»Die Welt schaut zu«

20. August 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Nordirak: Tausende Jesiden warnen vor einem Völkermord – auch humanitäre Organisationen für einen Militärseinsatz

Christen wie Jesiden sind im Nordirak durch das Vorrücken der Terrortruppe »Islamischer Staat« (IS) vom Tod bedroht und auf der Flucht. Am Wochenende gingen in Bielefeld und anderen Orten Jesiden auf die Straße.

Was sind wir? Jesiden sind wir. Was wollen wir? Freiheit wollen wir!« Vom Lautsprecherwagen schallt es in die Menge, von dort kommt die Antwort in einem Chor von Stimmen zurück. Begleitet von einem dichten Polizeiaufgebot trifft der Zug lautstark, aber friedlich auf dem großen Platz ein, auf dem kurz zuvor die Wochenmarkthändler die letzten Obst- und Gemüsekisten verstaut und abtransportiert haben.

6 000 Teilnehmer sind nach Polizeiangaben in Bielefeld zusammengekommen. Die Veranstalter schätzen die Zahl auf mehr als doppelt so viele. Sie sind hier, um vor einem drohenden Völkermord zu warnen. Im nördlichen Irak werden die Jesiden, Anhänger einer rund 4 000 Jahre alten Religion (siehe Kasten) von der sunnitischen IS-Miliz verfolgt. Zigtausende sind ins Sindschar-Gebirge geflohen, wo sie ohne Lebensmittel und Wasser ausharren.

»Hier findet ein Genozid statt, und die Welt schaut zu und tut nichts«, klagt Ali. Der 33-Jährige ist in Deutschland aufgewachsen, seine Familie stammt aus dem nordirakischen Shingal. Der Region, in der zuerst die Christen vertrieben wurden und jetzt die Jesiden verjagt, ermordet oder zwangskonvertiert werden.

Tausende von jesidischen Glaubensanhängern gingen am vergangenen Wochenende in Deutschland auf die Straße, um gegen Mord und Vertreibung der religiösen Minderheiten im Nordirak zu protestieren. Foto: picture alliance

Tausende von jesidischen Glaubensanhängern gingen am vergangenen Wochenende in Deutschland auf die Straße, um gegen Mord und Vertreibung der religiösen Minderheiten im Nordirak zu protestieren. Foto: picture alliance

»Die, die bisher überlebt haben, sind in die Berge geflüchtet«, berichtet Ali. Die Nachrichtenbilder mit abgeworfenen Hilfsgütern können ihn nicht beruhigen. »Die Kisten mit Wasser und Nahrungsmitteln kommen bei ihnen gar nicht an«, berichtet er von seinen Telefonkontakten, die noch möglich sind.

Faist Mahmud Karow lebt seit sechs Jahren in Deutschland. Wenn der Jeside erzählt, ist ihm die Erschütterung deutlich anzumerken. Er habe in den letzten Tagen 15 Familienmitglieder in Shingal verloren: »Vater, Brüder, Enkel, sie liegen noch immer irgendwo in den Bergen und konnten nicht einmal beerdigt werden.«

Die Bergregion, die den Geflüchteten zurzeit noch als Schutzraum dient, ist 14 Kilometer breit und 76 Kilometer lang. Nach einer Meldung von »Spiegel-Online« konnten am Wochenende auch infolge der Luftschläge der USA auf IS-Stellungen in der Region 20 000 bis 30 000 Jesiden durch kurdische Einheiten aus dem umstellten Gebirge evakuiert werden. Doch noch immer harrten Zigtausende in den Bergen aus.

Die Menschen in den Bergen brauchen sofort eine sichere Zone, in der Krankenstationen eingerichtet werden müssen, sagt Karow. Nur so könne die menschliche Katastrophe noch abgewendet werden. Viele junge Jesiden fordern ein direktes militärisches Vorgehen der Staatengemeinschaft gegen Terror der islamistischen Milizen »Islamischer Staat« (IS).

