»Ich werde sein, der ich sein werde«

8. November 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Auf Leserwunsch widmet sich unsere Kirchenzeitung den schönen Namen Gottes, die im Koran vorkommen. Der folgende Beitrag erläutert Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den islamischen und christlichen Namen für Gott.

Im zweiten Buch Mose wird berichtet, wie Gott dem Mose seinen geheimnisvollen Namen nennt. Luther übersetzte die hebräische Formulierung mit »Ich werde sein, der ich sein werde«. Klar, das ist kein unbefangener Vorname wie Paul oder Elvira, sondern der Name Gottes ist eine Beschreibung des Wesens Gottes. Gott bestätigt mit diesem Namen, dass er immer und ewig für uns da ist und sein wird.

In nahezu allen Religionen haben die Götter Namen. Man denke an Vishnu, Zeus, Athene, Wotan, Freya usw. Auch diese Namen verraten etwas über das Wesen des jeweiligen Gottes.
Der Islam kennt 99 Namen Gottes, die auch als die schönen Namen Gottes bezeichnet werden. Fast alle diese Namen finden sich im Koran, lediglich fünfzehn stammen aus weiteren Überlieferungen. Im Koran heißt es: »Gott hat die schönen Namen. Darum rufet ihn an mit ihnen.« (Sure 7,180) Der 100. Name Gottes gilt als unaussprechlich.

Zu den bekanntesten Namen Gottes im Islam gehören »der Herrscher«, »der Allmächtige«, »der Allwissende«, »der Glorreiche«, »der Wohltätige« und »der Lebensspendende«. Viele dieser Namen Gottes sind uns Christen nicht fremd. Aber es fehlt in der islamischen Tradition ein Name Gottes, der für uns von größter Wichtigkeit ist: Im Islam kann Gott nicht Vater genannt werden. Eine solche Anrede steht nach muslimischer Überzeugung im Widerspruch zu Gottes Jenseitigkeit und Transzendenz. Christen jedoch können Gott als »Vater«, als »lieben Vater«, als »unseren Vater« anreden. Jesus hat das selber oft getan – zum Beispiel im Garten Gethsemane. Wir können dies nun auch. Mehr noch: Wir werden sogar von Jesus zu dieser vertrauensvollen Anrede im »Vaterunser« aufgefordert.

Die Rede von Gott als Vater ist in der Heiligen Schrift und in der jüdischen Tradition immer mit Eigenschaften wie Nähe, Fürsorge, Barmherzigkeit und Liebe verbunden. Der Prophet Hosea beschreibt Gott mit Bildern, die einem fürsorglichen Elternteil entsprechen. (Hosea 11) Für Christen ist Gott der, der sich liebend zuwendet. Eben wie ein Vater oder ein väterlicher Freund. So heißt es im zweiten Buch Mose: »Der Herr aber redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet.« (2. Mose 33.11)

Für Muslime ist Allah in erster Linie der absolute Herrscher, nach dessen Gesetzen sich jedes Geschöpf und jede Gemeinschaft zu richten hat. So zeigen die unterschiedlichen Namen Gottes, dass es sowohl Gemeinsamkeiten zwischen dem christlichen und dem islamischen Gottesbild gibt, aber auch wichtige Unterschiede.

Andreas Fincke

Behutsam bewegt sich etwas

19. September 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Achava-Festspiele: Im Mittelpunkt stand das Gespräch zwischen verschiedenen Kulturen und Religionen

Barmherzigkeit und Nächstenliebe: das sind die Aushängeschilder von Jesus von Nazareth und der ihm nachfolgenden Christenheit. Für den Islam nehmen Außenstehende meist das Gegenteil an. Laut einer Statistik halten 57 Prozent der Deutschen den Islam für bedrohlich. Gewalt, Terroranschläge, die Einschränkung persönlicher Freiheit und Meinungsäußerung: all das wird oft mit dem Islam gleichgesetzt.

Mouhanad Khorchide zeichnet ein ganz anderes Bild des Islam. Der Professor für islamische Religionspädagogik an der westfälischen Wilhelms-Universität Münster hat in seinem Buch »Islam ist Barmherzigkeit. Grundzüge einer modernen Religion« seine Vision von einem Islam des 21. Jahrhunderts skizziert. Im Rahmen der Erfurter Religionsgespräche beim Achava Festival in Erfurt stellte Khorchide seine Thesen vor.

»Eine Religion, die den Anspruch hat im 21. Jahrhundert zu gelten, auch wenn sie im 7. Jahrhundert entstanden ist, muss sich erneuern«, stellte Khorchide ganz klar fest. Der Islam, so der Professor, der im Libanon geboren wurde, habe die gleichen Probleme wie andere Religionen. Oft erreiche man mit den religiösen Inhalten die Jugend kaum noch. »Es gibt viele Kultur-Muslime, die den Islam als kulturelle Identität verstehen, aber wenig bis gar nicht gläubig sind«, so Khorchide. Er sieht hier ein ganz klares Versagen der Religion, das große und bedrohliche Auswirkungen hat.

Khorchide plädierte beim Gespräch in der Erfurter Peterskirche dafür, den Koran historisch-kritisch zu untersuchen, so, wie es auch christliche und jüdische Theologen mit ihren heiligen Schriften praktizieren. Man müsse ein heiliges Buch immer auch im historischen Kontext lesen und in die neue Zeit übersetzen. Kein Jude oder Christ würde Stellen im Alten Testament, die Gewalt zum Thema hätten, unreflektiert ins Heute übertragen.

Konzert mit der israelischen Sängerin Ester Rada. Foto: Achava-Festspiele

Konzert mit der israelischen Sängerin Ester Rada. Foto: Achava-Festspiele

Den Text kritisch anschauen und mancherorts entschärfen, dieser Anspruch hat Khorchide viel Kritik und sogar Morddrohungen eingebracht. Viele werfen ihm vor, beliebig Stellen aus dem Koran zu verwenden und damit ein völlig anderes, ja weichgespültes Bild des Buches zu zeichnen. Diesem Vorwurf trat Khorchide beim Religionsgespräch entschieden entgegen. »Ich versuche vehement, Schlüssel und Kriterien zu schaffen. Ich möchte Antworten finden auf die Fragen ›Was will Gott? Warum erschafft er die Menschen?‹ Vor diesem Hintergrund muss man den Koran lesen. Das ist Exegese.«

Das Gottesbild eines ungerechten strafenden Gottes lehnt Khorchide kategorisch ab. »Glaube ist keine Überschrift«, so der Wissenschaftler und gläubige Muslim. »Glaube ist etwas, das man durch sein Handeln bezeugt.«

Doch wie zukunftsfähig ist eine Religion, die sich schwertut in ihrer Erneuerung, die mit Kritik schlecht umgehen kann und aus den verschiedensten Strömungen besteht? Der Islam könne in der Zukunft nur bestehen, wenn er sich erneuere und eine klare Trennung von Politik, Gewalt und Glaubensinhalten vollziehe, erklärte Khorchide.

Vor dem Hintergrund der Anfeindungen und Bedrohungen, denen er selbst ausgesetzt ist, und angesichts der Ereignisse in der Welt, trat die Frage auf, wie reell so eine Reform des Islam sei. Mouhanad Khorchide weiß, dass sich nur ganz langsam ein Wandel einstellen kann. Er aber spüre, dass sich behutsam etwas bewege. Die Erneuerung werde, so glaubt er, von Europa und den hier lebenden Muslimen ausgehen, die in ihrer Religionsausübung und in ihrer Meinungsfreiheit nicht eingeschränkt seien. Der Bedrohung des IS kann er nur eine positive Seite abgewinnen: Sein Terror habe dazu geführt, dass sich viele Menschen vom politischen Islam ab- und einer Reform zuwenden. Khorchide weiß, wie schwer seine Bemühungen sind, doch er steht auch an diesem Abend in der Erfurter Peterskirche unermüdlich für sie ein: für interreligiösen Dialog, Erneuerung, Freiheit und Demokratie, auch für und mit Muslimen.

Diana Steinbauer

Das Kreuz mit dem Kreuz

30. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die lutherische Kirche in Schweden erlebt derzeit eine in dieser Schärfe ungewöhnliche Auseinandersetzung: Kritiker werfen der Kirchenführung ein Verleugnen des Kreuzes und Unterwürfigkeit gegenüber dem Islam vor.

Begonnen hat der offene Streit mit einer Facebook- und Twitter-Initiative von drei schwedischen Pastorinnen Ende Juli: »Mein Kreuz« sollte ein Zeichen für verfolgte Christen im Nahen Osten setzen. Die Teilnehmer wurden aufgefordert, ihr Kreuz offen zu tragen. Anlass war die Ermordung des französischen Priesters Jacques Hamel in Frankreich.

»Es beunruhigt mich, dass das Kreuz zu einem Distanz schaffenden Zeichen genutzt wird«, schrieb darauf der Pastor und Sprecher der Kirche mit dem Hauptsitz in Uppsala, Gunnar Sjöberg. Er nannte die Aktion auf seinem Internet-Blog sogar »unchristlich«.

