Weniger ist mehr

15. Dezember 2011 von Gemeinsame Redaktion  
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Überfluss: Die Volkskrankheit »Zuvielitis« macht auch vorm Kinderzimmer nicht Halt

Auch für die Weihnachtsgeschenke gilt: Es müssen nicht viele sein. Ein einziges Präsent kann Freude genug auslösen. Foto: picture-alliance/dpa

Auch für die Weihnachtsgeschenke gilt: Es müssen nicht viele sein. Ein einziges Präsent kann Freude genug auslösen. Foto: picture-alliance/dpa


Das Angebot an Spielsachen ist unüberschaubar groß und verlockend zugleich. Doch ein Zuviel an Geschenken und Eindrücken überfordert die Kinder.

Voriges Jahr durfte oder besser gesagt musste Jannik (6) jeden Tag vier Adventskalender öffnen: Den mit Schokolade von der netten Nachbarin, den mit den roten Säckchen von der Patentante, in dem Süßes oder ein Zettel mit der Ankündigung einer gemeinsamen Aktivität steckte, zwei von den Großeltern – ­einen mit einem Legospielzeug für ­jeden Tag und einen mit Mini-Bilderbuch. »Richtig freuen konnte sich Jannik gar nicht mehr – er hat nur noch abgeräumt«, erinnert sich seine Mutter Steffi Klein (Name geändert).

Diese Erfahrung mit der Überfülle weckt in ihr die Sehnsucht nach dem guten ­alten Adventskalender, der jeden Tag mit einem schlichten bunten Bild ­erfreute. »Weniger ist mehr«, hat sie deshalb beschlossen und Freunden und Großeltern mitgeteilt: »In diesem Jahr kriegt Jannik nur von uns einen Kalender.«

Mit ihrer Entscheidung liegt Steffi Klein auf der Linie dessen, was die neuere Hirnforschung belegt: »Zu viele Eindrücke legen das Lustzentrum des Gehirns lahm, sodass wir uns weder richtig begeistern noch freuen können«, erklärt Archibald Hart in seinem Buch »Wer zu viel hat kommt zu kurz«.

Immer neue Angebote zur Unterhaltung, Freizeitevents und Medien versprechen Glück, Zufriedenheit, Bildung und Erfolg. Und so führt für viele der Weg zum vermeintlichen Glück über das Kaufen und Konsumieren.

»Und so führt für viele der Weg zum vermeintlichen Glück über das Kaufen und Konsumieren«

 
Diese Haltung macht auch vor den Kinderzimmertüren nicht halt: Kuscheltiere en masse, Puzzles, Kons­truktionsspielzeug von Holzeisenbahn über Bauklötze und Legosteine, eine Flut pädagogisch wertvoller Lernspiele, von Büchern, Hörbüchern und Computerspielen lassen die Spielzeugregale überquellen. Mit dem Ergebnis, dass Kinder angesichts der Fülle kaum noch wissen, womit sie spielen sollen.

Erzieherin Reinhild Pelger setzt sich für ein reduziertes Angebot und die bewusste Auswahl von Spielzeug ein – und dafür, dass ­Eltern es aushalten, wenn ihre Kinder auch mal über Langeweile jammern. »Man muss Kinder auch mal in Ruhe lassen. Sie brauchen nicht unentwegt Vorschläge. Sie suchen und finden Spiel-Räume – man muss ihnen aber auch Zeit dafür lassen«, ist Pelgers Erfahrung.

Kinder brauchen nicht immer neues Spielzeug. Sie müssen nicht unentwegt unterhalten und beschäftigt werden. Kinder brauchen so etwas wie die »Expedition zu den Gegenständen des täglichen Lebens«, fordert Donata Elschenbroich. Sie gilt als Expertin für Bildung in den frühen Jahren und hat sich auf dem Gebiet der international vergleichenden Kindheitsforschung einen Namen gemacht. Sie ermutigt Eltern, Kinder nicht ausschließlich in die Sonderwelt von gekauftem Spielzeug zu entlassen, sondern sie in den ganz normalen Alltag einzubeziehen.

