Tummelplatz der Milizen

1. Oktober 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Syrien: Schon längst ist der Bürgerkrieg zu einem Konflikt mit internationaler Beteiligung mutiert

Menschen aus etwa 50 Ländern dieser Erde, so die Erkenntnisse von ­Geheimdiensten, kämpfen inzwischen auf Seiten der Milizen in Syrien.

Erster Israeli im Kampf gegen Assad gefallen«, lautete die Schlagzeile in israelischen Medien am Vorabend des Laubhüttenfestes vor wenigen Tagen. Die arabische Familie Dschuma’ah aus Muschirfa, einem kleinen Dorf neben Umm al-Fahm im israelischen Wadi Ara, hatte eine Nachricht und das Bild von einem zerschossenen Leichnam aus Syrien bekommen. Die Familie glaubt, ihren Sohn Mu’eid eindeutig identifizieren zu können. Angesichts dieser und anderer Meldungen stellt sich die Frage: Wer kämpft da eigentlich in dem Bürgerkrieg, der bereits weit mehr als 120000 Menschen das Leben gekostet hat?

In Siegerstimmung: Kämpfer einer der unüberschaubaren Milizen der syrischen Opposition – aufgenommen vor wenigen Tagen in der Nähe von Kafr Nabuda. Foto: picture alliance

In Siegerstimmung: Kämpfer einer der unüberschaubaren Milizen der syrischen Opposition – aufgenommen vor wenigen Tagen in der Nähe von Kafr Nabuda. Foto: picture alliance

Das Regime von Präsident Baschar al-Assad wird in der eigenen Bevölkerung vor allem von einer Minder­heitenkoalition aus Alawiten, Drusen, Kurden, Christen und Schiiten gestützt. Hinzu kommen aber auch viele sunnitische Muslime. Diese sind zwar wenig begeistert von der Diktatur Assads, ziehen deren säkularen Charakter aber der radikal-islamischen Alternative, die sich am Horizont unverkennbar abzeichnet, vor. Aktiv im Kampf wird Assad zudem von der schiitischen Hisbollah aus dem Libanon und den Revolutionsgardisten aus dem Iran unterstützt. Dazu kommen noch säkular orientierte palästinensische Gruppierungen, wie etwa die Volksfront zur Befreiung Palästinas – Generalkommando (PFLP-GC). Auf der internationalen Bühne schließlich stehen neben dem Iran vor allem Russland und China hinter der syrischen Regierung, die sie auch massiv mit Rüstungsgütern unterstützen.
Gegen das syrische Regime unter Präsident Assad steht ein Konglomerat aus lose verbundenen und kaum koordinierten Milizen, die sich grob in drei Gruppierungen einteilen lassen:

Erstens gehört dazu die sogenannte »Freie Syrische Armee« (FSA), ein Zusammenschluss von Milizen, die sich wiederum aus desertierten Soldaten der syrischen Armee gebildet haben. Sie wollen ein vereintes, säkulares Syrien, wie es einmal war, allerdings ohne Assad. Der Islam ist definitiv nicht auf ihrer Agenda. Dies ist die Gruppe, die westliche Länder, allen voran die USA und die Europäer, gern unterstützen möchten.

Neben der FSA gibt es lokale Milizen, die in der sunnitischen Bevölkerung verwurzelt sind. Sie sind von der sunnitischen Ideologie der Muslimbruderschaft geprägt und streben einen normalen Staat an. Eventuell sehen sich dieser zweiten Gruppe eine ganze Reihe der eher islamistischen Palästinenserorganisationen, wie etwa die Hamas oder der Islamische Dschihad, verbunden. Die palästinensischen Flüchtlinge, die teilweise schon in vierter Generation in Syrien leben, haben zwar keine Staatsbürgerschaft, können Syrien aber auch nicht verlassen, weil niemand weltweit sie aufnehmen will.