Eine Forderung, der sich auch Hilfsorganisationen anschließen. »Ich sage das besonders als Geschäftsführer einer humanitären Organisation nur ungern. Aber zunächst hilft in dieser Situation nur militärisches Eingreifen«, sagt Thomas von der Osten-Sacken in einem Interview auf »tagesschau.de«. Von der Osten-Sacken ist Geschäftsführer von Wadi, einem Verband für Krisenhilfe und Entwicklungszusammenarbeit und seit 20 Jahren im Irak tätig. »Die Feier brutalster Gewalt« mit dem IS vorgeht, ist nach seiner Beobachtung beispiellos, auch in der Geschichte des islamischen Terrors. Auf Videos der Terrorgruppe würde mit Koransuren unterlegt die Hinrichtung von Gefangen, das Steinigen von Frauen wegen Ehebruchs oder das Kreuzigen von Menschen wegen des Abfalls vom »richtigen Glauben« gezeigt. Auch das katholische Missionswerk »missio« appelliert in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel, »schnellstmöglich die Bedingungen zur Einrichtung einer multidimensionalen UN-Friedens­truppe zum Schutz der Zivilbevölkerung im Nordirak zu prüfen«.

Uwe Rottkamp und Holger Spierig
(GKZ/epd)

Das Stichwort: Jesiden
Die Jesiden sind eine religiöse Gruppe unter den mehrheitlich muslimischen Kurden. Weltweit zählen etwa 800 000 Menschen zum jesidischen Glauben. Rund eine halbe Million davon lebt im Nordirak. Außerhalb des Irak gibt es Jesiden vor allem in Syrien, Armenien, Georgien, der Türkei und im Iran.

Das Jesidentum ist eine monotheistische Religion, deren Wurzeln bis 2000 vor Christus zurückreichen. Sie nahm Glaubenselemente, Riten und Gebräuche westiranischer und altmesopotamischer Religionen sowie von Juden, Christen und Muslimen auf. Jeside wird man ausschließlich durch Geburt, beide Elternteile müssen zur Religion gehören. In vielen ihrer Herkunftsländer werden die Jesiden nach Angaben von Menschenrechtlern verfolgt und diskriminiert. Vielen Muslimen gelten sie als Sekte und »Teufelsanbeter«.


Gottes Beistand auch in Niederlagen

31. Juli 2012 von Gemeinsame Redaktion  
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Kirche und Sport: Zur deutschen Mannschaft bei den Sommerspielen in London gehört auch ein »Olympiapfarrer«

Zwischen Medaillenglück und einsamer Niederlage ­liegen oft nur Zehntelsekunden. Olympiapfarrer Thomas Weber ist auch dann für die Sportler da, wenn es mal nicht so gut läuft.

Pfarrer Thomas Weber hat seine Koffer inzwischen in London ausgepackt. Offiziell gehört er als »Olympiapfarrer« zur Mannschaft. »Als Pfarrer ist man dort aber ein Exot«, erzählt der 52-Jährige, der aus dem nordrhein-westfälischen Gevelsberg bei Wuppertal kommt. Zusammen mit seinem katholischen Kollegen Hans-Gerd Schütt ist er geistlicher Ansprechpartner für die Sportler, ihre ­Familien und für Trainer und Funktionäre.

»Olympiapfarrer« Thomas Weber spielt selbst Handball und Tennis. Foto: epd-bild/Friedrich Stark

»Olympiapfarrer« Thomas Weber spielt selbst Handball und Tennis. Foto: epd-bild/Friedrich Stark

Die Leute rechneten bei den Olympischen Spielen mit allen möglichen Experten, sagt der Theologe. »Aber ­einen Pfarrer erwartet man an der Aschenbahn so ziemlich als letzten.« Weber feiert Gottesdienste und Andachten. Und er sieht seine Aufgabe darin, zwischen den Extremen von ­berauschenden Siegen und deprimierenden Niederlagen für die Sportler da zu sein.

Besonders jüngere Olympioniken müssten oft lernen, mit Niederlagen umzugehen. »Wenn man erfolgreich ist, klopft einem jeder auf die Schulter«, sagt Weber. Wenn man aber verliere oder Verletzungen auskurieren müsse, zögen sich Partner und Freunde zurück. Aber erst das Überwinden einer Niederlage formt die Persönlichkeit, ist der »Olympiapfarrer« überzeugt. »Als Pastor sage ich: Aufstehen mit Gottes Hilfe ist auch ein Angebot unseres Glaubens.«

Mit einem Pfarrer können die Sportler über alles sprechen, was ihnen auf der Seele lastet. Ein Thema ist oft die Familie: Wie kann Familienleben gelingen, wenn man für den Sport einen Großteil des Jahres unterwegs ist? Viele Athleten treibt auch eine ungewisse Zukunftsperspektive um, wie Weber erfahren hat: »Die meisten wissen: Selbst wenn sie Sieger sind, werden sie einmal abtreten, und dann interessiert das niemanden mehr.«