Dunkle Wolken über der Altstadt von Stockholm mit der Gertrudiskirche (Mitte), wo sich eine deutschsprachige Gemeinde innerhalb der Schwedischen Kirche trifft. Die lutherische Kirche Schwedens war bis zum Jahr 2000 Staatskirche. Foto: rudi1976 – Fotolia.com

Dunkle Wolken über der Altstadt von Stockholm mit der Gertrudiskirche (Mitte), wo sich eine deutschsprachige Gemeinde innerhalb der Schwedischen Kirche trifft. Die lutherische Kirche Schwedens war bis zum Jahr 2000 Staatskirche. Foto: rudi1976 – Fotolia.com

»Die Schwedische Kirche benimmt sich gegenüber dem Islamismus unterwürfig«, reagierte in einem Leitartikel die sonst so liberale Zeitung »Göteborgs-Posten« auf Sjöbergs Aussagen. Die Kirche sei merkwürdig still bei Gewalttaten von Islamisten, verurteile jedoch stets scharf Gewalt vonseiten Israels, stellte die Zeitung fest.

Ann Heberlein, eine durch TV und Bücher populäre Theologin, wies in der Boulevardzeitung »Expressen« darauf hin, dass bis Juni bereits 13 000 Kirchenmitglieder ausgetreten sind – 10 000 mehr als sonst durchschnittlich. Vor allem träten Menschen in den Sechzigern aus, die in der Kirche keine geistliche Heimat mehr fänden. Die Erzbischöfin Antje Jackelén habe Diskussionen über ein neues Kirchenhandbuch, dessen politische Akzente Kirchenmitgliedern aufstießen, nicht ernst genommen und schweige zu der Ermordung des Priesters in der französischen Kirche und zu der Christenverfolgung im Nahen Osten. »Die Kirche will keine christliche Gemeinschaft mehr leiten«, glaubt Heberlein.

Dazu kommt: Bereits im Frühjahr gab es einige Skandale um Verschwendung von Kirchengeldern, die in den schwedischen Medien breit diskutiert wurden. Die Vorwürfe: Kirchenfunktionäre reisten zu Konferenzen um die Welt und ließen sich private Luxusreisen sponsern. So flogen etwa 99 Personen der Gemeinde Hudding für fünf Tage an den Strand nach Malta, um das »Wir-Gefühl« zu stärken.

»Wir bestellen mal das Teuerste« – diese Mentalität macht die ebenfalls populäre Pastorin Annika Borg in Teilen der Kirche aus. Die Kirche brauche eine neue Leitung und eine neue Reformation, so Borg. Jackelén, eine gebürtige Deutsche, hat sich zu den Vorwürfen bisher nicht direkt geäußert. Auch Sjöberg ist derzeit nicht für einen Kommentar zu erreichen.

Die Chefredakteurin der Zeitschrift »Evangelium«, Sofia Lilly Jönsson, warnte davor, die Erzbischöfin persönlich für Verfehlungen wie die finanziellen Verschwendungen verantwortlich zu machen. Jackelén habe weit weniger Macht als es scheine, die Kirche habe eine »unerhört komplexe Struktur«.

Der Pastor und Künstler Kent Wisti kritisiert dagegen den Konservatismus, den er bei Heberlein zu entdecken meint und weist darauf hin, dass sich die Kirche, im Gegensatz zu Gott, fortlaufend verändere. Die Auseinandersetzung, so Wisti, sei die zwischen »Kreuzrittern und Pilgern«, zwischen »Angst voreinander und Verlangen nacheinander«.

Die aktuelle Debatte um das Kreuz ist indes nur ein weiterer Reibungspunkt auf dem Weg der Kirche in Schweden, der ihre Kritiker eine immer stärkere Verweltlichung und Politisierung vorwerfen. Johanna Andersson, die Pastorin und Initiatorin der Kreuz-Facebookseite, hat vor wenigen Tagen die Konsequenzen gezogen und ihren Austritt aus der Kirche angekündigt. Sie beklagt ein »Mobbing« der Kirchenleitung, die ihr vorwerfe, sie würde gegen Muslime hetzen und wünsche einen »Religionskrieg«.

Der Schwedischen Kirche gehören offiziell noch rund 64 Prozent der Bevölkerung des Landes an. Aber nur 45 Prozent der Schweden glauben laut einer Umfrage an Gott. Dennoch scheint die Frage nach Gott die Gesellschaft mehr umzutreiben als man denkt. Ein Indiz dafür sind unter anderem die philosophischen und theologischen Texte, die man in Schwedens Zeitungen und Zeitschriften weit häufiger lesen kann als etwa in Deutschland.

Jens Mattern

So fern und doch so nah

30. August 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Gottesdienste der anderen: Was können Christen von anderen Religionen lernen? Mit dieser Frage beschäftigt sich eine dreiteilige Beitragsserie. Diesmal geht es um den islamischen Gottesdienst.

Was Gottesdienst im Islam bedeutet, ist nur mit einer gewissen Vorläufigkeit zu bestimmen. Manche Muslime sehen in jeder Handlung, die dem Willen Gottes entspricht, die wahre Form des Gottesdienstes. Dies entspricht der christlichen Vorstellung, die die Bewährung des Glaubens im Alltag ebenfalls als Gottesdienst bezeichnen kann.

In einer enger gefassten Definition wird im Islam als Gottesdienst bezeichnet, was als Ritual in erster Linie die Beziehung zu Gott betrifft. Diese Rituale werden als Ibadat bezeichnet und in einem eigenen Bereich der Scharia, d. h. der islamischen Normenlehre, verhandelt. Ibadat leitet sich von der arabischen Wurzel abd (dienen) ab. Bekannt ist die Wurzel als Bestandteil von Namen wie Abdullah – Diener Gottes. Zu den Ibadat zählen neben dem Gebet auch das Fasten, die Almosensteuer, die Pilgerfahrt und diverse Reinheitsvorschriften.

Dem christlichen Verständnis von Gottesdienst entspricht am ehesten das Ritual- oder Pflichtgebet (Salah bzw. Salat), neben dem jedoch noch weitere Gebetsformen praktiziert werden. Es wird fünfmal am Tag verrichtet. Die Zeiten orientieren sich am Stand der Sonne und variieren daher nach Jahreszeit und Ort. Traditionell wird durch den Gebetsruf (Adhan) zum Gebet aufgerufen. In Deutschland geschieht dies in der Regel nur innerhalb der Moschee. Bis auf das Freitagsgebet, das die muslimischen Männer in Gemeinschaft in der Moschee durchführen und in dem wie im christlichen Gottesdienst eine Predigt erfolgt, können die anderen Gebete auch alleine vollzogen werden.

Vor dem eigentlichen Gebet erfolgt eine doppelte Vorbereitung. Zum einen vollzieht der bzw. die Gläubige eine rituelle Reinigung (wudu) mit Wasser. Eine innerliche Ausrichtung auf das Gebet erfolgt durch die Absichtserklärung (fard). Im Hinblick auf das christliche Gebet könnte diese doppelte Vorbereitung Anlass geben, die Zeit vor Beginn des Gottesdienstes bewusster wahrzunehmen. Das bei vielen Gläubigen nicht mehr praktizierte Gebet zur Vorbereitung könnte in diesem Sinne wiederbelebt werden. In der katholischen Kirche hat sich hingegen der Brauch gehalten, sich beim Betreten der Kirche mit dem Weihwasser zu bekreuzigen: ein symbolischer Akt der Reinigung und eine Erinnerung an die Taufe. Beim gemeinsam vollzogenen Gebet stehen die Muslime in Reihen dicht beieinander. Symbolisch soll so ausgeschlossen werden, dass sich der Teufel zwischen die Betenden stellt und sie vom Gebet ablenkt. Zugleich ist diese Tradition eine vorbildliche Nivellierung aller sozialen und intellektuellen Unterschiede.

Das Ritualgebet selbst besteht aus mehreren sich wiederholenden Einheiten (rak’a). Mit dem Körper werden bestimmte Gebetshaltungen eingenommen, in der Regel das Stehen mit den hinter den Ohren erhobenen Händen, die Verbeugung und das Niederwerfen, bei dem die Stirn den Boden berührt. Die einzelnen Gebetshaltungen sind mit höchster Wahrscheinlichkeit aus vorislamischen Traditionen übernommen. Auch in manchen christlichen Konfessionen wurden und werden sie noch immer praktiziert. Für den evangelischen Gottesdienst können sie eine Anregung sein, neu darüber nachzudenken, wie mit Gesten und Gebetshaltungen das Gebet vertieft werden kann.

Den beschriebenen Gebetshaltungen sind Texte aus dem Koran sowie kurze Gebetsrufe zugeordnet. Zu den Texten aus dem Koran, die auswendig, aber zum Teil nur murmelnd gesprochen werden, gehört die erste Sure (Kapitel), »Al-Fatiha«, die Eröffnende – ein Gebet, das im Islam eine ähnliche Bedeutung hat wie das Vaterunser im christlichen Kontext. Dass Suren auswendig rezitiert werden, könnte ein Anstoß sein, im evangelischen Bereich dazu zu motivieren, verstärkt Lieder, Gebete und Bibeltexte auswendig zu lernen, um sie in Krisensituationen abrufen zu können.