Kinder brauchen und lieben es, mitmachen und helfen zu dürfen. Beim Einkaufen und Aufräumen, beim Wäscheaufhängen und Autoputzen, beim Kochen und Backen, beim Laubfegen und Tischdecken. Und sie brauchen es, dass Eltern ­gemeinsam mit ihnen ganz banale Alltagsgegenstände entdecken. Denn, so führt Donata Elschenbroich aus: »In den Dingen steckt das Wissen der Welt und die Alltagsgegenstände sind spannender als viele Spielzeuge.«

Was zum Beispiel kann man mit einer Wäscheklammer alles machen? Und wie ist zu erklären, dass dieses Wunderding immer wieder in die Ausgangslage ­zurückkehrt? Wie funktioniert eine Stimmgabel? Und was lässt sich mit ihr entdecken? Donata Elschenbroich erinnert an die »Wunderkammer« des frommen Reformpädagogen August Hermann Francke, der für seine ­Zöglinge eine solche Wunderkammer mit alltäglichen und geheimnisvollen Exponaten anlegte, um »über die Welt staunen zu lernen und Gottes Taten
zu feiern«.

»So gewinnen womöglich die einfachen Freuden und die Rituale vergangener Tage wieder neue Bedeutung«

 
Die meisten Eltern wollen das Beste für ihre Kinder. Angesichts von verheerenden Pisa Studien boomt das Angebot von Frühförderungskursen: Englisch für Kleinkinder ab drei Monate, Frühschwimmen, musikalische Förderung und und und. »Verplante Kindheit«, nennen Wissenschaftler die nicht selten entstehende Terminhetze, denen Kinder vermehrt ausgesetzt sind. Hinzu kommt schon früher Medienkonsum: Kassetten und Hörbücher, Fernsehen, Playstation und Computer vertreiben zwar vordergründig die Langeweile oder vermitteln womöglich sogar Wissen.

Sie sorgen zugleich aber für Mangel an Bewegung und für eine Flut von kaum zu verarbeitenden Eindrücken. Handeln und Gestalten sind nicht ­gefragt. Das Fernsehkind wird leicht zum Konsumkind. Weil es beim Fernsehen nicht die Möglichkeit habe, selbst etwas einzubringen, fehle ihm das Gefühl, anderen etwas geben zu können. »Es bleibt ohne emotionale Bindung«, urteilt der renommierte Hirnforscher Prof. Gerald Hüther.

Nachhaltig präge sich nur das ein, was wiederkehrt und was eigene ­Aktivität erfordert, betont er. Neuronale Verknüpfungen und Bahnen entstehen durch Wiederholung und Rituale. Und so gewinnen womöglich die einfachen Freuden und die Rituale vergangener Tage wieder neue Bedeutung: die Reime und Kinderlieder, die Dämmerviertelstunde bei Kerzenlicht, das Gutenachtgebet, der Kakao nach dem Baden am Freitagabend, das Verkleide- und Verwandlungsspiel, der Spaziergang im Wald, und die Kunst, aus einem Stock eine Wünschelrute, einen Zauberstab oder eine Bohrmaschine zu machen. Weniger ist mehr – Eltern und Kinder können es gemeinsam entdecken.

Karin Vorländer

Lesetipps

Elschenbroich, Donata: Die Dinge. Expeditionen zu den Gegenständen des täglichen Lebens, Kunstmann Verlag, 206 S., ISBN 978-3-88897-681-0, 18,90 Euro
Hüther, Gerald/ Nitsch, Cornelia: Wie aus Kindern glückliche Erwachsene werden, Gräfe und Unzer, 224 S., ISBN 978-3-8338-0747-3, 19,99 Euro

Spiegelneurone – Zellkolonie des Mitgefühls

18. Februar 2011 von mitteldeutsche-kirchenzeitungen.de  
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Vernetzt – das Symbol lässt ahnen, welches komplexe System unseres Gehirns uns mit anderen Menschen verbindet. (Foto: Picture-alliance)

Vernetzt – das Symbol lässt ahnen, welches komplexe System unseres Gehirns uns mit anderen Menschen verbindet. (Foto: Picture-alliance)


Glaube und Wissenschaft: Warum wir intuitiv verstehen, was andere fühlen und Nächstenliebe empfinden und praktizieren können.



Hirnforscher haben spezielle Nervenzellen – sogenannte Spiegelneurone – entdeckt, die dafür sorgen, dass wir uns mental in den emotionalen oder körperlichen ­Zustand anderer Menschen ­hineinversetzen können.




