Von Anhalt nach Indien

2. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Mission: Vor 200 Jahren wurde der Mitbegründer der neueren deutschen Missionswissenschaft, Karl Graul, geboren

Karl Graul gehört zu den prägenden Persönlichkeiten der deutschen Missionsgeschichte. Als Direktor stellte er die Weichen für die bis heute andauernde Arbeit des Leipziger Missionswerkes (LMW).

Nicht weit vom Wörlitzer See kam er als Kind einer Leineweberfamilie zur Welt: Karl Graul (6. Februar 1814 bis 10. November 1864) schaffte es, sich dank seines Verstandes und mit Hilfe von Förderern eine höhere Schulbildung zu erwerben, Theologie zu studieren, Sprachen zu lernen und sich als Übersetzer Dantes einen Namen zu machen. 1843 berief ihn die Evangelisch-Lutherische Missionsgesellschaft Dresden (später Leipzig) zu ihrem Direktor. Er bereiste von 1849 bis 1853 Südindien, wo er sich intensiv mit der Kultur und der tamilischen Sprache auseinandersetzte. Sein Wirken führte zum Wiedererwachen der lutherischen Mission rund um Tranquebar, die 1706 mit den halleschen Missionaren Bartholomäus Ziegenbalg und Heinrich Plütschau begonnen hatte. Aus ihrem Wirken ging die Evangelisch-Lutherische Tamilkirche (TELC) hervor. Ab 1861 lebte Graul in Erlangen, wo er sich 1864 für den ersten Lehrstuhl einer deutschen theologischen Fakultät in Missionswissenschaften habilitierte. Wenig später erlag er einer schweren Krankheit.

Treffen in einem Wittwenprojekt der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche: Die Überwindung des Kastensystems ist bis heute nicht wirklich gelungen. Foto: Leipziger Missionswerk

Treffen in einem Wittwenprojekt der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche: Die Überwindung des Kastensystems ist bis heute nicht wirklich gelungen. Foto: Leipziger Missionswerk

Der Erlanger Religions- und Missionswissenschaftler Andreas Nehring zeigte jetzt bei einer Tagung in Wörlitz die Besonderheiten des Wirkens von Karl Graul auf. Er habe von Indien-Missionaren gefordert, sich ein solides Wissen der indischen Literatur- und Religionsgeschichte anzueignen. Derjenige, der die Argumente der »Heiden« kenne, könne die christliche Wahrheit besser vermitteln. Für das LMW habe Graul Texte in Tamil-Literatur gesammelt, übersetzt und herausgegeben. Er sei der Ansicht gewesen, dass die lutherische Theologie das Verhältnis von Evangelium und Kultur beziehungsweise der zwei Reiche so bestimme, dass dazwischen für ein »mittleres natürliches Gebiet« Platz sei. Dort könnte sich die »nationale Eigenthümlichkeit« eines Volkes manifestieren. Aufgabe einer einheimischen Kirche und nicht der europäischen Mission sei es, dieses Gebiet im Sinne einer christlichen Ethik zu gestalten.

Mit dieser Meinung geriet er in Streit mit anderen Missionaren über die Kastenfrage. In seinem Vortrag widmete sich der Direktor des LMW, Volker Dally, Grauls unpopulärer Entscheidung: In Indien gibt es die Schicht der Dalits, Menschen, die so gering geachtet und rechtlos sind, dass sie im Kastensystem des Hinduismus keinen Platz haben. Etwa 220 Millionen Menschen gehören heute zu den »Broken People« (Gebrochene Menschen), wie sie sich selber nennen. Im 19. Jahrhundert forderten englische Missionare von indischen Christen, die Unterscheidung in Kasten aufzugeben. Die Leipziger Missionare waren sich in dieser Frage nicht einig. Einige wollten das Kastensystem abschaffen. Graul und andere, die Kasten nicht nur als religiöses System, sondern als Grundlage der indischen Zivilgesellschaft verstanden, sahen, dass diese schon in die christlichen Gemeinden in Tamil Nadu eingewandert waren. Sie hofften auf allmähliche Veränderungen durch eine neue christliche Ethik.