Besonders beeindruckt hat ihn einmal ein Gespräch auf dem Flug zu den Winterspielen nach Vancouver vor zwei Jahren. Der Eishockeyspieler neben ihm erzählte von seiner Familie und seinen Kindern. Dann kam er auf den plötzlichen Tod des Torhüters durch einen Gehirntumor. Wenn so etwas passiere und jemand Frau und Kinder hinterlasse, müsse sich doch jeder fragen, was wirklich zähle im Leben, habe der Sportler nachdenklich gesagt. »Das hätte ich als Pfarrer nicht besser formulieren können«, sagt Weber. Den Rest des Fluges sprachen sie dann über den Tod und die Ziele im Leben.

Die großen Wettkämpfe begleitet der Pfarrer, der im Vorstand des bundesweiten Arbeitskreises »Kirche und Sport« ist, seit den Winterspielen 2006. Dabei ist Weber natürlich nur im Nebenamt »Olympiapfarrer«. Hauptamtlich betreut er die Kirchengemeinde Gevelsberg im Kirchenkreis Schwelm.

Innerhalb der Kirche werde das kirchliche Engagement bei den Sportveranstaltungen gelegentlich auch skeptisch gesehen. »Das ist in der Kirche schon ein Randgebiet«, ist die Erfahrung Webers. Für den Theologen, der Handball und Tennis spielt, ist die Präsenz der Kirche bei den Olympischen Spielen hingegen ein wichtiges Signal. »Damit zeigen die Kirchen: Wir ziehen uns nicht zurück, sondern sind auch bei solchen großen Veranstaltungen dabei und bieten unsere Hilfe an.«
Dass die Sportler das Angebot der Kirchen gerne annehmen, hat Weber in den vergangenen Jahren immer wieder erfahren. »Wir finden es gut, dass die Kirchen Pfarrer mitschicken«, habe ihm einmal ein Trainer gesagt, der normalerweise nicht viel mit der Kirche zu tun hat.

Nach den Spielen in Peking wurde Weber sogar von einem Sportler gebeten, bei dessen Hochzeit mitzuwirken. »Das sind dann die kleinen ­Erfolgserlebnisse, von denen wir als Pfarrer leben.«
Holger Spierig (epd)

Die eingebildete Hässlichkeit

26. März 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Forschung: Bielefelder Wissenschaftler wollen die psychische Störung »Dysmorphophobie« ergründen

Sie selbst finden sich unansehnlich, obwohl ­andere an ihnen keinen ­Makel ­erkennen. Menschen mit Dysmorphophobie ­mögen ihr Spiegelbild nicht. Bis zu zwei Prozent der Bevölkerung ­leiden an dieser Störung.

Wissenschaftler erstellen mit Hilfe von Kameras und Computern Analysen der Blickbewegungen beim Betrachten eines fremden Gesichtes. Foto: epd-bild

Wissenschaftler erstellen mit Hilfe von Kameras und Computern Analysen der Blickbewegungen beim Betrachten eines fremden Gesichtes. Foto: epd-bild

Im Spiegel lauert ein grässliches Monster: »Ich habe nur sehr, sehr selten ‘ne so hässliche Kreatur wie mich gesehen«, schreibt ein Internet-Nutzer unter dem Namen »Raumschiff«. Ein weiterer Schreiber ergänzt: »Immer wenn ich mich sehe, werde ich total depressiv.« Er habe eine riesige, breite Nase, dazu kleine Augen, ein fettes Kinn und dünne Haare, führt er in einem Selbsthilfe-Internet-Forum zum Thema »eingebildete Hässlichkeit« aus. Und ein Mädchen, das sich Feney nennt, gesteht: »Ich hasse mein Spiegelbild einfach.«

Bis zu zwei Prozent der Bevölkerung leiden Schätzungen zufolge an der psychischen Störung »Dysmorphophobie« (etwa: »Angst vor Missgestaltung«). Die Erforschung der »eingebildeten Hässlichkeit« steckt jedoch noch weitgehend in den Kinderschuhen. In einem bundesweit einmaligen Projekt an der Universität Bielefeld wollen Psychologinnen nun herausfinden, ob Menschen mit einer solchen Störung andere Sehgewohnheiten haben. Mitte des Jahres sollen die ersten Zwischenergebnisse vorliegen.

