbare Buchstabe sei wieder ein »M«, was »von« bedeuten kann und vielleicht von einem Ortsnamen gefolgt war, der Herkunft des Weines.

Bei einer Ausgrabung auf Tel Kabri im Norden Israels, wo ein etwa 3 700 Jahre alter Weinkeller gefunden wurde, ergab eine Analyse der im Topfboden abgesetzten Weinspuren, dass der vergorene Traubensaft mit Gewürzen angereichert wurde – offenbar um ihn trinkbar zu machen. Die Gewürze erinnern stark an modernen Glühwein für Weihnachten: Honig, Minze, Zimtborke, Wacholderbeeren und Zedernharz.

Mit der Entzifferung der Inschrift auf Scherben, die genau in die Regierungszeit des Königs Salomo datiert werden können, befeuert Galil die Diskussion unter Archäologen, die den König Salomo für einen Mythos halten und die biblische Erzählung anzweifeln. Denn Galil glaubt beweisen zu können, dass Jerusalem in jener Zeit kein winziges Dorf war, sondern Teil eines Königreiches mit funktionierender Bürokratie und Bauarbeitern, die eben »schlechten Wein« zu trinken bekamen.

Ulrich W. Sahm

Unser tägliches Brot gib uns heute

15. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

Ob reales Grundnahrungsmittel oder Symbol: Brot spielt in der Bibel eine wichtige Rolle

Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein«, lehren Mose und ­Jesus. Was keinesfalls heißt, dass das Brot unwichtig ist. Das Gegenteil ist der Fall. Brot spielt in der Bibel eine wichtige Rolle.

Bildnachweis: HLPhoto-Fotolia.com

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Das tägliche Brot: Hierzulande werfen wir genießbare Nahrungsmittel häufig schon in den Müll, weil sie nicht mehr so hübsch aussehen wie gewünscht. Die Erfahrung, dass es mühsam sein kann, sich das tägliche Brot zu erarbeiten, kennen die meisten kaum noch. Menschen in anderen Regionen der Welt erleben diese Mühsal jedoch täglich. Und auch Adam und Eva bekamen sie zu spüren, nachdem sie aus dem Paradies hinausgeworfen wurden. Von nun an hieß es nämlich: »Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde werdest, davon du ­genommen bist.« Hier wie in der Bitte um das tägliche Brot im Vaterunser geht es nicht einfach um eine schmackhafte Mahlzeit oder darum, satt zu werden. Das Brot steht vielmehr symbolisch für all das, was wir brauchen, um auf dieser Welt (über-) leben zu können. (1. Mose 3, Vers 19, Matthäus 6, Vers 11)

Manna, Manna: Als Mose das Volk durch die Wüste führte, wurde es ­immer unruhiger. Die Leute murrten sogar: Wären wir doch in Ägypten geblieben, »als wir bei den Fleischtöpfen saßen und hatten Brot die Fülle zu ­essen«. Als Gott mitbekam, dass das Volk Hunger hatte, gab er ihnen trotz der undankbaren Murrerei ein merkwürdiges Brot zu Essen: »Siehe, da lag’s in der Wüste rund und klein wie Reif auf der Erde. Und als es die Israe­liten sahen, sprachen sie untereinander: Man hu?« – Was ist das? Und Mose antwortete Ihnen: »Es ist das Brot, das euch der Herr zu essen gegeben hat.« Das Himmelsbrot »war wie weißer Koriandersamen und hatte einen Geschmack wie Semmel mit Honig«. (2. Mose, 16)

Ungesäuertes Brot: Zum Passahfest essen die Juden in Erinnerung an die Befreiung des Volkes Israel aus der Sklaverei in Ägypten bis heute ungesäuertes Brot. Das zweite Buch Mose schreibt vor: »Sieben Tage sollt ihr ungesäuertes Brot essen. Schon am ersten Tag sollt ihr den Sauerteig aus euren Häusern tun.« Erinnern soll dieser Brauch daran, dass den Israe­liten vor ihrer Flucht nicht einmal ­genug Zeit blieb, den Brotteig zuzubereiten: Denn »die Ägypter drängten das Volk und trieben es eilends aus dem Lande. Und das Volk trug den ­rohen Teig, ehe er durchsäuert war, ihre Backschüsseln in ihre Mäntel gewickelt, auf ihren Schultern«. (2. Mose 12, Vers 15ff)

Das Reich Gottes gleicht einem Sauerteig: Die einfachsten Beispiele sind oft die eindrücklichsten. Das wusste Jesus und griff in seinen Gleichnissen immer wieder auf Beispiele zurück, die die Menschen aus ihrem Alltag kannten. »Womit soll ich das Reich Gottes vergleichen?«, fragte er einmal und fuhr fort: »Es gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen halben Zentner Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war.« Für die Menschen damals ein alltäglicher Vorgang, ein klein wenig Sauerteig reicht für eine große Menge Brotteig, lässt ihn schön locker werden und verbessert Geschmack und Verdaulichkeit. Beruhigend die Vorstellung, dass das Reich Gottes unter den Menschen ähnlich wirkt. (Lukas 13, Vers 20ff)

Brotvermehrung: Als Jesus in einer abgelegenen Gegend vor vielen Leuten gepredigt hatte, sagten seine Jünger zu ihm, es ist schon spät und die Menschen sind hungrig, wir aber haben nur fünf Brote und zwei Fische, das reicht nicht für alle. Was sollen wir tun? Jesus jedoch war überzeugt, dass für alle genug da sei. »Er nahm die fünf Brote und zwei Fische und sah auf zum Himmel, dankte und brach die Brote und gab sie den Jüngern, ­damit sie unter ihnen austeilten.« Die Menschen aßen gemeinsam und ­wurden alle satt, ja es blieb sogar noch etwas übrig. (Markus 6, Vers 37ff)

Abendmahl: Jesus scheint ein geselliger Mensch gewesen zu sein, der sich mit anderen auch gerne bei einem gemeinsamen Essen unterhielt. Kurz vor seiner Gefangennahme setze er sich noch einmal mit seinen Jüngern zusammen und aß und trank mit ihnen. Bei jeder Abendmahlsfeier ­erinnern sich Christen bis heute an das, was Jesus damals tat und sagte: »Er nahm das Brot, dankte und brach’s und gab’s ihnen und sprach: Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird.« (Lukas 22, Vers 19)

Uwe Birnstein

Tummelplatz der Milizen

1. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Eine Welt

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Syrien: Schon längst ist der Bürgerkrieg zu einem Konflikt mit internationaler Beteiligung mutiert

Menschen aus etwa 50 Ländern dieser Erde, so die Erkenntnisse von ­Geheimdiensten, kämpfen inzwischen auf Seiten der Milizen in Syrien.

Erster Israeli im Kampf gegen Assad gefallen«, lautete die Schlagzeile in israelischen Medien am Vorabend des Laubhüttenfestes vor wenigen Tagen. Die arabische Familie Dschuma’ah aus Muschirfa, einem kleinen Dorf neben Umm al-Fahm im israelischen Wadi Ara, hatte eine Nachricht und das Bild von einem zerschossenen Leichnam aus Syrien bekommen. Die Familie glaubt, ihren Sohn Mu’eid eindeutig identifizieren zu können. Angesichts dieser und anderer Meldungen stellt sich die Frage: Wer kämpft da eigentlich in dem Bürgerkrieg, der bereits weit mehr als 120000 Menschen das Leben gekostet hat?

In Siegerstimmung: Kämpfer einer der unüberschaubaren Milizen der syrischen Opposition – aufgenommen vor wenigen Tagen in der Nähe von Kafr Nabuda. Foto: picture alliance

In Siegerstimmung: Kämpfer einer der unüberschaubaren Milizen der syrischen Opposition – aufgenommen vor wenigen Tagen in der Nähe von Kafr Nabuda. Foto: picture alliance

Das Regime von Präsident Baschar al-Assad wird in der eigenen Bevölkerung vor allem von einer Minder­heitenkoalition aus Alawiten, Drusen, Kurden, Christen und Schiiten gestützt. Hinzu kommen aber auch viele sunnitische Muslime. Diese sind zwar wenig begeistert von der Diktatur Assads, ziehen deren säkularen Charakter aber der radikal-islamischen Alternative, die sich am Horizont unverkennbar abzeichnet, vor. Aktiv im Kampf wird Assad zudem von der schiitischen Hisbollah aus dem Libanon und den Revolutionsgardisten aus dem Iran unterstützt. Dazu kommen noch säkular orientierte palästinensische Gruppierungen, wie etwa die Volksfront zur Befreiung Palästinas – Generalkommando (PFLP-GC). Auf der internationalen Bühne schließlich stehen neben dem Iran vor allem Russland und China hinter der syrischen Regierung, die sie auch massiv mit Rüstungsgütern unterstützen.
Gegen das syrische Regime unter Präsident Assad steht ein Konglomerat aus lose verbundenen und kaum koordinierten Milizen, die sich grob in drei Gruppierungen einteilen lassen:

Erstens gehört dazu die sogenannte »Freie Syrische Armee« (FSA), ein Zusammenschluss von Milizen, die sich wiederum aus desertierten Soldaten der syrischen Armee gebildet haben. Sie wollen ein vereintes, säkulares Syrien, wie es einmal war, allerdings ohne Assad. Der Islam ist definitiv nicht auf ihrer Agenda. Dies ist die Gruppe, die westliche Länder, allen voran die USA und die Europäer, gern unterstützen möchten.

