Eine böse Tat, ein Fluch und seine Folgen

11. Dezember 2017 von Gemeinsame Redaktion  
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In einem Dorf in Anhalt passierte vor 1 000 Jahren Seltsames. Als »Tanzwunder von Cölbigk« ist es überliefert. Was man darüber weiß, und was nicht.

An der Kirche St. Severin von Ilberstedt nahe Güsten steht eine seltsame Gestalt aus Blech. Trotz gebeugter Haltung scheint sie kräftig auszuschreiten. Auf dem Rücken trägt sie einen Sack, aus dem ein Spielzeug und ein Rutenbündel hervorlugen. Die Gestalt befand sich am Kirchturm des Klosters im benachbarten Cölbigk. Mit dem Ort ist die Legende vom »Tanzwunder« verbunden, das sich vor fast tausend Jahren hier ereignet haben soll. Damals soll ein Rutpertus oder Ruprecht in Cölbigk Priester gewesen sein. Im Lauf der Jahrhunderte wurde er wohl zur Vorlage für den Nikolaus-Gehilfen Knecht Ruprecht und der im Raum Bernburg angesiedelten Gestalt des »Heele Christ«.

Gedenkstein: An dieser Stelle befand sich das Kloster Cölbigk, das bis 1024 gegründet wurde. Das »Tanzwunder« soll sich in den Jahren 1020 oder 1021 abgespielt haben. Foto: Engelbert Pülicher

Gedenkstein: An dieser Stelle befand sich das Kloster Cölbigk, das bis 1024 gegründet wurde. Das »Tanzwunder« soll sich in den Jahren 1020 oder 1021 abgespielt haben. Foto: Engelbert Pülicher

Die Legende vom Cölbigker »Tanzwunder« ist unter anderem in der Historie des Fürstentums Anhalt (1710) überliefert: Im Jahr 1021, als Kaiser Heinrich II. regierte, sollen auf dem Friedhof an der Kirche St. Magnus in Cölbigk 15 Bauern und drei Frauen in der Christnacht getanzt, gelärmt und damit die Messe gestört haben. Der Priester ermahnte sie. Als das nichts half, verfluchte er sie: Alle sollten ein Jahr weitertanzen müssen. So geschah es. Unter den Tanzenden befand sich auch die Schwester des Kirchners. Als dieser sie am Arm wegziehen wollte, riss der Arm ab. Die Schwester musste weitermachen wie alle anderen, bis sie »unter ihre Gürtel Kulen in die Erde getanzt« hatten. Nach einem Jahr kamen Bischöfe aus Köln und Hildesheim nach Cölbigk und konnten nach Gebeten den Fluch lösen.

Vier Tänzer, darunter die junge Frau, starben, die anderen verließen wohl den Ort. Als Beispiel für einen frevlerischen Tanz nahmen die Gebrüder Grimm die Geschichte in ihre Sagensammlung auf.

Die bislang spärlich erforschte Siedlungsgeschichte Cölbigks stellte der Diplom-Geograf Karsten Falke kürzlich bei einer Tagung des Landesheimatbundes von Sachsen-Anhalt vor. In der Chronik Thietmars von Merseburg wurde Cölbigk 1015 zum ersten Mal erwähnt. 1036 ist es als Marktort genannt und hatte damit regionale Bedeutung. Aber eine Entwicklung zur Stadt blieb aus. »Um 1500 war Cölbigk eine Wüstung mit einem heruntergekommen Kloster«, so Falke. Die »Tanzwunder«-Legende knüpfe an die frühe Bedeutung des Ortes an: einen Kult um den Märtyrer und Heiligen Magnus, der im 7. oder 8. Jahrhundert als Missionar in die Gegend gekommen sein soll, eine frühe Kirche und die Klostergründung etwa 1024. Dafür, dass Cölbigk Wallfahrtsort gewesen sein soll, finde sich keine Quelle. Nur die archäologische Forschung könne Fragen zur frühen Ortsgeschichte beantworten helfen.

Der Mittelalterhistoriker und Sprachwissenschaftler Ernst Erich Metzner (Rüsselsheim) betonte, dass die ältesten Überlieferungen des Tanzes von Cölbigk keine Sagen seien, sondern drei gleichwertige lateinische Berichte vom Ende des 11. Jahrhunderts. Zwei davon beruhten auf so genannten Bettelausweisen aus klerikalem Umfeld, wie sie damals ausgestellt wurden, um echte Bedürftige von Simulanten unterscheiden zu können. Das »Tanzen« könne die Folge einer Vergiftung gewesen sein, die mehrere Tage anhielt und bei den Überlebenden dauerhaftes Zittern zur Folge gehabt hatte.

