Ein Treffen ohne Partymotto

4. März 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Nachgefragt: Was können wir vom 35. Deutschen Evangelischen Kirchentag in Stuttgart erwarten? Im Gespräch mit Ellen Ueberschär

2015 ist wieder ein Kirchentagsjahr: Vom 3. bis 7. Juni werden mehr als 100 000 Besucher zum Protestantentreffen in Stuttgart erwartet. Was wird angesichts der aktuellen Diskussionen den Kirchentag prägen, welche Impulse von ihm ausgehen? Benjamin Lassiwe sprach darüber mit der Generalsekretärin des Laientreffens, Ellen Ueberschär.

Frau Ueberschär, der Kirchentag in Stuttgart soll das Motto »Damit wir klug werden« tragen. Warum?
Ueberschär:
Dem Präsidium lag daran, das Wort »klug« im Mittelpunkt des Kirchentags zu stellen. Denn es fordert dazu auf, über Nachhaltigkeit nachzudenken. Und über die Frage: Wie gestalte ich mein Leben, sodass ich am Ende sagen kann, das war sinnvoll? Denn vor der Losung steht ja in der Bibel der Vers »Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen …« (Psalm 90,12) Viele Menschen, die eine evangelische Sozialisation haben, hören das sofort mit, wenn sie die Losung hören.

Welche Erfahrungen machen Sie bisher mit der Losung?
Ueberschär:
Menschen, die die Losung zum ersten Mal hören, sind nicht sofort begeistert. Das ist kein Partymotto. Im Gegenteil, nach ganz kurzer Zeit stellt sich Nachdenklichkeit ein. Die ganz große Chance dieser Losung ist, dass wir damit Themen ansprechen können, die ansonsten als Tabus gelten. Und das werden wir in Stuttgart nutzen.

In der Gesellschaft läuft derzeit die Debatte über Suizidbeihilfe. Welche Rolle wird das auf dem Kirchentag spielen?
Ueberschär:
Die Auseinandersetzung mit dem Leben, mit allen Phasen des Lebens einschließlich der letzten Phase, wird auf dem Stuttgarter Kirchentag eine Rolle spielen. Es wird dazu eine große Podiumsdiskussion und eine Veranstaltungsreihe auf einer Open-Air-Bühne geben.

Wird sich die Behandlung des Themas dabei von der aktuellen gesellschaftlichen Debatte unterscheiden?
Ueberschär:
Der Kirchentag ist in der Tiefe, in der er Themen angeht, nicht unbedingt abhängig von der aktuellen Debatte. Die aktuelle Situation kann dazu beitragen, dass bestimmte Themen des Kirchentags stärker wahrgenommen werden. Wir bieten Themen grundsätzlich einen Raum und ein Forum. Was die Teilnehmenden dann daraus machen, ob sie zum Beispiel eine Resolution zur Sterbehilfe oder zur Flüchtlingsproblematik verabschieden, ist Sache der Teilnehmenden.

Was heißt das für die Sterbehilfe-Debatte?
Ueberschär:
Da bin ich sehr gespannt darauf, wie die Teilnehmenden des Kirchentags reagieren. Umfragen sagen ja, dass sich eine Mehrheit der Bevölkerung wünscht, dass assistierter Suizid in Deutschland möglich ist. Ob das auch für Kirchentagsteilnehmende repräsentativ ist, wird sich zeigen. Die in dieser politischen Debatte Verantwortung tragen, werden in Kontakt kommen mit den Menschen von der Basis. Ich rechne damit, dass auch der Ruf nach einer Verbesserung der palliativen Versorgung auf dem Kirchentag Verstärkung findet.

Sie sprachen bereits die Umfrageergebnisse an. Was würden Sie machen, wenn beim Kirchentag eine Resolution für den assistierten Suizid beschlossen wird?
Ueberschär:
Die Resolutionen sind ja Äußerungen der Kirchentags-Teilnehmenden. Das ist ein basis-demokratisches Element. Die Resolutionen richten sich dann an bestimmte Institutionen. Und unsere Aufgabe ist, das zu makeln und an die Öffentlichkeit zu bringen. Und wenn das der Wunsch und die Meinung der Teilnehmenden ist, und eine Mehrheit im Saal stimmt dazu ab, dann geht das durch.

Welche anderen Themen will der Kirchentag in Stuttgart setzen?
Ueberschär:
Wichtig ist uns das Thema »Gesellschaft verantwortet Wirtschaft«. Unser Kirchentagspräsident Andreas Barner, der Vorsitzende der Unternehmensleitung von Böhringer Ingelheim, steht ja an der Spitze eines wichtigen Unternehmens. Damit bleiben wir auch in der Kontinuität zum Kirchentag in Hamburg, wo wir uns auch schon mit der Wirtschaftsethik beschäftigt haben. In Stuttgart wird es auch Satellitenveranstaltungen in Stuttgarter Unternehmen geben.

