Der Himmel – ein Bild für die Ewigkeit

23. Juni 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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»in Ewigkeit« – Glaubenskurs zum Beschluss des Vaterunser

Das dauert ja ewig! Dort war ich ewig nicht! – Redensarten, die ein Wort als Zeitangabe benutzen, das von mehr redet, als nur von der Zeit. Es weist hin auf eine andere Wirklichkeit, für die unsere Zeitvorstellung nicht passt und in der es nicht um Menge, sondern um den Wert geht. Wenn die Bibel von der Ewigkeit spricht, spüren wir den Hauch einer anderen Dimension (2. Korinther 4,18). Wir ahnen deren Wirklichkeit, erleben sie manchmal in unserem Herzen und in unserer Gemeinde, aber wir können sie nicht gedanklich umfassen oder gar beschreiben. Schon deshalb ruft Ewigkeit bei manchen eine Sehnsucht hervor, die sie selbst kaum erklären können, weil sie mehr fühlen als denken, dass es mehr geben muss als das altvertraute »drei mal drei ist neune« oder die erschlagende Logik der PC-Systeme. Aber viele Zeitgenossen misstrauen ihrem Gefühl und wagen nicht, sich ihrer Sehnsucht bewusst zu werden. Sie fliehen in die Gegenwart und mühen sich, den Himmel auf Erden zu schaffen. So vergeblich diese Mühe ist – kann man denn denken, dass die unendliche Weite des Himmels über uns nur eine »Kurzstrecke« ist gegenüber dem Himmel, von dem die Bibel spricht und der die Ewigkeit ausmacht? Dass der sichtbare Himmel bestenfalls ein schwaches Bild ist für die Ewigkeit mit Gottes neuem Himmel und neuer Erde (Offenbarung 21,1)? Geht etwa einer Generation der Himmel verloren, weil sie noch Sehnsucht, aber keine Geduld und kein Wissen mehr hat für die Ewigkeit und deshalb alles immer sofort, im Heute und Hier erleben muss?
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Können wir Christen Antworten geben, Sehnsucht wecken, Geduld schulen? Kommt der Himmel, das ewige Leben in unserem tagtäglichen Leben vor? Sprechen wir über diese Perspektive?

Bei Paulus (Römer 14,8) entdecken wir, dass unser Leben vor Gott ein Ganzes ist: »Wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.« Der Satz öffnet die Perspektive Ewigkeit: Das Leben wird ewig in einer Beziehung mit Gott! Indem ein Mensch die Einladung Gottes annimmt und sich in diese Beziehung begibt, gewinnt sein Leben Ewigkeitswert: »Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.« (Johannes 3,16). – Hier geht es nicht um eine Verlängerung unserer Lebenszeit, sondern um einen Qualitätssprung, der heute und hier erlebbar wird und vor Gott schon erfolgt ist. Doch weil es für uns nicht immer sofort sichtbar wird und wir vom Heute so fasziniert und beansprucht sind, hat unsere Generation vergessen, von der Ewigkeit zu erzählen. Die Freude auf den Himmel ist verloren gegangen. Die Dimension Ewigkeit ist weit weg und hat nichts mit unserem Leben zu tun. Doch wir verlieren die Hoffnung, gehen im Stress unter und haben nicht die Kraft Gutes zu tun, wenn wir den Himmel aus den Augen
verlieren.

Foto: Anna Lurye – Fotolia.com

Foto: Anna Lurye – Fotolia.com

Deshalb sucht uns Gott, der Vater, der vor aller Zeit war und von dem her wir kommen. Er will mit uns Gemeinschaft haben. In Jesus Christus ist er heute mit uns auf dem Wege und gibt uns Stück um Stück den Blick frei für seine Ewigkeit. Auch wenn wir noch zögernd glauben – in der Kraft des Heiligen Geistes nehmen wir wahr: Wir sind hineingenommen in Gottes Welt, seine Ewigkeit.

Die Ewigkeit im Blick
Wenn dein Auge auf die Ewigkeit gerichtet ist, wird dein Geist wachsen und deine Meinungen und Handlungen werden eine Schönheit bekommen, mit der keinerlei Bildung und Vorzüge anderer Menschen wetteifern können.