Zu der seit 1919 selbstständigen TELC gehören heute 110 000 Mitglieder. 60 Prozent davon sind kastenlose Dalits. »Aus heutiger Sicht können wir sagen«, so Volker Dally, »dass weder die Leipziger Mission noch eine andere Missionsgesellschaft erfolgreich war mit ihrer Hoffnung auf eine Überwindung des Kastendenkens und –handelns in der indischen Gesellschaft.«

Der anhaltischen Kirchenpräsident Joachim Liebig zog in seinem Vortrag Parallelen zur heutigen Situation: Mission könne in einer Region wie Anhalt mit sechs bis neun Prozent Kirchenmitgliedern nicht nur eine Frage an das Pfarramt sei. Missionarischer Anspruch erstrecke sich auf alle Gemeindeglieder; Gemeinden seien dabei zu erkennen, was das für ihre Arbeit bedeute. »Mission in unserer Zeit und unserer Region muss es leisten, einen der Kirche immer wieder streitig gemachten öffentlichen und privaten Raum zu besetzen, dabei menschenfreundlich und zugewandt zu bleiben.«

Angela Stoye

Hinweis:
Alle Referate der Wörlitzer Tagung sind in dem Tagungsband »Karl Graul (1814–164)« versammelt, den das Evangelisch-Lutherische Missionswerk Leipzig zusammen mit der Landeskirche Anhalts herausgegeben hat. Preis: 12 Euro. Zu bestellen beim Missionswerk Leipzig, Paul-List-Straße 19, 04103 Leipzig, Telefon (03 41)9 94 06 00 oder E-Mail <info@LMW-Mission.de>

www.lmw-mission.de

Neue Kirchen in Maos Land

24. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Kommentar: Haben die Christen in Deutschland die Erhörung ihrer Gebete für China verpasst?

Christsein in China – das assoziieren viele immer noch mit grausamer Verfolgung und Umerziehungslagern. Doch die Realität ist
inzwischen glücklicherweise vielschichtiger.

Seit Jahrzehnten wird in Gemeinden und Gebetskreisen in Deutschland treu für die Christen in China gebetet – das ist gut so! Doch was ich in China erlebe und sehe, überzeugt mich davon, dass unsere Gebete erhört worden sind. Leider kommt diese glückliche Information nur spärlich in Deutschland an oder wird misstrauisch abgelehnt.

Wolkenkratzer und Kirchenkreuz: Die Chong-Yi-Kirche in Hangzhou bei Shanghai wurde erst 2005 erbaut. Trotz ihrer rund 5 000 Sitzplätze müssen sonntags drei Gottesdienste hintereinander gefeiert werden.

Wolkenkratzer und Kirchenkreuz: Die Chong-Yi-Kirche in Hangzhou bei Shanghai wurde erst 2005 erbaut. Trotz ihrer rund 5 000 Sitzplätze müssen sonntags drei Gottesdienste hintereinander gefeiert werden.

Ein paar Tatsachen: Die Zahl der Christen ist seit 1980 von circa fünf Millionen auf schätzungsweise 80 bis 100 Millionen angewachsen. Die offizielle, staatlich registrierte Drei-Selbst-Kirche hat viele neue Freiheiten. Die Gottesdienste sind so gefragt, dass oft drei bis fünf Gottesdienste pro Sonntag angeboten werden müssen.

Glaubenskurse und Bibelstunden werden innerhalb der Woche regelmäßig besucht. Wenn Weihnachten und Ostern Taufgottesdienst gefeiert wird, dann sind es oft Hunderte, die sich nach absolviertem Taufunterricht nun öffentlich zu Jesus und zur Kirche bekennen. Die Christen können ihre Kirchen nicht nur wieder nutzen, sondern auch erstaunlich große Kirchen neu bauen. Pro Tag – so die Aussage des Christenrates – werden fünf neue Gemeinden gegründet und drei Kirchenräume in Betrieb genommen.

Eigentlich ist religiöse Erziehung für Kinder verboten, doch in allen Gottesdiensten in Chinas Kirchen gehören Kinder selbstverständlich dazu. Es gibt Kindergottesdienste sowie Angebote der Jugendarbeit. Fotos: Albrecht Kaul

Eigentlich ist religiöse Erziehung für Kinder verboten, doch in allen Gottesdiensten in Chinas Kirchen gehören Kinder selbstverständlich dazu. Es gibt Kindergottesdienste sowie Angebote der Jugendarbeit. Fotos: Albrecht Kaul

Wenn man quer durch China fährt, entdeckt man auch in modernen Satellitenstädten immer wieder Kirchtürme mit einem weit sichtbaren Kreuz. Obwohl religiöse Erziehung erst ab dem 18. Lebensjahr erlaubt ist, haben die Kirchen eine interessante Jugendarbeit und bieten sonntags Kindergottesdienste mit zum Teil Hunderten von Kindern. In Nanjing steht die Bibeldruckerei der Amity-Stiftung – es ist die größte Bibeldruckerei der Welt – die monatlich eine Million Bibeln druckt.