»Menschen mit Dysmorphophobie sehen an sich einen Makel, der für ­andere nicht zu sehen ist«, schildert Psychologin Anja Grocholewski die Symptome. Kennzeichen der Krankheit ist eine so übertriebene Beschäftigung mit der vermeintlichen Entstellung, dass für nichts anderes mehr Raum bleibt. Manchmal können Erkrankte bis zu acht Stunden damit zubringen, sich im Spiegel zu betrachten oder ihre vermeintlichen Deformierungen mit Schminke, weiten Pullis und Hosen oder einer Sonnenbrille zu »tarnen«.

Im Extremfall wagen sie es nicht mehr, ihre Wohnung zu verlassen – aus Angst vor abschätzigen Blicken. Nicht selten müssen sie dann Schule oder Job aufgeben. Da auch nach einer Schönheits-Operation die eingebildete Riesennase nicht schrumpft, werden manche süchtig nach weiteren Schnitten. Jeder vierte von ihnen, so schätzt man, denkt daran, sich umzubringen. Betroffen sind gleichermaßen Frauen wie Männer, Junge wie Alte. Einige Psychologen sehen auch in den vielen Gesichtsoperationen des im vergangenen Jahr gestorbenen Popstars Michael Jackson einen Hinweis auf diese Krankheit.

In dem Bielefelder Forschungsprojekt blicken die Probanden durch eine Apparatur, die an ein Gerät beim Optiker zur Ermittlung der Sehstärke erinnert. Anstelle von Buchstaben sehen die Freiwilligen verschiedene Gesichter – auch ihr eigenes. Das Gerät zeichnet die Blickbewegungen auf. Hinter einer Trennwand beobachtet Grocholewski zusammen mit ihrer Kollegin, der Psychologieprofessorin Nina Heinrichs, auf einem Bildschirm, wie sich der Blick über die gerade ­gezeigten Gesichter bewegt.

Rund 40 Freiwillige nehmen bislang an dem Projekt »Augenblicke« teil. »Einige brauchen mehrere Anläufe, bis sie dann tatsächlich zu uns gelangen«, erzählt Grocholewski. Viele kommen erst im Dunkeln, weil sie sich bei Tageslicht nicht auf die Straße wagen. Dass sich die Probanden doch durchringen, liegt nach Eindruck Grocholewskis daran, dass sie bei einem Vorgespräch eine Diagnose erhalten. »Viele möchten wissen, wie es weitergehen kann«.

Die Krankheit wurde zwar bereits 1886 von dem Turiner Neurologen Enrico Morselli als »Dysmorphophobie« beschrieben. Dass sie aber bis heute nur wenig bekannt ist, liegt daran, dass sich die Betroffenen aus Scham kaum jemanden anvertrauen. Oft landen sie als Patienten bei Dermatologen, Zahnärzten, vor allem aber in der plastischen Chirurgie, wie der Neurologe Volker Faust von der Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit beklagt. Weil sie da nur selten als seelisch gestört erkannt und behandelt würden, gingen das Leiden und der eingeleitete Teufelskreis weiter.

Bei der Suche nach den Auslösern tappen die Experten noch weitgehend im Dunkeln. Einige Betroffene wurden als Kind wegen einer starken Akne oder eines zu großen oder zu kleinen Busens gehänselt. »Später ist die Akne weg, aber das Gefühl bleibt«, erklärt Grocholewski. Das allein führe aber noch nicht zu einem Ausbruch der Krankheit. Dazu müssten auch ein besonderes ästhetisches Empfinden und ein Hang zum Perfektionismus kommen, vermutet sie.

Bislang gibt es laut Grocholewski kein Patentrezept für eine Heilung. In Verhaltenstherapien lasse sich jedoch lernen, mit der Störung zu leben. ­Einem steigenden Erwartungsdruck durch TV-Castingshows für Superstars und Supermodels die Schuld zuzusprechen, hält Grocholewski für zu einfach. Nur besonders verletzliche Menschen seien anfällig. »Wer das nicht ist, wird auch nach der 100. Sendung von ›Germany’s Next Topmodel‹ keine Dysmorphophobie bekommen oder zu einer Schönheits-OP gehen«.

Von Holger Spierig (epd)