Ralph Waldo Emerson (1803–1882)

Das ist nicht der Himmel auf Erden, aber das Ewige leuchtet in unsere Zeit. So wird es zur Hoffnung und schafft Hoffnungsträger: Wir malen uns kein Paradies auf Erden aus, aber wir vertrauen Gott, dass wir im Leben und im Sterben in seiner liebevollen Vaterhand sind, heute und in Ewigkeit. Wie diese aussieht, weiß ich nicht. Aber die Worte der Bibel und meine Lebenserfahrung mit Gottes Wirklichkeit lässt mich fest vertrauen, dass es gut sein wird, voller Liebe und Frieden, ganz mit ihm (1. Korinther 15,28).

Thomas Günzel, Direktor des Evangelischen Allianzhauses Bad Blankenburg

Ein weiterer Beitrag zur »Ewigkeit« folgt in der nächsten Ausgabe.

Den Ostertag geschaut: Magdalene

6. April 2015 von Gemeinsame Redaktion  
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Eine Erzählung von Karl Röttger (1877 bis 1942)

Das blinde Mädchen saß an dem sonnenhellen Ostertag vor der Haustür. Die Hyazinthen dufteten von den Fensterbänken. Sie lauschte den Stimmen im Haus. Sie hörte die Mutter, die Brüder, die Großmutter. Als sie nach draußen kamen, wendete sie den Kopf und sagte mit heller Stimme: »Seid ihr fertig?« – »Ja«, sagte die Mutter, »und du wirst dich nicht verlassen fühlen?« – »Nein«, antwortete sie mit leisem Lächeln, tastete nach der Mutter und schmiegte sich ein wenig an sie. »Wird Großmutter hier draußen bei mir sein?« – »Ja, sie wird neben dir im Liegestuhl sitzen.« Und dann ging sie, die Mutter mit ihren Kindern. Magdalene lauschte den Schritten und den Stimmen nach. Dann war es still. Die Turmglocke schlug; die Schläge verzitterten in der stillen Luft. Die Großmutter sagte: »Nun haben sie doch vergessen, mir das Buch herzulegen, das ich dir vorlese. Ich will aufstehen und es holen.« – »Lass nur«, sagte Magdalene. »Wir können ja ein wenig träumen.« So saßen sie denn, beide in den hellen Ostertag lauschend, die Alte mit einer leisen Müdigkeit in den Augen, das Kind mit einem feierlichen Warten in den Mienen.

Zeichnung: Maria Landgraf

Zeichnung: Maria Landgraf

Dann kam Magdalene aus ihrem tiefen Lauschen wieder herauf. Es war ihr gewesen, als hätte sie etwas gehört: das Atmen eines Mundes, einen leisen Schritt. »Großmutter«, sagte sie, »bist du noch da?« Aber sie blieb ohne Antwort. Da neigte sie sich ein wenig vor und hörte leise, regelmäßige Atemzüge. Die Großmutter war eingeschlafen. – Wieder lauschte sie in den festlichen Tag. Die ganze Welt ist doch jetzt lebendig, dachte sie. Jede Stunde brechen neue Knospen auf – und man hört nichts. Es müsste doch so feine Ohren geben, dass man es einmal hören könnte. Dann wendete sie sich halb zur Seite und fragte leise, doch bestimmt: »Ist jemand da?« Sie blieb ohne Antwort. Nur ein Atem hob sich leise und senkte sich wieder. Ein paar Schritte tasteten und hielten vor ihr an. Sie fühlte einen Schatten. »Es ist jemand da?«, sagte sie noch einmal. Wieder blieb es still. Da sagte sie eindringlich: »So sag doch: Wer ist es?«

Eine Stimme flüsterte ihr entgegen: »Ich bin’s. Darf ich ein wenig hier sein?« Das Mädchen besann sich eine kleine Weile und sagte dann: »Ja. Aber ich kenne deine Stimme nicht. Wer bist du?« – Der Schatten sprach: »Ich bin gekommen. Ich bin auch allein wie du. Ich habe dich manchmal hier sitzen sehen. Steh auf und geh ein wenig mit mir, hier die Wiese entlang bis an den Weiher mit den Birken darum. Ich werde dich führen und dich auch wieder zurückbringen.«

