Das ewige Zeitalter der Gerechtigkeit

12. Januar 2016 von Gemeinsame Redaktion  
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Apokalypse: Gefährlicher als alle Weltuntergangsprophezeiungen ist ein Endzeit-Glaube, der den Antichrist schon unter uns wähnt


Im apostolischen Glaubensbekenntnis heißt es: Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten. Über den Zeitpunkt wird von jeher kräftig spekuliert.

Das alte Jahr geht, das neue kommt, aber im Grunde ändert sich kaum etwas. Die Welt bleibt so unvollkommen, wie sie immer war, Gerechtigkeit ist ein seltenes Gut, und überall auf der Welt toben kleinere und größere Kriege. Wird es da nicht irgendwann Zeit für die ganz große Umwälzung, für die Schaffung einer vollkommen gerechten und friedlichen Welt?

Diese Frage treibt die Menschen schon seit der Antike um. Römer und Griechen erwarteten nicht viel von Göttern, zu sehr glichen sie den Menschen. Aber schon mehr als 600 Jahre vor Christus lehrte der persische Religionsgründer Zarathustra, dass die Seelen der guten Menschen nach ihrem Tod in ein Paradies eingehen, böse Seelen aber in die Hölle geworfen werden. Ein Endgericht wird irgendwann über Lebende und Tote abgehalten, und die Hölle wird mit flüssigem Metall ausgebrannt. Dann beginnt das ewige Zeitalter der Gerechtigkeit. Menschen leben ewig, bleiben jung und werden nie mehr krank.

Krieg, Gewalt, Teuerung und Tod: die vier apokalyptischen Reiter – ein Gemälde des russischen Malers Wiktor Wasnezow (1848–1926) – Repro: Wikipedia

Krieg, Gewalt, Teuerung und Tod: die vier apokalyptischen Reiter – ein Gemälde des russischen Malers Wiktor Wasnezow (1848–1926) – Repro: Wikipedia

Die Juden entwickelten solche Ideen erst viel später. Der Seleukidenkönig Antiochos IV. verbot 167 v. Chr. zeitweise den jüdischen Tempeldienst, womit er unter den Juden einen ungeheuren Aufruhr auslöste. Gläubige Juden holten alte Prophezeiungen hervor, nach denen Gott einen König aus dem Hause Davids senden werde, um das jüdische Königreich wieder herzustellen. Der Messias, also der Gesalbte, wurde er genannt. Außerdem wolle Gott ein wunderbares neues Jerusalem schaffen. »Aus Rubinen mache ich deine Zinnen, aus Beryll deine Tore und alle deine Mauern aus kostbaren Steinen«, hatte der Prophet Jesaja einst angekündigt. Der Messias werde gerecht und in Frieden herrschen, und zwar über alle Völker der Erde. »Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzenspitzen zu Winzermessern.« (Micha 4,3)

Zur Zeit Jesu traten in Israel diverse selbsternannte Messiasse auf, die der Historiker Flavius Josephus als »Verführer und Betrüger« bezeichnete. Sie wollten nur Aufruhr und Umwälzungen herbeiführen, wetterte er. Die Römer hatten inzwischen die Herrschaft übernommen und das Land unterjocht. Von Jesus erwarteten viele Anhänger, dass er im Sinne der Prophezeiungen ein neues Zeitalter einleitete und die Römer aus dem Land warf. Als er gekreuzigt wurde, erlosch diese Hoffnung. Auch der christliche Glauben, dass Jesus wieder auferstanden und in den Himmel aufgefahren war, änderte nichts daran, dass die sehnlichst erhoffte Zeit der Gerechtigkeit und des Friedens nicht kommen wollte.

Das Matthäus-Evangelium enthält einen Passus, in dem Jesus seine Wiederkehr ankündigt. Eine Zeit des Leidens und der Bedrückung stehe bevor. Auf ihrem Tiefpunkt werde die Sonne sich verfinstern, der Mond erlöschen und die Sterne vom Himmel fallen. Das Zeichen des Menschensohns werde am Himmel erscheinen und das Gericht werde beginnen.