Neben der FSA gibt es lokale Milizen, die in der sunnitischen Bevölkerung verwurzelt sind. Sie sind von der sunnitischen Ideologie der Muslimbruderschaft geprägt und streben einen normalen Staat an. Eventuell sehen sich dieser zweiten Gruppe eine ganze Reihe der eher islamistischen Palästinenserorganisationen, wie etwa die Hamas oder der Islamische Dschihad, verbunden. Die palästinensischen Flüchtlinge, die teilweise schon in vierter Generation in Syrien leben, haben zwar keine Staatsbürgerschaft, können Syrien aber auch nicht verlassen, weil niemand weltweit sie aufnehmen will.

Als dritte Gruppierung, die in vieler Hinsicht einen entscheidenden Einfluss auf den Fortgang der Ereignisse in Syrien ausübt, sind die »Internationalen Dschihadisten« erkennbar. Von Antiterrorexperten sind bisher Gruppen und Einzelpersonen aus Afghanistan, Ägypten, Australien, Bahrain, Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Indonesien, Irak, Irland, Israel, Jemen, Jordanien, Kuwait, Libanon, Libyen, Norwegen, Pakistan, Palästina, Russland, Somalia, Tunesien, Türkei, Tschetschenien, USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten identifiziert worden.

Man geht davon aus, dass am syrischen Bürgerkrieg Bürger aus etwa 50 Staaten aktiv beteiligt sind. Insofern ist es nicht ganz unrichtig, wenn Baschar al-Assad behauptet, der Krieg in seinem Land sei ein internationales Komplott, sein Regime zu stürzen. Somit stehen die etwa 200000 Soldaten, die nach wie vor dem Regime Assads loyal sind, vermutlich 100000 Kämpfern in schätzungsweise mehreren Hundert Milizen ganz unterschiedlicher Prägung, Ausbildung, Kampfstärke, Ideologie und Zielsetzung gegenüber.

In der dritten Gruppe sticht ein Verbund durch seine klare ideologische Zielsetzung, aber auch durch seine effektive Vorgehens- und Kampfesweise besonders heraus: die »Dschabhat al-Nusra li-Ahl asch-Scham«, was übersetzt so viel wie »Unterstützungsfront für das Volk von Großsyrien« bedeutet. Kurz wird die Organisation gemeinhin »Dschabhat al-Nusra« genannt.

Diese Gruppierung wird nicht selten als »al-Qaida-nahestehend« bezeichnet. Sie lehnt »Staaten« als eine westlich-kolonialistische Erfindung grundsätzlich ab – wie übrigens auch nicht wenige Ideologen der Hamas. Ihre Anhänger reden nicht von »Syrien«, sondern von »Asch-Schams«, einem Gebiet, das man als »Großsyrien« bezeichnen könnte, und das auch den Libanon, Israel und Jordanien umfasst. »Dschabhat al-Nusra« will die alawitischen »Götzenanbeter« beseitigen, sieht den Kampf gegen das jüdische Israel erklärterweise als nächsten Schritt und hat als Ziel die Verbreitung des Islam über die ganze Welt. Die Türkei unterstützte die »Al-Nusra-Front« in der Vergangenheit mehrfach mit Waffen.

Ob der israelische Inlandsgeheimdienst »Schin Bet« oder andere ­west­liche Polizei- und Geheimdienste: Keinem ist wohl bei dem Gedanken, dass Hunderte von Bürgern ihrer eigenen Länder in Syrien nicht nur ideologisch radikalisiert werden, sondern zudem eine praktische Ausbildung und Kampferfahrung erhalten.

Johannes Gerloff

Präsident mit beschränkter Haftung

5. August 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Hintergrund: Zum Problem werden für die Nahost-Friedensverhandlungen nicht nur der israelischen Siedlungsbau oder die Jerusalemfrage

Mit einem gemeinsamen Abendessen begannen am Montag in Washington ­direkte Verhandlungen ­zwischen Israelis und ­Palästinensern. Doch die Probleme sind groß, wie ein Blick allein auf die Situation der ­palästinensischen Seite zeigt.

Die Freude über die Wiederaufnahme der Friedensverhandlungen nach fünf Jahren Pause blendet die internen Spannungen unter den Palästinensern aus. Die Spaltung der Palästinenser in Westbank und Gazastreifen, in Fatah-Partei und Hamas, ist seit 2007 fast perfekt. Alle vermeintlichen Versöhnungsbemühungen sind gescheitert oder nicht umgesetzt worden. Die Hamas kritisiert die erneuten Friedensgespräche schon aus ideologischen Gründen, wegen ihrer bekannten Feindseligkeit gegenüber den Amerikanern und ihrer Nicht-Anerkennung einer »zionistischen Entität« (frei übersetzt »dem zionistische Ding«) in Palästina.

Entscheidender noch ist ihre Ablehnung des Präsidenten und PLO-Chefs Mahmoud Abbas. Da Israel und die USA die PLO (Palästinensische ­Befreiungsorganisation) als offizielle Vertretung der Palästinenser und so als Verhandlungspartner anerkannt haben, tritt Abbas in Washington nur als PLO-Chef auf und nicht als Präsident der Autonomiebehörde. Diese oft übersehene Formalität bedeutet, dass die Hamas ausgeschlossen ist, weil sie nie Mitglied der PLO geworden ist.

Abbas vertritt die PLO, nicht die Palästinenser

Zu Recht erinnert die Hamas zudem daran, dass Abbas gar keine Legitimität mehr habe, nachdem seine Amtszeit schon vor drei Jahren abgelaufen ist. Die letzten Wahlen haben 2006 stattgefunden. Seit 2007 ist das Parlament aufgelöst. Nachdem die Hamas jene Wahlen vor sieben Jahren mit einer Mehrheit gewonnen hat, können die Islamisten sogar behaupten, dass Abbas gar nicht die Mehrheit seines Volkes repräsentiere.

Die mehrfachen Rücktritte der von Abbas ernannten Ministerpräsidenten, darunter des Salam Fajad, zeugen von Spannungen innerhalb der Regierungsspitze in Ramallah. Abbas gilt als schwach und wenig populär in den palästinensischen Autonomiegebieten. Ihm fehlt das Charisma des Jassir Arafat.

Scheinbar unüberbrückbare Gegensätze: Palästinenser und Juden schwenken zum Jerusalemtag vor dem Damaskustor der Altstadt ihre Fahnen. Der Feiertag fiel in diesem Jahr auf den 8. Mai. Foto: picture alliance/AP Photo

Scheinbar unüberbrückbare Gegensätze: Palästinenser und Juden schwenken zum Jerusalemtag vor dem Damaskustor der Altstadt ihre Fahnen. Der Feiertag fiel in diesem Jahr auf den 8. Mai. Foto: picture alliance/AP Photo

Die Verhaftung von Hamasleuten kürzlich in Yatta im Westjordanland bringt Abbas zudem in den Ruf, Handlanger der Zionisten zu sein. Der Präsident kann sich nur dank einer stillschweigenden Zusammenarbeit der israelischen und palästinensischen ­Sicherheitskräfte halten. Gleichwohl steht er innenpolitisch vor großen Problemen. Mit der palästinensischen Wirtschaft geht es abwärts, unter anderem, weil die ausländischen Spender weniger Geld in die Autonomie pumpen. Abbas kann kaum noch die Gehälter der öffentlichen Bediensteten bezahlen. Kritisch war für ihn auch die zeitweilige Einstellung israelischer Überweisungen (Zölle und Steuern) als Sanktion wegen seines »Alleingangs« bei der UNO, als Staat anerkannt zu werden. Schädlich für sein Ansehen war ­zudem Israels Bereitschaft, über Tausend palästinensische Häftlinge im Tausch für die Hamas-Geisel Gilad Schalit freizulassen. Um diesen Trumpf der Hamas auszugleichen, musste er darauf bestehen, jetzt wenigstens 104 lang einsitzende Gefangene freizuschlagen. Abbas sorgt zwar dafür, dass es fast keine Terroranschläge mehr gegen Israelis gibt, aber er kompensiert das mit antisemitischer Hetze in palästinensischen Medien und mit der Ehrung von »Freiheitskämpfern«, die Hunderte Israelis durch Terror und Selbstmordanschläge ermordet haben. Abbas besucht deren Angehörige und beteiligt sich an der Benennung von Straßen, Plätzen und Schulen nach diesen »Kämpfern«. Israelis bezeichnen sie als »Kriegsverbrecher«, weil sie überwiegend Zivilisten umgebracht haben.

Schädlich für das Ansehen von Abbas in der eigenen Bevölkerung ist ­zudem der fortgesetzte israelische Wohnungsbau in den umstrittenen Siedlungen. Israelische »Gesten« wie der Abbau von Straßensperren, die Verteilung Tausender Passierscheine an palästinensische Gastarbeiter oder die Öffnung der Grenzübergänge während des Ramadan werden Abbas nicht angerechnet, aber auch nicht den Israelis, weil die Palästinenser Freizügigkeit in ganz Palästina für ihr natürliches Recht halten.