Sie stand auf und nahm seine Hand, und so gingen sie, den Pfad an der Wiese entlang bis unter die Birken. Er setzte sie auf einen Baumstumpf und sprach: »Ich will hinaussehen für dich in die Weite, bis auf den Wald da fern, in den blauen Himmel und manchmal auch auf dein Gesicht.« – »Gut, so erzähl mir davon. Aber dabei musst du mir deine Hand geben, dass ich sie halte.« Er schaute und sprach: »Eine Straße liegt weithin durchs Heideland. Sie ist weiß von der Sonne. Niemand geht auf ihr. Sie führt bis weit in den Horizont. Man denkt, warum auf ihr nicht eine Gestalt hergeschritten kommt, ein König oder ein Ritter, wie im Märchen.« – »Oder Er,« flüsterte das Mädchen. – »Wer? Wen meinst du?« – »Den Auferstandenen, der die Blinden sehend macht«, sagte sie.

»Sag, bist du, bist du der, der die Blinden sehend macht?«

Er aber fuhr fort: »Es stehen an der weißen Straße hin in endloser Reihe die Birken, weiß die Stämme, begrünt die Kronen. Die dünnen Zweige schwanken.« – »Sprich weiter; ich sehe es, sprich weiter …«, sagte das Mädchen. – »Hier, nahe bei dir: Die Birken haben Kätzchen, die hängen herunter.« – Der Knabe neigte seinen Kopf zu ihr hin und sprach mit leise bebender Stimme: »Tut es weh?« Sie hob den Kopf: »Was denn?« – Er errötete: »Weil du doch blind bist.« – »Das meinst du?«, sprach sie. »Oh, ich habe es schon lange. Die Welt verblasste mir in den Jahren allmählich, wie es den Sehenden jeden Abend geschieht, wenn die Nacht heraufkommt. Aber erzähle
weiter.«

»Eine Lerche steigt auf. Sie singt sich in den Himmel hinein. Hörst du sie singen?« – Sie schüttelte den Kopf. Plötzlich fasste sie seine Hand fester: »Du hast mir immer noch nicht gesagt, warum du gekommen bist. Sag es!« – Er errötete und sagte: »Ich weiß es nicht; wenn ich mein Ohr an die jungen Knospen lege und frage: Warum seid ihr gekommen? So werden sie antworten: Wir wissen es nicht, wir sind eben da.«

Sie saßen eine Weile still. Dann sprach sie leise, erregt: »Sag, bist du, bist du der, der die Blinden sehend macht?« – »Nein, Magdalene, das bin ich nicht. Lege deine Hand auf meinen Kopf und fühle, dass ich nur ein Knabe bin.« – »Ja«, sagte sie, und es war eine leise Traurigkeit in ihr. Dann schwieg sie lange. Aber auf einmal wurde ihr Gesicht ganz hell, und sie sagte: »Du könntest es ja doch sein!« – »Aber er ist ja längst wieder im Himmel«, sagte der Knabe. Sie schüttelte den Kopf: »Warum sollte er nicht wiedergekommen sein? Es sind noch immer genug Blinde auf der Welt.« – »Du liebst ihn sehr?«, fragte der Knabe. Und er wartete die Antwort nicht ab, sondern sagte: »Nun muss ich dich heimführen. Die Sonne wird groß und rot.«

Sie gingen heim. Er geleitete sie zu ihrem Stuhl. Die Großmutter schlief noch. Er ging still fort und sagte: »Ich komme wieder.«

Als die Großmutter erwachte, fragte sie: »War jemand hier?« – »Ja«, sagt das Mädchen, »aber ich weiß nicht, wer er war. Er hat mich den Ostertag schauen lassen. Ich fragte ihn, wer er sei, aber er sagte seinen Namen nicht. Dann fragte ich ihn, ob er der Auferstandene sei, aber er sagte kein Wort. Nun will ich nachdenken, wer er war.«

So saß sie weiter in der Dämmerung des Ostertages und lauschte und wartete auf die Wiederkehr des Unbekannten.