Aber auch die nicht registrierten Hauskirchen schießen immer noch wie Pilze aus dem Boden. In den Städten sind es eher die Studenten und wirtschaftlich gut gestellten Chinesen, die sich in diesen Gruppen versammeln. Auf dem Land meist die einfache Bevölkerung, die im Glauben an Jesus Christus eine Alternative zu ihren enttäuschten kommunistischen Hoffnungen sieht. Diese Gruppen werden zwar beargwöhnt und beobachtet, aber nicht mehr generell verfolgt. Zwar hört man von einzelnen Inhaftierungen von Hauskreisleitern, aber dies ist nicht mehr die allgemeine Praxis. Auch wenn jede Verhaftung eine zu viel ist!

Der Staat hat erkannt, dass die Christen die Gesellschaft stabilisieren und zur Harmonie – dem großen gesellschaftlichen Thema – im Lande beitragen. Der unabhängige »Christliche Verein Junger Menschen« (YMCA/CVJM) arbeitet in zehn Großstädten und macht wie viele christliche Gemeinden eine erstaunliche soziale Arbeit. Auch dies wird vom Staat sehr positiv gesehen und anerkannt. Die katholischen Christen, die den Anschluss an Rom nicht aufgeben wollen, haben demgegenüber viel größere Schwierigkeiten. Bischöfe und Pastoren, die nicht linientreu sind, müssen mit Hausarrest oder Inhaftierung rechnen.

Albrecht Kaul war Landesjugendwart des sächsischen Jungmännerwerkes und ist derzeit China-Beauftragter des CVJM in Deutschland.

Albrecht Kaul war Landesjugendwart des sächsischen Jungmännerwerkes und ist derzeit China-Beauftragter des CVJM in Deutschland.

Unter dem Strich kann man aber dankbar feststellen, dass die Zeit der brutalen und polizeilich organisierten Verfolgung der Christen in China wirklich vorbei ist. Auch die Hilfsorganisation »Open Doors« stuft in der weltweiten Rankingliste der verfolgten Christen China inzwischen auf Platz 37 ein – hinter Jordanien, Indien und Tansania!

Brauchen wir also nicht mehr für China zu beten? Natürlich sollten wir für China beten – zuerst mit Dank für Gottes wunderbares Handeln. Zugleich sollten wir beten, dass die gewonnenen Freiheiten nicht zurückgenommen werden und dass die Begeisterung am christlichen Glauben überspringt auf ganz Asien und bis zu uns nach Deutschland. Auch sollten wir beten, dass der zunehmende Wohlstand in China den Menschen nicht die Augen verblendet, sondern ihnen nichts wichtiger wird als das Glück, bei Jesus zu sein. Und weil unsere Gebete erhört worden sind, lasst uns umso intensiver für Nord-Korea und die Christen in muslimischen Ländern beten!

Albrecht Kaul

Hoffnung auf die Mittelschicht

18. März 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Südafrika: Seit Jahren herrscht der ANC unangefochten im Land – und zugleich wachsen seit Jahren die Probleme

Am Kap der Guten Hoffnung sieht längst nicht alles hoffnungsvoll aus. Der frühere thüringische Regionalbischof Hans Mikosch und seine Frau Adelheid lebten ein halbes Jahr in Südafrika. Harald Krille sprach mit ihnen über ihre Erfahrungen.


Frau Mikosch, Herr Mikosch, was ist Ihr Eindruck – hat der Versöhnungsprozess nach dem Ende der Apartheid zu einer Aussöhnung der Gesellschaft Südafrikas geführt?
Hans Mikosch:
Ja und nein zugleich. Ja, weil es in Südafrika zu keinem Bürgerkrieg gekommen ist, obwohl die Zeichen auf Rache standen. Durch die Einrichtung der Wahrheits- und Versöhnungskommissionen zur Aufarbeitung politischer Verbrechen während der Apartheid standen sich Menschen Auge in Auge gegenüber. Und da war es möglich, in Einzelfällen Vergebung zu gewähren. In der Gesamtgesellschaft scheint es mir noch ein weiter Weg zu sein. Weil im Augenblick der Weg umgekehrt gegangen wird: Schwarze haben überall Vortritt, vor allem auch schwarze Frauen. Von daher herrscht die große Sorge, dass dann junge Weiße ins Ausland abwandern.