Der bekannteste Gebetsruf innerhalb des Ritualgebets ist das Allahu akbar – Gott ist größer. Mit diesem Lob Gottes drücken muslimische Gläubige nicht nur aus, dass der eine Gott größer als alle Götzen ist, sondern sie erinnern sich auch daran, dass Gott alle Vorstellungen von ihm übersteigt. Dies deckt sich mit dem im jüdisch-christlichen Kontext überlieferten Gebot, sich kein Bild von Gott zu machen.

Der muslimische Gottesdienst unterscheidet sich – wie wir gesehen haben – in vielem vom christlichen Gottesdienst. Dennoch kann die Betrachtung der Art und Weise, wie Muslime und Musliminnen beten, uns Christen anregen, alte Praktiken neu zu überdenken und neue Formen auszuprobieren.

Ralf Lange-Sonntag

Der Autor ist Referent für Fragen des christlich-islamischen Dialogs am Institut für Kirche und Gesellschaft in Villigst.

Wenn Gesichter sprechen

4. Februar 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Bild und Bibel: Nader Setareh liebt die uralte erdgebundene Kunst des Keramikreliefs

Im Rahmen des Themenjahres »Bild und Bibel« stellen wir zeitgenössische bildende Künstler vor, die sich mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen. Heute ein Besuch bei dem Eisenacher Keramikkünstler Nader Setareh.

Gesichter haben es ihm besonders angetan. Wenn Nader Setareh den feuchten Ton zwischen den Fingern spürt, schließt er die Augen. Nun beginnen seine Hände die Umrisse eines Antlitzes zu formen. Wenn er dann die Augen öffnet, sieht er in ein Gesicht. Ein Gesicht, dass zu ihm spricht, wie er sagt. »Ich nehme dann Verbindung mit ihm auf.« Und wenn zu den Lippen auch noch die Augen geformt sind und das neue Gegenüber ihn nicht nur anspricht, sondern auch anschaut, ist das der schönste Moment in der Arbeit des Keramikkünstlers: »Dann läuft mir oft eine Gänsehaut über den Rücken.«

In Kuwait geboren und im Iran aufgewachsen: Nader Setareh aus Eisenach vor seinem Keramikrelief »Käthe«, in dem er sich mit der »Lutherin« auseinandersetzt. Foto: Harald Krille

In Kuwait geboren und im Iran aufgewachsen: Nader Setareh aus Eisenach vor seinem Keramikrelief »Käthe«, in dem er sich mit der »Lutherin« auseinandersetzt. Foto: Harald Krille

So ging es dem seit 2010 in Eisenach lebenden Setareh etwa bei der Gestaltung des Wandreliefs zur heiligen Elisabeth, oder auch bei seiner Darstellung der »Käthe«, Luthers Frau. Die künstlerische Arbeit ist für ihn zugleich eine Art Therapie. Denn sein Leben verlief alles andere als glatt, so manche traumatische Erfahrung prägt den sensiblen Mann. Geboren 1957 in Kuwait wächst er anschließend in Teheran, der Hauptstadt des Iran, auf. Dort nimmt er ein Kunst- und Designstudium an der Universität auf. Bis nach der sogenannten »islamischen Revolution« die Herrschaft der Ayatollahs beginnt. Nater Setareh emigriert nach Deutschland, vollendet in Köln sein Studium, entwirft später Designermode und Seidenapplikationen für deutsche Versandhäuser, ist auf den großen Modemessen zu Hause.

2003 wird ihm eine Besuchsreise in den Iran zum Verhängnis. Weil er an einer kleinen Demonstration von Studenten teilnimmt, verhaftet ihn die Geheimpolizei. Wenig sagt er über seinen Weg durch die berüchtigten Gefängnisse des islamischen Regimes. Aber man ahnt die Dimension des Terrors, wenn er mit traurigem Blick sagt: »Ich habe so viele junge Menschen sterben gesehen.« Als er psychisch schwer angeschlagen endlich aus dem Gefängnis kommt, aber im Iran festsitzt, helfen ihm Freunde in Teheran zu einer neuen künstlerischen Betätigung – und zum Broterwerb. Setareh beginnt mit der Arbeit als Keramiker, gestaltet große farbige Wandreliefs. »Die Arbeit mit Lehm und Ton und die Gestaltung von Reliefs hat schließlich im Nahen Osten eine jahrtausendelange Tradition«, sagt er stolz.

»Die künstlerische Arbeit ist für ihn zugleich eine Art Therapie«

Gebrochen hat der als Muslim geborene und aufgewachsene Setareh allerdings mit seiner früheren Religion. »Ich habe erkannt, was Islam wirklich bedeutet: so viel Brutalität, so viele unschuldig Hingerichtete …« Für die so gern vertretene These, dass die Islamisten des Nahen Ostens nicht den »wahren Islam« verkörpern, hat er nur ein müdes Lächeln übrig. Jeder könne es selbst überprüfen: Die Terrorgruppe »Islamischer Staat« könne sich mit all ihrer Brutalität exakt auf den Koran berufen. »Jeder vernünftige Mensch soll einfach einmal das Leben Mohammeds und das Leben Jesu vergleichen.« »Bekenntnis oder Tod«, habe es von Anfang an bei Mohammed geheißen. »Wenn Islam ›Frieden‹ bedeutet, warum dann immer wieder das Schwert?«, fragt Setareh und fügt hinzu: »Es stimmt, auch Christen haben Gewalt angewendet, aber sie haben damit immer den Geboten Jesu entgegengehandelt.«

Was Nader Setareh, der neben seinen plastischen Werken auch lyrische Texte verfasst, heute beschwert, ist die relative Einsamkeit in Eisenach. Er wünschte sich mehr Kontakte zu anderen Künstlern. Und Ausstellungsmöglichkeiten, gern auch in Kirchen. Dort, in der Ruhe bei Gott, fühle er sich mit seinen Werken immer besonders wohl. Denn: »Die Kirche ist für mich die wahre Moschee.«

Harald Krille

Kontakt: Atelier Seta Ceramic, Schmelzer­straße 1, 99817 Eisenach, Telefon (0 36 91) 6 58 02 54

Unterm Sternenhimmel Gott nahekommen

9. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Prominente erzählen, wann sie sich in Gottes Nähe fühlen


Gott nahekommen – das können Menschen auf ganz verschiedene Weise. Evangelisch.de hat namhafte Zeitgenossen zur Jahreslosung 2014 befragt. Diese lautet: »Gott nahe zu sein ist mein Glück.« Prominente erzählen in dieser und der nächsten Ausgabe, wann sie sich Gott nahe fühlen und wie man ihrer Meinung nach Gott nahekommt.

Rüdiger Nehberg, Survival-Experte und Menschenrechtsaktivist schildert: »Geradezu körpernah zur Schöpfungskraft des Universums fühlte ich mich, als mein Freund Michael vor meinen Augen am Blauen Nil in Äthiopien aus zwei Metern Entfernung von einem Dutzend Räubern erschossen wurde und die Kugeln, die mir und meinem zweiten Begleiter gegolten hatten, danebengingen. Dass es uns dann mit der unerwartet großen Kraft, die ein Körper in solchen Situationen entwickelt, gelang, den Verfolgern zu entkommen, war das nächste Wunder. Die Wunderserie hielt an. Dass ich gezielt auf die Angreifer zurückgeschossen und dennoch in der chaotischen Hektik niemanden getroffen hatte, hatte zur Folge, dass sie später nach ihrer Ergreifung nicht sagen konnten, wir hätten den Streit begonnen. Sonst wäre ich in irgendwelchen Gefängnissen verendet.

Rüdiger Nehberg. Foto: Nehberg

Rüdiger Nehberg. Foto: Nehberg

Ich ahnte nicht, dass das Leben mich noch mit einer beispiellosen und lebenserfüllenden Aufgabe konfrontieren würde. Es wurde der Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung. Meine Frau und ich sind Augenzeugen dieses Verbrechens geworden. Als wir erfuhren, dass 90 Prozent der Opfer Muslimas sind (zu den Übrigen zählen auch Christen) und der Brauch meist und falsch mit dem Koran gerechtfertigt wurde, war unsere Vision die, ihn mit der Kraft und Ethik der Weltreligion Islam zur Sünde erklären zu lassen. Das ist gelungen. Auf der von uns am 24. 11. 2006 durchgeführten »Internationalen Gelehrtenkonferenz« erklärte die geistige Elite des Islam den Brauch in einer Fatwa zu einem ›Verbrechen gegen höchste Werte des Islam‹. Diese revolutionäre Entscheidung nun in die Köpfe der Betroffenen zu zwingen, ist zu unserer derzeitigen größten Herausforderung geworden.