Liebe überwindet Distanz

8. Juli 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Vater unser im Himmel – Der große, ferne Gott kommt uns nahe

Immer wieder waren die Jünger beeindruckt davon, wie vertraut Jesus mit Gott sprach und sie sehnten sich danach, Gott auch so nahe zu erfahren. Deshalb baten sie ihn: »Herr, lehre uns beten« (Lk. 11,1). Und eine der ersten Fragen bei unserem Beten ist vielleicht: »Wie rede ich Gott denn richtig an? Sage ich »Gott« oder »Herr« oder »Allmächtiger«? Doch Jesus ermutigte die Jünger in dem wohl bekanntesten Gebet: »Wenn ihr betet, so sprecht: »Vater!« Und ich kann mir vorstellen, wie erstaunt sie auf diesen Vorschlag waren. Vor Jesus gab es keinen, der je so mit Gott gesprochen hätte. Ein halbwegs frommer Jude wäre damals nie auf die Idee gekommen, den »Herrn der Heerscharen«, den »Heiligen« mit » Vater« anzusprechen. Die Menschen damals vermieden sogar den Namen Gottes (JHWE), um ihn nicht zu entehren. Oft schien er so fern und nun sollten sie ihn Vater nennen?

Der verlorene Sohn. Fenster in der St.-Georgs-Kirche in Hattingen. Foto: Dieter Schütz – pixelio.de

Der verlorene Sohn. Fenster in der St.-Georgs-Kirche in Hattingen. Foto: Dieter Schütz – pixelio.de

Doch Jesus machte deutlich, mit seinem Sterben und Auferstehen wird wieder etwas hergestellt, was uns verloren gegangen war. Der große, ferne Gott wird zum Vater im Himmel. Das gilt, auch wenn wir das nicht immer so spüren. Wir dürfen wie Kinder zu ihm kommen und vertraut mit ihm reden. Mit dieser Anrede wird Gott nicht unheiliger, sondern sie zeigt, wie sehr er uns liebt. Jesus ermutigte seine Jünger sogar zum Kosenamen »Abba, lieber Vater«.

Und von dieser großen Liebe Gottes zu uns, erzählte Jesus in dem bekannten Gleichnis »Vom verlorenen Sohn«. Wir könnten es auch »das Gleichnis von den verlorenen Söhnen« oder auch »das Gleichnis vom Vaterherzen Gottes« nennen (Lukas 15,11 ff).

In Lukas 15,20 bekommen wir einen Einblick in das Vaterherz Gottes, als der jüngere Sohn, der sich in seinen eigenen Wegen verrannt hatte, weil er meinte bei seinem Vater zu kurz zu kommen, doch wieder zu diesem sich aufmachte.

»Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und hatte Erbarmen und er lief, und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.« Mit diesem Empfang hatte der Sohn sicher nicht gerechnet.

Doch mit diesem Gleichnis zeigt Jesus uns die Liebe des Vaters für alle, die aufrichtig zu ihm kommen. Diese Vaterliebe galt auch seinem älteren Sohn. Der ging seiner Pflicht nach und arbeitete wie gewohnt auf dem Feld.

Als er abends nach Hause kam, das große Fest sah und von den Ereignissen des Tages hörte, stieg die blanke Wut in ihm hoch. Zornig weigerte er sich, an dem Fest teilzunehmen. Und wieder überrascht die Reaktion des Vaters. Er ging zum älteren Sohn hinaus, redete ihm zu und lud ihn persönlich zum Fest ein. Er wollte ihn genauso beim Fest haben wie den jüngeren. Für ihn war sein Herz in gleicherweise geöffnet. Obwohl der Sohn voller Anklage und Bitterkeit gegenüber dem Vater war, sprach dieser ihn liebevoll mit »Sohn« an. Wahrscheinlich hätte er ihn gerne ebenso in die Arme geschlossen.