Vorwurf: Verhandlungen ohne Gegenleistungen

Der Gang nach Washington ist für Abbas auch deshalb problematisch, weil es wirkt, als hätte er amerikanischem Druck ohne Gegenleistung nachgegeben. Zwar hat er die Israelis zur Freilassung von 104 Gefangenen gedrängt, aber weder einen Baustopp in den Siedlungen noch eine israelische Verpflichtung zum Rückzug hinter die Grenzen von 1967 erzwingen können.
Einzige Hoffnungsschimmer für Abbas und seine Stellung sind der Sturz der Islamisten in Kairo und – in der Folge – eine Schwächung der ­Hamas im Gazastreifen. Die Ägypter haben offensichtlich in den vergangenen Wochen zudem alle Schmugglertunnel zerstört, sodass der Gaza­streifen künftig allein über Israel mit Strom, Benzin und Nahrungsmitteln versorgt wird. Daran verdient die ­Hamas nichts im Gegensatz zu den früheren Abgaben der Schmuggler.

Die Friedensverhandlungen werden am Montag wieder aufgenommen. Sollte es am Ende tatsächlich zu einem Vertrag kommen, fragt sich angesichts der Zustände auf der palästinensischen Seite, wer die politische Kraft und die praktische Möglichkeit hat, ein Abkommen umzusetzen. Nicht nur im Westjordanland, sondern auch in dem von der Hamas kontrollierten Gazastreifen.

Ulrich W. Sahm

Warum es Israel so schwerfällt, Frieden zu schließen

11. Februar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Naher Osten: Seit Jahrzehnten laufen die unterschiedlichsten Friedensbemühungen im Heiligen Land – doch bisher ohne jeden Erfolg

Der Frieden im Nahen Osten scheint unmöglicher denn je. Und schnell wird der Hauptschuldige am Scheitern aller Bemühungen ausgemacht: Israel.

Israel ist der Aggressor. Die Juden haben den Arabern im Nahen Osten den Lebensraum streitig gemacht – zugegebenermaßen wurden sie von Europa durch den Holocaust dazu gezwungen. Aber heute verhindern sie durch die ­Besatzung, die Apartheidsmauer und vor allem durch ihren Siedlungsbau eine Zweistaatenlösung.

Nicht nur aus Europa und Amerika, sondern auch von Israelis werden derartige Vorwürfe gegen die Regierung Israels erhoben. So schreibt David Grossman in einem Spendenaufruf für die Menschenrechtsorganisation B’Tselem: »Die israe­lische Besatzung des Westjordanlandes erscheint ohne Ende, während der Gazastreifen zunehmend isoliert ist und verarmt.« Der preisgekrönte israelische Schriftsteller beklagt, dass »mehr als vier Millionen Palästinenser ohne die grundlegenden Rechte leben, die wir in Israel für selbstverständlich halten«, und macht dafür »militante Siedlungen« und die »Trennungsbarriere« verantwortlich. Seinen Einsatz für »Gleichheit«, ein »Ende der Gewalt«, »die Würde aller Menschen« und dafür, »unseren Nachbarn Freiheit und Respekt zu geben«, begründet er mit seiner tiefen Sorge »um Israels Demokratie und Zukunft«.

Ganz andere Töne schlägt ein anderer prominenter Vertreter der israelischen Linken an. Professor Amnon Rubinstein war fast drei Jahrzehnte Knessetmitglied, zuletzt der linksliberalen Meretz-Partei. Er erklärte in einem Radiointerview Ende 2012 den Niedergang seiner Bewegung. Die israelische Linke habe darauf gebaut, dass territoriale Zugeständnisse Frieden bringen. »Aber«, so Rubinstein, »die palästinensische Führung und die arabische Welt haben alles getan, um das als falsch zu erweisen!«

Im Dauerclinch: Ein protestierender Palästinenser und ein israelischer Soldat sind in der Nähe von Ramallah aneinandergeraten. Foto: REUTERS

Im Dauerclinch: Ein protestierender Palästinenser und ein israelischer Soldat sind in der Nähe von Ramallah aneinandergeraten. Foto: REUTERS

Tatsächlich spielen die kategorischen Nein der Araber zu jeglichem Kompromiss eine entscheidende Rolle beim ­chronischen Scheitern aller Friedens­bemühungen in Nahost und weisen eine für arabische Verhältnisse ungewöhnliche Stringenz auf. Hätten die arabischen Staaten 1947 ein Ja zum Teilungsplan der UNO gefunden, wären israelische Städte wie Naharija oder Beerschewa heute ­arabisch. Hätte die Arabische Liga 1967 in Khartoum das israelische Gesprächsangebot nicht ausgeschlagen, könnten heute die Jerusalemer Altstadt weitgehend und alle sogenannten »Palästinensergebiete« arabisch sein. Hätte Jassir Arafat im Sommer 2000 in Camp David das Angebot Ehud Baraks nicht abgeschlagen, wäre heute ein Großteil der Westbank palästinensisch, einschließlich des Tempelbergs in Jerusalem. Zu Beginn seiner letzten Amtszeit unternahm Premierminister Netanjahu einen bis dato präzedenzlosen Schritt und verhängte ­einen Siedlungsbaustopp. Die Reaktion der Palästinenser war der Abbruch aller Gespräche.

Dabei hatte Emir Faisal, Urgroßonkel des heutigen jordanischen Königs Abdallah II., offensichtlich noch kein Problem mit einer jüdischen Besiedlung von West- und Ostufer des Jordans gehabt. In einem Briefwechsel mit dem Zionistenführer Chaim Weizman betonte der arabische Fürst 1919 die »uralten Verbindungen zwischen Arabern und Juden« und wollte eine »jüdische Einwanderung nach Palästina im großen Rahmen« fördern. Damals umfasste »Palästina« neben dem Staatsgebiet Israels und den Palästinenser­gebieten auch noch das gesamte Gebiet des heutigen Königreichs Jordanien. Als zwischen 1949 und 1967 Westbank und Gazastreifen in arabischer Hand waren, kam niemand auf die Idee, die Errichtung eines unabhängigen Palästinenserstaates zu fordern.

Aber seither ist viel Wasser den Jordan hinuntergeflossen. Was Israelis heute bewegt und vor einem Friedensschluss mit ihren arabischen Nachbarn zurückschrecken lässt, sind weniger Gebietsansprüche als vielmehr die Frage der Sicherheit. »Wenn die Araber mir glaubhaft versprechen, mich leben zu lassen, werde ich ­sofort Frieden schließen«, erklärt Valery – nach wie vor mit starkem französischen Akzent, obwohl sie schon vor mehr als dreißig Jahren nach Israel eingewandert ist. »Wir wollen unsere Kinder nicht auf dem Altar des Selbstmordwahnsinns ­opfern«, erklärt ein anderer Israeli. Und Regierungschef Benjamin Netanjahu wird nicht müde zu wiederholen, was viele in seinem Volk für extrem wichtig halten: »Höchste Priorität hat unser Überleben als Nation!«

Die stoische Gelassenheit, mit der die Weltgemeinschaft seit Jahren die martialischen Töne des Mullahregimes aus ­Teheran erträgt, »der Schandfleck Israel müsse von der Landkarte ­verschwinden«, ist genauso wenig dazu angetan, Israelis kompromissbereiter zu stimmen, wie die jüngsten Absichtserklärungen syrischer Salafisten: »Wenn wir Damaskus erobert haben, wenden wir uns nach Tel Aviv!« Weder die Aussagen des ägyptischen Präsidenten Mursi noch die des palästinensischen Präsidenten Abbas oder der Tenor dessen, was an palästinensischen Schulen gelehrt wird, sind von einer anderen Tonart geprägt.

Israel kann seine Augen nicht davor verschließen, dass der Islam ein grundsätzliches Problem mit jüdischer Souveränität über auch nur den kleinsten Fleck »islamischen Bodens« hat. Der demo­kratisch legitimierte Siegeszug der Islamisten im Rahmen des »Arabischen Frühlings« hat konkrete Auswirkungen auf israelische Befindlichkeiten. Eine freiheitlich-demokratische Rechtsordnung nach westlichen Maßstäben ist nirgendwo in der arabischen Welt auch nur in Ansätzen erkennbar.

Traurige Tatsache bleibt, dass alle Gebiete, die Israel an seine Nachbarn abgetreten hat, zu Ausgangsbasen für Terror wurden: Der Sinai, der Südlibanon und der Gazastreifen. Und: Wie sähe es heute an Israels Nordgrenze aus, wenn man in den 1990er Jahren die Golanhöhen für einen Frieden mit Syrien an das Regime der Assads abgegeben hätte?!

