Wohin gehört der Islam?
19. November 2010 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de
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Deutschland und der Halbmond: der astronomische Halbmond hinter dem symbolischen Halbmond auf der Spitze des Minaretts der Fatih Moschee in Essen, aufgenommen am 17. April diesen Jahres. (Foto: picture alliance/dpa/Julian Stratenschulte)
Streitpunkt Religion: Zwischen Kreuz und Halbmond – die Integrationsdebatte geografisch und geschichtlich betrachtet
Die Wogen schlagen schnell hoch beim Stichwort Islam. Allzu oft ist die Diskussion von Unsachlichkeit und Angst geprägt. Ein Beitrag zur Sachlichkeit.
Als Bundespräsident Christian Wulff am 3. Oktober die Zugehörigkeit des Islams zu Deutschland postulierte, war die Aufregung groß. Erst als er später in Ankara betonte, dass das Christentum zweifelsfrei zur Türkei gehöre, beruhigten sich die Gemüter wieder etwas. Wohin gehört der Islam?
Der Berliner katholische Theologe Ernst Pulsfort hat genauer hingeschaut. Er hat in mühsamer und zumeist nächtlicher Kleinarbeit Zahlen zusammengetragen und in Karten überführt. In »Herders neuem Atlas der Religionen« lassen sich die Aussagen von Christian Wulff anhand von Farben überprüfen.
Die südlichen Mittelmeer-Anrainerstaaten bis zur Westküste Afrikas, die arabische Halbinsel sowie östlich davon bis Afghanistan – auf der Weltkarte alles dunkelrot. In diesen Ländern bekennen sich mindestens 90 Prozent der Bevölkerung zum Islam. Die Türkei gehört ebenfalls zu den dunkelroten Ländern.
In Frankreich, Russland und China sind nur noch fünf bis zehn Prozent Muslime. In Deutschland sind es weniger als fünf Prozent der Bevölkerung. Irrt der Bundespräsident?
Ganz anders wirkt die Ausbreitung des Islams, wenn sie in absoluten Zahlen dargestellt wird. Dann liegt Indonesien an der Spitze: Dort leben mehr als 200 Millionen Muslime, obwohl sie »nur« etwa 88 Prozent der Bevölkerung stellen. Noch ausgeprägter in Indien: Zwar leben auf dem Subkontinent knapp 161 Millionen Muslime, sie stellen damit aber nur rund 13 Prozent der Gesamtbevölkerung von mehr als einer Milliarde. In Ländern wie der Türkei, dem Iran oder Ägypten sind es 50 Millionen bis 100 Millionen Muslime. In den USA, in Deutschland, Frankreich und Großbritannien immerhin eine bis fünf Millionen. Wulff hat also doch recht?
Vielleicht hilft ein Blick in die Geschichte. Um 600 n. Chr., kurz vor Auftreten des Islams, waren Europa bis auf Skandinavien, waren die Türkei, der Nahe Osten, der nördliche Rand Afrikas und Regionen bis hinunter in den Sudan christianisiert. Selbst 750 n. Chr., als der Siegeszug des Islams bereits begonnen hatte, waren weite Teile Europas weiterhin christlich, auch die Türkei zum überwiegenden Anteil. In Zentralasien, auf der arabischen Halbinsel, in Nordafrika und im südlichen Spanien hatten allerdings bereits die Muslime das Sagen.
Die türkische Bevölkerung bekannte sich über Jahrhunderte hinweg etwa zu gleichen Teilen zum orthodoxen Christentum und zum Islam. Genauer gesagt waren es Sunniten, die in der Türkei lebten. Heute machen sie mehr als 90 Prozent der Bevölkerung aus. Die Christen in der Türkei befinden sich inzwischen unter der Fünf-Prozent-Marke. »Das Christentum gehört zweifelsfrei zur Türkei« – das belegt der Atlas sehr deutlich.
Umgekehrt wird es schwieriger. Über die Jahrhunderte war der Islam nie bis Deutschland vorgedrungen. In Europa fasste er allein vorübergehend in Spanien Fuß sowie in einzelnen Staaten auf dem Balkan. Erst seit der »Gastarbeiter«-Zuwanderung in den 1960er Jahren gibt es Muslime in nennenswerter Zahl in Deutschland.