»Wir können nicht sagen, was in Cölbigk wirklich passiert ist«, so der Mittelalterhistoriker Gregor Rohmann (Frankfurt am Main). »Aber wir können etwas über die Hintergründe sagen.« Die drei oben genannten Quellen seien zwar im Raum Köln geschrieben worden, würden sich aber auf ein Ereignis bei Bernburg beziehen. Zudem würden sie Anspielungen auf zeitgenössische kirchliche Probleme enthalten. Einer der Schreiber, Goscelin von Saint-Bertin, erwähnt sogar, einen der Überlebenden noch selber getroffen zu haben. Goscelin stelle in seinem Text Gottes Güte in den Mittelpunkt, der die meisten Tänzer habe überleben lassen. Er zeige aber auch, dass die Abkehr von der Kirche ins Verderben führe. So wird bei Goscelin die oben erwähnte Schwester des Kirchners zur Tochter des Priesters, die nach dem Tanz stirbt. Der Priester steht als Sünder da, weil er nicht im Zölibat lebt: eine im 11. Jahrhundert besonders heftig diskutierte Frage.

Zur Warnlegende sei die Geschichte vom »Tanzwunder« im 13. Jahrhundert geworden und durch den Dominikaner Vinzenz von Beauvais in die Exempel-Sammlung des Dominikanerordens gelangt. Mittels Predigten sei sie unters Volk gekommen und weit verbreitet worden. »Wir wissen nicht, was in Cölbigk passierte«, so Rohmann. »Das ist unbefriedigend – auch für das Marketing.«

Die Volkskundlerin Annette Schneider-Reinhardt verwies darauf, dass die Nikolaus-Verehrung im 11. und 12. Jahrhundert in Deutschland ihren Höhenpunkt erreicht habe. Knecht Ruprecht als Diener des Heiligen und Kinderschreck taucht erst ab dem 13. Jahrhundert auf. Auch in Mitteldeutschland habe es verschiedene Bräuche rund um Nikolaus und Knecht Ruprecht gegeben. Für Cölbigk sei der »Umgang eines finsteren Gesellen, der strafte oder belohnte«, belegt. Nach 1945 verlor Knecht Ruprecht an Bekanntheit. Die Weihnachtsmann-Tradition überwiege. »Dazu«, so Annette Schneider-Reinhardt, »trugen wohl auch die veränderten Auffassungen in der Kindererziehung bei.«

Angela Stoye

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Jubiläum einer alten Dame

20. Januar 2014 von Gemeinsame Redaktion  
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Fernsehen: Das »Wort zum Sonntag wird 60 und soll eine »kleine Schwester« erhalten

Seit 60 Jahren behauptet  das »Wort zum Sonntag« seinen wöchentlichen Sendeplatz. Für die einen eine willkommene Pause zum Toilettengang oder zum Zappen, für die anderen ein Moment des Innehaltens.

Es ist eine der ältesten Sendungen im deutschen Fernsehen. Jeden Sonnabend, zwischen 22 Uhr und Mitternacht, strahlt die ARD das »Wort zum Sonntag« aus. Ein Geistlicher, abwechselnd evangelisch-landeskirchlicher, freikirchlicher oder römisch-katholischer Konfession, steht vor einer blauen Wand im Studio und hält eine etwa fünfminütige Kurzansprache.

Und das seit 60 Jahren: Am 8. Mai 1954 sprach der Hamburger Pastor Walter Dittmann das allererste Wort zum Sonntag – nachdem die eigentlich geplante Sendung mit dem katholischen Prälaten Klaus Mund aus Aachen am 1. Mai 1954 aus technischen Gründen ausfallen musste.

An diesem Montag, 20. Januar, lädt die EKD aus diesem Anlass zu einem Festakt nach Hamburg ein. Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider und der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, wollen das »Wort zum Sonntag« würdigen.