Als dritte Gruppierung, die in vieler Hinsicht einen entscheidenden Einfluss auf den Fortgang der Ereignisse in Syrien ausübt, sind die »Internationalen Dschihadisten« erkennbar. Von Antiterrorexperten sind bisher Gruppen und Einzelpersonen aus Afghanistan, Ägypten, Australien, Bahrain, Belgien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Großbritannien, Indonesien, Irak, Irland, Israel, Jemen, Jordanien, Kuwait, Libanon, Libyen, Norwegen, Pakistan, Palästina, Russland, Somalia, Tunesien, Türkei, Tschetschenien, USA und den Vereinigten Arabischen Emiraten identifiziert worden.

Man geht davon aus, dass am syrischen Bürgerkrieg Bürger aus etwa 50 Staaten aktiv beteiligt sind. Insofern ist es nicht ganz unrichtig, wenn Baschar al-Assad behauptet, der Krieg in seinem Land sei ein internationales Komplott, sein Regime zu stürzen. Somit stehen die etwa 200000 Soldaten, die nach wie vor dem Regime Assads loyal sind, vermutlich 100000 Kämpfern in schätzungsweise mehreren Hundert Milizen ganz unterschiedlicher Prägung, Ausbildung, Kampfstärke, Ideologie und Zielsetzung gegenüber.

In der dritten Gruppe sticht ein Verbund durch seine klare ideologische Zielsetzung, aber auch durch seine effektive Vorgehens- und Kampfesweise besonders heraus: die »Dschabhat al-Nusra li-Ahl asch-Scham«, was übersetzt so viel wie »Unterstützungsfront für das Volk von Großsyrien« bedeutet. Kurz wird die Organisation gemeinhin »Dschabhat al-Nusra« genannt.

Diese Gruppierung wird nicht selten als »al-Qaida-nahestehend« bezeichnet. Sie lehnt »Staaten« als eine westlich-kolonialistische Erfindung grundsätzlich ab – wie übrigens auch nicht wenige Ideologen der Hamas. Ihre Anhänger reden nicht von »Syrien«, sondern von »Asch-Schams«, einem Gebiet, das man als »Großsyrien« bezeichnen könnte, und das auch den Libanon, Israel und Jordanien umfasst. »Dschabhat al-Nusra« will die alawitischen »Götzenanbeter« beseitigen, sieht den Kampf gegen das jüdische Israel erklärterweise als nächsten Schritt und hat als Ziel die Verbreitung des Islam über die ganze Welt. Die Türkei unterstützte die »Al-Nusra-Front« in der Vergangenheit mehrfach mit Waffen.

Ob der israelische Inlandsgeheimdienst »Schin Bet« oder andere ­west­liche Polizei- und Geheimdienste: Keinem ist wohl bei dem Gedanken, dass Hunderte von Bürgern ihrer eigenen Länder in Syrien nicht nur ideologisch radikalisiert werden, sondern zudem eine praktische Ausbildung und Kampferfahrung erhalten.

Johannes Gerloff

Im Ernstfall auf sich allein gestellt

11. September 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Israel: Der blutige Machtkampf im Nachbarland Syrien wird zum Testfall für die Verlässlichkeit des Westens

Aus israelischer Sicht sind die jüngsten Entwicklungen in Syrien auch ein Testfall für das Problem eines Irans mit Atomwaffen.

Das offizielle Israel schweigt zu dem blutigen Drama im nordöstlichen Nachbarland, baut seine Grenzanlagen aus und gönnt seinen Nachrichtendiensten keine Atempause. Hin und wieder wird das Schweigen durchbrochen von der als Feststellung verkleideten Drohung in Richtung arabische Nachbarn, die wohl auch als Beruhigung für das eigene Volk gedacht ist: Man sei auf jede Eventualität vorbereitet. Reservisten werden eingezogen und wieder nach Hause geschickt. In aller Stille werden verletzte Syrer in israelischen Krankenhäusern behandelt.

