Der unsinkbare Mythos

18. April 2012 von Gemeinsame Redaktion  
Abgelegt unter Glaube und Alltag

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Titanic_Grand_StaircaseDas Schiff war das größte, schönste und sicherste, das je gebaut worden war. Doch schon als es zum ersten Mal übers Meer fuhr, stieß es mit einem Eisberg zusammen und ging unter. Der Untergang der RMS »Titanic« am 15. April 1912 gehört zu den großen Katastrophen der Seeschifffahrt. Vor allem aber ist die Geschichte der »Titanic« eine fast perfekte Metapher auf die Geschichte der Menschheit

Kaum ein Ereignis des Weltgeschehens strahlt eine derart zeitlose Faszination aus wie die Unglücksfahrt der »Titanic«. Es gab schlimmere, unglücklichere und vor allem folgenschwerere Katastrophen. Doch keine Schiffskatastrophe hatte wie der Untergang der »Titanic« das Zeug zum Mythos. In der Titanic-Literatur, die sich längst im Zustand der Unüberschaubarkeit befindet, findet sich immer wieder der Hinweis, es gebe, genau genommen, zwei »Titanics«: Die historische, die vor 100 Jahren im eiskalten Atlantik unterging, und die mythische, die erst aus dem Unglück erwuchs und sich als tatsächlich unsinkbar erweist.

Der Untergang der »Titanic« war vom ersten Moment an mehr als ein tragisches Schiffsunglück. Noch in der Unglücksnacht wurde der Mythos geboren, befeuert von der noch jungen Funktechnik, befeuert vom Sensationshunger der noch jungen Massenmedien, und nicht zuletzt durch die offizielle Beschwichtigungsmeldung aus der Führungsetage der International Mercantile Marine Company, zu der die White Star Line gehörte: »Es besteht keine Gefahr, dass die Titanic sinken wird. Das Schiff ist unsinkbar.« Als Vizepräsident Philipp Franklin dies verkündete, lag die »Titanic« bereits auf dem Grund des Atlantiks.

Warum kann ein unsinkbares Schiff untergehen? Wieso kann etwas passieren, das – eigentlich – gar nicht passieren darf? Was wäre gewesen, wenn…die Eiswarnungen Beachtung gefunden hätten? Wenn die »Titanic« Southampton nicht mit einer Stunde Verspätung verlassen hätte? Wenn sich der Eisberg nicht kurz vor der Kollision im Wasser gedreht hätte und dadurch schlecht zu sehen war? Wenn die Konstruktion des Schiffs und seiner geschlossenen Kammern nur geringfügig anders gewesen wäre? Wenn, wenn, wenn?

Tatsache ist, dass im Falle der ­»Titanic« eine Vielzahl von kleinen Geschehnissen, manchmal Zufällen, die sich unglücklich miteinander verketteten, in unerbittlicher Stringenz zur größtmöglichen Katastrophe geführt hat. Dieser Gedanke war schon vor 100 Jahren schwer zu ertragen. Überhaupt: Das Bild von der Gesellschaft, die sorglos und in maßlosem Reichtum bis zum letzten Moment blind für die Gefahren der Gegenwart, in ihren Untergang schippert, hat zeitlose Aktualität. Klima? Bevölkerungsexplosion? Gentechnik? Armut? Gerechtigkeit? Es wird schon alles halb so schlimm sein – Hauptsache, die ­Kapelle spielt weiter. Wie auf der ­»Titanic«, als mitten im Chaos des ­Untergangs die Klänge des Chorals »Näher, mein Gott zu dir« übers Wasser schallten, bevor die Musiker den Boden unter den Füßen verlieren.

»Wir verirren uns in einem lustvollen Wahn von Reichtum und Macht und Ehrgeiz. Wir spalten die Gesellschaft in Kasten auf. Es braucht eine schreckliche Warnung, um uns zurück zu unserer Verankerung in die Vernunft zu bringen.« Diese Worte stammen nicht etwa von einem kapita­lismuskritischen Occupy-Aktivisten anno 2012, sondern aus dem Mund des US-Senators William Alden Smith nach dem Abschluss der Untersuchungen des »Titanic«-Untergangs.

Walter Lords Dokumentation »Die letzte Nacht der Titanic«, mitunter als die »Bibel der Titanic-Fans« bezeichnet, formulierte 1955, schon mitten im Kalten Krieg, den Mythos in nostalgischer Perspektive: »Nie wieder wird die Welt so sein, wie sie war«. Mit der »Titanic«, so sah es Lord, war die gute alte Welt Britanniens unwiederbringlich untergegangen – die gerechte Ordnung, die Menschlichkeit inmitten der Not, die Übersichtlichkeit der Technik, die Hoffnung auf eine gute Zukunft.

Die Kulturwissenschaftlerin Linda Maria Koldau hat in ihrem neuesten deutschsprachigen »Titanic«-Buch festgestellt, dass der »Titanic«-Kult zunehmend religiöse Züge angenommen hat. Die letzten Überlebenden dienten als Ersatzheilige, die Opfer als Märtyrer, die »Titanic« selbst wird zum »sagenumwobenen Tempel oder sogar zur Gottheit, die für das Bessere der vergangenen Zeit steht«. Die Tragik der Katastrophe gerät ob derlei sinnstiftender Überhöhung mehr und mehr in Vergessenheit – der Mythos hat die Historie längst überflügelt.

Thomas Greif