»Das ›Wort zum Sonntag‹ ist eine Sendung, die gleichzeitig einfach und schwierig ist«, sagt der ARD-Beauftragte der EKD, Thomas Dörken-Kucharz. »Es ist kein Format, das die Möglichkeiten des Fernsehens ausnutzt.« Fernsehen werde hier auf eine Kamera, einen Hintergrund und einen Sprecher reduziert. »Die Wiedererkennbarkeit sind Studio, Gesicht und Botschaft.«

Prost, Herr Pfarrer: Seit 60 Jahren sorgt das »Wort zum Sonntag« für manchen Spott und manche Diskussion – doch die Zuschauerreaktionen zeigen auch, dass Menschen sich persönlich angesprochen fühlen. Foto: Ana Blazic Partovic-Fotolia.com/Montage: G+H

Prost, Herr Pfarrer: Seit 60 Jahren sorgt das »Wort zum Sonntag« für manchen Spott und manche Diskussion – doch die Zuschauerreaktionen zeigen auch, dass Menschen sich persönlich angesprochen fühlen. Foto: Ana Blazic Partovic-Fotolia.com/Montage: G+H

Der hannoversche Landesbischof Ralf Meister, der selbst einst Sprecher des »Worts zum Sonntag« war, wird noch deutlicher. Er spricht von einem »Anachronismus«, der aber auch »eine Perle im Programm der ARD« sei. »Wo sonst gibt es noch einen so langen – insgesamt über vier Minuten – durchgehenden Wortbeitrag im deutschen Fernsehen?«, fragt Meister. »Selbst ein Kommentar in den Tagesthemen dauert niemals mehr als drei Minuten.« Noch immer wird der frühere Propst von Lübeck bei Veranstaltungen als »früherer Wort-zum-Sonntag-Sprecher« vorgestellt. Doch über die Inhalte der Sendungen redet man in den Gemeinden nur wenig, hat Meister bei seinen zahlreichen Besuchen in ganz Niedersachsen beobachtet.

Stimmt es also, was böse Zungen behaupten: Dass die Wasserwerke während der Sendung einen deutlichen Druckabfall in den Leitungsnetzen der Städte feststellen können, weil dann alle Zuschauer auf die Toilette gehen? »Das ist bitterer Spott«, sagt Thomas Dörken-Kucharz. »Wer am Samstagabend die ARD schaut, guckt auch das Wort zum Sonntag.«

Die erfolgreichste Sendung war dabei das »Wort zum Sonntag« von Papst Johannes Paul II. am 1. Mai 1987. Zwar war das noch zu Zeiten des öffentlich-rechtlichen Rundfunkmonopols. »Aber so viele Zuschauer hatten wir nie wieder.« Auch wenn etwa Papst Benedikt XVI. bei seinem letzten Deutschlandbesuch ebenfalls ein »Wort zum Sonntag« gesprochen hat.

Kritik gibt es dagegen, wenn fromme Christen das »Wort« mal wieder für zu wenig christlich halten. Dass etwa die Hildesheimer Pfarrerin Nora Steen zum ersten Advent über den »Zauber« sprach, den Kinderherzen in der Vorweihnachtszeit erleben, dabei aber nicht darauf einging, was Christen die Adventszeit bedeute, erregte den damaligen Geschäftsführer des Christlichen Medienverbunds KEP, Wolfgang Baake. Der Leiter der einst als »Konferenz Evangelikaler Publizisten« bekannten Organisation sprach von einer »aus missionarischer und kultureller Sicht missglückten« Sendung.

Dörken-Kucharz indes geht mit solch einer Kritik gelassen um. »Für jemanden, der Fernsehen macht, ist es gut, wenn Zuschauer reagieren«, sagt der ARD-Beauftragte der EKD. Tatsächlich würden aber besonders geistliche Worte von den Zuschauern am meisten nachgefragt – neben den Sendungen zu Katastrophen. »Wenn wir aktuell und mit tröstenden Worten reagieren, haben wir den größten Rücklauf.«

Doch in der modernen Mediengesellschaft reicht das allein nicht aus. Auch das Wort zum Sonntag soll zum 60. Geburtstag ein Facelifting erhalten. »Wir werden das Wort zum Sonntag grafisch verändern«, kündigt der ARD-Beauftragte an. Es wird einen neuen Trailer und eine neue Melodie zu Beginn der Sendung geben.

Und Hannovers Bischof Ralf Meister kündigt im Gespräch mit dieser Zeitung an, dass im Rahmen des Festakts am Montag auch ein neuer Vollbildhintergrund für die Sendung präsentiert werde.

Dazu soll die »alte Dame« »Wort zum Sonntag« Familienzuwachs erhalten: »Nächste Woche wird auch die ›kleine Schwester‹ des ›Wortes zum Sonntag‹ präsentiert«, sagt Meister. »Eine Kurzverkündigungssendung unter dem Titel ›Freisprecher‹ für Eins-Plus: Modern, mit jugendlichen Protagonisten, schnell geschnitten.« Nicht nur der hannoversche Landesbischof ist »sehr gespannt, wie das bei den Zuschauern ankommt«.

Benjamin Lassiwe