Syriens Präsident Assad wird von der libanesischen Hisbollah, dem Iran und Russland unterstützt. Dieses »schiitische Bündnis« wird von der Freien Syrischen Armee und sunnitischen Gruppierungen bekämpft: Muslimbrüder, Salafisten, Dschihadisten aus aller Welt, »al-Qaida-nahestehende« Kämpfer. Der gemeinsame Feind eint und bringt die Sympathie Saudi-Arabiens, Qatars, der Türkei und Ägyptens, vor allem aber des Westens ein. Ansonsten ist die syrische Opposition heillos zerstritten. Fachkundige Beobachter spekulieren: Wenn Assad fällt, geht der Krieg erst richtig los!

Flächenbrand: Ein israelischer Soldat beobachtet auf den Golanhöhen die syrische Seite, nachdem Mörsergranaten »irrtümlich« in Israel einschlugen und Brände auslösten. Foto: picture alliance

Flächenbrand: Ein israelischer Soldat beobachtet auf den Golanhöhen die syrische Seite, nachdem Mörsergranaten »irrtümlich« in Israel einschlugen und Brände auslösten. Foto: picture alliance

Israels Medien zeigen lange Schlangen an den Verteilstellen für Gasmasken, berichten von Ärger und Panik. 40 Prozent der Israelis haben keine Gasmasken zur Verfügung. Aber ein Wachmann vor einem großen Einkaufszentrum in der neu erbauten Stadt Modiin winkt lachend ab: »Wir haben den Krieg doch auf die Zeit nach den Festen verschoben!« Im Norden Israels sind Fremdenzimmer, Pensionen und Hotels bis auf den letzten Platz ausgebucht. Niemand will sich den Urlaub während des jüdischen Neujahrsfestes (5. und 6. September), dem großen Versöhnungstag (14. September) und dem Laubhüttenfest (19. bis 25. September) verderben lassen. Nur die infolge der Syrienkrise steigenden Treibstoffpreise sind ein Wermutstropfen in der aufkommenden Festzeitstimmung.

Doch bei alledem verfolgt Israel das Zaudern Obamas mit Stirnrunzeln. Man fragt sich, ob Amerikas rote Linien mehr sind als heiße Luft? Mit Blick auf die atomaren Ambitionen des Iran, der den »Schandfleck Israel« lieber früher als später »von der Landkarte verschwinden« sehen will, ist Syrien ein Testfall. Aus israelischer Sicht sind die jüngsten Entwicklungen ein weiterer Beweis dafür, dass man im Ernstfall ganz auf sich allein gestellt ist. Die Glaubwürdigkeit des Westens – nicht nur Amerikas! – steht auf dem Spiel. Und nicht nur in Israel! Im ­syrischen staatlichen Fernsehen wird satirisch der Sieg Assads über Obama gefeiert, während der syrische Präsident strahlend eine Delegation des iranischen Parlaments empfängt.

Ganz unversehens habe sich der glorreiche arabische Aufstand als apokalyptisches Inferno erwiesen, stellen liberale Kommentatoren in Israels Medien fest. »Das Ende der Welt hat in Damaskus begonnen«, titelt die Tageszeitung HaAretz: »Wenn 2013 Zivilisten vergast werden dürfen, bedeutet das ein Ende der Welt, die sich für moralisch und aufgeklärt hält.« In Damaskus würden nicht nur Vergaste zu Grabe getragen, folgert der Journalist Ari Schavit, sondern auch der aufgeklärte arabische Nationalismus, die Hoffnung auf das Gewissen der Welt, der Traum von einer Weltgemeinschaft, die Illusion von internationalem Recht.