Manche sprechen im Blick auf Südafrika ja sogar schon von einer umgekehrten Apartheid …
Adelheid Mikosch:
Das würde ich auch so sehen. In der lutherischen Gemeinde beispielsweise, in der wir lebten und arbeiteten, gab es drei Gottesdienste: Einen für die Deutschsprachigen, die zumeist auch deutschstämmig sind, einen für die aus holländischem Hintergrund stammende Gruppe, die Afrikaans spricht und sich als die eigentlichen Südafrikaner versteht, und einen englischsprachigen Gottesdienst, zu dem vor allem die schwarzen Gemeindemitglieder kommen. Ein gelegentlicher gemeinsamer Gottesdienst, an dem dann aus jeder Gruppe wenigstens ein kleiner Teil teilnimmt, ist schon ein großer Erfolg der Integration. Ich habe gespürt, dass die Verletzungen auf beiden Seiten so stark sind, dass es wohl mehrere Generationen dauern wird, bis man sich vorurteilsfrei gegenübertreten kann.

Hans Mikosch: Allerdings ist der Begriff Apartheid dafür zu scharf. Denn dabei ging es ja um die leider auch von manchen weißen Theologinnen und Theologen genährte Überzeugung, wonach die Schwarzen minderwertige Menschen seien. Heute haben alle Menschen in Südafrika gleiche Rechte.

Der im Ruhestand befindliche frühere ostthüringische Regionalbischof Hans Mikosch und seine Frau Adelheid arbeiteten im Rahmen eines EKD-Studienprojektes ein halbes Jahr gemeinsam auf einer Pfarrstelle in Pretoria, der Hauptstadt Südafrikas. Foto: Harald Krille

Der im Ruhestand befindliche frühere ostthüringische Regionalbischof Hans Mikosch und seine Frau Adelheid arbeiteten im Rahmen eines EKD-Studienprojektes ein halbes Jahr gemeinsam auf einer Pfarrstelle in Pretoria, der Hauptstadt Südafrikas. Foto: Harald Krille

Südafrika galt ja lange als der Motor für wirtschaftliche Entwicklung Afrikas. Wie sieht es aktuell aus?
Hans Mikosch:
Südafrika gehört dem Zusammenschluss aufsteigender Volkswirtschaften, den sogenannten BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika), an. Praktisch orientiert man sich am chinesischen Weg: Die Wirtschaft funktioniert auf absolut kapitalistische Weise. Was dazu führt, dass es eine immer größere Schere zwischen Arm und Reich unter Schwarzen wie Weißen gibt. Und es existiert eine führende Partei, der ANC, in dem man Mitglied sein muss, um Karriere im Lande zu machen. Zudem spielt die Korruption eine große Rolle und schädigt massiv die Wirtschaft. Ich denke, die Zukunft liegt bei der schwarzen Mittelschicht. Sie muss darauf hinwirken, dass innerhalb des ANC Kräfte an die Macht kommen, die nicht nur rückwärtsgewandt auf die Befreiung von der Apartheid verweisen, sondern dafür sorgen, dass alle Menschen Arbeit und Zukunftsperspektiven finden.

Mittelschicht hat viel mit Bildung zu tun. Südafrika investiert seit Jahren mehr als ein Drittel seines Haushaltes in diesen Bereich und steht damit an erster Stelle aller afrikanischen Länder. Doch im praktischen Ergebnis liegt es nur auf dem 49. Platz.
Adelheid Mikosch:
Es herrscht eine unglaubliche Misswirtschaft. Da werden neue Schulen in abgelegenen Gebieten gebaut. Die Kinder laufen dann stundenlang, um dorthin zu kommen. Und haben sie den weiten Weg in die Schule endlich geschafft, finden sie oft Unterrichtsmittel und Bücher in einer anderen Stammessprache vor, weil die Verteilung falschgelaufen ist. Alle Arbeitsmittel sind vorhanden, aber sie kommen erst, wenn ein halbes Schuljahr vergangen ist.