Ellen Ueberschär wurde 1967 in Ostberlin geboren. Das angestrebte Medizinstudium wurde ihr in der DDR verwehrt. Stattdessen durchlief sie eine Ausbildung zur Facharbeiterin für Datenverarbeitung, der ein Theologiestudium folgte. Seit 2006 ist sie Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Foto: epd-bild

Ellen Ueberschär wurde 1967 in Ostberlin geboren. Das angestrebte Medizinstudium wurde ihr in der DDR verwehrt. Stattdessen durchlief sie eine Ausbildung zur Facharbeiterin für Datenverarbeitung, der ein Theologiestudium folgte. Seit 2006 ist sie Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Foto: epd-bild

Und das andere Thema, das im Moment präsent ist und wichtig bleiben wird, ist die Flüchtlingskrise. Die Vermeidung von Krieg ist heute eine mehrdimensionale Aufgabe, die auch Klimaschutz oder Waffenkontrolle umfasst. Es genügt nicht, nur die Kriegsfolgen zu bearbeiten. Wenn dieser Kirchentag gut wird, wenn er gelingt, dann werden die Themen des Friedens in ihrer multiplen Verknüpfung wahrgenommen. Dazu gehört auch, dass das Präsidium sich entschlossen hat, alle Kollekten des Kirchentags in Flüchtlingsprojekte zu geben – Projekte in Syrien und im Libanon ebenso wie in Deutschland und an den Grenzen der EU.

Das Thema Flüchtlinge beschäftigt viele, die bei den Pegida-Demonstrationen auf die Straße gehen. Wie wird der Kirchentag darauf reagieren?
Ueberschär:
Der Kirchentag wird mit einem klaren Bekenntnis zur Verantwortung jedes und jeder Einzelnen gegenüber Schutzbedürftigen reagieren und zu den demokratischen Institutionen, deren Wert von den Pegida-Demonstranten ganz offensichtlich bestritten wird.

Sehen Sie die Gefahr einer Spaltung in Deutschland?
Ueberschär:
Nein, das sehe ich nicht. Mir gibt allerdings zu denken, dass die Demonstrationen gerade in Sachsen so viele Anhänger finden. Auf dem Kirchentag 2011 in Dresden zeigten sich die Sachsen weltoffen und verantwortungsbewusst. Ich hoffe sehr, dass alle, die vor vier Jahren fröhlich beim Kirchentag mitgemacht haben, ob als Gastgeber, Mitwirkende oder als begeisterte Teilnehmende, im Alltag ihre Verantwortung wahrnehmen und die Zweifler vom Wert der Nächstenliebe und der Demokratie überzeugen können.

Kann der Kirchentag dazu beitragen, dass Menschen, die den Medien und der Politik nicht glauben, am Ende anders über Flüchtlinge und Zuwanderung denken?
Ueberschär:
Auf dem Kirchentag versammeln sich Menschen, die nicht einfach irgendetwas glauben, sondern sich selbst eine Meinung bilden, in dem sie kritische Fragen stellen, nicht zuletzt an die politisch Verantwortlichen. Meine Befürchtung ist, dass viele, die Überfremdungsängste haben, sich dieser Debatte gar nicht erst aussetzen. Ich würde mir wünschen, dass möglichst viele Menschen, auch solche, die gegenüber einer offenen Asylpolitik kritisch eingestellt sind, am Kirchentag teilnehmen und das einzigartige Diskussionsforum nutzen.

Blick-9-2015

Ihr Weg nach Stuttgart

Der 35. Deutsche Evangelische Kirchentag lädt unter dem Motto »damit wir klug werden« vom 3. bis 7. Juni 2015 nach Stuttgart ein. Zu dem Großereignis werden ähnlich wie
zu den vergangenen Treffen wieder mehr als 100 000 Menschen erwartet.

Anmeldungen und Kosten:

Anmeldungen sind schriftlich aber auch über das Internet möglich. Eine Dauerkarte kostet regulär 98 Euro und ermäßigt 54 Euro, Familien zahlen 158 Euro. Die Ermäßigung gilt zum Beispiel für Jugend­liche bis 25 Jahre, Rentner sowie Menschen mit Behinderung. Eine Förderkarte zum Preis von 28 Euro wird beim Bezug von Grundsicherung und ALG II angeboten.

Bei der Online-Anmeldung können Besucher ihre Karten und Quartierwünsche auswählen, zwischenspeichern und selbst nach dem ersten Absenden noch ändern oder ergänzen. Auf einem Faltblatt finden sich alle wichtigen Informationen.

Es wurde in einer Auflage von 460 000 Exemplaren gedruckt und kann unter der Servicenummer (07 11) 6 99 49-100 oder per E-Mail <service@kirchentag.de> bestellt werden. Das Faltblatt enthält auch eine Antwortkarte und ein Formular, mit denen sich Einzelpersonen und Familien anmelden können.

Der Deutsche Evangelische Kirchentag besteht seit 1949 und wird alle zwei Jahre in einer anderen deutschen Stadt veranstaltet. In Stuttgart war der Kirchentag bereits dreimal zu Gast: 1952 kamen unter dem Motto »Wählt das Leben« rund 40 000 Gäste in die baden-württembergische Landeshauptstadt, 1969 folgten 17 500 dem Motto »Hungern nach Gerechtigkeit« und 1999 trafen sich rund 98 000 Teilnehmer unter dem Motto »Ihr seid das Salz der Erde«.

www.kirchentag.de