Johannes Gerloff (Jerusalem)

Buchtipp: Blick ins Heilige Land

Blick-Cover-06-2013Das Heilige Land – dazu gehört der Staat Israel, dazu gehören die Palästinensischen Autonomiegebiete – je nach Blickwinkel wird die Lage unterschiedlich eingeschätzt. Doch die Realität ist immer ­anders. Der Theologe und Journalist Johannes Gerloff lebt im ­Nahen Osten und kennt das Land, die politische Entwicklung, die Konflikte und das Miteinander aus eigener Anschauung. In seinem Buch »Die Palästinenser« beschreibt er einmal die politische Lage, beleuchtet sie aus möglichst vielen Blickwinkeln, spricht mit sehr unterschiedlichen Menschen – Scheichs, jüdischen oder palästinensischen Flüchtlingen …, schaut auf die Wurzeln der Menschen, die wir heute als »Palästinenser« bezeichnen, und genauso auf die Kirchen und die Lage der palästinensischen Christen. Wie bei ­allem, so gibt auch bei letzteren die Realität ein sehr differenziertes Bild. Biblisch-theologische Beiträge ergänzen die Draufsicht. ­Gerloffs Buch ist allen zu empfehlen, die die komplizierte Situation im Heiligen Land besser verstehen wollen. »Wer sich für Israel ­interessiert, muss sich um die Palästinenser kümmern«, schreibt er im Vorwort. Nach der Lektüre begreift der Leser, warum.
(ds)

Gerloff, Johannes: Die Palästinenser. Volk im Brennpunkt der Geschichte, Verlag SCM Hänssler, ISBN 978-3-7751-5337-9, 19,95 Euro

Dem Vergessen einen Strich durch die Rechnung machen

26. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Holocaustgedenktag: Bis heute arbeitet Yad Vashem daran, den Opfern ein Denkmal und einen Namen zu geben

Yad Vashem, die zentrale ­Holocaustgedenkstätte des Staates Israel, ist ein Muss für jeden Israelbesucher. Der Ort steht sowohl für das Erinnern wie auch für die wissenschaftliche Erforschung der Judenvernichtung.

In der Halle der Namen: Auch die sächsische Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Sabine von Schorlemer, ­besuchte im März 2010 während ihres Israelaufenthaltes die Gedenkstätte Yad Vashem. Foto: Johannes Gerloff

Kein führender Politiker oder hochrangiger Geistlicher kann es sich leisten, den jüdischen Staat zu besuchen, ohne einen Kranz in der Halle des Gedenkens neben der ewigen Flamme niederzulegen oder sich in der Halle der Namen fotografieren zu lassen. Niemand bleibt unberührt beim Gang durch das Museum, das sich wie ein Pfeil durch den Bergrücken im Westen Jerusalems bohrt und die Geschichte des nationalsozialistischen Völkermords nachzeichnet. Der Name der Gedenkstätte ist dem biblischen Buch des Propheten Jesaja entnommen, wo der Gott ­Israels verspricht, Menschen »in meinem Hause und in meinen Mauern ›Yad Vashem‹ – ein Denkmal und einen Namen« – zu geben. (Jesaja 56,5)

Seit 1955 sammelt und archiviert Yad Vashem die Namen von Holocaustopfern. Von den schätzungswei­se sechs Millionen Holocaustopfern sind mehr als vier Millionen namentlich registriert. Zwei Millionen Namen fehlen noch. Debbie Berman gehört zu denen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, diese Namen ausfindig zu machen. Seit 2006 arbeitet sie in Yad Vashem, heute als Projekt-Koordinatorin für die Erhaltung der Namen von Opfern der Schoah, wie der Holocaust auf Hebräisch genannt wird. Die modern-orthodoxe Mutter von vier Kindern betrachtet ihren Wettlauf ­gegen die Zeit und das Vergessen als Familienprojekt, als Mission und ganz einfach als Vorrecht.

Bermans Eltern und Großeltern sind selbst Holocaustüberlebende. Aber keiner wollte erzählen, was sie in den Konzentrationslagern, auf der Flucht oder im jahrelangen Versteck durchgemacht haben. »Emma Salgo war voller Leben, Freude und Lachen«, erklärt Debbie Berman das Schweigen ihrer Großmutter, »das wollte sie uns weitergeben – nicht die Geschichten von Verfolgung, Qual und Tod.« Deshalb hat sie ihren Kindern und Enkeln nie erzählt, was sie im Arbeitslager Kaufring, einer Außenstelle des KZ Dachau, erlebt hat. Im November 1944 wurde sie dorthin deportiert. Ihrem Mann Chaim war die Flucht in die Schweiz gelungen. Die Kinder, Robbi und Schoschanna, wurden in Budapest versteckt.

Dass Überlebende der Schoah nicht über die Vergangenheit reden wollen, ist nicht ungewöhnlich. Eine Antwort auf die Frage nach dem Grund dafür ist nicht leicht zu finden. »Viele haben nie wirklich um ihre Lieben trauern können. Der Verlust war einfach überwältigend«, meint Debbie Berman, »manchmal kann eine einzige Person 50, 60 oder gar 80 Namen aus dem engeren Verwandtenkreis nennen, die in der Schoah ihr Leben verloren haben.«

Manche hoffen immer noch, vermisste Familienmitglieder und Freun­de wiederzufinden. Berman hilft Überlebenden, Fragebögen zu vermissten Schoahopfern auszufüllen. »Den Satz ›Mendel ist tot‹ zu denken, auszusprechen, aufzuschreiben und dann auch noch eine Unterschrift unter ein Formular zu machen, erscheint ihnen oft unmöglich«, erzählt die junge Frau aus ihrer Arbeit. Aber dann ist es ­immer wieder doch eine gewaltige ­Erleichterung für diese Menschen, die jahrzehntelang eine unglaubliche, ­erdrückende Last mit sich herumgetragen haben. »Wir nennen die Zeugnisbögen auch ›virtuelle Grabsteine‹«, erklärt Berman.

»Es ist wichtig, dass da ein Name steht, wenn möglich ein Foto; dass die Erinnerungen ausgesprochen und aufgeschrieben werden, um so dem Bemühen der Deutschen, uns zu einer Nummer zu degradieren, uns zu vernichten, unseren Namen auszuradieren, einen Strich durch die Rechnung zu machen.«

Berman berichtet, dass ihre eigene Mutter anfangs auch nicht erzählen wollte. »Ich erinnere mich an nichts. Ich weiß nichts Wesentliches«, hatte sie immer wieder betont. Doch dann fuhren Mutter und Tochter nach Budapest, wo die Mutter als kleines Mädchen vor den Nazi-Schergen versteckt worden war. »Intuitiv kannte sie sich aus, wusste genau wo der Bahnhof sein musste«, erlebte Debbie Berman. Schließlich umfassten die ­Erinnerungen der Mutter 13 Seiten – und die Erinnerungen wurden bestätigt. Das Online-Archiv von Yad Vashem fand Verbindungen zu weiteren Verwandten und stellte fest, dass Debbies Urgroßmutter, Theresa Salgo-Rottenberg, eine Erinnerungsseite für ihren Sohn eingereicht hatte.

Debbies Vater, Simon Deutsch, wurde wie die Mutter von Nichtjuden gerettet. Debbie kennt die Namen der Retter ihrer Eltern. Es war der Portugiese Sousa Mendes, der ihrem Vater nach der Flucht aus dem von Deutschen besetzten Antwerpen das Überleben und einen Neuanfang im fernen Amerika ermöglichte. In den Archiven von Yad Vashem begegnete Berman schließlich noch einem Onkel ihres Vaters, dem Künstler Carol Deutsch. Seine Tochter Ingrid hatte in einem Versteck überlebt und 99 Illustrationen biblischer Geschichten ihres Vaters gerettet. Sie werden jetzt in der Gedenkstätte ausgestellt.

Immer wieder kommt es vor, dass Berman miterleben darf, wie Menschen Tote suchen und Lebende finden – etwa Liora Tamir, die als Vollwaise in der sowjetischen Gulagstadt Workuta und später in einem Waisenhaus in Leningrad aufwuchs. Tamir lebte in der Annahme, ihre gesamte Familie sei ausgerottet. Bis eines Tages ihre Tochter Ilana durch Nachforschungen herausfand, dass ein Onkel von Liora, Simcha Shikler, 1956 einen Eintrag in Yad Vashem veranlasst hatte. So wurde der Frau, die sich mutterseelenallein glaubte, »eine Familie geboren«, wie ihre Tochter Ilana im Rückblick formulierte.

Auf wunderbareweise überlebte die ganze Familie von Debbie Berman und wurde nach dem Krieg wiedervereint. Die Großmutter hatte es irgendwie geschafft, durch die gesamte Leidenszeit im Konzentrationslager ein kleines rosa Kleid ihrer Tochter zu bewahren. »Es war ein Hoffnungsschimmer inmitten des erlebten Albtraums.« Bevor Debbie 1992 nach Israel einwanderte, schenkte die Mutter ihr das rosa Kleidchen. »Ich habe es all diese Jahre aufbewahrt und dann einmal meiner kleinen Tochter Emma, die nach ihrer Großmutter genannt wurde, angezogen«, erzählt sie heute.

»Als ich meine eigene Tochter in diesem Kleidchen spielen und lachen sah, wurde mir plötzlich klar, was für ein Schmerz es für meine Großmutter gewesen sein muss, so lange und unter solchen Umständen von ihren Kindern getrennt sein zu müssen.« 2010 feierte Emma Berman ihren zwölften Geburtstag, ihre Bat-Mizwa. Aus diesem Anlass vermachte die Familie das geschichtsträchtige Familienkleidungsstück der Holocaustgedenkstätte Yad Vashem. »Ich denke, hier ist es am besten aufgehoben«, meint Debbie.