50 Jahre sind aber für die Verbreitung einer Religion kaum mehr als nichts. Daher rührte wohl das Unbehagen über den Satz von Christian Wulff. Dabei hatte er gesagt: »Der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.« Stimmt, wie ein Blick auf die Zahlen zeigt.
Die Zahl der Muslime nimmt weltweit stärker zu als die der Christen. Während die christlichen Religionsgemeinschaften 1899 noch einen weltweiten Anteil von rund 36 Prozent und die Muslime von 20 Prozent hatten, war der Anteil der Christen 2009 auf 32 Prozent zurückgegangen, der der Muslime auf 21,6 Prozent gestiegen.
Wem dieser »Vormarsch« des Islams Sorge bereitet, der sollte noch einen Blick auf eine andere Karte im Religionen-Atlas werfen: die Ausbreitung der Menschen ohne religiöses Bekenntnis. Ihr Anteil ist von 1899 bis 2009 stärker gewachsen als jede andere Religion. Besonders viele konfessions- und religionslose Menschen leben in kommunistischen Diktaturen wie China und Nordkorea. Ein weiterer Hort der Menschen ohne Bekenntnis ist mit einem Anteil von 30 bis 40 Prozent – Deutschland.
Jutta Wagemann (epd)
Buchtipp:
Pulsfort, Ernst: Herders neuer Atlas der Religionen, Herder-Verlag, Freiburg 2010, 160 S. mit rund 120 Karten und Abbildungen, ISBN 978-3-451-32830-5, 36 Euro
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Telefon (03643) 246161
Glaubensmut im Königreich
17. September 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Marokko: Zwischen Anerkennung und Gefängnis – einheimische Christen machen aus ihrem Glauben kein Geheimnis
Das nordafrikanische Marokko ist ein beliebtes Urlaubsland. Der Islam ist Staatsreligion. Doch im Untergrund gibt es eine kleine Gemeinde zum Christentum konvertierter Einheimischer.
Von Romy Schneider

Ob Frischfleisch, Obst oder Haushaltwaren – auf einem arabischen Souk, wie hier in der Altstadt im marokkanischen Fes, gibt es alles. (Fotos: Romy Schneider)
Ziegenköpfe, Rinderhufe und Fliegen. Viele Fliegen. Der Metzger legt das Messer beiseite, greift zum Wedel und verscheucht die schwarzgrünen Plagegeister von den Fleischstücken auf der Ladentheke. Immer wieder aufs Neue. Das Leben in dem städtischen Souk irgendwo in Marokko ist geschäftig und doch nicht hektisch. Der Souk ist das Leben, heißt es.
In den traditionellen orientalischen Handwerks- und Geschäftsvierteln, die typisch sind für arabische Städte, scheint jeder jeden zu kennen. In dem Labyrinth aus verwinkelten Gassen, kleinen Läden und Werkstätten türmen Händler Waren auf: Oliven, Gewürze, Teppiche, Stoffe. Arbeiter klopfen in den Handwerkergassen Beulen aus dem Blech. Und mehrmals am Tag ruft der Muezzin in diese Welt hinein zum islamischen Gebet.
Auch Abdel hat hier sein kleines Geschäft. Es ist sicherer für ihn, wenn sein richtiger Name nicht in der Zeitung steht. In seinen Laden verirren sich kaum Kunden. Dennoch nimmt er Tag für Tag die Lederstücke und setzt sich an seine Nähmaschine. Für einen Marokkaner in dem islamischen Königreich betreibt Abdel ein außergewöhnliches Gewerbe. Er stellt Schutzhüllen für Bibeln her. In die Innenseiten der Einbände klemmt er einen Zettel, sein Markenzeichen: »Hergestellt in Marokko von einem Berber-Christen«.
Die Berber sind die Urbevölkerung Nordafrikas. Abdel gehört zu den schätzungsweise 1000 einheimischen Christen, die es in Marokko gibt. Über christliche Fernseh- und Radioprogramme, die via Satellit auch in Marokko empfangbar sind, kamen in den vergangenen Jahren viele Marokkaner zum Glauben an Jesus Christus. Wie andere versteckt auch Abdel seinen Glauben nicht. Am Fenster seines Ladens klebt das Fisch-Symbol, das urchristliche Erkennungszeichen.