Wenn dieser mein Lebenslauf nicht ›gott‹gesteuerte Fügung ist, weiß ich nicht, wie man es sonst nennen sollte. Denn um das zu erreichen, mussten wir sogar eine eigene Menschenrechtsorganisation, »TARGET« gründen. Andere deutsche Organisationen, mit denen wir kooperieren wollten, hatten die Idee, es ausgerechnet mit der Kraft und Ethik des Islam zu versuchen, als absurd abgelehnt. Der Islam sei ›nicht dialogfähig‹, hatten sie argumentiert.«

Sein Tipp, wie man Gott nahekommen kann: »Wer Gott ›nah‹kommen möchte, sollte sich einmal unter einen sternenklaren Himmel legen und sich vorstellen, wie dieses unvorstellbare Mosaik Weltengefüge zustande gekommen ist, wer sich das ausgedacht hat, und wie ein solches Genie dann auf die fatale Idee gekommen ist, die Erde mit der Spezies Mensch zu bevölkern. Ob ihm das wohl leid tut? Ich werde es sicher bald erfahren. Ich werde 79.«

Rüdiger Nehberg, ist Abenteurer, Survival-Experte und Menschenrechtsaktivist. Bei seinen Expeditionen fuhr er zum Beispiel alleine in einem Tretboot über den Atlantik und durchquerte zu Fuß und ohne Ausrüstung den brasilianischen Regenwald. Von seinen Erlebnissen berichtet er in zahlreichen Büchern und Vorträgen. Für sein Engagement erhielt er unter anderem das Bundesverdienstkreuz.

www.evangelisch.de

Wenn uns die Wahrheit abhandenkommt …

15. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Im Gespräch: Der Theologe Michael Trowitzsch sieht in der gegenwärtigen Toleranzdiskussion die Wahrheit der christlichen Botschaft bedroht

Im Rahmen der Reformationsdekade steht das Jahr 2013 ­unter dem Thema »Reformation und Toleranz«. Wo beginnt Toleranz, wo hat sie ihre Grenzen? Für den Theologen ­Michael Trowitzsch gibt es beim Dialog mit anderen ­Religionen klare Grenzen. Mit ihm sprach Sabine Kuschel.

Herr Professor Trowitzsch, im Themenjahr »Reformation und Toleranz« wird auch das Miteinander der Religionen beleuchtet. Wo sehen Sie im interreligiösen Gespräch die Grenzen der Toleranz?
Trowitzsch:
Ich möchte einfach eine Sorge zum Ausdruck bringen: dass uns nämlich über den Begriff der ­Toleranz die Wahrheit abhandenkommt. Ich rede jetzt nicht vom Staat. Der hat sich »weltanschaulich neutral« zu verhalten. Gemeint sind Theologie und Kirche. Das heißt, wenn in Theologie und Kirche »Toleranz« auf Kosten der Wahrheit propagiert wird, dann verlieren zentrale Perspektiven des Neuen Testaments ihre orientierende Kraft. Das wiederum bedeutet, dass wir dann eine ganze Reihe von tragenden, erfreulichen, herrlichen Aussagen des Neuen Testaments einfach ignorieren müssen oder ihnen geradezu widersprechen, etwa: »Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.«

Michael Trowitzsch hatte bis 2010 den Lehrstuhl für Systematische Theologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena inne. Foto: privat

Michael Trowitzsch hatte bis 2010 den Lehrstuhl für Systematische Theologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena inne. Foto: privat

Also, wenn Toleranz heißen sollte, dass dieser Anspruch Jesu relativiert oder durchgestrichen wird, dann müssen Christen, Theologen sagen: In aller Ausdrücklichkeit: Nein. Wohin man schaut im Neuen Testament: Es wird – mit Freude! – von der Offenbarung Gottes selbst geredet: »Das Wort ward Fleisch.« Und Christus ist »das Lamm Gottes, welches die Sünde der Welt trägt«. Die der Welt! Alles das sind Aussagen, die einfach von einer letzten, guten, unüberbietbaren Wahrheit wissen, vom Evangelium Gottes.

Wo genau sehen Sie diese Gefahr?
Trowitzsch:
Etwa beim Gespräch mit dem Islam. Ich beobachte auch unter Christen die verbreitete generelle Meinung, dass die Offenbarung in Jesus Christus nur eine von vielen religiösen Wahrheiten ist. Hier muss ich sehr deutlich sagen: Das ist unerträglich, das geht gar nicht. In diesem Sinne läge mir an einer klaren Bestimmung des Begriffs und der Sache der Toleranz. Die Grenzen sind dort überschritten, wo der einfache, deutliche, überaus positive Wahrheitsanspruch des Neuen Testaments über den Haufen geworfen wird.

Was bedeutet das für das christlich-islamische Gespräch?
Trowitzsch:
Natürlich hat das dann Konsequenzen. Wir Christen sagen: Jesus Christus, das ist die (unantastbare) Wahrheit, der Weg (zum ewigen Leben), das (wache irdische) Leben. Von dieser Erkenntnis aus muss dann ein – sicher kontroverses und konfliktreiches – Gespräch geführt werden. Von diesem guten Anspruch können wir aber nicht abrücken, wenn wir nicht unsere Sache, wenn wir nicht Christus selbst verraten wollen. Auf der anderen Seite vertreten auch die Muslime ihre Wahrheit. Also, es gibt in diesem Sinne keine Möglichkeit, sich zu einigen. Die zentralen Punkte des Glaubens bleiben kontrovers. Friedrich der Große vertrat ja den Grundsatz: »Jeder soll auf seine Fasson selig werden.« Nun gut, das ist der Staat. Dem wird man als Christ, als Theologe, entgegenhalten: Jeder soll auf die Fasson Gottes selig werden. Darauf kommt dann natürlich sofort der Einwand: »Meinst du denn zu wissen, was die Fasson Gottes ist?« Antwort: Ja! Mit dem Neuen Testament geredet: Jeder soll auf die Fasson Jesu Christi selig werden.

Die Frage ist also, ob es eine defi­nitive, universale Offenbarung gibt, ausnahmslos für alle Menschen bestimmt. Im Neuen Testament wird ­genau das – mit Freude! – behauptet. Niemand ist ausgeschlossen, Gott sei Dank! Eine Offenbarung Gottes, die nicht überholt werden kann. Im Islam hingegen wird gesagt: Sie ist überholt worden durch Mohammed und den Koran. Das ist einer der wesentlichen Konfliktpunkte.

Im Gespräch mit dem Islam ist ein weiterer Streitpunkt, ob wir an einen Gott glauben oder nicht. Ist der christliche Gott derselbe, den Muslime anbeten?
Trowitzsch:
Nein. Wer Gott sei, wird im Christentum und im Islam sehr unterschiedlich gesehen. Ob der maßgebliche Prophet, Mohammed, als Heerführer hervortritt oder ob Christus, Gottes Sohn, wehrlos am Kreuz stirbt – das ist eine fundamentale Differenz, die sich im Gottesbild unmissverständlich ausprägt. Man kann natürlich sagen: Jeder Mensch, der sich irgendwie nach einer »Transzendenz« ausstreckt, meint Gott. Nur, der Begriff der Offenbarung sagt: Umgekehrt! Von dort nach hier. Gott hat sich sozusagen zu uns hin ausgestreckt, Gott sei Dank! Das ist die alles entscheidende Differenz. Das Neue Testament weiß: Gott selber wird menschlich bis zum Tod am Kreuz. Das ist die wunderbare, definitive und unüberholbare Bewegung Gottes auf den Menschen zu. Und das geschieht in Jesus Christus.

Der Auffassung mancher Theologen, die die Weltreligionen als verschiedene Wege zu Gott betrachten, können Sie sich nicht anschließen?
Trowitzsch:
Nein.

Was heißt das konkret für das Gespräch mit dem Islam?
Trowitzsch:
Der Islam irrt, wenn er die im Neuen Testament bezeugte Offenbarung in Jesus Christus durch Mohammed und den Koran überholt sieht. Entsprechendes wird uns vom Islam natürlich genauso entgegengehalten. Die Differenz ist auch nicht auszuräumen. Das heißt nun aber nicht, dass beide sich nicht um Dialog bemühen sollten, um zu verstehen, was die jeweils andere Seite meint. Man kann miteinander auskommen. Und – Christen und Muslime können gemeinsame Projekte in Angriff nehmen. Gegen eine Art Koalition für praktische, ethisch orientierte Zwecke und hilfreiche Maßnahmen ist nichts einzuwenden, im Gegenteil.

Also Christen und Muslime können gemeinsame Feste feiern oder Projekte planen, aber wenn es um das Allerheiligste geht, darf nichts vermischt werden?
Trowitzsch:
Nein. So viel Begegnung wie möglich, aber von der Wahrheit darf man nicht abrücken. »Multikulti« darf im religiösen Sinne niemals auf Kosten der Wahrheit gehen.

Und die Toleranz?
Trowitzsch:
Ich denke dabei an das treffende Wort Carl Friedrich von Weizsäckers: »Ich werde niemanden zwingen, zu sagen, dass zwei mal zwei vier ist. Ich werde aber auch nicht davon abrücken.« Das ist meines Erachtens eine sehr brauchbare Definition von Toleranz.