Doch der ältere Sohn ließ nun den Frust und die Bitterkeit raus, der sich in den ganzen letzten Jahren in seinem Herzen angestaut hatte und sagte im Prinzip: »Ich habe jahrelang für dich gearbeitet und habe dabei nie Freude erlebt.« Damit benannte er das Grundproblem seines Lebens. Im tiefsten seines Herzens war er nicht Sohn, er war Knecht. Er hatte keine innere Beziehung zu dem Vater, sondern er bemühte sich, es dem Vater durch Leistung und Pflichterfüllung recht zu machen. Er war zwar im Hause des Vaters, aber er war nicht zu Hause bei ihm.

Wie schnell vergessen auch wir in unserem Alltag, wie sehr uns Gott der Vater liebt und wir meinen, dass wir uns Gottes Liebe erst verdienen
müssen.

Und so ist auch der Satz entscheidend, den der Vater zu dem älteren Sohn sagt (Lukas 15,31): »Er aber sprach zu ihm: Mein Sohn, du bist allezeit bei mir und alles, was mein ist, das ist dein.«

Dem Sohn stand alles zur Verfügung und er hatte die Geborgenheit durch den Vater. Doch das erkannte er nicht. Sein falsches Bild vom Vater hinderte ihn daran, in der Liebe seines Vaters zu leben.

In unserem Glauben bekennen wir, dass die Arme von Jesus am Kreuz weit ausgebreitet waren für alle, die sich nach Wiederherstellung, Versöhnung und einer tiefen Beziehung zu Gott als himmlischen Vater sehnen. Sie erinnern an die einladenden Arme des Vaters. Durch das Kreuz, wo wir alles ablegen dürfen, was uns beschwert, führt Jesus uns zurück zum Vater. Zurück nach Hause und wir dürfen geliebte und angenommene Söhne und Töchter unseres Vaters im Himmel sein. Dafür sind wir geschaffen. Auch für uns sind Gottes Arme weit ausgebreitet, um uns zu empfangen – egal welchem der beiden Söhne wir ähneln. Und je mehr wir uns für die Liebe des Vaters öffnen, desto mehr lernen wir ihn wirklich kennen und seine Liebe beginnt in uns zu wachsen.

Rebekka Mittmann

Die Autorin ist Predigerin im Thüringer Gemeinschaftsbund, zurzeit in Elternzeit

Vertiefende Literatur
Lanz, Manfred: Leben in der Liebe des Vaters. Eine Entdeckungsreise zum Vaterherzen Gottes, SCM R. Brockhaus, 128 S., ISBN 978-3-417-26320-6, 9,95 Euro

»Der Heilige Geist lehrt keine Physik«

17. Februar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Vor 450 Jahren wurde Galileo Galilei geboren

Der italienische Mathematiker und Astronom Galileo Galilei (1564 bis 1642) war ein exakter Beobachter. Mit einem selbst umgebauten Fernrohr betrachtete er die Himmelskörper und war sich sicher: Das, was die Menschen seit jeher geglaubt hatten, war falsch. Die Erde ist nicht Mittelpunkt der Welt, sondern sie dreht sich gemeinsam mit anderen Planeten um die Sonne. 1633 zwang die Kirche ihn, die These zu widerrufen. Erst 1992 rehabilitierte sie ihn formal.
Vor 450 Jahren, am 15. Februar 1564, wurde Galileo Galilei in Pisa geboren. Nach seinem Widerruf vor der Inquisition soll er im Hinausgehen gemurmelt haben: »Und sie (die Erde) bewegt sich doch.« Allerdings gibt es für den berühmten Ausspruch keinerlei Belege. Er ist wohl auch nicht gefoltert worden, und seine Haft bei den Glaubenswächtern der Inquisition war nur kurz. Er hat sich in etlichen Behauptungen geirrt und seine Gegner sehr unklug provoziert.

Aber das Leben des Galileo Galilei erschüttert die Menschen noch heute. Er beobachtete die Milchstraße, die Oberfläche des Mondes – und sah, wie Monde den Jupiter umkreisten.