Selbst linke Friedensbewegte sind sich einig, dass man von Glück reden kann, dass Israel die Golanhöhen nicht im Tausch für »Frieden« an ­Syrien abgegeben hat. Der jeglicher ­Netanjahu-Bewunderung völlig unverdächtige Schavit kommt zu dem Schluss: »So sehr man Netanjahu ­(Israels amtierender Ministerpräsident – d. Red.) im Westen auch verachten mag, der überwältigenden Mehrheit der israelischen Bevölkerung ist mittlerweile klar: Der Mann hat Recht! Die größte Gefahr im 21. Jahrhundert ist die Kombination von unkonventionellen Waffen mit unkonventionellen Regimes.«

Israels ehemaliger Oberrabbiner Israel Meir Lau wurde selbst als Achtjähriger von Amerikanern aus dem Konzentrationslager Buchenwald in der Nähe von Weimar befreit. Er beklagt die Gleichgültigkeit der internationalen Gemeinschaft gegenüber dem Leiden des Nächsten. »Uns fehlt heute eine Persönlichkeit wie die Tochter Pharaos.« Sie öffnet das Körbchen im Schilf des Nils, entdeckt darin ein drei Monate altes Baby und – die Tora bezeugt: ›Sie hatte Mitleid mit ihm und sagte: Das ist eines der Kinder der Hebräer!‹« Rabbi Lau kommt zu dem Schluss: »Das Blut der Opfer des Massakers von Damaskus schreit uns vom Erdboden an!«

Rabbi Juwal Scherlow wurde von einem seiner Schüler gefragt, wie man sich im Blick auf die Krise in Syrien verhalten solle. Er antwortet mit einem Verweis auf die Macht des Gebets. Besonders die Psalmen 37 und 120 passten für die Lage in Syrien. Allerdings hat er auch ein eigenes Gebet verfasst für die Notleidenden in dem Land, das seinen eigenen Staat seit Beginn seiner Existenz bekämpft. Scherlow ist überzeugt, das Gebet ­eines Einzelnen wird von Gott erhört – aber auf dem gemeinsamen Gebet liege eine besondere Macht.

Johannes Gerloff

»Wenn ich nicht tanze, bin ich tot«

10. Juni 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Mohammad Reza Golemohammad tritt in Kirchen auf  – ein Porträt

Mohammad Reza Golemohammad betritt leichtfüßig die Bühne. Er lächelt und beginnt zu tanzen. Erst langsam, dann immer schneller dreht er sich, breitet die Arme auseinander, streckt sie nach oben, zur Seite, dreht sich langsamer, verdreht seinen Körper: Die Beine über Kreuz, die Fußspitzen zeigen aufeinander, Beine und Oberkörper formen ein C. Der rechte Arm geht nach oben, der linke ist am Körper.

Golemohammad bleibt in dieser Pose stehen und lächelt. Lächelt auch, als er wieder anfängt sich zu bewegen, den Kopf und die Arme in einer groß ausladenden Geste nach hinten wirft, sich weiter dreht. Bei dieser Vorstellung, die nur dem Fotografen gilt, ist es ganz still, keine Musik ist zu hören, nur das Klicken des Kameraverschlusses. Die Musik hat der 35-Jährige im Kopf. Er wiegt sich zum Takt dieser Melodien, wird langsam, wird schnell, verharrt.

Für Mohammad Reza Golemohammad hat sich die bittere Anfangszeit in Deutschland zum Guten gewendet. Foto: factum

Für Mohammad Reza Golemohammad hat sich die bittere Anfangszeit in Deutschland zum Guten gewendet. Foto: factum

Der Betrachter bekommt eine Ahnung davon, welchen Rhythmus die Musik haben mag oder welche Geschichte das Märchen erzählt, zu dem Golemohammad sich bewegt. Märchen, getanzt? Ja, genau.