Johannes Gerloff

Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee die Überlebenden des größten nationalsozialistischen Vernichtungslagers in Auschwitz-Birkenau. Mit einer Proklamation des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog wurde am 3. Januar 1996 der 27. Januar in Deutschland offiziell zum »Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus« erhoben. »Die Erinnerung darf nicht enden; sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen«, hieß es in der Proklamation.

Im Jahr 2005 erklärte zudem die Generalversammlung der Vereinten Nationen den 27. Januar zum Internationalen Holocaustgedenktag.
In Israel selbst ist der Jom haScho’a ein israelischer Nationalfeiertag. Er beginnt mit dem Sonnenuntergang am 27. Nisan des jüdischen Kalenders und endet am folgenden Abend. Nach dem gregorianischen Kalender fällt der Tag in diesem Jahr auf den 19. April.
(GKZ)

www.yadvashem.org/
www.yad-vashem.de

Mit Judenstern und KZ-Jacken

5. Januar 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Israel: Der Konflikt zwischen ultraorthodoxen und liberalen Israelis nimmt groteske Formen an

Mit dem nationalsozialistischen Judenstern an der Brust demonstrieren ultraorthodoxe Juden in Jerusalem. Sie fühlen sich verfolgt, weil die Mehrheitsgesellschaft ihre Forderungen etwa nach Trennung der Geschlechter in der Öffentlichkeit nicht akzeptiert. Foto: picture alliance/epa/Jim Hollander

Mit dem nationalsozialistischen Judenstern an der Brust demonstrieren ultraorthodoxe Juden in Jerusalem. Sie fühlen sich verfolgt, weil die Mehrheitsgesellschaft ihre Forderungen etwa nach Trennung der Geschlechter in der Öffentlichkeit nicht akzeptiert. Foto: picture alliance/epa/Jim Hollander


Schon lange schwelt in der israelischen Gesellschaft der Konflikt zwischen den Vertretern des ultraorthodoxen Judentums und den Vorstellungen vieler Israelis von einer liberalen Gesellschaft. Derzeit eskaliert er.

Der Streit zwischen den radikal religiösen und weltlichen Israelis nimmt immer groteskere Züge an. In schwarz-weiß gestreiften KZ-Anzügen und mit dem gelben Judenstern am Revers und erhobenen Händen zogen einige von insgesamt rund 1000 ultraorthodoxen Männern und Kindern am vergangenen Wochenende in Jerusalem auf die Straße – gegen die »Verdrängung der Charedim«, wie sie sich nennen.

In Nazideutschland habe man die Juden physisch verfolgt, in Israel gehe es um die ideologische Verfolgung der Ultraorthodoxen, rechtfertigten einige Demonstranten den Missbrauch der Symbole. Auslöser für den eskalierenden Konflikt war eine Reihe von Übergriffen radikaler frommer Juden gegen Mädchen und Frauen. Auf ihren Druck hin wurden Frauen etwa aufgefordert, im Bus separate hintere Plätze einzunehmen.

Dürfen Frauen auch vorn im Bus sitzen?
Am 27. Dezember hatten sich zum ersten Mal einige Tausend weltliche Israelis versammelt, um gegen die von den Ultraorthodoxen ­vorangetriebene Verdrängung der Frauen aus dem öffentlichen Leben zu demonstrieren. Beide Lager haben dabei ihre Helden. Der Protest am vergangenen Sonnabendabend galt der Solidarität mit dem ultraorthodoxen Rabbi Schmuel Weisfisch, der am 1. Januar eine zweijährige Gefängnishaft antreten musste, weil er einen Computerladen verwüstete. Sein gläubiger Mitstreiter Schlomo Fuchs steht seit einigen Tagen unter Hausarrest, nachdem er die Soldatin Doron Matalon eine »Hure« schimpfte, weil sie sich weigerte, seiner Aufforderung nachzukommen und in den hinteren Teil des Busses umzuziehen. Dutzende Bewunderer begleiteten ihn vor Gericht.

Umgekehrt gehört für die Liberalen Tanja Rosenblit zu den Heldinnen, die dem massiven Druck frommer Männer standhielten und sich nicht von ihren Plätzen vertreiben ließen. Genauso wie die achtjährige Schülerin Naama Margolese, die von mehreren erwachsenen Männern beschimpft und sogar angespuckt worden war, weil sie ihren Vorstellungen von keuscher Bekleidung nicht entsprach. Der Übergriff auf das zierliche Kind löste die ersten großen weltlichen Proteste aus. Auch orthodoxe Juden und sogar einige Charedim waren unter den Demonstranten, ihnen waren die Radikalen zu weit gegangen.

Liberale Juden warnen vor der »Verschwarzung«
»Mit den frauenfeindlichen Übergriffen haben sie eine rote Linie überschritten«, erklärt Ram Vromen, Mitgründer des »Forums zum Schutz des weltlichen Charakters in den Nachbarschaften landesweit«, der erklärtermaßen gegen die »Verschwarzung« israelischer Ortschaften und Städte kämpft. Vromen warnt schon lange auf einer Internetseite, bei Diskussionsveranstaltungen und Demonstrationen vor dem schleichenden und steten Vormarsch der Frommen. »Gut, dass die Liberalen endlich aus ihrem Phlegmatismus aufgewacht sind.«

Obschon seine Gruppe nur von Weltlichen gegründet wurde, spricht für Vromen nichts gegen eine Zusammenarbeit mit Religiösen. »Für uns spielt es keine Rolle, ob jemand eine Kipa auf dem Kopf trägt«, sagt er. »Wichtig ist, ob er einen religiös­fundamentalistischen Staat will oder einen liberalen.« Die Tatsache, dass in einem Land, das schon vor über 40 Jahren von einer Frau regiert wurde, heute Frauen um die vorderen Sitzplätze in öffentlichen Verkehrsmitteln kämpfen müssen, scheint paradox. Schuld daran sind vor allem demografische Veränderungen seit den Tagen Golda Meirs. Jeder vierte Schulanfänger stammt heute aus dem ultraorthodoxen Sektor.

Zunehmende Radikalisierung der Ultraorthodoxen
»Die Charedim glauben, dass sie über größere politische Macht verfügen«, sagt Vromen. »Sie erleben in letzter Zeit eine Radikalisierung.« Nirgends werden die Gegensätze deutlicher als in der Knesset (Parlament). Die Oppositionsführerin ist eine Frau und die Führung der Arbeitspartei liegt ebenso in den Händen einer Frau. Dennoch gibt es Parteien, in denen Frauen gar nicht erst zugelassen werden. Die beiden Koalitionsparteien Schass und Agudat Israel etwa sind frauenfreie Organisationen.

Schon signalisieren Meinungsumfragen den jüngsten Demonstrationen folgend einen Popularitätsschub für die Politikerinnen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu unternimmt derweil eine Gratwanderung. Einerseits spricht er sich für Gleichberechtigung aus, zum anderen will er seine ultra­orthodoxen Regierungspartner nicht verprellen. Die Rabbiner in Israel, die für eine Abkühlung der erhitzten Gemüter sorgen könnten, bleiben bisher stumm.

In Deutschland äußert sich derweil der Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, kritisch zur jüngsten Instrumentalisierung des Nationalsozialistischen Völkermordes durch die Ultraorthodoxen. »Die Bilder haben mich schockiert«, so Graumann gegenüber dem »Kölner Stadt-Anzeiger«. Er schäme sich dafür, dass ausgerechnet Juden ein »Zerrbild des Holocaust« lieferten. Das sei »geschichtslos und geschmacklos«.

Susanne Knaul (epd)

Wege ins »Gelobte Land«

13. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Israel: Bis heute wandern Juden aus aller Welt nach Israel ein – drei Beispiele aus drei Generationen

Symbol für die Sehnsucht nach Jerusalem: Die Westmauer des früheren Tempels in Jerusalem gilt Juden aus aller Welt als heiliger Ort des Gebets. Fotos: Harald Krille (3), Reinhard Heubner (1)

Symbol für die Sehnsucht nach Jerusalem: Die Westmauer des früheren Tempels in Jerusalem gilt Juden aus aller Welt als heiliger Ort des Gebets. Fotos: Harald Krille (3), Reinhard Heubner (1)


Auslöser war der zunehmende Antisemitismus in Europa: Ende des 19. Jahrhunderts entstand der moderne Zionismus – der Traum vom freien jüdischen Leben im eigenen Land.

Henry Stern gestikuliert unter einem Olivenbaum im Kibbuz Lavi, nahe des Sees Genezareth. Er erzählt von einer amerikanischen Reisegruppe, die ihn fragte, wie es komme, dass die Kibbuzim immer in den schönsten Parks gebaut wurden? »Als wir 1949 als junge Männer hier ankamen, gab es nur Steine und Geröll, zwei oder drei Olivenbäume, kein Wasser«, erinnert sich der heute 86-Jährige.