Galileo Galilei – Porträt von Justus Sustermans, 1636. Foto: Wikipedia

Galileo Galilei – Porträt von Justus Sustermans, 1636. Foto: Wikipedia

Damit war klar: Es dreht sich nicht alles im Universum um die Erde. Auf Basis des Weltbildes von Nikolaus Kopernikus (1473–1543) kam Galileo Galilei zu dem Schluss, dass die Sonne im Mittelpunkt steht. Die Kirchenoberen aber wollten die – von Gott geschaffene – Erde im Zentrum sehen, auf der die Papstkirche ihre von Gott verliehene Macht ausübte.

1633 dann war es soweit: Galilei wurde festgenommen und von der Inquisition verhört. Eine Kardinalskommission verurteilte – keineswegs einstimmig – sein Weltbild. Unter diesem Druck widerrief der Forscher und stand bis zu seinem Tod am 8. Januar 1642 nahe Florenz unter Hausarrest. Dort konnte er sein Lebenswerk vollenden, die »Discorsi«, die zur Grundlage für die Gravitationslehre Newtons werden und den letztgültigen Beweis für Kopernikus erbringen sollten.

Galilei wurde fortan zur Legende, zum Heiligen der verweigerten Meinungsfreiheit, zum Symbol des beschämenden Triumphs der Macht über die Argumente. Dabei ist er alles andere gewesen als ein skeptischer Atheist und Rebell gegen die Lehrautorität der Kirche. Und seine mit dem Fernrohr gemachten Entdeckungen faszinierten auch Kirchenleute: Als er 1611, schon ein gefeierter Gelehrter, in Rom eintraf, ließen sich zahlreiche Kardinäle von ihm mit astronomischen Beobachtungsinstrumenten versorgen.

Aber im Gegensatz zu vielen Kirchenoberen beharrte Galilei darauf, die göttliche Offenbarung in der Natur sei an strenge Gesetze gebunden und erfordere exakte Beobachtung – nicht den Rückzug auf Bibelsätze. »Mir scheint«, erklärte er 1615, »wir sollten in der Diskussion von Naturproblemen nicht von der Autorität der Bibeltexte ausgehen, sondern von der Sinneserfahrung und von notwendigen Beweisführungen. … Natürlich ist es nicht die Absicht des Heiligen Geistes, uns Physik oder Astronomie zu lehren oder uns zu zeigen, ob sich die Erde bewegt oder nicht.«

Doch die Kirchenoberen fürchteten sich vor den Naturgesetzen und klammerten sich an die Bibel als zuverlässige Autorität in sämtlichen Fragen. Denn: Musste mit der Fehlbarkeit der Bibel bei naturwissenschaftlichen Themen nicht das ganze Glaubensgebäude zusammenstürzen? Auch der Reformer Martin Luther hatte sich über den »Narren« Nikolaus Kopernikus entrüstet, der »die ganze Kunst Astronomiae umkehren« wolle.

Dennoch: Kopernikus’ System mit der Sonne im Zentrum und der Erde als kleinem Mitläufer im All wurde in den Jahren nach Galileis Verurteilung überall als Arbeitshypothese verwandt, sogar am römischen Jesuitenkolleg. Heute ist längst klar, dass die Bibel keine naturwissenschaftlichen Lehrsätze enthält, dass die zeitlose Botschaft von der Liebe Gottes etwas ganz anderes ist als die in der Heiligen Schrift enthaltenen zeitbedingten Weltbilder.

Doch erst 1992 rehabilitierte Papst Johannes Paul II. den Gelehrten. Unter seinem Nachfolger Benedikt veröffentlichte das Päpstliche Geheimarchiv eine historisch-kritische Ausgabe der Prozessakten und wies wieder einmal darauf hin, dass der damalige Papst Urban VIII. das Urteil gegen Galilei gar nicht unterzeichnet habe. Und der langjährige Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone pochte darauf, Galilei habe als gläubiger Wissenschaftler die Natur als ein von Gott geschriebenes Buch betrachtet. Und der Heilige Geist lehre die Menschen bekanntlich, »wie man in den Himmel kommt, nicht, wie der Himmel sich bewegt«.

Christian Feldmann (epd)