Hans Mikosch: Dazu kommt, dass Kinder häufig durch die Lehrerinnen und Lehrer sexuell missbraucht werden. Auf der anderen Seite werden Lehrer schlecht bezahlt und streiken im Jahresschnitt an etwa 22 Tagen. Viele haben ein zweites Arbeitsverhältnis. Sie geben den Schülern dann keine Hausarbeiten auf, weil sie keine Zeit zur Korrektur haben.

Adelheid Mikosch: Allerdings gibt es viele Privatschulen, in Pretoria etwa auch die Deutsche Schule. An der sind mittlerweile rund 70 Prozent der Schüler und Schülerinnen schwarz. Das ist die wachsende Mittelschicht.

Welche Rolle spielen die Kirchen in der gesellschaftlichen Situation?
Hans Mikosch:
Wir mussten feststellen, dass es allein in den Großräumen Durban und Johannesburg ca. 2 000 verschiedene selbstständige Kirchen und Gemeinschaften gibt. Eine Kirchengemeinschaft wie bei uns etwa auf der Basis der Leuenberger Konkordie ist ein völliges Fremdwort, selbst unter protestantischen Kirchen. Man sieht die wachsende Schere zwischen Arm und Reich, die noch lange nicht erreichte Versöhnung zwischen Schwarz und Weiß, aber man ist viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt.

Können die deutschen Kirchen in dieser Situation helfen?
Hans Mikosch:
Ganz praktisch könnten wir »Amtshilfe« in einigen Bereichen leisten. Aber wir sollten uns davor hüten, unsere Kirchen- und Gemeindevorstellungen zu übertragen. Man ist dankbar für die Hilfe aus Deutschland, aber man möchte nicht bevormundet sein.

Adelheid Mikosch: Vor allem sollten wir auf Urteile aus der Ferne verzichten. Wir können stattdessen das Land und seine Kirchen besuchen und die Meinungen der Menschen dort hören. Und dann können wir vielleicht punktuell helfen. Ich denke da besonders an Projekte im diakonischen und sozialen Bereich.

Bauchtanz unter der Lutherrose

25. Juli 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Indien: Der Apostel Thomas soll einst das Christentum gebracht haben – heute kämpfen Christen gegen das Kastenwesen


Zwischen Hindus und Muslimen leben in Indien auch drei Prozent Christen, darunter die Tamilische Evangelisch-Lutherische Kirche in Südindien.

Der »ungläubige« Thomas wehrte sich mit Händen und Füßen gegen seinen Auftrag, zur Missionsreise nach Indien aufzubrechen. Bis der auferstandene Christus persönlich eingreift und kurzen Prozess macht: Er verkauft seinen Apostel im Handumdrehen an einen indischen Sklavenhändler und sorgt so dafür, dass Thomas nach Indien kommt. Und mit ihm das Christentum.

Diese etwas skurrile Geschichte eröffnet die sogenannten Thomasakten, einen christlichen Text aus dem frühen dritten Jahrhundert, der aus gutem Grund nicht im Neuen Testament steht. Und doch sind die Erzählungen vom Apostel Thomas und seiner Indienmission für Christen auf dem Subkontinent der Anfang von allem. Thomas, so sagen sie, hätten sie es nämlich zu verdanken, dass im Land der Götter Brahma, Shiva und Vishnu Menschen auch an Jesus Christus glauben.

Lutherchoral und Bauchtanz sind keine Gegensätze im Gemeindeleben der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Südindien. – Foto: Konstantin Rost

Lutherchoral und Bauchtanz sind keine Gegensätze im Gemeindeleben der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Südindien. – Foto: Konstantin Rost

Und das tun heute mindestens drei Prozent der indischen Bevölkerung. Eine Minderheit nur, zwischen Hindus, Buddhisten und Moslems, aber so bunt wie das Land selbst: Neben den Thomas-Christen tummeln sich Orthodoxe, Katholiken, Anglikaner, Baptisten, Presbyterianer und Pfingstler. Lutheraner gibt es auch, seit zu Beginn des 18. Jahrhunderts August Hermann Francke von Halle aus Missionare nach Südindien geschickt hat. Heute finden sich lebendige lutherische Gemeinden in ganz Indien. Zu ihnen gehört auch die Tamilische Evangelisch-Lutherische Kirche in Südindien, Partnerkirche des Leipziger Missionswerkes.