Vor zehn Jahren kamen ­Mo­hammad Reza Golemohammad und seine Mutter als Asylbewerber nach Deutschland. Ursprünglich auf dem Weg vom Iran nach Kanada, blieben sie im Schwäbischen »hängen«. Sie durften nur mit Genehmigung der ­Behörden den Landkreis verlassen, arbeiten und studieren war nicht erlaubt. Für den damals 25-Jährigen, der voller Tatendrang und Ideen steckte, eine Katastrophe. »Deutschland war am Anfang für mich wie ein Gefängnis, nur ohne Gitter«, sagt der Tanzchoreograf. Die Erfahrung, im Gefängnis zu sitzen, hat Mohammad Reza Golemohammad im Iran gemacht. Bei einer Demonstration, die sich kritisch mit der Regierung auseinandersetzte, wurde er verhaftet. Fünf Monate saß er ein, wurde geschlagen und ausgepeitscht. Nachdem er wieder freikam, beschloss er, mit seiner Mutter das Land zu verlassen. Denn eine berufliche Perspektive war schwierig zu finden. Vor seiner Inhaftierung hatte Golemohammad heimlich als Tanzlehrer gearbeitet. Heimlich, »weil Tanzen im Iran nicht erlaubt ist«. So wurden die Tanzstunden an wechselnden Orten abgehalten. Dennoch flog er auf. Bußgeld war die Folge. Nicht nur das Tanzen sei im Iran nicht erlaubt: Das Regime schreibe vor, ­welche Musik gehört werden darf und in welcher Lautstärke. Es gebe nur staatliche Fernsehsender – und wenn dort Schauspieler auftreten, dann dürften sie posieren, aber nicht tanzen. In Deutschland, so glaubte er, würde er seine Begabung ausleben können. Doch so einfach war das nicht. Solange ein Asylbewerber nicht als solcher anerkannt ist, gelten strenge Regeln. Das »Gefängnis ohne Gitter« führte zum Zusammenbruch. Depression. In der Klinik bekam er Hilfe: Einerseits durch seine Musiktherapeutin. Sie machte ihm Mut, seine Begabung weiter auszuleben und ermunterte ihren Patienten dazu, zu singen, zu tanzen, zu springen, aber auch zu weinen. Das hat geholfen. Geholfen hat ihm auch die Kirche: Der Arbeitskreis Asyl kümmerte sich um ihn, unterstützte ihn bei Anträgen, bei Behördengängen.

Wer Golemohammad aber noch viel mehr unterstützt hat, ist der persische Märchenerzähler Reza Maschaikhi. Maschaikhi erzählte seinem Landsmann ­fantastische Geschichten – und Golemohammad, der schon seit seinem fünften Lebensjahr tanzt, stellte das Gehörte mit seinem Körper dar. Der Märchenerzähler war ­be­geistert, das Publikum auch. Selbst Menschen, die das Märchen nicht kennen, würden die getanzte Geschichte verstehen, erzählt Golemohammad. Für ihn öffneten die Märchen eine neue Welt. »Das Tanzen hat mich befreit«, sagt er. »Ich kenne Menschen, die kosten die Freiheit in Deutschland gar nicht aus«, sagt Mohammad Reza Golemohammad. Er fragt sich, warum das so ist – und findet keine Antwort. Nur eine gewisse Trauer darüber, dass sich nicht alle so freuen können wie er.

Für Mohammad Reza Golemohammad hat sich die ­bittere Anfangszeit in Deutschland zum Guten gewendet. Nachdem er als Asylbewerber anerkannt war, bekam er eine Arbeitserlaubnis. Seit zwei Jahren ist er auch deutscher Staatsbürger. Inzwischen studiert er Eurythmie auf Master, gibt Tanzunterricht, tritt in Kirchen auf und natürlich bei Veranstaltungen des Arbeitskreises Asyl. Das Tanzen, das weiß Mohammad Reza Golemohammad inzwischen, ist sein Lebenselixier. Er drückt es drastischer aus: »Wenn ich nicht tanze, bin ich tot.« Und meint damit vor allem, dass etwas in ihm verkümmert, wenn er nicht tanzen darf.

Nicole Marten

Der Unbeugsame

20. März 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Iran: Wegen seines Glaubens droht im islamischen Gottesstaat einem protestantischen Pfarrer die Hinrichtung

Dem iranischen Pfarrer ­Youcef Nadarkhani droht die Hinrichtung. Weil er als ­junger Mann vom Islam zum Christentum übergetreten ist und eine evangelische ­Hauskirche leitete.