Freuet euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden.« Diesem guten Rat des Apostels Paulus vermag nicht jeder nachzukommen. Denn offenbar bedürfen selbst diese vermeintlich einfachen Verhaltensweisen mitmenschlicher Anteilnahme einer gewissen sozialen Einübung.

Aller Erfahrung nach nützen jedoch auch die allerbesten Anlagen nicht viel, wenn sie nicht durch eine halbwegs »gelungene« Soziali­sation irgendwie zur Entfaltung gebracht werden. Trotz größter Bedeutung jenes äußeren Umfeldes gilt jedoch, dass ohne ein entsprechendes inneres Milieu – ohne bestimmte ­anatomische und physiologische Gegebenheiten im innersten unseres ­Gehirns – sich so etwas komplexes und wünschenswertes wie christliche Nächstenliebe gewiss nicht in unserem praktischen Verhalten etablieren lässt.


Die eigentlichen Stars unserer grauen Hirnzellen

Aber was hat man sich unter einer »neuronalen Basis« unseres sozialen Mitempfindens vorzustellen? Dass alle unsere Bewegungen durch Nervenzellen koordiniert werden, ist schon seit Längerem bekannt. Dass es auch Neurone gibt, die nicht nur ­unsere eigenen Handlungen steuern, sondern zugleich die Handlungen anderer Individuen mental simulieren – also spiegeln – wurde jedoch erst vor einigen wenigen Jahren entdeckt.

Diese »Spiegelzellen« sind für alle nur möglichen Resonanzerscheinungen unseres Alltags zuständig – insbesondere für alle Phänomene der Nachahmung inklusive der sozialen bzw. emotionalen Ansteckung.

Die Entdeckung der Spiegelneurone kann in seiner Tragweite durchaus mit der Entschlüsselung unseres Erbguts verglichen werden. Zumindest sind Spiegelneurone die eigentlichen Stars unter unseren grauen Hirnzellen. Sie erklären endlich, warum wir intuitiv verstehen, was andere fühlen. Sie machen begreiflich, warum nicht nur unser Gähnen ansteckend wirkt, sondern auch, warum wir ein Lächeln erwidern können oder von den Tränen anderer erschüttert werden.

Unser »Bauchgefühl« ist ein Simulationsprogramm unseres Hirns. Es lässt uns nachempfinden, was ein von uns betrachteter Mensch gerade tut oder fühlt. Die faszinierende und doch gewiss auch frohe Botschaft der Neurobiologie lautet: Es existiert eine Zellkolonie des Mitgefühls, die gewissermaßen den sozialen Klebstoff bildet, der uns miteinander verbindet und uns einander mit Empathie begegnen lässt.

Wir verdanken den Spiegelneuronen unsere Fähigkeit zu lieben. Der Mediziner, Neurobiologe und Psychotherapeut Joachim Bauer sieht sogar die ­gesamte menschliche Existenz von Spiegel- bzw. Resonanzreaktionen ­geprägt: »Was wir erleben, was uns von anderen widerfährt, beeinflusst und verändert uns. Wir verändern uns im Antlitz des anderen.«

Selbst unter evolutionären Gesichtspunkten sind Spiegelzellen von allergrößter Bedeutung: Die darwinistische Vermutung, dass es im »Kampf ums Dasein« doch überhaupt keinen Sinn ergibt, ausgerechnet so etwas wie »Mitleid« im Artgedächtnis zu ­verankern, erweist sich nunmehr endgültig als Irrtum.

Die Empathie gehört zur genetischen Mitgift der Menschheit; auch wenn unser Mitgefühl selbstredend in harter Konkurrenz zu anderen Verhaltensmustern steht – etwa unserer latenten Gewaltbereitschaft oder Raffgier.

Warum Affen gar nicht gut »nachäffen« können

Im Mensch-Tier-Vergleich wurde mittlerweile deutlich, dass unseren haarigen Vettern ausgerechnet jenes »Nachäffen« nur in recht eingeschränkter Weise gelingt. Spätestens wenn es gilt, die Problemlösung eines Vorbildes systematisch nachzuahmen, geraten selbst Schimpansen rasch in größte Schwierigkeiten.