Was wünschen Sie sich diesbezüglich für das Reformationsgedenken?
Trowitzsch:
Die Erinnerung an die Reformation ist sehr hilfreich. Es gibt bei Luther eine heftige, bewundernswerte Leidenschaft für die Wahrheit, eben für den Kernpunkt des Neuen Testaments. Insofern muss die heutige Reforma­tionsfeier immer wieder unbedingt den selbstkritischen Rekurs auf die Grundlage des Neuen Testaments enthalten. Dass faule Kompromisse nicht in Kauf genommen werden dürfen, das kann man nun wirklich bei Luther lernen. Für uns als evangelische Christen gilt keine Unfehlbarkeit, weder die der Kirche noch die von Konzilien oder die des Papstes, sondern nur die Unfehlbarkeit der Wahrheit, Jesu Christi, Gottes. Und darum darf und muss immer erneut aufs Neue Testament zurückgegangen werden – so wie es die Reformation intensiv und leidenschaftlich getan hat. Und dort findet sich die zentrale Botschaft: ­Jesus Christus, Mensch und Gott.

Tummelplatz der Milizen

1. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Syrien: Schon längst ist der Bürgerkrieg zu einem Konflikt mit internationaler Beteiligung mutiert

Menschen aus etwa 50 Ländern dieser Erde, so die Erkenntnisse von ­Geheimdiensten, kämpfen inzwischen auf Seiten der Milizen in Syrien.

Erster Israeli im Kampf gegen Assad gefallen«, lautete die Schlagzeile in israelischen Medien am Vorabend des Laubhüttenfestes vor wenigen Tagen. Die arabische Familie Dschuma’ah aus Muschirfa, einem kleinen Dorf neben Umm al-Fahm im israelischen Wadi Ara, hatte eine Nachricht und das Bild von einem zerschossenen Leichnam aus Syrien bekommen. Die Familie glaubt, ihren Sohn Mu’eid eindeutig identifizieren zu können. Angesichts dieser und anderer Meldungen stellt sich die Frage: Wer kämpft da eigentlich in dem Bürgerkrieg, der bereits weit mehr als 120000 Menschen das Leben gekostet hat?

In Siegerstimmung: Kämpfer einer der unüberschaubaren Milizen der syrischen Opposition – aufgenommen vor wenigen Tagen in der Nähe von Kafr Nabuda. Foto: picture alliance

In Siegerstimmung: Kämpfer einer der unüberschaubaren Milizen der syrischen Opposition – aufgenommen vor wenigen Tagen in der Nähe von Kafr Nabuda. Foto: picture alliance

Das Regime von Präsident Baschar al-Assad wird in der eigenen Bevölkerung vor allem von einer Minder­heitenkoalition aus Alawiten, Drusen, Kurden, Christen und Schiiten gestützt. Hinzu kommen aber auch viele sunnitische Muslime. Diese sind zwar wenig begeistert von der Diktatur Assads, ziehen deren säkularen Charakter aber der radikal-islamischen Alternative, die sich am Horizont unverkennbar abzeichnet, vor. Aktiv im Kampf wird Assad zudem von der schiitischen Hisbollah aus dem Libanon und den Revolutionsgardisten aus dem Iran unterstützt. Dazu kommen noch säkular orientierte palästinensische Gruppierungen, wie etwa die Volksfront zur Befreiung Palästinas – Generalkommando (PFLP-GC). Auf der internationalen Bühne schließlich stehen neben dem Iran vor allem Russland und China hinter der syrischen Regierung, die sie auch massiv mit Rüstungsgütern unterstützen.
Gegen das syrische Regime unter Präsident Assad steht ein Konglomerat aus lose verbundenen und kaum koordinierten Milizen, die sich grob in drei Gruppierungen einteilen lassen:

Erstens gehört dazu die sogenannte »Freie Syrische Armee« (FSA), ein Zusammenschluss von Milizen, die sich wiederum aus desertierten Soldaten der syrischen Armee gebildet haben. Sie wollen ein vereintes, säkulares Syrien, wie es einmal war, allerdings ohne Assad. Der Islam ist definitiv nicht auf ihrer Agenda. Dies ist die Gruppe, die westliche Länder, allen voran die USA und die Europäer, gern unterstützen möchten.

Neben der FSA gibt es lokale Milizen, die in der sunnitischen Bevölkerung verwurzelt sind. Sie sind von der sunnitischen Ideologie der Muslimbruderschaft geprägt und streben einen normalen Staat an. Eventuell sehen sich dieser zweiten Gruppe eine ganze Reihe der eher islamistischen Palästinenserorganisationen, wie etwa die Hamas oder der Islamische Dschihad, verbunden. Die palästinensischen Flüchtlinge, die teilweise schon in vierter Generation in Syrien leben, haben zwar keine Staatsbürgerschaft, können Syrien aber auch nicht verlassen, weil niemand weltweit sie aufnehmen will.

Als dritte Gruppierung, die in vieler Hinsicht einen entscheidenden Einfluss auf den Fortgang der Ereignisse in Syrien ausübt, sind die »Internationalen Dschihadisten« erkennbar. Von Antiterrorexperten sind bisher Gruppen und Einzelpersonen aus Afghanistan, Ägypten, Australien, Bahrain, Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Indonesien, Irak, Irland, Israel, Jemen, Jordanien, Kuwait, Libanon, Libyen, Norwegen, Pakistan, Palästina, Russland, Somalia, Tunesien, Türkei, Tschetschenien, USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten identifiziert worden.

Man geht davon aus, dass am syrischen Bürgerkrieg Bürger aus etwa 50 Staaten aktiv beteiligt sind. Insofern ist es nicht ganz unrichtig, wenn Baschar al-Assad behauptet, der Krieg in seinem Land sei ein internationales Komplott, sein Regime zu stürzen. Somit stehen die etwa 200000 Soldaten, die nach wie vor dem Regime Assads loyal sind, vermutlich 100000 Kämpfern in schätzungsweise mehreren Hundert Milizen ganz unterschiedlicher Prägung, Ausbildung, Kampfstärke, Ideologie und Zielsetzung gegenüber.

In der dritten Gruppe sticht ein Verbund durch seine klare ideologische Zielsetzung, aber auch durch seine effektive Vorgehens- und Kampfesweise besonders heraus: die »Dschabhat al-Nusra li-Ahl asch-Scham«, was übersetzt so viel wie »Unterstützungsfront für das Volk von Großsyrien« bedeutet. Kurz wird die Organisation gemeinhin »Dschabhat al-Nusra« genannt.

Diese Gruppierung wird nicht selten als »al-Qaida-nahestehend« bezeichnet. Sie lehnt »Staaten« als eine westlich-kolonialistische Erfindung grundsätzlich ab – wie übrigens auch nicht wenige Ideologen der Hamas. Ihre Anhänger reden nicht von »Syrien«, sondern von »Asch-Schams«, einem Gebiet, das man als »Großsyrien« bezeichnen könnte, und das auch den Libanon, Israel und Jordanien umfasst. »Dschabhat al-Nusra« will die alawitischen »Götzenanbeter« beseitigen, sieht den Kampf gegen das jüdische Israel erklärterweise als nächsten Schritt und hat als Ziel die Verbreitung des Islam über die ganze Welt. Die Türkei unterstützte die »Al-Nusra-Front« in der Vergangenheit mehrfach mit Waffen.

Ob der israelische Inlandsgeheimdienst »Schin Bet« oder andere ­west­liche Polizei- und Geheimdienste: Keinem ist wohl bei dem Gedanken, dass Hunderte von Bürgern ihrer eigenen Länder in Syrien nicht nur ideologisch radikalisiert werden, sondern zudem eine praktische Ausbildung und Kampferfahrung erhalten.

Johannes Gerloff

Wechsel zum christlichen Glauben

28. Januar 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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In der Landeskirchlichen Gemeinschaft »Haus Gotteshilfe« in Berlin sammeln sich Iraner

Sie ist für uns wie eine zweite Mutter.« Schwester Rosemarie Götz ­lächelt verlegen, als sie diesen Satz aus dem Mund von Ali Nouri Pour ­Dagazi hört. Die Diakonisse sitzt im großen Saal der Landeskirchlichen ­Gemeinschaft »Haus Gotteshilfe« in Berlin-Neukölln, umgeben von einer großen Gruppe von Iranern. Was Schwester Rosemarie »noch immer kaum fassen kann«: Seit gut einem Jahr kommen immer mehr Iraner in die Gottesdienste der kleinen Gemeinde im Rollbergviertel, einem sozialen Brennpunkt in Berlin-Neukölln. Ein Dutzend von ihnen hatte sich in der Osternacht vergangenen Jahres taufen lassen, andere nehmen in der Gemeinde an einem Glaubenskurs teil.