Unter Palmen, bei 35 Grad im Schatten und einer Luftfeuchtigkeit wie im Treibhaus, klingt »Ein feste Burg ist unser Gott« auf Tamil mehr als ungewohnt in deutschen Ohren. In der Peniel-Church in Chennai, dem ehemaligen Madras, singen die Menschen den Choral aus vollem Herzen. »Unsere Gemeinde wächst«, freut sich Pastor Davis Jeyakar. »Wir sind eine junge Gemeinde.« Das ist offensichtlich: In der Kirche sitzen Kinder in den ersten Reihen, zwei Jungen spielen Geige, Mädchen und Frauen in blauen Saris stimmen Lieder an, Mütter mit ihren Neugeborenen blättern in der Bibel.

Jeden Sonntag ist die Kirche voll, es wird gesungen, gebetet, miteinander gefeiert. Und getanzt. Denn gleich nach dem Gottesdienst bringt sich die Tanzgruppe in Stellung, Jungen und Mädchen tanzen unter der Lutherrose. »Tanzen können wie die Großen im Kino – davon träumen nicht nur die Kleinen. Und das können sie bei uns lernen«, sagt Pastor Jeyakar. Beten und diskutieren, feiern und einander helfen, tanzen und singen – in der Kirche hat all das seinen Platz. Kein Wunder, dass für viele der Sonntagvormittag der Höhepunkt der Woche ist.

Doch auch an den normalen Wochentagen haben die Christen Südindiens alle Hände voll zu tun. »Wir bekämpfen das Kastensystem«, sagt H. A. Martin, Bischof der Evangelisch-Tamilischen Kirche. Er selbst gehört zu den Kastenlosen, wie 80 Prozent seiner Gemeindeglieder. »Indien ist stark hierarchisch«, erklärt er. »Hier gibt es höhere und niedere Kasten, in die du hineingeboren bist. Wenn du zu gar keiner Kaste gehörst, hast du Pech: Dann behandeln dich die anderen oft wie den letzten Dreck«, sagt er und fügt hinzu: »Aber Gott macht keinen Unterschied. Jeder Mensch hat den gleichen Wert!« Und so kümmern sich die christlichen Gemeinden in sozialen Projekten, in Schulen und in den Slums mit viel Liebe um die Kastenlosen.

»Incredible India« – »unglaubliches Indien«, so lockt ein Werbespot Touristen ins Land. Unglaublich ist in Indien vieles, es ist ein Land von unendlicher Buntheit und immenser Gegensätze. Eines aber ist das unglaubliche Indien auf keinen Fall – ungläubig! Ein Inder ohne direkten Draht zum Himmel – unvorstellbar! Denn in Indien gehört Religion zum Leben wie die Luft zum Atmen. Ob als Hindu, ob als Moslem, ob als Buddhist oder Christ – hier fängt selbst der ungläubigste Thomas an zu glauben.

Konstantin Rost

Im Frühjahr dieses Jahres besuchte eine Gruppe von Pfarrerinnen und Pfarrern aus Mitteldeutschland die Tamilische Evangelisch-Lutherische Kirche in Südindien. Veranstaltet wurde die Studienreise vom Pastoralkolleg der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland und dem Leipziger Missionswerk.

www.lmw-mission.de

Leidensgeschichten schlichten Konflikte

13. Mai 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Weltblick: Bei der internationalen Peace Academy zu Pfingsten in Dresden sind auch zwei Pfarrer aus Indien dabei


Der Umgang mit globalen wie persönlichen ­Konflikt­feldern steht im Mittelpunkt des diesjährigen EVA-­Jugend­festivals rund um die Dresdner Frauenkirche.

Die zwei Pfarrer Dinesh Kumar Chand und Jakhin Kumar Huika legen einen weiten Weg nach Dresden zurück. Zur EVA 2012 Peace Academy zu Pfingsten in der Frauenkirche reisen sie aus einer Region blutiger Konflikte im Osten Indiens an. Dort, im Bundesstaat Orissa, in einer der abgelegensten Regionen, sind Christen eine Minderheit von wenig mehr als zwei Prozent. Die meisten Bewohner sind Hindus. Immer wieder flammen Auseinandersetzungen auf zwischen Adivasi, den Angehörigen der indigenen Stammesbevölkerung, und den Dalits, den »Unberührbaren« oder »Kastenlosen«, unter denen einige vom Hinduismus zum Christentum konvertiert sind.