Die Bedeutung unseres Talents zur Nachahmung lässt sich kaum überschätzen. Schließlich ist biologisch betrachtet der Nachahmungstrieb der Sprache unmittelbar vorgeschaltet. So gesehen ist Sprache zunächst nicht viel mehr als mimetisch angelegte Körpermotorik.

Kein Wunder also, dass die Welle der Begeisterung über die Entdeckung der Spiegelzellen inzwischen bis zu den Sprach- und Kulturwissenschaftlern hinübergeschwappt ist. So deutet etwa der Germanist Gerhard Lauer unser Vergnügen an der Literatur ganz im Sinne der modernen neurobiolo­gischen und entwicklungspsycholo­gischen Forschung: Literatur sorgt für Identifikation, indem sie auf besondere Weise unser Talent zur Nachahmung erweckt. Wir fiebern beim Lesen mit, insofern wir uns bei der ­Betrachtung fremden Denkens und Handelns mithilfe unserer Spiegelneurone der eigenen inneren Wahrnehmung hingeben.

Klinische Befunde haben inzwischen auch die herkömmliche Annahme von Pädagogen und Psychologen ­widerlegt, dass ein »episodisches ­Gedächtnis« die wesentliche Voraussetzung für Empathie sei. Unfallopfer, die an extremen Gedächtnisverlusten leiden und nicht einmal mehr wissen, wer sie sind, büßen nämlich ihre Fähigkeit zum Mitgefühl keineswegs ein. Sie können die Emotionen anderer Menschen ebenso gut wahrnehmen wie gesunde Probanden.

Dank der Spiegelzellen muss der Mensch nicht erst an sich selbst denken, um sich in andere hineinzuversetzen.

Da die wenigen Spiegelneurone sich stets mit Hunderttausenden ­anderer Nervenzellen vernetzen, sind sie selbstverständlich auch nur im ­Ensemble funktionstüchtig. Einen neuronalen Schalter, der uns etwa ­automatisch in den »Mitleidsmodus« versetzt, gibt es ganz gewiss nicht.

Ebenso wenig wie wir Marionetten der Evolution oder unserer Gene sind, so sind wir auch keine Sklaven unserer Spiegelzellen.

Kinder brauchen beispielhaftes Vorleben


Doch die Annahme, dass ein Kind, dessen Kindheit nie von einem Lächeln begleitet wurde, auch im späteren Leben kaum zu einer derartigen »Spiegelung« fähig sein wird, ist indes alles andere als abwegig. Spiegelzellen sind vor allem Nachahmerzellen.

Beispielhaftes vorleben hat also Sinn.

Und je öfter es uns gelingt, uns ganz im Sinne von Paulus mit den Fröhlichen zu freuen oder mit den Weinenden zu weinen, desto menschlicher sind wir.

Reinhard Lassek

Wir lernen, wenn wir schlafen

20. August 2010 von Gemeinsame Redaktion  
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Wissenschaft: Moderne bildgebende Verfahren machen es möglich, der Spur der Träume zu folgen

Während wir träumen, ist ­unser Hirn höchst aktiv und kreativ, mehr als wenn wir wach sind. Träume sind von existenzieller Bedeutung. Ohne traumreichen Schlaf gibt es wahrscheinlich überhaupt keine dauerhaften Lernerfolge.

Von Reinhard Lassek

Goethes wundervoller Gedan­ke, »der Mensch träumt nur, damit er nicht aufhöre zu sehen«, erlebt derzeit eine neurobiolo­gische Renaissance. Entgegen früheren Annahmen sind Träume alles ­andere als eine neuronale Müllabfuhr. Sie dienen in der Tat wichtigeren Dingen als der Verdauung von »Tages­resten«. Während wir träumen, ist ­unser Hirn zumeist sogar viel aktiver und auch kreativer als in den Wachphasen. Und egal, ob wir uns nun an unsere Träume erinnern oder nicht: Ohne Träume können wir nicht existieren.

Im Schlaflabor können Mediziner exakt nachweisen, dass jemand träumt. Doch niemand kann sich in die Intimsphäre unserer Träume einloggen.

Im Schlaflabor können Mediziner exakt nachweisen, dass jemand träumt. Doch niemand kann sich in die Intimsphäre unserer Träume einloggen.