Zehn Jahre zuvor war der in Stuttgart geborene Henry im Alter von 14 Jahren im Rahmen einer Kinderevakuierung gerade noch aus Deutschland herausgekommen. Er kam nach England, bereitete sich dort in einem Farmkurs auf die »Alija«, die Auswanderung ins »Gelobte Land«, vor. Viel hat die britische Farmausbildung nicht geholfen. »Immerhin – wir haben gelernt, wie eine Kuh aussieht«, schmunzelt Henry Stern. »Der junge Staat unterstützte uns so gut es ging, aber wir mussten unsere Erfahrungen durch Versuch und Irrtum machen.«

Henry Stern

Henry Stern


Von den Mühen der Anfangszeit ist nichts mehr zu spüren: 1000 Kühe, 600000 Hühner, 800 Menschen, eine eigene Möbelfabrik und ein Gästehaus in idyllischer Parklandschaft. Aber auch Schutzräume und Bunker in allen Häusern, Kindergärten, Schulen gehören heute zur Heimat von Henry. 4000 Raketen feuerte die Hisbollah im Libanon vor fünf Jahren auf den Norden Israels. Dennoch gibt sich Henry Stern gelassen: »Wir wissen im Nahen Osten doch nie, was morgen passiert«.

Hadar Samalo gehört zu den fast 100000 äthiopischen Juden, die seit den 80er Jahren in teils spektakulären Aktionen aus Not, Verfolgung und Bürgerkrieg evakuiert wurden. Die sogenannten Falascha führen sich selbst auf die Begegnung des biblischen Königs Salomo mit der Königin aus Saba zurück. Den Juden gelten sie als Nachkommen des Stammes Dan. Fest steht, dass sie über Jahrhunderte eine archaische Form des Judentums bewahrten. Und die große Sehnsucht, eines Tages nach Hause, nach Zion zu kommen.

Hadar Samalo

Hadar Samalo


Die heute 44-jährige Hadar wusste nichts vom Staat Israel, als sie sich 1984 auf den Weg macht. Aber es sollte irgendwie im Sudan die Möglichkeit bestehen, ins »Gelobte Land« zu ­kommen, »dem Land, wo Milch und Honig fließen«. Gemeinsam mit zwölf anderen jungen Leuten vertraut sie sich bezahlten Führern an, wird von ihnen verraten, von Räubern überfallen. Irgendwie schafft sie es bis in ein Flüchtlingslager des Roten Kreuzes im Sudan.

Dort wird sie von Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad entdeckt und auf damals noch geheimen Wegen nach Israel gebracht. Lange braucht sie, um sich im modernen Land Israel zurecht zu finden. Kulturen prallen aufeinander. Heute ist sie selbst Leiterin eines Aufnahmezentrums für afghanische Einwanderer in der Nähe von Jerusalem. Wurden ihre übersteigerten Erwartungen an »Zion« nicht enttäuscht? »Nein, ich bin froh und glücklich«, bekennt Hadar Samalo. Die einzige Enttäuschung sei die Erfahrung, dass es säkulare Juden gibt, die die Gebote nicht halten.

Arye Sharuz Shalicar

Arye Sharuz Shalicar


Zu diesen eher säkularen Juden ­gehört auch der 1977 geborene Arye Sharuz Shalicar. Der heutige Sprecher der israelischen Armee im Range eines Hauptmanns, der fließend zehn Sprachen spricht und Politikwissenschaften und Geschichte studierte, kam vor zehn Jahren nach Israel. Zuvor musste der Sohn iranischer Juden, die vor dem Ajatollah-Regime geflohen waren, wegen ­seiner Abstammung erleben, wie er durch Berlins Straßen gejagt wurde. Nicht von unbelehrbaren Deutschen, sondern von jungen Muslimen. »Diesen neuen muslimischen Antisemitismus in den Straßen Deutschlands habe ich jahrelang am eigenen Leib zu spüren bekommen«, erinnert er sich bitter.

Seine Erfahrungen hat er in dem Buch mit dem Titel »Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude« aufgeschrieben. »Für Deutsche war ich ein Türke, für die Türken und Araber ein verhasster Jude, hier in Israel bin ich als Jude endlich zu Hause – ob ich in die Synagoge gehe oder nicht, hier bin ich Mensch unter Menschen.«

Das ist es auch, was für Reuven Rozen im Mittelpunkt steht. Der Sohn dänischer Juden, die einst mit einem Fischkutter vor der SS flohen, ist einer der leitenden Mitarbeiter des Keren Hayessod. Die Stiftung fördert seit 1920 den Aufbau des Landes und die Integration der Neubürger. Zu den Unterstützern gehören nicht zuletzt Christen in Deutschland (siehe unten). »Jeder Jude auf der Welt kann und soll wissen, dass er jederzeit in ­Israel eine Heimat hat«, so das Credo von Reuven.

www.kh-uia.org.il

Harald Krille
 

»Jesus ist ohne Israel nicht zu haben«

 
Warum Christen Israel unterstützen – drei Fragen an Wilfried Gotter von den Sächsischen Israelfreunden

Eine der größten Israel-Unterstützer-Gruppen im mitteldeutschen Raum sind die Sächsischen Israelfreunde. Soeben wurden sie für ihren Einsatz sogar vom israelischen Parlament geehrt. Drei Fragen an den Geschäftsführer Wilfried Gotter.

Seit wann gibt es die Sächsischen Israelfreunde und was ist das Anliegen des Vereins?
Gotter: Die Sächsischen Israelfreunde wurden nach dem 50. Geburtstag des Staates Israel 1998 gegründet. Auslöser war eine erste große Konferenz in Chemnitz mit fast 6000 Teilnehmern. Seither fanden 15 Sächsische Israelkonferenzen statt. Da Israel in der ­Bibel kein Nebenthema für irgend­welche Spezialisten ist, lohnt es, sich kontinuierlich damit zu beschäftigen. Schwerpunkte unseres Tuns sind die Versöhnungs- und Bildungsarbeit im Blick auf Israel und das Judentum. Dazu gehört etwa auch die Unterstützung von Holocaust-Über­lebenden und Terroropfern. Und wir ermutigen zum Gebet für Israel. Die nächste ­Israelkonferenz findet übrigens am 17. Mai 2012 im Bildungs- und Begegnungszentrum im vogtländischen Reichenbach statt.

Wilfried Gotter ist Geschäftsführer der Sächsischen Israelfreunde e.V.

Wilfried Gotter ist Geschäftsführer der Sächsischen Israelfreunde e.V.


Die Sächsischen Israelfreunde unterstützen unter anderem die Organisation Keren Hajessod. Warum eine dem Zionismus verpflichtete Gruppe?
Gotter: Christen sind eingepfropft in den edlen Ölbaum Israel: »Nicht du trägst die Wurzel sondern die Wurzel trägt dich.« Man lese dazu den Römerbrief. Da der Jude Jesus ebenfalls Zionist war, wäre es verwunderlich, wenn wir es nicht wären. Wenn man Christ ist, kommt man an Jesus und seinem Land nicht vorbei. Jesus ist ohne Israel nicht zu haben. Geistlich und weltpolitisch haben wir als Christenheit keine Zukunft ohne Israel. Und noch eins ist wichtig: Das jüdische Volk ist das Gerichtskriterium Gottes für die nichtjüdischen Völker, siehe beim Propheten Joel. (Joel 4,1-4)
 
Und wie schätzen die Sächsischen ­Israelfreunde die Arbeit des Keren Hajessod ein?
Gotter: Aus der eben beschriebenen Sicht war und ist es uns eine große Freude, nach unseren Möglichkeiten den Keren Hajessod, der zu den drei großen Säulen der Unterstützung ­Israels gilt, zu helfen. Der Segen fliest zurück – denn wer Israel segnet, soll gesegnet sein! Übrigens die anderen zwei Säulen, die Jewish Agency, die ­offizielle Einwanderungsorganisation Israels, und den Jüdischen Nationalfonds, Keren Kayemeth Leisrael (KKL), unterstützen wir ebenfalls. Beispielsweise durch Baumpflanzungen in der Wüste. Vertreter dieser Organisationen sind natürlich auch auf unseren Konferenzen anwesend.

www.zum-leben.de

Auf Sichtweite – aber ohne Steinwurf

23. Oktober 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Hisbollah-Anhänger feiern den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad bei seinem Besuch an der libanesisch-israelischen Grenze mit einem Meer von gelben Hisbollah-Fahnen und iranischen Flaggen.  Foto: picture alliance/dpa/Nabil Mounzer

Hisbollah-Anhänger feiern den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad bei seinem Besuch an der libanesisch-israelischen Grenze mit einem Meer von gelben Hisbollah-Fahnen und iranischen Flaggen. Foto: picture alliance/dpa/Nabil Mounzer


Hintergrund: Ahmadinedschad im Libanon – oder das Ringen um die Führungsrolle in der islamischen Welt.

Geheimnisumwittert und vor allem spannungsgeladen war der Staatsbesuch des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad in der vergangenen Woche im Land der Zedern.

Von Johannes Gerloff (Jerusalem)

Das könnte einen Krieg auslösen«, unkte ein Beiruter Nah­ostexperte im Vorfeld. Dabei ging es gar nicht in erster Linie um den ewigen Zankapfel Israel. Wie schon bei der Affäre um die türkische Gaza-Hilfsflottille im Mai dieses Jahres stehen regionale Überlegungen und die Anstrengungen orientalischer Möchtegern-Großmächte, ihren Einflussbereich auszubauen, im Vordergrund.