Wenn aus Feinden Partner werden: Vor allem jugendliche Christen und Hindus, Angehörige der Dalits und des Volksstammes der Adivasi lernen in der Friedensarbeit der indischen Pfarrer Chand und Huika, ihre elementaren Interessen gemeinsam und nicht gegeneinander durchzusetzen. Fotos: privat

Die beiden Pfarrer Dinesh Kumar Chand (l.) und Jakhin Kumar Huika, Friedensaktivisten aus Indien, reisen zur EVA 2012 Peace Academy nach Dresden in die Frauenkirche. Foto: privat

Ethnische und religiöse Konflikte vermischen sich hier. Die beiden Pfarrer, selbst Angehörige der beiden verfeindeten Gruppen, versuchen zwischen ihnen zu vermitteln. »Und ebenso wollen wir für gegenseitiges Verständnis und Achtung zwischen Hindus und Christen wirken«, berichten sie. Gestritten werde vor allem um Landbesitz, erzählt Chand. Eine Organisation von Bauern und Arbeitern wolle den Ureinwohnern den Boden gewaltsam nehmen. Unterstützung bekämen die von gewalttätigen maoistischen Rebellen. In den benachbarten Bundesstaaten führen die seit Jahrzehnten einen Guerillakrieg. Seit 2004 hat er mehr als 5000 Menschenleben gefordert.

»Wir wollen die ­Bevölkerung dazu ermuntern, auf ­Gewalt zu verzichten und auf friedliche Weise für ihre elementaren Menschenrechte zu kämpfen«, sagt Chand.
Das tun sie, indem sie Angehörige beider Seiten, Jugendliche vor allem, in den Dörfern zusammenbringen und sie ihre Geschichten erzählen lassen. »So begreifen sie, dass die andere Gruppe nicht, wie sie meinen, Ursache des Problems ist, sondern dass ­jeder eine Leidensgeschichte zu erzählen hat.«

Ihre Erfahrungen möchten die ­beiden Pfarrer beim internationalen ­Jugendfestival vom 25. bis 28. Mai in ­einem der 16 Workshops weitergeben. Schon das Festival-Motto »Friedenstreiber – Zwischen Küchentisch und Krisenherd« deutet darauf hin, dass die Organisatoren ein möglichst breites Spektrum an Interessen bedienen. Es reicht von globalen Problemen wie die Zukunft der Welternährung, zivile und militärische Konfliktlösung über Auseinandersetzungen in anderen Weltregionen wie Sudan, Tansania, ­Israel und arabischen Ländern bis hin zum Alltag in Deutschland, dem Verhalten bei Beleidigungen, Streit oder Schlägereien. Dazu gibt es Workshops, wo Gospel geprobt oder Songs geschrieben werden. Noch sind einige Plätze für kurzentschlossene Jugendliche frei.

Gleich nach der Eröffnung in der Frauenkirche fahren die Teilnehmer am Sonnabend in das Militärhistorische Museum. Dort diskutieren sie über »Pazifismus versus militärische Intervention – was treibt Frieden voran?«. Für die Diskussionen und Beratungen stehen eine Reihe engagierter Fachleute zur Verfügung: EKD-Beauftragte, Trainerinnen für Gewaltprävention, Militärdekane, Nahostexperten, Jugendreferenten und Chorleiterinnen. Geplant sind auch ein Internationaler Abend, Andachten auf dem Turm der Frauenkirche und Nachtgebete, ein Pfingstgottesdienst und ein spiritueller Erfahrungsweg. Bei Konzerten sind zum Beispiel Tikwa Tanz Pantomime zu erleben, d:projekt (Dresden), die kroatische Ska-Band October Light und fünf Singer-Songwriter mit einem Überraschungsgast.
Tomas Gärtner

Weitere Informationen sowie Anmeldung im Internet:
www.eva-festival.de

Statt Tanne eine Casuarina

24. Dezember 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Indien: Weihnachten auf dem Subkontinent – ein Besuch im Mädchenheim der Tamilischen Kirche

Lichtertanz zum Weihnachtsfest: Im Kinderheim »Bethlehem« der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in ­Südindien wohnen rund 50 Mädchen und erhalten eine Ausbildung. 	Foto: LMW

Lichtertanz zum Weihnachtsfest: Im Kinderheim »Bethlehem« der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in ­Südindien wohnen rund 50 Mädchen und erhalten eine Ausbildung. Foto: LMW

Indien gilt als ein besonders spirituelles Land. Die Christen bilden dabei nur eine kleine Minderheit. Dennoch gilt Weihnachten als offizieller Feiertag.