Träume gelten unter Hirnforschern keineswegs als die Hauptstörenfriede gesunden Schlafs. Sie sind vielmehr die hohe Schule unseres Erinnerungsvermögens. Denn während wir schlafen und träumen, arbeitet unser Hirn – es übt zuvor gelernte Inhalte ein. Auf lange Sicht bleiben daher auch nur notorische Träumer geistig leistungsfähig und gesund. Schlaf ist also weitaus mehr als ein Stand-by-Modus ­unseres zentralen Nervensystems.

Dank der sogenannten bildgebenden Verfahren wie etwa der Posi­tronen-Emissions-Tomografie ist es heutzutage möglich, den Spuren unserer Traumaktivitäten – nicht jedoch etwa der Trauminhalte – bis in die kleinsten und entlegendsten Hirnwindungen zu folgen. Denn jede Aktivität unseres Hirns ist mit irgendeiner Form von Energiestoffwechsel bzw. elektrochemischen Prozessen verbunden. Mit Vorgängen also, die sich auf den Millimeter und die Millisekunde genau messen lassen.

Entgegen früheren Vorstellungen ist unsere Hirnrinde alles andere als ein straff organisiertes System. Jene graue Rindensubstanz, auf die wir so stolz sind, gleicht eher einem undurchdringlichen Dschungel: Die ­Fasern von rund 15 Milliarden Nervenzellen verknüpfen sich zu einem gigantischen Verbindungsnetz von rund 500000 Kilometern Länge. Denn Nervenzellen neigen dazu, sich permanent mit ihren Nachbarzellen in alle Richtungen zu vernetzen. Und ­jeder Gedanke und jede körperliche Aktivität verändert augenblicklich das Verknüpfungsmuster.

Das Ergebnis dieser Netzflickerei lässt geradezu vor Erfurcht erschaudern: Denn die Zahl der mutmaßlichen neuronalen Verknüpfungsmöglichkeiten des menschlichen Hirns übersteigt mutmaßlich die Anzahl der Atome des ganzen Universums. Unser Hirn ist die komplexeste Struktur, mit der sich Wissenschaft überhaupt beschäftigen kann.

Sowohl im Wach- als auch im Traumzustand herrscht in sämtlichen Feldern unserer Großhirnrinde ein gleichmäßiges »Hintergrundrauschen«. Dieses beständige Getöse rührt daher, dass unsere Nervenzellen untereinander im permanenten Funkkontakt stehen.

Ohne einen Taktgeber – eine Art Dirigenten – käme niemals Ordnung in diese wabernde Vielfalt. Während des Schlafs jedoch bricht zunächst jede Koordination zusammen. Das Ensemble der Neuronen wird führungslos und jeder neuronale Schaltkreis macht, was er will. Es sei denn, wir träumen. Sogleich nimmt jener Dirigent seine Tätigkeit wieder auf, um die zum Teil heftigen Neuronenaktivitäten des träumenden Hirns in ganz ähnlicher Weise zu synchro­nisieren wie im Wachzustand. Nur der traumlose Schlaf gewährt somit unserem Hirn einige Momente zügelloser Taktlosigkeit.

Nicht durch Schlafentzug, sondern allein durch Traumentzug kommt es zu ernsthaften psychischen Störungen wie Verfolgungswahn, Apathie und Halluzinationen. Die Züricher Schlafforscherin Irene Tobler fasste diesen bemerkenswerten Umstand in die ­Regel: Der Körper braucht nur Ruhe, das Hirn jedoch den Schlaf. Gemeint ist, dass außer dem Hirn alle unsere Organe auf energiesparende Regenerationsphasen angewiesen sind. Das Hirn jedoch nutzt gerade den Schlaf, um seine vornehmste Pflicht zu erfüllen: es lernt. Denn unser Hirn, so der Hirnforscher Manfred Spitzer, kann so ziemlich alles. Nur eines kann es nicht: nicht lernen. Ein gutes Ruhekissen schafft also ideale Voraussetzungen für das nächtliche Gedächtnistraining. Ohne traumreichen Schlaf gibt es wahrscheinlich überhaupt keine dauerhaften Lernerfolge.