Während im Judentum zunächst nur ein gerechter König den Weltfrieden bringen sollte, erwarteten die Christen ein individuelles Gericht über alle Menschen. Die Guten erwartet ewige Freude im Himmel, die Bösen endlose Qualen in den Feuern der Hölle. Nicht nur das Volk soll von Bedrückung und Ungerechtigkeit erlöst werden, sondern jeder einzelne Mensch. Diese Vorstellung teilt das Christentum mit dem Islam. Auch die Moslems erwarten ein Weltgericht, angekündigt von einer Reihe von »großen Zeichen«. Es findet am Ende der Zeit statt, und weil Gott sowohl gerecht als auch gnädig ist, wird er jeden, der auch nur einen Funken Glauben in sich trägt, ins Paradies aufnehmen. Nur die Ungläubigen erwartet das ewige Höllenfeuer.

Bis heute haben immer wieder Gelehrte und Hobby-Forscher versucht, das Datum des Weltendes zu berechnen. Isaac Newton kam nach komplexen Berechnungen auf das Jahr 2060 als frühesten Termin. Erst vor wenigen Jahren erregte die »Maya-Prophezeiung« die Gemüter. Danach endete der Maya-Kalender angeblich (aber nicht wirklich) am 21. 12. 2012, was einige Esoteriker als Zeichen für das bevorstehende Ende der Welt deuteten. Seitdem sind schon mehr als ein halbes Dutzend weiterer Daten für das Weltende ereignislos verstrichen.

Die Position der großen Kirchen zu jeglicher Untergangs-Arithmetik ist eindeutig: Eine Berechnung göttlicher Ratschlüsse ist unmöglich. Kardinal Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI., schrieb dazu sehr pointiert: »Ein geplantes Heil ist das Heil der Konzentrationslager und damit das Ende der Humanität.« Auch ein Paradies auf Erden werde es nicht geben, das Gottesreich sei nicht irdisch.

Karl Marx sah das ganz anders. Sobald der Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit aufgehoben wird, entfallen alle Kriegsgründe, meinte er. Zunächst solle alles Eigentum dem Staat gehören, dann werde der Staat absterben, und der so entstehende Kommunismus führe zu einer idealen Gesellschaft. Die eigentlich religionsfeindliche marxistische Ideologie trägt also bei genauer Betrachtung alle Züge eines Erlösungsglaubens.

Woher wissen wir eigentlich, wann das Weltende naht? Fast alle Propheten nennen zwei Anzeichen: Zum einen geht es den Menschen so schlecht wie nie zuvor. Zum anderen beginnt die Natur verrückt zu spielen. In der Offenbarung des Johannes treten allerlei Plagen auf, Sonne, Mond und Sterne erlöschen und Vulkanausbrüche töten einen Großteil der Menschen. Vier apokalyptische Reiter (Krieg, Gewalt, Teuerung und Tod) ziehen über eine untergehende Welt. Die Heerscharen der Guten und der Bösen treffen sich zu einer letzten gewaltigen Schlacht, bei der die Guten unter Aufbietung aller Kräfte den Sieg davon tragen. Auch die moslemische Tradition prophezeit einen solchen Endkampf.

Für die meisten Menschen in Deutschland sind diese Vorstellungen nicht realer als die galaktischen Schlachten des »Star Wars«-Universums. Die Führung des Islamischen Staats predigt dagegen ihren Kämpfern, dass die letzte Schlacht vor dem Weltuntergang unmittelbar bevorstehe. Auch etwa 40 Prozent der US-Amerikaner sehen sich heute in der biblischen Endzeit. Diese Haltung ist durchaus gefährlich. Wer glaubt, den letzten Kampf gegen das Böse auszufechten, wird den Gegner unbedingt vernichten wollen. Schließlich hängt von seinem Sieg die Erlösung der Menschheit ab. Damit lässt sich jede Grausamkeit rechtfertigen. Deshalb sind apokalyptische Vorstellungen unter bestimmten Umständen brandgefährlich.

Für mich und für die meisten Menschen beginnt 2016 nur ein neues Jahr, nicht ein neues Zeitalter. Wenn wir Frieden und Gerechtigkeit wollen, werden wir uns selbst darum kümmern müssen.

Thomas Grüter

Der Autor ist Arzt und Sachbuchautor. Er hat unter anderem das Buch »Faszination Apokalypse« geschrieben.

Gottvertrauen und Würde inmitten der Hölle

10. November 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Gedenken: Was mit Entrechtung begann, endete mit dem Tod im Vernichtungslager – wie für die Niederländerin Etty Hillesum

Mit den antijüdischen ­Pogromen in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 ­begann das Kapitel der ­offenen Gewalt gegen Juden in Deutschland und bald im ganzen besetzten Europa. Beispielsweise auch in den Niederlanden.