Merry Christmas«, ruft es aus den Lautsprechern. Indien feiert Weihnachten. Bei 80,5 Prozent Hindus und 13,4 Prozent Moslems sind die 2,3 Prozent Christen in Indien eine Minderheit. Trotzdem sind die Weihnachtstage von der Regierung anerkannte Feiertage.

Auch das Mädchenheim der Tamilischen Evangelisch-Lutherischen Kirche in Pattukottai, Südindien, bereitet sich für die Festtage vor. Um die 50 Mädchen leben in diesem Internat, um eine fundierte Ausbildung zu bekommen. Ihre Eltern sind arm, manche sind Waisen. Alle sind aufgeregt in der Weihnachtszeit. Seit Anfang Oktober sind alle mit den Vorbereitungen beschäftigt. Tänze und das Krippenspiel werden eingeübt, die Dekoration wird gebastelt. Sterne und Weihnachtsbilder finden ihren Platz in der Festhalle. Jedes Kind ist in die Vorbereitung mit eingebunden.
Janet und Lili gehören mit einigen anderen Kindern dem Kirchenchor an. Jetzt, zwei Wochen vor dem Fest beginnen die »Choral-Rounds«, das Weihnachtsliedersingen. Der Chor geht von Haus zu Haus und singt Weihnachtslieder. In jedem Haus werden die Sänger bewirtet mit Tee, Kaffee und Süßem. Zehn bis 15 Familien werden pro Abend besucht, so dass die ganze Gemeinde in den Genuss des Mini-Chorkonzertes kommt. Auch wenn Janet und Lili am Ende fast heiser vom vielen Singen sind, genießen sie doch diese Aufgabe.

Die Köchin Radha und drei Mädchen sind für drei Tage Helferinnen des »Sweetmakers«. Der Süßigkeitenhersteller baut den großen Kochtopf auf. Während er schon den Teig anrührt, füllen Radha und die Mädchen 30 Liter Öl in den Kochtopf. Das ­Mysore Pack, ein süßes Konfekt aus Kichererbsenmehl, und die salzigen Murukku aus Reismehl müssen im Öl zum Ausbacken schwimmen. Zu Weihnachten werden die Süßigkeiten nicht nur gegessen, sie werden auch an Nachbarn und Arme, egal ob Christen, Hindus oder Moslems verteilt. Der Geruch im Heim verbreitet sich und allen läuft schon das Wasser im Mund zusammen. Man kann Weihnachten deutlich riechen.
Julie und Malathi dürfen mit anderen Kindern den Weihnachtsbaum schmücken. Natürlich findet sich keine Tanne in Indien, aber der Casuarina-Baum, der einer Kiefer ähnelt, ist ein fantastischer Weihnachtsbaum.

Weihnachtskarten, Luftballons, Girlanden und Sterne aus den Vorjahren finden ihren Platz am Baum.
Dann beginnt die Weihnachtsfeier des Mädchenheimes. Alle Eltern, Lehrer, die Nachbarn sind eingeladen, um die Feier mitzuerleben. Die Mädchen haben seit Oktober für das Programm geprobt. Der Stocktanz, der indische Tempeltanz, der Lichtertanz und die modernen Tänze werden mit Begeisterung vom Publikum aufgenommen. Das Krippenspiel ist der Höhepunkt: Die drei heiligen Könige kommen in goldenen Gewändern zur Krippe und bestaunen die Menschwerdung Gottes. Die Weihnachtsfeier endet mit der Verteilung der Geschenke – Süßigkeiten und ein neues Kleid. In jedem »Weihnachtshaus« in Indien schenken die Eltern ihren Kindern neue Kleidung, so sie in der Lage dazu sind. Die Eltern der Kinder aus dem Heim können das meist nicht. So ist die Freude umso größer, dass die Mädchen vom Kinderheim ein neues Kleid bekommen. Alle zeigen sich stolz untereinander ihre Geschenke.

Dann wird es Zeit für die meisten Mädchen sich von den Erzieherinnen zu verabschieden. Sie gehen in die Weihnachtsferien. Die Waisen bleiben im Heim. Das ist aber nicht nur traurig. Denn auf sie warten eine weitere Weihnachtsfeier im kleinen Kreis und die legendäre Talentshow. Aber das wäre schon wieder eine andere Geschichte.

Von Ute Penzel