In einer »geruhsamen« Nacht durchläuft unser Hirn drei- bis fünfmal einen Zyklus verschiedener Schlafphasen. Doch geträumt wird vor allem während des sogenannten REM-Schlafs. Dieser Schlaf zeichnet sich durch schnelle Augenbewegungen unter geschlossenen Lidern aus – daher die Abkürzung REM für Rapid-Eye-Movements. Während der REM-Phase wird das Hirn besonders stark durchblutet und auch seine elektrische Aktivität ist erhöht. Offenbar spielen sich während dieser auffällig traumreichen Schlafperioden eben jene Prozesse der Eiweißsynthese ab, die dafür sorgen, dass Inhalte des Kurzzeitgedächtnisses in das Langzeitgedächtnis übernommen werden.

Ein träumendes Hirn kann nahezu beliebig auf alle Gedächtnisinhalte zurückgreifen. Und es kann diese ­dabei offenbar freier kombinieren, als es uns im Wachzustand je vergönnt ist. Ein glücklicher Umstand, den der Dichter Friedrich Hölderlin in die schönen Worte fasste: »Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt.«

Dass sich die Wissenschaft nunmehr zum Beherrscher unserer geheimsten Träume aufschwingen könnte, steht indes nicht zu befürchten. Davor schützt allein schon die Komplexität unseres wichtigsten und auch menschlichsten aller Organe. Unser Hirn ist schließlich kein Computer – keine Denkmaschine. Seiner hohen Dynamik und Flexibilität wegen gleicht es eher einem komplexen Ökosystem. Die Allmachtsfantasien einiger marktschreierischer Hirnforscher brauchen uns daher auch nicht zu beunruhigen. Über kurz oder lang wird sich niemand in die Intimsphäre unserer Träume einloggen können.

Die graue Eminenz hinter unserem Tun

3. September 2009 von Gemeinsame Redaktion  
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Glaube und Ethik: Das Gewissen beeinflusst unser Entscheiden und Handeln, aber es ist weder definiert noch hinterfragbar

»Ein gutes Gewissen ist das beste Ruhekissen«, sagt der Volksmund. Doch was verbirgt sich hinter dieser ominösen ­Instanz eigentlich? Und wie ­sicher ist dieses Ruhekissen?

Nicht immer ist unser Gewissen ein ­sanftes Ruhekissen. Das Gewissen kann uns auch quälen – und sogar täuschen und verführen …  (Foto: Begsteiger)

Nicht immer ist unser Gewissen ein ­sanftes Ruhekissen. Das Gewissen kann uns auch quälen – und sogar täuschen und verführen … (Foto: Begsteiger)

Das Gewissen ist für unser Menschsein wesensbestimmend. Dass es existiert, aber wegen seiner komplexen Natur begrifflich nur schwer zu fassen ist, ist im Grunde genommen beinahe schon alles, was sich mit allgemeingültiger Bestimmtheit sagen lässt. Denn niemand, der auf intellektuelle Redlichkeit Wert legt, vermag ruhigen Gewissens zu sagen, was das eigentliche Wesen dieser »inneren Instanz« ist.

Während Theologen das Gewissen als ein Zeichen unserer Gottebenbildlichkeit deuten, handelt es sich für Psychologen und Soziologen lediglich um ein Produkt individueller und gesellschaftlicher Erfahrungen. Und unter manchen Hirnforschern sind sowohl der »freie Wille« als auch das »Gewissen« ohnehin nichts als pure Illusion. Gleich dem »Ich«, der ­»Moral« oder »Gott« ist auch unser »Gewissen« lediglich ein Konstrukt unseres Gehirns – also eines genetisch vorprogrammierten Ensembles von neuronalen Verschaltungen und biochemischen Prozessen.

Trotz aufsehenerregender Befunde der modernen Hirnforschung, bleibt das ­Gewissen aus philosophischer Sicht ein ursprüngliches Phänomen. Das heißt, es kann weder definiert noch hinterfragt – allenfalls befragt werden. Und zwar allein hinsichtlich seiner »tatsächlichen« – faktisch erlebbaren – Bedeutung. Unstrittig unter Geistes-, Sozial und Biowissenschaftlern ist immerhin, dass dem Gewissen eine fundamentale Bedeutung für die Sittlichkeit einer Person zukommt. Denn wie die Erfahrung lehrt, führt der Ausfall des Gewissens als Ganzes unweigerlich zur Perversion der Personalität.