»Ich bin schon im Iran in den Bibelkreis einer christlichen Gemeinde gegangen«, sagt Ali Nouri Pour Dagazi. »Wir mussten uns da in Privatwohnungen treffen, denn öffentlich durften wir uns zu unserem Glauben nicht bekennen.« Nicht zuletzt der Fall des iranischen Pastors Youcef Nadar­khani zeigt, welche Gefahren Christen im Land der Mullahs drohen: Auf dem Abfall vom Islam steht die Todesstrafe, Nadarkhani wartet auf seine Hinrichtung. Dazu bekam Ali Nouri Pour ­Dagazi noch anderen Ärger: Der Fotodesigner hatte auf einer Hochzeit fotografiert. Und auf den Bildern waren Frauen zu sehen, die keinen Schleier trugen. Anschließend zeigten ihn Verwandte wegen eines angeblichen Diebstahls an. Sieben Tage verbrachte er im Gefängnis, wurde gefoltert, geschlagen, ohnmächtig. Schließlich emigrierte er nach Deutschland. »Ich habe Jesus als den Sohn Gottes kennengelernt, der für die Sünden aller Menschen gestorben ist«, sagt der ­Iraner. »Für mich bedeutet der christliche Glaube Freiheit.«

Schwester ­Rosemarie Götz taufte die Iraner im »Haus ­Gotteshilfe«. Foto: Michael Brunner/Davids

Schwester ­Rosemarie Götz taufte die Iraner im »Haus ­Gotteshilfe«. Foto: Michael Brunner/Davids

Praktisch hat der Ansturm der Iraner in der kleinen Landeskirchlichen Gemeinschaft in Berlin durchaus Spuren hinterlassen. Waren es bislang vor allem alteingesessene Neuköllner, die sich im Haus an der Werbellinstraße zum Gottesdienst trafen, mischen sich nun die Nationalitäten. Die Iraner, von denen einige bislang an den Gottesdiensten einer persischen Gemeinde teilnahmen, kommen in die Werbellinstraße. »Schwester Rosemarie predigt auf Deutsch«, sagt Ahmadian Amir Khalajanipour. »Der iranische Pastor tut das nicht.« Noch kann sich die Diakonisse nur radebrechend mit den neuen Gemeindegliedern verständigen. Eine ebenfalls aus dem Iran stammende Dolmetscherin übersetzt die Gottesdienste. Doch allmählich werden die Deutschkenntnisse der Iraner besser. Und immer mehr werden die neuen Gemeindeglieder in die Landeskirchliche Gemeinschaft integriert. Gemeinsam treffen sich Deutsche und Iraner zu Bibelstunden, und im Hof des Gemeindehauses wird zuweilen gemeinsam gegrillt. In der Gemeinde entstehen Freundschaften.

Und ein dicker Aktenordner mit Schriftstücken im Büro der Diakonisse zeugt davon, wie die Schwester ihre Iraner im Umgang mit Behörden ­unterstützt. »Ich habe zuerst gedacht, die kommen nur, weil der christliche Glaube verhindert, dass sie abgeschoben werden«, erinnert sich Schwester Rosemarie an den Tag, an dem sie ­einige Iraner plötzlich um die Taufe baten. »Deswegen habe ich mit allen zehn Wochen lang Glaubensunterricht gemacht.« Und fast alle sind ­dabeigeblieben. Dabei ist es auch für in Berlin lebende Iraner nicht ganz einfach, ihren Glauben zu wechseln: In Asylbewerberheimen stoßen sie auf Unverständnis, wenn Muslime mitbekommen, dass sie einen christlichen Gottesdienst besuchen. Einigen wurden auch schon Schläge angedroht. »Meinem eigenen Vater kann ich nicht sagen, dass ich Christ geworden bin«, sagt Ahmadian Amir Khalajanipour. »Er ist Moslem und würde mich nicht verstehen.«

Benjamin Lassiwe

Der Unbeugsame

20. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Iran: Wegen seines Glaubens droht im islamischen Gottesstaat einem protestantischen Pfarrer die Hinrichtung

Dem iranischen Pfarrer ­Youcef Nadarkhani droht die Hinrichtung. Weil er als ­junger Mann vom Islam zum Christentum übergetreten ist und eine evangelische ­Hauskirche leitete.

Von Youcef Nadarkhani gibt es einige Bilder in hellblauer Häftlingskleidung, wie er in seiner Zelle auf einer Pritsche sitzt und schüchtern in eine Kamera lächelt. Sie sind in einer Haftanstalt des iranischen Geheimdienstes in der Stadt Lakan entstanden, irgendwann nach dem 12. Oktober 2009, dem Tag, an dem er von einem Revolutionsgericht vorgeladen und verhaftet wurde. Anfangs durfte er regelmäßig Besuch von seinem Anwalt, seiner Familie und seinen Freunden empfangen.

Ein Bild aus der Zeit vor seiner Verhaftung: Pfarrer Youcef Nadarkhani mit seiner Frau Pasandideh und den beiden Söhnen des Ehepaares. Foto: privat

Ein Bild aus der Zeit vor seiner Verhaftung: Pfarrer Youcef Nadarkhani mit seiner Frau Pasandideh und den beiden Söhnen des Ehepaares. Foto: privat

Doch damit war es bald vorbei. Das iranische Regime übte massiven Druck aus. Sein Vergehen: Er war als 19-Jähriger vom Islam zum Christentum konvertiert und leitete bis zu seiner Verhaftung als Pastor eine 400 Mitglieder große freikirchliche evangelische Hauskirche.
Erst wurden die Besuche seines Anwalts eingeschränkt, dann wurde am 18. Juni 2010 seine Frau Fatemeh Pasandideh inhaftiert.

Man brachte sie ebenfalls ins Gefängnis nach Lakan. Die zwei Kinder des Ehepaares, ein Junge ist sieben, der andere neun, blieben bei Verwandten. Die iranischen Behörden drohten den Eltern, ihnen die Jungen wegzunehmen und in eine muslimische Familie zu geben. Nadarkhanis Frau Pasandideh wurde ohne Beistand eines Anwalts zu lebenslanger Haft verurteilt.

Dann der große Schock: Am 22. September 2010 verurteilte die Erste Kammer des zuständigen Revolutionsgerichts den Pastor wegen des »Abfalls vom islamischen Glauben« und der »Verbreitung nichtislamischer Lehren« zum Tode.

Seine Frau wurde nach einem Berufungsverfahren nach viermonatiger Haft freigelassen, Nadarkhani aber wurde innerhalb des Gefängnisses in die Sektion für politische Gefangene verlegt. Er durfte keinen Besuch mehr erhalten. Am 13. November 2010 erhielt er von der Ersten Kammer des Revolutionsgerichts das schriftliche Urteil. Der Einspruch von Nadarkhanis Anwalt beim höchsten iranischen Revisionsgericht wurde verworfen, am 28. Juni 2011 bestätigte die dritte Kammer des Obersten Gerichtshofs in Qom die Todesstrafe.

Youcef Nadarkhani wurde allerdings ein Ausweg angeboten. Der einzige Weg, dieses Urteil außer Kraft zu setzen, wäre die Lossagung von seinem Glauben. Nach Informationen der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt am Main sollte er durch eine Vielzahl an »Maßnahmen« wieder zum »richtigen« Glauben zurückgeführt werden. Im Zuge einer Verurteilungs- und Einschüchterungswelle wurde auch Nadarkhanis prominenter Anwalt Mohammad Ali Dadkhah Anfang Juli 2011 zu Peitschenhieben, neun Jahren Haft und einem zehnjährigen Berufsverbot sowie einer Geldstrafe verurteilt.

Dass nun seine Hinrichtung bevorsteht, erklären Beobachter mit der verfahrenen politischen Lage im Streit um das iranische Atomprogramm, die westlichen Sanktionen gegen das Mullahregime und die Kritik an den iranischen Vernichtungsdrohungen gegen Israel. Die Lage ist sehr ernst.

Sein Tod würde die Lage für alle Christen im Iran verschärfen. Warum an Nadarkhani nun ein Exempel statuiert werden soll, kann nur vermutet werden. Vielleicht liegt es daran, dass er auch außerhalb seiner Hauskirche für seine christlichen Überzeugungen eingestanden ist. Er protestierte beispielsweise 2009 gegen ein neues Gesetz, das eine noch stärkere Akzentuierung des muslimischen Glaubens im Schulunterricht vorsah.

Nadarkhani wäre seit Jahren der erste Konvertit, den die iranische Justiz wegen des »Abfalls vom Islam« ­hinrichten würde. Die bedrängte iranische Untergrundgemeinde geriete ­dadurch sicher noch stärker unter Druck. Der Iran würde sich jedoch vor aller Welt ins Unrecht setzen, denn das Recht auf Religionsfreiheit im UN-Zivilpakt hat auch der Iran völkerrechtlich bindend anerkannt.

Doch das Völkerrecht wird davon überlagert, dass der Islam im Iran Staatsreligion ist. Alle Gesetze und Vorschriften müssen der offiziellen, sehr strikten Interpretation der Scharia-Gesetze entsprechen. Betroffen sind besonders die Bahai, Sufi-Muslime und Christen muslimischer Herkunft. Die Verfolgung von religiösen Minderheiten nahm seit der Wahl des konservativen Hardliners Mahmud Ahmadinedschad zum Präsidenten ständig zu.