Von Youcef Nadarkhani gibt es einige Bilder in hellblauer Häftlingskleidung, wie er in seiner Zelle auf einer Pritsche sitzt und schüchtern in eine Kamera lächelt. Sie sind in einer Haftanstalt des iranischen Geheimdienstes in der Stadt Lakan entstanden, irgendwann nach dem 12. Oktober 2009, dem Tag, an dem er von einem Revolutionsgericht vorgeladen und verhaftet wurde. Anfangs durfte er regelmäßig Besuch von seinem Anwalt, seiner Familie und seinen Freunden empfangen.

Ein Bild aus der Zeit vor seiner Verhaftung: Pfarrer Youcef Nadarkhani mit seiner Frau Pasandideh und den beiden Söhnen des Ehepaares. Foto: privat

Ein Bild aus der Zeit vor seiner Verhaftung: Pfarrer Youcef Nadarkhani mit seiner Frau Pasandideh und den beiden Söhnen des Ehepaares. Foto: privat

Doch damit war es bald vorbei. Das iranische Regime übte massiven Druck aus. Sein Vergehen: Er war als 19-Jähriger vom Islam zum Christentum konvertiert und leitete bis zu seiner Verhaftung als Pastor eine 400 Mitglieder große freikirchliche evangelische Hauskirche.
Erst wurden die Besuche seines Anwalts eingeschränkt, dann wurde am 18. Juni 2010 seine Frau Fatemeh Pasandideh inhaftiert.

Man brachte sie ebenfalls ins Gefängnis nach Lakan. Die zwei Kinder des Ehepaares, ein Junge ist sieben, der andere neun, blieben bei Verwandten. Die iranischen Behörden drohten den Eltern, ihnen die Jungen wegzunehmen und in eine muslimische Familie zu geben. Nadarkhanis Frau Pasandideh wurde ohne Beistand eines Anwalts zu lebenslanger Haft verurteilt.

Dann der große Schock: Am 22. September 2010 verurteilte die Erste Kammer des zuständigen Revolutionsgerichts den Pastor wegen des »Abfalls vom islamischen Glauben« und der »Verbreitung nichtislamischer Lehren« zum Tode.

Seine Frau wurde nach einem Berufungsverfahren nach viermonatiger Haft freigelassen, Nadarkhani aber wurde innerhalb des Gefängnisses in die Sektion für politische Gefangene verlegt. Er durfte keinen Besuch mehr erhalten. Am 13. November 2010 erhielt er von der Ersten Kammer des Revolutionsgerichts das schriftliche Urteil. Der Einspruch von Nadarkhanis Anwalt beim höchsten iranischen Revisionsgericht wurde verworfen, am 28. Juni 2011 bestätigte die dritte Kammer des Obersten Gerichtshofs in Qom die Todesstrafe.

Youcef Nadarkhani wurde allerdings ein Ausweg angeboten. Der einzige Weg, dieses Urteil außer Kraft zu setzen, wäre die Lossagung von seinem Glauben. Nach Informationen der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt am Main sollte er durch eine Vielzahl an »Maßnahmen« wieder zum »richtigen« Glauben zurückgeführt werden. Im Zuge einer Verurteilungs- und Einschüchterungswelle wurde auch Nadarkhanis prominenter Anwalt Mohammad Ali Dadkhah Anfang Juli 2011 zu Peitschenhieben, neun Jahren Haft und einem zehnjährigen Berufsverbot sowie einer Geldstrafe verurteilt.

Dass nun seine Hinrichtung bevorsteht, erklären Beobachter mit der verfahrenen politischen Lage im Streit um das iranische Atomprogramm, die westlichen Sanktionen gegen das Mullahregime und die Kritik an den iranischen Vernichtungsdrohungen gegen Israel. Die Lage ist sehr ernst.

Sein Tod würde die Lage für alle Christen im Iran verschärfen. Warum an Nadarkhani nun ein Exempel statuiert werden soll, kann nur vermutet werden. Vielleicht liegt es daran, dass er auch außerhalb seiner Hauskirche für seine christlichen Überzeugungen eingestanden ist. Er protestierte beispielsweise 2009 gegen ein neues Gesetz, das eine noch stärkere Akzentuierung des muslimischen Glaubens im Schulunterricht vorsah.