Wir haben das Lager singend verlassen«, kritzelte sie auf eine Postkarte und warf das Stück Papier aus dem Zugfenster, als sie im September 1943 mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert wurde. »Die Güterwaggons sind gar nicht so schlecht.« Nicht einmal jetzt ließ sie sich die Freude an der Schönheit der Welt und an den Menschen austreiben; wer den Hass in sich wachsen lasse, verhalte sich im Grunde nicht anders als die »Nazi-Barbarei« und verliere die Fähigkeit, »diese Welt wieder aus dem Abgrund zu ziehen«.

Die Sätze stammen aus dem Tagebuch, das die 1914 in Middelburg (Niederlande) geborene jüdische Lehrerin Etty Hillesum in ihren letzten Lebensjahren führte: neun unscheinbare Hefte, erst 1981 veröffentlicht, als das etwa zur selben Zeit entstandene »Tagebuch der Anne Frank« längst ein Welterfolg geworden war, aber von einzigartigem Rang als Dokument existenzieller Betroffenheit und menschlicher Größe.

Esther Hillesum, die alle »Etty« nannten, wurde am 15. Januar 1914 in ein liberales, intellektuelles, religiös nicht mehr gebundenes jüdisches ­Milieu hineingeboren. Sie kam nie in Versuchung, die langweilige Rolle der höheren Tochter zu ­spielen. Sie las Rilke, Puschkin, Augustinus, Philosophen, Mystiker, diskutierte über jüdische Geschichte und die »Frauenfrage«, lernte alte Sprachen, Deutsch und Russisch, übersetzte Lermontow und Dostojewski. In Amsterdam studierte sie Slawistik, Psychologie, dann auch Jura. Eine wissenschaftliche Karriere scheiterte an den Rassegesetzen der Deutschen, die 1940 die Niederlande besetzt hatten.

Etty beobachtet genau – und hinterfragt sofort. Sie schildert eine völlig aus den Fugen geratene Welt, in der alle Maßstäbe verrückt und alle Werte ins Gegenteil verkehrt sind – und forscht unbeirrt nach einem Sinn. Ein Gestapo-Mann hat sie bedroht und angebrüllt. Statt empört zu sein, empfindet sie eher Mitleid: »Er sah gequält und aufgeregt aus, übrigens auch recht unangenehm und schlapp. Am liebsten hätte ich ihn gleich in psychologische Behandlung genommen.«

Und die Schlussfolgerung? »Ich glaube nicht mehr daran, dass wir an der äußeren Welt etwas verbessern können, solange wir uns nicht selbst im Inneren gebessert haben. Das scheint mir die einzige Lehre dieses Krieges zu sein. Dass wir gelernt ­haben, das Übel nur in uns selbst zu suchen und nirgendwo anders.«

In ihrem Eifer, anderen Menschen beizustehen, hat Etty 1942 eine Stellung beim »Joodsche Raad« angenommen, beim Judenrat, den die deutschen Besatzer als Auskunfts- und Verwaltungsbehörde eingerichtet haben. Wer hier arbeitet, darf sich selbst auch ein wenig sicher fühlen. Die ­unbestechlich ihre Möglichkeiten ­einschätzende Etty Hillesum kündigt dennoch schon nach zwei Wochen, weil sie die tatsächliche Funktion des Judenrats – nämlich die Vernichtung besser zu organisieren – durchschaut. Jetzt tut Etty Hillesum den entscheidenden Schritt. Bis zum Letzten solidarisch mit ihrem Volk, schließt sie sich freiwillig den ins Transitlager Westerbork Deportierten an; von August 1942 bis September 1943 arbeitet sie dort im Krankenhaus, verbreitet Hoffnung und eine trotzige Fröhlichkeit.

Unbestechliche Beobachterin: Etty Hillesum. Foto: Archiv

Unbestechliche Beobachterin: Etty Hillesum. Foto: Archiv

»Ich möchte das denkende Herz eines ganzen Konzentrationslagers sein«, wünscht sie sich. Ein Herz, das andere stützt und trägt und starkmacht. »Man möchte ein Pflaster auf vielen Wunden sein«, das sind die letzten Worte in ihrem Tagebuch. Noch nicht einmal 30 Jahre ist sie alt, aber viel weiter auf dem Weg zu Gott, der seine Menschen leidenschaftlich liebt und aus irgendeinem merkwürdigen Grund nicht retten kann oder will, als all die schlauen Gottesgelehrten aller Religionen.