Trotz des harten Kurses der Regierung und islamischer Geistlicher gründen Konvertiten neue Hausgemeinden. Meist geben einheimische Christen ihren neuen Glauben an ihre muslimischen Verwandten und Freunde weiter oder Menschen kommen durch christliches Satellitenfernsehen und Internetangebote zum christlichen Glauben. Christen muslimischer Herkunft bilden die Mehrheit der christlichen Minderheit im Iran, die derzeit etwa 460000 Gläubige umfasst. Mehr als drei Viertel der Christen im Land sind ehemalige Muslime. So wie Youcef Nadarkhani.

Helmut Frank

www.igfm.de

Wohin gehört der Islam?

19. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Deutschland und der Halbmond: der astronomische Halbmond hinter dem symbolischen Halbmond auf der Spitze des Minaretts der Fatih Moschee in Essen, aufgenommen am 17. April diesen Jahres. (Foto: picture alliance/dpa/Julian Stratenschulte)

Deutschland und der Halbmond: der astronomische Halbmond hinter dem symbolischen Halbmond auf der Spitze des Minaretts der Fatih Moschee in Essen, aufgenommen am 17. April diesen Jahres. (Foto: picture alliance/dpa/Julian Stratenschulte)


 
Streitpunkt Religion: 
Zwischen Kreuz und Halbmond – die Integrationsdebatte geografisch und geschichtlich betrachtet
 
Die Wogen schlagen schnell hoch beim Stichwort Islam. Allzu oft ist die Diskussion von Unsachlichkeit und Angst geprägt. Ein Beitrag zur Sachlichkeit.

 
Als Bundespräsident Christian Wulff am 3. Oktober die Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland postulierte, war die Aufregung groß. Erst als er später in Ankara betonte, dass das Christentum zweifelsfrei zur Türkei gehöre, beruhigten sich die Gemüter wieder etwas. Wohin gehört der Islam?

herderDer Berliner katholische Theologe Ernst Pulsfort hat genauer hingeschaut. Er hat in mühsamer und zumeist nächtlicher Kleinarbeit Zahlen zusammengetragen und in Karten überführt. In »Herders neuem Atlas der Religionen« lassen sich die Aussagen von Christian Wulff anhand von Farben überprüfen.

Die südlichen Mittelmeer-Anrainerstaaten bis zur Westküste Afrikas, die arabische Halbinsel sowie östlich davon bis Afghanistan – auf der Weltkarte alles dunkelrot. In diesen Ländern bekennen sich mindestens 90 Prozent der Bevölkerung zum Islam. Die Türkei gehört ebenfalls zu den dunkelroten Ländern.

In Frankreich, Russland und China sind nur noch fünf bis zehn Prozent Muslime. In Deutschland sind es weniger als fünf Prozent der Bevölkerung. Irrt der Bundespräsident?

Ganz anders wirkt die Ausbreitung des Islams, wenn sie in absoluten Zahlen dargestellt wird. Dann liegt ­Indonesien an der Spitze: Dort leben mehr als 200 Millionen Muslime, obwohl sie »nur« etwa 88 Prozent der ­Bevölkerung stellen. Noch ausgeprägter in Indien: Zwar leben auf dem ­Subkontinent knapp 161 Millionen Muslime, sie stellen damit aber nur rund 13 Prozent der Gesamtbevölkerung von mehr als einer Milliarde. In Ländern wie der Türkei, dem Iran oder Ägypten sind es 50 Millionen bis 100 Millionen Muslime. In den USA, in Deutschland, Frankreich und Großbritannien immerhin eine bis fünf Millionen. Wulff hat also doch recht?

Vielleicht hilft ein Blick in die Geschichte. Um 600 n. Chr., kurz vor Auftreten des Islams, waren Europa bis auf Skandinavien, waren die Türkei, der Nahe Osten, der nördliche Rand Afrikas und Regionen bis hinunter in den Sudan christianisiert. Selbst 750 n. Chr., als der Siegeszug des Islams bereits begonnen hatte, waren weite Teile Europas weiterhin christlich, auch die Türkei zum überwiegenden Anteil. In Zentralasien, auf der arabischen Halbinsel, in Nordafrika und im südlichen Spanien hatten allerdings bereits die Muslime das Sagen.

Die türkische Bevölkerung bekannte sich über Jahrhunderte hinweg etwa zu gleichen Teilen zum orthodoxen Christentum und zum Islam. Genauer gesagt waren es Sunniten, die in der Türkei lebten. Heute machen sie mehr als 90 Prozent der Bevölkerung aus. Die Christen in der Türkei befinden sich inzwischen unter der Fünf-Prozent-Marke. »Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei« – das belegt der Atlas sehr deutlich.

Umgekehrt wird es schwieriger. Über die Jahrhunderte war der Islam nie bis Deutschland vorgedrungen. In Europa fasste er allein vorübergehend in Spanien Fuß sowie in einzelnen Staaten auf dem Balkan. Erst seit der »Gastarbeiter«-Zuwanderung in den 1960er Jahren gibt es Muslime in nennenswerter Zahl in Deutschland.

50 Jahre sind aber für die Verbreitung ­einer Religion kaum mehr als nichts. Daher rührte wohl das Unbehagen über den Satz von Christian Wulff. Dabei hatte er gesagt: »Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.« Stimmt, wie ein Blick auf die Zahlen zeigt.

Die Zahl der Muslime nimmt weltweit stärker zu als die der Christen. Während die christlichen Religionsgemeinschaften 1899 noch einen weltweiten Anteil von rund 36 Prozent und die Muslime von 20 Prozent hatten, war der Anteil der Christen 2009 auf 32 Prozent zurückgegangen, der der Muslime auf 21,6 Prozent gestiegen.

Wem dieser »Vormarsch« des Islams Sorge bereitet, der sollte noch einen Blick auf eine andere Karte im Religionen-Atlas werfen: die Ausbreitung der Menschen ohne religiöses Bekenntnis. Ihr Anteil ist von 1899 bis 2009 stärker gewachsen als jede andere Religion. Besonders viele konfessions- und religionslose Menschen ­leben in kommunistischen Diktaturen wie China und Nordkorea. Ein weiterer Hort der Menschen ohne Bekenntnis ist mit einem Anteil von 30 bis 40 Prozent – Deutschland.

Jutta Wagemann (epd)

Buchtipp:

Pulsfort, Ernst: Herders neuer Atlas der Religionen, Herder-Verlag, Freiburg 2010, 160 S. mit rund 120 Karten und Abbildungen, ISBN 978-3-451-32830-5, 36 Euro
Bezug über den Buchhandel oder den Bestellservice Ihrer Kirchenzeitung:
Telefon (03643) 246161

Glaubensmut im Königreich

17. September 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Marokko: Zwischen Anerkennung und Gefängnis – einheimische Christen machen aus ihrem Glauben kein Geheimnis

Das nordafrikanische ­Marokko ist ein beliebtes ­Urlaubsland. Der Islam ist Staatsreligion. Doch im Untergrund gibt es eine kleine Gemeinde zum ­Christentum konvertierter Einheimischer.

Von Romy Schneider

Ob Frischfleisch, Obst oder Haushaltwaren – auf einem arabischen Souk, wie hier in der Altstadt im marokkanischen Fes, gibt es alles. (Fotos: Romy Schneider)

Ob Frischfleisch, Obst oder Haushaltwaren – auf einem arabischen Souk, wie hier in der Altstadt im marokkanischen Fes, gibt es alles. (Fotos: Romy Schneider)

Ziegenköpfe, Rinderhufe und Fliegen. Viele Fliegen. Der Metzger legt das Messer beiseite, greift zum Wedel und verscheucht die schwarzgrünen Plagegeister von den Fleischstücken auf der Ladentheke. Immer wieder aufs Neue. Das Leben in dem städtischen Souk ­irgendwo in Marokko ist geschäftig und doch nicht hektisch. Der Souk ist das Leben, heißt es.

In den traditionellen orientalischen Handwerks- und Geschäftsvierteln, die typisch sind für arabische Städte, scheint jeder jeden zu kennen. In dem Labyrinth aus verwinkelten Gassen, kleinen Läden und Werkstätten türmen Händler Waren auf: Oliven, Gewürze, Teppiche, Stoffe. Arbeiter klopfen in den Handwerkergassen Beulen aus dem Blech. Und mehrmals am Tag ruft der Muezzin in diese Welt hinein zum islamischen Gebet.

Auch Abdel hat hier sein kleines Geschäft. Es ist sicherer für ihn, wenn sein richtiger Name nicht in der Zeitung steht. In seinen Laden verirren sich kaum Kunden. Dennoch nimmt er Tag für Tag die Lederstücke und setzt sich an seine Nähmaschine. Für einen Marokkaner in dem islamischen Königreich betreibt Abdel ein außergewöhnliches Gewerbe. Er stellt Schutzhüllen für Bibeln her. In die Innenseiten der Einbände klemmt er ­einen Zettel, sein Markenzeichen: »Hergestellt in Marokko von einem Berber-Christen«.