Glaubensübertritte: ohne Strafe, aber unerwünscht

Moschee-Eingang in Fes: Offiziell sind 99 Prozent der Marokkaner Moslems.
»Die benachbarten Ladenbesitzer wissen, dass ich Christ bin«, erzählt er. Genauso wie die Behörden. Als Laienpastor kümmert er sich um 16 weitere Konvertiten. Regelmäßig besuchen ihn Polizisten und wollen wissen, warum er den Islam verlassen hat. Ob Ausländer ihm dafür Geld geboten haben. Und so weiter. »Für uns marokkanische Christen gehören Verhöre, Bespitzelungen und durchaus auch Gefängnis zum Alltag. Wir kennen es nicht anders«, sagt er.
Eine Kirche, wie die etwa 23.000 ausländischen, meist katholischen Christen in Marokko, darf Abdel nicht besuchen. Zwar steht Konversion für einen Muslim nicht unter Strafe, doch ehemalige Muslime erfahren in Marokko viel Druck. Offiziell anerkannt sind sie nicht. Denn ein Marokkaner ist traditionell ein Muslim. Und missionieren ist verboten. Daher könnte eine Predigt von einem missliebigen Zuhörer als Versuch gedeutet werden, seinen Glauben »zu erschüttern«. Die nicht sichtbare marokkanische Gemeinde Jesu feiert darum in privaten Wohnzimmern ihre Gottesdienste. Und das möglichst leise.
Seit etlichen Monaten geht die Regierung auch hart gegen ausländische Christen vor. 128 von ihnen wurden ausgewiesen. Beobachter der Vorgänge sprechen von einer regelrechten »Säuberungskampagne«. Der stereotype Vorwurf: Sie sollen Muslime mit falschen Versprechen oder Anreizen bestochen haben, Christen zu werden. Bewiesen haben die Behörden das bisher nicht. Viele vermuten hinter den Maßnahmen die Angst der Regierung vor islamischen Fundamentalisten. Denn würde der König Konvertiten offiziell als Christen anerkennen, liefen Islamisten Sturm gegen die Regierung.
König Mohammed VI. gilt als »Herrscher der Gläubigen«. Er muss daher den Platz des Beschützers des Islam einnehmen. Ein Glaubenswechsel ist im Koran für einen Muslim nicht vorgesehen. Was die marokkanische Gemeinde Jesu dringend braucht, ist Gebet. Denn der Druck könnte weiter zunehmen.
»Vor dem Gefängnis habe ich keine Angst«
Auch Karim, ein Mittvierziger, rechnet jeden Tag damit, verhaftet zu werden. Bei einem der üblichen Verhöre habe ihm ein Polizist gesagt: »Jetzt sind die Ausländer dran, danach machen wir mit euch weiter.« Doch das Gottvertrauen des ehemaligen Muslims ist unerschütterlich. Unermüdlich spricht Karim mit Landsleuten über das Evangelium. Was ihn dazu ermutigt? Er schlägt die Bibel auf: »Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.« (Philipper 1,21) Dies sei ein Spiegelbild seines Lebens.
Zwei Mal wurde Karim schon verhaftet. »Vor dem Gefängnis habe ich keine Angst. Auch dort gibt es Menschen, die vom Evangelium noch nichts gehört haben.«
Die Autorin ist Pressereferentin des Hilfswerkes für verfolgte Christen Open Doors Deutschland e.V. und besuchte vor kurzem Marokko.Blutvergießen in Nigeria
4. Februar 2010 von Gemeinsame Redaktion
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Die Straßen von Jos nach den Unruhen: An zerstörten Geschäften und ausgebrannten Autos vorbei trägt ein Mann einen Sack Hirse nach Hause. Foto: picture alliance/dpa/George Esiri
Nigeria: Im Grenzgebiet zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden eskalieren Spannungen
Mehr als 200 Menschenleben kosteten die jüngsten Auseinandersetzungen zwischen Christen und Muslimen in der nigerianischen Stadt Jos.