In Sachen »Gewissen« erscheint also nur eines gewiss: Ohne Gewissen geht es nicht! Das Dilemma solch »negativer« Bestimmung ist, dass wir auf eine allgemeingültige »positive« Bestimmung, was denn nun ein »intaktes Gewissen« ausmacht, verzichten müssen. Weder wissen wir zu sagen, woher denn genau jene ­»innere Stimme« kommt, noch was sie uns eigentlich mitzuteilen hat. Doch diese auf den ersten Blick so unbefriedigende begriffliche Unschärfe hat auch ihr Gutes: Sie ist ein Hinweis darauf, dass »Gewissen« im engeren Bezug zur »Freiheit« steht.

Zwar gibt es mancherlei kollektive Übereinkünfte, die das soziale Zusammenleben in einer Gesellschaft regeln; die mehr oder weniger verbindlich festlegen, was »gut« oder »böse« ist. Doch diese von »außen« kommenden Normen sind nur Teil unseres erst im Lebensvollzug ­individuell erworbenen »inneren« sittlichen Bewusstseins. So vermag eine gelungene Sozialisation und Erziehung ­unsere Moral zwar mit Inhalten zu versorgen, doch das Gewissen selbst kennt keine konkreten Inhalte, sondern ausschließlich konkrete Situationen. Allein in der konkreten Situation, in der es sich bewährt, ist unser individuelles Gewissen »tatsächlich« gegenwärtig und geht dennoch nicht in der Situation auf. Anders ausgedrückt: Ohne sittliches Bewusstsein ist auch das Gewissen nichts. Aber ­seinem Gewissen zu folgen, bedeutet ungleich mehr als ein sittliches Bewusstsein zu haben.

Einer der Ersten, der im Gewissen eine individuelle, von aller kaiserlichen und päpstlichen Macht unabhängige Instanz erkannte, war Martin Luther. Auf dem Reichstag zu Worms 1521 trotzte er Kaiser und Papst mit den Worten: »Mein Gewissen ist gefangen in den Worten Gottes«. Dies war die Geburtsstunde des freien Individuums – des freien Christenmenschen, dessen Gewissen weder weltlicher noch kirchlicher Macht, sondern allein dem Willen Gottes unterworfen ist. Die Folgen jenes individuellen Gewissens- und Glaubensaktes auf die Geistesgeschichte des Abendlandes können gar nicht überschätzt werden. Auch unser Bundesverfassungsgericht steht gewissermaßen noch in der Nachfolge Luthers, wenn es der Stimme des Gewissens »den Charakter eines unabweisbaren, den Ernst eines die ganze Persönlichkeit ergreifenden sittlichen Gebotes« zubilligt.

Der Mensch hat indes die Freiheit, sein Gewissen zu verleugnen. Er kann die Verantwortung für sein Handeln »verpachten«, indem er sich etwa zum Instrument und Funktionär einer Partei, Institution oder Gruppe macht. Auch bedeutet ­»Gewissensfreiheit« keineswegs, dass die Stimme des Gewissens immer recht hat. Unser Gewissen ist vage und keineswegs vor Irrtümern gefeit.

Auch Gewissensentscheidungen bedürfen einer glaubhaften Begründung. Der Christ findet diese Begründung in der Bibel. Doch bedeutet dies nun ­keineswegs, dass sein Gewissen nun etwa automatisch eine direkte Verbindung zu Gottes Willen eingeht. Ach das christliche Gewissen bleibt vage.

Auch der Christ, sofern er nicht zur pharisäerhaften Selbstgerechtigkeit neigt, kann vom Gewissen gequält, verführt und in die Irre geleitet werden.

Auch der Christ hat Anteil an der Fragwürdigkeit menschlicher Existenz in einer gefallenen Welt. Sofern sich das Gewissen als ein Zug unserer Gottebenbildlichkeit, als ein ­Zeichen unserer besonderen Würde und Freiheit erweist, geschieht dies allein aus göttlicher Gnade.

Ein »gutes Gewissen« – so steht es im Hebräerbrief, Kapitel 9,13-14 – gewähren allein der Glaube an die Versöhnungstat Christi und das Wort der Vergebung.

Von Reinhard Lassek