Die Berber sind die Urbevölkerung Nordafrikas. Abdel gehört zu den schätzungsweise 1000 einheimischen Christen, die es in Marokko gibt. Über christliche Fernseh- und Radioprogramme, die via Satellit auch in Marokko empfangbar sind, kamen in den vergangenen Jahren viele Marokkaner zum Glauben an Jesus Christus. Wie andere versteckt auch Abdel seinen Glauben nicht. Am Fenster seines Ladens klebt das Fisch-Symbol, das urchristliche Erkennungszeichen.

Glaubensübertritte: ohne Strafe, aber unerwünscht

Moschee-Eingang in Fes: Offiziell sind 99 Prozent der Marokkaner Moslems.

Moschee-Eingang in Fes: Offiziell sind 99 Prozent der Marokkaner Moslems.

»Die benachbarten Ladenbesitzer wissen, dass ich Christ bin«, erzählt er. Genauso wie die Behörden. Als Laienpastor kümmert er sich um 16 weitere Konvertiten. Regelmäßig besuchen ihn Polizisten und wollen wissen, warum er den Islam verlassen hat. Ob Ausländer ihm dafür Geld geboten haben. Und so weiter. »Für uns marokkanische Christen gehören Verhöre, Bespitzelungen und durchaus auch Gefängnis zum Alltag. Wir kennen es nicht anders«, sagt er.

Eine Kirche, wie die etwa 23.000 ausländischen, meist katholischen Christen in Marokko, darf Abdel nicht besuchen. Zwar steht Konversion für einen Muslim nicht unter Strafe, doch ehemalige Muslime erfahren in Marokko viel Druck. Offiziell anerkannt sind sie nicht. Denn ein Marokkaner ist traditionell ein Muslim. Und missionieren ist verboten. Daher könnte eine Predigt von einem missliebigen Zuhörer als Versuch gedeutet werden, seinen Glauben »zu erschüttern«. Die nicht sichtbare marokkanische Gemeinde Jesu feiert darum in privaten Wohnzimmern ihre Gottesdienste. Und das möglichst leise.

Seit etlichen Monaten geht die Regierung auch hart gegen ausländische Christen vor. 128 von ihnen wurden ausgewiesen. Beobachter der Vorgänge sprechen von einer regelrechten »Säuberungskampagne«. Der stereotype Vorwurf: Sie sollen Muslime mit falschen Versprechen oder Anreizen bestochen haben, Christen zu werden. Bewiesen haben die Behörden das bisher nicht. Viele vermuten hinter den Maßnahmen die Angst der Regierung vor islamischen Fundamentalisten. Denn würde der König Konvertiten offiziell als Christen anerkennen, liefen Islamisten Sturm gegen die Regierung.

König Mohammed VI. gilt als »Herrscher der Gläubigen«. Er muss daher den Platz des Beschützers des Islam einnehmen. Ein Glaubenswechsel ist im Koran für einen Muslim nicht vorgesehen. Was die marokkanische Gemeinde Jesu dringend braucht, ist Gebet. Denn der Druck könnte weiter zunehmen.

»Vor dem Gefängnis habe ich keine Angst«

Auch Karim, ein Mittvierziger, rechnet jeden Tag damit, verhaftet zu werden. Bei einem der üblichen Verhöre habe ihm ein Polizist gesagt: »Jetzt sind die Ausländer dran, danach machen wir mit euch weiter.« Doch das Gottvertrauen des ehemaligen Muslims ist unerschütterlich. Unermüdlich spricht Karim mit Landsleuten über das Evangelium. Was ihn dazu ermutigt? Er schlägt die Bibel auf: »Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.« (Philipper 1,21) Dies sei ein Spiegelbild seines Lebens.

Zwei Mal wurde Karim schon verhaftet. »Vor dem Gefängnis habe ich keine Angst. Auch dort gibt es Menschen, die vom Evangelium noch nichts gehört haben.«

Die Autorin ist Pressereferentin des Hilfswerkes für verfolgte Christen Open Doors Deutschland e.V. und besuchte vor kurzem Marokko.

Blutvergießen in Nigeria

4. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Die Straßen von Jos nach den Unruhen: An zerstörten Geschäften und ausgebrannten Autos vorbei trägt ein Mann einen Sack Hirse nach Hause. Foto: picture alliance/dpa/George Esiri

Die Straßen von Jos nach den Unruhen: An zerstörten Geschäften und ausgebrannten Autos vorbei trägt ein Mann einen Sack Hirse nach Hause. Foto: picture alliance/dpa/George Esiri

Nigeria: Im Grenzgebiet zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden eskalieren Spannungen

Mehr als 200 Menschenleben kosteten die jüngsten Auseinandersetzungen ­zwischen Christen und Muslimen in der nigerianischen Stadt Jos.

Als vor zwei Wochen die Ausgangssperre zum ersten Mal seit Tagen aufgehoben wurde, blieben die Straßen in Jos in Zentralnigeria dennoch leer. »Wir haben nichts mehr zu essen im Haus, irgendwann müssen wir rausgehen«, sagt ein Bewohner der Stadt, die zuvor von Unruhen erschüttert wurde. »Aber ich habe Angst, dass wieder geschossen wird.« Seinen Namen will der Christ lieber nicht genannt wissen.

Spätestens seit 2001, als bei Unruhen zwischen Christen und Muslimen mehr als 1000 Menschen starben, ist Jos für Konflikte zwischen Religionsgemeinschaften berüchtigt. Kreuzzughaft anmutende christliche Missionsbewegungen sind in Jos ebenso zu Hause wie islamistische Kampfgruppen. Ihre Zielgruppen sind die Masse an Jugendlichen aus armen Familien unter den rund 860000 Einwohnern der Stadt, denen der Staat keine Perspektive bietet.

Was genau die jüngsten Unruhen ausgelöst hat, ist ungewiss. Womöglich stimmt die Geschichte, die Alhadschi Kabir Mohammed, ein muslimischer Bewohner von Jos, in der Presse erzählt. »Ich habe mein Haus wiederaufgebaut, das in den letzten Unruhen vor gut einem Jahr zerstört wurde«, so Mohammed. »Auf einmal kamen christliche Jugendliche auf Motor­rädern und befahlen mir, zu verschwinden.« Von da an, sagte Mohammed, habe die Lage sich hochgeschaukelt. Irgendwann brannten Kirchen, Moscheen und Häuser, und Tote lagen auf den Straßen.

Andere sprechen von vorbereiteten Angriffen auf Christen nach der Sonntagsmesse. »Das war geplant, unsere Jugendlichen haben sich nur verteidigt«, erklärt Pfarrer Pandang Yamsat, der der »Kirche Christi« vorsteht, mit drei Millionen Mitgliedern eine der größten Glaubensgemeinschaften in der Region. Er sieht in den neuer­lichen Unruhen eine Taktik, mit der Muslime Christen aus Jos vertreiben wollten. »Die Muslime wollen das Land alleine regieren, aber das geht nicht, es gehört Christen und Muslimen gleichermaßen.«

Nicht alle Christen teilen die Einschätzung von wütenden Kirchenführern wie Yamsat. »Die Auseinandersetzungen haben sehr wenig mit Religion zu tun«, sagt etwa Ignatius Kaigama, der katholische Erzbischof von Jos. Er setzt sich seit Langem für den Dialog zwischen Christen und Muslimen ein. »Religion wird instrumentalisiert, um ethnische und politische Interessen leichter durchzusetzen.« Kaigama warnt zudem vor der Macht von Gerüchten. Denen zufolge sollte auch seine Gemeinde angegriffen und die Kathedrale angezündet worden sein: »Das stimmt alles nicht, wer so etwas verbreitet, der lügt.«

Die wirklichen Ursachen des Konflikts sind sozialer Natur, meint auch der Muslim Shamaki Grad von der Menschenrechtsliga in Jos: »Nach den letzten Unruhen Ende 2008 sind die versprochenen Entschädigungszahlungen vom Staat nie geflossen. Die Leute sind arm und hoffnungslos, sie gehen aus Frust erneut auf die Straße.« Hinzu kommt: »Frühere Ausschreitungen sind nie aufgeklärt worden, niemand wurde verhaftet«, sagt Grad. »Deshalb gibt es hier ein Gefühl der Straflosigkeit.«

Nigerias Vizepräsident Goodluck Jonathan hat außer dem Militär auch den Chef des Geheimdiensts nach Jos entsandt. Er will präzise Informationen. Die Angst ist groß, dass sich die Gewalt wie ein Flächenbrand ausbreitet. In den umliegenden Bundesstaaten haben die Behörden die Polizei in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Offenbar zurecht: Nur wenige Stunden, nach dem im Zentrum von Jos Ruhe eingekehrt war, meldeten Bewohner neue Ausschreitungen in den Außenbezirken. Und in Pankshin, einer gut 100 Kilometer entfernten Stadt, wurde von brennenden Regierungsgebäuden berichtet. (epd)

Von Marc Engelhardt