Das Machtvakuum in der arabischen Welt ist mit Händen zu greifen. Syriens Baschar el-Assad ist es nie wirklich gelungen, die großen Stiefel seines Vaters auszufüllen. Der 82-jährige Ägypter Hosni Mubarak kämpft um seine Gesundheit, sucht einen Nachfolger und bemüht sich, die Hydra Muslimbruderschaft im eigenen Lande in Schach zu halten. Der Irak ist nach dem Sturz Saddam Husseins in sich zusammengebrochen. Vor diesem Hintergrund buhlen Ankara und Teheran um die Achtung der islamischen Welt. Der schiitische Halbmond, von Indien über Pakistan, den Iran und Syrien bis in den Südlibanon fordert die ihm seit Jahrhunderten verweigerte Ehre.

Und dann ist da seit Jahren ein ­innerlibanesischer Machtkampf, den der verlängerte Arm des Iran, die radikal-schiitische Hisbollah längst zu ­ihren Gunsten entscheiden konnte. Die einst so mächtigen christlichen Milizen des Zedernstaates sind verschwunden. Die Palästinenser, die einmal die einzige nichtjüdische Demokratie im Nahen Osten erfolgreich ausgehöhlt und zum Einsturz gebracht haben, sind erfolgreich neutralisiert. Warlords, wie der Druse Walid Dschumblat, haben keine militärischen Druckmittel mehr zur Hand.

Die libanesische Armee ist so schiitisch durchsetzt, dass sie der Hisbollah auf dem Weg zum Triumph keine Steine in den Weg legen wird, selbst wenn sie das wollte. Schon vor Jahren galten Genehmigungen ziviler Behörden, der Armee und des militärischen Geheimdienstes nichts im Vergleich zu einem Kopfnicken der allgegenwärtigen und fast allmächtigen Hisbollah. Die Befürchtung der USA, »die Hisbollah könnte die libanesische Souveränität untergraben«, hinkt der Realität um Jahre hinterher.

Besonders demütigend für libanesische Christen und muslimische Sun­niten gleichermaßen ist das Schick-
sal eines internationalen Tribunals, das den tödlichen Anschlag auf den ­libanesischen Regierungschef Rafik Hariri untersuchen soll. Der Sohn des schwerreichen Geschäftsmannes, Saad Hariri, der heute als Premier­minister des Libanon auf dem Platz seines Vaters sitzt, sieht sich unverhohlenen Drohungen ausgesetzt. Möglicherweise steckt die Hisbollah hinter dem Mord. Jetzt muss der junge Hariri mit den Hassern seines Vaters kooperieren.

»Wie ein Kommandeur, der seine Truppen inspiziert«
2006 hatte die israelische Luftwaffe die Hisbollah-Hochburg Dahia im ­Süden der libanesischen Hauptstadt Beirut in Schutt und Asche gelegt. Jetzt ließ sich der iranische Patron eben dort von Tausenden Hisbollah-Anhängern feiern. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah meldete sich in einer Videobotschaft aus seinem Versteck zu Wort. Einen Tag später hielt Ahmadinedschad eine Rede im südlibanesischen Bint e-Dschbeil, bei dem bis heute noch nicht unabhängig geklärt ist, ob der Schaden, den der Iran großzügig reparieren ließ, eine Folge israelischer Zerstörungswut oder von Explosionen unterirdischer Waffen­lager war, deren Ursprungsland wohl ebenfalls der Iran ist. »Die Zionisten werden verschwinden«, sagte der Iraner seinen Anhängern in Sichtweite des jüdischen Staates und überraschte mit dieser Prophetie weder Freund noch Feind. Bemerkenswert war die auffallende Abwesenheit libanesischer Flaggen bei diesen Massenversammlungen. Lediglich Hisbollah- und iranische Fahnen wurden geschwenkt.

Das offizielle Israel bemühte sich um Schweigen. Unüberhörbar war allerdings die Aussage, der Iran habe jetzt eine gemeinsame Grenze mit Israel. »Der iranische Präsident besucht den Libanon wie ein Kommandeur, der seine Truppen inspiziert«, meinte Yigal Palmor, Sprecher des israelischen Außenministeriums. Mindestens 40000 vom Iran gelieferte Raketen in Hisbollah-Händen bedrohen ­Israel – so schätzen israelische Sicherheitsexperten. Offiziell baten die Israelis die libanesische Regierung durch diplomatische Kanäle darum, jede Provokation zu unterlassen.

Ursprünglich wollte Ahmadinedschad bis an den israelischen Grenzzaun kommen, um einen Stein auf die israelischen Soldaten zu werfen. So jedenfalls wusste das die Gerüchteküche des Morgenlandes. Tatsache bleibt, dass mittlerweile jeder den Herrschaftsanspruch des Iran verstanden haben müsste. »Es gibt nur noch zwei Supermächte weltweit«, hatte Mahmud Ahmadinedschad schon vor Monaten erklärt: »die USA und den Iran.«

Blutige Propagandaschlacht

10. Juni 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Klares Feindbild: Libanesische Demonstranten verbrennen am vergangenen Sonntag eine mit blutigen Handabdrücken versehene israelische Fahne in der Nähe der Beiruter US-Botschaft. Foto: picture alliance/dpa

Klares Feindbild: Libanesische Demonstranten verbrennen am vergangenen Sonntag eine mit blutigen Handabdrücken versehene israelische Fahne in der Nähe der Beiruter US-Botschaft. Foto: picture alliance/dpa


Auf den ersten Blick scheint es klar: Israel hat mit der Aktion gegen die Hilfsflotte für Gaza gezeigt, wo es steht – auf der Seite des ­Bösen. Doch so einfach ist die Sache nicht.

Das Ziel stand eindeutig fest: Die Flotte »Free Gaza« sollte mit 700 Friedensaktivisten und 10000 Tonnen Hilfsgütern an Bord einen Weg nach Gaza öffnen, auf dem dann »monatlich ähnliche Schiffskonvois« folgen sollten. So Mohammed Kaya, der Leiter des Büros der »Internationalen Humanitären Hilfsorganisation« (IHH) in Gaza, am 21. Mai.

Zur Erinnerung: Israel blockiert den Gazastreifen, weil dort ein israelischer Soldat, Gilad Schalit, seit Sommer 2006 festgehalten wird – ohne ­jeden Kontakt zur Außenwelt. Nicht einmal das Rote Kreuz durfte ihn bislang besuchen. Zudem will Israel den Palästinensern klar machen: Der Beschuss Südisraels mit Raketen ist nicht akzeptabel. Vor dem Gazakrieg zum Jahreswechsel 2008/2009 waren mehr als 10000 Raketen von Gaza auf Israel abgeschossen worden. Seit Februar 2009 sind es schon wieder fast 500. ­Israels Premierminister Benjamin Netanjahu erklärt die Politik seiner Regierung »ganz einfach«: »Humanitäre und andere Güter kommen rein. Waffen und Rüstungsgüter nicht.«

So liefert Israel pro Woche weit mehr Hilfsgüter nach Gaza, als der ­gesamte Schiffskonvoi »Free Gaza« bringen wollte. Die Israelis beteuern: »Eine humanitäre Krise gibt es in Gaza nicht!« Pro-palästinensische Hilfsorganisationen kontern, die Lieferungen reichten bei weitem nicht aus, um »die enormen Bedürfnisse der erschöpften Bevölkerung zu befriedigen«.

Bis heute steht das Angebot, humanitäre Hilfsgüter über den Hafen Aschdod und israelische Sicherheitskontrollen ihrer Bestimmung in Gaza zukommen zu lassen. Aber die Verantwortlichen der »Free Gaza«-Flotte lehnten dieses Angebot genauso ab, wie die Bitte von Noam Schalit, seinem Sohn Gilad ein Päckchen und einen Brief zu überbringen. Deshalb ist der Schluss des israelischen Außenministers Danni Ayalon nicht ganz von der Hand zu weisen: »Die Aktion ‚Free Gaza’ hatte niemals eine humanitäre Zielsetzung, sondern war eine Provokation, um die Hamas zu unterstützen.«

Mehrfach weigerten sich die Besatzungen der sechs Schiffe am frühen Morgen des 31. Mai 2010, der Aufforderung der israelischen Kriegsmarine Folge zu leisten und in den Hafen von Aschdod einzulaufen. So beschloss die israelische Führung, die Schiffe zum Kurswechsel zu zwingen. Auf fünf Frachtschiffen der Flotte »Free Gaza« gelang es den Marinesoldaten problemlos, das Steuer zu übernehmen. Auf dem Passagierschiff »Mavi Marmara« aber waren die Friedens­aktivisten gut auf die Ankunft der ­israelischen Soldaten vorbereitet – wie Aufnahmen der Sicherheitskameras auf dem Schiff sowie Filmaufnahmen von Aktivisten bestätigen. Mit Schockgranaten und einem starken Wasserstrahl sollten die Elitesoldaten am Entern gehindert werden. »Wir waren auf passiven Widerstand und friedliche Demonstranten eingestellt«, erzählt Hauptmann R., »und sahen uns Terroristen gegenüber, die uns töten wollten.«

Eigentlich hätten die israelischen Soldaten und ihre Kommandeure von Engagement und Motivation der Blockadebrecher nicht überrascht sein dürfen. Einen Tag zuvor hatte Dr. Abd Al-Fatah Schayyek Naaman, ­Gast­dozent aus Jemen an der Universität Gaza, im Al-Aksa-Fernsehen der Hamas verkündet: »Sie werden Widerstand leisten, mit ihren Fingernägeln. Das sind Leute, die das Martyrium für Allah suchen. So sehr sie auch nach Gaza kommen wollen, das Martyrium ist doch erstrebenswerter.«

Anfangs war die Rede von 19 Toten. Dann wurde auf 15 Tote korrigiert. Bis schließlich klar wurde, dass neun ­Aktivisten, darunter vier Türken, ihr Leben verloren hatten. Sieben israelische Soldaten wurden teilweise schwer verletzt. Sie trugen unter anderem Knochenbrüche, Stichwunden im Unterleib und Schussverletzungen davon. Einer erlitt einen Schädelbruch.