»Ich will dir helfen, Gott, dass du mich nicht verlässt«, betet Etty, »aber ich kann mich von vornherein für nichts verbürgen. Nur dies eine wird mir immer deutlicher: dass du uns nicht helfen kannst, sondern dass wir dir helfen müssen, und dadurch helfen wir uns letzten Endes selbst. Es ist das einzige, auf das es ankommt: ein Stück von dir in uns selbst zu ­retten, Gott.«

Wer so frei und aufrichtig mit Gott reden kann, bringt es auch fertig, auf die ganz normale Bitterkeit und Wut der Verfolgten zu verzichten. »Und sollte es nur noch einen einzigen anständigen Deutschen geben, dann wäre dieser es wert, in Schutz genommen zu werden gegen die ganze barbarische Horde«. Um dieses einzigen anständigen Deutschen willen dürfe man seinen Hass nicht über ein ganzes Volk ausgießen.

Anders als viele jüdische Zeugen und Opfer der Schoah klagt Hillesum Gott nicht an, sie kommt gar nicht auf die Idee, wortreich mit ihm zu rechten und zu hadern, sie will ihn nicht als Ausrede benutzen: »Gott ist nicht verantwortlich für das sinnlose Leid, das wir einander zufügen. Wir sind vor Gott dafür verantwortlich.«

Am 7. September 1943 wird die ­Familie Hillesum nach Auschwitz ­deportiert. Eine russische Grammatik und eine Bibel soll Etty noch schnell eingepackt haben. Auf einer der aus dem Zug geworfenen Postkarten vertraute sie ihrer Freundin Christine van Nooten an: »Christine, als ich die Bibel aufs Geratewohl öffnete, fand ich dies: ›Der Herr ist mein hoher Hort.‹« Etty Hillesums Leben endete am 30. November 1943 in den Gaskammern von Auschwitz. Ihre Asche streute man in den Fluss Wisla.

Christian Feldmann

Hinweis: Eine Auswahl aus Etty Hillesums Tagebüchern erschien 1981 in Haarlem und 1983 in deutscher Übersetzung. Der Herder-Verlag bringt das längst vergriffene Buch im Januar unter dem Titel »Das denkende Herz der Baracke« neu heraus.

»Kein Frühling, sondern die Hölle«

12. März 2013 von Gemeinsame Redaktion  
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Naher Osten: Große Hoffnungen verbanden sich mit dem »Arabischen Frühling« – doch die Ernüchterung folgte schnell

Die politischen Umstürze in den Ländern des Nahen Osten sind für die dort ­lebenden Christinnen und Christen eher bedrohlich als befreiend.

Als im Dezember 2010 in Nordafrika und im Nahen Osten die Proteste und Aufstände gegen die autoritär herrschenden Regime begannen, sprach man schon bald ­danach vom »Arabischen Frühling«. Überall gingen meist junge Menschen auf die Straße, oft Muslime und Christen Seite an Seite wie etwa auf dem ­Tahir-Platz in Kairo. Getragen wurden die Demonstrationen dabei von der Hoffnung auf Besserung der Lebensverhältnisse, ein Ende der Korruption und Schaffung von Arbeitsplätzen für die vielen jungen Menschen der Region.

Die Christen waren und sind in ­allen Ländern des Orients in der Minderheit. Im Libanon stellen sie zwar noch 40 Prozent der Bevölkerung, in Ägypten jedoch nur zehn Prozent, in Syrien neun, im Irak und Palästina jeweils unter zwei Prozent. Überall mit abnehmender Tendenz.

Andererseits ist die Vielfalt der christlichen Kirchen-Familie groß. Die Kopten in Ägypten und die syrisch-orthodoxe Kirche in Syrien gehören zur Gruppe der altorienta­lischen Kirchen, die Maroniten im ­Libanon zu den mit Rom unierten ­katholischen Kirchen. Dazu kommen die orthodoxen Kirchen mit byzantinischem Ritus und die kleinen evangelischen Kirchen, etwa die »Evangelisch-lutherische Kirche von Jordanien und dem Heiligen Land«.