Nadarkhani wäre seit Jahren der erste Konvertit, den die iranische Justiz wegen des »Abfalls vom Islam« ­hinrichten würde. Die bedrängte iranische Untergrundgemeinde geriete ­dadurch sicher noch stärker unter Druck. Der Iran würde sich jedoch vor aller Welt ins Unrecht setzen, denn das Recht auf Religionsfreiheit im UN-Zivilpakt hat auch der Iran völkerrechtlich bindend anerkannt.

Doch das Völkerrecht wird davon überlagert, dass der Islam im Iran Staatsreligion ist. Alle Gesetze und Vorschriften müssen der offiziellen, sehr strikten Interpretation der Scharia-Gesetze entsprechen. Betroffen sind besonders die Bahai, Sufi-Muslime und Christen muslimischer Herkunft. Die Verfolgung von religiösen Minderheiten nahm seit der Wahl des konservativen Hardliners Mahmud Ahmadinedschad zum Präsidenten ständig zu.

Trotz des harten Kurses der Regierung und islamischer Geistlicher gründen Konvertiten neue Hausgemeinden. Meist geben einheimische Christen ihren neuen Glauben an ihre muslimischen Verwandten und Freunde weiter oder Menschen kommen durch christliches Satellitenfernsehen und Internetangebote zum christlichen Glauben. Christen muslimischer Herkunft bilden die Mehrheit der christlichen Minderheit im Iran, die derzeit etwa 460000 Gläubige umfasst. Mehr als drei Viertel der Christen im Land sind ehemalige Muslime. So wie Youcef Nadarkhani.

Helmut Frank

www.igfm.de

Auf Sichtweite – aber ohne Steinwurf

23. Oktober 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Hisbollah-Anhänger feiern den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad bei seinem Besuch an der libanesisch-israelischen Grenze mit einem Meer von gelben Hisbollah-Fahnen und iranischen Flaggen.  Foto: picture alliance/dpa/Nabil Mounzer

Hisbollah-Anhänger feiern den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad bei seinem Besuch an der libanesisch-israelischen Grenze mit einem Meer von gelben Hisbollah-Fahnen und iranischen Flaggen. Foto: picture alliance/dpa/Nabil Mounzer


Hintergrund: Ahmadinedschad im Libanon – oder das Ringen um die Führungsrolle in der islamischen Welt.

Geheimnisumwittert und vor allem spannungsgeladen war der Staatsbesuch des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad in der vergangenen Woche im Land der Zedern.

Von Johannes Gerloff (Jerusalem)

Das könnte einen Krieg auslösen«, unkte ein Beiruter Nah­ostexperte im Vorfeld. Dabei ging es gar nicht in erster Linie um den ewigen Zankapfel Israel. Wie schon bei der Affäre um die türkische Gaza-Hilfsflottille im Mai dieses Jahres stehen regionale Überlegungen und die Anstrengungen orientalischer Möchtegern-Großmächte, ihren Einflussbereich auszubauen, im Vordergrund.

Das Machtvakuum in der arabischen Welt ist mit Händen zu greifen. Syriens Baschar el-Assad ist es nie wirklich gelungen, die großen Stiefel seines Vaters auszufüllen. Der 82-jährige Ägypter Hosni Mubarak kämpft um seine Gesundheit, sucht einen Nachfolger und bemüht sich, die Hydra Muslimbruderschaft im eigenen Lande in Schach zu halten. Der Irak ist nach dem Sturz Saddam Husseins in sich zusammengebrochen. Vor diesem Hintergrund buhlen Ankara und Teheran um die Achtung der islamischen Welt. Der schiitische Halbmond, von Indien über Pakistan, den Iran und Syrien bis in den Südlibanon fordert die ihm seit Jahrhunderten verweigerte Ehre.