Etwa 40 Friedensaktivisten hatten keinerlei Ausweispapiere bei sich. Dafür Gasmasken, kugelsichere Westen, Nachtsichtferngläser und verschiedene Waffen. Jeder dieser Männer hatte dieselbe große Summe Bargelds in der Tasche, zusammen mehr als eine Million US-Dollar. Israel vermutet, dass sie Al-Kaida-Söldner sind. Trotzdem bestreiten die Türken, dass sich irgendwelche Waffen an Bord der Mavi Marmara befunden haben. Immerhin hätten die Behörden alle Passagiere sorgfältig untersucht.

Zu diesen untersuchten Personen gehörte aber offensichtlich nicht das jemenitische Parlamentsmitglied Scheich Muhammad Al-Hasmi, der sich mit seinem Krummdolch in entsprechender Pose auf der Mavi Marmara fotografieren ließ. Al-Hasmi ­gehört zur Al-Islah-Partei, die der ägyptischen Moslembruderschaft verbunden ist.

Reflexartig sprachen arabische Medien und ihre Sympathisanten vom »Massaker auf hoher See«. Israelis konterten, ihre Soldaten seien »gelyncht« worden. In Online-Foren im Internet und im Facebook erfuhr das gesamte altbekannte, antisemitische Repertoire eine aktuelle Neuauflage. Lange bevor Fakten auf dem Tisch liegen konnten, zeigte sich die Welt schon einmal prophylaktisch empört über das blutrünstige Vorgehen des jüdischen Staates. »Tod den Israelis« forderten Aufkleber in der Türkei.

Auf Initiative der arabischen Staaten beschloss die UN-Menschenrechtskommission (UNCHR) eine Untersuchung – wobei bereits die Resolution zur Einrichtung der Untersuchungskommission Israel hart verurteilt. Und der Iran bedankte sich ausdrücklich bei Europa für dessen harte Reaktion auf »Israels barbarische Kommandooperation«.

Die Hilfsgüter der Flotte »Free Gaza« wurde auf Lastwagen verpackt und in Richtung Gaza geschickt. Doch die Hamas verweigerte deren Einreise. Offensichtlich kann man auch in Gaza mit Medikamenten, deren Verfallsdatum bereits in der Vergangenheit liegt, der Kleidung, den Decken, Rollstühlen und dem Spielzeug nichts anfangen. Dennoch befinden sich die nächsten Schiffe bereits auf dem Weg. Offensichtlich lohnen sich der finanzielle Aufwand und das persönliche Risiko der Beteiligten für den Propagandafeldzug der Feinde des jüdischen Staates.

Von Johannes Gerloff (Jerusalem)

Eine Schule für den Frieden

16. April 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Neve Shalom: Seit 1979 gibt es ein Friedensdorf, in dem Israelis und Palästinenser gemeinsam leben und lernen

Der mühsame Weg der Verständigung beim Reden miteinander und dem Hören aufeinander: jüdische und palästinen- sische Jugendliche im gemeinsamen Disput in Neve Shalom. Fotos: Neve Shalom

Der mühsame Weg der Verständigung beim Reden miteinander und dem Hören aufeinander: jüdische und palästinen- sische Jugendliche im gemeinsamen Disput in Neve Shalom. Fotos: Neve Shalom

Es gibt im Nahen Osten nicht nur eine Spirale aus Hass und Gewalt. Es gibt auch ­Initiativen die zeigen,
dass es anders geht. Ein ­Beispiel ist das Friedensdorf Neve Shalom.

Ein Dorf in Israel: Weiß getünchte Häuser, Schatten spendende Bäume, herumtollende Kinder, in der Nachbarschaft Olivenhaine. Das Ortsschild: ein Regenbogen, der die Straße überspannt. Auf halbem Wege zwischen Jerusalem und Tel Aviv liegt das Dorf mit dem etwas sperrigen Namen »Neve Shalom/Wahat al-Salam«, was die Dorfbewohner gerne mit »Quelle des Friedens« übersetzen.
Und dann, nur vier Kilometer entfernt, der brutale Kontrast. Acht Meter hohe Betonmauern mit Wachtürmen, Stacheldraht, schussbereite Soldaten am Checkpoint: Die Grenze zum Westjordanland, die Nahtstelle zweier Völker also, die sich erbitterte Kämpfe liefern und sich so ineinander verbissen haben, dass ein Zusammenleben schier unmöglich scheint.

Mittendrin in dieser geballten Ladung an Hass und Gewalt ein Dorf, in dem seit über dreißig Jahren Israelis und Palästinenser friedlich miteinander leben. Eine Insel der Glückseligkeit? »Wir leben mit dem Konflikt, nicht neben ihm«, betont Evi Guggenheim-Shbeta, und fügt hinzu: »Wie unsinnig dieser Krieg doch ist! Letzten Endes wird doch verhandelt werden müssen und zu einem Abkommen ­gefunden werden. Wenn nur ein winziger Bruchteil des Geldes, das jetzt in diesen Krieg investiert wird, in Friedensarbeit investiert würde!«

Evi Guggenheim ist Jüdin und entstammt einer traditionsbewussten Familie, die vor dem NS-Regime in die Schweiz floh. Als 19-Jährige wanderte sie von Zürich nach Israel aus und heiratete dort den muslimischen Palästinenser Eyas Shbeta, dessen Familie 1948 von den Juden vertrieben und enteignet wurde. Beide gehören zu den Pionieren des Friedensdorfes, das einmalig ist in Israel. Durch ihre Liebe leben beide bis heute vor, wie die Traumata von Hass und Gewalt überwunden werden können.

Doch gegründet wurde das Dorf nicht von ihnen, sondern von Bruno Hussar. Der konvertierte 1935 vom ­Judentum zum katholischen Glauben und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg Dominikaner-Priester in Jeru­salem, wo er die Konflikte zwischen jüdischen Israelis und palästinensischen Arabern hautnah miterlebte. So reifte in ihm der Entschluss, eine »School for Peace« (Friedensschule) zu gründen – als Kontrast zu den ­staatlichen Militärakademien. Denn: »Auch der Frieden ist eine Kunst, die gelernt werden muss.« Doch vom Traum bis zur Verwirklichung sollten noch neun Jahre voller Widerstände vergehen.

Aber 1979 konnte endlich die erste jüdisch-arabische Jugendbegegnung auf einem Brachland stattfinden, das Hussar vom Trappistenkloster Latroun pachtete. Seitdem haben mehr als 40000 israelische Juden und palästinensische Araber an den Begegnungen und Kursen der »School for Peace« teilgenommen. Und obwohl die Schule mehrfach internationale Friedenspreise erhielt, wird sie bis heute vom Staat Israel finanziell nicht gefördert. Die benachbarte Grundschule hingegen, die ebenfalls zum Friedensdorf gehört, wurde 1993 staatlich anerkannt und erhält seitdem wenigstens 25 Prozent ihres Schulgeldes erstattet.

Aus dem einstigen Brachland entstand unter unsäglichen Mühen ein ganzes Dorf, in dem inzwischen über 50 Familien wohnen. Und ständig kommen neue hinzu, doch nicht jeder der zahlreichen Bewerber wird aufgenommen: »Wir wollen Leute, die hinter der Idee des gemeinsamen Lebens von Juden und Arabern stehen«, betont Frau Guggenheim-Shbeta.

Auch wird streng auf die jüdisch-arabische Parität in allen Lebensbereichen geachtet: »Wir wollen gleiche Grundlagen für alle schaffen und das Ungleichgewicht der Kräfte beseitigen«, meint der Lehrer Abdelsalam Najjar, dessen Alltagserfahrung als ­palästinensischer Araber außerhalb des Dorfes eine ganz andere ist: »Ich versuche, auch am Checkpoint den Soldaten gegenüber als gleichwertiger Mensch aufzutreten«, umschreibt er die Diskriminierung, der sich dort viele Palästinenser ausgesetzt fühlen.

Frieden könne nach der Erfahrung Najjars nur entstehen, wenn beide Seiten ihre Energie statt in Gewalt­tätigkeiten in friedensstiftende Aktionen stecken würden. »Das gelingt aber nur, wenn wir den anderen als Partner und nicht als Feind zu akzeptieren lernen.«

Von Rainer Borsdorf

Weitere Informationen und einen Rundbrief in deutscher Sprache gibt es bei: Freunde von Neve Shalom/Wahat al ­Salam e.V., Sonnenrain 30, 53757 Sankt Augustin, Telefon (02241) 331153, Fax (02241) 396549, E-Mail
www.nswas.org