Eine große Zahl von Christen arbeitet außerdem als Gastarbeiter auf der Arabischen Halbinsel. Sie können dort ihren Glauben nur sehr eingeschränkt oder gar nicht, wie etwa in Saudi-Arabien, praktizieren. Abgesehen von dem Bewusstsein als Minderheit zu leben, ist allen Christen des Nahen Ostens die Überzeugung gemeinsam, dass ihr Christsein unauflöslich zu ihrer Identität gehört. Von daher werden etwa Eheschließungen von Christen und Muslimen nicht nur von muslimischer Seite, sondern auch von christlicher Seite in der Regel abgelehnt.

Christen in der arabischen Welt – schon immer Minderheit, aber nun mehr und mehr entrechtet: Ein koptischer Christ demonstriert in Kairo gegen gewalttätige Übergriffe auf seine Glaubensgemeinschaft. Foto: picture alliance

Christen in der arabischen Welt – schon immer Minderheit, aber nun mehr und mehr entrechtet: Ein koptischer Christ demonstriert in Kairo gegen gewalttätige Übergriffe auf seine Glaubensgemeinschaft. Foto: picture alliance

Bis zum Ausbruch der »Arabellion« war der Status von Christen in vielen Ländern per Gesetz geregelt. Unabhängig vom Wahlergebnis, stellen die katholischen Maroniten per Gesetz im Libanon immer den Staatspräsidenten. Bethlehem hat – obwohl es dort nur noch zehn Prozent Christen gibt – immer einen christlichen Bürgermeister. Seit November 2012 ist dies die arabische Christin Vera Baboun.

Dies alles ist keine Demokratie im westlichen Sinn, trägt aber wesentlich zum Frieden zwischen den Konfessionen und Bevölkerungsgruppen im Nahen Osten bei. In den westlichen Staaten war der »Arabische Frühling« vor allem mit der Hoffnung auf mehr Demokratie verbunden. Doch wer sollte in Ländern, die seit Jahrzehnten diktatorisch geführt werden, demokratische Regeln einführen?

Die Christen wussten auf jeden Fall, bei wirklich demokratischen Wahlen wären sie – bis auf den Libanon und in Ägypten – in keinem Parlament mehr vertreten. Und überhaupt: Welche Parteien könnten sie wählen? Weder die Hamas noch die Muslimbrüder kommen infrage. Es gibt im Nahen Osten kaum nichtmuslimische und abgesehen vom Libanon überhaupt keine christlichen Parteien.

Mit dem Zusammenbruch der ­Diktaturen war in allen Ländern des Orients auch eine Auflösung der öffentlichen Ordnung verbunden. Wenn selbst eine nur schlecht funktionierende Polizei nicht mehr existiert, bekommen dies vor allem die Minderheiten, in diesem Fall die christlichen, zu spüren. Brandstiftungen an Kirchen, die Ermordung von Priestern, die Verfolgung christlicher Familien sind dabei nicht nur Taten muslimischer Extremisten, sondern auch Verbrechen Krimineller, die immer wieder die Kinder wohlhabender Christen entführen und Lösegelder erpressen. »Es ist kein Frühling, sondern die Hölle.« So formuliert es der christlich-libanesische Politiker Michael Aoun.

Voller Verzweiflung schrieb der Bischof der syrisch-orthodoxen Kirche in Aleppo, Gregorios Yohanna Ibrahim, zum vergangenen Weihnachtsfest einen »offenen Brief« an Christus: »Die Ehre, die wir unserem Gott in der Höhe dauernd darbringen, durchlebt eine harte Krise auf Erden, genau genommen in Syrien. Denn diese Ehre ist in Erniedrigung gewendet worden. Die Leichen liegen verstreut in den Straßen und Dörfern unserer Städte und Dörfer, Menschen nehmen die nackte Erde als Matratze und den Himmel als Decke.«

Wie wird es weitergehen für die Christen im Nahen Osten? Viele von ihnen werden gehen, werden versuchen, in einem anderen – christlichen – Land einen Neuanfang zu machen. 400000 Christen haben allein im letzten Jahr Ägypten verlassen. Wer wollte es ihnen verdenken? Es scheint, dass die Zeit der Christenheit im Orient zu Ende geht. Alle Christen jedoch, die zu uns in den »Westen« kommen oder auch in der Heimat ausharren, brauchen unser Gebet, unsere Soli­darität und unsere praktische Hilfe.

Gerhard Duncker

Gerhard Duncker war neun Jahre lang Pfarrer der Deutschen Gemeinde in der Türkei und ist heute Islambeauftragter der Evangelischen Kirche von Westfalen.