Als vor zwei Wochen die Ausgangssperre zum ersten Mal seit Tagen aufgehoben wurde, blieben die Straßen in Jos in Zentralnigeria dennoch leer. »Wir haben nichts mehr zu essen im Haus, irgendwann müssen wir rausgehen«, sagt ein Bewohner der Stadt, die zuvor von Unruhen erschüttert wurde. »Aber ich habe Angst, dass wieder geschossen wird.« Seinen Namen will der Christ lieber nicht genannt wissen.
Spätestens seit 2001, als bei Unruhen zwischen Christen und Muslimen mehr als 1000 Menschen starben, ist Jos für Konflikte zwischen Religionsgemeinschaften berüchtigt. Kreuzzughaft anmutende christliche Missionsbewegungen sind in Jos ebenso zu Hause wie islamistische Kampfgruppen. Ihre Zielgruppen sind die Masse an Jugendlichen aus armen Familien unter den rund 860000 Einwohnern der Stadt, denen der Staat keine Perspektive bietet.
Was genau die jüngsten Unruhen ausgelöst hat, ist ungewiss. Womöglich stimmt die Geschichte, die Alhadschi Kabir Mohammed, ein muslimischer Bewohner von Jos, in der Presse erzählt. »Ich habe mein Haus wiederaufgebaut, das in den letzten Unruhen vor gut einem Jahr zerstört wurde«, so Mohammed. »Auf einmal kamen christliche Jugendliche auf Motorrädern und befahlen mir, zu verschwinden.« Von da an, sagte Mohammed, habe die Lage sich hochgeschaukelt. Irgendwann brannten Kirchen, Moscheen und Häuser, und Tote lagen auf den Straßen.
Andere sprechen von vorbereiteten Angriffen auf Christen nach der Sonntagsmesse. »Das war geplant, unsere Jugendlichen haben sich nur verteidigt«, erklärt Pfarrer Pandang Yamsat, der der »Kirche Christi« vorsteht, mit drei Millionen Mitgliedern eine der größten Glaubensgemeinschaften in der Region. Er sieht in den neuerlichen Unruhen eine Taktik, mit der Muslime Christen aus Jos vertreiben wollten. »Die Muslime wollen das Land alleine regieren, aber das geht nicht, es gehört Christen und Muslimen gleichermaßen.«
Nicht alle Christen teilen die Einschätzung von wütenden Kirchenführern wie Yamsat. »Die Auseinandersetzungen haben sehr wenig mit Religion zu tun«, sagt etwa Ignatius Kaigama, der katholische Erzbischof von Jos. Er setzt sich seit Langem für den Dialog zwischen Christen und Muslimen ein. »Religion wird instrumentalisiert, um ethnische und politische Interessen leichter durchzusetzen.« Kaigama warnt zudem vor der Macht von Gerüchten. Denen zufolge sollte auch seine Gemeinde angegriffen und die Kathedrale angezündet worden sein: »Das stimmt alles nicht, wer so etwas verbreitet, der lügt.«
Die wirklichen Ursachen des Konflikts sind sozialer Natur, meint auch der Muslim Shamaki Grad von der Menschenrechtsliga in Jos: »Nach den letzten Unruhen Ende 2008 sind die versprochenen Entschädigungszahlungen vom Staat nie geflossen. Die Leute sind arm und hoffnungslos, sie gehen aus Frust erneut auf die Straße.« Hinzu kommt: »Frühere Ausschreitungen sind nie aufgeklärt worden, niemand wurde verhaftet«, sagt Grad. »Deshalb gibt es hier ein Gefühl der Straflosigkeit.«
Nigerias Vizepräsident Goodluck Jonathan hat außer dem Militär auch den Chef des Geheimdiensts nach Jos entsandt. Er will präzise Informationen. Die Angst ist groß, dass sich die Gewalt wie ein Flächenbrand ausbreitet. In den umliegenden Bundesstaaten haben die Behörden die Polizei in höchste Alarmbereitschaft versetzt. Offenbar zurecht: Nur wenige Stunden, nach dem im Zentrum von Jos Ruhe eingekehrt war, meldeten Bewohner neue Ausschreitungen in den Außenbezirken. Und in Pankshin, einer gut 100 Kilometer entfernten Stadt, wurde von brennenden Regierungsgebäuden berichtet. (epd)
Von Marc Engelhardt