Und dann ist da seit Jahren ein ­innerlibanesischer Machtkampf, den der verlängerte Arm des Iran, die radikal-schiitische Hisbollah längst zu ­ihren Gunsten entscheiden konnte. Die einst so mächtigen christlichen Milizen des Zedernstaates sind verschwunden. Die Palästinenser, die einmal die einzige nichtjüdische Demokratie im Nahen Osten erfolgreich ausgehöhlt und zum Einsturz gebracht haben, sind erfolgreich neutralisiert. Warlords, wie der Druse Walid Dschumblat, haben keine militärischen Druckmittel mehr zur Hand.

Die libanesische Armee ist so schiitisch durchsetzt, dass sie der Hisbollah auf dem Weg zum Triumph keine Steine in den Weg legen wird, selbst wenn sie das wollte. Schon vor Jahren galten Genehmigungen ziviler Behörden, der Armee und des militärischen Geheimdienstes nichts im Vergleich zu einem Kopfnicken der allgegenwärtigen und fast allmächtigen Hisbollah. Die Befürchtung der USA, »die Hisbollah könnte die libanesische Souveränität untergraben«, hinkt der Realität um Jahre hinterher.

Besonders demütigend für libanesische Christen und muslimische Sun­niten gleichermaßen ist das Schick-
sal eines internationalen Tribunals, das den tödlichen Anschlag auf den ­libanesischen Regierungschef Rafik Hariri untersuchen soll. Der Sohn des schwerreichen Geschäftsmannes, Saad Hariri, der heute als Premier­minister des Libanon auf dem Platz seines Vaters sitzt, sieht sich unverhohlenen Drohungen ausgesetzt. Möglicherweise steckt die Hisbollah hinter dem Mord. Jetzt muss der junge Hariri mit den Hassern seines Vaters kooperieren.

»Wie ein Kommandeur, der seine Truppen inspiziert«
2006 hatte die israelische Luftwaffe die Hisbollah-Hochburg Dahia im ­Süden der libanesischen Hauptstadt Beirut in Schutt und Asche gelegt. Jetzt ließ sich der iranische Patron eben dort von Tausenden Hisbollah-Anhängern feiern. Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah meldete sich in einer Videobotschaft aus seinem Versteck zu Wort. Einen Tag später hielt Ahmadinedschad eine Rede im südlibanesischen Bint e-Dschbeil, bei dem bis heute noch nicht unabhängig geklärt ist, ob der Schaden, den der Iran großzügig reparieren ließ, eine Folge israelischer Zerstörungswut oder von Explosionen unterirdischer Waffen­lager war, deren Ursprungsland wohl ebenfalls der Iran ist. »Die Zionisten werden verschwinden«, sagte der Iraner seinen Anhängern in Sichtweite des jüdischen Staates und überraschte mit dieser Prophetie weder Freund noch Feind. Bemerkenswert war die auffallende Abwesenheit libanesischer Flaggen bei diesen Massenversammlungen. Lediglich Hisbollah- und iranische Fahnen wurden geschwenkt.

Das offizielle Israel bemühte sich um Schweigen. Unüberhörbar war allerdings die Aussage, der Iran habe jetzt eine gemeinsame Grenze mit Israel. »Der iranische Präsident besucht den Libanon wie ein Kommandeur, der seine Truppen inspiziert«, meinte Yigal Palmor, Sprecher des israelischen Außenministeriums. Mindestens 40000 vom Iran gelieferte Raketen in Hisbollah-Händen bedrohen ­Israel – so schätzen israelische Sicherheitsexperten. Offiziell baten die Israelis die libanesische Regierung durch diplomatische Kanäle darum, jede Provokation zu unterlassen.

Ursprünglich wollte Ahmadinedschad bis an den israelischen Grenzzaun kommen, um einen Stein auf die israelischen Soldaten zu werfen. So jedenfalls wusste das die Gerüchteküche des Morgenlandes. Tatsache bleibt, dass mittlerweile jeder den Herrschaftsanspruch des Iran verstanden haben müsste. »Es gibt nur noch zwei Supermächte weltweit«, hatte Mahmud Ahmadinedschad schon vor Monaten erklärt: »die USA und den Iran.«